Grundrente-zinstragendes Kapital-Finanzrente-Cloudrente

Marxens Analyse des „zinstragenden Kapitals“ unter modellierter Bedingung von „Kauf und Verkauf“.

  1. Begriffsbestimmung:

Geld ist kein Produktionsfaktor. Es produziert keinen Mehrwert. Es ist eine Forderung an die Wirtschaftsleistungen oder Einkommen, die von anderen erbracht werden. Die Schuldner leisten Arbeit. Nicht die Gläubiger. (siehe z.B. die Wirkung der Verschuldung)

B. Methode:

  1. Voraussetzung:  Kauf und Verkauf finden unter Äquivalenzbedingung statt,d.h. quantitativer Gleichwertigkeit von Leistung und Gegenleistung. 

Erläuterung:

„Wenn also mit Bezug auf den Gebrauchswert die in der Ware enthaltene Arbeit nur qualitativ gilt, gilt sie mir Bezug auf die Wertgröße nur quantitativ, nachdem sie bereits auf menschliche Arbeit ohne weitere Arbeit reduziert ist. Dort handelt es sich um das Wie und Was, hier um ihr Wieviel, ihre Zeitdauer. Da die Wertgröße einer Ware nur das Quantum der in ihr enthaltenen Arbeit darstellt, müssen Waren in gewisser Proportion stets gleich große Werte sein.“ (Marx, Kapital I. 60)

   „Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschliche Arbeit bildet sie den Warenwert.“ (I.61) 

Wie die klassische Nationalökonomie geht auch Marx von der Tatsache aus, dass jede menschliche Produktion oder Tätigkeit auf Arbeit beruhe und einen Wert besitze. Innerhalb der gesellschaftlichen Formation eines freien Marktes besitze nicht nur die Ware einen Doppelcharakter als Gebrauchswert und Tauschwert, sondern, so Marx, ebenfalls die Arbeit als konkret nützliche Arbeit und als Arbeitskraft, die für alle menschliche Tätigkeit zutreffe und daher in Zeitquanten kommensurabel sei. Auch den Kauf von Arbeit betrachtet Marx unter Äquivalenzbedingungen. Marxens Kernpunkt seiner Kritik an der klassischen Arbeitswerttheorie liegt darin, dass diese den Doppelcharakter der Arbeit nicht erkannt habe, sondern nur den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert. Auch die Arbeit habe einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Auf dem Arbeitsmarkt werde die Arbeitskraft zu äquivalenten Werten in Form des Lohnes bezahlt. Die Verausgabung von Arbeitskraft sei nicht identisch mit ihrer Reproduktion. Daher habe die klassische Ökonomie auch die Quelle des Mehrwerts nicht erkannt.

Außerdem: Die Reproduktionskosten der Arbeitskraft sind nicht mit ihrer Reproduktion zu verwechseln. 

Daher:

–  a.  „Wo Austausch von Gegenständen findet kein Wertwechsel statt.“ (III. 358)

–  b.  Unter der gesellschaftlichen Form des Austausches von Waren, also als Akt des Kaufs und Verkaufs, findet auch kein Wertwechsel statt.  Aber:

„In jedem Akt des Kaufs und Verkaufs…wird ein Objekt vergeben. Das Eigentum des verkauften Gegenstandes tritt man immer ab. Aber man gibt nicht den Wert ab.“ (III. 357)

  • c.  Waren besitzen einen Doppelcharakter als nützlichen (qualitativen) Gebrauchswert und  als einen vom qualitativen absehenden quantitativen Tauschwert, einer kommensurablen Werteinheit.
  • d.  Die auf dem Arbeitsmarkt gekaufte oder gemietete Arbeit ist demnach eine Ware, deren Arbeitskraft unter der zeitlichen Bedingung   gesamtgesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit zur Herstellung einer speziellen Ware resp. Produktes benötigt wird.      

 –   e.  Gesamtgesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit bestimmt die Wertgröße     

2.   Funktionsanalyse:

  • Geld als Mittel des Austauschs unter Marktbedingung. (Tausch-Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel)
  • Geld ist Ausdruck einer Wertsumme, eines Preises, der Objekte.
  • Geld als Ware in Form des Kredits und als Kapital (investiertes Geld) stellt sich als Zins und Profit dar.

„Nur der Akt der Veräußerung macht das Verleihen des Geldes zur Veräußerung des Geldes als Kapital, d.h. zur Veräußerung des Kapitals als Ware.“ (III. 363) Zum Leihkapital.

  • Leihen ist „kein Akt des wirklichen Kreislaufprozesses des Kapitals“ (III. 369) Es leitet nur diesen ein. Es bewirkt nur eine „juristische Transaktion, die mit dem wirklichen Reproduktionsprozess nichts zu tun hat.“ (III. 360)

3. Bestimmung:

  •   Eigentum und Geldvermögen sind unterschiedliche Faktoren.
  • „Zins tragendes Kapital“ ist Resultat des Zirkulationsprozesses von  

      Marktaktivitäten und Produktion : 

      G – G – W (c+v) – W` (c+v+m) – G` – G´.

  • G – G` = Allgemeine Formel des Kapitals“ (III. 404). „Ein sinnloses Resümee, indem Geld mehr Geld schafft.“    

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollends als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.“ (III. 405)

  • „Zins ist … ursprünglich…ein Teil des Profits, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist, Industrieller oder Kaufmann, soweit er nicht eigenes Kapital, sondern geliehenes Kapital anwendet, wegzählen muss an den Eigentümer und Verleiher dieses Kapitals.“ (III. 382

C. Historischer Hintergrund:

Bis ins 18. Jahrhundert blieb die Kritik an der Grundrente, die ohne Arbeits- und Kapitalaufwendungen in Form des Pachtzinses aufgrund von aristokratischen Eigentumsrechten bezogen wurde, zentrales Thema der bürgerlich-klassischen Arbeitswerttheorie sowie der Wert- und Preistheorie, mithin der klassischen „Nationalökonomie.“ Der Pachtzins wurde von der klassischen Ökonomie als „feudale Rente“ erkannt, die allein aus (gewaltsam) angeeigneten Eigentumsrechten und nicht aus eigener Arbeit herrührt.

John Locke (1632-1704) Unterschied zwischen Grundrenten, die auf Arbeits- und Kapitalaufwendungen beruhen, und jenen, die sich aus Eigentumsrechten ergaben und keinerlei Arbeitsaufwand erfordern, ohne indes eine Zinstheorie der Grundrente vorzulegen. 

David Hume (1711-1776) vertiefte diese Kritik an der aristokratischen Grundrente durch den Hinweis, dass die Geschichte der Eigentumsaneignung eine Geschichte der Gewalt und Intrigen gewesen sei, keinesfalls das Ergebnis ökonomischer Arbeit. Besitzrechte beruhten auf juristischen Privilegien eines Rechtssystems, das von Eigentümern kontrolliert werde. ( Die neuere Geschichte Russlands ist ein erneutes Beispiel, wie ein oligarchisches System durch privatisierte Eigentumsrechte mit dem Rat der USA und internationaler Institutionen entstanden ist.)

Ziel dieser Kritik war die Besteuerung aristokratischer Grundrente und, wie Adam Smith betonte, Industrie, Handel und die Arbeiterschaft vom ökonomischen Druck der Grundrente zu erlösen. Überdies legte David Ricardo (1772-1823) dar, wie Grundrenten zu Sparmaßnahmen führen können und die Kapitalakkumulation zum Erliegen bringen könnte ( Er spricht vom tendenziellen Fall der Profitrate).

Die französischen Physiokraten führten den ersten Schlag gegen die Rentier-Klasse. Anlass war, dass zwischen 1750 und 1760 die Getreidepreise und damit die Grundrenten künstlich auf hohem Niveau gehalten wurden und der Adel im höfischen Luxus schwelgte, während die übrige Bevölkerung unter der Steuerlast erstickte. 

Francois Quesnay (1694-1774), Gründer der Denkschule der „Physiokraten“ und Begründer einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Tableau Économique, 1759), wies, wie in dem Kreislauf aus Einnahmen und Ausgaben, an dem Produzenten, Verbraucher und Grundherren beteiligt waren, nach, dass der wirtschaftliche Mehrwert allein der Landwirtschaft und damit den Grundherren zugute gekommen sei. Die Physiokraten waren davon überzeugt, dass allein die Kräfte der Natur diesen Mehrwert geschaffen haben, die die aristokratischen Grundeigentümer ohne eigene Arbeit oder Kapitalaufwand abgeschöpft haben. Daher die politische Forderung einer Einsteuer (l´impot unique). Industrie und Handel dagegen galten als „sterile“, d.h., sie schafften keinen wirtschaftlichen Mehrwert, was für das Frankreich als große Agrarwirtschaft am Anfang des 18. Jahrhunderts durchaus empirisch belegbar zu sein schien. Ihre steuerrechtliche Revolution sollte der aufkommenden bürgerlichen Elite zugute kommen.

David Ricardo (1772-1823), Bankier und Börsenmakler sowie parlamentarischer Wortführer der Finanziers, sah, dass steigende Inlandpreise für Nahrungsmittel den Mindestlohn in „unzumutbare“ Höhen treiben werde, sodass der Profit tendenziell fallen werde, „denn mit der fortschreitende Entwicklung kann die zusätzlich benötigte Menge Lebensmittel nur durch das Opfer von immer mehr Arbeit gewonnen werden.“ (Ricardo, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und Besteuerung) Folge sei, dass die Akkumulation stocken werde und kein Kapital irgendeinen Profit abwerfe und keine Arbeit nachgefragt werde. Das Sozialprodukt des Landes werde nach Bezahlung der Arbeiter Eigentum der Grundeigentümer und der Empfänger von „Zehnten und Steuern“ sein. Industrie und Handel gingen zugrunde. Jede industrielle Kapitalbildung wäre beendet.

Da er die Rente als Überschuss der Preise über die Produktionskosten definiert und keinerlei Parallele zwischen Zinsen, die an die Banken gezahlt werden, und dem Pachtzins, der an die Grundbesitzer geht, sieht, entwickelt er eine Außenhandelstheorie der komparativen Kostenvorteile. Freier Zugang zum britischen Markt für kostengünstige und preiswerte Nahrungsmittel und Rohstoffe aus anderen Ländern (siehe: britischer Kolonialismus und Imperialismus) entlaste den Preisdruck einheimischer Lebensmittelproduktion. Frei werdende Kosten könnten in Industrie und in den Handel fließen, wodurch auch das Kreditwesen in GB seinen Vorteil ziehen würde. Man müsse nur die anderen Länder von  dieser win-win-Situation

„überzeugen“. Wie diese Überzeugung ausgesehen hat, das zeigt die imperiale Geschichte Großbritanniens.

1846, nachdem die britischen Korngesetze aufgehoben wurden, versuchte die britische Regierung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, die Länder vom Schutz ihrer Wirtschaftserzeugnisse abzubringen. (In diesem Zusammenhang ist die Wirtschaftsgeschichte der USA von Interesse, da sie bis ins 19. Jahrhundert am Protektionismus der amerikanischen Landwirtschaft festhielt.)

Ricardos einseitige Konzentration auf die Grundrente übersah das Problem der Deflation, die zur Senkung der Goldpreise führen sollte. „In Wirklichkeit wachsen die Schulden während eines Preisverfalls, da durch ihn die Zahlungsanforderungen der Gläubiger aufgewertet werden.“ (Hudson)

In einem Brief an Conrad Schmidt 1890 schreibt Fr. Engels:

„Sowie sich der Geldhandel vom Warenhandel trennt, hat er eine…eigene Entwicklung…Kommt nun noch hinzu, daß der Geldhandel sich in dieser weitern Entwicklung zum Effektenhandel erweitert, daß diese Effekten nicht nur Staatspapiere sind, sondern Industrie- und Verkehrsaktien dazukommen, der Geldhandel also eine direkte Herrschaft über einen Teil der ihn, im großen und ganzen, beherrschenden Produktion sich erobert, so wird die Reaktion des Geldhandels auf die Produktion noch stärker und verwickelter. Die Geldhändler sind Eigentümer der Eisenbahnen, Bergwerke, Eisenwerke etc. Diese Produktionsmittel bekommen ein doppeltes Angesicht: Ihr Betrieb hat sich zu richten nach den Interessen der unmittelbaren Produktion, als aber auch nach den Bedürfnissen der Aktionäre, soweit sie Geldhändler sind. Das schlagendste Beispiel davon: die nordamerikanischen Eisenbahnen…“ (MEW, Bd.37, S.488-94)

Der erste Höhenflug der Aktienmärkte begann im 19. Jahrhundert mit grundlegenden Infrastruktureinrichtungen weltweit (Panamakanal, Suezkanal, Eisenbahnbau), was zur Monopolbildung und Konzernbildung beitrug. Angelsächsische Banken bevorzugten internationale Kunden mit kurzfristigen Krediten.

„Abgesehen von den Spekulationen im Infrastrukturbereich diente der Aktienmark damals hauptsächlich jenen, die sich Besitzrechte für natürliche Monopole und andere Rentenextraktionsprivilegien erkaufen und den Markt durch Schaffung großer Konzerne wie etwa U.S.Steel und Standard Oil manipulieren wollten. Banken, Pensionsfonds und andere Finanzinstitutionen gingen immer mehr dazu über, Kredite für Aktien- und Anleihespekulationen zu vergeben, wozu auch die heutigen fremdfinanzierten Übernahmen, Fusionen und Unternehmenszerschlagungen  gehören.“ (Hudson, 201)

Diese hochriskanten Aktivitäten, so Hudson, führten 1929 zu Zusammenbruch und der anschließenden Weltwirtschaftskrise.

1933 verabschiedete der US-Kongress das Glass-Steagall-Gesetz, bei dem die Finanzspekulation von den privaten und unternehmerischen Bankgeschäften getrennt wurden. Zu den New Deal Reformen gehörten die Schaffung der Börsenaufsichtsbehörde, des Einlagensicherungsfonds  und der Wechsel zu einer Hypothekenlaufzeit von 30 Jahren.

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Börse zu einem Ort, an dem ein Aktienaufkauf durch Kreditaufnahme stattfindet. Solche Aufkäufe sind fremdfinanziert und dienen dazu, Aktien durch Anleihen und Bankkredite zu ersetzen. „Dabei geht es einzig und allein darum, höhere Einnehmen auf rein finanziellem Wege zu erzielen.“ (Hudson, 202)

Was bürgerliche Privateigentümer im 18.Jahrhundert an der aristokratischen Grundrente vehement kritisierten, führen heute bürgerliche Finanzaristokraten (Buffett, Soros u.a.) mit Hilfe von fremd finanzierten Krediten durch. (Kasino). Marx hat mit der Analyse des „Zins tragenden Kapitals“ das Kapital bezeichnet, das zur Produktion und zum „surplus value“ benötigt wird. Es ist das Industriekapital, dessen Mehrwert aus der produktiven Tätigkeit durch Lohnarbeit privat angeeignet wird. Wird Geld nicht mehr nur verliehen, sondern auch gekauft und verkauft und Geld als Handelsware behandelt, dann werden allein Eigentumstitel gehandelt. Eine neue Rentier-Klasse entsteht, deren Rente nicht mehr auf Grundeigentum beruht, sondern auf Eigentumstiteln.  Eine Klasse von Finanzrentiers mit entsprechenden Rechtsinstrumentarien und Finanzprodukten  entsteht. Je höher der Kapitalaufwand, der zur Produktion benötigt wird, um so mehr nimmt die Verschuldung  und die Abhängigkeit der Industrie vom Finanzsektor zu. Die Finanzbörsen mit ihrem Finanzkapital übernehmen das Kommando der Industrieproduktion. Sie finanzieren nicht mehr nur die industrielle Produktion durch Aktien, sondern finanzialisieren sie durch den Handel mit Aktien. Die Hauptsitze der internationalen Privatfinanziers befinden sich in der Wallstreet und in der Londoner City.      

In seinem neuen Buch hat Yanis Varoufakis (Techno-Feudalismus, Kunstmann Verlag) auf eine Weiterentwicklung von der „feudalen“ Grundrente über die finanzialisierte Rente weniger Großfinanziers hin zur „Cloud – Rente“ des Techno-Feudalismus hingewiesen. Das „Cloud-Kapital“ habe Märkte und Profite zerstört. Märkte und Profite geben nicht mehr den Ton an. Märkte wurden durch digitale Handelsplattformen ersetzt, die wie Märkte aussehen, aber keine Märkte sind. Der Profit – Motor des Kapitalismus – wurde durch die Rente ersetzt, eine Form der Rente, die für den Zugang zu diesen Plattformen und zu der Cloud insgesamt entrichtet werden muss.

„Das Ergebnis ist, dass die reale Macht heute nicht mehr bei den Besitzern von traditionellem Kapital wie Maschinen, Gebäuden, Eisenbahnen- und Telefonnetzen oder Industrierobotern liegt. Sie extrahieren weiter Profite aus Arbeitskräften, aus Lohnarbeit, aber sie bestimmen nicht mehr so wie früher. .. Sie sind zu Vasallen einer neuen Klasse von Feudalherren geworden, den Besitzern von Cloud-Kapital.“ (Varoufakis, S.11)

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