Menschen haben durch Arbeit, Planung und Tat Werkzeuge hergestellt, die zu einem Mehrprodukt an Lebensmitteln geführt haben. Aus dieser Überschussproduktion heraus haben sich stratifizierte Gesellschaften, dichotome Machtstrukturen und neue Technologien entwickelt. Diese materielle Kultur, aus ihrem „Stoffwechsel“ mit der Natur hervorgegangen, war auch die Grundlage ihrer „geistigen“ Kultur: ihrem religiösen Glauben, ihrer Totenkulte, ihren Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode, aber auch die Legitimation der politischen Macht. In Mythen und darstellender Kunst sowie in der Philosophie wurden später im Schriftgut zum Ausdruck gebracht, wie man sich den Beginn des Lebens und die Rolle des Menschen in diesem Leben vorstellte. Die Philosophie unterschied sich von den Mythen nur insoweit als sie versuchte, die Welt mit rationalen Argumenten zu erklären. Die geistige Kultur spiegelt aber nur die Entwicklung des Abstraktionskunst wieder, die durch den technologischen und sozial- und politökonomischen Entwicklungsstand der jeweiligen Gesellschaften bedingt ist.
Der philosophische Idealismus großer europäischer Denker seit der griechischen Antike bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein prägte die geistige Kultur sowohl der städtischen Bürgerschaft in der Polis als auch des modernen Bürgertums in der Moderne. Seine Ideen sind nicht nur zur Staatsraison geronnen, sondern auch zum Wertekanon des demokratischen „Westens“ geworden. Die Kulturgeschichte des Idealismus umfasst nicht nur die griechische Philosophie und den modernen >Rationalismus<, sondern auch dessen Pendant: den Empirismus und monistischen Materialismus. Beide Schulen gehen auch von einer Aufteilung von „Geist“ und „Materie“ aus.
Die Platonische Ideenlehre, die in der griechischen Philosophie eine neuartige Ideologie darstellt, unterscheidet trennscharf zwischen den Substanzen Geist und Materie – und in Bezug auf Menschen in Seele und Leib. Diese Trennung durchzieht die europäische Philosophie, die als die Mutter der Wissenschaft begriffen wurde, bis in die Aufklärung. Erst im 19. Jahrhundert hat sich die Wissenschaft nach und nach von dieser Ontologie emanzipiert und das Ende der klassischen Philosophie als Wissenschaft eingeläutet.
Siri Hustvedt hat bezüglich dieser Aufteilung die Frage gestellt: Wann entsteht der Geist? Sie berichtet in ihrem Buch „Die Illusion der Gewissheit“, dass Mediziner die Geburt eines Babys in sechs bis acht „mechanische Schritte“ aufteilen. Diese Unterteilungen eines natürlichen Kontinuums seien aber willkürlich. Sie weist auf den Widerspruch zwischen „willkürlicher Unterteilung“ und „mechanischen Schritten“ hin und stellt die Frage: „An welchem Punkt der Geist in diesem Signalwerk des Körpers ins Spiel kommt, ist keineswegs absurd. Es wäre abwegig, ein Organ wie die Plazenta mit dem menschlichen Geist zu vergleichen…“Wodurch unterscheidet sich die beobachtete Rationalität mancher Tiere, etwa von Primaten, Raben oder Delphinen, die Werkzeuge herstellen können, von der menschlichen? Haben nicht auch rationale Tiere ein universales Recht – individuelle Tierrechte etwa? (siehe: Ludwig Huber, Das rationale Tier, Eine kognitionsbiologische Spurensuche, Suhrkamp 2021)
In Platos mythologischer Kosmologie, wie er sie im Timaios, einem Pythagoreer, dargestellt hat, ist Materie gleichsam eine „Amme“, eine Aufnehmende, die den Formungsakt (oder die geistige Arbeit) des Demiurgen stofflich aufnimmt und als Geburtshelferin der Realität fungiert. Die Materie ist chaotisch, wandelbar, beweglich und ausgedehnt. Sie ist im Gegensatz zum Geist oder der Seele nicht konstant. Ohne Konstanz, lässt Plato Sokrates sagen, gibt es keine Idee und ohne Idee gibt es keinen ruhenden Pol, keinen Maßstab. Das Unwandelbare werde durch Verstand und Vernunft erkannt. Das Regellose kann nur durch das Konstante, das Unwandelbare, durch die Regel erklärt werden.
Vor der kosmologischen Substanz der chaotischen Materie (gab es weder Tag noch Nächte) muss folglich eine Wesenheit, eine Göttlichkeit, existent sein, die Zeit und „Himmel“ (Raum) als Erstes eingeführt habe. Raum und Zeit seien gleichzeitig entstanden. Aus der Zeitabfolge von Tag und Nacht haben später, nachdem der Demiurg die vier Lebewesen (Götter,Vögel,Fische und Landtiere) erschaffen habe, Menschen die Zahl erschaffen.
Das Unwandelbare oder Göttliche „ist“ – ohne Zeit und Raum. Eine transzendentale Idee. Eine Abstraktion sondergleichen. Dieser Ontologie gemäß ist die Wesenheit ewig und gut und einzig.
„Da nämlich Gott wollte, dass, so weit es möglich, alles gut und nicht schlecht sei, da er aber alles, was sichtbar war, nicht in Ruhe, sondern in regelloser und untergeordneter Bewegung vorfand, führte er alles aus der Unordnung in die Ordnung hinüber.“ (Platon, in: B.Russell, Philosophie des Abendlandes, Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung, Europaverlag 1950, Sonderausgabe für Parkland Verlag 2003, S.156)
Das Göttliche hat die Welt der Sinne, die Welt der Realität, nicht aus dem Nichts erschaffen. Der „Demiurg“, einer, dessen Arbeit der Allgemeinheit gehört, der produktive Geist, formte aus der Materie die Realität. Dieser Materie, so zu sagen, als plastische Substanz, als das, was sich formen und strukturieren lässt, drückt die transzendentale Idee gleichsam ein Muster eine geometrische Ordnung auf, aus der die Elemente entstehen (Kubus=Erde; Ikosaeder=Wasser; Oktaeder=Luft; Pyramide=Feuer). Plato sieht in der Realität einen mathematischen Atomismus walten, da die Elementarkörper auf „Urdreiecke“ von der Art des rechtwinkligen, gleichschenkligen Dreiecks und des rechtwinkligen, nicht gleichschenkligen Dreiecks zurückgeführt werden.
Der „öffentliche Facharbeiter“, der Demiurgenos, symbolisiert die praktische Vernunft und ihre Verstandesleistungen, die auf die transzendentale Idee des Göttlichen zurückgehen. Er symbolisiert auch die „Weltseele“. Er formt die Gegenstände, gibt ihnen Gestalt, Qualität und Funktion. Er ist der Schöpfer. Im biblischen Verständnis erschafft hingegen Gott Kreaturen durch die Sprache, durch seinen Odem. In Mythen, die aus Ackerbau betreibenden Gesellschaften stammen, ist das Samenkorn das Symbol des werdenden Lebens. Der altägyptische Ritus z.B. des Erdhackens weist auf das Sterben des Osiris hin, der in der Symbolgestalt des Samenkorns in die Erde gesenkt wird, um dann mit der sprießenden Saat wiederum aufzuerstehen. Osiris steht in unmittelbarer Beziehung zur Natur, zu Werden und Vergehen. Zu seinem Erscheinungsbild gehören die Königskrone und die Insignien königlicher Macht. Diese Vorstellungen der Gnosis und Weltgenese verweisen auf die grundsätzlichen politökonomischen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens dieser Zeit.
In Platos >Timaios< ist der produktiv Planende und mit Vernunft und Verstand Formende der Schöpfer der Objekte. Seine Kunst ist die des Handwerkers, des Fachmannes. Russell schreibt: „Die griechische Philosophie entspricht bis zu Aristoteles der Mentalität des Stadtstaates.“ ( Russell, 792) Die Polisbürger waren zwar Grundeigentümer, denn darin bestand ihr Status als freie Bürger, sie überließen aber die Produktion und Reproduktion ihres Lebens den Sklaven, Metöken und Ausländern, soweit es um Fernhandel ging.
Die Ideenlehre Platos, die eine neuartige Theorie in der griechischen Philosophie darstellt, ist eine Begriffslehre, in der sich logische (rationale) und metaphysische Elemente mischen.
Zum einen sind Begriffe Allgemeinbegriffe. Sie haben ein Ewigkeitsmerkmal. Sie sind universal, d.h. sie gelten ohne Raum und Zeit. Zahlen sind solche Allgemeinbegriffe, aber auch Begriffe der Art wie „Freiheit“ oder „Hund“. Sie sind Abstraktionen unterschiedlichen Grades. Die Summe konkreter Hunde z.B. sind Teile dieses „idealen“ Hundes oder des Allgemeinbegriffs „Hund“. Zum anderen legt Platon diesem Allgemeinbegriff „Hund“ eine metaphysische Komponente bei. Dieser Begriff vom Hund ist ein bestimmter „idealer“ Hund; einzelne Hunde haben an der „Natur dieses idealen Hundes“ nur teil, in mehr oder weniger unvollkommener Art und Weise. Diese Idee der „Hundheit“ – so würde Platon sagen – ist ein „Urbild“. Seine Wesenheit ist einzig. Nur wegen der Unvollkommenheit konkreter Hunde kann es überhaupt so viele Hunde geben. Platon unterscheidet somit „Wirklichkeit“, als eine vollkommenen abstrakte Daseinsform, von der Realität konkreter Hunde. Diese Wirklichkeit „wirkt“ auf diese.
Platon konstruiert eine duale Welt: die Welt des Intellekts, in der Vernunft Bezug nimmt auf die reine Idee, die des Guten, und die Welt der Sinne. Der Verstand bildet Hypothesen und denkt mathematisch.
Bertrand Russell kritisiert diese Unterscheidung von Wirklichkeit und Realität.„Wenn die Erscheinung wirklich erscheint, kann sie nicht Nichts sein, und muß also eine Teil der Wirklichkeit sein… Jeder Versuch, die Welt in Teile zu zerlegen, deren einer „wirklicher“ ist als die anderer, ist zum Scheitern verurteilt.“ (150) Außerdem fügt Russell hinzu, was zeitlos ist, kann nicht erschaffen worden sein.“ (151) Da Platon postulierte, nur „das Gute“ sei das einzig von Gott geschaffene Urbild, so hätte „die Vielfalt der sinnlich wahrnehmbaren Welt nach dieser Auffassung einen anderen Ursprung als Gott.“ (151)
Das zweite Stadium der Abstraktionskunst der europäischen Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert
Die Philosophie der Aufklärer gründet einerseits auf der antiken Philosophie des Griechentums – der Ideen-Trennung von Geist und Materie – und erweitert diese zugleich, indem sie den erkenntnistheoretischen Fokus auf die Idee vom „Ich“ legt. Dekonstruiert ist dieses philosophische „Ich“ eine Verallgemeinerung des in einer Marktwirtschaft zu Selbstbewusstsein gekommenen Bürgers. Er empfindet sich nicht mehr als „Knecht“, sondern als selbstbewussten „Herrn“, Verkäufer und Käufer – als Rechtsperson. Die „Ich“- Konstruktion steht im Mittelpunkt der idealistischen Philosophie der Neuzeit. Das „Ich“ ist in der idealistischen Philosophie autonom, rational und vernünftig.
Weiße europäische Männer begründeten diese Aufklärung des menschlichen Geistes aus selbstverschuldeter „Unmündigkeit“ (Kant). Neugier, (methodischer) Zweifel, Kritik als Methode der Überprüfung von Sachverhalten anhand ausgewiesener Kriterien, Beobachtung sowie Experiment und Messung sind und waren die Zutaten dieser neuen Denkrevolution. Aber ohne Vertrauen auf ihren Verstand hätten diese Denkriesen nicht den Bauplan einer neuen wissenschaftlich fundierten Weltsicht entworfen, deren „Werte“ in der Welt mit Gewalt verbreitet worden sind und die, mit universalem Anspruch, diese Welt neu geordnet haben.
Die Revolution des „cogito, ergo sum“ koinzidiert mit dem Durchbruch einer neuen Ökonomie, der des Handelskapitalismus, der Durchsetzung der Marktwirtschaft in Europa und der Manufaktur auf der Grundlage einer neuen Art der Ausbeutung der Arbeit: der Lohnarbeit, wobei in Übersee noch recht gerne die Sklavenarbeit verwendet wurde. Zudem gewinnen Unternehmer, Bankiers, Fernhändler und Großfarmer immer mehr an politischem Einfluss. Dieser Zuwachs an Geldreichtum und Macht verlangt nach einer neuen Ideologie und Legitimation. Auch absolutistisch regierte Staaten kommen nicht mehr ohne das Bürgertum aus.
Das aufgeklärte naturwissenschaftliche Weltbild stößt die Vorstellung eines göttlichen Schöpfungsaktes in den Orkus des himmlischen Friedens. Wissen gewinnt die Bedeutung von „Gewissheit“. Dort, wo Gott als Ausgangspunkt der Welterklärung noch subalterne Dienste leistet, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, muss er so denken, wie die menschliche Logik funktioniert. Das alte göttliche Naturrecht wird in die Mottenkiste verbracht und durch ein Naturrecht der Vernunft ersetzt. Die Vernunft des „Ichs“ verlangt ihr Recht. Der Verstand ist der Atlant der Vernunft. Er produziert Tatsachenwissen und setzt Naturgesetze. Das neue Weltbild ist homogen, erklärt alle Phänomene aus sich heraus, klassifiziert und ordnet sie auf kausale und mechanische Art und Weise in einer formalen Sprache.
Im Bereich der reinen Geisteswissenschaften – in der philosophischen Anthropologie, der Erkenntnistheorie, der Psychologie – gewinnen Ethik und Ökonomie (der Marktwirtschaft) eine hervorgehobene Bedeutung. Während Leibniz auf der höchst denkbaren Stufe der Abstraktionskunst in seiner Monadenlehre Weltbild und Menschenbild mathematisch in einem Dualsystem (Dyadik) vereint, stellt der subjektive Idealismus Kants die Autonomie der reinen Vernunft in der Ethik und die Freiheit des Individuums der bürgerlichen Welt zur Verfügung. Adam Smith, Begründer der Nationalökonomie und Empiriker, verbindet Ethik (>Die Theorie der ethischen Gefühle<) mit dem liberalen Modell der Marktwirtschaft.
Die Substanz Ich und seine Freiheit
Descartes, Spinoza und Leibniz gehen von Substanzbegriffen aus. Descartes verwendet drei Substanzen: Gott, Geist und Materie. Spinoza ließ nur Gott zu. Während für Descartes Ausdehnung das Wesen der Materie ist, sind für Spinoza Ausdehnung und Denken Attribute Gottes. Leibniz ist der Überzeugung, dass Ausdehnung kein Attribut einer Substanz sein könne, da Ausdehnung eine Vielheit beinhalte und daher nur ein Aggregat von Substanzen sein könne. Jede individuelle Substanz müsse ohne Ausdehnung sein. Jede Monade (das Unteilbare) repräsentiert für sich genommen das Universum. Jede von ihnen besitze einige Eigenschaften eines physikalischen Punktes, bei abstrakter Betrachtung. Wenn die Ausdehnung als Wesensattribut ausgeschlossen wird, dann bleibt nur noch das Denken. Leibniz leugnet die Realität der Materie. Das hat zur Folge, dass zwei Monaden niemals in irgendeinem kausalen Zusammenhang miteinander stehen können. Da Monaden aktiv und daher Kräfte seien, die sich ständig verändern, müsse eine „prästabilisierte Harmonie“ zwischen den Veränderungen in den verschiedenen Monaden herrschen, wodurch der Anschein der Wechselwirkung erzielt werde. Diese von Gott bewerkstelligte prästabilisierte Harmonie funktioniere nach einem akkuraten Mechanismus.
Obwohl es keinen Raum gebe, wie ihn die Physik annehme, haben die Monaden eine Anordnung in einer dreidimensionalen Ordnung, entsprechend den Standpunkten, von dem aus sie das Universum widerspiegeln. Jede Monade sieht die Welt aus ihrer eigenen Perspektive. Von daher gibt es kein Vakuum. Zwei Monaden, die einander genau gleichen, sind daher unmöglich. Eine Monade ist ein Individuum. Das menschliche Individuum besitzt eine unvergleichliche Identität. Sie unterscheidet sich prinzipiell von anderen Identitäten.
Der Empiriker und große Reformator der Philosophie, David Hume, hat gegen diese Theorie eingewendet, dass menschliches Bewusstsein ein Sammelsurium von Ereignissen und Erlebnissen sei, was auch die Hirnforschung heute unterstützt. Das Ich sei eine Vielzahl von Bewusstseinszuständen.
Da es, nach Leibniz, kein Vakuum zwischen den Monaden gibt und sie keinen physikalischen Raum haben, so haben sie doch eine hierarchische Anordnung, in der manche der denkenden Monaden-Ichs den anderen durch Klarheit und Deutlichkeit, mit der sie das Universum spiegeln, überlegen sind. Er vertrat die Auffassung, der menschliche Geist organisiere sich evolutionär in verschiedenen Stufen von bloßen Meinungen hin zu objektiven und überproportionalen Formen von Wissen, Sprache, Zeichen und Kulturen.
Da das Ich denkt und damit Subjekt seines Handelns ist und sein Handeln immer einen Grund (Satz vom zureichenden Grunde) hat, geschieht nichts ohne Grund. Doch dieser zureichende Grund seiner Handlung ist logisch nicht zwingend. Auch Gott kann den Gesetzen der Logik nicht entkommen und zuwiderhandeln, auch wenn er bestimmen kann, was überhaupt logisch möglich ist. Der Mensch hat nur eine große Wahlfreiheit.
Der Begriff Substanz ist aus der logischen Kategorie von Subjekt und Prädikat abgeleitet. Bestimmte Wörter (z.B. Eigennamen und eben Substanz) können nie als Prädikat auftreten, sondern nur als Subjekte. Solche Wörter gelten als Bezeichnung von Substanzen. Jeder richtige Satz ist entweder ein allgemeiner Satz oder es handelt sich um einen besonderen Satz wie etwa „Matthias ist sterblich“, wobei das Prädikat im Subjekt enthalten ist. Diese Logik geht von zwei Prämissen aus:
1.Der Satz vom Widerspruch: Er besagt, dass alle analytischen Sätze richtig sind.
2.Der Satz vom zureichenden Grunde. „Wenn ich eine Reise mache, muss der Begriff meines Ichs von aller Ewigkeit her den Begriff dieser Reise als Prädikat meines Ichs enthalten.“ (Russell, 600)
Leibniz schreibt: „Unter der Natur einer individuellen Substanz oder eines in sich vollständigen Seins wird daher der Begriff zu verstehen sein, der so vollendet ist, dass alle Prädikate des Subjekts, dem er beigelegt wird, aus ihm hinlänglich begriffen und deduktiv abgeleitet werden können..“ ( in: Russell, 600)
Dieses System ist deterministisch. Russell kritisiert: “Leibniz macht sich einer besonderen Inkonsequenz schuldig, indem er die Subjekt-Prädikaten-Logik mit dem Pluralismus kombiniert, denn der Satz >Es gibt viele Monaden< fällt nicht unter die Subjekt-Objekt-Form.“ (603)
Aus dieser Subjekt-Prädikaten-Logik folgt, „dass jede Substanz…eine Welt für sich ist und von nichts anderem abhängig als von Gott.
Auch der Zahlenbegriff ist eine individuelle Substanz. Leibniz schreibt, „dass nichts in der Welt sie (die Dinge und Allmacht Gottes) beßer vorstelle, ja gleichsam demonstriere, als der Ursprung der Zahlen wie alhier vorgestellet, durch deren ausdrückung bloß und allein mit Eins und Null oder Nichts, und wird wohl schwehrlich in der Natur und Philosophie eine beßeres vorbild dieses geheimnißes zu finden sein.“ Mit Hilfe einer allgemeinen Mathematik könne Denken durch Rechnen ersetzt werden.
Leibniz ist der Auffassung, dass auch Sätze der Moral und der Metaphysik nach einem unfehlbaren Rechenverfahren geschrieben werden können. „Rechnen wir!“ – statt zu streiten, ruft er. Seine Überlegungen münden in ein Programm einer Universalsprache, in einem Formalismusverfahren, mit dessen Hilfe „Wahrheiten der Vernunft“ wie in der Arithmetik und Algebra auch in anderen Bereichen, in denen geschlossen wird, „gleichermaßen durch ein Kalkül erreicht werden könnten.“ (nicht abgesendeter Brief an C.Rödeken aus dem Jahre 1708 in: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd.3, S.572) Der Empiriker J.Bentham wird später (vergeblich) versuchen, eine utilitaristische Theorie des Glückskalküls zu entwerfen.
Auch Kants >Kritik der reinen Vernunft< geht von einem „methodologischen Individualismus< aus. „Ich als denkendes Wesen, bin das absolute Subjekt aller möglichen Urteile und diese Vorstellung von mir kann nicht zum Prädikate irgendeines anderen Dings gebraucht werden… Also muss jedermann sich selbst notwendigerweise als die Substanz, das Denken nur als Akzidenzen seines Daseins und Bestimmungen seines Zustandes ansehen.“In dieser Vorstellung sei – so Kant – „nicht die mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der Anschauungen unterschied.“ Und Kant folgert, wie Leibniz, dass „ausser dieser logischen Bedeutung das Ich keine Kenntnis von dem Subjekte an sich selbst habe…“ (427a)
„Also bin ich, als denkendes Wesen (Seele) Substanz.“ (Kritik der reinen Vernunft, Erster Paralogismus der Substantialität (der reinen Psychologie)) 424a)
Auf der Grundlage dieses methodischen Individualismus definiert Kant seinen Begriff von Aufklärung:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Meinung eines anderen zu bedienen.Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude!“
Kant geht von einer atomisierten Gesellschaft vernünftiger und „aufgeklärter“ Individuen aus. Nur durch eine vernünftige, alle Beteiligten zum Nutzen gereichende Vertragssituation kann überhaupt eine Gemeinschaft entstehen, deren moralisches Handlungsprinzip in einem kategorischen (unbedingten) Imperativ besteht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werden kann.“
Demzufolge sind jene, die diesem unbedingten Handlungsprinzip nicht nachkommen, selbstverschuldet unmündig oder leiden an einem Mangel des Verstandes. Sie haben selbst „Schuld“ – da sie selbst ihres Glückes Schmied sind. Nur ein kleiner, aber wesentlicher Gedankenschritt ist erforderlich, um von dieser idealistischen Position substantieller Individualität zu der Vorstellung zu kommen, dass alle Menschen zwar „zu einer und derselben Naturgattung gehören“ , jedoch, man könne nicht hoffen, „jetzt irgendwo auf der Welt die ursprüngliche menschliche Gestalt unveränderlich anzutreffen.“ Und weiter: „Der Erdstrich vom 31sten bis zum 52sten Grade der Breite der alten Welt… wird mit Recht für denjenigen gehalten…wo der Mensch…am wenigsten von seiner Urbildung abgewichen sein müsste.“ Für Kant war Europa die Wiege der Menschheit und das „Geschlecht der Weißen“ zeichnet sich durch die „vollkommene Mischung der Säfte vor jedem anderen Menschenschlage aus.“ (Immanuel Kant, in: Kendi 116)
Der Rassismus ist auch deshalb eine Eigenschaft der europäischen liberalen Ideologie des Individualismus, weil die liberale These „die Einheit des Menschen als prinzipiell verwirklicht ansetzt, hilft sie zur Apologie des Bestehenden.“ (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Querido Verlag Amsterdam 1947, S.200)
Das Bestehende in den europäischen Gesellschaften des 16. bis 18.Jahrhunderts und darüber hinaus ist die Existenz eines neuen kapitalistischen Wirtschaftssystems und einer alten Institution im neuen Gewande, der Marktwirtschaft. Sowohl das kapitalistische Produktionssystem von Kapital und Lohnarbeit als auch die Institution des Marktes setzen Vertragsbeziehungen von individuellen Rechtspersonen voraus. Der „Menschenschlag des Negers“ ist ein „Wilder“ und keine Rechtsperson und außerdem nicht von diesem Verstande und Vornehmheit und Stärke der weißen Europäer. Durch ungünstige klimatische und körperliche Voraussetzungen ist er „faul, weichlich und tändelnd.“ (Kant)
Das abendländische Denken ist mehr als dasjenige anderer Kulturkreise mit dem Begriff des Ichs, von dem man wenig sagen kann, verbunden. Für Descartes, Locke, Berkley, Leibniz Kant u.a. wird das Ich mit vernünftigem Denken, Selbstreflexion und Seele gleichgesetzt. Das abendländische Menschenbild und damit das unserer Gesellschaft und unseres Rechtssystems ist nach wie vor durch diese idealistischen Grundannahmen geprägt.
Das Ich des Subjekts ist der Kern menschlichen Wesens und Träger der Menschenwürde. Das Ich ist die Ursache des Handelns und deshalb verantwortlich für sein Tun.
Adorno und Horkheimer stellen in ihrer These „Elemente des Antisemitismus“ ebenfalls fest: „Das unabänderliche Festhalten an ihrer eigenen Ordnung des Lebens brachte sie zur herrschenden in ein unsicheres Verhältnis. (…)Die dialektische Verschlingung von Aufklärung und Herrschaft, das Doppelverhältnis des Fortschritts zu Grausamkeit und Befreiung, das die Juden bei den großen Aufklärern wie den demokratischen Volksbewegungen zu fühlen bekamen, zeigt sich auch im Wesen der Antisemiten… Rasse ist heute die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv.“ (200f.)
Die erste Kritik an der substantialistischen Auffassung des Ichs geht auf David Hume (1711-1776), dem großen Reformator der europäischen Philosophie und Empiriker, zurück, bevor im 19. und 20. Jahrhundert die Frage eine Rolle spielte, ob es das Ich als ein einheitlich psychologisches Faktum überhaupt gibt und ob es überhaupt auf irgendetwas rückführbar sei.
Hume verwirft die Idee vom Ich, weil das Ich niemals wahrgenommen werde. Deshalb könne man auch keine Idee davon haben.
Für Hume sind Tatsachen Produkte menschlicher Perzeption und Apperzeption (begrifflich urteilendes Erfassen) und keine objektiven Entitäten der Außenwelt. Tatsachen sind also gemachte Sachen. Das menschliche Handeln und Verhalten, soweit es auf Affekten, Emotionen und Wollen beruht, sei moralisch, weil es nach Nützlichkeit und Annehmlichkeit bewertet werde. Wie Locke lehnt auch Hume den Begriff Willensfreiheit ab, sondern spricht von Handlungsfreiheit oder Wahlfreiheit. „Wir haben gezeigt, dass der freie Wille mit den Handlungen der Menschen ebenso wenig zu tun hat, wie mit ihren Eigenschaften. Es ist kein richtiger Schluss, dass alles, was wirklich ist, auch frei ist. Unsere Handlungen sind wirklicher als unsere Urteile; aber wir haben bei den einen nicht mehr Freiheit, wie bei den anderen.“ Das menschliche Handeln kann nur beschrieben, verglichen und nach Regeln, nach denen Ursache und Wirkung beurteilt werden, erklärt werden. Ethik sei daher eine deskriptive und explikative Tatsachenwissenschaft. Ethische Erklärungen sollten im Rahmen der Psychologie vorgenommen werden. Tatsachenwissenschaften könnten nur Hypothesen aufstellen. Spekulative Hypothesen müssten aber strikt aus der Ethik verbannt werden, denn es könne keine ethische Theorie einer objektiven, universellen Normfestsetzung für die Billigung und Missbilligung von Handeln, Motivation bzw. von Charakterzüge geben. Naturgesetzlich vermutete Normfestsetzung von individuellen Menschenrechten könne es nach Humes Darlegungen nur als ideologische angesehen werden. So wie Hume Naturrechtskonzeptionen eines ursprünglichen Gesellschaftsvertrages kritisiert, kritisiert er Ethiken, die auf rein spekulativen und rein vernünftigen Prinzipien beruhen. „Es ist hohe Zeit, bei allen moralischen Untersuchungen die gleiche Reform anzustrebenund jedes nicht auf Tatsachen und Beobachtung beruhende ethische System abzulehnen, wie scharfsinnig und geistreich es auch sein mag.“ (Hume)
„Keine Partei kann heute auf ein System philosophischer oder spekulativer Prinzipien verzichten. Deshalb stellen wir fest, dass jede der Fraktionen, in die dieses Land gespalten ist, ein entsprechendes System entwickelt hat, das ihr politisches Programm abdecken und rechtfertigen soll. Menschen sind normalerweise sehr grobe Konstrukteure, vor allem auf solch spekulativem Gebiet und besonders dort, wo sie von parteilichem Ehrgeiz erfasst sind. (…) Die eine Partei strebt danach, Regierung geheiligt und unangreifbar zu machen, indem sie sie auf Gott zurückführt (…) Die andere Partei begründet ihre Regierung allein durch die Zustimmung des Volkes und geht davon aus, dass es eine Art von ursprünglichem Vertrag gibt, durch den die Untertanen sich stillschweigend das Recht auf Widerstand gegen ihren Herrscher vorbehalten, wenn sie sich durch die Autorität unterdrückt fühlen sollten, die sie ihm aus bestimmten Gründen freiwillig überlassen haben.“ An Hobbes und Locke gewandt, fährt Hume fort: „Doch wenn sich diese Denker in der Welt umschauten, fänden sie nichts, das auch nur annähernd ihren Ideen entspräche..“ Wenn man ihre Ideen außerhalb ihres Landes verkünden wollte, „so würde man als Aufwiegler verhaftet, wenn nicht schon vorher von Fremden als Wahnsinniger eingesperrt worden sein, weil man solche absurden Absichten vertrat.“
Der Freiheitsbegriff des subjektiven Idealismus oder, anders gesagt, des Individualismus ist ein ideologisches Produkt der „reinen“ Vernunft, ohne Ansehung materieller Realität. Er ist zwangsläufig „universal“, d.h. allgemein, und „universell“, d.h. umfassend. Der konkrete Mensch hingegen in seiner sozioökonomischen Mitwelt hat die Anderen zum Bezugspunkt und nicht sich selbst als Individuum. Im Anti-Dühring schreibt Friedrich Engels in seiner Kritik an Dühring: „Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am Ende dieser Untersuchung heraus, sind also nicht Prinzipien, Ausgangspunkte, sondern Resultate, Abschlüsse. Diese aus dem Kopf konstruierten, von ihnen als Grundlage ausgehen und weiter daraus die Welt im Kopf rekonstruieren, ist Ideologie…bisher hat auch jeder Materialismus gelitten, weil er über das Verhältnis von Denken und Sein wohl in der Natur einigermaßen klar war, aber nicht in der Geschichte, die Abhängigkeit des jedesmaligen Denkens von der historisch-materiellen Bedingungen nicht einsah.“ (Friedrich Engels: in Anti Dühring, MEW Bd.29, S.574)
Der Mensch ist eben keine Monade, kein Atom in der Gesellschaft und in der ihn umgebenden Natur. Das konkrete menschliche Individuum kann nur in Kooperation mit der äußeren Natur und seiner Mitmenschen in das „Reich der Freiheit“ eintreten und das der Notwendigkeit bis zu einem gewissen Grade verlassen.
Die Lehren des Utilitarismus, des ökonomischen und politischen klassischen Liberalismus sowie des Neoliberalismus sind ideologische Ableger des bürgerlichen Individualismus, als interessengeleiteter Egoismus, und Hausideologien der kapitalistisch organisierten Gesellschaften des Westens. Auf diesem Freiheitsbegriff fundierte politische Ökonomie führt zur Zerstörung der Gesellschaft und der Natur und bezüglich der Außenbeziehungen von Staaten zu Krieg.
Interessanter Artikel!
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