Alle für Einen

Faschismus – eine hybride Ideologie und Ausgeburt bürgerlicher Gesellschaften

Der Faschismus ist eine hybride Ideologie. Er vermischt liberale und sozialistische Ideologiefragmente und ist selbst eine Ausgeburt „bürgerlicher Gesellschaften“. 

Die Ideologie des Liberalismus geht von der Annahme aus, dass es eine Gesellschaft nur aufgrund freier vertragsgebundener Übereinkünfte geben könne, z. B. in Form einer „Aktiengesellschaft“ oder einer Verfassung. Diese Annahme impliziert, dass Gesellschaft ein freiwilliger und vernünftiger Zusammenschluss Einzelner sei. 

Der Staat sei eine Institution dieser „bürgerlichen Gesellschaft“. Als „bürgerlicher Staat“ habe er die Funktion, je nach politischer Situation sowohl nach innen als auch nach außen diese „Vertragsgesellschaft“ der Eigentümer verfassungsgemäß zu schützen und zu fördern.

Eine sozialistische Ideologie, die im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft beheimatet ist, setzt dem liberalen Freiheitspostulat der Einzelnen das Postulat der Gerechtigkeit entgegen. Zwar betreffe die vertragliche Rechtsposition jeden Staatsbürger (Rechtsgleichheit), aber sie entspreche weder sozial noch ökonomisch  einer gleichen Ausgangslage der Rechtspersonen. Die Forderung nach Chancengleichheit und ökonomischer und politischer Teilhabe wird erhoben. Sozialer Ausgleich müsse auf der Agenda sozialistischer Politik stehen. Deshalb müsse der bürgerliche Rechtsstaat die Funktion des sozialen Ausgleichs übernehmen. Das Wahlrecht sei der Hebel zur Durchsetzung dieser Ideologie.

Der Faschismus synthetisiert diese verschiedenen Elemente bürgerlicher Ideologien, zumal wenn systematische Krisen wie z.B. nach dem Ersten Weltkrieg hervorbrechen. Er findet seinen Nährboden dort, wo Teile der Bevölkerung, besonders der bürgerliche Mittelstand und die nicht mehr durch eine sozialistische Ideologie gebundene Arbeiterschaft, in extreme Not geraten oder diese befürchten. Auch die Bourgeoisie des Großkapitals ist einer faschistischen Ideologie nicht abgeneigt, wenn sie sich politisch von ihr Vorteile erhofft. Der Faschismus ist eine bürgerliche Ideologie einer „Volksgemeinschaft“ und eine reaktionäre Antwort archetypischer Ideologien der bürgerlichen Gesellschaft auf Existenzbedrohung.

Er synthetisiert kollektivistische und individuelle Elemente, indem er sie emotionalisiert und politisch vereinfacht.Er ist eine Ausgeburt bürgerlicher Gesellschaften

„Der Nationalsozialismus war nur ein Wort wie andere. Er bedingt nicht Gesinnung… Theodor Lohse ging zu Versammlungen. Alle jubelten, Krautknödeln in den Mündern. Junge Sturmtruppen marschierten in den Saal. (…) Aber Unterwerfung forderte der Große, der Naive, Ungebildete, im Rausche der Begeisterung Lebende. Männer, die so wenig wussten, waren sich selbst alles. Sie kannten kein Verhandeln.“

Joseph Roth beschreibt in seinem Roman >Das Spinnennetz< 1923 prophetisch den Kern des Faschismus. Jene, die durch Krisen in materielle oder finanzielle Nöte geraten, „ergreifen“ ,sich begeisternd, ihre Macht  und den „Willen zur Macht“ mit Wut und Hass auf die vermeintlichen Sündenböcke. Sie fühlen sich eigenmächtig! „Einer für alle, alle für Einen“ – die den gleichen Willen zur Macht spüren.

Der Liberalismus – die politische Freiheitsideologie des Einzelnen seit Einführung der kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft – ist das globale Dogma des Weltmarktes. Die Kernelemente dieser Großideologie basieren auf der  anthropologischen Annahme universeller individueller Freiheit und Freiheitsrechte des Einzelnen. Diese moralethische Setzung und der Universalismus dieser Setzung beinhaltet einen absoluten Anspruch und ersetzt die christliche (vor allem protestantische) Ideologie. Zugleich ist er widersprüchlich, denn Partikulares kann keine Allgemeinheit beinhalten. Der leibhaft Einzelne, der physisch und psychisch von der Außenwelt seiner selbst stets abhängig ist, kann sein universelles Selbst und seine Würde nur im Gefühl und seiner Empfindsamkeit mystisch erfahren. Auch dann, wenn sein Wert keinen realen Preis erlangt.

Die faschistische, hybride Ideologie dockt an dieser liberalen Denkart „universeller Einzelheit“ an und verknüpft sie mit kollektivistischen Elementen der „Rasse“ , der „Volksgemeinschaft“ und der „Nation“.

Philosophen der Aufklärung haben den Begriff „Rasse“ erst als eine anthropologische Ein- und Unterteilungskategorie (z.B. Kant und Hegel) verwendet, ohne ihn ethisch abwertend zu begreifen. Der „Rasse“ schrieben sie spezifische äußere, geistige oder kulturelle Merkmale zu. Diese Menschengruppen begriff Kant als „Menschengattung“. Die Menschengattung der Weißen, der Mongolen oder der Neger. (im Sinne von: Nager sind keine Echsen, beide aber Tiere) Der Faschismus fügt dem Begriff „Rasse“ eine verengende „völkische“ und „nationale“ Variante hinzu und verwendet sie synonym. Obwohl der weißen Rasse angehörig, so seien Slawen, Juden oder Deutsche   „völkische Rassen“,  das deutsche Volk sei zudem eine „Herrenrasse“ und zeichne sich durch Tugenden des Krieges (Mut, Tapferkeit, Willenskraft, Ehre usw.) im Besonderen aus. Tugenden, stets auf ein Individuum bezogen, werden „kollektiviert“. 

Schon Kant hat „Nation“ definiert als „diejenige Menge oder auch Theil derselben, welche sich durch gemeinsame Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt.“ (zit. nach: Deutsches Wörterbuch, Hrsg. Hermann Paul, Niemeyer Verlag 1992, S.603) 

Eine Nation wird gestiftet. Und der Nationalstaat ebenso. Ohne Auslese geht so etwas nicht. Zumal auch dann nicht, wenn in vor  – bürgerlichen Staaten verschiedene „Völker“ oder „Ethnien“ durchaus seit Jahrhunderten zusammenlebten. Die Ideologie für das Auslesekriterium liefert der Nationalismus. Für die englischen Bürger, die sich durch den Parlamentarismus zur „politischen Nation“ kürten, war es die Höhe des (Geld)Vermögens. Weite Teile der englischen Bevölkerung gehörten nicht dazu. Für den Nationalismus deutscher Intellektueller zu Anfang des 19. Jahrhunderts war es das Christentum, vor allem der Protestantismus, was die jüdischen Mitbewohner auszuschließen drohte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert bestand das Auslesekriterium darin, dass jedes „Volk“ einen Staat benötige. Der „Völkerbund“ ging nach der Konferenz von Lausanne 1923 davon aus, dass Heil der Welt läge in der Apartheid. Die Völker brauchten ihre eigenen Staaten. In den Begriffen  „Völkerrecht“ und „Selbstbestimmung der Völker“ schwingt dieser Nationalismus noch mit. Die Nationalsozialisten haben  das „Selbstbestimmungsrecht“ des Volkes auch sehr nutzbringend für ihre völkische Gesinnung angewendet.       Der Antisemitismus ist der Bruder des völkischen Nationalismus. Die Ideologie des Rassismus Vater der der Brüder. Er schwängerte die Mutter eines universellen Idealismus

Ein Nationalsozialist könnte der Definition Kants durchaus zustimmen, unter der Voraussetzung, dass der Begriff „Erkennen“ durch die Emotion der Empfindungskraft für Volk und Nation ersetzt werde und der Begriff „Abstammung“ „völkisch“ gedeutet und als Blutsverwandschaft des deutschen Volkes verstanden wird. „Völkisch“ und „national“ wurden im 19. Jahrhundert synonym gebraucht.  „Nationalsozialismus“ beinhaltet in der faschistischen Ideologie die Gemeinschaft  eines Volkes (Volksgemeinschaft), einer Menschengruppe, die durch gemeinsame Kultur, Abstammung und Geschichte verbunden ist und sich von anderen Völkern rassisch wertend unterscheidet. Die Ideologie von einer „völkische“ Einheit prägt den Nationalismus im Nationalsozialismus und stellt die kollektivistische Komponente der Gemeinschaft der im Vaterland Geborenen Einzelnen dar, die im „Führerprinzip“ irrational ihren höchsten Ausdruck findet. Im Führer wird das „Heil“ jedes Einzelnen verwirklicht.

Das völkisch-nationale Bewusstsein des Einzelnen kommt im Charisma des Führers zur politischen Macht und führt zum Heil eines jeden Volksgenossen. Freud schrieb in „Die Zukunft einer Illusion“: „Man ist zwar ein elender, von Schulden und Kriegsdiensten geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen Anteil an der Aufgabe, anderer Nationen zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben.“ Deshalb:

Alle für Einen, Einer für alle.“ – Im völkischen Nationalstaat 

Jedes „Volk“, im Mittelhochdeutschen „folc(h)“ im Sinne von  Kriegsschar („Fußvolk“), braucht einen Führer, der, wie Nietzsche schreibt,“der große Mann der Masse“ ist. „Den starken Willen bewundert Jedermann, weil niemand ihn hat und Jedermann sich sagt, das wenn er ihn hätte, es für seinen Egoismus keine Grenzen mehr gäbe.“ (…) Im übrigen habe er alle Eigenschaften der Masse: um so weniger schämt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populär. Also: er sei gewalttätig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch, kriechend, aufgeblasen, nach Umständen alles.“ (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches 460) 

Der Faschismus besitzt keine Ethik, aber Moral. Er propagiert Tugendwerte (Tugend= Tauglichkeitswerte): Mut Tapferkeit, Kameradschaft, Willenskraft. Ehre. Werte, die zum Kriege taugen und andere zu Feinden machen. Diese Tugenden vermitteln Gefühle der Stärke, Machtgefühle, emotionale Verbundenheit und Identität. Das politische Programm des Faschismus bedeutet „Machtergreifung“ durch den Führer und mit dem Führer  zum Zwecke der Wiedererlangung der politischen Macht zum Wohle eines „völkischen“ gesinnten Bürgertums.

Der Begriff „Nationalsozialismus“ taucht zunächst 1887 im Zusammenhang mit der Politik Bismarcks auf. Schon Moses Heß, dem Marx und Engels in der Deutschen Ideologie heftig zusetzten, da Nationalismus und Sozialismus zwei sich ausschließende Begriffe seien und die Parteiungen der Arbeiterschaft Internationalisten seien müssten, hatte die Begriffe Nationalismus und Sozialismus zu vereinen versucht. Die sozialistische Ideologie als Widerpart des Liberalismus hat den Wert der Gerechtigkeit ins Zentrum seiner Ethik gestellt. Das Prinzip der Gerechtigkeit hat den anderen im Blick. „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“    

Joseph Vogel weist auf historisch-statistische Untersuchungen hin, dass die „Dynamik der Finanzwirtschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder mit signifikanten politischen Verwerfungen verknüpft war.“ (Die Macht des Ressentiments; Wie die Finanzindustrie den autoritären Liberalismus stärkt, Blätter für deutsche und internationale Politik 7/2022) Rechtsnationale Parteien und Positionen seien die Folgen gewesen.

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