Gold und Sklave – Grundbausteine auf dem Weg zu einer nationalen Marktwirtschaft

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Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“, in der jeder als Parson mit gleichen Rechten ausgestattet und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg.

Italienische Stadtstaaten beherrschten die Handelsrouten  während des 12 bis 15. Jahrhunderts im Mittelmeer. Ihre  Flotten wurden z.T. finanziert durch Feudalstaaten, die  ihrerseits Interesse hegten, ihren politökonomischen  Einflussbereich unter der Flagge Christus über  Konstantinopel bis nach Jerusalem und Ägypten  auszudehnen. Die „Kreuzzüge“ waren ein propagandistischer  Raubzug des europäischen Adels, der letztlich fehlschlug.  

Eine entscheidende politökonomische Wende, die den Anfang  vom Ende der Vorherrschaft italienischer Stadtstaaten im  Mittelmeerraum einläutete, ereignete sich, als es 1415  portugiesischen Kapitänen nicht gelang, den Goldhandel an  der marokkanischen Küste unter ihre Kontrolle zu bringen.  Schon im 14. Jahrhundert ließen sich die Portugiesen  Entdeckungen und Eroberungen im Atlantik und entlang der  Westküste Afrikas durch den Papst legitimieren und „ein  regionales Monopol auf Eroberung, Handel und  Sklavennahme“ zuschreiben.1 Damit umging die  portugiesische Krone die Einflusssphäre der italienischen  Seerepubliken im Mittelmeer. Sixtus IV. bestätigte 1481  den mit Kastilien 1479 im portugiesischen Alcacovas  geschlossenen Vertrag, „der Portugal den maritimen Raum  südlich einer am afrikanischen Kap Bojador zwischen Osten  und Westen verlaufenden Linie vorbehielt.“ (80) Auf  dieser vertraglichen Grundlage gewährte der Papst den  „katholischen Königen“ Spaniens die Expedition Kolumbus,  eine westliche Seeroute nach Ostindien zu finden. Im  Vertrag von Tordesillas von 1494 wurden die  Hoheitsgebiete zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt.  Solange Jäger nicht in gleichen Revieren jagen, entstehen  auch keine Konflikte, die zum Nachteil des Papstums  geraten könnten. 

Allein in der Molukken-Frage kamen sich Spanien und  Portugal kurzfristig ins Gehege. Portugiesen eroberten  1511 die Hafenstadt Malakka, nachdem Vasco da Gama 1498  Indien auf dem Seeweg um das Cap der Guten Hoffnung  erreicht hatte. Zwei Jahre später drang Vasco Numez del  Balboa über den Isthmus von Panama zum Pazifik vor,  sodass die spanische Krone sich nun ebenfalls für die  Gewürzinseln interessierte. Der Konflikt bestand nun  darin, zu welchem Hoheitsgebiet die Inselgruppe der  Molukken gehören sollte. Im Vertrag von Saragossa 1529  verzichtete Karl V. auf den Rechtsanspruch gegen eine  einmalige Zahlung von 350 000 Golddukaten. Daraufhin  blieb das Verhältnis beider Staaten friedlich und die  beiden Menschenjäger und Goldsucher jagten nicht im  gleichen Revier.  

Portugiesen suchten also ihr Glück an der westafrikanischen Küste, um zu den sagenumwobenen  Goldquellen zu gelangen. Im Jahre 1445 erbauten  portugiesische Seeleute unter der Schirmherrschaft ihres  Königs auf der Insel Arguin vor der mauretanischen Küste  einen Handelsplatz für Sklaven und Gold. Als da Game 1499  den Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung  entdeckte, bedeutete das letzlich nicht weniger als das  Ende der Vorherrschaft der italienischen Stadtstaaten,  insbesondere Venedigs. Obwohl das Ende nicht unmittelbar  eintrat, so war der territoriale Staat Portugal aus dem  Schatten der weltpolitischen Bühne an die Bühnenrampe  getreten. In der Tragödie „Suche nach dem Goldschatz“  wird Spanien auf eine ähnliche Art und Weise den brutalen  und gewaltigen Räuber spielen, als der Genuese Kolumbus  einen anderen Weg nach Indien suchte und den Kontinent  Amerika fand. 

Portugal fand indes noch eine andere Ware, die, wie sich  herausstellte, goldwert war: Sklaven. 

„Es besteht kein Zweifel daran, dass Ungarn, die  Deutschen, die Flamen und die Franzosen und alle Völker  jenseits der Berge, die bisher nach Venedig kamen, um mit  ihrem Geld Gewürze zu kaufen, sich jetzt nach Lissabon  wenden werden.“2

Die Gründe liegen auf der Hand: Waren, die auf dem Landweg Venedig erreichen, kosten  Zölle und Abgaben; kriegerische Auseinandersetzungen  erhöhen das Verlustrisiko und der Weg dorthin ist weit. Der Seeweg von der westafrikanischen Küste nach Lissabon  hingegen ist nicht so kostspielig und die Waren Mensch  und Gold gelangten schneller nach Frankreich, Holland und  in die deutschen Lande.„Es waren jedoch weder die hohe  Politik noch päpstliche Gunsterweise oder der königliche  Wettstreit um Territorien, die das Tor zu Westafrika  aufstießen… Der eigentliche Durchbruch stellte sich  ein, als die Kapitäne erkannten, dass es neben dem Handel  mit Öl und Tierhäuten und der Suche nach Gelegenheit zum  Gelderwerb einfache und bessere Optionen gab.“3 Der  Sklavenhandel machte sie reich. 

Der afrikanische Sklavenhandel explodierte im 15.  Jahrhundert, da die Nachfrage nach Arbeitskräften auf  Farmen und Plantagen in Portugal und Spanien sehr hoch  war, ebenso waren die Häuser der Reichen „voll von  Dienern und Dienerinnen.“ (301) Nach der Pest mangelte es  an Arbeitskräften. Die Tradition der Sklavenwirtschaft  für die intensive Feldwirtschaft, insbesondere für den  Zuckeranbau, die die Europäer in den Zeiten der Kreuzüge  von den Muslimen gelernt hatten, war der Aristokratie aus  der Antike bekannt. Wie in allen Agrargesellschaften und  Staaten, so war auch die Sklavenwirtschaft an der  Westküste Afrikas üblich. Gefangene, Verurteilte oder  Schuldner gerieten in die Sklaverei. So berichtet ein  afrikanischer Chronist: „Der König versorgt sich durch  Raubzüge, mit der Folge, dass es in seinem Land wie auch  in den benachbarten Ländern viele Sklaven gibt. Er  beschäftig sie…in der Landwirtschaft… verkauft aber  auch viele an die Mauren … im Tausch gegen Pferde und  andere Waren.“4 Dieser Handel war ein Handel der Form W-W.  Iliffe schreibt, dass staatlich nicht organisierte Völker  der Sklaverei lange widerstanden haben. Eine Neuheit im  Sklavenhandel führten die Portugiesen ein. Sie traten nun  als Zwischenhändler auf. Zwischen 1500 und 1535 kauften  die Akan 10 000 bis 12 000 Sklaven aus dem Norden von den  Portugiesen, „die hauptsächlich als Lastenträger für  andere importierte Waren ins Landesinnere und zum Roden  der Wäder für den Ackerbau“ (175) eingesetzt wurden. Die  Portugiesen waren die ersten „seefahrende Zwischenhändler“,  die sich mit Gold ihren Sklavenhandel bezahlen ließen.  Dieser Tausch hatte die Form W-G-W. Der kongolesische  König Afonso, der sich auch aus ökonomischen Gründen  taufen ließ, beklagte sich beim portugiesischen Kollegen:  „Viele unsere Untertanen sind begierig nach portugiesischen Waren, die dein Volk in unsere Reiche  bringt. Um diesen zügellosen Appetit zu befriedigen,  rauben sie scharenweise unsere freien oder freigelassenen  Untertanen, ja sogar Adlige, Söhne von Adligen und selbst  die Mitglieder unserer eigenen Familie. Sie verkaufen sie  an Weiße.“ (176) Der Kollege aus Portugal erwiderte,  Kongo habe ja nichts anderes zu verkaufen. Der König  Kongos stellte daraufhin den Sklavenhandel ein. Die  Portugiesen gründeten daraufhin einen Handelstützpunkt in  Luande, von dem aus gezielte Eroberungen und  Sklavenraubzüge ausgingen.  

Die Beschaffungskosten für diese neue Art von Ware aus  einem „besondern Saft“, die sich nicht nur gebrauchen  lässt, sondern mit der sich neben einem Mehrprodukt auch  noch einen Mehrwert erzielen ließ, lagen im Ausbau des  Schiffbaus, der Waffen und der Crew, mit der man die  Menschenware an der Atlantikküste erbeuten konnte. Diesen  Beutezug finanzierte die Krone. Sie zog auch aus dem  Sklavenhandel eine Einnahmequelle, denn 20% des aus dem  Sklavenhandel kommenden Gewinns musste an die Krone  abgegeben werden.“Männer, Frauen und Kinder wurden  routinemäßig bei Überfällen zusammengetrieben, die einer  Jagd auf Tieren glich.“ (302) Der Menschenhandel, so  Frankopan, stand im Bunde mit der Krone und Gott. Billige  Beschaffungskosten, hoher Handelsprofit und Mehrwert  garantierte der Sklavenhandel.  

Je weiter Sklavenschiffe unter König Johann III. (1455- 1495) nach Süden vordrangen, desto schwächer verteidigten  sich die Afrikaner. Wie später auch in Südamerika die  Indios empfingen sie ihre Jäger freundlich, neugierig und  zugewandt. Die Sklavenerbeutung wurde einfacher, weil  staatliche Strukturen afrikanischer Völker fehlten.  Zwischen 1450 und 1600, so eine Quelle5, wurden 367 000  Sklaven exportiert. Zwischen 1601-1700 waren es 1868 000,  von 1701-1800 6 133 000 und von 1801-1900 3 330 000. Je  mehr sich ein neuer Warenverteilungsmechanismus, eine  nationale Marktwirtschaft, entwickelte, umso größer wurde  der Import von Sklaven in den europäischen und  amerikanischen Staaten, die vornehmlich als Landarbeiter  und Hauspersonal verwendet wurden.  

Der entscheidende ökonomische Grundbaustein der neuen  Sklaverei lag in der Transformation des Sklaven als  kapitalisierte Ware. Sie waren mehr als nur billige  Arbeitskräfte mit geringen Unterhaltskosten, die ,wie in  der Antike, gekauft und nicht wieder verkauft wurden,  sondern sie wurden auch als Tauschobjekt wieder  weiterverwendet: z.B.europäische Feuerwaffen ( W ) gegen  Sklaven ( W ), um dann profitabel gegen Geld ( G ) wiederum  verkauft zu werden. Sie wurden kapitalisiert. Diese  Kapitalisierung der Ware Mensch unterscheidet sich vom  antiken Sklavenhandel dadurch, dass der Mensch nicht nur  entpersönlicht, sondern auch entmenschlicht, als Vieh  oder Affe angesehen und behandelt wird. In der Antike  konnten Sklaven freigelassen werden, waren zum Teil  hochgeachtet und manchmal sogar Freunde ihrer Herren,  obwohl sie rechtlos waren. Diese neue kapitalisierte  Marktsklaverei war ein Grundbaustein der europäischen  Zivilisation und Industrialisierung. Der Nachteil der  Sklaverei bestand allein darin, wie Adam Smith hervorhob,  dass Sklaven zwar billige Arbeitskräfte, andererseits  aber keine Lohnarbeiter waren und somit aus dem  Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage und der  Marktzirkulation herausfielen. Sklaven sind Eigentum und  haben kein Eigentum. Sklaven sind und waren stets und  überall Grundpfeiler agrarischer Produktionsweise zum  Zwecke der Mehrproduktion einer Fremdherrschaft und nicht  zum Zwecke von Geldwachstum.  

Darin liegt der spezifische Unterschied zur modernen  Sklaverei, die den Menschen nicht nur zur Sache macht,  sondern ihn zu einer neuen Rasse mit besonderen,  niedrigen moralischen, geistigen und physischen  Eigenschaften erklärt.  

Der Rassismus in all seinen Abarten6 ist eine Ideologie,  die der Handelskapitalismus im Verbund mit dem  Christentum aus zweckrationalen Gründen gebar. Im Kern  besteht er darin, Menschen nicht als Menschen zu  bewerten, sondern als eine gesonderte Rasse. Nach dem  Pionier Portugal, nach Frankreich und Holland wird  England im 18.Jahrhundert zu größten Sklavenhalternation  – eine Nation, in der die repräsentative Demokratie ihren  institutionellen Anfang nahm und die rechtsphilosophische  Idee der Menschenrechte geboren wurde. Der philosophische  Universalismus der unbedingten individuellen  Menschenrechte ist nicht nur seit Platon ein von allen  Bedingungen absehender Kniff, sondern auch die Blaupause  für die Einführung des Rassenbegriffs für den Menschen.  

Menschen, die nicht nur nicht so aussehen, wie Weiße,  nicht nur eine andere Kultur haben wie Barbaren, sondern  zudem weder Vernunft besitzen noch Tatkraft besitzen,  müssen einer anderen menschlichen Rasse angehören, die  der Weißen grundsätzlich unterlegen ist. 

1713 erhielt Großbritannien das Privileg, allen  spanischen und amerikanischen Kolonien Sklaven liefern zu  dürfen. „Neuengland war für den Handel mit europäischen  und karibischen Waren der wichtigste Zugang zu den  Kolonien geworden. Die Schiffe, die von den Kolonien aus  starteten – meist von Boston oder Newport, Rhode Island – hatten die Lebensmittel an Bord, die Plantagenbesitzer,  Aufseher und Arbeiter in der britisch beherrschten  Karibik ernährten. Auf dem Rückweg nahmen sie Zucker,  Rum, Sklaven oder Molasse mit…“7 Afrikaner wurden als  Affen angesehen, die man dressieren, kultivieren,  missionieren und schlichtweg billig verwenden könne.Der  Sklavenhandel unterschied sich von dem der Antike nicht  im rechtlichen Sinne, sondern im Bewusstsein, im Sklaven  eine mindere Abart des Menschen zu sehen.  

Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer  auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“,  in der jeder als Person mit gleichen Rechten ausgestattet  und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war  ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten  unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg. „Die  Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft, der  Fortschritt hin zu Demokratie, bürgerlichen Freiheiten  und Menschenrechten, lagen keineswegs auf einer  unsichtbaren Kette, die bis zur polis des antiken Athens  zu einem Naturzustand in Europa zurückreichte; sie waren  die Früchte des politischen und wirtschaftlichen Erfolgs  auf fernen Kontinenten.“ (Frankopan, 295) Die Aneignung fremder  Arbeitskraft erfolgt in einer kapitalisierten  Marktwirtschaft über einen rechtspolitisch freiwilligen  Vertrag von Personen, jenen, die über Produktionsmittel  verfügen und selbige ihr Eigentum nennen, und jenen, die  ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit verkaufen oder  vermieten müssen oder wollen und ihre Arbeit als Eigentum  ihrer Person begreifen. Für den zeitbedingten Verkauf  ihrer Arbeitskraft werden sie als Arbeitnehmer entlohnt.  Sie sind im Gegensatz zu Sklaven integraler Teil des  Marktes als geldfähige Konsumenten. Der Käufer von Arbeit  benötigt sie, um aus seinem investierten Kapital Profit  ziehen zu können. Eine Marktwirtschaft wird erst zu einer  nationalen Marktwirtschaft, wenn die Produktion jeglicher  Warengüter allein für den Markt als Verteilungssystem für  Güter hergestellt wird und alle historisch bedingten  gesellschaftlichen Bedürfnisse und nicht nur Luxuswaren  vermarktet werden. 

Nachdem die Neue Welt jenseits der Ozeane mit päpstlicher  Legitimation rechtlich aufgeteilt wurde, standen alle  Entdeckungen, Eroberungen und Beutezüge unter  christlicher Rechtfertigung. „Mit den gesamten Verträgen  und den diese teils sanktionierenden päpstlichen Bullen  verfügte die spanische Krone im christlichen Kontext über  das politische Recht, in ihrem Hoheitsgebiet Entdeckungen  und Eroberungen durchzuführen.“8 

Rechtssouverän äußerer Angelegenheiten dieser Staaten war  der Papst als die Institution Gottes auf Erden. Kriege  benötigen allgemeine Rechtfertigung für ihre Ausführung,  um nicht als Raub, Beutezug oder als Barbarei zu gelten,  die im Interesse einer Minderheit oder Elite liegen. Ein  Kriegsrecht sowie die dazu gehörige Kriegspropaganda sind  notwendig. Ein Krieg muss als gerecht empfunden und  angesehen werden. Man muss unterscheiden zwischen der  guten und schlechten Partei und Kriegsführung. Das  ‚bellum iustum‘ schreibt schon seit der Antike vor, dass  der Krieg von einer bevollmächtigten Person, zu Zeiten  monarchischer Staaten, vom König angeordnet werden muss.  Andere kriegerische Auseinandersetzungen, Bürgerkriege,  Aufstände oder gar Revolutionen, sind nicht nur illegitim  sondern auch ungerecht. Zweitens muss ein gerechter Grund  mit einer gerechten Absicht (intensio recto) vorhanden  sein, die die göttliche oder naturrechtliche Ordnung  herzustellen trachtet. Erbeutung von Gold und Mensch sind  daher frevelhaft und müssen geahndet werden. Das  christliche Recht verbietet demnach Sklavennahme- und  Handel, da alle Menschen Gottes Geschöpfe und vor seinem  Gericht gleich sind. Dominikaner haben deshalb die  Legitimation spanischer Herrschaft in Neuspanien  bezweifelt, weil die Eroberer Indios versklavten. Die  Gesetze von Borgos 1513 sollten verhindern, dass Indios  nicht wie Beutegut verteilt und versklavt werden, sondern  den Spaniern zur „Indoktrinaton“ – zu Missionierung – „anvertraut“ (encomendar) werden. Für diese Güte sollten  sie mit Fronarbeit und Tribut bezahlen. Das  Encomiendarsystem war die ökonomische Basis der  Konquistatoren in Neuspanien. Das Dokument, worauf dieses  System beruhte, das Requerimiento, sollte „die  Konquistatadoren fortan den zu erobernden Indios  vorgetragen werden, bevor sie diese, notfalls gewaltsam  unterjochten. (…) Es sollte die Indios über die  Existenz des christlichen Gottes als einzig wahren Gott  in Kenntnis setzen sowie vor die Option stellen, sich der  christlichen Religion und der spanischen Krone friedlich  zu unterwerfen oder bekriegt oder gewaltsam unterjocht zu  werden. Unterwerfen sich die Indios friedlich, sicherte  ihnen die Krone >Ausnahmen und Privilegien< zu, wie das  Recht auf Eigentum, Landbesitz, eigene politische Führung  und Juriprudenz, wenn sich die Indios hingegen  widersetzten, waren die Spanier berechtigt, sie zu  bekriegen, zu versklaven und zur Tributzahlung zu  zwingen.“ (Huber 47f.) 

Nach dieser Rechtsgrundlage galt Raub als Raub erst  dann, wenn allein um der Beute willen statt um der  Gerechtigkeit willen Gold, Mensch und andere Sachgüter  angeignet werden. Das Ultimantum des Requerimiento  stützte sich auf das von Papst Inozenz IV (1243-54)  postulierte Recht der Mission und auf das Deutoronomium  des Alten Testaments. (Huber, 49) Den Dominikanern war nun  auch genüge getan. Das Requerimiento war ein  althergebrachtes Instrumentarium, das inhaltlich und formal den Ultimaten glich, die islamische Eroberer  erhoben, bevor sie eine Stadt oder ein Gebiet einnahmen. 

Der Beutezug nach Mittelamerika

Nachdem Kolumbus mit seinem Projekt, den Seeweg nach  Indien zu finden, bei der portugiesischen und auch der  englischen Krone kein Gehör fand, suchte er die spanische  Krone mit dem Versprechen dazu zu bewegen, so viel Gold,  Gewürze und zu versklavende oder zu christanisierende  Heiden zu liefern. Papst Alexander VI., aus dem  spanischen Borgia-Geschlecht stammend, sprach Kastilien  das Herrschaftsrecht über die zu entdeckenden Gebiete zu  und beauftragte sie mit der Christianisierung der  Bevölkerung. 

Wie alle auf Kolumbus folgenden Konquistadoren mussten  diese eine Kapitulation unterschreiben. Die „Capitulante“  waren so zu sagen Lizensnehmer. Sie mussten eine  Expedition ausrüsten und ihre Leute anheuern. Die Krone  legitimierte den Raubzug lediglich und stellte Löhne und  Gewinnbeteiligung in Aussicht. Die Expeditionsteilnehmer  mussten zuerst liefern und das Risiko tragen, dann  erhielten sie dafür Leistungen, die aus den gewünschten  Privilegien bestanden: Steuerentlastungen, Ämter-,  Herrschafts- oder Ehrentitel und Gewinnbeteiligung an der  Beute. Kolumbus z.Bsp. steuerte für seine erste  Expedition 250 000 der rund 2 Millionen >maravedis< bei,  die er als Kredit über den Kaufmann Francisco Pinello von  diversen italienischen Finanziers erhielt.9 Mehr als die  Hälfte der Kosten trug die Krone, aber das nur dieses  eine Mal, so zu sagen als Anschubinvestition für alle  weiteren Räubereien, aus denen die Krone jeweils das  „königliche Fünftel“ (Quinto Real) aus Beute,  Bodenschätzen, Prisen und Sklaven zog. Das Quinto Real  diente dazu, „dass die Krone einen Eroberungs- oder  Beutezug sanktionierte und ihn dadurch von einem  illegalen Raubzug unterschied.“10  

Ein weiteres Merkmal der Conquista, so Huber, bestand  darin, Siedlungen zu errichten (auf Hispaniola 1493,  Puerto Rico 15o 8, Jamaika 1509, Kuba 1511). Von diesen  Standorten gingen die Eroberer auf Menschenjagd, um  Sklaven für ihre Plantagenwirtschaft und zur  Goldgewinnung zu bekommen. Erst dann, in einer zweiten  Phase, begannen die Eroberungen. Die Cortez, Pizarros  Balboas u.a. Konquistadoren mussten ihre Leute anwerben,  indem sie Versprechungen machten. Cortes z.B. versprach  jenen, die mit ihm auf Eroberungsjagd von Kuba aus gehen  und die neu entdeckten Gebiete besiedeln wollten, „ihren  Anteil (su parte) Gold, Silber und Reichtümer sowie  Encomiendas von Indios.“11 Die Eroberer hatten kein  Veräußerungsrecht über die Indios, konnten sie also nicht  weiter verkaufen. Die Indios mussten für sie  Arbeitsdienste erledigen und/ oder Tribut zahlen. Darin  bestand der ihnen zustehende Teil der Beute. Anders sah  es für die Anführer der Eroberer aus. Ab 1534 gab es  konkrete Angaben, wie die mobile Beute aus Krieg und  Gefangennahme zwischen den Konquistadoren und der Krone  verteilt werden sollte. Die Beute musste zu Beginn zu  einem Haufen zusammengetragen werden. Besonders  zuverlässige und gottesfürchtige und somit normstrenge  Menschen innerhalb kleinerer Raubeinheiten hatten die  Aufgabe zu überprüfen, wer was und wieviel erbeutet hatte  und danach die Anteile zu verteilen. Ein  Distributionsverfahren, das die Häuptlinge von  Stammesgesellschaften verwendeten und Polanyi dem Typus  der Redistribution zugeordnet hat. Der Verteilungsablauf  funktionierte in der Regel wie folgt: 

  1. Feststellung des Quinto Real;
  2. Begleichung der  Kriegskosten, wobei der Großteil an den Anführer ging, da er die meisten Auslagen finanzierte, Schiffe,Verpflegung,  Waffen und Pferde, wobei es oft vorkam, dass die Eroberer  bei kleineren Beutezügen ihr Raubhandwerkszeug, Waffen  z.B., selbst besorgten. Hinzu kam wahrscheilich auch der  Zins, der für Verschuldung verausgabt werden musste.  Kaufleute hattem „ihrerseits durch Handel, Bergbau und  Plantagenwirtschaft die nötigen Mittel zur Ausstattung  größerer Expeditionen akkumuliert.“ (Huber 126)
  3. Anschließend  wurde der Kronbeamte, der bei an der Expedition teilnahm,  Wächter und andere Leute, die Sonderfunktionen erfüllten,  entlohnt.
  4. Der Rest der Beute, sofern noch vorhanden,  wurde entweder direkt verteilt oder versteigert. In der  Regel wurde „jedem seinem Anteil entsprechend die zum  Beutezug mitgebrachten Waffen, Männern und Tieren  gegeben.“ (Huber 63) 

Die Conquista war eine freiwillige Veranstaltung. Es  waren Räuberhaufen, deren Männer sich für eine bestimmte  Zeit von ihren Landbesitzen in der Karibik entfernten, in  der Hoffnung auf Gold und Sklaven, oder arme Schlucker  aus der Heimat Spanien, die ihr Glück in Übersee zu  machen hofften. Die ‚Compagnia‘, man beachte, dass der  gleiche Begriff wie für die Handelsgesellschaft der  Stadtrepubliken verwendet wurde, wurde durch die (zu  erwartende) Beute zusammengehalten, was auch die Kooperationsbereitschaft der Konquistadoren beförderte.  Die Beuteverteilung schuf die Umstände, unter denen die  Beteiligten entschieden, ob sie weiterzogen, siedelten,  zurück auf ihre Ländereien oder wieder nach Spanien  gingen. Oft bestanden die Beutezüge aus 20 bis 30 Mann,  weil die Indios keine Tribute bezahlen wollten oder  konnten. 

Die Conquista war ein Kreuzzug zu einem neuen „gelobten  Land“ – dem Eldorado der Neuzeit, zu Gold und Geld. 

An ihm nahmen direkt oder indirekt nicht nur Papst,  König, Adel, zumeist ein niedriger, sondern auch  Kaufleute und Finanziers und, wie bei allen Kriegen, das  „Fußvolk“ teil. Ihre Anwerbung geschah nicht über einen  Arbeitsmarkt, sondern über traditionelles Ausrufen der  bevorstehenden Expedition sowie deren mögliche  Bedingungen und Erwartungen. Die Beuteverteilung geschah  nach althergebrachter Sitte, wie es zuvor Häuptlinge von  Stammengesellschaften taten. Ausgelobt wurde z.B. die  Encomienda als ein System der Ökonomie und  

Kostenentschädigung für die Konquistadoren, das in  vielerlei Hinsicht gegen die Politik der Krone verstieß. Auf der einen Seite der Quinto Real, dort Landbesitz,  Sklavenwirtschaft und Tribut Die Verteilung der Raubgüter  war oft nicht von den Kronbeamten zu überprüfen und die  Anführer der Konquistadoren eigneten sich größere Anteile  an. Andererseits gab es auch staatsbildende  Konquistadoren, die die Krone an der Beute adäquat  partizipieren ließen, und solche, die das zu verhindern  suchten. Auf dem Beutezug hatte mindestens ein  Kronbeamter der Kapitulation zufolge mitzumarschieren und  die finanzielle Ansprüche der Krone zu vertreten, ebenso  Buchhalter, Aufseher und jemand, der die Schmelzprozesse  überwachte. V. Huber berichtet von einem Rechenschaftsbericht, der im Auftrag von Cortes erstellt  wurde (280): 32 000 Pesos geschmolzenes Gold und Schmuck  im Wert von ca. 100 100 Dukaten als königlichen Fünften  hätte man dem Schatzmeister Alfonso de Escobar überreicht  und dies in den königlichen Büchern notiert. Der Schatz  sei aber „unglücklicher Weise in den Wirren verloren  gegangen. Schuld trugen selbstredend die feindlich  gesinnten Azteken. 

Zum Zeitpunkt der zweiten Übersendung des Quinto Real  1522 transportierten 3 Karavellen rund 32 000 Pesos und  107 Mark Silber in Form von Barren und Schmuckstücke nach  Spanien. Nur die Santa Maria de la Rabida erreichte den  Hafen von Sevilla. Die beiden anderen Karavellen wurden  vom französischen Piraten Jean Fleury geraubt. Cortes  zollte einerseits Rechenschaft der Krone, andererseits  war diese auf die Kooperationsbereitschaft von Cortes  angewiesen. 

Literaturverweise

1 Vitus Huber, Beute und Conquista, Die politische  Ökonomie der Eroberung Neuspaniens, Historische Studien,  Campus Verlag 2018,S.80

2 Girolamo Priuli,in: Frankopan, S.794/326

3 Frankopan, 300f. 

4 John Iliffe, Gerschichte Afrikas, C.H.Beck 2000, S.173

5 P. E. Loveboy, Transformation in slavery, Cambridge  1983,in: Iliffe,a.a.O. S.177

6 Ibram X. Kendi, Gebrandtmarkt, Die wahre Geschichte ds  Rassismus in Amerika C.H.Beck 2017 

7 Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt, Die wahre Geschichte des  Rassismus in Amerika. C.H.Beck 2017, S,82

8 Vitus Huber, a.a.O. 82f.

9 Vitus Huber, Die Konquistadoren, C.H.Beck 2019, S.13 10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

11 Huber,Beute und Conquista,a.a.O.108

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