Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung, das 16. und 17. Jahrhundert, sind Jahrhunderte einer neuen Art von Kriegen. Eroberung und Ausbeutung neuer und unbekannter Territorien und Menschen in Übersee erforderten Seekriege. Die europäische Expansion in Asien, besonders in Indien, in den beiden Amerikas und in Afrika geschah durch eine Union von Staatsmacht und privatem Kapital, von Krone und Großbürgertum.
Das Interesse von Krone und Kapital lag in der räuberischen Aneignung von Naturschätzen und in der Ausbeutung von Mensch und Natur. Während die europäischen Monarchien an der Teilhabe des Raubzuges und der Erweiterung ihres Hoheitsgebietes in fremden Ländern interessiert waren, um ihre Hegemonialansprüche in Europa untermauern zu können, waren die Kaufleute, Kapitäne,Eroberer und Bankiers an der Maximierung ihres Profits, an der Eroberung neuer Märkte, am Aufbau der Textilindustrie, an der Sicherung des Rohstoffs Baumwolle, schließlich an der Organisierung eines neuen Handels- und Produktionssystem eines weltumspannenden Kapitalismus interessiert. Zwar beteiligte sich z.B. die spanische Krone am Anfang an der Finanzierung der Expansion der Konquistadoren, das Risiko aber trugen die Eroberer. Auch die Folgekosten für die militärische Ausrüstung, für Verpflegung und Entlohnung der angeheuerten Seeleute mussten sie tragen. Aber sie waren meist die neuen Eigentümer eroberter Ländereien, auf denen sie Plantagen errichteten, Sklaven arbeiten ließen und Eigentümer des Raubgutes waren, das zum Fünftel von der Krone besteuert wurde. Zwar übten die Monarchien Spanien, Portugal, England und Frankreich und nicht zu vergessen die Republik der Niederlande die Hoheitsgewalt über die neuen Territorien, den Kolonien, aus, doch die Kapitalbesitzer besaßen die ökonomische Macht. „Privatisierte Gewalt gehörte zu den Kernkompetenzen“ (Sven Beckert) der Eroberer. Die Expansion europäischer Handelsnetze beruhte auf der Bereitschaft, Konkurrenten militärisch zu unterdrücken, durch Piraterie, durch Monopolbildung, und Menschen in vielen Regionen die merkantile Präsenz Europas aufzuzwingen.
Nach Zucker, Gewürzen, feinem Tuch aus dem Nahen und Fernen Osten bestand das Ziel des „transozeanischen Handels“ (Sven Beckert) darin, große Mengen Stoff auf den europäischen Markt zu bringen. Kattunen, Musselin und Chintzen wurden in indischen Werkstätten auf dem Lande hergestellt. Die Lieferkette indischer Baumwolle war anfangs kurz. Die Baumwolle fand direkten Zugang zu den indischen Werkstätten auf dem Lande. Lokale Händler, die Banias, kauften die Stoffe und verkauften sie an europäische Kaufleute, die in den Küstenstädten Faktoreien besaßen. Auf die Produktionsstätten hatten die europäischen Handelsgesellschaften ursprünglich keinen unmittelbaren Zugriff. Die indischen Baumwollproduzenten kontrollierten ihren Arbeitsrhythmus, waren Eigentümer der Arbeitsmittel und behielten das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen immer sie wollten. Auf die Preisgestaltung hatten die Europäer zu Anfang deshalb auch keinen unmittelbaren Zugriff.Die indische Stoffproduktion erlebte einen Aufschwung.
Die Stoffe dienten den Europäern als Tauschmittel, um in Südostasien damit Gewürze zu erwerben. Sie wurden auch an afrikanische Händler verkauft, um Sklaven zu kaufen, die gerade in der Neuen Welt auf den Plantagen gebraucht wurden.
Im nächsten Schritt ging es den Handelsgesellschaften darum, die Lieferkette zu kanalisieren und damit den Preis zu drücken. Englische Kaufleute bauten ein Nachfragemonopol auf. Sie vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die Banias über Mengen, Muster, Qualität und Lieferdaten. Den Vorschuss verteilten die Banias an Zwischenhändler, die einzelnen Webern die Mittel vorstreckten, um die Aufträge bewerkstelligen zu können. Die Zwischenhändler schlossen mit Webern die Verträge ab. Der produzierte Stoff ging denselben Weg wieder zurück. „Durch die Einmischung der Europäer in den asiatischen Handel gerieten ältere Netzwerke zunehmend ins Abseits, da bewaffnete europäische Händler die einst dominanten Inder und Araber aus vielen interkontinentalen Märkte heraus drängten.“ (Sven Beckert, King Cotton, C. H. Beck, S. 48)
Die „englische Methode“ beschreibt einen weiteren Schritt, um den Textilhandel ganz unter die Kontrolle zu bekommen. Zuerst versuchten man die indischen Banias aus dem Geschäft zu drängen, um unmittelbar Kontakt zu den dörflichen Produzenten zu erlangen. Man gründete ein „Board of Trade“ mit Hilfe indischer Agenten, den Gumashtas, die auf der englischen Lohnliste standen. Außerdem gab diese Einrichtung dem Generalgouverneur Instruktionen, wie das Ankaufsystem für Baumwollstoffe umgestaltet werden sollte. Ziel war es, mehr Stoffe zu günstigen Preisen zu produzieren. Um dieses Ziel einer Massenproduktion zu erreichen, führte man die Produzenten in eine Kreditabhängigkeit, damit sie der Nachfragemenge nachkommen konnten. Die Gumashtas bestimmten fortan die Produktionskapazitäten und senkten die Erzeugerpreise.
Dieser Prozess, der dem europäischen Verlagssystem ähnelt, führte in weiten Teilen zur Lohnarbeit, die mit einer Zunahme personaler Gewalt einherging.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhielten die indischen Weber bis zu 33% des Stoffpreises, im 18. Jahrhundert nur noch 6%. Sven Beckert berichtet, dass 1795 die Sterberate der Weber sehr hoch gewesen war.(57) Europäische Handelsgesellschaften zerstörten die indische Baumwollindustrie grundlegend.
Nicht nur die globale Vernetzung der Handelsströme, auch eine neue effiziente Produktionsweise organisierten europäische Unternehmer. Das „Herzstück“ dieses Systems war die Sklaverei. Sie ist eine „ökonomische Kategorie“ (Marx). Betriebswirtschaftlich war die „Sklavennahme“ in Afrika und Mesoamerika eine effiziente, profitable Methode, um kostengünstig größere Mengen Baumwolle in der Betriebsform der Plantagenwirtschaft produzieren zu können und ihn dann nach Europa zu verschiffen, um dort die Textilindustrie aufbauen zu können. Zwar kostet der Sklavenkauf, aber die Exploitation der Arbeitskraft des Sklaven ist recht kostengünstig.
Der Kolonist bekommt zwar mehr Land, als er selbst bearbeiten kann, wie Adam Smith schreibt, braucht zudem keine Steuern zu bezahlen, er braucht seinen Ertrag auch nicht mit einem Grundbesitzer teilen. „Er hat daher jeden Anlass, einen möglichst hohen Ertrag zu erwirtschaften… Doch besitzt er gewöhnlich soviel Land, dass er … nur selten imstande ist, mehr als den 10. Teil von dem zu produzieren, was sein Besitz erbringen könnte. Er ist ständig bemüht, von überall her Arbeitskräfte zu beschaffen.“ Kostengünstig ist nach A.Smith auch die Landnahme der Kolonisten: „ Die Kolonie eines zivilisierten Volkes, das ein unerschlossenes Land in Besitz nimmt oder ein Land, das so dünn bevölkert ist, daß die Eingeborenen den neuen Siedlern leicht Platz machen können, entwickelt sich rascher Reichtum und Größe als irgendeine andere menschliche Gemeinschaft.“ (Adam Smith, Wohlstand der Nationen, S. 473)
Sven Beckert hat die propagandistische Schönfärberei europäischer und amerikanischer Herrschaften in einer These von der „Zweiteilung der Welt“ in eine „innere Welt“ und in eine „äußere Welt“ zum Ausdruck gebracht. Die „innere Welt“ beruhe auf den Gesetzen, Institutionen und Regeln des Heimatlandes; auf den bürgerliche Rechtsstaat, auf demokratische Institutionen, auf Gesetzen, die auf den postulierten Menschenrechten beruhen. Die „äußere Welt“ dagegen war gekennzeichnet von der imperialen Herrschaft, von Enteignungen riesiger Gebiete und Unterjochung unzähliger Menschen, von der Dezimierung großer Teile der beherrschten Völker oder des Genozids.
Entscheidend in dieser frühen Phase des Kapitalismus war nicht die Organisierung eines Welthandels, der unter protektionistischen Maßnahmen europäischer Großmächte und der Monopolbildung großer Handelsgesellschaften stand, sondern die Umgestaltung der Produktion in eine Produktion der Lohnarbeit.
Sven Beckert erzählt die Geschichte von Samuel Greg, die paradigmatisch die Produktionsnetzwerke, die Lieferketten und die Kapitalzirkulation im 18. Jahrhundert demonstriert.
1780 investierte Samuel Greg 3000 Pfund, was in etwa dem heutigen Wert von 500 000 Dollar entsprechen würde, in den Aufbau einer Garnfabrik Quart Bank Mill nahe Manchester. Dieses Vermögen entsprang der Sklavenarbeit auf seiner Zuckerplantage einer karibischen Insel mit Namen Dominica, auf der er bis zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei auf britischem Gebiet 1834 Hunderte von afrikanischen Sklaven ausbeutete. Mit dem Kapital aus diesem Vermögen stellte er zuerst 90 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren für 7 Jahre aus den dörflichen Armenhäusern ein:
Eine Geschäftsidee, die durchaus gängig in Unternehmerkreisen war. J. Bentham, ein utilitaristischer Menschenfreund und Glücksmathematiker, wollte zusammen mit seinem Bruder Samuel Arme und Sträflinge in großer Zahl zum Antrieb von Maschinen in seiner Fabrik einsetzen und in Industriehäusern beherbergen. Sein Vorschlag sah vor, von einem in London residierenden Aufsichtsrat der Bank von England, einer Privatbank, sollten in ganz Südengland solche Industriehäuser geleitet werden. Die Kosten sollten einem Fond entnommen werden. Die Körperschaft sollte eine Aktiengesellschaft sein. 250 solcher Industriehäuser mit einer halben Millionen Insassen sollten errichtet werden. „Benthams Plan bedeutete nicht weniger, als den Ausgleich des Konjunkturzyklus durch die Kommerzialisierung der Arbeitslosigkeit im gigantischen Maßstab.“ (Polanyi)
Die Baumwolle für seine neue Fabrik kaufte Greg aus dem gleichen Vermögen, das aus seiner Zuckerplantage auf Dominica stammte, von verwandten Kaufleuten in Liverpool, die ihre Baumwolle aus Jamaika und aus dem brasilianischen Recife bezogen.
Im Unterschied zur Manufaktur setzte Greg eine Spinnmaschine ein, die allein durch Wasserkraft betrieben wurde. Sie erlaubte kontinuierliches Spinnen ohne etwaige Unterbrechung. Die „Waterframe“ benötigte einen mechanischen Antrieb, weshalb sich die Produktion in Fabriken konzentrierte im Unterschied zur „Jenny“, die meist in Privathaushalten angewandt wurde.
Dem Fabriksystem gehörte die Zukunft, da durch den Einsatz von Maschinen und durch die Erweiterung und Spezialisierung der Arbeitsteilung die Produktivität entscheidend erhöht werden konnten.
Zwanzig Jahre später stellte Greg weitere 110 erwachsene Arbeiter ein, nun allerdings zu „regulären Löhnen“, wie Beckert bemerkt.
Um zu verstehen, was die Formulierung „regulär“ bedeutet, lohnt sich einen Blick auf die großen Armutsgesetze der Jahre 1598 und 1601 zu werfen, die Grundlagen des englischen Armutsrechts bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts blieben. „Das Armutsgesetz von 1598 enthielt darüber hinaus auch die Bestimmung, die die zwangsweise Lehrlingsausbildung von armen Kindern anordnete.“ An die Stelle individueller Mildtätigkeit in den Jahrzehnten zuvor, die im Zusammenhang mit der Expansion der Markt-und Geldwirtschaft im Verlauf des 16.Jahrhunderts tendenziell zurückging, wurde durch die >Act for the Relief of poor< (1598) die Armenunterstützung in der Hauptsache den Kirchenvorständen und Armenaufsehern einzelner „Kirchspiele“ übertragen. Die Einführung der kommunalen Armensteuer (compulsory poor rate) wurde von jedem Einwohner und jedem Landbesitzer eingezogen – im Falle von Notzeiten. Als Arme galten Kranke, Arbeitsunfähige und alleinstehende Kinder und Alte, die ihre Lebensmittel nicht aus eigener Kraft besorgen konnten: die „impotent poor.“
Es ist zu vermuten, dass Samuel Greg jene 90 Kinder aus den Armenhäusern mit „Naturallöhnen“ entschädigt hat, die dem Kirchsprengel die Kosten für die Unterbringung der Kinder minimierte, was nicht nur für die Kirchenvorsteher, ihren Aufsehern, sondern auch für den Fabrikanten Greg sowie den Steuerzahlern zum geldlichen Vorteil gereicht haben durfte. Dieses Entlohnungssystem war nicht nur kostengünstig und profitabel, sondern stellte auch ein Übergangssystem zur vertraglich aushandelbaren Lohnarbeit durch den Arbeitsmarkt dar, den es in Großbritannien erst ab 1834 gab.
Als 1795 das aus dem Jahre 1662 stammende Niederlassungsgesetz gelockert wurde, das die Vorschriften der sogenannten Gemeindeleibeigenschaft niederlegte, wurde aber zur gleichen Zeit das „Speenham Gesetz“ als ein Zuschussgesetz für niedrige Löhne eingeführt. Die Lohnzuschüsse waren an den Brotpreis gekoppelt und sollten Armen, unabhängig von ihren Einkünften, ein Minimaleinkommen garantieren. Da 1790 und 1800 verschiedene Antikoalitionsgesetze erlassen wurden, trug das Speenham Gesetz mit dazu bei, die Löhne „regulär“ zu senken und die Arbeitgeber gleichzeitig zu subventionieren. Erst mit der Abschaffung der Sklaverei 1834 entstand ein Arbeitsmarkt. „Der Arbeitsmarkt war praktisch der letzte der Märkte, die im Rahmen des neuen Industriesystems organisiert wurden, und dieser letzte Schritt wurde erst dann eingenommen, als die Marktwirtschaft startbereit war und sich das Fehlen eines Arbeitsmarktes sogar für das einfache Volk selber als größeres Übel erwies denn die unheilvollen Auswirkungen, die mit seiner Einführung eingehen sollten.“(Karl Polanyi, The Great Transformation, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1978, S.113)
Mit dieser kapitalistischen Produktionsweise erwirtschaftete Samuel Greg eine Kapitalrendite von 18%, die vier mal so viel höher war als britische Staatsanleihen. Dieses Anleihesystem wurde gegen Ende des 17.Jahrhunderts eingeführt, weil die Staatsverschuldung durch die Kriegsführung Wilhelms III. zwischen 1691 und 1697 auf jährlich 2,5 Millionen Pfund angewachsen war. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 war sie auf 54 Millionen Pfund angewachsen, mit einem jährlichen Zinsendienst von 3,5 Millionen Pfund. Auch in diesem Zusammenhang wird die Machtteilung zwischen Krone und Bourgeoisie deutlich: Die politische Macht lag in den Händen der Krone, die ökonomische in den Händen der Großbourgeoisie. Eine solche Machtteilung war für eine kapitalistische Marktwirtschaft auf längere Sicht nicht verträglich.
Die Fabrik des Samuel Greg exportierte das Garn in die europäischen Staaten und in die Karibik. „Schließlich sollte ein Großteil der von Greg produzierten Waren Großbritannien verlassen – um den Bedarf des Sklavenhandels an der Westküste Afrikas zu decken, um Greg eigene Sklaven auf der Insel Dominica zu bekleiden und um die Verbraucher auf dem europäischen Kontinent zu bedienen.“ (S.Beckert) 1833 beschäftigte Greg 2084 Arbeiter an 5 Standorten.
Die „direkte“ und „indirekte Sklaverei“ ist der „Ausgangspunkt unser heutigen Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie… So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Karl Marx, Brief an Annakow, MEW 4)