Kritischer Einwand zum 1. Kapitel des Buches :„Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler.

Das antike Griechenland bestand aus einem Sammelsurium von politisch unterschiedlich verfassten Stadtstaaten – ein„reines Laboratorium für Experimente.“ (Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes, Europa Verlag Zürich 6. Auflage S.206)

Grundlegend für alle Stadtstaaten war die >ökonomia< – die Hauswirtschaft.

„Die Gewohnheit, sich um die Bedürfnisse des eigenen Haushalts zu kümmern, wird vielmehr erst auf einem weit fortgeschrittenen Niveau der Landwirtschaft zu einem Merkmal des Wirtschaftslebens; aber selbst dann hat sie weder mit Gewinnstreben noch mit der Institution der Märkte etwas gemein. (…) Das Grundprinzip bleibt stets dasselbe, nämlich Produktion und Lagerung zu Befriedigung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gruppe.“ (Polanyi, The Great Transformation, Suhrkamp Wissenschaft, S.84)

Bürger der Stadtstaaten waren allein die Grundeigentümer; ob sie nur 1 ha. besaßen, wie die Masse der armen freien Bauern, oder aus einer aristokratischen Familie stammten, die mehrere Güter in Attika oder Grundbesitz z.B. in Athen besaßen. Nur Grundeigentümer durften sich Athener nennen.

Mit den freien männlichen Bürgern lebten noch andere Freie, Fremde und Zugezogene, die Metoiken (Mitbewohner), in Athen. Sie zahlten Steuern an die Polis und mussten einen Patron namhaft machen, um dort leben zu können. Je nach Zeitraum schätzt man ihre Anzahl auf ein Viertel der Bürgerschaft. Sie konnten kein eigenes Haus besitzen. Sie waren Händler auf den lokalen Gütermärkten oder Handwerker oder Freiberufler. Der Erwerb von Grundbesitz war ihnen untersagt. Einen Immobilienmarkt gab es nicht.

„Diese Mauer zwischen Landbesitz und liquidem Kapital war ein Hindernis im Wirtschaftsleben, doch da sie ein Ausdruck gesetzlich festgelegter und gültigen sozialen Hierarchie war, war sie zu fest begründet, als dass man sie hätte einreißen können.“ (Finley, Die antike Wirtschaft, dtv. Wissenschaft, S.47)

Die Hauswirtschaft war eine politisch festgelegte sozioökonomischen Institution, in der Geld, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielte und meist nur gehortet wurde. Im Vergleich zu Rom, wo die Kreditvergabe zu einem weit verzweigtem Netz entwickelt wurde, um vor allem politischen Einfluss zu gewinnen, hätte diese in den griechischen Stadtstaaten die Grundmauern der Sozietät eingerissen, egal ob sie tyrannisch, oligarchisch oder demokratisch organisiert gewesen waren. Das Kreditgeld, das für eine Geldwirtschaft von zentraler Bedeutung ist, spielte in der antiken Wirtschaft keine Rolle. In der antiken Geschäftswelt spielte niemals Kreditgeld in irgend einer Form eine Rolle. Geld war bare Münze, das gehortet, in Geldtruhen vergraben oder als zinslose Einlage bei „Banken“ gelagert wurde. Zahlungen wurde in barer Münze getätigt.

Die Hauswirtschaft betrieben zumeist Sklaven. Ausnahmen stellten die vielen kleinen freien Bauern dar, die allein auf die Arbeitskraft ihrer engen Familienangehörigen angewiesen waren. Sklaven waren Bedienstete, Arbeiter, Handwerker, Händler und im Bergbau tätig. Sklaven waren als „Werkzeuge“ (Aristoteles) wie jedes Vieh kaufbar. Ihre Anzahl lässt sich in verschiedenen Zeiten nur schätzen. „Die niedrige Schätzung von 20 000 Sklaven in Athen zur Zeit des Demosthenes (384-322) ergibt ein Verhältnis von Sklaven zu den Haushaltungen der Bürger, das nicht viel unter eins zu eins liegt.“ (Finley, 77) Das Lexikon der Alten Welt gibt die Gesamtzahl der Sklaven in Attika von ca. 80 Tausend an. „Besitzsklaven“ wurden nicht überall in den Stadtstaaten verwendet. Eine andere Form von Sklaverei, die überall in der antiken Welt eine „ökonomische Kategorie“ (Karl Marx) war, zeigt sich in Sparta. Heloten waren kein Eigentum der Bürger Spartas. Sie konnten Besitz ihr Eigen nennen, obwohl Grund und Boden den Bürgern Spartas gehörten. Ihre Aufgabe bestand einfach darin, das Land der Spartaner zu bestellen und ihnen in der Hauswirtschaft dienlich zu sein. – selbstverständlich ohne Entgelt oder Abgaben. Sie waren weder Besitzsklaven noch Leibeigene.

„Weder lokal begrenzter noch Fernhandel bedrohten in agrarischen Gesellschaften die Existenzgrundlage der Hauswirtschaft.“ (B.J.L. Berry, in: Finley, 29)

Nicht wenige Autoren blicken auf die Stadtstaaten der klassischen Zeit der griechischen Antike aus dem Blickwinkel einer Markt- und Geldwirtschaft. In seinem Buch >Der Stoff aus dem wir sind< vertritt Fabian Scheidler die These, Demokrit von Abdera (460-370v.u.Z.) aus Thrakien und die Urstoffphilosophen aus Lydien (Thales, Anaximander und Anaximenes) hätten in „der ersten durch kommerzialisierten Gesellschaft“ gelebt, in der Geld gegen Waren und Arbeitskraft getauscht worden seien.(26/27) Die „Koinzidenz von Raum und Zeit“ (?) bezüglich der „Erfindung des Münzgeldes“ und der von Demokrit erdachten Atomlehre sei erstaunlich und von der Forschung noch nicht erkannt worden.

Auf den Einwand, das Geld nicht gleich Münzgeld ist, dass es vor dem Münzgeld andre Formen wie (Edel)Metallbarren, Geld – Ringe aus Eisen, Kupfer oder Bronze gegeben hat, die dem Warentausch dienten, dass auch andere Gesellschaften Handel betrieben, auf diese Hinweise möchte ich hier nicht näher eingehen. Zur Zeit des Lydier König Krösus (560-547 Regierungszeit) „erfand“ man, so weit man weiß, die Prägung von Geld, also Münzgeld, weil es politisch gewollt war, Münzgeld als Geld für das Militär (Militärgeld) zu verwenden. („In dem Tempel von Didyma hat Krösus große Geldbeträge deponiert“ (Lexikon der Alten Welt,S.1630)) 

Die Geldform wurde der Marktgröße entsprechend und der Ausweitung des Handels angepasst. Scheidler und sein Bezugsautor Seaford übersehen, dass vor Krösus sämtliche archaische Königreiche Metallwährungen für die Bezahlungen von Steuern und Gehältern (siehe Militärgeld) verwendeten. Der Rest der Zahlungen wurde mit Naturalprodukten beglichen. (Redistribution) Das gilt für das alte China, die Königreiche Indiens oder auch für Babylon.

Interessant an dieser Argumentation ist, dass der Autor Scheidler Geld als „abstrakten Stoff“ begreift und ihn unter dieser begrifflichen Voraussetzung in Korrelation zur Atomlehre Demokrits (und Leukipps) setzt … Geld sei eine „unpersönliche und allmächtige Substanz, die den Hintergrund (?) lieferte für die atomistische Theorie eines abstrakten Stoffes.“ (27) Geld ist aber nicht das (Edel)Metall, also kein Stoff und auch keine „Substanz“, sondern eine über einen großen Zeitraum gewonnene gesellschaftlich vollzogene abstrakte Institution, wie man gleichwertigen Austausch von Gütern bewerkstelligen kann. Dazu muss es die Eigenschaften der Kommensurabilität und der Äquivalenz haben, um als Tauschmittel und Zahlungsmittel fungieren zu können. Zudem muss es entweder politisch oder gesellschaftlich als „allgemein“ anerkannt sein, um als Wertmesser den Tausch vermitteln zu können. Dem Wertmesser Geld muss eine vergleichbare Bemessungseinheit zugrunde liegen.

Aus der unzutreffenden These von der „Erfindung des Metallgeldes in Ionien“ eine Korrelation zur Atomlehre Demokrits  herzustellen, halte ich für mehr als gewagt, wenn nicht für irreführend. Auch die Schlussfolgerung, dass durch das Geld bzw. die Geldwirtschaft in der Antike (?)das „komplizierte Geflecht menschlicher Beziehungen zerschnitten“ worden und durch eine „Wettkampfarena“ ersetzt worden sei, kann ich nicht nachvollziehen, weil das durchgängig betriebene „Prinzip der Haushaltung“ (Polanyi) in den Stadtstaaten mit diesen Thesen nicht übereinstimmen kann. Erst die gesellschaftlich vollkommen durchdeklinierte Konglomeration von Märkten, die sich erst ab dem 16. Jahrhundert in England durchzusetzen vermochte, sind die gesellschaftlichen Phänomene der „Konkurrenzarena“ und des „vereinzelten Einzelnen“ (Karl Marx) zu beobachten. (siehe auch meine Blog Texte ) 

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