Der Begriff Liberalismus entstand im frühen 19. Jahrhundert. Er bezeichnet eine philosophisch begründete Weltanschauung aus der Perspektive eines freien Bürgers. Vor der Errichtung eines bürgerlichen Rechtsstaates war sie eine revolutionäre, nach der Errichtung eines liberalen Rechtsstaates eine das Staatssystem legitimierende Weltanschauung. Der Liberalismus umfasst sowohl einen erkenntnistheoretischen Aspekt, der das menschliche Subjekt als vernünftiges, weil mit Geist ausgestattetes und deshalb als selbstbestimmendes Ich auffasst, als auch ökonomische und politische Aspekte seines Tuns. Der Liberalismus wurde als ein das Leben des Menschen an sich umfassende Ideenkonstruktion von europäischen Intellektuellen entworfen. Die Freiheit des Einzelnen ist Grundprinzip dieser Lehre, die dem Menschen von Natur aus und universell zustehe. Dieses Freiheit – Prinzip steht als Antithese zur theologisch-monarchischen Lehre vom Königtum von Gottes Gnaden und der darauf gründenden Diktatur aristokratischen Grundeigentums gegenüber. John Locke (1632-1704), einer der Begründer des Liberalismus, betont in >Treatises of Government< 1690 das Naturrecht des Einzelnen auf Leben, Freiheit und Eigentum. Diese erste naturrechtliche Konstruktion individueller Menschenrechte richtete sich gegen die Einheit von königlicher Exekutive, Legislative und Judikative. Diese liberale Idee ist ein Fanal eines ökonomisch und politisch zur Macht gelangten Bürgertums, das sich als „politische Nation“ verstand und durch das Parlament Gesetzgeberfunktion erreichte. Das Naturrecht auf Eigentum, das Locke aus der menschliche Arbeit herleitet, sei Grundlage des individuellen Lebens und die Freiheit des Einzelnen.
Wenn die Idee der Freiheit zu einem Prinzip für Handlungen, Bewertungen oder Einstellungen erklärt wird und zudem als Prinzip in einem System von Weltanschauungen eingebaut wird, dann wird die Idee der Freiheit zur Ideologie. Insoweit ist der Liberalismus eine Ideologie, die ihren materiellen Ursprung in der Marktwirtschaft hat, in der sich die Austauschenden rechtlich als Personen zugleich als Freie und Gleiche anerkennen und Eigentümer der Waren sind. „Ideologen stellen die Sache notwendig auf den Kopf“ und halten ihre Ideologie für „die erzeugende wie für den Zweck aller gesellschaftlichen Verhältnisse, während sie nur ihr Ausdruck und Symptom ist.“ (Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Band 3, S. 405) Wird die Idee der Freiheit zu einem Naturrecht oder zu einem „höheren“ oder „metaphysischen“ Recht erkoren, wird ihr Universalität zugeschrieben, dann wird ihr Freiheitssystem zur Ideologie. Als eine solche Ideologie erhält sie einen missionarischen Charakter.
Dieser traditionelle englische Liberalismus spiegelt die marktwirtschaftliche Realität in England während des 17. und 18. Jahrhunderts wieder, nachdem das Grundeigentum und Immobilien als Ware käuflich wurden und dadurch eine soziale und kulturelle Mischung der aristokratischen Klasse mit dem Großhandelsbürgertum in der Epoche des Handelskapitalismus und Kolonialismus erfolgte. Diesen empirischen Verweis auf die englischen Zustände sucht man nur mit großer Mühe, wenn man auf die deutsche Philosophie der Aufklärung und die Adepten Kants und Hegels blickt, die Marx und Engels als „Deutsche Ideologie“ bezeichneten. So vermisst Marx z.B., dass es in Deutschland keine ökonomische Wissenschaft im Vergleich zu Großbritannien gebe.
Das Postulat von der Einheit wirtschaftlicher und politischer Freiheit bürgerlicher Eigentümer war für den angelsächsischen Liberalismus grundlegend. Adam Smith (1723-1790) begriff die als Wissenschaft etablierte ökonomische Lehre als Politökonomie. Die Marktwirtschaft sei das natürliche Wirtschaftssystem des Menschen, weil das Individuum von Natur aus ein Handel treibendes Wesen sei. Die „Marktkräfte“ von Angebot und Nachfrage seien gleichsam „unsichtbare Hände“, die die Allokation von Waren, Arbeitskräften und Einkommen bewerkstelligen, ohne persönlichen Zwang auszuüben. Der Markt wird als Regelsystem des Gleichgewichts und der Gerechtigkeit begriffen, der den Wohlstand der „Nationen“ (gemeint im strengen Sinne als politische Nation) fördere. Von den Aufklärern im 18. Jahrhundert wird der Begriff Nation enger als zuvor gefasst. Kant definiert ihn so: „diejenige Menge, oder auch der Theil derselben, welche sich durch gemeinschaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt, heiszt Nation“. Für Kant ist Deutschland noch keine Nation. Vertragsverhältnisse lösen in der Marktwirtschaft persönliche Zwänge agrarisch organisierter Gesellschaften und ihren politischen Diktaturen auf. Ideologisch bleibt auch in diesem Zusammenhang, dass Verträge (Handelsverträge oder Gesellschaftsverträge), per se nicht vernünftig oder rational sind, sondern interessengeleitet und marktstrukturellen Bedingungen unterworfen sind. David Hume hat auf dies Aspekt hingewiesen und die Konstruktion des Gesellschaftsvertrages und die philosophische Herleitung des Eigentums aus der Arbeit als empirisch nicht allgemein nachweisbar bezeichnet. Eigentum sei auch aus Raub, Krieg und Ausbeutung der Arbeitskraft (Sklaverei) hervorgegangen.
Für das Selbstbewusstsein eines Gentleman spielten diese empirischen Nachweise aus liberaler Sicht keine Rolle. Er fühlt sich als „Herr im eigenen Hause“ , als Herr seiner wirtschaftlichen Tätigkeiten und als Schmied seines persönlichen Glückes, seines Selbst.
Die deutsche Philosophie seit Kant und Hegel unterscheidet sich grundlegend vom englischen Liberalismus dadurch, dass sie den wirtschaftlichen Zuständen und Verhältnissen kaum Aufmerksamkeit schenkt. Vielmehr legt sie Wert auf die Auslotung des menschlichen Geistes. Man beschäftigte sich mit der „Phänomenologie des Geistes“. Und überhaupt, das Bildungsbürgertum verstand sich als eine „Nation der Dichter und Denker“ und nicht als eine „politische Nation“. Im Gegensatz zu Großbritannien, wo zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein System des industriellen Kapitalismus und Marktwirtschaft durchgesetzt wurde, das auf kolonialer Rohstoffzufuhr angewiesen war und das von David Ricardo u.a. Ökonomen analysiert wurde, bestand in den politisch zersplitterten deutschen Fürstenstaaten und Königreichen keine einheitliche Marktwirtschaft, kein Nationalstaat und kein bürgerlicher Rechtsstaat. Die deutsche Ideologie räsonierte über den „absoluten Geist“ rechtshegelianisch und linkshegelianisch, über Freiheit und Wille, über „Recht zur Macht“, über „Wille zur Macht“, wer Teilhaber bürgerlicher Freiheiten sein dürfe oder eben nicht, ob dies auch für nicht „Volksstämmige“ oder Juden gelten sollte oder könnte. Diese ideologische Zersplitterung spiegelte die Ohnmacht des deutschen, noch nicht gesellschaftlich zur Herrschaft gelangten Bürgertums in einer vielschichtigen Klassengesellschaft wieder, die ideologisch noch nicht die Häute eines Ancien Regimes abgestreift hatte.
Die Transformation der „Deutschen Ideologie“ in den Irrationalismus und ins Volkstum
Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein erheblicher Teil der rasant wachsenden deutschen Industriearbeiterschaft durch neu entstandenen Institutionen der Gewerkschaften und Klassenparteien eine Identität als Klasse ohne Eigentum an den Produktionsmitteln entwickelte, die sich als Internationale verstand, und begriff, dass Solidarität aufgrund gleicher Interessen die einzige Macht sein konnte, die sich gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft richtet, verloren viele Menschen aus dem traditionellen und neuen Mittelstand, Handwerker, Bauern und Kleinhändler wie auch Angestellte, in der ersten Krise der kapitalistischen Marktwirtschaft in den Jahren 1873 bis 79 den Glauben an diese. Die Krise bedrohte nicht nur die bürgerliche Sicherheit, sondern auch die Freiheit der Eigentümer und die selbstbestimmte, ohne staatliche Einflüsse behinderte wirtschaftliche Tätigkeit. Klassenkampf und „vaterlandslose Gesellen“ bedrohten das Leben vieler Mittelständler. Die Welt der traditionellen religiösen oder liberalen Ideale verloren an Wirkung und Erklärungsmacht. Heinrich Mann hat diesen Niedergang in dem Roman >Der Untertan< satirisch beschrieben.
Der verlorene Erste Weltkrieg versetzte zudem einem glühenden Nationalismus völkischer Abstammungsideologie einen kräftigen Tiefschlag. Das Idealbild einer sich als „Volk“ verstehenden Nation, der man auch mit Hilfe von Kriegskrediten zutraute, „über alles in der Welt“ zu sein, entpuppte sich als tiefgreifender Trugschluss, im Zuge eines Sieges gute Geschäfte machen zu können. Für den Identitätsverlust der deutschen Seele machte man die organisierte Arbeiterklasse verantwortlich, in dem man den „Dolchstoß“ propagierte, der dem deutschen Landser im Feld von der Heimat aus in den Rücken gestoßen wurde.
Robert Musil (1880-1942), Österreicher aus gut bürgerlichem Hause und durch die Nachkriegsinflation verarmt, schreibt in seinem Roman >Der Mann ohne Eigenschaften< , „die geistige Konstitution einer Zeit“ sei das Grundlegende. Die Romanfigur Ulrich, eben ein Mann ohne Eigenschaften, dessen Vater noch solche besessen habe, berichtet von den Selbstwertverlusten der aristokratischen und bürgerlichen Eliten, die ihnen durch die Industrialisierung und Krise des Kapitalismus widerfahren ist: „In Goethes Welt ist das Klappern der Webstühle noch eine Störung gewesen“, in der Zeit danach „begann man das Lied der Maschinensäle, Niethämmer und Fabriksirenen schon zu entdecken“ (Musil, Mann ohne Eigenschaften, Rowohlt 10. Auflage 1969, S.36) Noch habe man auf „hohem Roß“ gesessen. Man habe noch nicht gelernt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Man habe auch nicht gelernt, dass die Entwicklung erfordere, Gefühl und Verstand zu unterscheiden. Dieser Unterschied sei fast so groß „wie der zwischen Blinddarm und Großhirnrinde.“(37) Die Romanfigur Arnheim- Rathenau, identisch mit der historischen Figur Rathenau, meint, man müsse „Seele und Wirtschaft oder Idee und Macht“ wieder vereinigen. (108) Musil beklagt die ideologische Zersplitterung der Gesellschaft und der bürgerlichen Gesellschaft. „Die bekannte Zusammenhanglosigkeit der Einfälle und ihre Ausbreitung ohne Mittelpunkt, die für die Gegenwart kennzeichnend ist und deren merkwürdige Arithmetik ausmacht, die von Hunderten ins Tausendste kommt, ohne eine Einheit zu haben.“ (20)
Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker E.H. Erikson (1902-1994) hat den Erwerb einer Identität als Resultat bestandener, an Lebensphasen gebundener psychosozialer Krisen gedeutet, in denen Identifikationen mit Bezugspersonen innerhalb der Sozialisationsphasen Familie, Ausbildung und Arbeit vorgenommen und wieder zurückgenommen werden, so dass sowohl personale als auch Gruppenidentitäten ausgebildet werden. Für weite Teile des Mittelstandes und des Bildungsbürgertums ging in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts eine „Welt“ zugrunde. Während Sigmund Freud die Frage der Identität als einen Gegenstand der Psychologie und Anthropologie entdeckte, im Unterschied zum logischen Begriff der Identität und zum Liberalismus, betritt Martin Heidegger den spekulativen Pfad der Ich-Philosophie, auf dem Denken mit Sein identisch gesetzt wird, was eine sprachkritische Kontrolle des Gedankengangs unmöglich macht und den erweiterten Zugang allerhand anderer Ideen eröffnet. Auch die philosophische Anthropologie Plessners erweist sich praktisch und ideologisch nicht immun gegen die Erweiterung des Ichs als integralen Bestandteil eines Volkstums.
Identitätssuche
Eine auf unterschiedliche „Substanzen“, Geist und Materie, basierende Trennung von Natur und Kultur, von Körper und Seele, von Sinnlichkeit und Vernunft wollte die Identitätsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts auf eine Einheit im menschlichen Individuum zurückführen. Diese Ganzheitstheorie, die sich an der Kritik der traditionellen europäischen Philosophie abzuarbeiten versuchte, verlief sich in den individuellen Weltbildern eines radikalen ethisch begründeten Egoismus à la Stirner mit der Proklamation „Recht des Einzelnen zur Macht“, der psychologisch begründeten Offenbarung eines selbstbestimmenden Ichs mit dem „Willen zur Macht“ bis zur Empfindungskraft des menschlichen Seins, das vor dem Dasein liegt.
Siegmund Freud habe, so Carl Friedrich von Weizsäcker ( Zeit und Wissen Hanser Verlag 1992, S. 432), „drei Kränkungen menschlicher Rationalität durch die neuzeitliche Wissenschaft hervorgehoben:
Der Mythos, der Mensch sei Mittelpunkt der Welt, weil die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, sei durch die >Kopernikanische Wende< zerstört worden.
Der Mythos, der Mensch sei >Krone der Schöpfung< sei durch die Evolutionstheorie Darwins widerlegt worden.
Schließlich sei der Mythos, das >Ich sei Herr im Hause<, durch die Psychoanalyse zerstört worden.“
Während die beiden ersten Mythen wohl aus dem Erfahrungsschatz von Agrargesellschaften und ihrer Religionen stammen, ist der Mythos vom „Ich“ in der bürgerlichen Gesellschaft entstanden. Nicht nur die Psychoanalyse, auch die Hirnphysiologie von der Plastizität des Gehirns scheint Freuds Ansicht zu bestätigen. Trotz großer Fortschritte in der Hirnforschung weiß man noch nicht, wie „das Geist-Gehirn oder das Gehirn-Geist – je nach Perspektive – funktionieren könnte.“ (Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit, Rowohlt 2018, S. 206) Nicht nur genetische Veranlagungen auch die gemachten Erfahrungen beeinflussen die Genexpression oder Suppression. „Unser Geist ist nicht vollständig moduliert oder durch natürliche Anker determiniert.“ (212)
Mythen spiegeln nicht nur gesellschaftliche Zustände oder den so genannten „Zeit-Geist“ der sich verändernden bürgerlichen Gesellschaften. Die Philosophie versucht, wie Russell schreibt, rationale Erklärungen und den Mythen Sinn zu geben. Die Subjekttheorien des „Ichs“ stellen Ideen bereit, wie sich das ICH nicht nur als Persönlichkeit im eigenen Körper, sondern auch im wirtschaftlichen und politischen Verkehr als homo oekonomicos oder als zoon politicon mit von Natur aus unveräußerlichen Rechten ausgestattete Wesen darstellt und wahrnimmt. Im 19. und 20.Jahrhundert taten sich immer öfter Abgründe im Seelenleben des bürgerlichen Ichs als Herr im eigenen Hause auf. Robert Musil hat in seinem Roman >Der Mann ohne Eigenschaften< diese Zwiespalte beschrieben, die sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auftaten und die heute ebenso virulent sind.
Schon vor dieser Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielt in den Universitätsstuben eine Identitätsphilosophie Einzug, die Karl Marx und Friedrich Engels später als „Deutsche Ideologie“ bezeichneten und die kulturell in die Romantik der Innerlichkeit sich verfestigte.
Die Identitätsphilosophie Schellings z.B. behauptet, das ICH sei die einzige Substanz und die immanente Ursache all dessen, was ist, bzw. die Ursache seiner selbst. Schelling spricht vom „absoluten Ich“. Schon Spinoza schrieb, alles, was ist, sei im Ich und außer dem Ich könne es nichts geben. Mit Spinoza verbindet Schelling der Einheitsgedanke, nicht jedoch die Auffassung eines Einheitsprinzips. „Wenn das absolute Ich kein Ding ist, kann es auch nicht in der Weise erfasst werden, in der wir die Dinge erfahren; es kann nur Inhalt einer vom verstandesmäßigem Erkennen wesentlichen Erkenntnis sein.“ Diesen Einheitsgedanken der ICH – Philosophie führt zu einer Identitätsphilosophie, die über Nietzsche bis zu Heidegger führt. Der Unterschied von Subjekt und Objekt, freiem Wollen und Naturnotwendigkeit, von organischer Zwecknotwendigkeit und mechanistischem Determinismus sollte auf einer hinter den Gegensätzen verborgenen Identität oder Einheit zurückgeführt werden.
Diese irrationale Identitätsphilosophie ist eine romantische, die Wirklichkeit idealisierende Form bürgerlichen Selbstbewusstseins. Aus diesem geistigen Quell entstand ein Delta des deutschen Idealismus, aus dem auch die faschistische Ideologie ihr Nahrung zog. Mit dieser identitären Ansicht ließen sich Narrative von geheimnisvollen Kräften, die hinter den Dingen walten, von Schicksalen und nationaler und rassistischer Größe und Eigenheit, von Vorsehung und Eigentlichkeit erzählen.
Philosophische Anthropologie der Ich-Identität
Helmuth Plessner (1892-1885) und Martin Heidegger (1898-1976) versuchen der mentalen Krise weiter Teile des deutschen Bürgertums nach dem Ersten Weltkrieg Einhalt zu gebieten und der geistlos gewordenen Realität oder der seelenlosen Eigenschaftslosigkeit einen neuen festen ideologischen Grund entgegenzusetzen.
Plessners Dissertation von 1918 und seine Habilitationsschrift(1920) weisen schon den Weg seines Denkens. Die Dissertation erscheint als >Krisis der transzendentalen Wahrheit im Anfang< , in der es sich mit Kant auseinandersetzt. In der Habilitation mit dem Titel >Untersuchungen zu einer Kritik der philosophischen Urteilskraft< vertieft er seinen philosophischen Gedankengang.
Plessner kritisiert die dualistische Substanztheorie von Materie (Natur) und Geist (Ichbewusstsein) in der Form der Transzendentalphilosophie Kants, dass über die reine Vernunft a priori Erkenntnis von Gegenständen (Objekten) möglich sei. Plessner „entfundamentalisiert“ (Kai Hanke, Plessner, Junius Verlag 2000) den Dualismus, indem er die Substanzen des Ichs, Geist und Körper, psychologisch miteinander verbindet. Zur Veranschaulichung wählt er ein „Schauspieler- Modell“. Die Rolle des Schauspielers ergibt sich aus der inneren Verhasstheit und den äußeren Akzidenzen wie Maske, Kostüm u.a., woraus sich die zufällige Individualität oder die Identität der Persönlichkeit ergebe. Substanz wird als „ewige Potentialität“ oder „Kannqualität als Seinsqualität“ begriffen. „Substantiell sein, heißt selbständig zu sein, von selbst stehen.“ (25) Da Plessner anthropologisch das „Eigen“ des menschlichen Individuums beleuchten will, leben menschliche Körper wie die Körper der Objekte, Pflanzen und Tiere in einem Raum. Im Unterschied zu der ontologischen Hierarchie der Naturdinge, an deren Spitze der Mensch stehe, sei der menschliche Körper „raumbehauptend“ in dem Sinne, weil menschliche Körper nicht nur eine räumliche , sondern eine substanzielle Mitte haben, die den Raum organisiert. „Und diese Mitte ist für Plessner ein absolutes Hier und Jetzt, das sich nicht in der Relativität des physikalischen Raumes beschreiben lässt.“ (Hauke, 25)
Dieses „Hier und Jetzt“ist nicht nur im Jahre 1931 ein Ort „geistiger Obdachlosigkeit“ (Safranski) und menschlicher Ungewissheit. In dieser Situation hofft Max Scheler (1874-1925) auf einen geistigen Prozess, der einen „Gott der Freiheit und des Mutes“ anstelle jenes Gottes der Allmacht setze und der freies Handeln, Spontanität und Initiative wachsen lasse. Plessner wendet dagegen das Argument der „Unergründlichkeit des Menschen“ ein. Was der Mensch ist, stelle sich immer erst im Augenblick der Entscheidung heraus. „Die Bestimmung des Menschen ist die Selbstbestimmung.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland, Heidegger und seine Zeit, Fischer Verlag, S. 235) Praktisches Handeln in notwendig unübersichtlichen Situationen entscheidet, wer der Mensch ist. Im Jahre 1931 „entscheidet“ der Philosoph Plessner, dass die „Volksheit“ (!) ein „Wesenszug des Menschen“ sei.
„Das Eigene muss sich behaupten, das gilt für den Einzelnen ebenso wie für das Volk. Solche Selbstbehauptung bedeutet aber nicht Vorherrschaft und Hierarchie. Da alle Völker und Kulturen aus dem >Mächtigkeitsgrund< der <schöpferischen Subjektivität< entspringen, gesteht Plessner die >wertdemokratische Gleichstellung aller Kulturen< zu und hofft auf die >allmähliche Überwindung der Absolutsetzung des eigenen Volkstums<. Das bedeutet im politischen Klartext: nationale Selbstbehauptung gegenüber den Zumutungen des Friedensvertrages von Versailles und den Reparationszahlungen und zugleich Zurückweisung des nationalen oder gar rassistischen Chauvinismus. Gleichwohl behält die Zugehörigkeit zum eigen „Volkstum“ einen „Absolutheitsaspekt“, weil der einzelne nicht über seine Zugehörigkeit verfügen kann, sondern sich immer schon in ihr vorfindet.“ (Safranski, 237)
Gegen Heidegger wendet Plessner ein, dass dessen existentielle Begriffe historisch undifferenziert seien und Heideggers Philosophie eine „Symphonie von Ausblicken ins Absolute“ sei. Die präsente Zeit erlaube keine universalistische Entspannung. „Das Eigene muss sich behaupten, das gilt für den Einzelnen ebenso wie für das Volk.“ (237)
Heidegger – ein Meister der Eigentlichkeit
Rüdiger Safranski schreibt, Heidegger habe in der NSDAP „eine Ordnungskraft im Elend der Wirtschaftskrise und im Chaos der zerfallenden Weimarer Republik und vor allem ein Bollwerk gegen die Gefahr eines kommunistischen Umsturzes gesehen.“ Hat der hohe Priester menschlichen Wesens und Seins in den politischen Niederungen des Daseins nur ein kleineres Übel begeistert, wie Safranski schreibt, gewählt, als er nach der Platon-Vorlesung im Jahre 1931/32, in der er von der „Umwälzung des ganzen menschlichen Seins, an deren Beginn wir stehen“ (257), spricht und als er 1933 der NSDAP beitritt? Oder war es nur ein bedauerlicher Irrtum ?
Wie Nietzsche setzt sich Heidegger mit der rationalen Metaphysik Kants kritisch auseinander. Im Unterschied zu Nietzsche kritisiert Heidegger die Überprüfung der möglichen Bedingungen der reinen Vernunft aus der Perspektive eines Ontologen. Heidegger sieht hinter der Möglichkeit metaphysischer Erkenntnisfähigkeit noch die Möglichkeit der Erkenntnis von Seiendem, mit anderen Worten die Metaphysik besitze einen ontologischen Charakter. Kant indes fragt nicht nach der Seinsverfassung des Subjekts, sondern nach den Bedingungen von Erkenntnis, unter denen Gegenstände erfahrbar sein können. In diesem Sinne war Kants Theorie eine Theorie der Erfahrung und keine Ontologie. Zwar bestritt Heidegger nicht, dass Anschauung und Verstand zueinander gehören oder aufeinander angewiesen sind, aber Erkenntnis des Seienden sei nur möglich, wenn es vor allem Empfangen von Eindrücken liegendes Erkennen des Seins gebe – eine transzendentale Einbildungskraft. Heidegger spricht anthropologisch vom Sein des Einzelnen.
Die menschliche Existenz ist nunmehr völlig unabhängig von ihren physischen Bedingungen wie von den materiellen Lebensbedingungen. Der Bedeutungswandel des Existenzbegriffs liegt nun in der Freiheit des Menschen, sich selbst zu entwerfen. Der Blick auf den Einzelnen an sich und auf seine Möglichkeiten der Selbstbestimmung und freien Entwicklung verstellt den Blick auf die materiellen Existenzbedingungen und auf das darauf beruhende Freiheitspotential. Dieser „blinde Fleck“ freiheitlicher Ansichten (Meinungen) bürgerlicher Einzigartigkeit vergrößert sich durch die Idealisierung der Freiheit als unveräußerliches Recht des Einzelnen nicht nur gegenüber politischer Gewalt, sondern auch gegenüber den natürlichen Lebensbedingungen. Der Liberalismus in seiner ökonomischen und politischen Ideologie verengt die Perspektive auf die eigentliche, dem menschlichen Dasein entsprechende Daseinsweise in der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Verkehrs- und Produktionsweise.
Geraten die Freiheitspotentiale der Einzelnen durch reale Krisen (etwa Inflation, Wirtschaftskrisen, Kriege, Klassenkämpfe oder Naturkrisen) unter Beschuss, ist die „Normalität“ des Bürgers in Gefahr und steigen Ängst in ihm empor, dann sind neue Identitäten gefragt, die neue Narrative in alten Schläuchen erzählen, um die Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten oder wiederherzustellen, oder um der „Situation der geistigen Obdachlosigkeit“ (Safranski) zu entrinnen. Diese Narrative brauchen notwendig einen Feind und Ausschließung.
In der Existenzphilosophie – der Begriff Existenz wurde von Kierkegaard polemisch gegen Hegel begründet – wird der Blick auf die Existenz als einen innersten Kern der Seele durch eine „Grenzerfahrung“ oder durch ein „existenzielles Erlebnis“ gerichtet. Bei Kierkegaard ist es die Angst, bei Heidegger die Erfahrung des Todes, bei Sartre der Ekel, bei Jaspers das Scheitern des Menschen in Grenzsituationen.
Existenzphilosophie hat sich betont von allen rationalen, im Besonderen von der klassischen (liberalen) Erkenntnistheorie abgewandt. Existenz wird als „Entwurf“ des Individuums angesehen, mit dem der Einzelne sich zur „Eigentlichkeit“ seiner Existenz durchringen kann. „Eigentlich“ findet der Einzelne seine Identität im Nirgendwo des Gefühls seiner Einsamkeit und Ohnmacht im Angesicht von Tod, Krieg, Krise oder Zusammenbruch und Verlust. Sie ist auch Ausdruck einer psychischen Vereinsamung des vereinzelten Einzelnen, der keinen Blick mehr auf den Gegenüber wirft, auf die Sozietät und auf die natürliche und kulturelle Welt seiner Erfahrung.