Nachtrag zur Marxens Geldtheorie

              Teil 2

Aus dem Geldverleih allein entsteht kein „Zins tragendes Geldkapital“ (Marx) . Im Falle des Girokontos z.B. wird Geld in einer Geschäftsbank hinterlegt und dort verwahrt und verwaltet, um den Zahlungsverkehr zu regeln. Für diese Dienstleistung erhebt die Bank eine Gebühr und weder der Kontoinhaber noch die Bank ziehen aus diesem Geldverleih einen Zins. Die Bank fungiert als Kasse.

Geschäftsbanken geben auch Geldkredite. Der Kreditnehmer kann mit diesem Geldkredit entweder den Privatkonsum oder seine Geschäfte finanzieren. Im ersten Fall erzielt der Kreditgeber vom Kreditnehmer einen Zins. Der Kreditnehmer verwendet den Kredit auf dem Güterwarenmarkt. Mit dem Kauf der Ware geht der Geldkredit in die Geldzirkulation des Güterwarenmarktes ein.

Wird der Kredit zur Geschäftszwecken verwendet, so trägt der investierte Geldkredit in den Verwertungsprozess des Kapitals ein. Der Geldverleih, so Marx, „ist überhaupt kein Akt des wirklichen Kreislaufprozesses des Kapitals, sondern leitet nur diesen durch den industriellen Kapitalisten zu bewirkenden Kreislauf ein.“ (Marx, Das Kapital Band II, S.324) Dort wird die Investition verwertet. „Das Geldkapital, das der Geldkapitalist nicht in seinem eigenen Geschäft anwenden kann, wird von anderen angewendet, von denen er Zins erhält.“ (333) Für den Kreditgeber ist es Kapital geworden durch die Weggabe an den Kreditnehmer. „Der wirkliche Rückfluss des Kapitals aus dem Produktions- und Zirkulationsprozess findet nur für B statt.“ (360)

Da Investitionskredite nicht aus den Einlagen der Geschäftsbanken vergeben werden, „schaffen“ Banken neues oder frisches Geld, das nicht aus der im Umlauf befindlichen Geldmenge entnommen wird. Diese Kreditart nennt Marx Kreditgeld, das aus dem „Nichts“ entstanden ist. (Fiat money, Geld ohne oder mit geringem Substanzwert) Kreditgeld ist der Motor der kapitalistischen Geldmaschine. Der Geldkredit das Öl des Güterwarenmarktes. Das Kreditgeld durchläuft zwei voneinander getrennte Zirkulationen. Es kann in der Produktion verwendet werden oder es wird gegen Wertpapiere oder Eigentumstitel getauscht.

Im ersten Falle kauft (oder mietet) der Kreditnehmer Produktionsmittel, Maschinen, Energie, Arbeitsplatz, Rohstoffe etc. Diese Produktionsfaktoren nennt Marx „konstantes Kapital“ (c), weil sie keinen zusätzlichen Wert schaffen. Diese Materialien sind unter der Annahme des Äquivalenzprinzips getauscht worden. Ungleiche Tauschverhältnisse, wie sie zur Zeit des Handelskapitalismus und Kolonialismus im Fernhandel existierten, schließt das Modell äquivalenter Zirkulation auf Märkten aus. Die Kosten für diese Ausgaben gehen in den Produktpreis mit ein. Mit dem Kreditgeld kauft er auch Arbeitskraft. Die von dem Industriekapitalisten in der Produktion verwendete menschliche Arbeitskraft nennt Marx „variables“ Kapital (v), da sie dem Produkt und spätere Ware zusätzlichen Wert (m) zusetzt. Die Zirkulation dieser Form des „zinstragenden Kapitals“ beschreibt Marx wie folgt: G(c+v+m)-G`. Das Kreditgeld fließt an den Kreditgeber zurück: G-G`

Die zweite Zirkulation des zinstragenden Kapitals ist die Zirkulation des Finanzkapitals. Das Kreditgeld wird in Wertpapiere oder Eigentumstitel investiert, die als Waren einen Preis haben. Dieser Mark heißt Finanzmarkt. Dieses Kapital nennt Marx „fiktives“ oder „illusorisches“ Kapital. Es ist kapitalintensiv im Sinne schneller Verwertbarkeit durch Kauf und Verkauf und geringer Herstellungskosten. Es hat keine Lagerungskosten. Es ist Kapital in seiner idealen Form. Es ist hoch risikoreich, weil spekulativer als die Investitionen in die materielle Realindustrie. Finanzmärkte sind eine Wette auf die Zukunft unter Ausschaltung materieller Produktionsprozesse. Die Form der Zirkulation des „zinstragenden Geldkapitals“ lautet: G-G`

Das „finanzialisierte“ Kreditgeld hat aufgrund der Geldschöpfung der Geschäftsbanken eine exponentielle Ausweitung der Geldmenge und demzufolge der Verschuldung zur Folge. So haben z.B. britische Geschäftsbanken der Londoner City 2010 97,4% der in Umlauf befindlichen Geldmenge erzeugt. Während die Zentralbank Englands nur 2,6% in Form von Bargeld dazu beigetragen hat. Von 1998-2007 hat sich die Kreditmenge um 1,2 Billionen Pfund vergrößert, das Bargeld nur um 18 Millionen Pfund. Das Bankvermögen war 1980 global 20mal größer als das der globalen Wirtschaft – 2006 75mal größer.

„Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditwesens scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital unter verschiedenen Formen erscheint.“ (Marx, Kapital Band III, S.488). Die Wertpapierduplikate werden wiederum als Waren gehandelt und zirkulieren selbst als Kapitalwerte. „Sie sind illusorisch und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.“ (III, 494) Der Güterwarenmarkt und der Finanzmarkt haben zwei unterschiedliche Zirkulationen. Die Märkte sind aber trotzdem miteinander verbunden. Je größer die Menge des Kreditgeldes um so mehr steht die so genannte Realwirtschaft unter dem Zwang der „Finanzialisierung“. Durch die immense Ausweitung des Kreditgeldes entwickeln sich auf beiden Märkten unterschiedliche Inflationen zu verschiedenen Zeiten. Auf den Finanzmärkten können sich Spekulationsblasen bilden, die zu Stockungen des Zuflusses von Kreditgeld führen und zu Zusammenbrüchen von Banken, so dass davon die Realwirtschaft betroffen wird. Finanzmärkte sind grundsätzlich instabil. Sie werden mehr von Emotionen angetrieben als jene Investitionen, die in die Realwirtschaft fließen.

Michael Hudson hat das Finanzkapital neben der Grundrente als „Wucherkapital“ bezeichnet, weil es Einkommen aus unproduktiver Arbeit generiert. Zins- und Tilgungszahlungen müssen aus anderen Einkommensbereichen der Schuldner bezahlt werden. Hudson nennt dies eine „räuberische“ Kreditvergabe. Nach Marx ist das Wucherkapital Kapital, das der Arbeit „nicht als industrielles Kapital gegenüber tritt.“ (II. 609) Marx schreibt: “ Was das zinstragende Kapital vom Wucherkapital unterscheidet ist in keiner Weise die Natur oder der Charakter dieses Kapital. Es sind nur die veränderten Bedingungen, unter denen es fungiert, und daher auch die total verwandelte Gestalt des Bürgers, der dem Geld Verleiher gegenübersteht.“ (Marx Kapital Band III,614) „Der Kredit, als ebenfalls gesellschaftliche Form des Reichtums, verdrängt das Geld und usurpiert seine Stelle. Es ist das Vertrauen in den gesellschaftlichen Charakter der Produktion, welche die Geldform der Produkte als etwas nur Verschwindendes und Ideales, als bloße Vorstellung erscheinen lässt. Aber sobald der Kredit erschüttert wird – und diese Phase tritt immer notwendig ein im Zyklus der modernen Industrie – soll nun aller Reichtum wirklich und plötzlich in Geld verwandelt werden.“ (Marx, III. Dietz Verlag, S.588)

Joseph Vogl schreibt: „Die Kreditzirkulation basiert auf dem Paradoxon eines sich selbst garantierten Geldes und erweist sich als Schauplatz effektiver Funktionen oder ‚Dichtungen‘, auf dem Umlauf des Scheinbaren tatsächlich zur Determinante ökonomischer Relationen gerät.“ (Vogl, Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Verlag 2010/2011, S. 81) Das ‚Gespenst des Finanzkapitals‘ erweist sich als Abkehr von gesellschaftlicher Realität, als Realitätsverlust. Eine politische Ordnung erzeugt und die sie praktisch vertretenden Politiker vertreten zwangsläufig Hybris und Hypokrisie.

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