Kapital ist eine ökonomische Kategorie. Neben den Faktoren Arbeit und Grund und Boden wird Kapital als Grundelement der Warenproduktion bezeichnet. KAPITALISMUS hat eine politische und soziale Bedeutung wie der Begriff SOZIALISMUS. Kapital ist keine ideologische Kategorie.
Zuerst möchte ich auf unterschiedliche Sichtweisen in der Ökonomiegeschichte eingehen, was die Bestimmung der Kategorie angeht, und der Frage nachgehen, unter welchen historischen und ökonomischen Bedingungen Kapital entstanden ist. Antike Ökonomien verwendeten diesen Begriff nicht. Auch in feudalen, patriarchalischen Gesellschaften, afrikanischen und asiatischen Gesellschaften ist er nicht bekannt.
Erst die liberale klassische Ökonomie seit dem 17. und 18. Jahrhundert spricht von Kapital, das sowohl in der Warenproduktion verwendet werde. Mit anderen Worten alles, was neben Arbeit und Boden zur Produktion von Waren notwendig ist: Arbeit, Boden, Produktionsmittel und Kapital. Kapital ist demnach ein Faktor der Warenproduktion. Das Kapital als Geldvermögen, Produktionsfaktoren für die Warenproduktion zu kaufen, führt die liberale Ökonomie auf verschiedene Gründe zurück: auf Sparen oder Verzicht, Risikobereitschaft, Unternehmungsgeist; kurz: sowohl auf ethische als auch auf herausragendes unternehmerisches Können Einzelner oder auf den Geldkredit.
Nun stellt der Kritiker der liberalen Ökonomie, Karl Marx, die Frage: Warum gab es trotz Warenproduktion kein Kapital in asiatischen, feudalen oder patriarchalischen Ökonomien ? Keine „kapitalistische Warenproduktion“?
Marx geht zuerst von den zwei notwendigen Grundelementen jeglicher Produktion aus: von Arbeit und Produktionsmittel. „Welches immer die gesellschaftliche Formation der Produktion, Arbeiter und Produktionsmittel bleiben stets ihre Faktoren.“ (Kapital, Bd.24, 91-2) Die gesellschaftliche Teilung der Arbeit, sei sie „vermittelt oder unvermittelt durch den Warenaustausch“, gehöre den „verschiedensten ökonomischen Gesellschaftsformationen an.“ (MEW 23, 256) Die Art und Weise der Verbindung von Arbeit und Produktionsmittel unterscheide die Epochen der Gesellschaftsstruktur. Kapital sei nicht nur ein Faktor der Warenproduktion, sondern sei erst unter spezifischen historischen Bedingungen des Fernhandels, des Kolonialismus und der die Gesellschaft umfassenden Trennung der Arbeiter von ihren Produktionsmitteln entstanden.
In Agrargesellschaften etwa findet man regelmäßig das Muster, dass Arbeit und Produktionsmittel miteinander verbunden waren. Die Produkte der geteilten Arbeit wurden entweder in der Betriebsform der „Hauswirtschaft“ erzeugt und verbraucht oder unter Zwang in Form von Sklavenarbeit, Abgaben an den (aristokratische) Grundbesitzer erpresst und angeeignet. Zweck der Produktion war, den Bedarf der in Stände und Klassen aufgeteilten Gesellschaft zu decken. Es gab auch lokale Bauernmärkte, auf denen Agrarprodukte angeboten und verkauft wurden, ohne dass aus dieser Warenproduktion oder Märkten Kapital entstanden wäre.
Allein die Stadt entwickelte eine Gesellschaft, die auf Warenproduktion angewiesen war, wo Handwerksbetriebe keinen eigenen Boden vor der Stadt besaßen, um ihre Grundbedürfnisse dort zu produzieren. In der Stadt entstanden, wie im europäischen Mittelalter, „Wucherkapital“, Händler, die Geld verliehen mit (hohen) Zinsen, und „Kaufmannskapital“, dessen Zuwachs mit dem Ausbau des Fernhandels ständig zunahm. In der Regel produzierten Handwerksbetriebe für städtische oder regionale Märkte. Arbeiter und Produktionsmittel waren in diesen Betrieben wie in der Hauswirtschaft eng miteinander verbunden. Sie beschäftigten Gesellen. „Die Zunftgesetze (…) verhinderten planmäßig (…) die Verwandlung des Meisters in einen Kapitalisten, der Arbeit und Produktionsmittel kaufen musste. Der Kaufmann konnte alle Waren kaufen, nur nicht die Ware Arbeit. Er war nur geduldet als Verleger der Hauhaltsprodukte.“ (Marx, MEW 23,256) Die Manufaktur ist die erste Form, so Marx, der kapitalistischen Produktionsweise, weil sie die „Verselbständigung der Produktionsmittel als Kapital gegenüber dem Arbeiter“ (23,80) voraussetzt. In der europäischen Antike hat es von Sklaven betriebene Manufakturen gegeben. Der Sklavenhalter konnte zwar Sklaven kaufen (in der Regel aber nur einmal, zumeist waren sie aber erbliche Sklaven oder Kriegsbeute), aber sie gehörten wie die Produktionsmittel dem Eigentümer.
Mehrere Gründe für die Anhäufung von Manufakturen im Europa des Handelskapitalismus gab es. Marx führt die Entdeckung Amerikas an, die die Einfuhr der Edelmetalle herbeiführte, die eine „Vermehrung der auf den Markt gebrachten Waren“ zur Folge hatte, „sobald einmal die Verbindung mit Ostindien…hergestellt war, ferner das Kolonialsystem und die Entwicklung des Seehandels.“ (MEW 4, Elend der Philosophie, 150-2) Zudem sei das „Landstreichertum“ für die Entwicklung des Hausbetriebes zur Fabrik mit verantwortlich. „Der Kaufmann war es, der der Prinzipal der modernen Werkstatt wurde, und nicht der Zunftmeister.“ (MEW 4, 152) Er wird zum Kapitalisten, der die Autorität in der Werkstatt innehat.
Marx geht es nicht um die rechtspolitische Frage des Eigentums, sondern darum, wann und unter welchen Bedingungen sich die Verfügungsmacht über die Warenproduktion auf einzelne Personen und einer Gesellschaftsklasse herausgebildet hat. Das Eigentum an den Produktionsmitteln ist nicht Ursache der kapitalistischen Produktionsweise, sondern eine Folge der Verfügungsmacht „privater“ (d.h. vom Gemeinwesen abgesonderter) Eigentümer. „Jeder Betrieb der Warenproduktion wird zugleich Betrieb der Ausbeutung der Arbeitskraft; aber erst die kapitalistische Warenproduktion wird zu einer epochemachenden Ausbeutungsweise, die in ihrer geschichtlichen Fortentwicklung durch die Organisation des Arbeitsprozesses und die riesenhafte Ausbildung der Technik die ganze ökonomische Struktur der Gesellschaft umwälzt und alle früheren Epochen unvergleichbar übergipfelt.“ (MEW 24, 42) Marx schließt: Besondere Geldformen, bloßes Warenäquivalent, Zirkulationsmittel oder Zahlungsmittel, Schatz oder Weltgeld können auch bei bei relativ schwach entwickelter Warenzirkulation entstehen. „Anders mit dem Kapital. Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo Besitzer von Produktionsmittel und Lebensmittel den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte.“ (23,184)
Marx verwendet den Begriff Kapitalismus, meiner Kenntnis nach, selten. Er verwendet das Wort Kapital adjektivisch, um einen ökonomischen Zustand näher zu beschreiben: kapitalistische Akkumulation z.B. , was im Sinne Marxens die Anhäufung von Kapital im Interesse privater Kapitalisten bedeuten soll, wohingegen die gesellschaftlich vollzogene Arbeit durch Lohn entgolten werden soll. Darin besteht der grundsätzliche Interessengegensatz der privatwirtschaftlich organisierten kapitalistischen Produktionsweise. Kapitalismus hat unter diesem Aspekt mehr die politische Bedeutung einer Wirtschaftslehre und eines privatwirtschaftlich betriebenen Wirtschaftssystems. Eine Wirtschaftsideologie oder System kann beurteilt und bewertet werden. Wenn Kapital gleichgesetzt wird mit Kapitalismus, dann ist z.B. der chinesische „Sozialismus“ ein Produkt des Kapitalismus und eben kein Sozialismus. Im Gegensatz zur Ideologie des Kapitalismus, in der einzelne Kapitalbesitzer privat ihrem Interesse nachgehen wollen, aus der Kapitalinvestition eine Anhäufung ihres Profit für ihre Unternehmen zu ziehen, um konkurrenzfähig zu sein, geht die Ideologie des Sozialismus davon aus, die gesellschaftliche Arbeit unter die politische Kontrolle der Produzenten zu stellen, um sowohl den Wohlstand für den einzelnen als auch für die Öffentlichkeit oder das Gemeinwesen zu erreichen. Der Sozialismus braucht Kapital. Ohne Kapital ist in einer industrialisierten Gesellschaft keine Entwicklung der Produktivkräfte möglich, durch die gesellschaftlicher Wohlstand, Sicherheit und die Handlung-und Entscheidungsfreiheit einzelner Individuen nicht erreicht werden kann. Diesem Zweck muss die Eigentumsfrage untergeordnet werden. China ist mit seinen historischen Erfolgen seiner kommunistischen Partei und seiner Bevölkerung ein hervorragendes Beispiel.