Mystischer Spirit und sozialer Realismus

Die Ich-Philosophie ist eine Philosophie der individuellen Freiheit. Sie spiegelt den revolutionären „Zeit-Geist“ bürgerlicher Aufklärung wieder, die sich gegen politische und ökonomische Beschränkungen und Zwänge der Anciens Régimes richtete. Merkantilistische Handelspolitik und kameralistische Wirtschaftspolitik behinderten die bürgerlichen Geschäfte und Investitionen in einer aufstrebenden Marktwirtschaft zu einem alle Gesellschaftsbereiche umfassenden System von Märkten. Sie hemmten damit auch den Ausbau des Industriekapitalismus. 

Rechtsphilosophisch mutiert der individuelle Freiheitsgedanke zu einem „Naturrecht“ , das entweder metaphysisch durch einen (christlichen) Schöpfer oder durch die „Vernunft an sich“ sanktioniert worden sei. Die us-amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 erklärt, dass alle Menschen gleich erschaffen worden seien, „dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“  Schon bei John Locke (1632-1704), englischer Investor und Philosoph des Liberalismus, finden diese bürgerlichen Rechte Erwähnung.

Im Deutschen Idealismus gibt Kant (1724-1804) den moralisch – ethischen Rat: „Bestimme Dich aus dir selbst.“ Eine Abwandlung des eher praktischen, liberalen aus England stammenden Rat: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Man mag leicht über den inhaltlichen Unterschied hinwegsehen, aber deutsche Idealisten waren schon stets von Moralin getränkt. Wer diesem Rat nicht folgen wolle oder könne, sei „unmündig“ , so Kant, und entspreche nicht dem eigentlichen Wesen des Menschen. Kants Imperativ gilt unbedingt. Wer Kants Rassenlehre aufmerksam liest, wird feststellen, dass seine metaphysisch begründete Anthropologie den weißen Europäer meint, den Typ von Mensch, der dem  der „idealen Natur“ des Menschseins am nächsten komme. Die „Rasse der Neger“ (Kant) kommt in seiner Rassenskala ganz unten vor. Friedrich Schiller, ein Verehrer Kants und Deutschlands Kunstheroe, ruft euphorisch: Selbstbestimmung!

Was der geistiger Natur antinomisch entgegensteht, die materielle Natur der Körper, begreift Kant als ein „Ding an sich“. Etwas, was das Wesen des Dings angeht, ist für den Geist des Menschen unerklärlich. Dieser philosophische Dualismus, aus der Philosophie der Griechen entlehnt, prägt das Denken der Intellektuellen in Europa, gerade in der Zeit der philosophischen „Aufklärung“.

Auch aus „objektiver“ Sicht des Idealismus wird G.W.F. Hegel (1770-1831) diesem Urteil zustimmen.

Hegel steigert diese Abstraktionskunst ins Unermessliche, indem er die Differenz zwischen Wissen und Ding in einem dialektischen Entwicklungsschritt „aufhebt“, wie er sagt. Und zwar im Begriff der „Sache“. Die materielle Natur der Dinge oder Objekte wird durch den Verstand „aufgehoben“, oder man kann auch sagen „subjektiviert“. Der Großmeister und Hohepriester des bürgerlichen Idealismus versucht in einem identitätsphilosophischen Ansatz aufklärerische und kritische Positionen unter Einbeziehung einer geistes-geschichtlichen  Betrachtung und des bürgerlichen Naturrechts sowie der Theorie der bürgerlichen Gesellschaft mit Hilfe eines systematisch logischen Konzepts nachzuweisen, dass es eine Identität von „konsequent durchdachtem Begriff“ und der „Realität“ gibt. Der Begriff wird zum Demiurg des Wirklichen. Logik zur Ontologie. Die Differenz zwischen Wissen und wahrgenommenem Objekt aufgehoben: Tat-Sache, im Sinne: „so erkenne ich es, so ist es“. 

Diesem „objektiven Idealismus“ liegt nicht ein individueller Geist zugrunde, sondern das Postulat eines absoluten Geistes. Diese Substanz oder geistige Totalität durchwirkt die Menschheitsgeschichte und äußert sich in der Religion, in der Kunst und im Staate. In der Hegelschen Rechtsphilosophie (1821) umfasst dieser absolute Geist a. das „abstrakte Recht“, das sich über den Begriff der Sache als Eigentum aufgrund von Vertragsschlüssen herstellt, b. die Moralität des subjektiver Geistes und c. die Sittlichkeit als ein Komplex von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat.

Dem Hegelianischen Identitätsansatz folgten nicht nur seine Adepten (Rechts-und Linkshegelianer am Anfang des 19. Jahrhunderts), sondern auch die Crème de la Crème der deutschen Philosophie von der Romantik bis zum existentialistischen Furor im 20. Jahrhundert.  Aus dieser Philosophiegeschichte des deutschen Geistes, der „Deutschen Ideologie“, sticht allein Karl Marx (1813-1883) heraus. Der junge Marx setzt sich in seiner Schrift „Deutsche Ideologie“ am Anfang des Buches mit Ludwig Feuerbach (1804-1872) kritisch auseinander, indem er dessen „anthropologischen Materialismus“ grundsätzlich kritisiert, der die „Ich-Philosophie“ im Sinne einer Philosophie der Kommunikation  zu erweitern versuchte.

Zuvor möchte ich eine Einordnung des philosophischen Materialismus vornehmen, der sich als anderes Extrem bürgerlichen Denkens vom Idealismus unterscheidet. 

Die moderne Naturwissenschaft, die grundlegende und wirkliche Aufklärung, bewirkte einen Umbruch in der Weltsicht. Sie wurde zuerst als „neue Philosophie“ (Newton) und als Widerpart zur herrschenden Theologie und des verbreiteten Idealismus verstanden. Da die Physik eine mechanische Erklärung der Naturphänomene vornahm, verband sich der philosophische Materialismus mit der Mechanik der damaligen Physik. Dieser „mechanische Materialismus“, der alles Organische und Geistige kausal aus der Substanzidee des Materiellen ableiteten will (Reduktionismus), fand seine Väter in Hobbes und den Enzyklopädisten (d’Holbach, La Mettrie). Er sah seinen Konterpart im Atheismus. In Deutschland vertraten L.Büchner, Ch.Vogt und Moleschott einen philosophischen Materialismus.

Der philosophische Materialismus muss deutlich von der Naturwissenschaft durch seine Methodologie unterschieden werden. Er ist auch nicht aus der modernen Naturwissenschaft entstanden. 

Ludwig Feuerbach schreibt: „Ich gehe…bei der Frage von Realität und Objektivität der Sinne nicht vom Ich gegenüber dem physikalischen und natürlichen Ding aus, sondern von dem Ich, welches außer sich und sich gegenüber ein Du hat, und selbst gegenüber einem anderen Ich ein Du, ein selbst gegenständliches sinnliches Wesen ist. Und dieses Ich ..ist …das wahre Ich, von dem ich in allen Fragen ausgehen muss…(…) Ich ist die Wahrheit des Denkens, aber Du ist die Wahrheit der Sinnlichkeit. Was aber vom Menschen dem Menschen ist, das gilt auch von ihm der Natur gegenüber. Er ist nicht nur das Ich, sondern auch das Du der Natur.“ (Brief an J. Duboc vom 27. 11. 1860, in: Gesammelte Werke, Bd. 20, Berlin 1995, 310-312) Sowohl der physiologische als auch der philosophische Idealismus der Ich-Philosophie sei eine Selbstbefriedigung der jeweiligen Philosophen, ohne objektive Bedeutung. 

Feuerbach, selbst im Denkkäfig des Ichs gefangen, sieht in der Sinnlichkeit, dem Du und der Natur gegenüber die Wahrheit verborgen. Interpersonalität und Sinnlichkeit definieren das Wesen des Menschen. „Feuerbach lieferte einen Ansatz, das Wirkliche nicht als Materie im Sinne eines bloßen Substrats, sondern als das tätige Gegeneinander zweier Subjekte respektive als wechselseitiges Subjekt-Objekt-Verhältnis zu denken. Doch die Tätigkeit reduziert sich bei ihm auf die Liebe, d.h. auf eine unmittelbare sinnliche Empfindung…Feuerbachs Tätigkeit schafft keine Objektivität.“ (Renate Wahsner, in: Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert, Der Materialismus-Streit, Meiner Verlag 2007, S. 90)

Der junge Marx knüpft in der „Deutschen Ideologie“ an das tätige Ich-Du-Verhältnis, an den „anthropologischen Materialismus“ Feuerbachs an. Im Gegensatz zu Feuerbach geht er nicht vom einzelnen Individuum aus, sondern von „wirklichen Menschen“, mit anderen Worten von „ihren Aktionen und materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten.“ (MEW, Bd.3, 17) Wirkende Menschen arbeiten zuvörderst ökonomisch gemeinschaftlich (kommun) und arbeitsteilig in einer Gesellschaft unter gegebenen materiellen, kulturellen und institutionellen Bedingungen, die in der Menschheitsgeschichte unterschiedlich sind. Sie reproduzieren ihr Leben im Rahmen spezifischer, historisch unterschiedlicher ökonomischer, sozialer und politischer Formationen und materiellen Bedingungen (Rohstoffverfügung, Technik, Technologie, Arbeitsmittel, Energien etc.) Marx geht von den empirisch feststellbaren Tatsachen aus. Er verbindet Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Geschichte der Naturwissenschaft, Kulturgeschichte der Menschen. Er nennt diese Methode „Historischer Materialismus“. „Die Voraussetzungen… sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann… Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ (MEW, Bd.3, 20)

Anhand empirisch erfasster Tatsachen untersucht er die Strukturen und Elemente der ökonomischen Basis. Die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Marx) In der Deutschen Ideologie vergleicht er noch die Eigentumsformen und typisiert sie. Er spricht von Stammeigentum, Gemeineigentum in den Städten durch Vertrag oder Eroberung (siehe Athen), vom feudalen oder ständischen Eigentum oder korporativem Eigentum in den Städten, gleichsam die feudale Organisation des Handwerks, vom Privateigentum an den Produktionsmitteln in der bürgerlichen Gesellschaft. 

„Bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muss in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion und ohne Mystifikationen und Spekulation aufweisen.“ (25) Später untersucht er die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ ( seiner Zeit) in seinem Hauptwerk >Das Kapital<. Am Anfang steht die Untersuchung der Marktkategorien  Ware und Geld, der Wertproduktion auf Grundlage der Arbeitswerttheorie und der Preise. Auch die Vorstellungen und Ideen seien verflochten in die materiellen Tätigkeiten und in den Verkehr der Menschen – in der kapitalistischen Produktionsweise und der kapitalistischen Marktkonkurrenz, „der wirklichen Sprache des wirklichen Lebens.“ (26) „Das Bewusstsein kann nie etwas Anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess.“ (26)

In der Deutschen Ideologie entwickelt er ein empirisch wissenschaftliches Programm – eine materialistische Auffassung der Geschichte, die sich fundamental vom Geist des Idealismus und Materialismus unterscheidet. Marx ist kein Geschichtsphilosoph, der von determinierten Geschichtsabläufen spricht. Der Historische Materialismus ist eine Theorie, die „durch ständige Selbstkorrekturen im Fluss befindliches und unabgeschlossenes Unternehmen“ gekennzeichnet ist. (Andreas Arndt, a.a.O. S.260) So begreift Marx z.B. den Kommunismus nicht als einen Zustand oder als ein Ideal, das zu erreichen ist, „wonach die Wirklichkeit  sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzigen Voraussetzung.“ (35) Der Kommunismus könne weder lokal noch national begriffen werden, sondern sei „empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker und dem mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr“ vorstellbar. 

Vergleicht man, was der „Marxismus“ und seine Adepten in der Nachfolge von Marx verzapft haben, dann kann man Marx nur zustimmen, als er von einem Journalisten gefragt wurde, ob er ein Marxist sei, und antwortete, „Nein, ich bin Marx.“         

Der moderne Zeit-Geist des „Westens“ liest sich indes wie folgt:

We are the lonely and only one

We are free to think, to decide and to do it what we want – we are freedom men

Wir sind Eigentümer, Investoren, Unternehmer und Welt-Bürger

We are masters of universe

We live in God’s own land

Wir sind prädestiniert, weiß und allmächtig

                     „We are living in a ghost town“

                      wo Rassismus und Eugenik

                      wachsen und gedeihen können,

            wo es gute Waffen und gerechte Kriege gibt

               The West is the best and the good ones

Die „Internationale“ des Neoliberalismus und Neokonservatismus vereinigen sich und schaffen eine neue Form des Faschismus, in einer Zeit, in der die südliche Hemisphäre unter Führung der BRICS Staaten den Hegemon USA und seiner westlichen Vasallen ökonomisch in Frage stellen.   

Jedem Liberalen von „altem Schrot und Korn“ und Verfechter der Menschenrechte ist das Buch von Vincent Bevins Die Jakarta Methode, wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt, Papa Rossi Verlag, zu empfehlen !!! 

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