Die Finanzrente

Wie der PROFIT ist die FINANZRENTE eine Einnahme aus dem Verkauf von Waren. Im Gegensatz zum Profit, dessen Entstehung aus der Produktion von Mehrwert herrührt und der ein Anteil an den Einnahmen ist, den Kapitalisten für sich behalten, nachdem sie Löhne, Grundrenten, Zinsen, Finanzrenten bezahlt haben, ist die Finanzrente eine Einnahme auf Zahlungen an Finanziers über den Mindestzinssatz hinaus, der nötig ist, um sie dazu zu bringen, dass sie den Kredit zu Verfügung stellen. Es sind Einnahmen aus Spekulationen auf Aktien, Immobilien und Derivaten: Das, was man FINANZIALISIERUNG nennt. Im Unterschied zum Profit liegt die Quelle der Finanzrente im Verkauf des Geldes als Ware.

In den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts entstand in den USA ein Akkumulationsproblem durch Fusionen und Übernahmen. Zu hohe Lohnkosten, niedrige Investitionsanreize, hohe Verschuldung industrieller Unternehmen, Zinssteigerungen bis zu 20%. Die Preise für Anleihen und andere Vermögenswerte sanken. Mit den Reallöhnen stieg auch der Lebensstandard der Bevölkerung. Die Profitraten waren ins Stocken geraten.

Die Neoliberale Schule machte die Börse zum wirtschaftlichen Zentrum und leitete eine strukturelle Veränderung in der Weltwirtschaft Anfang der 80er Jahre ein, die den Namen Reaganeconomics erhielt. Politisch schmiedeten Konservative und Neoliberale ein Bündnis. Präsident Reagan billigte 1985 eine Deregulierung für fremdfinanzierte Unternehmen, in der Aktienankäufe über Kredite finanziert wurden. Das in der >Großen Depression< während der 30er Jahre des 20.Jahrhunderts unter Roosevelt beschlossene GLASS-STEAGALE-GESETZ erodierte dadurch, sodass die Trennung von Privatkundengeschäft und spekulativem Investmentbanking aufgehoben wurde. Diese Deregulierungspolitik im Interesse der Finanzrentenwirtschaft verband die Reagan-Regierung mit erheblichen Steuererleichterungen für das Finanzkapital. Die Neoliberale Schule der „reinen “ Geldinvestitionen in An- und Verkauf von Aktien und Vermögenstiteln vertrat die Auffassung: Eigenkapital durch Schulden zu finanzieren, um durch fremdfinanzierte Kreditvergabe ein größeres Wachstum und größere und schnellere Gewinne zu erzielen. Nicht mehr der industrielle Verwertungsprozess industriellen Kapitals sei das Kriterium für Kapitalproduktivität, sondern der Anstieg der Aktienkurse. Sie seien das Leistungskriterium für die Manager. (Agency-Theory), deren Leistungsanreiz in Zusatzvergütungen lag (Boni).

Aktienrückkäufe, Dividendenausschüttungen und Emissionsbanken mit niedrigen Einstiegsschätzungen für start-ups standen im Zentrum der Finanzmarktstrategie.

Hyman Minsky hat diese Praxis „Geldmanagerkapitalismus“ genannt, der kurzfristigen Gewinnen an der Börse den Profiten vorgezogen hat. Der Kredit wurde selbst wieder zum Handelsgut. Entscheidend für die Anleger war, ob die Renteneinnahme über den Mindestsatz hinaus ging.

Fallende Zinssätze am Rentenmarkt führten zu einer Hausse, die sich auf die Börse und den Immobilienmarkt ausdehnte. Zugleich stagnierten die Reallöhne bei gleichzeitigem Anstieg der Ausgaben für Schuldendienst, Wohnkosten und Sozialversicherungsabgaben. Auf dem Finanzmarkt entwickelte sich eine „Finanzaristokratie“, die sich als „Masters of Universe“ verstand. „Die neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte von Parasiten in Gestalt von Projektmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren… verlangt, das andere für sie sparen sollten.“ (Karl Marx) Die Kluft und Gegensätze zwischen Vermögenseigentümern und Lohnabhängigen vertiefte sich.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts spielte der Finanzsektor eine dienende Rolle. Entweder vermögende Finanziers oder Banken verliehen Kredite, um die zeitliche Lücke zwischen Produktion und Verkauf zu überbrücken – was vor allem für den Handelsverkehr zutraf.

Das 1977 gegründete Unternehmen Apple ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung des Finanzkapitalismus. An diesem Beispiel kann man exemplarische beobachten, wie der Finanzsektor durch Aktienemission, Aktienrückkäufe, Dividendenausschüttung und Aktienhandel mit Derivaten, Zinsarbitage (Arbitage: Ausnutzung von Preis-oder Kursunterschieden für das gleiche Handelsobjekt) und Aktienpaketen die Finanzrente zum zentralen Ziel des Kapitalismus gemacht hat.

Apple ging 198o an die Börse mit Aktien im Wert von 100 Millionen US-Dollar, um neue Geldmittel für größere Produktionsanlagen zu generieren und um Unternehmen mit ergänzenden Patenten aufzukaufen, die es zur Expansion benötigte. Beim Verkauf der Apple-Aktien kurz nach der Emission wird ein neuer Rekord aufgestellt. Er schuf auf der Stelle 300 neue Millionäre aus den eigenen Reihen der Apple Manager. Aber nicht nur sie waren die Profiteure, sondern auch die Emissionsbanken Morgan Stanley und Hambrecks & Quist. Durch die niedrige Ansetzung des Aktienkurses lag der Preis bei Handelsbeginn um das Doppelte höher. Die Spekulanten verdienten mehr als die emittierenden Unternehmen, die den Mehrwert schaffen. „Der Finanzsektor hat kaum jemals in der Geschichte eine produktive Rolle gespielt.“ (Hudson, 177)

AKTIENRÜCKKÄUFE, zum Zwecke den eigenen Börsenkurs zu stützen, sind ein weiteres probates Mittel der Finanzaristokratie mit Hilfe von Krediten. Aktienrückkäufe im Jahre 2013 z.B. hatten einen Anteil von 90%, von denen vor allem Großinvestoren der Sorte Soros, Buffet, Bezos u.a. profitierten. 2013 verfügte Apple über 137 Milliarden Dollar mit einem Marktwert von 626 Milliarden Dollar und einem Jahresumsatz von 156 Milliarden Dollar. Die steigenden Erträge führten dazu, dass sich Spekulanten um Apple scharten. Der Investor Carl Icahn kaufte Apple-Aktien im Wert von über 1,5 Milliarden Dollar, stiftete dann eine Gruppe von Investoren an, eine „eine gewaltige Fremdkapitalaufnahme“ von Apple zu fordern, was den Aktienkurs des Unternehmens über die erreichte Marke von 525 Dollar pro Aktie heben würde. „Es sollte also eine enorme Summe an Schulden aufgenommen werden, um einen reinen finanziellen Gewinn zu ermöglichen.“ (Hudson, 181) Der Kursanstieg bewirkte eine Marktkapitalisierung von 625 Milliarden Dollar ohne Ertragswachstum, obwohl Apple Produktion und Forschung aus eigenen Einnahmen hätte finanzieren können. Weder ein zukünftiger Umsatz noch die Profite werden gefördert, wenn man Erträge in Form von Dividenden ausschüttet oder zum Aktienrückkauf oder für den Aufkauf von Konkurrenzunternehmen verwendet. „Am 20.4.2014 nahm Apple, trotz der Summe von 156 Milliarden Dollar an flüssigen Mitteln..einen Kredit über 12 Milliarden auf und benutzte die gesamte Summe für den Aktienrückkauf.“ (Hudson, 183)

SCHULDEN SCHAFFEN STATT SCHAFFUNG VON EIGENKAPITAL

Die Ratingagentur Standard und Poor’s meldete 2004, dass 500 Unternehmen der „S&P-Liste“ 197 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe ausgegeben habe. „Das Volumen dieser Rückkäufe erhöhte sich bis zum Jahre 2006 auf über 100 Milliarden Dollar pro Quartal.“ (Hudson, 185) Zwischen den Jahren 2003 und 2012 haben 449 der oben aufgeführten Unternehmensliste 54% ihrer Erträge (2,2 Billionen Dollar) für den Rückkauf ihrer eigenen Aktien aufgewendet. Nur 9% der Erträge aber für neue Kapitalinvestitionen. Erhöhung der Aktienkurse statt Ausweitung der Produktion. Die Aktienrenditen stiegen, weil sich der Bestand an Aktien verringert hatte, unter denen man den Verdienst verteilen musste.

Hilferding schrieb 1909: „Das Eigentum, das einst tatsächlich unumschränkte Verfügung über die Produktionsmittel und damit die Leitung der Produktion bedeutete, ist jetzt in ein bloßen Ertragstitel umgewandelt.“ (Das Finanzkapital, Berlin 1909, S.195) Karl Marx: „Es ist die Aufhebung der kapitalistische Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst und daher ein in sich selbst aufhebender Widerspruch, der prima fache als bloßer Übergangspunkt zu einer neuen Produktionsform darstellt. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert daher die Staatseinmischung heraus. Er produziert eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzen System des Schwindels und Betrugs auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne die Kontrolle des Privateigentums.“ (Marx, Kapital Bd.III ,454)

Blasenökonomie

Die Schuldenindustrie des Finanzkapitalismus produziert systematisch eine so genannte Blasenökonomie.

Hyman Minsky ( The Financial Instability Hypothese: Capitalist Process and the Behavior of the Economy , 1982) hat die strukturelle Instabilität des Schulden getriebenen Finanzmarktes dargestellt. Die Börse (stock market) ist zu einem Ort der Rentenmaximierung geworden und nicht mehr ein Ort, wo Wertproduktion und Profit finanziert werden.

Vergleicht man den Umfang der auf den Weltbörsen gehandelten Wertpapiere, so fällt auf, dass im Jahre 2023 in den USA 60,5% des gehandelten Wertpapiervolumens gehandelt wurde. Japan 6,2%, China 2,8%, UK 3,7%, Germany 2,1%, France 2,8% , Indien 2% , Schweiz 2,3%, Australien 2% Taiwan 1,7% u.a. 90% der von den in den USA gehandelten Papieren waren Aktienrückkäufe, deren Renten an Großinvestoren und Manager gingen. Der Finanzmarkt ist eine in sich abgeschlossenes hochkompliziertes Netzwerk. Schuldner sind zugleich Gläubiger in anderen Geschäftszweigen. Vergleicht man die Anteile um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, dann ergibt sich folgendes Bild: UK 24%, USA 14%, Germany 12,6%, France 11,2% Russia 5,9%, Austria 5%, Belgien 3,4%, Niederlande 2,5% u.a. (Quelle:Elroy Dimson, Paul Marsh and Mike staunten, DMS Database 2024, UBS Global Investment Returns Yearbook: Summery Edition 2024) Die Börse um 1899 war indes noch kein Spielkasino.

Diese Entwicklung zu einem Spielkasino und zu einer Blasenökonomie ist die ultimative Form privatkapitalistischer Marktzirkulation von Geld und Eigentumstiteln mit Hilfe von hochkomplizierten und digitalen Datenverflechtungen und damit eine von der Produktion (scheinbar) getrennten Geldzirkulation. Allein der Immobilienmarkt ist das schwächste Glied in dieser Struktur , da es in ihm noch um materielle Eigentumstitel geht. Die Preise der Finanzprodukte konstituieren sich über Erwartungen zukünftiger Preise. Entscheidungen werden unter der Bedingung der Unsicherheit getroffen, einer „tückischen Zukunft“( perfidious future, J.M.Keynes). Minsky hat in diesem Zusammenhang den Begriff „irreversible Zeitläufe“ geprägt und ihn in die Modellierung von Marktprozessen vorgeschlagen. Die traditionelle Ökonomie rechne hingegen mit reversiblen Zeitläufen, mit festen Kosten für konstantes und variables Kapital (Marx). „Derartige intertemporale Finanzverknüpfungen und Zahlungsverpflichtungen, die sie verkörpern, sind eine Besonderheit des Kapitalismus. In den Analysen der etablierten Ökonomie werden in den Fabriken angesammelte Kapitalanlagen durch Arbeit so transformiert, dass es zu einem Produktionsertrag kommt. Der Einfachheit halber nimmt man die Nominallöhne als gegeben an, um Kurven der Grenz- und Durchschnittskosten zu erhalten. Diese Analyse ignoriert die Bedingungen, denen die Funktionsweise einer kapitalistischen Ökonomie unterliegt – die zu erfüllenden Verbindlichkeiten aus Finanzinstrumenten und die Notwendigkeit, Finanzinstrumente einzusetzen, um die Investitionen und den Besitz von Kapitalanlagen zu finanzieren. (Minsky, 30) Ein zentraler Faktor der „Minsky Hypothese“ ist der der „spekulativen Blasen“ – die Aufblähung von Kredit- und Verschuldung. Neben der gesicherten Finanzierung (Hedge-Fond) unterscheidet Minsky die „spekulative Finanzierung“. Hier erreicht das erwartete Einkommen zwar aus, um die Zinsen zahlen zu können, die Schulden selbst dagegen müssen mit neuen Krediten refinanziert werden. Eine Kreditaufblähung führt auf der anderen Seite zu einer Inflation der Zinsen und zu einer Rentendeflation. Fremdfinanzierte Aktienrückkäufe sollten dieser Rentendeflation entgegenwirken, wirken aber wie Heroin.

Die Finanzkrise 2007/08 war eine Zeit der „großen Verschuldung“ . Besonders auf dem Immobilienmarkt. Aber auch hohe Verschuldungen staatlicher Institutionen , der privaten Haushalte und Industrie bei Banken. Der Finanzkrise ist eine Bankenkrise, der Bankenkrise und in Europa eine Währungskrise des Euro gefolgt. Der großen Krise des finanzgetriebenen Kapitalismus sind die europäischen Regierungen mit einer „Austeritätspolitik“ entgegengetreten. Die neoliberale Schule sah den Grund für dieses finanzpolitische Disaster in der Gier der Manager und im Konsum der Bevölkerungen. „Die große Mäßigung war der große Euphemismus der Wall-Street für die immer weiter wachsende Schuldenpyramide und eine Zunahme der Polarisierung zwischen Gläubigern und Schuldnern.“ (Hudson, 250) Täter wurde propagandistisch zu Opfern gemacht, ein probates Mittel der Manipulation.

Und wie sah dieLösung der Krisen aus? Neue Vergabe von Krediten von Banken und Ankeihegläubiger! Die FED senkte die Zinsen, um die Verschuldungsspirale wieder in Gang zu setzen, damit das Finanzgeschäft, die zur Hauptquelle des privaten Kapitals geworden war, wieder erstarken konnte. Die Zinssenkungen hatten keine große Auswirkungen auf das produktive Kapital. Die Regierungen reduzierte ihre Haushaltsdefizite, indem sie Ausgaben für Instandhaltung und Reparatur von Infrastrukturmaßnahmen kürzte und öffentliche Immobilien und Vermögenswerte verscherbelte. „Man träumte davon, allein von den Finanzen zu leben. Der Finanzsektor versprach eine postindustrielle Wirtschaft aus der Taufe zu heben, in der die Bankkunden ihr Geld mit Hilfe von Krediten verdienen konnten, die auf Computertasten geschaffen worden waren – ohne dass es eine Bildung von Industriekapital oder irgendwelcher Beschäftigungsverhältnisse bedurfte.“ (Hudson, 223)

Angesichts einer nun wieder drohenden, noch größeren Finanzkrise als 2007/8, des Verlustes imperialer Hegemonie auch durch den Niedergang des US-Dollars, des Verlustes technologischer und wirtschaftlicher Führungsmacht, grassierender Armut und Verelendung wie Kriminalität in den USA haben die Vertreter der neoliberal und globalen Politik des us-Finanzkapitals, die in der Demokratischen Partei ihr Sprachrohr gefunden haben, die Wahl 2024 verloren. Ihr Panier der Dollar, ihre Schlachtrufe „für Demokratie und universelle individuelle Freiheits- und Menschenrechte“ haben große Teile der Arbeiterklasse nicht überzeugt, weil diese „Börsen-Politik“ eine Deindustrialisierung voran getrieben und Arbeitsplätze und Kapital ins Ausland (China) verlagert hat. Libertäre und nationalistische Kräfte der US-Oligarchen haben sich unter Trump zusammengefunden, um eine neue Kehrtwende hin zu einer Industriepolitik zu initiieren. Ihre Köpfe sind Musk, Peter Thiel und Bannon. (Weiteres davon später)

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