Phantasien der Allmacht

„Ich“ habe ein „Recht zur Macht“. Max Stirner expliziert in seinem einzigen Werk >Der Einzige und sein Eigenthum<, warum er (und jeder Einzelne?) ein „Recht zur Macht“ hat. 

Indes: Nicht Recht setzt Macht, sondern Macht setzt Recht. Steiner erzählt und philosophiert statt zu analysieren.(Eine psychologisch-philosophische Autobiographie) 

Zarathustra hingegen hat den „Willen zur Macht“ – so Friedrich Nietzsche.  Zarathustra ist der „Einzigartige“ unter den Einzigen.

Der „Einzige“ unterscheidet sich von den Einzelnen dadurch, weil er für sich einzeln ist und nicht mit den anderen einig ist. Er ist ein „vereinzelter Einzelner“ (Marx). Er nimmt für sich in Anspruch, Schöpfer seiner ureigenen Welt zu sein. „Wie ICH Mich hinter den Dingen finde, und zwar als Geist, so muss Ich Mich später auch hinter den Gedanken finden, nämlich als ihr Schöpfer (…) und nun nehme Ich die Welt als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum. Ich beziehe alles auf mich.“ 

Friedrich Engels, der Stirner persönlich aus dem Debattierclub „Freiheit“ kannte, beschrieb ihn als „bedächtigen Schrankenhasser“ , der „ jetzt noch Bier“ trinke, bald aber „Blut wie Wasser.“ Hans G. Helms hat die Wirkungsgeschichte des >Einzigen und sein Eigenthum< bis in die 1960ziger Jahre des 20.Jahrhunderts in seinem Buch >Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ ausführlich beschrieben. In diesem Zusammenhang ist auch das Buch von Fabian Scheidler, „Der Stoff aus dem wir sind, Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen, S.131-170“, unbedingt erwähnenswert.  

In der causa Stirner bewahrheitete sich Engels Prophezeiung zwar nicht, aber Stirners Allmachtphantasie hat nicht nur manche Faschisten, wie Helms darlegt, ideologisch beflügelt, sondern auch die „Master of Universe“ auf den Finanzmärkten. Stirner selbst blieb eine verkrachte Existenz einer bürgerlichen Charaktermaske. Ihm fehlte der „Wille zur Macht“. Ihm blieb allein seine eigene „Selbstvergöttlichung“.

        Vom Recht zum Willen zur Macht

Nietzsche spricht nicht von sich oder von einem symbolischen „Ich“, sondern lässt Zarathustra sprechen. Ohne an dieser Stelle auf die Religionsphilosophie Zarathustras eingehen zu können, hat Nietzsche, meiner Auffassung nach, diese Symbolfigur nicht willkürlich oder zufällig auserkoren, um seine aphoristisch geschriebene Offenbarungsphilosophie auf der Basis einer Kritik bürgerlicher rationaler Aufklärungsphilosophie darzustellen. Nietzsche erhebt aber nur den Anschein einer Ideologiekritik. Er selbst vertritt eine ideologische Subjektlehre von der Größe und Kraft eines „vereinzelten Einzelnen“.  

Zarathustra, der erste, dokumentarisch belegte, Offenbarungsprophet der Religionsgeschichte, predigte im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung am Südfuß des Ural, wo iranische Stämme vor ihrem Aufbruch Richtung der Hochebene von Iran lebten. Zarathustra verkündete einen scharf abgegrenzten Leib-Seele / Geist-Stoff-Dualismus, der in der europäischen Philosophie- und Religionsgeschichte weit in unsere Zeit hinein in verschiedenen Formen und Ausprägungen erhalten blieb. Die menschliche Seele (baodah=Erkenntnishaftem) trenne sich mit dem Tode vom Leib (ast=Knochenhaftem). Die Seele, aus verschiedenen seelischen Epiphanien bestehend, beherberge auch eine „Prestigseele“ bedeutender Menschen mit ihrer Ausstrahlung auf andere Menschen. 

Nietzsches Zarathustra strahlt eine solche charismatische Seele aus. Er ist der „Erkennende“, der Zerstörer und Kritiker traditioneller und gelebter Ideologien, revolutionärer Schöpfer einer neuen und zugleich alten Philosophie. Er ist der Willensstarke, der sein Ego nach eigenem Gutdünken formt, der weder Normen des bisher Guten und Bösen anerkennt, der daher die durchschnittliche Meinung anderer und die Masse als solche verachtet und der selbst verachtet wird, der seine Vitalität gewillt ist zu leben. Er ist der einzelne „Über – Mensch.“ Der Einzigartige. 

Während der historische Zarathustra ein Offenbarungsprediger der Sippengesellschaft ist, ist der Zarathustra Nietzsches der Offenbarungsphilosoph vorgestellter bourgeoiser Persönlichkeit.

Im Kapitel „Von den Mitleidigen“ wird Zarathustra von miteinander Befreundeten verspottet. „Seht nur Zarathustra! Wandelt Zarathustra nicht unter uns wie unter Tieren? Der Erzähler wendet ein, es sei besser geredet zu sagen: „Zarathustra, der Erkennende, wandelt unter Menschen als unter Tieren.“ Der Vergleichspartikel „wie“ wird durch ein „als“ ersetzt, weil „als“ Verschiedenheit als Resultat des Vergleichs ausdrückt. Die vielen miteinander Befreundeten (sie sind deshalb befreundet, weil sie Mitgefühl zueinander haben und daher voneinander mental abhängig sind, sonst wären sie keine Freunde) unterscheiden sich von dem „Einzigartigen“, von Zarathustra, von dem, der über den normalen Menschen steht. Die Masse der Menschen, so Nietzsche an anderer Stelle, seien „Missratene“, seien engherzig und bescheiden sich durch eine  Gleichheits- und Mitleidsmoral. Es bedürfe daher einer „Umwertung der Werte“, um das gute, ungehemmte, selbstbewusste und glückliche Leben des Einzelnen zu ermöglichen.

Nietzsche bewunderte Große Männer. Er nennt Perikles, die Medicis und Napoleon. Es gehe darum, „jene ungeheure Energie der Größe zu gewinnen, um durch Züchtigung und andererseits durch Vermischung von Millionen Missratenen den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft und dessen gleichen noch nie da war.“ Frauen schmäht Nietzsche ihrer Schwäche wegen. „Man sollte zum Krieger erzogen werden und das Weib zur Erholung der Krieger: alles andere ist Torheit.“ Nietzsche schätzt den Typus des Kriegers und Kämpfers: „Ich schätze die Macht eines Willens danach, wie viel von Widerstand, Schmerz und Tortur er aushält und sich zum Vorteil umzuwandeln weiß; ich rechne dem Dasein nicht seinen bösen und schmerzhaften Charakter zum Vorwurf an, sondern bin der Hoffnung, dass es ein böser und schmerzhafterer sein wird als bisher:“ (alle Zitate aus: Bertrand Russell, Die Philosophie des Abendlandes, Europa Verlag 1950, S.770) 

Nietzsche ist kein Nationalist, auch kein Nationalsozialist, sondern ein leidenschaftlicher Individualist. Die größtmögliche individuelle Freiheit, das sei das immerwährende Telos menschlicher Geschichte. Eine politische Philosophie in extenso verkündet er nicht. Seine politischen Ansichten sind stets mit ethisch-psychologischen Aussagen verbunden. Die Gesellschaft der Staaten sei durch zwei „Kasten“ gekennzeichnet. Die eine bezeichnet er als „Zwangskaste der Arbeit“, deren Ethik durch die „Kunst des stolzen Gehorsams“ beschrieben werden könne; die andere sei die „Kaste der Frei-Arbeit“. Je höher die Zivilisation um so kleiner sei die „Kaste der Frei-Arbeit“ und um so höher die „Kaste der Zwangsarbeit.“ Die Kunst des Befehlens zeichne diese Kaste aus. Die Regierung drücke eine Art „Lehrer-Schüler-Verhältnis“ aus. Nietzsche schwebte eine aristokratische Regierungsform der edlen Gesinnung vor. Er ist kein Demokrat eines bürgerlichen Rechtsstaates.

 Nietzsche ist überzeugt, dass der Nationalstaat in Europa absterben werde. Privatgesellschaften zögen nach und nach „die Staatsgeschäfte in sich hinein“ (Menschliches, Allzumenschliches, Parkland Verlag,1999, S.348). „Entfesselung der Privatperson (ich hüte mich zu sagen: des Individualismus) ist die Konsequenz des demokratischen Staatsbegriffs.“ (348) Habe der Nationalstaat seine Aufgabe erfüllt, werde „ein neues Blatt in dem Fabelbuch der Menschheit entrollt.“ (…) „Die moderne Demokratie ist die historische Form vom Verfall des Staates.“ (348) 

Nietzsche hofft, der Eigennutz und die Klugheit des Menschen könne „eine zweckmäßigere Erfindung, als der Staat es war“ (349) hervorrufen.

Einem Sozialismus erteilt er eine vernichtende Abfuhr. Er sei „der phantastische jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus, den er beerben will; seine Bestrebungen sind also im tiefsten Verstande reaktionär. Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt,(…), die eine förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt.“(350) Die Ideologie des Sozialismus treibe den halbgebildeten Massen das Wort Gerechtigkeit „wie einen Nagel in den Kopf.“ (350) Gerechtigkeit könne es nur innerhalb der oben beschriebenen Kasten geben. „Dagegen Gleichheit der Rechte zu fordern … ist nimmermehr der Ausfluss der Gerechtigkeit, sondern der Begehrlichkeit.“ (333)

Nietzsche lehnt eine Ethik der Gerechtigkeit völlig ab, weil der Kreislauf der Geschichte und der Kulturen stets auf Gewalt, Sklaverei, Betrug und Propaganda beruht habe.

„Krieg ist unentbehrlich.“ So Nietzsches heraklitisches Credo für „mattgewordene Völker.“ Krieg ist der Vater der Entwicklung, um die „Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft vorwärts zu treiben.“ (335) 

Nietzsche versteht den Nationalstaat als völkisch geprägten, der durch die Entstehung einer „Durchmischung des europäischen Menschen“ (Mischrasse) „vernichtet“ werde. Ein „künstlicher Nationalismus“ versucht diese Entwicklung abzuschwächen und sei deshalb gefährlich, da er von „Wenigen über Viele“ verhängt werde.(352) Ein „Problem der Juden“ entstehe nur innerhalb der Nationalstaaten. Nietzsche ist kein ausgewiesener Rassist und Antisemit, obwohl er „der Auffassung ist, dass Deutschland soviel Juden habe, wie es aufnehmen könne, und dass ein weiterer Zustrom von Juden nicht erlaubt werden sollte.“ (Russell, Philosophie des Abendlandes,Europa Verlag1950) Russell schrieb 1943 : „Nietzsches Jünger haben ihre Chance gehabt, doch dürfen wir hoffen, dass es damit bald ein Ende sein wird.“ (779)

Im Jahre 2022 vermute ich, dass diese Hoffnung trügerisch ist. Wehret den Anfängen, heißt es, aber wir sind schon mitten drin.

Nietzsches Philosophie beinhaltet eine der geistiger Quellen faschistischer Ideologie des Führerkultes und der bürgerlichen Allmacht-Phantasie, die sich durch Herrschaft über Mensch und Natur hervortut. Wie aber begründet der Intellektuelle dieses ideologische „Großmannsgehabe“? 

Nietzsche setzt sich ausführlich und gründlich mit christlichen und aufklärerischen Vorstellungen vom Menschen auseinander, indem er den metaphysischen Substanzdualismus sowohl der Englischen Schule (Hobbes, Locke und Hume)als auch den des Idealismus der transzendentalen Philosophie Kants kritisiert.Diese Kritik der Erkenntnistheorie und der Moralphilosophie firmiert unter der Überschrift:             

             Umwertung der Werte

Anthropologisch hat das Christentum, auf der griechischen Philosophie bauend, eine Lehre vertreten, die auch von den Aufklärern übernommen wurde. Wie schon der Zoroastrismus verkündet hatte, habe der Mensch zwei „Naturen“ – eine geistige und eine leibliche. Die geistige sei göttlicher Natur und hebe den Menschen vor anderen Lebewesen hervor. Um seiner geistige Natur, seinem „eigentlichen“ Wesen, entsprechen zu können, habe der Mensch, bei Gottesgericht im Jenseits, im Diesseits die Wahl, den Geboten Gottes zu folgen oder eben nicht. Sein Leib jedoch sei vergänglich, insofern endlich, und sei überdies das fleischlich sündige Eingangstor für den Antichristen.

Der Philosophie der bürgerlichen Aufklärung ging es hingegen darum, die ideologische Zwangsjacke eines göttlichen Gebotes abzulegen und das dualistische Grundgerüst christlicher Provenienz für die eigenen Zwecke zu nutzen, indem das Ich des bürgerlichen Individuums mitsamt seines vernünftigen Erkenntnisvermögen ins Zentrum der Moralphilosophie und Erkenntnistheorie gerückt wurde. Schon das protestantische Christentum hatte Christus, den Gesalbten, als menschliches Individuum und nicht als Gottes Sohn am deutlichsten angebetet. Ein erfolgreicher Geschäftsmann sei z. B. ein von Gott „Gesalbter“ –  heißt es in der Prädestinationslehre.

Auf die seit Jahrhunderten festgezurrte Hypothese von der „dualistischen Wesenheit“ des Menschen hinweisend, fragt Nietzsche: 

„Wie kann etwas aus einem Gegensatz entstehen, z.B. Vernünftiges aus Vernunftlosen, Empfindendes aus Totem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben für andere aus Egoismus, Wahrheit aus Irrtümern?“ (Menschliches, Allzumenschliches) 

Und Nietzsche fährt fort: „Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der Werte.“ (Jenseits von Gut und Böse) Zurecht weist Nietzsche darauf hin, dass auch das als schlecht Erkannte einen Wert darstellt, als solcher Wert aber nicht positiv bewertet wird, weil es von herrschenden Ideologien oder Mächten so beurteilt werde. Nicht dass Nietzsche den Geist als Quelle von Werten infrage stellt, er beurteilt die Metaphysik des Geistes als eine „Pneumatische“, eine theologische, die den tatsächlichen Gehalt der Wertsetzung durch das vernünftige Selbstbewusstsein des Einzelnen verschleiere und die Figur Gottes als ein Objektivation beschreibt.

„Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit moralische, ästhetischen, religiösen Ansprüchen, mit blinder Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt geschickt und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt haben, ist diese Welt allmählich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll geworden…der menschliche Intellekt hat Erscheinungen erscheinen lassen und seine irrtümlichen Auffassungen in die Dinge hineingelegt.“ (Menschliches/Allzumenschliches 38)

Kritisch setzt sich Nietzsche mit dem kantischen Begriff des „Dings an sich“ in diesem Zusammenhang auseinander. Dieser Begriff habe keinen objektiven Sinn, denn von einer wirkenden Ursache dieser reinen, metaphysischen Annahme könne nicht gesprochen werden, da man keinen konkreten Begriff davon habe. Wenn Kant den Objekten der Wahrnehmung keinen bestimmbaren Sinn geben könne, da über diese Objekte nichts Näheres ausgesagt werden könne, verlöre auch der Begriff der Erscheinung seinen herkömmlichen Sinn als Phänomen. Für Nietzsche gibt es nur eine gedeutete Welt der Symbole. Es gebe nur eine Oberflächen-und Zeichenwelt, die „mit allem Bewusstsein eine große gründliche Verderbnis, Fälschung, Veroberflächung und Generalisation verbunden ist.“ (Die fröhliche Wissenschaft, §354, Werke Studienausgabe, Bd.III. S.593) In der Auseinandersetzung mit der wahrgenommenen Wirklichkeit sei „das Individuum mit sich allein.“ (Menschliches/Allzumenschliches)

Dass Kant vom Erkenntnisinteresse der Metaphysik des menschlichen Geistes, von der reinen Vernunft, ausgehend, rational die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrnehmung eruieren will und nicht nach dem Sinn der Materie, des Stofflichen, das dem Geist Entgegengesetzte, fragt, auf eine Kritik der Kritik der reinen Vernunft im Sinne der Überprüfung anhand von Kriterien verzichtet Nietzsche. Während Kant nach den möglichen Bedingungen von Wahrnehmung und Erkenntnis durch das menschliche Subjekt fragt, Natur also in den Erkenntnisprozess einbindet, spielt für Nietzsches Erkenntnisinteresse Natur oder das Objekt keine Rolle. Es könne nicht angenommen werden, dass es unabhängig von unserem Denken Dinge an sich gibt. Die Substanzbegriffe seien nichts als Erfindungen des philosophischen Denkvermögens. „Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen – und keiner dürfe man vertrauen.“ (Nachgelassene Fragmenten; in: Kritische Gesamtausgabe, Abt.III, Bd.2, Berlin 1970, S.15) Wer möchte an dieser Stelle nicht an „fake news“ denken? 

Die Vorstellung des Dings werde „unter dem Einfluss praktischer Interessen zum Zwecke der Ordnung von Daten geschaffen.“ (Wolfgang Röd, Der Weg der Philosophie,Bd.2 C.H.Beck, 1996, S.378) Sprache sei ein Mittel der Erklärung und Weltbeherrschung. Der Intellekt erzeuge Abstraktionen, Konstanz, Identität und Maßstab. Wirklichkeit sei vielfältig und veränderlich und habe diese Eigenschaften nicht, auch keine Gleichförmigkeit. Die Gesetze der Zahl beruhten auf dem Irrtum, dass es mehrere gleiche Dinge gebe, „aber es gibt kein Ding. Wir figurieren Wesen, Einheiten, die es nicht gibt.“ (Menschliches/Allzumenschliches S.42) Die Gesetze der Zahl „gelten allein in der Menschen-Welt.“ So ist der Zeit-Begriff als Maßstab oder als Maß der Bewegung eine mathematisch-physikalische Erfindung.

Für den Denkenden und Kritiker der Metaphysik hat die Dekonstruktion eine Zerstörung des Glaubens an ewige Wahrheiten oder Werte zur Folge und kulminiert in der Aussage: „Gott ist tot.“ Erkenntnistheoretisch und ethisch tritt an die Stelle der philosophischen Gewissheit ein Nihilismus der Entwertung der bisherigen Werte. Ungeachtet der Absage an die Metaphysik hat Nietzsche in den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts den Versuch unternommen, eine neue, an eine psychologische Sicht gebundene Wirklichkeitsauffassung zu entwickeln, die in der Idee einer zyklischen Wiederkehr der Geschehnisse zusammengefasst werden kann, nach der das Weltgeschehen ohne Anfang und Ende sei und unendliche Male zu den gleichen Zuständen führe. „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen…“ (Nachlass Sommer 86-Herbst1877; Werke Studienausgabe Bd.XII. S.213) Die Annahme eines zyklischen Weltgeschehens entsteht aus der philosophischen Sicht des menschlichen Individuums. Zarathustra – der erkennende Übermensch – ist sich dieser stetigen Wiederkehr bewusst und aus diesem Grund der Einzigartige, der seine eigenen Welt einen ganz privaten Sinn geben kann. 

„Wenn der Mensch seinem Leben nur Sinn geben kann, wenn er an objektive Werte glaubt, und wenn dieser Glaube metaphysisch ist, dann kann der Nihilismus, der mit dem Zusammenbruch der alten Metaphysik eintrat, nur durch eine neue Metaphysik überwunden werden.“ (Röd, a.a.O.380) Die Zerstörung der alten Metaphysik ist die Zerstörung des alten Denkens und seiner positiven Wertsetzungen. Diese Art des Nihilismus kann nur durch ein neues Denken und durch eine neue Wertsetzung überwunden werden.

Statt von Substanzen spricht Nietzsche von beharrenden „Kraftzentren“. Der Wille als Wille zur Macht soll das Wesen der Machtquanten ausmachen. „Wenn Nietzsche das erfahrbare Geschehen insgesamt auf die konkurrierenden Machtwillen der Kraftzentren zurückführte bzw. in ihm die Äußerung von Verhältnissen jenseits der empirischen Wirklichkeit erblicken zu können meinte, dann traf er jene Unterscheidung von Erscheinung und An-Sich, die er früher als haltlos bezeichnet hatte.“ (W. Röd) Die Umwertung der Werte geschieht aufgrund eines psychologisch gedeuteten Irrationalismus. 

Schon die Soziologen Emile Durkheim und Marcel Mauss haben die Entstehung von Denkmustern oder Stereotypen auf historisch entstandene Institutionen zurückgeführt. (siehe: Über primitive Formen von Klassifikationen. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen 1901/1902) Bei der Untersuchung elementarer Klassifikationssysteme vorbürgerlicher Zivilisationen ist ihnen eine „merkwürdige, parallele Ordnung der Ideen“ und eine „Übertragung der sozialen Gliederung auf die zunächst untergeordnete Masse der Vorstellung“ aufgefallen. Die logischen Beziehungen, die die Ordnung der „Wesen“, an die man dachte, und die Ordnung der Dinge bestimmte, gehorchte der Ordnung der Verwandtschaftsbeziehungen. Man denke z. B. an die Parallelität der griechischen Götterwelt mit den Verwandtschaftsbeziehungen der griechischen Bürgerschaft. „Verwandtschaftsbeziehungen waren im wahrsten Sinne universal.“ (Erich Hörl, Die heiligen Kanäle, Über die archaische Illusion der Kommunikation, diaphanes 2005, S.133)

Im bürgerlichen Zeitalter der Marktwirtschaft und ihrer Zivilisation der (Privat)Eigentümer und Konsumenten ersetzte eine neue Universalität individueller Freiheitsrechte jene der Verwandtschaftsbeziehungen. Von nun an stand auch ein auf das bürgerliche Subjekt gegründete Moralphilosophie und Rechtsphilosophie im Zentrum. Seit dieser Zeitenwende, als aus zwischenmenschlichen und zugleich zwanghaften Verhältnissen eine auf der Rechtskonstruktion der Person beruhende Markt- und Geldwirtschaft entstand, ist das Denkgebäude des Liberalismus erdacht worden, das das mythologische und christliche Denkgebäude der alten Gesellschaft ablöste. Im Mittelpunkt der verschiedenartigen Nebengebäude des Liberalismus stand das Prinzip Freiheit. Neben der individuellen Freiheit wurde dieser Begriff angereichert bezüglich einer Klasse oder eines Volkes (Nationalismus). Der liberale Begriff unterscheidet sich grundsätzlich vom Begriff der Emanzipation, der anzeigt von wem oder was man sich befreit.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerbrach in den deutschen Landen für viele die idealistische Freiheitserzählung vom privaten Glück, von Fortschritt und Wohlstand an den harten ökonomischen und politischen Realitäten. Max Stirner, der verkrachte Kleinbürger, hielt sich mit der philosophischen Legende von der „Selbstvergötlichung“ psychologisch über Wasser. Seine Eigentumslosigkeit verschwand hinter seiner „mächtigen Stirn“. Schmidt nannte sich eben deshalb Stirner.

Am Ende des Jahrhunderts, als das Deutsche Reich ökonomisch (Made in Germany), politisch und wissenschaftlich-technologisch (Denkernation)zur „wahren Größe“ empor stieg, um später die Welt an sich genesen zu lassen, erzählt Friedrich Nietzsche in Anlehnung einer alten Offenbarungsfigur eine dunkle Geschichte vom alten Zarathustra, dem „Übermenschen“, die allem Bisherigen trotzend einen neuen Menschentypus in einer bürgerlichen Charaktermaske kreiert, die sich von seinen massenhaften missratenen Mitbürgern unterscheidet. Nietzsches Saga gründet auf einer psychologisch-philosophisch Heilsoffenbarung eines „vereinzelten Einzelnen.“ 

Weder der Heilige Geist noch die Herrschaft der Vernunft erfüllt die Diener Christi oder das menschliche Individuum, sondern eine Große Energie den  charismatischen Einzelnen – einen arischen Europäer. Weder Frauen noch Kinder oder die Masse der anderen werden von dieser Energie erfüllt. Der Übermensch, ein Autokrat und Aristokrat der Erkenntnis, besitzt den Willen zur Macht, der Welt nicht ewige Wahrheiten, sondern die Wahrheit zu predigen.

   So lautet die Offenbarungsbotschaft Friedrich Nietzsches.  

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