Freiheit und Knechtschaft

Prolegomenon:

„Herr Proudon verfällt in den Irrtum der bürgerlichen Ökonomen, die in den ökonomischen Kategorien ewige Gesetze sehen und nicht historische Gesetze, die nur für eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte gelten. Statt daher die polit-ökonomischen Kategorien als Abstraktionen von den wirklichen, vorübergehenden, historischen gesellschaftlichen Beziehungen anzusehen, sieht Herr Proudon, infolge einer mystischen Umkehrung, in den wirklichen Verhältnissen nur Verkörperungen dieser Abstraktionen.“ (K.Marx) Die Kategorie  oder die Idee „Freiheit“ und die Kategorie „Sklaverei“ bilden einen Antagonismus, sie sind Gegensätze. Die „direkte Sklaverei“ (Marx) im Vergleich zur „indirekten Sklaverei“ , der Lohnarbeit, ist „Ausgangspunkt unserer heutigen Industrie, ebenso wie die Maschinen, der Kredit etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie…Die Sklaverei verschwinden zu lassen, hieße Amerika von der Weltkarte streichen. So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Marx an Annenkom, am28.12.1846;In: MEW 4, S.547-57).  Die Maskerade der Sklaverei hat im Falle des Negerhandels anders ausgesehen als im Falle der „indirekten Sklaverei“, der Lohnarbeit. Im ersteren Falle sollte die Maskerade vortäuschen, Neger seien eine andere Rasse Mensch und hätten eine andere Polygenese, etwa wie die der Neandertaler. Neger seien dumm, unvernünftig, unzivilisiert, Affen ähnlich, seien einfaches Handelsgut. Sie wurden wie Vieh „Gebrandmarkt“, gestempelt. (siehe Ibrahim X.Kendi, Stamped from the Beginning, The Definitiv History of the Racist Ideas in Amerika. Erschienen bei C.H.Beck 2016) Vielfältige Blüten des Rassismus stellt Kendi in seinem Buch dar, um den Widerspruch zwischen dem Postulat der bürgerlichen Verfassung „Alle Menschen sind gleich“ und der Sklaverei aufzuheben. Um zum Beispiel diesen Widerspruch aufzuheben, fügten die Südstaaten, die Sklaverei betrieben, den Satz in ihre Verfassung ein: „Alle freien Menschen sind gleich erschaffenworden.“ Auch der liberale Adam Smith, Großmeister der kapitalistischen Ökonomie, schreibt in seinem Meisterwerk der Maskerade: „Das ganze Innere Afrikas und alle Länder, die weiter nördlich vom Schwarzen Meer und Kaspischen Meer liegen… waren wohl von jeher in dem unzivilisierten und unterentwickelten Zustand, in dem wir sie heute noch vorfinden.“ Zugleich lobt er die Amerikanische Verfassung. Dass auch für A.Smith Sklaverei eine ökonomische Kategorie ist, zeigt der Unterschied, den er zwischen Lohnarbeit und Sklaverei macht. Die Sklaverei sei nachteilig für eine Marktwirtschaft, da Sklaven keine Käufer und kein eigenes Einkommen besitzen, wie die Lohnarbeiter. Für Jefferson, den alten Rassisten, war der >Wohlstand der Nationen< das beste Buch über die politische Ökonomie, das es gibt.“ Als in Frankreich 1789 die Revolution im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begann, gab es in der französischen Kolonie Saint-Dominique nach Angaben der damaligen Kolonialverwaltung 40 000 Weiße und 28 000 freie Farbige. Dazu kamen 452 000 Schwarze Sklaven. Die französische Regierung verweigerte trotz ihrer revolutionären Verlautbarungen jegliches Zugeständnis gegenüber den freien Farbigen, da Frankreich wirtschaftlich am Boden und in Kriege mit allen Nachbarn verwickelt war. Die Kolonie war die einzige verlässliche Einnahmequelle. Die Revolutionäre sahen deshalb in der Diskriminierung von Schwarzen und Farbigen eine notwendige Ausnahme von ihrer egalitären Ideologie.     

Im Unterschied zur direkten Sklaverei bewegt sich die „indirekte Sklaverei“ der Lohnarbeit im Rahmen der Zirkulation der Marktwirtschaft. Lohnarbeiter sind aktive Teilnehmer der Zirkulation; sie sind Anbieter ihrer Ware Arbeitskraft und Konsumenten, Nachfrager nach den Waren. Was in diesem Zirkulationsprozess herrscht ist : Freiheit, Gleichheit und Eigentum. Die Grundprinzipien ewiger Menschenrechte.

„Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine.Bentham! denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die des Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil jeder nur für sich und keiner für den anderen kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie (Unsichtbare Hand! Wol.Ro.) der Dinge, oder den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzes, des Gesamtinteresses. Schon beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation…verwandelt sich, so scheint es, die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstrebend, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markte getragen und nun nichts anderes zu erwarten hat als die – Gerberei.“ (Marx, Kapital I. Werke MEW 23, S.189-91)

Das Reich der Freiheit

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Im „Reich der Notwendigkeit“ , in dem der vergesellschaftete Mensch den Stoffwechsel mit der Natur rationell regelnd und unter gemeinschaftliche Kontrolle bringend, mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollzieht, hört dort auf, „wo die menschliche Kraftentwicklung.. sich als Selbstzweck gilt… Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“ (Marx, Kapital III. MEW 25, S.828)

 Als Naturwesen können Menschen niemals ganz frei im Sinne der Abwesenheit eines Zwangs sein. Sie  müssen in einen „Stoffwechsel“ (Marx) mit der Natur unter bestimmten Bedingungen des Arbeitsprozesses als soziale Wesen eintreten.

Wenn Freiheit ,nach Kant, „das Vermögen der reinen Vernunft für sich selbst praktisch zu sein“ ist, dann ist dem Menschen das Vermögen nur dann möglich, wenn er selbst von diesem „Stoffwechsel“ absehen kann. Freiheit ist dann eine Zustandsbezeichnung. Die Freiheitsrechte, wie sie in den Menschenrechten formuliert sind, sind eine Zustandsbeschreibung unter bestimmten ökonomischen und politischen Bedingungen. Wenn sie als Vernunftrecht tituliert und somit von der Natur des Menschen aus gesehen als ewig und als unveräußerlich postuliert werden, dann sind sie reine Ideologie und Propaganda sowie ein Kampfmittel in der Außenpolitik. 

Im Reich des bürgerlichen Rechts ist die Person im Gegensatz zu seiner Stellung im „Stoffwechselprozess“ als Rechtsperson frei. Als Rechtsfigur tritt Freiheit in der Maske (lat. persona, die Schauspielermaske) des Individuums anderen gegenüber auf und wird auch von anderen als solches „angesehen“. Sie sehen sich als gleichwertige Personen an. Ihr Verhältnis ist ein Vertragsverhältnis, ein gewaltloses, ein von personaler Unterdrückung und Knechtschaft freies Verhältnis. Die Produktionsverhältnisse bleiben aber davon unberücksichtigt. 

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