In einem Interview des Freitags aus dem Jahre 2016 weist der bekannte US-Ökonom Michael Hudson darauf hin, dass die politische Linke heute nicht über den Finanzsektor spreche, sondern „über Frauen-und Bürgerrechte und über LGBTIQ“. Ich nehme diesen Hinweis zur Kenntnis und möchte mich in drei Teilabschnitten mit diesem Thema auseinandersetzen, wobei ich meine Darstellung und Untersuchung in weiten Teilen der Argumentation Hundsons in seinem Buch „Der Sektor“ entnehme.
Der erste Teil beschäftigt sich mit der Geschichte des Kredits; der Zweite mit der Theorie des Kredits und der Dritte mit der ökonomischen Auswirkung des Finanzkapitals.
Die Entstehung des Kredits
Teil 1
Der Kredit entwickelte sich aus der Entstehung des Privateigentums an „Feld und Flur“ . Althistoriker berichten, dass im Stadtstaat Ur der III.Dynastie nachweislich eine Bürgerschicht entstanden sei, die sich unabhängig von dynastischer Zuwendungen von Lebensmitteln aus den bäuerlichen und sklavisch arbeitenden Familienbanden lösen konnte.
Die mesopotamischen Stadtstaaten waren Verwaltungssitze, in denen despotisch regierende Herrscher und eine Priesterschaft sich Agrarprodukte aneigneten, verteilten, horteten und verteidigen ließen. Das ursprüngliche Grundeigentum konzentrierte sich im Herrscherhaus, das den bäuerlichen Produzenten für ihre Arbeit Lebensmittel zuwies (Redistribution). Privates Grundeigentum entstand durch dynastische Vergabe von kleinen Einheiten mit Haus, Acker und Garten, dem >Ilcum<, gegen Dienstpflicht. Das Grundeigentum war nicht vererbbar oder gar käuflich. Erst durch mehrere Generationen hindurch gerann es zu einem aus Gewohnheit entstandenen „Privateigentum“. Eine andere Möglichkeit entstand durch das Pfründewesen des Tempels als Gegenleistung für erbrachte Opfer.
Diese Bürgerschicht innerhalb der Stadtmauer vergab ihrerseits Darlehen in Form von Sachgütern oder von Silbergeld. (Hudson, S.194) Der zinstragende Kredit hat seinen Ursprung im Geld als Zahlungsmittel. Da das Tauschmittel Gerste nur aktuell auf neu entstandenen lokalen Märkten verwendet werden konnte, konnte nur Edelmetall als Zahlungsmittel dienen, auf dem ein zinstragender Kredit funktionieren konnte. Das Hauptnahrungsmittel Gerste galt auf dem lokalen Markt als Wertmesser und war in Silber konvertierbar: 1 Schekel Silber (ca. 8,4g) = 1 Korn = 300l Gerste. Mit dem Schekel wurden Handel und Ackerbau finanziert. „Es finden sich nirgends Spuren einer Kreditvergabe mit dem Ziel, die Güterproduktion in Werkstätten zu finanzieren, und auch nur selten Kreditvergaben für den Kauf von Ackerland. Kredite zur Finanzierung wirtschaftlicher Unternehmungen tauchten zunächst im Zusammenhang mit Fernhandelsreisen auf, die entweder auf dem Seewege oder Land mit Handelskarawanen stattfand.“ (Hudson, 194) Das galt selbstverständlich nicht für den mesopotamischen Stadtstaat. Bis ins 19. Jahrhundert sind Geschäftskredite nur im Rahmen eines Warenverkaufs verliehen worden, nachdem Waren produziert wurden. Vornehmlich im privaten Fernhandel und staatlichem Außenhandel.
Die Entstehung des Bankwesens
Mit der Entwicklung des Kreditwesens im Zusammenhang mit dem Fernhandel und einer Marktwirtschaft, in der eine „kapitalistische Produktionsweise, die nur mit Rücksicht auf die Zirkulation produziert“ (Karl Marx, Das Kapital, Band III, S.413), entstanden Banken als Kapitalsammelstellen. Sie übernahmen das Geldgeschäft, in dem Waren gegen ein schriftliches Versprechen zu einem bestimmtem Zahlungstermin gegen einen Aufpreis (Zins) kreditiert wurden. Der Wechsel als Zahlungsmittel wurde durch das Kreditgeld erweitert. Diese Geld unterscheidet sich vom Zahlungsmittel durch seine Position im Zirkulationsprozess. Es setzt den Warenverkehr und die Produktion in Gang und kann selbst die Funktion einer Ware mit eigener Zirkulation übernehmen.
Banken sind Institutionen des Kreditwesens, des Geldgeschäfts und der Geldverwaltung. Sie lösen nach und nach die persönliche und private Kreditvergabe ab. Sie sind Zentralisationsinstitutionen des Kapitals und werden zu einem notwendigen Bestandteil der kapitalistischen Marktproduktion.
Historisch gesehen, spielen Kriege und besonders die so genannten Kreuzzüge im Zusammenhang mit der Entstehung des Bankwesens eine entscheidende Rolle. Die Ritterorden übernahmen nicht nur die Aufgaben der Verteidigung der „Pilger“ und des Schutzes der Straßen vor Wegelagerern oder die Überwachung der Meeresküsten vor Palästina, sondern übernahmen auch die Geldgeschäfte der Kreuzfahrer. Die Orden der Tempelritter waren eine ureigene Schöpfung der Kreuzzüge. Ihre Orden waren waren eine Vereinigung aristokratischer Ritter mit ihren bürgerlichen und bäuerliche Gefolgsleuten, die sich der Mönchskultur der Armut verpflichtet sahen. Da ihnen der Papst Grundbesitz übertrug und manche seitliche Herrschaften ein Zehntel ihrer Einkünfte übertrugen, waren sie in der Lage, Niederlassungen entlang der Pilgerwege zu gründen. Trotz ihrer Armutsgelübde waren sie reich. Ihnen wurden von der Aristokratie und dem Klerus „gewaltige Summen“ anvertraut. Kaufleute konnte daher mittels durch Ordenssiegel beglaubigte Briefe über dort deponiertes Geld verfügen, ohne den Betrag tatsächlich zu transferieren, und das an jedem Ort, an dem der Orden ansässig war. Die Tempelritter schufen ein weinverzweigtes Netz aus vertraglich gebundenen Bankgeschäften. Als ihr Macht nach Ende der Kreuzzüge zu groß wurde und sich die Könige Frankreichs und Englands zu sehr verschuldet hatten, eigneten sie sich 1307 die Reichtümer der Tempelritter unter dem Vorwand der Ketzerei und Sodomie an. Die Christenkriege waren der Beginn des europäischen Bankwesens.
An die Stelle der Ordensritter traten nun die Fernhändler und privaten Bankiers, die dem Papsttum nahe standen. Jene Bankiers und Fernhändler in personam liehen von nun an den Herrschern Geld für ihre Söldnerkriege und ihrem repräsentativen Luxus derer von Gottes Gnaden. Während so die Macht der Handelsbourgeoisie stieg, verteufelte das Papsttum den Zins als Wucher. Vor allem wetterte es gegen jüdische Bankiers.
Der „Kaufmann von Venedig“ (1596/97) thematisiert sowohl die sozialen und finanziellen Verhältnisse der Handelsmetropole und den christlich-bourgeoisen Antisemitismus. Der reiche Kaufmann Antonio, der sein Vermögen in überseeischen Unternehmungen investiert hat und diese durch den Verlust seiner Schiffe in Gefahr sieht, verlustig zu werden, möchte trotzdem seinem verschuldeten Freund Bassino mit einem zinsfreien Darlehen von 3000 Dukaten ermöglichen, um Portia zu werben, einer reichen Grundbesitzerin und von vielen umworbenen Erbin. Das Darlehen nimmt er vom Juden Shylock auf, der ihn wegen des zinslosen Darlehns hasst. Statt des Zinses verspricht Antonio ihm, dass Shylock ihm 1 Pfund Fleisch aus seinem Körper verpfändet, wenn seine überseeischen Geschäfte fehlschlagen. Nach seinem finanziellen Ruin besteht Shylock vor Gericht auf seiner mörderischen Schuldforderung. Die als Anwältin verkleidete Portia erklärt aber sein Leben als verwirkt, falls Shylock auch nur einen Tropfen Blut Antonios vergösse. Shylock ist der Ausgestoßene am Rande der Handelsmetropole Venedig. Als Geldhändler hat er auch Sorge um sein Eigentum. Er prangert vor Gericht die Hypokrisie des Christentums an: „Ihr habt viel feiler Sklaven unter euch, die ihr wie euer Esel, Hund und Maultier in sklavischen und verworfenen Dienst gebraucht.“ (IV, 1)
Mit der Entwicklung des Warenhandels durch die Ost- und westindischen Kompagnien in Holland, Frankreich und England entwickelt sich auch das Kreditwesen. „Wir haben gesehen, wie sich die Aufbewahrung der Reservefonds der Geschäftsleute, die technische Operation des Geldeinnehmens und Auszahlen, der internationalen Zahlungen, und damit der Barrenhandel, in den Händen der Geldhändler konzentriert. Im Anschluss an diesen Geldhandel entwickelt sich die andere Seite des Kreditwesens, die Verwaltung des zinstragenden Kapitals oder des Geldkapitals, als besondere Funktion der Geldhändler. Das Borgen und Verleihen wir ihr besonderes Geschäft (…) Allgemein ausgedrückt besteht das Bankiergeschäft …darin, das vereinbare Geldkapital in einer Hand zu großen Massen zu konzentrieren, so dass …die Bankiers als Repräsentanten aller Geldverleiher den industriellen und kommerziellen Kapitalisten gegenübertreten. Sie werden die allgemeinen Verwalter des Geldkapitals.“ (Karl Marx, Das Kapital Band III, S. 415/16) Mit der Entwicklung des Banksystems, so fährt Marx fort, werden die Geldersparnisse und das nicht benötigte Geld aller „Klassen“ bei ihnen deponiert.
Der Handelsplatz Börse
Im Labor des Handelskapitalismus Amsterdam kann man paradigmatisch beobachten, wie (Schiffs)Technik, Krieg, Handelskonzentration und Konzentration von Geldkapital in Banken und Börse zusammenhängen. Amsterdam wird Ende des 16. und im 17. Jahrhunderts zur Agora einer neuen modernen Welt.
Ausschlaggebend war der technologische Vorsprung im Schiffsbau. Die „Fleute“ kam mit weniger Besatzung als andere Schiffstypen aus. Zwischen 1585 und 1620 verdoppelte sich der niederländische Gütertransport. Weil der überseeische Handel sehr gefahrvoll war (Stürme,Piraterie,Krieg), entwickelten sich Stapelmärkte, auf denen Güter vorübergehend in Packhäusern gelagert wurden, um sie zu einem günstigen Zeitpunkt zu verkaufen. Amsterdam wurde zum Markt für die „ganze Welt“.
Amsterdam eröffnete 1609 im Rathaus die „Wisselbank“. Sie tauschte fast jede Münzart, taxierte den Bestandteil an Edelmetall und tauschte in Gulden um. Als es 16o6 zur Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) kam, wurde die Wisselbank zu einem Finanzinstitut. Kaufleute konnten Konnten eröffnen und Geld einlegen, worauf sie einen Wechsel ausstellte. Der Wechsel war Zahlungsmittel wie das Münzgeld. Er konnte jederzeit in Bargeld eingetauscht werden. In den Kellern der Bank lagerten bis zu 200 Tonnen Gold. Amsterdam wurde bis weit in das 18. Jahrhundert ein bedeutender Finanzplatz in der modernen Welt des Handelskapitalismus.
Die VOC war die erste Aktiengesellschaft der Welt. Ihre Aktie das älteste Wertpapier der Welt. Die VOC ist aus der von 9 Männern gegründeten „Compagnie van Verre“ (Compagnie der Ferne) hervorgegangen, die 1595 eine Expedition zu den Gewürzinseln unternahmen. Der Gewürzhandel lag in portugiesisch-spanischer Hand. Der VOC Coen schrieb in diesem Zusammenhang: „Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu betreiben.“ Die Dividenden der VOC-Aktie betrugen bis zu 60%.
1611 wurde dann das Börsengebäude in Amsterdam gebaut. Dort handelt man Preise aus, nahm Kredite auf, mietete Fracht-und Lagerräume und versicherte Ladungen und tauschte Neuigkeiten.
Der Krieg christlich aristokratischer Grundeigentümer und bourgeoiser Handelskapitalisten war der Geburtshelfer des Bankwesens, aus dem das Kreditgeld und der Aktienmarkt entstanden. „Aktienmärkte in ihrer modernen Form wurden hauptsächlich gegründet, um gegen Bezahlung mit Staatsanleihen Anteile an den königlichen Monopolen zu verkaufen.“ (Hudson, 196) Frankreichs Staatsverschuldung durch Kriegsfinanzierung ist ein anschauliches Beispiel für den Zusammenhang von Aktienmarkt, Kreditgeld und Spekulationsblase.
Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 beliefen sich die Staatsschulden auf 3 Milliarden Livre (eine Rechenmünze, die nie als Münzgeld geprägt worden war, und als Maß mit 409 Gramm Silber begrenzt war). Die Einnahmen betrugen 145 Millionen, die Ausgaben 142 Millionen im Jahr. Es blieben also 3 Millionen übrig, um die Zinsen auf die 3 Milliarden Livre zurückzuzahlen. Durch Reduzierung des Silbergewichts versuchte man die Staatsschuld zu reduzieren, was aber wiederum den Handel im Land ins Chaos stürzte.
Johne Law (1671-1729), Wirtschaftsberater des Prinzregenten Philip von Orleans, schlug ein fiskalpolitisches Reformprogramm vor. Papiergeld sollte das Münzgeld operationelle ersetzen, womit der Handel wieder auf die Beine käme. Das Papiergeld war in Livre konvertierbar. Außerdem wurde eine Bank gegründet, die Banque Générale. Sie verwaltete die königlichen Einkünfte. Die Banknoten wurden mit königlichem Grundbesitz und den königlichen Einkünften besichert. Das Geschäftskapital von 6 Millionen Livre aus 200000 Aktien mit einem Nennwert jeweils von 500 Livre wurde unterteilt: 1/4 in bar, der Rest in Staatsanleihen, den Billetts d´État. Die Banknoten konnten dauerhaft gegen in der zum Zeitpunkt der Ausgabe geltenden Münzwährung eingetauscht werden. Um die Einkünfte der Krone und der Aktionäre der Bank zu erhöhen, gründete man zudem im August 1717 ein Handelsgesellschaft, die ein Monopol im Handel mit der französischen Kolonie Louisiana in Nordamerika besaß. Die „Mississippi“ Handelsgesellschaft sollte insbesondere den Handel mit vermuteten Goldvorkommen dort organisieren. Die Bank wiederum erhielt das Monopol und das Recht zur Reinigung der künftigen Silber und Goldvorräte. Mit diesem Gold wollte man die Währung stabilisieren. Auf der Grundlage der Goldspekulation ließ der Prinzregent Banknoten mit einem Nennwert von 1 Milliarde Livre drucken. Frankreich wurde mit Papiergeld überschwemmt. Die gewaltige Geldmenge und die ständige Abwertung der Gold-und Silbermünzen hatte Konsequenzen. Der Wert der Mississippi-Aktien fiel und die Aktionäre holten ihr Gold aus den Kellern der Bank, da der Goldschatz sich nicht finden ließ.
Wurden Kriege mittels Staatsverschuldung finanziert, so nannte man das „holländische Finanzierung“. Adam Smith schreibt in seinem „Wohlstand der Nationen“, Holland besitze wie mehrere Länder „einen beträchtlichen Anteil“ der britischen Staatsanleihen, was siech schädlich auswirke. „Werde auf solche Weise den Eigentümern von Boden und Kapitalvermögen (…) die daraus fließenden Einkünfte zum größten Teil entzogen und auf andere übertragen (…), so muss der Ertrag der Wirtschaft auf lange Sicht darunter leiden und das Kapital vergeudet werden oder ins Ausland abwandern,“ (800/801) Die Politik der öffentlichen Verschuldung habe nach und nach jeden Staat geschwächt. Als Beispiele zählt er die Republiken Genua, Venedig und das Königreich Spanien auf. Auch Holland, eine sonst „umsichtige Republik“, habe solch unpassende Steuern für den den Zinsendienst einführen müssen. Smith hebt auch die geopolitischen Auswirkungen hervor. Sie höhlten die Macht Großbritanniens aus, statt sie zu erweitern. Wachsende Schulden drohten die Produktionskosten und damit auch die Exportpreise in die Höhe zu treiben, was wiederum die Handelsbilanz beeinträchtige und immer mehr Goldreserven ins Ausland abflössen. David Ricardo indes war anderer Meinung. Der Verschuldungsgrad und Zinszahlungen an ausländische Gläubiger spielten keine Rolle. (Hudson, 160) Der Ökonom James Steuart schrieb 1767: „Wenn wir davon ausgehen, dass die Regierungen Jahr für Jahr die Summe ihrer Schulden durch unbefristete Zahlungen vermehren und dementsprechend von jedem Teil der staatlichen Einkünfte einen Betrag für diesen Zweck abzweigen, wird die Folge davon sein, dass schließlich das gesamte Einkommen des Staates in die Hände der Gläubiger gegeben wird…“(Hudson, 159)