( von Fabian Scheidler )
Eine Kritik
Dieser Buchtitel evoziert die Frage:
Was ist Materie?
Der Quantenphysiker und Nobelpreisträger 2022 Anton Zeilinger antwortet:
„Materie plus Information“
(A. Zeilinger, Einsteins Spuk, Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik, Goldmann 2007, 13. Auflage S. 71)
Daraus setzt sich jedes beliebige Objekt zusammen, auch der „Stoff“. Elektronen spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zu Protonen und Neutronen sind Elektronen Elementarteilchen, während Protonen und Neutronen aus weiteren Elementarteilchen, den Quarks, bestehen. Elektronen unterscheiden sich von anderen atomaren Bausteinen darin, dass sie chemische Eigenschaften eines Elements bestimmen. „Ob ein Atom sich so verhält, wie Kohlenstoff oder Sauerstoff oder Wasserstoff sich verhalten, hängt von der Zahl der Elektronen ab, die den Kern umkreisen.“ ( 72 ) Die Elektronen umkreisen den Atomkern, wo die gesamte Masse des Atoms im Kern konzentriert ist. Die Masse des Atomkerns besteht aus zwei Arten von Teilchen, den positiv geladenen Protonen und den Neutronen, die keine elektrische Ladung haben. Die Elektronen hingegen sind negativ geladen und umschwirren den Atomkern. Ihre Bahnen bestimmen die Größe des Atoms. „Je kleiner die Masse, umso größer das Atom.“ (72 ) Alle Elektronen haben dieselben elementaren Eigenschaften, und sie gleichen einander. Wenn man sie austauschen würde, entstünde „aus einem Hamburger keine Tasse Tee.“ Denn: „Neue Atome sind genauso oder hinreichend ähnlich angeordnet, wie es die alten waren. Diese Art der Anordnung ist einfach Information, die meinen Körper oder ein beliebiges Objekt darstellt.“ ( 73 )
Daher:
„Information ist der fundamentale Baustein des Universums.“ ( 73 ) – und nicht Bedeutung und Interpretation, wie Scheidler schreibt.
Zeilinger kommt zu dem Schluss: Der Hamburger braucht nur „einen Haufen Down-Quarks, einen Haufen Up- Quarks und einige Elektronen.“ Also drei verschiedene Arten von Teilchen, die durch ein elektronisches Feld miteinander verbunden sind. „Von ihrer Anordnung hängt ab, was wir vor uns haben. Wieder ist es Materie plus Information, woraus sich jedes beliebige Objekt zusammensetzt, und es läuft darauf hinaus, dass die Materie sehr einfach beschaffen ist: Sie hat nur drei verschiedene Bestandteile, Up-Quarks, Down-Quarks und Elektronen.“ ( 73 ) Die Information ist deshalb wichtiger als die Materie, weil die Materie immer dieselbe ist und die Anordnung der Teilchen Information ist. „Die Information sagt uns, wie all diese einzelnen Bausteine relativ zueinander organisiert sind.“ ( 73 )
Zeilinger stellt die Frage: „Was ist wichtiger? Ist es die Materie, oder ist es die Information?“ Er kommt zu der Überzeugung: „Offensichtlich ist die Information darüber, wie die Quarks und Elektronen angeordnet sein müssen, und wie die Atome angeordnet sein müssen, … , wichtiger als Materie, aus der sich unser Objekt zusammensetzt.“ ( 73 )
Auch die Atomphysik hat, bildlich gesprochen, ein „Baukastensystem“, das auch einem mechanischem Programm der klassischen Physik zugrunde liegt. Durch Beobachtung mit Hilfe von Experimentaltechnik, durch systematische Untersuchung von Naturobjekten (Analyse) und Ermittlung der Bestandteile sind Atomphysiker zu diesem Wissen gelangt.
Elektron ist das sich bewegende und wirkungsmächtige Teilchen, das um den Atomkern schwirrt. Da der Impuls das Produkt der Masse des Objekts mal seiner Geschwindigkeit ist, können wir nie gleichzeitig den Ort eines Objekts und gleichzeitig die Geschwindigkeit exakt bestimmen. „Anders ausgedrückt, wo ein Objekt ist und wie schnell es fliegt, kann nicht beides exakt bestimmt werden.“ ( 74 ) ( Heisenberg`sche Unschärfenbeziehung 1927)
Warum dieser kurze und rudimentäre Ausflug in die Quantenphysik aus berufenem Munde ?
Scheidler instrumentalisiert quantenphysikalische Forschung, die keinen methodologischen Gegensatz, sondern eine dem mechanischen Programm, wie z.B. das der „realistischen Auffassung Einsteins“, entlehnte widersprüchliche Erweiterung darstellt, zum Zwecke seiner naturphilosophischen Überzeugung, die sich stark dem so genannten Vitalismus annähert, der als Gegensatz zum philosophischen Materialismus im 19. Jahrhundert entwickelt wurde.
Scheidler ist der Auffassung, dass das mechanische Weltbild der Physik seit der europäischen Aufklärung eine Sicht erzeugt habe, die die „Verbundenheit“ des Individuums mit der Natur „verschleiert“ habe. Diese Sichtweise habe zu einer „technokratischen Ideologie“ geführt, die die Annahme hervorgerufen habe, Natur und das, was wir Geist nennen, seien getrennte Gegenstände (Objekte). (Materie-Geist-Dualismus) Das Weltbild eines mechanisch funktionierenden Materialismus bestehe aus einer kausalen Determination von Abläufen, deren komplexe Phänomene auf Vorgänge und Eigenschaften kleinster Bausteine der Materie, den Atomen, zurückgeführt werden. Kausalität und Reduktion seien die grundlegenden Faktoren des mechanischen Programms in den Naturwissenschaften der Physik und Chemie. Da in dieses Programm nicht reproduzierbare Faktoren als Ursache ausgeschlossen werden, bliebe das subjektive Erleben unberücksichtigt. Deshalb sei die mechanische Weltsicht, aus der Sicht der Quantenphysik, heute „unhaltbar“, obwohl sie „nach wie vor gesellschaftlich tief verankert und wirkmächtig sei.“ ( 138 ) Die Natur funktioniere nicht wie eine Maschine, der Körper sei kein „Automat“, um Descartes zu zitieren, sondern besitze ein Innenleben. Dieses Weltbild eines philosophisch gefasstem Materialismus sei keine „ehrliche Wissenschaft“ und „verdunkle“ mit seinen „einschläfernden Hypothesen“ die menschliche Erkenntnis. ( 52 ) Das neue physikalische Weltbild der Quantenphysik gehe von „Wahrscheinlichkeitswellen“ und „dunklen Kräften“ (?) aus. „Der Stoff, aus dem wir sind, ist keineswegs greifbarer geworden, sondern entzieht sich mit zunehmender Beobachtungstiefe immer weiter.“ ( 53 )
Ontologisch behauptet der Vitalismus, lebende Systeme haben andere „Substanzen“ oder „Kräfte“ als anorganische. Ihre Strukturen und Funktionen können nicht mit den Mitteln der Physik und Chemie erklärt werden. Kausalität, Messung und Experiment seien für biologischer Systeme unangemessen, so der methodologische Vitalismus.
Auch auf konstruktivistische Reflexionen über die Wirklichkeit scheint sich Scheidler zu berufen. Auf die Frage, Was ist die Wirklichkeit und Was ist erkennen, antwortet der Begründer des so genannten >subjektiven Konstruktivismus< Humberto Maturana, dass die Welt mental konstruiert werde. Die Wirklichkeit ergebe sich aus der kognitiven Konstruktion unseres Gehirns, das die Umwelt nur als Objekt eines Subjekts perzipiert, so dass die Wirklichkeit nicht ohne Beobachter, d.h. ein denkendes und erkennendes Wesen existiert. ( Gilt das auch für Säugetiere?) Die Umwelt ist, so wie wir sie wahrnehmen, eine Erfindung des Menschen ( von Foerster ). Schon pyrrhonische Skepsis, philosophische Hermeneutik bis hin zu theoretischen Physikern der Gegenwart haben einer atomistischen Abbildungstheorie und einem naiven Realismus bzw. Materialismus den ideologischen Kampf angesagt. Spätestens seitdem Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft Raum und Zeit als Anschauungsweisen menschlicher Erfahrung aus dem Bereich der absoluten Wirklichkeit in den der Phänomene zurückholte, spricht man von der Kopernikanischen Wende in der Erkenntnistheorie und damit von der Subjektivität der Wahrnehmung und der Unmöglichkeit einer objektiven Erkenntnis des Dings an sich.
Dass Gehirne konstruktiv sein müssen, sowohl in ihrer funktionaler Organisation als auch in der Aufgabe, mit ihrem Organismus in ihrer Umwelt überleben zu können, ist nicht nur fürs menschliche Individuum von zentraler Bedeutung. Doch daraus wiederum zu folgern, die Wirklichkeit sei eigentlich geistiger Art und nur durch Bedeutung und Interpretation existent, scheint eine Ideologie zu sein, um im Sprachgebrauch Scheidlers zu bleiben.
Zustimmend zitiert Scheidler Hans- Peter Dürr: „Der eigentliche Hintergrund der Wirklichkeit ist nicht materieller Art, sondern geistiger Art. Dass dieses Informationsfeld zu Materie geronnen ist, gibt uns die Möglichkeit, es von Außen zu sehen. Was wir sehen, ist die materielle Kruste des Geistes.“ ( 91 ) Und flugs sind wir wieder im altbekannten Begriffsdualismus von Materie und Geist.
Für Scheidler ist das „Wesen“ des Lebendigen ein Prozess, in dem der „Stoff“ aus etwas „Urstofflichem“, aus Information, hervorgegangen ist, wobei er unter Information Bedeutung und Interpretation versteht. Er spricht von Ganzheiten. Mit anderen Worten von Vollständigkeit und Geschlossenheit, aus der die „Welt“ bestehe und die „im Prinzip das ganze Universum“ miteinander verbindet. Diese Ganzheiten stellten sich als ein „Netz von energetischen Beziehungen“, was die Quantenphysik herausgefunden habe, und aus „selbstorganisierten Ganzheiten“ dar, auf denen das Leben beruhe.
Demnach gibt es also zwei Ganzheiten: „Aus diesen Ganzheiten lassen sich nicht einzelne Teile beliebig herausreißen und kombinieren, ohne die komplexen größeren Gefüge zu zerstören.“ (141 ) Demnach gibt es noch ein metaphysisches größeres Gefüge, das Scheidler später den Kosmos, das geordnete Ganze, nennt.
Durch die von Scheidler begrifflich bestimmte „technokratische Ideologie“ (worauf ich zum Schluss noch gesondert eingehen möchte) werde dieses „komplexe größere Gefüge“ zerstört. Auf der Ebene lebender Systeme, den Zellen und großer Ökosysteme, organisiere sich „das Leben“ selbst. Leben sei durch „Bedeutung organisiert, nicht durch mechanische Stöße.“ ( 147 )
Der Physik Nobelpreisträger 2022 sagt: Die Atome, aus denen alle Objekte des Universums bestehen, seien Materie (Atomkern plus Elektron) plus Information, die sich durch die Anordnung der materiellen Teilchen ergebe. Die Erklärungen Dürrs und Scheidlers gleiten hinterrücks wieder in einen philosophischen Dualismus. Was Zeilinger hingegen zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass Information ein unterschiedliches Verhalten der Elementarteilchen beschreibt im Rahmen eines binären Codes von positiven und negativen Teilchen.
Durch die „zwei Ganzheiten“ des Kosmos führt Scheidler den Begriff des Innenlebens lebender und nichtlinearer Systeme in die Argumentation ein. Der Materialismus könne dieses Erleben nicht erklären. Der Begriff der Materie habe sich indes radikal gewandelt, denn „es zeichnen sich die Konturen eines doppelten Rätsels ab, das in das Herz der neuzeitlichen Auffassung von der Natur reicht: Beide Seiten des Körper-Geist-Dualismus entziehen sich unserem Verstehen.“ ( 56 ) Scheidler führt uns hier eine neue Art einer romantischen Denkweise vor.
Scheidler wendet sich nun der Wissenschaft vom Leben zu, wo die „Herkunft und das Wesen der Innenleben im Zentrum stehen.“ ( 56 )
Die moderne Biologie habe eine „neue Form von Kausalität“ entdeckt – eine „zirkulierende Kausalität“ der Selbstorganisation oder Selbststeuerung dynamischer Systeme (Feedback). Ein Faktor des kybernetischen Mechanismus sei das „negative Feedback“. Die Analogie zum Elektron scheint mir evident. Scheidler zitiert in diesem Zusammenhang einen Vertreter der Kybernetik, Gregory Bateson: „Wir verlassen hier die ganze Welt, in der Wirkungen durch Kräfte, Stöße und Energieaustausch hervorgerufen werden. Stattdessen betreten wir die Welt, in der Wirkungen (…) durch Unterschiede hervorgerufen werden.“ ( 59 )
In diesem Zusammenhang noch einmal zur quantentheoretischen Aussage A. Zeilingers. Elektronen sind identisch, haben keinen Unterschied – das gilt auch für lebende Systeme. Sie unterscheiden sich von anderen atomaren Teilchen dadurch, dass sie chemische Reaktionen hervorrufen. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass Kybernetik eine Forschungsrichtung ist, die Systeme verschiedenster Art (biologische, technische, lerntheoretische oder soziologische) mit unterschiedlichem Erfolg auf selbständige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht.
Im folgenden Zitat interferiert Scheidler, indem er sprachlich das System der Quantenphysik im Bereich der anorganischen Objekte mit dem der lebenden Systeme vergleichend verbindet. „Wie wir auf der Quantenebene durch ein verknüpfendes Feld verbunden sind,…, so sind wir überdies durch ein Netz von Bedeutungen und Interpretationen mit unserer lebendigen Mitwelt verbunden.“ ( 67 ) Ausschweifend erweitert Scheidler seine Überzeugung mit weiteren Beispielen. „Die Abspaltung der Natur als zu „beherrschendes Objekt“ sei ein „totales soziales Faktum“, das „alle Lebensbereiche durchzieht und strukturiert, von der Ökonomie, über Kultur und Wissenschaft bis hin zu den menschlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau.“ ( 151 ) Wow!! „Die Natur“ ( auch die der Frau oder des Mannes ) trete jedem ( von beiden ) stets als zu „beherrschendes Objekt“ gegenüber. Verworren wird es, wenn Scheidler einen großen ideologischen Eintopf anrührt, in den er die Zutaten „Ausbreitung von kapitalistischer Wirtschaft“ , Sklaverei, mechanischem Denken, Hexenverfolgung und Geschlechterbeziehung hineintut und heuristisch nach Parallelen sucht.
Nicht allein dies, auch die „Herrschaft des Geldes“ schneide die „Verbundenheit“ mit unserer Mitwelt ab. Sie mache uns glauben, „ich sei als souveränes, unabhängiges Individuum“ und habe von einem anderen „Wirtschaftssubjekt mit meinem Geld meinen Computer gekauft.“ Das Geld nähre „die Illusion“, es gebe „so etwas wie isolierte Individuen.“ ( 137 ) Zum Zeugen seiner Wirrnis ruft er Karl Marx auf, der Geld als „Chiffre“ für gesellschaftliche Beziehungen gesehen habe. ( 138 )
Ich möchte Karl Marx in einem längeren Zitat sprechen lassen.
„Aus dem Akt des Austausches selbst ist das Individuum, jedes desselben, in sich reflektiert als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subjekt desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums gesetzt: Freiwillige Transaktion; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner Mittel ( Geld w.r. ) , oder als dienend, nur als Mittel, um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Übergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Interesse, kein Darübersteigendes verwirklichend; der andere ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse verwirklichend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Doppeldeutigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbständigung nach verschiedenen Seiten der Austausch des selbstsüchtigen Interesses ist. (…) Wenn also die ökonomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte setzt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl sachlicher, der zum Austausch treibt, die Freiheit. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respektiert im Austausch, der auf Tauschwerten beruht, sondern der Austausch von Tauschwerten ist die produktive, reale Basis aller Gleichheit und Freiheit. Als reine Ideen sind sie bloß idealisierte Ausdrücke derselben; als entwickelt in juristischen, politischen, sozialen Beziehungen sind sie nur diese Basis in einer anderen Potenz…“ Der Akt des Austausches beinhaltet, dass sich die Austauschenden „als Gleichgeltende und zugleich als Gleichgültige gegeneinander“ wissen. Das Geld ist die Realisation des Tauschwertes und „die Realisation dieses Systems der Freiheit und Gleichheit.“ (Karl Marx, Grundrisse S. 152-160)
Das „Geld“ ist keine Chiffre, kein geheimes Zeichen für die Isolation von Individuen, sondern als allgemeines Äquivalent und demzufolge als Tauschmittel und Zahlungsmittel ein die Wirtschaftssubjekte verbindendes und den Stoffwechsel mit der Natur förderndes Mittel. Als konzentriertes Geldkapital in den Händen weniger, konkurrierender Kapitaleigentümer hingegen herrscht es über einzelne Bürger, über ganze Gesellschaften und Staaten und zerstört in seinem systematischen, durch Privateigentum an den Produktionsmitteln bedingten Akkumulationsprozess überdies die natürlichen Bedingungen menschlichen Lebens.
Nachtrag:
Die „Megamaschine“ der Kapitalakkumulation und ihre Profiteure konstituieren kapitalistische Herrschaftsverhältnisse
Ideologie, so Scheidler, sei eine von Herrschaftsverhältnissen geprägte Denkstruktur. ( 139, Anmerkung ) Um welche Art von Herrschaftsverhältnissen handelt es sich?
„Die technokratische Ideologie ist in diesem Sinne nicht einfach eine Ansammlung von Behauptungen, die sich widerlegen ließen, sondern eine Denk- und Handlungsstruktur…“ ( 139 ) Grundlage dieser Ideologie sei ein mechanisches Programm der Physik und Chemie. Im Verbund mit der „Herrschaft des Geldes“ sei eine Megamaschine geschaffen worden, die Natur und Gesellschaft zerstöre.
Scheidler macht für die konkreten, historisch nachweisbaren politökonomischen und sozioökonomischen Herrschaftsverhältnisse „mechanisches Denken“ aus ( wessen Denken ? Er nennt Locke, Newton u.a., die zugleich englische (!) Geldinvestoren waren). Mit Hinweis auf die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaft möchte er eine Denkweise der Verbundenheit des Menschen mit der Natur anschieben und die „Maske des Geldes“ ( wessen Maske ? ) herunterreißen, um „so das große Netzwerk menschlicher Beziehungen“ sichtbar zu machen:
Folglich
Ideologiekritik durch Ideologie.
„Ideen bestimmen das konkrete Leben menschlicher Individuen“
Marx hat einen anderen Begriff von Ideologie:
„Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man vom Bewusstsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewusstsein nur als ihr Bewusstsein. Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augenblick. Ihre Voraussetzungen sind die Menschen (…) in ihrem wirklichen, empirisch anschaulichen Entwicklungsprozess unter bestimmten Bedingungen.“ ( Marx, Deutsche Ideologie )
In der Welt der Megamaschine und der Quantitäten, der Anzahlen, werde, fährt Scheidler fort, dem „Mess- und Zählbarem“ ein „höherer Realitätsstatus“ zugesprochen als den erlebten Qualitäten unserer Wahrnehmung. Welchen Bereich meint Scheidler ?
Sowohl Objekte der Außenwelt als auch die des Innenlebens, auch Gefühle und Empfindungen, sind zählbar und messbar. Im Bereich der Kommunikation unterscheiden sich Zahl und subjektives Erleben indes. Zahl, so Gottlieb Frege, „ist genau dieselbe für jeden, der sich mit ihr beschäftigt“ und existiert objektiv (= ist „vorhanden“, Scheidler 140) , d.h. unabhängig von Empfindung, Anschauung und Darstellung, vom Entwerfen innerer Bilder der Erinnerung, aber sie existiert nicht unabhängig von der Vernunft, so Frege in seiner Schrift „Grundlagen“. Insofern entstehen in „unseren Köpfen“ – objektiv – Zahlen und Empfindungen. Aber, über Zahlen, z.B. Preise, lässt sich unmissverständlich kommunizieren. Über Gefühle hingegen nicht. Zwischen diesen „Kopfobjekten“ und der Realität besteht eine fundamentale Diskrepanz.
Die Begriffe „technokratische Ideologie“ und „Herrschaft des Geldes“ verschleiern ihrerseits sozialökonomische Herrschaftsverhältnisse. „Das Geld“ herrscht nicht, sondern Kapitaleigentümer in unserer Gesellschaft mit dem Mittel des Geldkapitals und des Rechtstitels Eigentum. Wenn das Mittel > Technik< in der Auseinandersetzung mit Natur und Mitmensch und im Zusammenhang mit politischen und ökonomischen Interessen der Vorrang gegeben und propagiert wird, dass Technik allein dem Allgemeinwohl diene, dann ist diese Aussage eine ideologische. Technik als ein fundamentaler Faktor der Kultur ist im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformen in unserer Gesellschaft und kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft eine Ware und Kapitalgut. Die unter dem Begriff Technokratie gängige Lehre, die aus der USA stammt, bedeutet, dass der Technik einen Vorzug vor wirtschaftlichen und politischen Zwecken gegeben wird. Diese us-amerikanische „Technokratie“-Lehre ist deshalb ideologisch, weil sie absieht von eben dieser Gesellschaftsformation und ihren ökonomischen Zweck der Kapitalverwertung verschleiert.
Unter der begrifflichen Voraussetzung, dass Technik als zweckrationales Verfügen über Mittel und Folgen des Handelns über bezweckte und nicht bezweckte Eigenschaften der Produkte verstanden und im Verhältnis zur Naturwissenschaft betrachtet wird, ist Naturwissenschaft als angewandte Technik zu verstehen und erlaubt, Naturgesetze als Beschreibung erfolgreicher Experimentaltechnik aufzufassen im Rahmen eines Modells. Auch unter dem Aspekt gesellschaftlicher und politischer Beziehungen können z.B. Märkte und Staaten als technische Einrichtungen begriffen werden.
In Deutschland hat man sich leider daran gewöhnt, die Geschichte der Wissenschaften so zu schreiben, als wären sie vom Himmel gefallen.“ (Engels an Borgius, 25.1. 1894, in: MEW, Bd. 39, S. 205f.)
„Unter den ökonomischen Verhältnissen, die wir als bestimmende Basis der Geschichte der Gesellschaft ansehen, verstehen wir die Art und Weise, worin die Menschen einer bestimmten Gesellschaft ihren Lebensunterhalt produzieren und die Produkte untereinander austauschen (soweit Teilung der Arbeit besteht). Als die gesamte Technik der Produktion und des Transportes ist da einbegriffen. Diese Technik bestimmt nach unserer Auffassung auch die Art und Weise des Austausches, weiterhin die Verteilung der Produkte und damit, nach der Auflösung der Gentilgesellschaft, auch die Einteilung der Klassen, damit die Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse, damit Staat, Politik, Recht etc. Ferner sind einbegriffen unter den ökonomischen Verhältnissen die geografische Grundlage, worin auf diese sich abspielen, und die tatsächlich überlieferten Reste früherer ökonomischer Entwicklungsstufen, die sich forterhalten haben, oft nur durch Tradition oder vis inertiae, natürlich auch das diese Gesellschaftsform nach außen hin umgebende Milieu. Wenn die Technik, wie Sie sagen, ja größtenteils vom Stande der Wissenschaft abhängig ist, so noch weit mehr diese Stand und den Bedürfnissen der Technik. Hat die Gesellschaft ein technisches Bedürfnis, so hilft das der Wissenschaft mehr voran als als zehn Universitäten. (…) Von der Elektrizität wissen wir erst etwas rationelles, seit ihre technische Anwendbarkeit entdeckt.
Wie im 19. Jahrhundert erzählt der „deutsche Ideologe“ Fabian Scheidler seine Geschichte aus der philosophischen Höhe der Ideenbildung.
„Da… die Verhältnisse der Menschen, ihr ganzes Tun und Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte ihres Bewusstseins sind, so stellen die Junghegelianer konsequenterweise das moralische Postulat an sie, ihr gegenwärtiges Bewusstsein mit dem menschlichen, kritischen oder egoistischen Bewusstsein zu vertauschen und dadurch ihre Schranken zu beseitigen. Diese Forderung, das Bewusstsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen.“ (Karl Marx und Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S. 20, Dietz Verlag 1969)