Italienische Stadtstaaten beherrschten die Handelsrouten während des 12 bis 15. Jahrhunderts im Mittelmeer. Ihre Flotten wurden z.T. finanziert durch Feudalstaaten, die ihrerseits Interesse hegten, ihren politökonomischen Einflussbereich unter der Flagge Christus über Konstantinopel bis nach Jerusalem und Ägypten auszudehnen. Die „Kreuzzüge“ waren ein propagandistischer Raubzug des europäischen Adels, der letztlich fehlschlug.
Eine entscheidende politökonomische Wende, die den Anfang vom Ende der Vorherrschaft italienischer Stadtstaaten im Mittelmeerraum einläutete, ereignete sich, als es 1415 portugiesischen Kapitänen nicht gelang, den Goldhandel an der marokkanischen Küste unter ihre Kontrolle zu bringen. Schon im 14. Jahrhundert ließen sich die Portugiesen Entdeckungen und Eroberungen im Atlantik und entlang der Westküste Afrikas durch den Papst legitimieren und „ein regionales Monopol auf Eroberung, Handel und Sklavennahme“ zuschreiben.1 Damit umging die portugiesische Krone die Einflusssphäre der italienischen Seerepubliken im Mittelmeer. Sixtus IV. bestätigte 1481 den mit Kastilien 1479 im portugiesischen Alcacovas geschlossenen Vertrag, „der Portugal den maritimen Raum südlich einer am afrikanischen Kap Bojador zwischen Osten und Westen verlaufenden Linie vorbehielt.“ (80) Auf dieser vertraglichen Grundlage gewährte der Papst den „katholischen Königen“ Spaniens die Expedition Kolumbus, eine westliche Seeroute nach Ostindien zu finden. Im Vertrag von Tordesillas von 1494 wurden die Hoheitsgebiete zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Solange Jäger nicht in gleichen Revieren jagen, entstehen auch keine Konflikte, die zum Nachteil des Papstums geraten könnten.
Allein in der Molukken-Frage kamen sich Spanien und Portugal kurzfristig ins Gehege. Portugiesen eroberten 1511 die Hafenstadt Malakka, nachdem Vasco da Gama 1498 Indien auf dem Seeweg um das Cap der Guten Hoffnung erreicht hatte. Zwei Jahre später drang Vasco Numez del Balboa über den Isthmus von Panama zum Pazifik vor, sodass die spanische Krone sich nun ebenfalls für die Gewürzinseln interessierte. Der Konflikt bestand nun darin, zu welchem Hoheitsgebiet die Inselgruppe der Molukken gehören sollte. Im Vertrag von Saragossa 1529 verzichtete Karl V. auf den Rechtsanspruch gegen eine einmalige Zahlung von 350 000 Golddukaten. Daraufhin blieb das Verhältnis beider Staaten friedlich und die beiden Menschenjäger und Goldsucher jagten nicht im gleichen Revier.
Portugiesen suchten also ihr Glück an der westafrikanischen Küste, um zu den sagenumwobenen Goldquellen zu gelangen. Im Jahre 1445 erbauten portugiesische Seeleute unter der Schirmherrschaft ihres Königs auf der Insel Arguin vor der mauretanischen Küste einen Handelsplatz für Sklaven und Gold. Als da Game 1499 den Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung entdeckte, bedeutete das letzlich nicht weniger als das Ende der Vorherrschaft der italienischen Stadtstaaten, insbesondere Venedigs. Obwohl das Ende nicht unmittelbar eintrat, so war der territoriale Staat Portugal aus dem Schatten der weltpolitischen Bühne an die Bühnenrampe getreten. In der Tragödie „Suche nach dem Goldschatz“ wird Spanien auf eine ähnliche Art und Weise den brutalen und gewaltigen Räuber spielen, als der Genuese Kolumbus einen anderen Weg nach Indien suchte und den Kontinent Amerika fand.
Portugal fand indes noch eine andere Ware, die, wie sich herausstellte, goldwert war: Sklaven.
„Es besteht kein Zweifel daran, dass Ungarn, die Deutschen, die Flamen und die Franzosen und alle Völker jenseits der Berge, die bisher nach Venedig kamen, um mit ihrem Geld Gewürze zu kaufen, sich jetzt nach Lissabon wenden werden.“2
Die Gründe liegen auf der Hand: Waren, die auf dem Landweg Venedig erreichen, kosten Zölle und Abgaben; kriegerische Auseinandersetzungen erhöhen das Verlustrisiko und der Weg dorthin ist weit. Der Seeweg von der westafrikanischen Küste nach Lissabon hingegen ist nicht so kostspielig und die Waren Mensch und Gold gelangten schneller nach Frankreich, Holland und in die deutschen Lande.„Es waren jedoch weder die hohe Politik noch päpstliche Gunsterweise oder der königliche Wettstreit um Territorien, die das Tor zu Westafrika aufstießen… Der eigentliche Durchbruch stellte sich ein, als die Kapitäne erkannten, dass es neben dem Handel mit Öl und Tierhäuten und der Suche nach Gelegenheit zum Gelderwerb einfache und bessere Optionen gab.“3 Der Sklavenhandel machte sie reich.
Der afrikanische Sklavenhandel explodierte im 15. Jahrhundert, da die Nachfrage nach Arbeitskräften auf Farmen und Plantagen in Portugal und Spanien sehr hoch war, ebenso waren die Häuser der Reichen „voll von Dienern und Dienerinnen.“ (301) Nach der Pest mangelte es an Arbeitskräften. Die Tradition der Sklavenwirtschaft für die intensive Feldwirtschaft, insbesondere für den Zuckeranbau, die die Europäer in den Zeiten der Kreuzüge von den Muslimen gelernt hatten, war der Aristokratie aus der Antike bekannt. Wie in allen Agrargesellschaften und Staaten, so war auch die Sklavenwirtschaft an der Westküste Afrikas üblich. Gefangene, Verurteilte oder Schuldner gerieten in die Sklaverei. So berichtet ein afrikanischer Chronist: „Der König versorgt sich durch Raubzüge, mit der Folge, dass es in seinem Land wie auch in den benachbarten Ländern viele Sklaven gibt. Er beschäftig sie…in der Landwirtschaft… verkauft aber auch viele an die Mauren … im Tausch gegen Pferde und andere Waren.“4 Dieser Handel war ein Handel der Form W-W. Iliffe schreibt, dass staatlich nicht organisierte Völker der Sklaverei lange widerstanden haben. Eine Neuheit im Sklavenhandel führten die Portugiesen ein. Sie traten nun als Zwischenhändler auf. Zwischen 1500 und 1535 kauften die Akan 10 000 bis 12 000 Sklaven aus dem Norden von den Portugiesen, „die hauptsächlich als Lastenträger für andere importierte Waren ins Landesinnere und zum Roden der Wäder für den Ackerbau“ (175) eingesetzt wurden. Die Portugiesen waren die ersten „seefahrende Zwischenhändler“, die sich mit Gold ihren Sklavenhandel bezahlen ließen. Dieser Tausch hatte die Form W-G-W. Der kongolesische König Afonso, der sich auch aus ökonomischen Gründen taufen ließ, beklagte sich beim portugiesischen Kollegen: „Viele unsere Untertanen sind begierig nach portugiesischen Waren, die dein Volk in unsere Reiche bringt. Um diesen zügellosen Appetit zu befriedigen, rauben sie scharenweise unsere freien oder freigelassenen Untertanen, ja sogar Adlige, Söhne von Adligen und selbst die Mitglieder unserer eigenen Familie. Sie verkaufen sie an Weiße.“ (176) Der Kollege aus Portugal erwiderte, Kongo habe ja nichts anderes zu verkaufen. Der König Kongos stellte daraufhin den Sklavenhandel ein. Die Portugiesen gründeten daraufhin einen Handelstützpunkt in Luande, von dem aus gezielte Eroberungen und Sklavenraubzüge ausgingen.
Die Beschaffungskosten für diese neue Art von Ware aus einem „besondern Saft“, die sich nicht nur gebrauchen lässt, sondern mit der sich neben einem Mehrprodukt auch noch einen Mehrwert erzielen ließ, lagen im Ausbau des Schiffbaus, der Waffen und der Crew, mit der man die Menschenware an der Atlantikküste erbeuten konnte. Diesen Beutezug finanzierte die Krone. Sie zog auch aus dem Sklavenhandel eine Einnahmequelle, denn 20% des aus dem Sklavenhandel kommenden Gewinns musste an die Krone abgegeben werden.“Männer, Frauen und Kinder wurden routinemäßig bei Überfällen zusammengetrieben, die einer Jagd auf Tieren glich.“ (302) Der Menschenhandel, so Frankopan, stand im Bunde mit der Krone und Gott. Billige Beschaffungskosten, hoher Handelsprofit und Mehrwert garantierte der Sklavenhandel.
Je weiter Sklavenschiffe unter König Johann III. (1455- 1495) nach Süden vordrangen, desto schwächer verteidigten sich die Afrikaner. Wie später auch in Südamerika die Indios empfingen sie ihre Jäger freundlich, neugierig und zugewandt. Die Sklavenerbeutung wurde einfacher, weil staatliche Strukturen afrikanischer Völker fehlten. Zwischen 1450 und 1600, so eine Quelle5, wurden 367 000 Sklaven exportiert. Zwischen 1601-1700 waren es 1868 000, von 1701-1800 6 133 000 und von 1801-1900 3 330 000. Je mehr sich ein neuer Warenverteilungsmechanismus, eine nationale Marktwirtschaft, entwickelte, umso größer wurde der Import von Sklaven in den europäischen und amerikanischen Staaten, die vornehmlich als Landarbeiter und Hauspersonal verwendet wurden.
Der entscheidende ökonomische Grundbaustein der neuen Sklaverei lag in der Transformation des Sklaven als kapitalisierte Ware. Sie waren mehr als nur billige Arbeitskräfte mit geringen Unterhaltskosten, die ,wie in der Antike, gekauft und nicht wieder verkauft wurden, sondern sie wurden auch als Tauschobjekt wieder weiterverwendet: z.B.europäische Feuerwaffen ( W ) gegen Sklaven ( W ), um dann profitabel gegen Geld ( G ) wiederum verkauft zu werden. Sie wurden kapitalisiert. Diese Kapitalisierung der Ware Mensch unterscheidet sich vom antiken Sklavenhandel dadurch, dass der Mensch nicht nur entpersönlicht, sondern auch entmenschlicht, als Vieh oder Affe angesehen und behandelt wird. In der Antike konnten Sklaven freigelassen werden, waren zum Teil hochgeachtet und manchmal sogar Freunde ihrer Herren, obwohl sie rechtlos waren. Diese neue kapitalisierte Marktsklaverei war ein Grundbaustein der europäischen Zivilisation und Industrialisierung. Der Nachteil der Sklaverei bestand allein darin, wie Adam Smith hervorhob, dass Sklaven zwar billige Arbeitskräfte, andererseits aber keine Lohnarbeiter waren und somit aus dem Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage und der Marktzirkulation herausfielen. Sklaven sind Eigentum und haben kein Eigentum. Sklaven sind und waren stets und überall Grundpfeiler agrarischer Produktionsweise zum Zwecke der Mehrproduktion einer Fremdherrschaft und nicht zum Zwecke von Geldwachstum.
Darin liegt der spezifische Unterschied zur modernen Sklaverei, die den Menschen nicht nur zur Sache macht, sondern ihn zu einer neuen Rasse mit besonderen, niedrigen moralischen, geistigen und physischen Eigenschaften erklärt.
Der Rassismus in all seinen Abarten6 ist eine Ideologie, die der Handelskapitalismus im Verbund mit dem Christentum aus zweckrationalen Gründen gebar. Im Kern besteht er darin, Menschen nicht als Menschen zu bewerten, sondern als eine gesonderte Rasse. Nach dem Pionier Portugal, nach Frankreich und Holland wird England im 18.Jahrhundert zu größten Sklavenhalternation – eine Nation, in der die repräsentative Demokratie ihren institutionellen Anfang nahm und die rechtsphilosophische Idee der Menschenrechte geboren wurde. Der philosophische Universalismus der unbedingten individuellen Menschenrechte ist nicht nur seit Platon ein von allen Bedingungen absehender Kniff, sondern auch die Blaupause für die Einführung des Rassenbegriffs für den Menschen.
Menschen, die nicht nur nicht so aussehen, wie Weiße, nicht nur eine andere Kultur haben wie Barbaren, sondern zudem weder Vernunft besitzen noch Tatkraft besitzen, müssen einer anderen menschlichen Rasse angehören, die der Weißen grundsätzlich unterlegen ist.
1713 erhielt Großbritannien das Privileg, allen spanischen und amerikanischen Kolonien Sklaven liefern zu dürfen. „Neuengland war für den Handel mit europäischen und karibischen Waren der wichtigste Zugang zu den Kolonien geworden. Die Schiffe, die von den Kolonien aus starteten – meist von Boston oder Newport, Rhode Island – hatten die Lebensmittel an Bord, die Plantagenbesitzer, Aufseher und Arbeiter in der britisch beherrschten Karibik ernährten. Auf dem Rückweg nahmen sie Zucker, Rum, Sklaven oder Molasse mit…“7 Afrikaner wurden als Affen angesehen, die man dressieren, kultivieren, missionieren und schlichtweg billig verwenden könne.Der Sklavenhandel unterschied sich von dem der Antike nicht im rechtlichen Sinne, sondern im Bewusstsein, im Sklaven eine mindere Abart des Menschen zu sehen.
Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“, in der jeder als Person mit gleichen Rechten ausgestattet und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg. „Die Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft, der Fortschritt hin zu Demokratie, bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten, lagen keineswegs auf einer unsichtbaren Kette, die bis zur polis des antiken Athens zu einem Naturzustand in Europa zurückreichte; sie waren die Früchte des politischen und wirtschaftlichen Erfolgs auf fernen Kontinenten.“ (Frankopan, 295) Die Aneignung fremder Arbeitskraft erfolgt in einer kapitalisierten Marktwirtschaft über einen rechtspolitisch freiwilligen Vertrag von Personen, jenen, die über Produktionsmittel verfügen und selbige ihr Eigentum nennen, und jenen, die ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit verkaufen oder vermieten müssen oder wollen und ihre Arbeit als Eigentum ihrer Person begreifen. Für den zeitbedingten Verkauf ihrer Arbeitskraft werden sie als Arbeitnehmer entlohnt. Sie sind im Gegensatz zu Sklaven integraler Teil des Marktes als geldfähige Konsumenten. Der Käufer von Arbeit benötigt sie, um aus seinem investierten Kapital Profit ziehen zu können. Eine Marktwirtschaft wird erst zu einer nationalen Marktwirtschaft, wenn die Produktion jeglicher Warengüter allein für den Markt als Verteilungssystem für Güter hergestellt wird und alle historisch bedingten gesellschaftlichen Bedürfnisse und nicht nur Luxuswaren vermarktet werden.
Nachdem die Neue Welt jenseits der Ozeane mit päpstlicher Legitimation rechtlich aufgeteilt wurde, standen alle Entdeckungen, Eroberungen und Beutezüge unter christlicher Rechtfertigung. „Mit den gesamten Verträgen und den diese teils sanktionierenden päpstlichen Bullen verfügte die spanische Krone im christlichen Kontext über das politische Recht, in ihrem Hoheitsgebiet Entdeckungen und Eroberungen durchzuführen.“8
Rechtssouverän äußerer Angelegenheiten dieser Staaten war der Papst als die Institution Gottes auf Erden. Kriege benötigen allgemeine Rechtfertigung für ihre Ausführung, um nicht als Raub, Beutezug oder als Barbarei zu gelten, die im Interesse einer Minderheit oder Elite liegen. Ein Kriegsrecht sowie die dazu gehörige Kriegspropaganda sind notwendig. Ein Krieg muss als gerecht empfunden und angesehen werden. Man muss unterscheiden zwischen der guten und schlechten Partei und Kriegsführung. Das ‚bellum iustum‘ schreibt schon seit der Antike vor, dass der Krieg von einer bevollmächtigten Person, zu Zeiten monarchischer Staaten, vom König angeordnet werden muss. Andere kriegerische Auseinandersetzungen, Bürgerkriege, Aufstände oder gar Revolutionen, sind nicht nur illegitim sondern auch ungerecht. Zweitens muss ein gerechter Grund mit einer gerechten Absicht (intensio recto) vorhanden sein, die die göttliche oder naturrechtliche Ordnung herzustellen trachtet. Erbeutung von Gold und Mensch sind daher frevelhaft und müssen geahndet werden. Das christliche Recht verbietet demnach Sklavennahme- und Handel, da alle Menschen Gottes Geschöpfe und vor seinem Gericht gleich sind. Dominikaner haben deshalb die Legitimation spanischer Herrschaft in Neuspanien bezweifelt, weil die Eroberer Indios versklavten. Die Gesetze von Borgos 1513 sollten verhindern, dass Indios nicht wie Beutegut verteilt und versklavt werden, sondern den Spaniern zur „Indoktrinaton“ – zu Missionierung – „anvertraut“ (encomendar) werden. Für diese Güte sollten sie mit Fronarbeit und Tribut bezahlen. Das Encomiendarsystem war die ökonomische Basis der Konquistatoren in Neuspanien. Das Dokument, worauf dieses System beruhte, das Requerimiento, sollte „die Konquistatadoren fortan den zu erobernden Indios vorgetragen werden, bevor sie diese, notfalls gewaltsam unterjochten. (…) Es sollte die Indios über die Existenz des christlichen Gottes als einzig wahren Gott in Kenntnis setzen sowie vor die Option stellen, sich der christlichen Religion und der spanischen Krone friedlich zu unterwerfen oder bekriegt oder gewaltsam unterjocht zu werden. Unterwerfen sich die Indios friedlich, sicherte ihnen die Krone >Ausnahmen und Privilegien< zu, wie das Recht auf Eigentum, Landbesitz, eigene politische Führung und Juriprudenz, wenn sich die Indios hingegen widersetzten, waren die Spanier berechtigt, sie zu bekriegen, zu versklaven und zur Tributzahlung zu zwingen.“ (Huber 47f.)
Nach dieser Rechtsgrundlage galt Raub als Raub erst dann, wenn allein um der Beute willen statt um der Gerechtigkeit willen Gold, Mensch und andere Sachgüter angeignet werden. Das Ultimantum des Requerimiento stützte sich auf das von Papst Inozenz IV (1243-54) postulierte Recht der Mission und auf das Deutoronomium des Alten Testaments. (Huber, 49) Den Dominikanern war nun auch genüge getan. Das Requerimiento war ein althergebrachtes Instrumentarium, das inhaltlich und formal den Ultimaten glich, die islamische Eroberer erhoben, bevor sie eine Stadt oder ein Gebiet einnahmen.
Der Beutezug nach Mittelamerika
Nachdem Kolumbus mit seinem Projekt, den Seeweg nach Indien zu finden, bei der portugiesischen und auch der englischen Krone kein Gehör fand, suchte er die spanische Krone mit dem Versprechen dazu zu bewegen, so viel Gold, Gewürze und zu versklavende oder zu christanisierende Heiden zu liefern. Papst Alexander VI., aus dem spanischen Borgia-Geschlecht stammend, sprach Kastilien das Herrschaftsrecht über die zu entdeckenden Gebiete zu und beauftragte sie mit der Christianisierung der Bevölkerung.
Wie alle auf Kolumbus folgenden Konquistadoren mussten diese eine Kapitulation unterschreiben. Die „Capitulante“ waren so zu sagen Lizensnehmer. Sie mussten eine Expedition ausrüsten und ihre Leute anheuern. Die Krone legitimierte den Raubzug lediglich und stellte Löhne und Gewinnbeteiligung in Aussicht. Die Expeditionsteilnehmer mussten zuerst liefern und das Risiko tragen, dann erhielten sie dafür Leistungen, die aus den gewünschten Privilegien bestanden: Steuerentlastungen, Ämter-, Herrschafts- oder Ehrentitel und Gewinnbeteiligung an der Beute. Kolumbus z.Bsp. steuerte für seine erste Expedition 250 000 der rund 2 Millionen >maravedis< bei, die er als Kredit über den Kaufmann Francisco Pinello von diversen italienischen Finanziers erhielt.9 Mehr als die Hälfte der Kosten trug die Krone, aber das nur dieses eine Mal, so zu sagen als Anschubinvestition für alle weiteren Räubereien, aus denen die Krone jeweils das „königliche Fünftel“ (Quinto Real) aus Beute, Bodenschätzen, Prisen und Sklaven zog. Das Quinto Real diente dazu, „dass die Krone einen Eroberungs- oder Beutezug sanktionierte und ihn dadurch von einem illegalen Raubzug unterschied.“10
Ein weiteres Merkmal der Conquista, so Huber, bestand darin, Siedlungen zu errichten (auf Hispaniola 1493, Puerto Rico 15o 8, Jamaika 1509, Kuba 1511). Von diesen Standorten gingen die Eroberer auf Menschenjagd, um Sklaven für ihre Plantagenwirtschaft und zur Goldgewinnung zu bekommen. Erst dann, in einer zweiten Phase, begannen die Eroberungen. Die Cortez, Pizarros Balboas u.a. Konquistadoren mussten ihre Leute anwerben, indem sie Versprechungen machten. Cortes z.B. versprach jenen, die mit ihm auf Eroberungsjagd von Kuba aus gehen und die neu entdeckten Gebiete besiedeln wollten, „ihren Anteil (su parte) Gold, Silber und Reichtümer sowie Encomiendas von Indios.“11 Die Eroberer hatten kein Veräußerungsrecht über die Indios, konnten sie also nicht weiter verkaufen. Die Indios mussten für sie Arbeitsdienste erledigen und/ oder Tribut zahlen. Darin bestand der ihnen zustehende Teil der Beute. Anders sah es für die Anführer der Eroberer aus. Ab 1534 gab es konkrete Angaben, wie die mobile Beute aus Krieg und Gefangennahme zwischen den Konquistadoren und der Krone verteilt werden sollte. Die Beute musste zu Beginn zu einem Haufen zusammengetragen werden. Besonders zuverlässige und gottesfürchtige und somit normstrenge Menschen innerhalb kleinerer Raubeinheiten hatten die Aufgabe zu überprüfen, wer was und wieviel erbeutet hatte und danach die Anteile zu verteilen. Ein Distributionsverfahren, das die Häuptlinge von Stammesgesellschaften verwendeten und Polanyi dem Typus der Redistribution zugeordnet hat. Der Verteilungsablauf funktionierte in der Regel wie folgt:
- Feststellung des Quinto Real;
- Begleichung der Kriegskosten, wobei der Großteil an den Anführer ging, da er die meisten Auslagen finanzierte, Schiffe,Verpflegung, Waffen und Pferde, wobei es oft vorkam, dass die Eroberer bei kleineren Beutezügen ihr Raubhandwerkszeug, Waffen z.B., selbst besorgten. Hinzu kam wahrscheilich auch der Zins, der für Verschuldung verausgabt werden musste. Kaufleute hattem „ihrerseits durch Handel, Bergbau und Plantagenwirtschaft die nötigen Mittel zur Ausstattung größerer Expeditionen akkumuliert.“ (Huber 126)
- Anschließend wurde der Kronbeamte, der bei an der Expedition teilnahm, Wächter und andere Leute, die Sonderfunktionen erfüllten, entlohnt.
- Der Rest der Beute, sofern noch vorhanden, wurde entweder direkt verteilt oder versteigert. In der Regel wurde „jedem seinem Anteil entsprechend die zum Beutezug mitgebrachten Waffen, Männern und Tieren gegeben.“ (Huber 63)
Die Conquista war eine freiwillige Veranstaltung. Es waren Räuberhaufen, deren Männer sich für eine bestimmte Zeit von ihren Landbesitzen in der Karibik entfernten, in der Hoffnung auf Gold und Sklaven, oder arme Schlucker aus der Heimat Spanien, die ihr Glück in Übersee zu machen hofften. Die ‚Compagnia‘, man beachte, dass der gleiche Begriff wie für die Handelsgesellschaft der Stadtrepubliken verwendet wurde, wurde durch die (zu erwartende) Beute zusammengehalten, was auch die Kooperationsbereitschaft der Konquistadoren beförderte. Die Beuteverteilung schuf die Umstände, unter denen die Beteiligten entschieden, ob sie weiterzogen, siedelten, zurück auf ihre Ländereien oder wieder nach Spanien gingen. Oft bestanden die Beutezüge aus 20 bis 30 Mann, weil die Indios keine Tribute bezahlen wollten oder konnten.
Die Conquista war ein Kreuzzug zu einem neuen „gelobten Land“ – dem Eldorado der Neuzeit, zu Gold und Geld.
An ihm nahmen direkt oder indirekt nicht nur Papst, König, Adel, zumeist ein niedriger, sondern auch Kaufleute und Finanziers und, wie bei allen Kriegen, das „Fußvolk“ teil. Ihre Anwerbung geschah nicht über einen Arbeitsmarkt, sondern über traditionelles Ausrufen der bevorstehenden Expedition sowie deren mögliche Bedingungen und Erwartungen. Die Beuteverteilung geschah nach althergebrachter Sitte, wie es zuvor Häuptlinge von Stammengesellschaften taten. Ausgelobt wurde z.B. die Encomienda als ein System der Ökonomie und
Kostenentschädigung für die Konquistadoren, das in vielerlei Hinsicht gegen die Politik der Krone verstieß. Auf der einen Seite der Quinto Real, dort Landbesitz, Sklavenwirtschaft und Tribut Die Verteilung der Raubgüter war oft nicht von den Kronbeamten zu überprüfen und die Anführer der Konquistadoren eigneten sich größere Anteile an. Andererseits gab es auch staatsbildende Konquistadoren, die die Krone an der Beute adäquat partizipieren ließen, und solche, die das zu verhindern suchten. Auf dem Beutezug hatte mindestens ein Kronbeamter der Kapitulation zufolge mitzumarschieren und die finanzielle Ansprüche der Krone zu vertreten, ebenso Buchhalter, Aufseher und jemand, der die Schmelzprozesse überwachte. V. Huber berichtet von einem Rechenschaftsbericht, der im Auftrag von Cortes erstellt wurde (280): 32 000 Pesos geschmolzenes Gold und Schmuck im Wert von ca. 100 100 Dukaten als königlichen Fünften hätte man dem Schatzmeister Alfonso de Escobar überreicht und dies in den königlichen Büchern notiert. Der Schatz sei aber „unglücklicher Weise in den Wirren verloren gegangen. Schuld trugen selbstredend die feindlich gesinnten Azteken.
Zum Zeitpunkt der zweiten Übersendung des Quinto Real 1522 transportierten 3 Karavellen rund 32 000 Pesos und 107 Mark Silber in Form von Barren und Schmuckstücke nach Spanien. Nur die Santa Maria de la Rabida erreichte den Hafen von Sevilla. Die beiden anderen Karavellen wurden vom französischen Piraten Jean Fleury geraubt. Cortes zollte einerseits Rechenschaft der Krone, andererseits war diese auf die Kooperationsbereitschaft von Cortes angewiesen.
Literaturverweise
1 Vitus Huber, Beute und Conquista, Die politische Ökonomie der Eroberung Neuspaniens, Historische Studien, Campus Verlag 2018,S.80
2 Girolamo Priuli,in: Frankopan, S.794/326
3 Frankopan, 300f.
4 John Iliffe, Gerschichte Afrikas, C.H.Beck 2000, S.173
5 P. E. Loveboy, Transformation in slavery, Cambridge 1983,in: Iliffe,a.a.O. S.177
6 Ibram X. Kendi, Gebrandtmarkt, Die wahre Geschichte ds Rassismus in Amerika C.H.Beck 2017
7 Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt, Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. C.H.Beck 2017, S,82
8 Vitus Huber, a.a.O. 82f.
9 Vitus Huber, Die Konquistadoren, C.H.Beck 2019, S.13 10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68
10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68
11 Huber,Beute und Conquista,a.a.O.108