Der Einzelne, der isoliert Einzelne und der Einzige

„Ich? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das heißt?“

aus: Das Blut Buchen Fest von Martin Mosebach

Max Stirner (der Einzige) beantwortet diese Frage:

„Ich war verächtlich, weil Ich Mein besseres Selbst außer Mir suchte;

Ich war das Unmenschliche, weil ich vom Menschlichen träumte;

(…)

Ich bin das Unmenschliche nur gewesen, bin es nicht mehr, bin das

Einzige!“ 

(in Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.418)

Johann Caspar Schmidt (1806 – 1856), genannt Max Stirner, hat es in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ getan. Seine Ansichten stehen in der Tradition einer Subjekttheorie von R. Descartes bis G.W.F. Hegel. Stirner argumentiert hegelianisch und radikalisiert zudem J.G. Fichtes cartesianisch – rationalistisches Konzept von einem „Ich“ als reine Tätigkeit des Selbstvollzugs.

In der Tradition bürgerlicher Aufklärung stehend, wird das „Ich“ anthropologisch in seiner Einmaligkeit (Individualität) begriffen ohne Verhältnis zum Anderen. Ethisch sieht Stirner das „Ich“ als etwas substantiell Unbedingtes, als ein Neutrum an, als das Einzige, Göttliche, dessen Wesen Freiheit ist. Mit dieser Sichtweise steht er in Opposition zu Kant und Hume, die das „Ich“ als ein funktional bestimmbares Ich begreifen.

Sozialphilosophisch spielt die Stabilität des Ichs gegenüber dem Wandel sozialer Verhältnisse und Erwartungen bei Stirner eine wichtige Rolle, worauf noch eingegangen wird.

Das autokratische Ich und seine Ressentiments

       oder: die „Entleerung“ der Gedanken 

Hegels Diktum, dass im Christentum „das Geistige so zur besonderen Gestalt, zum Individuum gemacht“ wurde, nimmt Stirner wieder in seiner Argumentation auf.

Im „Altertum“ habe der Mensch seine Kindheitsphase durchlebt und sein „Ich“ (Selbstbewusstsein) noch nicht herausgebildet. Dort sei er noch unfrei und würdelos. Wie „Neger“ (Stirner) sei er von seinen Bedürfnissen und den Dingen bestimmt. In seinen Jugendjahren sei der Mensch zu einem Individuum gereift. In dieser „Mongolenhaftigkeit“ (Stirner – ein von Hegel übernommener Begriff) sei das Individuum durch „Gedanken“ anderer geprägt worden. So ließ die „Geistesherrschaft“ des Katholizismus z.B. , die „mittelaltrige Hierarchie“ des Geistes, „die Barbarei des Profanen unbezwungen neben sich hergehen.“ Erst im Zuge der Reformation habe das Individuum eine weitere Stufe der geistigen „Himmelsleiter“ erklommen. In der französischen Revolution noch eine weitere Stufe. Dort sei der abstrakte Gedanke zur Herrschaft gekommen und in der Staatsverfassung verankert worden.

Stirner stellt ein in der Aufklärung probates dreistufiges  Ordnungsmodell der „Ich – Werdung“ vor.

Aus der Tierhaftigkeit des Zoon politikon habe sich der (Einzelne) Mensch zu einem Individuum entwickelt, das sich seiner Individualität bewusst geworden sei. Erst das individuelle „Ich“ , der „isoliert Einzelne“, besitzt  die Potentialität und die geistige Herrschaft über die Dinge, die er zu seinem „Eigentum“ machen könne, und sich selbst. Voraussetzung aber sei, dass es zuvor „die Welt der Dinge“ (die Gedankenwelt) „vernichtet“ habe.

„Ich bin der Eigner der Welt der Dinge und Ich bin der Eigner der Welt der Gedanken.“ (Stirner in: Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3,S.146)

Rüdiger Safranski schreibt, wie Stirners Werk rezipiert wurde. G.Simmel habe von einer „merkwürdigen Art des Individualismus“ gesprochen. Carl Schmitt von einer „Heimsuchung“. Nietzsche habe befürchtet, sein philosophisches Oeuvre werde durch Stirner als Plagiat enthüllt. Peter Sloterdijk lobt Stirner über alle Maßen, weil dieser zu den Urvätern zähle, die eine „Ökonomie des Geistes“ heraufbeschwören. So Sloterdijk auf einem Kongress zum Thema „Digitale Intelligenz und die Ökonomie des Geistes“. 

Der junge Marx, dessen Freund Friedrich Engels wie Stirner Mitglied des Debattierclubs „Freiheit“ vor Erscheinen Stirners Buch teilnahm, setzt sich ausführlich in der „Deutschen Ideologie“ Satz für Satz kritisch mit Stirners „Ökonomie des Geistes“ auseinander und hebt die ideologische Radikalisierung des deutschen Liberalismus gegenüber dem „wirklichen Liberalismus“ der englischen Schule hervor.

Stirner weitet, „machiniert“ so Marx, Hegels Diktum zu einem weiteren Hirngespinst aus. Was Hegel objektivistisch „Weltgeist“ genannt hat, der Physik und Geist dialektisch zu verbinden sucht, holt Stirner ins Subjekt zurück. 

Wie Ich Mich hinter den Dingen finde, und zwar als Geist, so muss Ich Mich später auch hinter den Gedanken finden, nämlich als ihr Schöpfer und Eigner. (…) Die Gedanken waren für sich selbst leibhaftig geworden, waren Gespenster, wie Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw. Zerstöre Ich ihre Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige zurück und sage: Ich allein bin leibhaftig. Und nun nehme Ich die Welt als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum: Ich beziehe alles auf mich.“ 

(Max Stirner, Der Einzige und sein Eigenthum, 1844; zit. aus Hans G. Helms, Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, DuMont 1966, S.62) 

Das einzelne Ich soll selbst der Gott und Schöpfer der (Gedanken)Welt sein. Das Einzige (was zählt) bin ICH. Es gibt also zwei ICHS – das leibhaftige Ich, das die Gedanken der anderen sinnlich aufnimmt, und das geistige Ich, die Essenz des menschlichen Individuums. Und es gibt zwei menschliche Individuen: der wirkliche leibhaftige Mensch und der menschliche Geist. Das Ego. Stirner, der der Metaphysik den Kampf angesagt hat, verwickelt sich selbst im metaphysischen Begriffschaos. Eine Gesellschaft, die sich als ein Sammelsurium einzigartiger Egos begreift, hat Hans G Helms in seinem hervorragenden Buch 1966 als eine „anonyme Gesellschaft“ beschrieben. Nicht nur im Neusprech der „Fake News“ der relativen und subjektiven Wahrnehmung, auch in den technologischen Utopien der „Ökonomie des Geistes“ eines digitalen Kapitalismus, die sich Kapitalistenhirne ausgedacht haben, findet man diese Gedanken. Auch in der Ideologie des Faschismus, in der die „Vorsehung“ des wahren Führers, des politischen und des persönlichen, findet sich dieser Gedanke wieder. Hat Stirner die Bildung von Kadern etwa nicht ausdrücklich verworfen? Soll der Einzige sich einer Partei anschließen? „Eben indem man sich ihnen anschließt und in ihren Kreis eintritt, knüpft man einen Verein mit ihnen, der so weit dauert, als Partei und Ich ein und dasselbe Ziel verfolgen … Die Partei hat nichts Bindendes für Mich und Ich respektiere sie nicht.“ (Stirner, Der Einzige S.197 zitiert nach: Helms, S.133) So explodiert auf Versammlungen die aufgestauchte Lebenskraft und der Wille zur Macht im „Jauchzen“ (Stirner) und Jubelschrei der gleich empfindenden Egos.         

Nach Stirner unterliegen Gedanken keiner methodischen Überprüfung anhand von Parametern, sondern müssen „vernichtet“ werden, weil sie das Geistesgut anderer sind, die nicht Gleiche sind. Bei dieser Entleerung (Stirner ist kein Nihilist) durch den Einzigen steht das „Ich“ nicht mehr in einem Verhältnis zu einem anderen Ich. Gedanken anderer begrenzen die Freiheit des Einzelnen. Sie können nicht Mein Eigentum sein. Die höchste Form der Freiheit besteht in dieser „Entleerung“ fremden Gedankengutes.

In der „Deutschen Ideologie“ wendet sich der junge Marx gegen diese „Robinsonade“ . Stets seien Individuen von sich ausgegangen, „aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, dass sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also die Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechterverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit) so mussten sie in Verhältnisse treten, da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmt, so war es eben das persönliche individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen untereinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich schafft.(Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.423)     

Eine verkrachte Existenz und egoistische Essenz

Nach Stirner ist das Ich des „Einzigen“ eine existierende anthropologische Entität. Das Ich ist das wesentliche Kernstück, die Essenz, eines menschlichen Individuums, soweit es sich als Selbstbewusstsein und Schöpfer seiner selbst versteht, wenn es die „geistige Herrschaft“ über die Welt der Dinge, über die Natur, erlangen will. „Frei“ ist es, wenn es die alte Welt zerstören will, um eine eigene neu aufzubauen. Stirner ist ein radikaler Egoist.

Der „isoliert Einzelne“ (Karl Marx) als Resultat funktionierender Marktwirtschaft „existiert“ im „Tempel seines Geistes“ (Ayran Rand). Rand (1905-1982) – ich verstehe sie als Epigone Stirners – schreibt: „Zivilisation ist der Fortschritt der Zurückgezogenheit. Des Wilden gesamte Existenz ist öffentlich, geregelt durch Stammesgesetze. Zivilisation ist die Entwicklung hin zur Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen.“ (siehe Zitatensammlung zu A.Rand im Internet) Sie bilden die Masse (ahd. massa = Klumpen), in der „jeder wie der andere und keiner wie er selbst ist.“ (Heidegger) Das Selbstsein des Einzelnen, worin seine Einzigartigkeit besteht, „verleiht eine ungeheure Macht des Seins“, so Ernst Jünger in „Stahlgewitter“ der Geschütze, wenn er eine Menschengruppe mit dem Maschinengewehr niedermäht. Die „Masse“ ist ein Sammelsurium von Individuen, eine kollektive Gemeinschaft, in der das Ich samt seiner individuellen Einmaligkeit verschwindet. Im „Tempel des Geistes“ schließt der „Einzigartige“, der Leviathan der Psyche und Monster der Ausschließung, andere Individuen aus seiner gesamten Weltvorstellung aus. Der Feind dieser Ideologie der Ausschließung ist das Kollektiv  und seine Organisation, unter der Voraussetzung, dass es seinen Macht- und Wertvorstellungen widerspricht. Denn Staatlichkeit wird dann benötigt, wenn das Eigentum und seine Freiheit in Bedrängnis gerät. Dann muss ein staatliches Gewaltmonopol für kriminelle Akte der Masse, von Fremden und für Individuen her, die die Freiheit der „Einzigartigen“, der privaten Eigentümer, bedrohen.  Vergesellschaftung widerspricht der Freiheit der Einzelnen und ist der Anfang vom Ende der Freiheit und des Eigentums (Abstraktum zu eigen= besitzt, beherrscht). 

Das Prinzip des liberalen Rechtsstaates sei deshalb, so von Hayek, „gleichbedeutend mit der Einschränkung des Bereichs der Gesetzgebung: es beschränkt sie auf jene Art allgemeiner Normen, die wir als formales Recht bezeichnen, während es eine Gesetzgebung ausschließt, die direkt bestimmte Individuen treffen…“ (von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft,114)

Diese Vorstellungen eines radikalen Individualismus (ethisch: Egoismus) findet man im Neoliberalismus wieder. Die Ikone des Neoliberalismus, Friedrich A. Hayek, schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er der Subjekttheorie des Individualismus den Mantel der Objektivität umhängt, das heißt, wenn dem Subjekt Objektivität zuspricht, indem er, von der naturgegebenen Freiheit des Individuums ausgehend, das Kollektiv und Organisationen des Kollektivs der individuellen Freiheit entgegensetzt. Ayran Rand hat ihren Liberalismus deshalb auch als „Objektivismus“ bezeichnet. Der Sozialismus ist von dieser Warte aus gesehen eine kollektivistische Idee, die der menschlichen Natur und damit der individuellen Freiheit widerspreche, so von Hayek. Die Idee des Nationalsozialismus entstamme daher aus dem Sozialismus. Was Ideologen des Faschismus vehement abstreiten werden, da für sie der Sozialismus ebenfalls ein zu bekämpfendes Kollektiv sei.

Die Essenz des Ichs, seine Freiheit, formt das Individuum. Ausdruck seiner Freiheit ist der Wille. War es bei einem Teil der deutschen Philosophen der Aufklärung noch der „freie Wille“ (Kant)- im Gegensatz zum englischen Liberalismus, der davon ausging, dass der Wille nicht frei sein könne – so wird der Wille seit Schopenhauer und Nietzsche zur Willensmacht oder zum Willen zur Macht. Im ontologisch universalen Sinne wird das Ich vom Individuum getrennt begriffen und zum Referenzpunkt seines Daseins gemacht. Diese Denkungsart ist eine totalitäre und undemokratische. 

Schon vor der us-amerikanischen Ikone stiehlt Max Stirner der Rand philosophisch die Schau. „Ich bin nicht Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem ich selbst als Schöpfer Alles schaffe. Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! (…) Sie ist das existentiell Konkrete, alles andere ist Schall und Rauch, auch wenn es Macht über mich beansprucht. Wir lassen uns von Begriffen, Ideen und den Mächten, die in ihrem Namen agieren, bezaubern. Deshalb weg damit.“ (Stirner, in: Safranski, Einzeln Sein, S. 124)

Dieser extreme, autokratische Individualismus rennt gegen die Mühlen jeglicher Art von Vergesellschaftung. „Der Einzige, wenn er zum Bewusstsein erwacht, findet sich in einem Netzwerk von solchen Begriffen gefangen, durch die er besonders heimtückisch vergesellschaftet wird, und dabei sein Bestes, die eigene Existenz, verfehlt.“ (Safranski, 125) Der Begriff Existenz in seiner traditionellen Form als Lebensbedingung erhält eine andere Konnotation, im Sinne einer Essenz, die in der subjektiven Freiheit des Einzelnen begründet liegt und seine Einzigartigkeit definiert. 

Johann Caspar Schmidt lebte in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Von 1826 bis 1828 studierte Stirner in Berlin bei Hegel und Schleiermacher. 1839 wurde er Lehrer in einer Privatschule für höhere Töchter, nachdem er keine Anstellung an einer staatlichen Schule erhielt. Er nahm, wie schon erwähnt, an einem Debattierclub mit dem Namen „Freiheit“ teil, in dem er auch Friedrich Engels und Bruno Bauer kennenlernte. 1849 erschien sein Buch >Der Einzige und sein Eigentum< – das umgehend der Zensur zum Opfer fiel. Nach einer Woche aber wurde das Verbot wieder aufgehoben, nachdem er seine Anstellung als Lehrer aufgab. Stirner ging zwei Ehen ein. Durch Kommissionsgeschäfte geriet er ins Schuldgefängnis. Mit einem Milchbetrieb in Berlin ging er bankrott. Kurzum: Stirner war eine „verkrachte“ Existenz, die  sozialphilosophisch ihren Halt in ihrem eigentlichen Wesen fand, als Schöpfer seiner eigenen Welt.

Karl Marx und Friedrich Engels beschlossen 1845 gemeinsam eine Kritik der nachhegelschen deutschen Philosophie zu schreiben, wodurch sie sich vom Hegelianismus lossagten. Marx diagnostiziert in diesem Zusammenhang, der deutsche Liberalismus – schon immer mit völkischen und antisemitischen Einsprengseln verbunden – sei eine „Schwärmerei“ und eine Ideologie, die „über dem wirklichen Liberalismus“ in der realen Welt des Kapitalismus und der Marktwirtschaft schwebe. Es sei leicht, den Inhalt des wirklichen Liberalismus in reine Begriffsbestimmungen, in „Vernunfterkenntnisse zu verwandeln.“ (Marx/Engels in: MEW Bd.3, S. 180) 

Joseph Vogl hat auf die Ohnmachtsgefühle, den Existenzneid und das „Nein zur Außenwelt“ hingewiesen, die dem leibhaftigen Ego bei Vernichtung seiner Machtgefühle und der Angst befällt, wenn seine Lebensbedingungen in eine schiefe Lage geraten. (Rede „Macht des Ressentiment“ vom 8.5.2022 in Berlin)

Unter sozialpsychologischem Aspekt des Ressentiments scheint Stirners Introspektion die eines verkrachten Egoisten, der seinen Status in der bürgerlichen Gesellschaft neu justieren möchte. Der isoliert Einzelne ist ein „Menschenschlag“, der „nicht bloß mit geschäftlichen Talenten, sondern als überaus passioniertes Wesen auf die Welt gekommen ist.“ (Vogl) Es ist der Typus jenes Bürgers, der sich auf den Marktplätzen um Wettbewerbsvorteile und Verdrängungschancen kümmert. Aber – wenn sie scheitern, brechen pure Ressentiments hervor, die von der Art sind, dass es stets die anderen sind, die „meinem“ Glück im Wege stehen. Seien es Menschen anderer „Rasse“, anderer Ethnien, anderer Kulturen, der Pöbel, schlicht die Masse oder das Böse. Angst und Aggression sind die Folgen. Wenn eine persönliche, soziale oder ökonomische Krise „mein“ Ich unerbittlich ergreift, zerplatzt die Harmonie des Liberalismus und Ressentiments sind zur Stelle, die ihre ideologischen Quellen von irgendwoher nehmen (Nationalismus, Rassismus, Religion u.a.m.). Sollte in harmonischen Zeiten der Staat ein „Nachtwächter-Dasein“ fristen, so in Krisenzeiten mit aller Kraft und Gewalt „meine“ bürgerliche Freiheit schützen und verteidigen. Der Typus eines „autoritären Liberalismus“ (Vogl) ist im Sinne des Einzigen geboten.    

Allen Formen liberaler Demokratie und liberalen Staatsverständnisses in einer kapitalistischen Marktgesellschaft liegt die Erfahrung und die Überzeugung zugrunde, dass der Staat von Individuen begründet und gebildet worden ist, so zusagen ein „Aggregat der Individuen“ (von Hayek) sei. Der Staat „freier Bürger“ sei Mittel zum Zweck, die Interessen der Privateigentümer und Wohlhabenden zu fördern und und das System der freien Marktwirtschaft politisch und rechtlich zu schützen und zu stabilisieren. „Ansprüche der Individuen sind immer ein Ergebnis des händlerischen Geistes. Die Ideen von 1789 – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit- sind charakteristische Händlerideale, deren einziger Zweck darin besteht, Einzelpersonen gewisse Vorteile zuzuschanzen.“ (von Hayek, Der Weg zur  Knechtschaft, OLZOG Verlag 2007, S.213)

 Die Verfasser liberaler Staatsverfassungen und Gründer liberaler Demokratien (USA, England, Frankreich) waren eben solche, die eine angebotsorientierte Händlertätigkeit ausübten, Sklaverei für sich in Anspruch nahmen oder ganz allgemein befürworteten und Nationalisten waren, oder sich mit ihr ideologisch identifizierten. Obwohl alle Individuen im bürgerlich-liberalen Rechts- und Nationalstaat als Personen rechtlich gleich gestellt werden, herrscht in einem kapitalistischen Produktionssystem sozial und strukturell Ungleichheit zwischen Kapitaleigentum und Lohnarbeit, die durch das verfassungsmäßige Recht eines zu privaten Zwecken verwendbaren Eigentums an Produktionsmitteln hervorgerufen wird. Das formale Recht auf Eigentum ( eingeschlossen das Recht an den Produktionsmitteln) schützt strukturelle Ungleichheit

Der bürgerliche Nationalstaat hat unterschiedliche Formen von Demokratien als Regierungsformen ausgebildet. Das sich im rechtspolitischen Sinne liberal verstehende, meist aus dem Mittelstand kommende Bürgertum hat sich dann nicht gescheut, sich mit Ideologien eines völkischen Nationalismus gemein zu machen, wenn es galt politisch eine soziale und ökonomische Krise zu bewältigen. Die (liberale) Demokratie, so von Hayek, habe den Zweck, die widerstrebenden ökonomischen Interessen ideologisch und sozialpolitisch in Schach zu halten. Kann sie das nicht mehr, dann sei es das oberste Interesse einer bürgerlichen Gesellschaft das System des freien Marktes und damit die Freiheit des agierenden Individuums zu retten und zu stabilisieren, wenn nötig mit Staatsgewalt. So verloren die liberalen Parteien ihre bürgerliche Wählerschaft ab 1930 fast völlig. Der Stimmenanteil liberaler Parteien betrug 1920 noch 22,4%, ab 1930 ging er auf 2% zurück. Auch die liberalen Parteiungen in Deutschland von der „Nationalen Partei“ über die „Fortschrittliche Volkspartei“, des „Nationalsozialen Vereins“ unter der Leitung von Fr. Naumann und der „Deutschen Volkspartei“ bis zur FDP von heute waren Parteien des Großbürgertums oder des bürgerlichen Mittelstandes. Der Liberalismus ist eine Partei des Marktes, des Kapitals und beherrscht heute alle im Parlament vertretenden Parteien.     

Im Gegensatz zum Kapital, das seine Macht im Privateigentum unterdrückerisch zum Ausdruck bringt, und zur Lohnarbeit, die sich  in Gewerkschaften organisieren kann, hat der Mittelstand nichts. Der Mittelstand hat nur die Ideologie. Stirners Philosophie stellt sich dar als eine Mythologie, in der die Negation der Geschichte und ihrer Zusammenhänge wie Kausalität ausradiert sind und ideologisch das Autoritäre und Autokratische gefeiert wird.   

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