Marx und der Marxismus

Kritische Anmerkungen zu dem Buch ‚Die Erfindung des Marxismus, Wie eine Idee die Welt eroberte‘ von Christina Morina, Siedler Verlag 2021

Manche Epigonen, die erste Generation der Marxisten, haben, so Christina Morina, „die sinnstiftende Rolle der Geschichte“ wie auch ihre „Faszination für die Revolution“ ins Zentrum ihrer Rezeption der Marxschen Geschichtsauffassung gestellt und damit den Marxismus erfunden. Dem kann man nur zustimmen. Dies mag, wie die Autorin anhand von Dokumenten zeigt, zutreffen. Es mag auch erklären, wie Marxens politökonomische Studien vergangener technologischer, ökonomischer und politischer Ereignisse und Zustände zu einer Ideologie durch die frühen Marxisten verklärt worden sind. Da die historische Wissenschaft immer auch eine vergleichende ist und von der Autorin der Zusammenhang von Marxens Geschichtsauffassung und denen der ersten Marxisten hergestellt worden ist, so sollte man doch erfahren, was Marx unter „Geschichte“ verstanden hat; zumal er sowohl in seinen jungen Jahren als auch später durchaus unterschiedlicher Auffassung war. Frau Morina bemüht in diesem Zusammenhang den Begriff des >Historischen Materialismus< – ohne indes Marx selbst sprechen zu lassen. Dafür bewertet sie den „Histomat“ als „stets antihistorisch argumentierenden“. (113) Der >Historische Materialismus< habe historische „Gesetze“ formuliert und habe behauptet, „damit dem Gang der Geschichte auf die Spur gekommen  zu sein.“ (113) Ja,  diese Ideologie habe auf eine „listige Weise, wie es Konsellek formuliert, >die geschichtlichen Lehren (…) durch die Hintertür in die Gegenwart“ transformiert. Wenn die Autorin Jaurés als Zeugen für den Histomat anführt, man könne „alle historischen Vorgänge und Erscheinungen durch bloße wirtschaftliche Entwicklung erklären“ (109), dann zitiert sie eine Deutung, die nicht mit der späteren Marxschen Auffassung übereinstimmt. 

Marx ist „kein Marxist“ – dieses von Marx selbst formuliertes Bonmot  sollte doch auch der Autorin zu denken geben. Außerdem reproduziert sie den schon seit dem 18. Jahrhundert gängigen (oft drei Stadien umfassenden) Geschichtsdeterminismus, der aus der liberalen Feder der Aufklärung stammt, und stülpt ihn der Marxschen Auffassung über, um die historisch fundierten und empirischen Analysen Marxens als Ideologie zu diffamieren, vorausgesetzt sie hat sie in ihrer historischen Fülle, ausgehend vom Hegelianismus, dem Marx in seinen jungen Jahren anhing, bis hin zu seinen eigenen Studien (Einführung in die Kritik der Politischen Ökonomie u.a. Schriften), gelesen. 

Marx setzt sich mit den klassischen Ökonomen (von Petty, Adam Smith bis zu Ricardo und J.St.Mill) kritisch auseinander und hat ihre Theorien  analysiert.  Marx hat  im Gegensatz zu A.Smith, der dem Menschen von „Natur“ aus die Eigenschaft, Handel zu treiben, zugesprochen hat, den Produktivkräften der gesellschaftlichen Arbeit nachweisbare und messbare Materialität zuerkannt, die das Agens der historischen Entwicklung seien. Die Art und Weise, wie diese historisch unterschiedlichen Produktivkräfte (Arbeit,Arbeitsteilung,Maschinen, Handwerkzeug, Arbeitsorganisation, Technologie, und Wissenschaft) gesellschaftlich eingesetzt werden, also die Produktionsverhältnisse bestimmen, sind nur empirisch zu konstatieren. Bestimmte gesellschaftliche Formen der Arbeitsorganisationen sind nur im Nachhinein festzustellen und zu analysieren.  So ist die gesellschaftliche Form der Arbeitsorganisation von Kapital und Lohnarbeit eine spezifisch historische und hat bestimmte ökonomische Voraussetzungen und Wirkungen und unterscheidet sich z.B. von jener in rein agrarischen Gesellschaften, in den es keine Lohnarbeit und daher auch  keine Marktwirtschaft gegeben hat. Aber gewiss unterliegen diese gesellschaftlichen Arbeitsorganisationen nicht deterministischen historischen Gesetzmäßigkeiten. Etwa in der Form, dass auf feudale Arbeitsorganisation zwangsläufig eine kapitalistische, d.h. eine von Kapital und Arbeit, gefolgt sei. 

Die Beziehungen zwischen den geistigen kulturellen Überbauphänomenen  und der ökonomisch kulturellen Arbeitsorganisationen hat Marx insoweit nur ausgeführt, als das „Sein das Bewusstsein“ bestimme. Ausgeführt hat er diese These indes nicht. Für Marx hat die Erkenntnis, dass man von den feststellbaren und offensichtlich materiellen Zuständen ausgehen müsse, als Resultat seiner historischen Forschung und der Kritik der Politischen Ökonomie als „Leitlinie“ gedient, wie er selbst sagt.

Nicht nur für die ersten Marxisten, auch  für die nachfolgenden im 20. Jahrhundert ist die Empörung über die sozialen Verhältnisse und das Ethos der sozialen Gerechtigkeit in ihr politisches Engagement fundamental eingeschrieben. Sozialisten und Kommunisten sind immer schon für die Armen und Entrechteten in der Welt eingestanden – aber danach hat sich die geschichtliche Entwicklung nicht gerichtet. Obwohl sie oft und vielleicht viel moralisch „Gutes“ bezweckten, haben sie oft  „Schlechtes“ für die Adressaten des Marxismus erreicht.  Der „reife“ Marx  hingegen hat versucht, politisches oder moralisches Engagement aus seiner ökonomischen Analyse der  Politischen Ökonomie seiner Zeit herauszuhalten.Einen politischen, meist auch moralischen und Analyse hat Marx später stets getrennt. Ausgangspunkt seiner Analyse waren  die konkreten politökonomischen und sozialen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, aber ihn interessierte nicht die Beschreibung, die ihm als Beleg für seine Analyse dienten, sondern die „Anatomie“ des kapitalistischen Systems. Insofern kann die „Anatomie“ auch keine „Rezeptur“ für irgendeine Weltrevolution sein, denn jede kapitalistisch funktionierende Gesellschaft hat spezifisch historisch unterschiedliche „organische“ Voraussetzungen. Den Begriff Kapitalismus hat Marx nicht verwendet- und das nicht ohne Absicht, denn er unterstellt ein abgeschlossenes und ideologisches System. Er hat sprachlich stets den ökonomischen Begriff >Kapital< oder diesen Begriff adjektivisch verwendet. 

Um welche revolutionäre Idee handelt es sich überhaupt? Um welches „zündendes Ideenpaket“  oder um welche „Weltverbesserungsrezeptur“ (154) handelt es sich? Marxens „Idee“ war, nachdem die  Revolution von 1848 gescheitert war, der Philosophie den Rücken zuzukehren und sich der kritischen Analyse  der Politischen Ökonomie zuzuwenden. Die „Englische Schule“ seit William Petty bis hin zu David Ricardo im 19.Jahrhundert verstand die Wirtschaft als eine Zirkulation von Geld und Ware, von Produktion und Marktwirtschaft. Diese „englische Schule“ ging der Frage nach, was den Wert einer Ware ausmache. Die Ware sei zum einen ein Gebrauchsgegenstand, den diese Ökonomen als Gebrauchswert bezeichneten, der in den Konsum eingeht; zum anderen beinhalte sie einen Tauschwert, der die Ware kommensurabel mit anderen Waren oder mit Geld mache. Als Maßstab für diesen Tauschwert legten sie die Arbeitszeit fest. Die Quelle dieses Tauschwertes sei  die Arbeit. J.M.Keynes  hat die Vertreter der  Arbeitswertlehre, der seit William Petty Adam Smith bis hin zu J.St.Mill auch Marx anhing,  als Vertreter der „klassischen Ökonomie“ bezeichnet. Marx kritisierte u.a. den Arbeitsbegriff der liberalen Politischen Ökonomie, indem er darauf aufmerksam machte, dass Arbeit mit dem Tauschwert der Ware nicht kommensurabel sei, mit anderen Worten, nur Arbeitskraft sich mit Lohn vergleichen ließe (Doppelcharakter der Arbeit als „konkrete Arbeit“  und als „abstrakte“ Arbeit, die er als Arbeitskraft bezeichnete, weil diese sie mit anderen vergleichbar mache).  Auch jene Vertreter der Arbeitswertlehre vertraten eine auf der Ausnutzung der Arbeit beruhende Mehrwerttheorie als Grundlage des Profits. Man kann wie die Neoklassik seit der Mitte des 19.Jahrhunderts diese Theorie kritisieren und ablehnen und den Schwerpunkt der Analyse allein auf Marktprozesse und Preisrelationen legen und somit jeglichen sozialen Horizont aus der Ökonomie tilgen (siehe z.B. Grenznutzentheorie), aber man kann nicht von „Weltverbesserungsideologie“ sprechen. Die Kritik der Politischen Ökonomie ist der Kern der Marxschen Ökonomie. Diese baut auf ihr auf und ist die „Basis“ für die Untersuchung weiterer gesellschaftlicher „Überbau“-Phänomene. Die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie, die in Adam Smith und David Ricardo ihre Hauptvertreter hat und mit deren Theorien sich Marx in den >Theorien über den Mehrwert< und in den >Grundrissen< auseinandergesetzt hat, war alles andere als eine „Gegenwartsanalyse“ im Sinne einer Beschreibung ökonomischer und sozialer Zustände. Der Leser hätte sich von einer ausgebildeten Historikerin und Professorin gewünscht, sie hätte sich auch als ökonomische Autodidaktin mit dem Kern der Marxschen Theorie beschäftigt und nicht schon alt bekannte Fake News verbreitet.  Eine politische oder gar politisch-revolutionäre Lehre (Revolutionstheorie, wie sie Lenin oder Luxenburg vertraten) oder eine Staatstheorie hat Marx nicht vorgelegt.  Er hat zu vielen gesellschaftlichen Themen Thesen vertreten, sicherlich aber keine deterministische Geschichtsphilosophie, die seinem Denken widersprochen hätte. Zweifel, Neugier und Kritik waren seine Prämissen für wissenschaftliches Arbeiten.  Dass seine politische Ökonomie eine sozioökonomische ist, lässt sich nicht bestreiten.

„Aber, wird man sagen, die allgemeinen Gesetze des ökonomischen Lebens sind ein und dieselben; ganz gleichgültig, ob man sie auf die Gegenwart oder die Vergangenheit anwendet. Gerade das leugnet Marx. Nach ihm existieren solche abstrakten Gesetze nicht Nach seiner Meinung besitzt im Gegenteil jede historische Periode ihre eigenen Gesetze … Sobald das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode überlebt hat, aus einem gegebenen Stadium in ein anderes übertritt, beginnt es auch durch andere Gesetze gelenkt zu werden (…) Marx leugnet z.B., daß das Bevölkerungsgesetz dasselbe ist zu allen Zeiten und an allen Orten. Er versichert in Gegenteil, daß jede Entwicklungsstufe ihr eigenes Bevölkerungsgesetz hat…Mit der verschiedenen Entwicklung der Produktivkraft ändern sich die Verhältnisse und die sie regelnden Gesetze. Indem Marx das Ziel stellt, von diesem Gesichtspunkt aus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erforschen und zu erklären, formuliert er nur streng wissenschaftlich das Ziel, welches jede genaue Untersuchung des ökonomischen Lebens haben muss…“

„Indem der Herr Verfasser das, was er meine wirkliche Methode nennt, so treffend, und soweit meine persönliche Anwendung derselben in Betracht kommt, so wohlwollend schildert, was anders hat er geschildert als die dialektische Methode?“(Marx)

Kapital I (Nachwort zur 2.Auflage) Werk 23, S.25-7, Institut-Ausgabe S.15-17

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