Der Meta-Mythos von der Freiheit des Einzelnen

             

Autoren von Abstammungs- und Schöpfungsmythen kennt man nicht. Ihre Namen sind im Strom der davon Erzählenden verloren gegangen. Diese Mythen erzählen von den Urgründen der menschlichen Herkunft und von der normativen Weltsicht und ihren Anfängen. Ihre Bewahrer, hoch angesehene Leute, waren zumeist „Priester“, d.h. Vorsteher der Gemeinschaft. Sie verkündeten nicht nur, sondern fügten auch etwas hinzu oder veränderten die Erzählung. Die Mythen berichten von metaphysischen Mächten, die sich hinter oder in den Körpern verbergen, von Dämonen mit übersinnlichen Kräften. Erst in der europäischen Antike sind uns Namen schriftlich bekannt. Es sind Philosophen. Auch die apostolischen Referenten sind uns mit Namen überliefert.

Die Autoren des modernen, aufklärerischen Meta – Mythos der persönlichen Freiheit stammen aus Europa und sind bekannt. Der Kern ihrer rational begründeten Erzählung ist bei allen der gleiche: Die Freiheit des Ichs. Um den Einzelnen und seines „Einzeln Seins“ (Rüdiger Safranski) dreht sich die Mythologie der Aufklärung. Sie klärt auf, warum die alten Mythen aus einer dunklen Zeit stammen. Sie haben die Einzigartigkeit des menschlichen Individuums, seines Geistes und seines freien Willens nicht erkannt. Ein Mega-Mythos ist die Erzählung auch deshalb, weil der Einzelne und sein Sein zugleich Autor und Gegenstand seiner selbst ist. Der Mythos von der menschlichen Freiheit enthält, wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung geschrieben haben, zwei gegensätzliche Parameter: Partikularität und Allgemeinheit. Diese Allgemeinheit beinhaltet indes mythische Elemente.

  1. 1.Das Ich des Individuums ist sein Sein. (cogito ergo sum) Das Ich ist geistiger Natur und scheidet den Menschen von der materiellen Natur. Seine geistige (zweite) Natur hebt ihn in seiner Würde  und Wertigkeit von anderen Lebewesen hervor.
  2. 2.Dieser Einzelne ist von Natur aus frei, weil sein Wesen geistiger Natur sei, die ihn zu einem selbstbestimmenden Menschen befähige. (Geist-Körper-Postulat)
  3. 3.Diese geistige Natur des Menschen sei unveräußerlich und bedingungslos.

Neurowissenschaftler berichten, dass sie bisher noch kein solches „Ich“ im Gehirn gefunden haben. Ein solches, wie oben beschriebenes Mysterium werden sie höchstwahrscheinlich per definitionem auch nicht finden. Sie berichten auch, dass das geistige Vermögen des Menschen ohne die materielle Substanz des Gehirns nicht möglich sei. Nur viele Moralphilosophen von heute haben sich gegen diese naturwissenschaftlichen Aussagen vehement verwahrt. Außerdem könne man, so  Naturwissenschaftler, auch bei Tieren ein geistiges Vermögen nachweisen, das rationale Entscheidungen treffen kann. (vgl. Ludwig Huber, Das rationale Tier, Eine kognitionsbiologische Spurensuche, Suhrkamp 2021)

Die französische Verfassung von 1793 versichert dem Einzelnen (l`homme) und der Person des Staatsbürgers (citoyen) Grundrechte: Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und Eigentum (propriété). Diese Rechte seien unveräußerlich, unantastbar und gelten daher universell, weil sie „natürliche“ Rechte (les droits naturels) und „impresciptible“ (unantastbar) seien. Im Artikel 6 der Verfassung heißt es: „Freiheit ist ein Recht des Menschen, alles tun zu dürfen, was den Rechten eines anderen nicht schadet.“ Das Recht der Freiheit ist demnach kein Privileg. Die Freiheit des Einzelnen ist eine Freiheit zur Absonderung (Karl Marx, in „Zur Judenfrage“) gegenüber anderen, dem Staatszwang und privatem Zwang. Freiheit ist in diesem Bezug ein politisches Recht: politische Freiheit. Dieses politische Freiheitsrecht betrifft die Person des Staatsbürgers (citoyen). Der Begriff der  politischen Freiheit ist ein empirischer, weil er alle Staatsbürger umfasst. Wer Staatsbürger ist, setzt das Gesetz fest.  

Universalistisch wird der Begriff, wenn Freiheit dem Menschen (l´homme) als Einzelner, also dem Menschen schlechthin, ohne Staatsbürger zu sein, grundsätzlich zugeschrieben wird. Die politische Freiheit des Einzelnen als Person in einem Staatsgebiet unterscheidet sich von der universellen Freiheit des einzelnen Ichs. Werden beide Freiheitsvorstellungen miteinander identisch gesetzt und zur offiziellen Außenpolitik erklärt, dann wird eine solche „wertorientierte Außenpolitik der bürgerlichen Freiheit“ missionarisch und zu einer ideologischen Waffe zur Unterscheidung von „guten“ und „bösen“ Staaten, und der Unterscheidung von „guten und gerechten Kriegen“ und „barbarischen Kriegen.“

Jahrhunderte christlicher Herrschaft in der Welt geben Zeugnis von diesem Wahnsinn.

Universalismus ist eine Terminus der Moralphilosophie. Er beansprucht die Geltung einer moralischen Orientierung, die nicht durch die Ableitung auf bestimmte Personen, Kulturen oder Traditionen beschränkten Wertungen beruht, sondern ihren Grund in einer vernünftigen praktischen Gemeinschaft aller Betroffenen hat. „So verstandene moralische (oder ethische) Universalität bezieht sich nicht auf eine (deskriptiv oder pragmatisch verstandene) empirische Allgemeinheit zustimmenden Handelns der Beteiligten, sondern unterstellt partiell immer kontrafaktisch, den gemeinsamen Willen, einander handelnd nicht lediglich als Mittel zu den eigenen partikularen Zwecken zu betrachten.“  

Universalismus verbirgt partikulare Interessen hinter der Kulisse eines so genannten „allgemeinen Willens“ (sc. J.J.Rousseau)- oder umgekehrt: Partikulare Interessen werden mit einem Universalismus versehen. Partikularität und universelle Allgemeinheit stehen in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander. 

So hat z.B. die städtische Elite des Bürgertums zur Durchsetzung ihrer ökonomischen Macht und ihrer rechtspolitischen Absicherung in einem „politischen Staat“, der sich von einem Privilegien sichernden „christlichen Staat“ unterscheidet, alle nicht Privilegierten zur „politischen Emanzipation“ gegen das Ancien Regime mit der moralischen Losung „Fraternität“ zum Kampf aufgerufen, um die Menschenrechte durchzusetzen: Egalité im Sinne der Rechtsgleichheit, surêté im Sinne des Erhalts des Eigentums und selbstredend propriété, das Eigentum. Am Ende der Großen Französischen Revolution war der „politische Staat“ erkämpft. Er war ein bürgerlicher Staat im sozialen Sinne, in dem die Sansculotten, Frauen, Sklaven, Juden, Arbeiter, die ihre Menschenrechte sogar durch eine „Schreckensherrschaft“ in diesem neuen Staat durchsetzen wollten, ohne „politische Emanzipation“ dastanden.

Der einzelne reale Mensch in seiner gesellschaftlichen Abhängigkeit und natürlichen Bedingtheit wird in der Figur der Person erst frei. Sie ist eine moralisch-ethische Abstraktion, die als Rechtsfigur Voraussetzung für Vertragsverhältnisse ist. Die Person unterscheidet sich vom realen Menschen fundamental. Mit dieser, aus dem Schauspiel herkommenden Maske der Person wird dem Einzelnen ein rechtspolitischer und sozialer Status verliehen, mit dem er Vertragsverhältnisse eingehen kann, deren Drehbuch Institutionen wie der Markt und das Geld sowie Gesetze schreiben.

Die liberale Ideologie schreibt der Person einen freien Willen zu, der sie zu rationalen Entscheidungen befähige. Dass diese Freiheit auch von dem Vermögen, diese zu treffen, bedingt ist, davon sprechen die liberalen Modelle von einer Marktwirtschaft und von der kapitalistischen Produktionsweise nicht. Die Person des vereinzelten Ichs ist stets verstrickt in politische, ökonomische, soziale Verhältnisse der jeweiligen Gesellschaft, in der sie lebt. Der Mythos vom vereinzelten freien Ich sieht davon ab. Der Ritt des einsamen„Marlboro- Man“ in den „freien Westen“ symbolisiert diese Figur.

Der Vertrag ist das rechtspolitische Zentrum bürgerlicher Verkehrsverhältnisse. Er ersetzt den personalen und rechtlosen staatlichen Zwang. Die Figur der freien Person, auf den die Menschenrechte des Einzelnen beruhen, stellt den kulturhistorischen Nukleus des Meta-Mythos des freien Westens dar. Die einzelne Person ist sich selbst Zweck. Mit Kant lässt sich ihr moralisches Grundprinzip definieren: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst.“ Wer Kants transzendentale Rassenlehre in „weltbürgerlicher Absicht“ unter empirischen Bedingungen liest, erfährt, wie ethischer Universalismus und historisch bedingte Realität in einem grundsätzlichen Widerspruch stehen. Es war nicht nur der so genannte Zeitgeist, der vielen Ethikern und Philosophen der europäischen Aufklärung zu der Auffassung verhalf, dass afrikanische Sklaven eben doch keine freien Personen seien können und es aus verschiedenen biologischen, kulturellen Gründen auch nicht seien werden.

In extremer Form tritt der moderne Liberalismus unter der Bezeichnung Objektivismus im 20. Jahrhundert zuerst in den USA auf. Das „Einzeln Sein“ wird zur objektiven Daseinsform erklärt. Die Ikone dieser Philosophie ist Ayn Rand (1905-1982), eine russische Emigrantin mit Namen Alisa Sinowjewna Rosenbaum. Ausgehend von einem radikalen Individualismus, entwickelt sie eine ebenso radikale Ethik des Egoismus. „Das Erreichen des Glücks ist der einzige moralische Zweck deines Lebens, und das zu erreichen – dieses Glück – nicht Schmerz oder geistlose Selbstaufgabe, ist der Beweis deiner moralischen Vollständigkeit.“ So schwört Rand „bei meinem Leben“ und bei „meiner Liebe zum Leben: Ich werde nie für andere Leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben.“ Jene >Objektivisten< – die sich deshalb so nennen, weil allein das Ich die Welt konstruiert (auch der kognitive Konstruktivismus übernimmt diese Position) und deren philosophische Vorbilder unter anderem: John Locke, Adam Smith, J.Bentham, John Stuart Mill oder Nietzsche – sind der Auffassung, das Menschenrecht beziehe sich allein auf die einzelne Person. Es sei kein kollektives Recht, beziehe sich nicht auf alle Menschen, sondern auf den Einzelnen und sei ihm von Natur aus gegeben. Ein Menschenrecht, das auf einem Egalitarismus beruhe, verdrehe das Menschenrecht als Individualrecht. Dieser Logik folgend, verstehen sich die Objektivsten auch als „radikale Kapitalisten“ (A.Rand). „Geld ist das Barometer der Tugendhaftigkeit (vertue) einer Gesellschaft. Wenn Sie sehen, dass Geschäfte nicht mehr freiwillig abgeschlossen werden, sondern unter Zwang, dass man, um produzieren zu können, die Genehmigung von Leuten braucht, die nichts produzieren, dass das Geld denen zufließt, die nicht mit Gütern, sondern mit Vergünstigungen handeln, dass Menschen durch Bestechung und Beziehungen reich werden, sondern diese Leute vor Ihnen belohnt werden, dass Korruption belohnt und Ehrlichkeit bestraft wird, dann wissen sie, dass Ihre Gesellschaft vor dem Untergange steht.“ Beziehungen sollten auf beiderseitiger Freiwilligkeit und auf Verträgen beruhen. Das Staatsmonopol solle nur in Fällen der Kriminalität eingesetzt werden. Anhänger dieser Liberalität sind der Auffassung, es gebe keine Gesellschaft.

Trotz alledem findet dieser Meta-Mythos von der Freiheit seine Grenze im Menschen selbst. Die Universalität bürgerlicher Ratio findet, wie Adorno und Horkheimer schreiben, in der Partikularität ihr Grenze. „Denn die bürgerliche Ratio muss Universalität beanspruchen und zugleich zu deren Beschränkung entfalten. Wie im Tausch jeder das Seine bekommt und doch das soziale Unrecht sich dabei ergibt, so ist auch die Reflexionsform der Tauschwirtschaft, die herrschende Vernunft, gerecht, allgemein und doch partikularistisch, das Instrument des Privilegs in der Gleichheit.“ (Dialektik der Aufklärung, Querido Verlag Amsterdam 1947, S.248) Die Autoren weisen darauf hin, dass der Faschismus das Partikulare offen vertritt und damit die Ratio enthülle, „die zu Unrecht auf ihre Allgemeinheit pocht, als selbst begrenzt.“ (248) Die Aufschriften an den Höllentoren der Vernichtungslager >Jedem das Seine< oder >Arbeit macht frei< nehmen die Universalität des Einzelnen beim Wort. Diese spöttische Perversionen des universalen Freiheitsversprechens ähneln der liberalen Losung >Jeder ist seines Glückes Schmied“. 

Findet der Einzelne sein Glück nicht, so liegt es an ihm und die Gründe dafür sind vielfältig. Zbigniew Brzezinski z.B. führt in seinem Buch >Macht und Moral< (Neue Werte für die Weltpolitik, Hoffmann und Campe 1994)das Glücksmisslingen auf den „permissiven Überfluss des Lebensstils im Westen“ zurück. So sei die „Konsumgier und der Wunsch, am Selbst zu basteln, nur selten durch Selbstbeschränkung gezügelt worden.“ (Macht und Moral) Materialistische Konsumgier macht nicht frei, weil sie dem Bedürfnis frönt. Dadurch könnte die „globale Bedeutung der politischen Botschaft des Westens aufgehoben werden.“ So fördere die „individuelle Lustbefriedigung ein Klima der Unmoral.“ Die Macht des Einzelnen sei an die Moral der Selbstbestimmung gebunden und nur durch sie erreichbar. Die liberale Demokratie ermögliche die personale Selbstbestimmung durch die Kodifizierung individueller Menschenrechte. Diese Demokratie stürbe auch dadurch, wenn die Moral an Macht verliere.

Rüdiger Safranski hat in seinem Buch (>Einzeln Sein, Eine philosophische Herausforderung, Hansa Verlag, 2021<) darauf hingewiesen, dass der Prozess der Individualisierung seit der Renaissance ein gesellschaftlicher Prozess gewesen ist und nicht aus der Feder der Philosophen stammt. „Sie steht nicht im Gegensatz zur Gesellschaft, sondern ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Differenzierung, die es dem Einzelnen erlaubt, sich für bedeutungsvoll zu halten.“ (12) Auf dieser Haltung beruht die moralische Hybris des freiheitsgetriebenen Bürgers und sein erdachter Mythos. „Gerade die Entwicklung der Geldwirtschaft habe“, so Safranski, „zur Wirkung beigetragen, dass jene Menschen, die auf dem Lande, herausgelöst aus dem feudalen Verband, zu individuellen Pächtern und in den Städten, entbunden vom Zunftzwang, zu sogenannten freien Arbeitern werden. Auch das bedeutet Individualisierung, nämlich den ökonomischen Herren nun mehr als Vereinzelte gegenübertreten zu müssen.“ (15)

Dieser Meta – Mythos der Freiheit hat in den Jahrzehnten nach der Aufklärung eine globale und zugleich seine zerstörerische Wirkung gezeigt. Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewusstsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, „bis auf kleine Fältchen.“ (Adorneo/Horkheimer 249)    

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