Der Geist des Geldes

Zu Beginn der „Politischen Ökonomie“ der Marktwirtschaft wurden die zentralen Kategorien – Ware und Geld – getrennt von einander untersucht.

Während Ware in einem intersubjektiven Tauschverhältnis untersucht und nach einem Faktor gesucht wird, der ungleiche Produkte zu einem gleichen Wert austauschfähig werden lässt (Tauschwert) und in einer Gleichung ausgedrückt werden kann (Äquivalenzpostulat), wird Geld als eine vernünftige Konvention angesehen, die imstande ist, den Handel zu beschleunigen, und als Tausch-bzw.Zahlungsmittel fungiert. Geld drückt so zusagen den Tauschwert der Waren im Marktpreis aus, es ist der Geldname des Tauschwertes, obwohl der tatsächlich gezahlte Marktpreis nicht dem Tauschwert zu entsprechen braucht. Waren sind nur insofern vergleichbar, als ihnen ein gemeinsamer Wertmaßstab zugesprochen wird: die Arbeitszeit. Die „Englische Schule“ vertrat demnach einen preistheoretischen Dualismus. Einerseits drückt der Tauschwert den „natürlichen Preis“ (Adam Smith) oder den „relativen Preis“ (David Ricardo) der Ware aus, gemessen in der durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig ist, und andererseits den dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage folgenden Marktpreis in Form des Geldes aus. Der Marktpreis oszilliert um den Tauschwert. Das Geld überlagert gleichsam das Tauschsystem der „realen Werte“. Die Geldtheorie hatte den Tauschwert des Geldes – seine Kaufkraft – zu definieren. Auf dem Grundsatz der Gleichwertigkeit beruhend, formuliert die hypothetisch gewonnene „stationäre Gleichgewichtstheorie“ folgende Gleichung: Geldmenge (H) x Durchschnitte der Warenpreise (P) = Zahlungsmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V). Diese Gleichung stellt ein unelastisches Gleichgewichtsmodell dar, in dem H und V unverändert bleiben müssen, damit die Veränderung von M auf P wirken kann, wonach mit der Zunahme von P M entsprechend steigt. Diese Gleichung stellt ein Grenzfall des Gleichgewichts dar. In ihr werden weder der Faktor Einkommensentwicklung (Faktorkosten) noch der Zeitfaktor im Handelsverkehr berücksichtigt. Der Wert des Geldes wird durch das Verhältnis zwischen H und M bestimmt, sodass die Geldtheorie allein den Tauschwert des Geldes oder seine Kaufkraft zu behandeln hatte.

Dieses Mengenmodell ist ein Modell gleichartiger, quantitativer Einheiten und gleichzeitig der Einstieg in die „Physikalisierung“ der Ökonomie durch ihre Mathematisierung, die den Eindruck vermittelt, als seien Ware und Geld Resultate mechanischer und unpersönlicher wie unhistorischer Prozesse. Die These von der „Neutralität des Geldes“ , wie sie sich im Rechengeld äußert, ist der manifeste Versuch gesellschaftliche Produktions- und Verkehrsverhältnisse zu enthistorisieren und zu verschleiern. So schreitet in der neoklassischen „monetären Quantentheorie“ dieses Wegrücken von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen in der Wirtschaft weiter fort: Geldmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V) = Preisniveau (P) x Transaktionsvolumen (T) (I.Fischer-Gleichung). M.Friedmann modifiziert diese Quantentheorie durch die These, dass Veränderungen von V Konjunktur und Preise verändern, was zur Konsequenz führe, dass der Staat so wenig wie möglich in den Marktmechanismus eingreifen sollte. Aus dieser theoretischen Perspektive verschiebt sich das Verhältnis zwischen Ware, als ein Arbeitsprodukt unter einer spezifischen Produktionsweise und natürlichen Bedingungen, und Geld hin zum Geld. Geld regiert. Geld ist die Architektur der Weltordnung.

John Stuart Mill versucht in seinem Werk A System of Logik, Ratiocination and Induktive (1843) mit seiner Methode der induktiven Logik eine endlose Vielzahl von scheinbar unverbundener Phänomene und Vorgänge, wie sie Beobachtung und Erfahrung liefern, in ein System streng determinierter ökonomischer Beziehungen zu verwandeln, worauf sich Prinzipien des deduktiven Schließens anwenden lassen. Erst durch die Mathematisierung könne man, so Mill, überhaupt der Ökonomie der Marktwirtschaft das Prädikat Wissenschaft zuschreiben. Voraussetzung sei, dass alle Preise streng von ihren Kosten bestimmt werden. Da die Produktionselemente Maschine,Energie,Rohstoff und Arbeitskraft wie physikalische Körper zu verstehen und zu behandeln seien, müssten sich Ökonomen mit der Produktion selbst und ihren Bedingungen nicht weiter auseinandersetzen.

„Geld- Gott der Waren“ (Karl Marx)

In der Kritik der Politischen Ökonomie seiner Vorgänger weist Marx die These von der „Neutralität des Geldes“ zurück. Er entwickelt das Geld aus dem Warenaustausch, in dem es historisch zuerst als Tauschmittel und als Geldware (z.B. Edelmetalle als Geld) die Funktion eines allgemeinen Äquivalents eingenommen habe, bevor es als Zahlungsmittel und später als Zirkulationsmittel fungiert.

In den“ Grundrissen“ weist Marx darauf hin, dass Geld zuerst an den Grenzen früherer Gemeinwesen und nicht innerhalb ihrer aufgetreten sei. Es sei falsch, „den Austausch mitten in das Gemeinwesen zu setzen, als das ursprünglich konstituierende Element.“ (Marx,Grundrisse,23) Bei den Griechen und Römern habe Geld nicht alle ökonomische Verhältnisse durchflutet, wie in einer, alle gesellschaftlichen Bereiche durchflutenden Marktwirtschaft. Im Römischen Reich zum Beispiel blieb Naturalsteuer und Naturallieferung Grundlage. „Das Geldwesen eigentlich nur vollständig dort entwickelt in der Armee.“ Andererseits könne auch gesagt werden, dass es entwickelte Gesellschaftsformen gegeben habe, in denen es Kooperation und eine entwickelte Arbeitsteilung gab, ohne dass es dort, wie z.B. in Peru, „irgend ein Geld existiert.“(Marx, ebda. 24).

Das Geld entwickelt sich aus den Anfängen des Gütertauschs. Darin folgt Marx Aristoteles. Nach Aristoteles gehört der naturgemäße Austausch (metabletike) zur natürlichen Erwerbskunst (ktetke), so wie die Hauswirtschaft (ökonomia) auch. Aus dem Tauschhandel mit den erweiterten Gemeinschaften (koinonia) entwickelt sich zwangsläufig die „künstliche Erwerbskunst“ (chrematistike), die deshalb als künstliche angesehen wird, weil sie auf den Austausch mit Geld beruht. Der zufällige und unregelmäßige Güteraustausch benötigt auf kurze Sicht kein vergleichendes Maß, sondern wird bestimmt durch das Bedürfnis oder die Notlage, ein Arbeitsprodukt gegen ein anderes zu tauschen. In Stammesgesellschaften ist Geld nicht notwendig, da andere Verteilungsmechanismen (siehe Polanyi, Die Große Transformation) stattfinden. Auch im Tauschhandel, so Marx, „wo überhaupt noch wenig ausgetauscht wird und noch wenige Waren in den Verkehr kommen“, ist kein Geld nötig. Dort lasse sich das Wertverhältnis zwischen Gütern durch ein einfaches quantitatives Verhältnis ausdrücken. „In dieser Form können wir überhaupt verfahren, wenn wir nur wenige Waren miteinander vergleichen, die gleiches Maß haben; z.B. soviel Quarter Roggen, Gerste, Hafer für soviel Quarter Weizen.“ (Grundrisse,97) Die Waren stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zueinander, dessen Wert Marx wie seine Vorgänger Tauschwert nennt. Dieser Vergleich ist ein quantitativer, der auf ein gleichförmiges Maß bezogen wird. Dieses Maß muss die Eigenschaft haben, in aliquote (untergeordnete) Teile einer Einheit, z.B. einer Gewichtseinheit, untergliedert werden zu können. Diese quantitative Vergleichbarkeit bestimmt den Begriff der Äquivalenz.

Die Form des Geldes als Äquivalent geht im Lauf der Geschichte auf verschiedene Waren über. „Mit der Entwicklung des Warenaustauschs heftet sie sich aber ausschließlich fest an besondere Warenarten oder kristallisiert zur Geldform. An welcher Warenart sie kleben bleibt, ist zunächst zufällig.Jedoch entscheiden im großen und ganzen zwei Umstände. Geldform heftet sich entweder an die wichtigsten Eintauschartikel aus der Fremde, welche in der Tat naturwüchsige Erscheinungsform des Tauschwertes der heimischen Produkte sind, oder an den Gebrauchsgegenstand, welches das Hauptelement des einheimischen veräußerlichen Besitztums bildet, wie z.B. Vieh. (…) Menschen haben oft den Menschen selbst in der Gestalt des Sklaven zum ursprünglichen Geldmaterial gemacht, aber niemals den Grund und Boden. Solche Idee konnte nur in bereits ausgebildeter bürgerlicher Gesellschaft aufkommen.“ (Marx,103f.) Erst wenn der Warenaustausch seine lokalen Grenzen sprengt und der Warenwert „sich zu Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet, geht die Geldform auf Waren über, die von Natur zu gesellschaftlichen Funktion eines allgemeinen Äquivalents taugen, auf die edlen Metalle.“(104)

Da Geld in bestimmten Funktionen als Zahlungsmittel und Zirkulationsmittel durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entspringt die Illusion, es sei Institution, eine geistreiche und vernünftige Konvention und könne daher aus dem Nichts geschöpft werden, wie es Goethe im Faust ausdrückt.

„Die Geldform ist dem Ding selbst äußerlich und bloße Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse.“ (Marx,105)

Grundrisse der Politischen Ökonomie –

Wenn die Geldform „dem Ding äußerlich“ und somit unabhängig von dessen Naturalform ist, da Gold als bloße Ware nicht Geld ist, kann Geld als allgemeines Äquivalent auch Funktionen als Zahlungsmittel oder Kredit übernehmen.

Mit der Entwicklung der Warenproduktion entwickeln sich jedoch Verhältnisse, wodurch die Veräußerung der Ware von der Realisation ihres Preises zeitlich getrennt wird…Da die Metamorphose der Ware oder die Entwicklung ihrer Wertform sich hier verändert, erhält auch das Geld eine andere Funktion. Es wird zum Zahlungsmittel.“

Marx,MEW 23,S.149-

Geld als Zahlungsmittel entspringt der einfachen Warenproduktion (W-G-W) dann, wenn Kauf und Verkauf zeitlich auseinander fallen. Geld in der Funktion als Zahlungsmittel benötigt staatliche Garantie. Geld funktioniert erstens als Wertmaß in der Preisbestimmung der verkauften Waren, zweitens als ideelles Kaufmittel, obwohl es nur im Versprechen des Käufers existiert. Erst am Zahltag tritt das Geld in die Zirkulation. das Geld vermittelt nicht mehr den Austauschprozess, sondern schließt ihn ab. Wenn Geld als Zahlungsmittel fungiert, funktioniert es als Rechengeld oder als Wertmaß.

Das Kreditgeld entspringt unmittelbar aus der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel, indem Schuldzertifikate für die verkauften Waren selbst wieder zur Übertragung der Schuldforderungen zirkulieren.“

Marx,MEW 23,154-

Mit der Ausdehnung des Kreditwesens dehnt sich auch die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel aus. „Als solches erhält sie eigene Existenzformen, worin es die Sphäre der großen Handelstransaktionen behaust, während die Gold- und Silbermünze hauptsächlich in der Sphäre des Kleinhandels zurückgedrängt wird.“(Marx,MEW 23,154) Das Geld wird „zum Henker aller Dinge“. (Marx) „Die Finanzkunst die Retorte, in der eine Schrecken erregende Menge von Gütern und Waren verdampft worden ist um diesen unheilvollen Extrakt zu gewinnen…Das Geld erklärt dem ganzen Menschengeschlecht den Krieg.“ (Boisguillertot, in: Marx MEW 23, ebd.154) Je umfangreicher sich das Geld als Zahlungsmittel entwickelt, und das tut es als Geldkapital zwangsläufig, um so notwendiger wird die Geldakkumulation für die Verfallstermine der geschuldeten Summen.

Das Himmelreich des Geldes

Als allgemeines Äquivalent erfüllt Geld nicht nur die Funktion eines Tauschmittels, nicht nur die eines Zahlungsmittels, sondern es ermöglicht auch den Austauschprozess zu einem permanenten Zirkulationsprozess zu gestalten. Als Zirkulationsmittel ist Geld nicht nur Repräsentant der Warenpreise, sondern Zeichen seiner selbst, d.h. in dem Akt der Zirkulation ist sein Material gleichgültig. Es ist symbolisches Geld und ersetzt das reale (materiale) Geld. Als ein solches Zeichen kann es auch gegen andere Zeichen, z.b. Wertpapiere, und gegen Währungen ausgetauscht werden.

Der Zirkulationsprozess der Ware hat folgende Kreislaufbewegung: W-G-W. Die Ware fällt nach dem Kauf aus der Zirkulation heraus und wird konsumiert. Der Kreislauf des Geldes erscheint in diesem einfachen Zirkulationsprozess nicht. Als Zirkulationsmittel haust aber das Geld ständig in der Zirkulationssphäre: G-W-G-W-G…

Wenn es mit anderen Zeichen oder Wertpapieren in einen Austauschprozess tritt, dann zirkulieren keine realen oder materiellen Waren, sondern nur Eigentumstitel auf ein zukünftiges Geld. Die Eigentumstitel können dann entweder selbst die Funktion des Geldes oder eben Ware sein. Märkte, auf denen dies passiert, scheinen entkoppelt von allen anderen Märkten. Es ist das „Himmelreich des Geldes.“

2 Kommentare zu „Der Geist des Geldes“

    1. Sieht man sich die heutigen Kapitalmärkte an, so scheinen diese wirklich im „Himmelreich des Geldes“ angekommen zu sein – nur dass mit zunehmender Entkoppelung dieses Reich irgendwann zusammenfällt und im Elend endet.

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