Herbert Marcuse hat in seinem Aufsatz >Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalen Staatsauffassung< den Faschismus als eine „Vollendung des Liberalismus“ charakterisiert. (in: Kultur und Gesellschaft, Band 1, Suhrkamp 1965, S.22) Sechzig Jahre später hat der israelische Ideenforscher Ishay Landa den Faschismus als „radikalisierte Form des Liberalismus“ bezeichnet. (Landa, Der Lehrling und sein Meister, Liberale Tradition und der Faschismus, Dietz 2021, S.15)
Beide Autoren haben den ideologischen Aspekt betont. Andere Theorien über den Faschismus heben z.B. den Prozess der“Machtergreifung“ faschistischer Bewegungen und die politischen Strukturen des Faschismus hervor, oder sie vergleichen moralisierend die politische Praxis des Faschismus. Ich möchte mich dem Aspekt der Identifikation zuwenden und Liberalismus und Faschismus unter diesem Aspekt miteinander vergleichen.
Eine Quelle europäischer Ideologien liegt in der „philosophischen Aufklärung“ des 17. und 18. Jahrhunderts. Im Zuge der Entwicklung einer globalen Marktwirtschaft durch den Fernhandel, der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und Produktionsverhältnisse in Europa sowie der Herausbildung einer Finanzwirtschaft arbeiteten zumeist bourgeoise Intellektuelle an einer Modellierung dieser Realität. Der Liberalismus als ein ursprünglich Politik und Ökonomie umfassendes Ideenkonstrukt ist das kulturelle Produkt europäisch bürgerlicher Kultur.
Der Liberalismus fordert freie politische und wirtschaftliche Betätigung Einzelner in einer freien Marktwirtschaft ein. Garant einer solchen Möglichkeit soll der Nationalstaat und Rechtsstaat sein, der bürgerliche Grundrechte für jeden Bürger kodifiziert, die auf einem „überstaatlichem Recht“ , einem Recht der Vernunft, basieren. Diese Menschenrechte seien universal und daher angeboren, unverzichtbar und unveräußerlich. ( Der missionarische und imperiale Charakter der individuellen und universalen Menschenrechte lugt hinter der ideologischen Maske hervor) Dazu gehörten u.a. das Recht auf Leben, persönliche Unversehrtheit, personale Freiheit und vor allem des Naturrecht auf (Privat)Eigentum wie das Streben nach „Glück“ (USA 4.7.1776) Ein solcher Rechtsstaat konstituiere den Nationalstaat.
Ideologisch betrachtet, steht die einzelne Person, eine „Ich-Person“, im Zentrum des Liberalismus. Historisch indes betrachtet, zählten in den europäischen Gesellschaften lebende Sklaven, Frauen, Arbeiter nicht zum „Personenkreis“ des Nationalstaates. Die demokratischen Grundrechte der Wahl, der Redefreiheit, des aktiven Wahlrechts für die repräsentative parlamentarische Demokratie kamen nur Wohlhabenden mit bestimmten Einkommen zugute. (Zensuswahlrecht) Die monarchische Diktatur wurde durch eine bürgerliche Diktatur abgelöst. Der „Lehrling Faschismus“ brauchte das politische Rad nicht neu zu erfinden.
Der Wirtschaftsliberalismus, der anfangs ein integraler Teil des politischen Liberalismus war und sich im 20.Jahrhundert von diesem trennte, findet seinen Ausdruck nicht allein im Privateigentum, sondern auch in der Freiheit unternehmerischer Tätigkeit, in der „Freiheit des Kapitals“ einer „Arbeit“, die Ausdruck persönlicher Leistung und der Tugend des Sparens zu verdanken sei, in der Freiheit der „Märkte“ ohne politische Gängelung, die als „unsichtbare Hand“ einen gerechten Verteilungsmechanismus garantierten. Der Staat „bürgerlicher Nation“ solle grundsätzlich ein „Nachtwächterstaat“ sein, der nur in „dunklen Krisenzeiten“ die bestehende Ordnung nach innen und außen mit polizeilicher und militärischer Gewalt aufrecht erhalten sollte. Dann müssen „Wir“ alle als Nation zusammenstehen. (Nationalismus/ Patriotismus)
Der Wirtschaftsliberalismus ist die Grundüberzeugung nicht nur jeder liberalen Couleur, der klassischen Liberalen (ob in der SPD, CDU, Grüne, AfD u.s.w. organisiert) oder Neoliberale oder Libertäre, sondern auch der Faschisten. Allen Parteiungen des Wirtschaftsliberalismus ist gemeinsam, dass sie Klassenideologien des Privateigentums sind.
Hinsichtlich des politischen Liberalismus haben Wirtschaftsliberale zum Teil heftige politische Auseinandersetzungen mit Faschisten. Mit aufkeimenden ökonomischen und sozialen Krisen kapitalistisch organisierter Gesellschaften treten bürgerkriegsähnliche Kämpfe auf. Der Faschismus oder faschistische Bewegungen bieten sich als beste Lösungen zur Behebung dieser Krisen dem Privatkapital an. In dieser Situation tendieren alle bürgerlichen Parteien des Wirtschaftsliberalismus zu einer Position einer autoritären Staatsauffassung (Marcuse), wobei die Faschisten die radikalere Fraktion darstellt. Der Staat müsse in diesen schwierigen Zeiten oder „Zeitenwenden“ durch einen Führer und mit Hilfe seiner Partei die Ordnung mit Gewalt wiederherstellen (lat. fasces= Bündelruten für die Züchtigung zum Zwecke der Stärkung der Einheit!).
In diesem Zusammenhang möchte ich die Identitätspolitik des Faschismus und Liberalismus miteinander vergleichen. Identität ist ein grundlegender Faktor politischer Einheit und Widerstandsfähigkeit.
Der Liberalismus in seiner politischen Form unterscheidet sich in dieser Frage grundsätzlich vom Faschismus. Er identifiziert das Individuum mit einem (juristischen) Abstraktum, einer personalen Entität als Mitglied des Staates und der Gesellschaft (Personalausweis) und nicht mehr als Familienmitglied oder Mitglied einer anderen Vereinigung. Dieser Person werden politisch Grundrechte und Menschenrechte zugeschrieben. Diese Rechte seien die Grundvoraussetzungen, um ein selbstbestimmtes, freies, geordnetes und vernünftiges Leben zu führen. Die Identität des Bürgers besteht also in der Freiheit seiner Rechtsperson ( als Staatsbürger/ citoyen) und daher im „Verein der Nation“(liberaler Nationalismus), in der er durch Gesetzestreue, Arbeit und Leistung seine Persönlichkeit entwickle.
Der Faschismus propagiert eine andere Identität. Er spricht von einer „Gemeinschaft eines Volkes“ Gleichgesinnter, die nicht auf individuelle Rechte, sondern auf einem „eigenen Wesen“ des Volkes oder einer Rasse beruhe. Unter „Volk“ wird nicht ein „Staatsvolk“ verstanden oder eine Menschengruppe, die durch Kultur und Sprache traditionell verbunden ist, sondern durch ein naturbestimmtes „eigenes Wesen“ charakterisiert wird. Jedes Volk müsse sich jedem anderen Volk erwehren, um als Sieger aus diesem Kriege hervorzugehen oder es müsse zugrunde gehen. Der Mensch wird nicht mehr nur als Raubtier gesehen (homo homini Lupus/ Th.Hobbes), sondern Völker als Raubtiere. Historische Völker seien nicht gleich zu setzen mit ihrer eigentlichen Natur und dem daraus sich ergebenden Schicksal. Es gäbe „schwache“ Völker, die degeneriert seien, und „starke“ Völker. „Schwache“ Völker seien „Untermenschen“. Der Faschismus sorge für die Stärkung der eigentlichen Natur des Volkes mit einheitlicher Strenge.
Der faschistische Rassismus unterscheidet sich vom liberalem Rassismus dadurch, dass er andere Kulturen oder Zivilisationen nicht als unvernünftige, vertragslose „Barbaren“ oder „Wilde“ bezeichnet, die in einem „Dschungel leben, sondern ganze Völker als lebensunwert und lebensunfähig charakterisiert.
Die faschistische Ideologie ist irrational, imperial, rassistisch, gewalttätig und kriegerisch. Sie ist ein Monstrum.