Teil 2
Der Begriff „Zins tragender Kredit“ unterscheidet sich von anderen Formen des Kredits dadurch, dass er einen Geldkredit im Geldgeschäft und Geldhandel bezeichnet. Kredite gibt es auch in Formen der Bereitstellung von zusätzlicher Arbeitsleistung oder materiellen Gegenständen als Rückgabe des Schuldners an den Gläubiger für vorher gegebene Leistungen.
Banken haben sich erst im Zusammenhang mit kostspieligen Kriegen und der Finanzierung des Fernhandels entwickelt.
Zuvor wurde der Zins tragende Kredit von Privatpersonen vergeben. Dieser private Geldkredit wurde auch in Form von Wechseln gegeben. Er war vollkommen unabhängig von der jeweiligen Produktionsweise.
In der Natur eines persönlich gegebenen Zins tragenden Kredits lag es begründet, dass die Höhe des Zinses willkürlich war. Es war die Katholische Kirche, die auf Grund ihrer hohen Verschuldung den „überhöhten Zins“ moralisch als Wucher bezeichnete und verdammte. Der Wucher ist die älteste Form des Kapitals. „Der Wucher wie der Handel exploitieren eine gegebene Produktionsweise, schaffen sie nicht, verhalten sich äußerlich zu ihr.“ (Marx, Kapital, Band III, S. 623) Der Wucher lähmt die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit und behindert ihre Entwicklung.
In vorindustriellen Bankwesen wurden Bankkredite und Anleihezinsen unabhängig von der Vermögensentwicklung des Schuldners vergeben. Ein Versäumnis einer Schuldzahlung konnte zu Zahlungsausfällen und der Beschlagnahmung von Vermögenswerten führen, wenn die Gläubiger ihre Forderung geltend machten.
Zweck des modernen Bankwesens liegt in der Konzentration privaten Kapitals und der Vergesellschaftung der Kapitalbesitzer. Die Vergesellschaftung privaten Kapitals entwickelt eine „ungeheure Macht“ (Marx). Zweitens steigt das Finanzierungsvolumen. Drittens erlaubt der Kapitalstock den Banken Bankkredite in Form von Kreditgeld zu verleihen, das die Bank selbst „schöpft“, gleichsam aus dem „Nichts“ kreiert. Die Geldform verändert sich. Die Banknote entstand (nicht nur aus Papier). Sie benötigt trotzdem einen Wertstandard, das Edelmetall übernahm diese Funktion. Später im Verlauf der Entwicklung der Finanzierung entstanden andere Standardformen des Kreditgeldes (Grundbesitz, Erdöl, US-Dollar u.a.m.)
Nach Marx ist das Kreditgeld nur dann Geld, wenn es „im Betrage seines Nominalwertes absolut das wirkliche Geld vertritt“ (III. 532) Da zu Marx Zeit das Edelmetall den Standard darstellte, betont er, dass mit dem Abfluss des Goldes die Konvertibilität in Geld problematisch sei, „d.h. seine Identität mit wirklichem Gold.“ (III. 532) Verliert es diese Identität, so werde das Kreditgeld entwertet und würde „alle bestehenden Verhältnisse erschüttern:“ (532) Die Waren verlieren ihren Wert. Marx führt weiter aus: „In früheren Produktionsweisen kommt dies nicht vor, weil bei der engen Basis, auf der sie sich bewegen, werde der Kredit noch das Kreditgeld zur Entwicklung kommen.“ (532/533) Der Wert des Kreditgeldes sei das „phantastische und selbständige Dasein diese Werts im Geld“ und kann ein „wirksames Vehikel der Krisen und des Schwindels werden“ (III. 621)
Das Kerngeschäft des Bankwesens ist neben der Finanzierung von Investitionen in die Produktion das Investment, die Platzierung und den Handel mit Wertpapieren.
Graf Claude-Henry Saint-Simon (1760-1852) hat die gesellschaftliche Funktion des Investments darin gesehen, dass es in die Produktion investiert wird und diese über die Schuldenfinanzierung durch Eigenkapital hinaus die Industrie finanzieren könne, indem Zinsen aus Unternehmergewinnen in Form von Dividenden beglichen werden. Bankkredit und Anleihezinsen seien dann unabhängig von der Vermögensentwicklung des Schuldners. Seine Anhänger, worunter auch August Comte, Mitbegründer der Soziologie, und Ferdinand de Lesseps waren, gründeten 1852 die Société Général des Credit Mobilier. Die erste Investmentbank. Sie stellte günstige Kredite bereit, um die Produktionskapazitäten auszuweiten. Die Bank investierte in Aktien und Anleihen.
Aus der Handelsfinanzierung entstand das Investmentbanking. Es begann im 19.Jahrhundert in Europa und den USA ein Höhenflug der Aktienmärkte, die Infrastruktureinrichtungen finanzierten und die Konzentration des Kapitals vorantrieben. (Eisenbahnbau in Europa und den USA, Suez Kanal z.B.) Vermögenspapiere fungieren nun als Vermögenswerte.
Karl Marx (1818-1883) behandelt das Aktienwesen im Rahmen des kapitalistischen Systems als eine bestimmte Form der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch Wenige.
Privateigentum stellt sich in der Form der Aktie dar und nicht nur in der Form des industriellen Kapitals an Grund und Boden oder an Produktionsmitteln, eben an Sachgütern. „In den Aktienwesen existiert schon der Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliche Produktionsmittel als individuelles Eigentum erscheint… aber die Verwandlung in Form der Aktie bleibt noch befangen in den kapitalistischen Schranken.“ (III. 465) So sind auch „Kooperationsfabriken der Arbeiter“ in dieses Korsett gezwängt, da sie alle „Mängel des kapitalistischen Systems reproduzieren und reproduzieren müssen.“ (456) In Genossenschaften sind die Eigentümer ihre eigenen Kapitalisten, obwohl der Gegensatz von Kapital und Arbeit formal juristisch aufgehoben ist.
Nach Marx ist das Privateigentum ein wesentliches Systemelement, weil es sowohl politisch und juristisch sanktioniert als auch staatlich garantiert wird. Der Markt ist eine Institution arbeitsteiliger und gesellschaftlicher Verkehrsverhältnisse. Aber: Kern des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis ist das ökonomisch und soziale Verhältnis zwischen Privatkapital und Arbeit, in dem ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit in Form des Gewinns durch wenige Kapitalbesitzer angeeignet wird, die untereinander in Konkurrenz stehen. Dieses Verhältnis stellt „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“dar.
Daher ist: „Die kapitalistischen Aktienunternehmungen sind ebenso wie die Kooperationsfabriken als Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte zu betrachten.“ (III. 456)
So ist das Kreditwesen, „die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst…“ (454) Es stellt das Monopol her und fordert die Staatseinmischung heraus und schafft eine „neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte von Parasiten in Gestalt von Projektmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne Kontrolle des Privateigentums.“ (454)
Die Verfügung über gesellschaftliches Kapital „gibt ihnen Verfügung über gesellschaftliche Arbeit“, denn der spekulierende Trader riskiert nicht sein Eigentum, sondern gesellschaftliches Eigentum.
Das Kreditwesen beschleunigt einerseits die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarktes, die beide „als materielle Grundlage der neuen Produktionsweise bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise.“ (Marx III. 457)
Marx sieht einerseits die Entwicklung des Kreditwesens als eine „Reaktion gegen den Wucher“; andererseits in der Form der Aktie als Übergangsform innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, in der die kapitalistische Produktionsweise im Hegelschen Sinne „aufgehoben“ wird. Hudson übersieht diese Bemerkungen, wenn er schreibt, Marx sei unter dem Einfluss Saint-Simons gestanden : „Das Banken- und Kreditsystem würde sich in der Weise entwickeln, >die nicht mehr oder weniger als die Unterordnung des zinstragenden Kapitals unter die Bedingungen und Bedürfnisse der kapitalistischen Produktionsweise< bedeuten würde“ (Hudson, 164) Marx sieht das „phantastische und selbständige Dasein“ der Finanzmärkte, wie sie sich im 20. Jahrhundert als Raubrittertum global entwickelt haben und den Würgegriff der Verschuldung zum Zwecke des kurzzeitigen Profits ansetzen.
Der us-Ökonom Thorsten Veblen (1857-1929) hat den Aufstieg der Hochfinanz und seine Machenschaften beschrieben. Er hebt den Unterschied zwischen der Produktionsleistung des Kredits und rein finanziellen Gewinnen hervor, die sich aus zu weit überhöhten Aktienkursen ergeben, die zu Preisen weit über ihren Anschaffungswert verkauft werden. „Dabei ging es ihnen (den Wallstreit-Händlern, w.r.) bei diesem >wirtschaftlichem Spiel<, wie Veblen es nannte, nicht um Kapitalinvestitionen in Produktionsanlagen, die Profite durch die Beschäftigung von Arbeitskräften erzielten, sondern um spekulative Kapitalgewinne aufgrund von Vermögenspreisen.“ (Hudson, 171)
Die Industrie wurde „finanzialisiert“, was zu erheblichen Schuldenbelastungen führte, die wiederum Unternehmensbankrotte nach sich zogen. Einerseits wurden technologische Innovationen gefördert und Produktionskosten gesenkt, andererseits trug die Finanzialisierung der Industrie mit dazu bei, Monopole zu schaffen. Außerdem beherrschte nun der Finanzmarkt über die Verschuldung die Industrie. Die aus der wachsenden Produktion erzielten Profite wurden von „Raubritter“ abgeschöpft.
Die Finanzialisierung der kapitalistischen Produktionsweise gleicht, um im historischen Bild des Raubrittertums zu bleiben, der „Feudalisierung“ der Ökonomie, einer zusätzlichen Abschöpfung gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums durch eine schmale Schicht der „Finanzaristokratie“, die keinen produktiven Beitrag geliefert hat.
Ihr Beitrag liegt darin, Industrie, Arbeitsmarkt und Regierung in den Würgegriff des Kreditsystems zu bringen.
Der Aufstieg des Deutschen Reiches zur Industrienation und Großmacht Ende des 19. Jahrhunderts hatte auch mit dem deutschen Bankwesen zu tun, wenn nicht sogar im entscheidenden Ausmaß. Kredite und Anleiheemissionen stützten sich auf das Eigenkapital, wodurch die Banken gegen spekulative Exzesse gefeit waren – im Unterschied zum angelsächsischen und holländischen Bankwesen.
„Kredite und Anleiheemissionen beschränkten sich auf den „tatsächlichen Geldwert der Besitztümer, die das finanzierte Unternehmen vorzuweisen hatte.“ (Hudson, 167) Industrietechnologie benötigt eine langfristige Finanzierung und die Unterstützung durch die Regierung. Das Deutsche Reich tat sich im Vergleich zu den westlichen Großmächten durch eine „Verbundenheit von Industrie, Bankwesen und Industrie“ hervor. Banken verfügten durch Beteiligungspapiere am Eigenkapital der Unternehmen über einen Teil der Gewinne und nicht über eine direkte Schuld. Im Gegensatz dazu waren britische und us – amerikanische Banken daran interessiert, ihre kurzfristigen Vorteile zu maximieren. Die Dividenden der deutschen Banken waren im Vergleich zu britischen Banken nur halb so hoch.
Diese politökonomische Philosophie des deutschen „industriellen Kredits“, wie sie Marx und Veblen vertraten, fand ihr praktisches Ende nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die klassische Politökonomie, die die Gesellschaft vom Erbe der Feudalzeit befreien wollte, wurde durch eine neue, reine Markttheorie des Geldes und des Bankwesens ersetzt. Seitdem nennt man sie Neoklassik, in der Reichtum der Vermögenswerte durch Schuldenhebel und industrielle Finanzkonstrukte generiert werden.