„Der Faschismus hat ideologisch und praktisch nur wenig neu erfunden, sehr viel hingegen übernommen und adaptiert.“ (Ishay Landa, 2022)
Leistungsprinzip und Privateigentum
Vor dem Industrieclub Düsseldorf am 27. 1. 1932 lobte Herr Hitler überschwänglich das individuelle Leistungsprinzip einzelner Unternehmer.
Welche politische Ordnung könne in Zeiten des politischen Aufruhrs den Fortbestand des Privateigentums garantieren? Der politische Liberalismus könne dies nicht. Er habe zu Chaos geführt.
„Dieses ganze Kulturgebäude ist in den Fundamenten und in allen Steinen nicht anderes als das Ergebnis der schöpferischen Fähigkeiten, der Leistungen, der Intelligenz, des Fleißes einzelner Menschen, in den größten Ergebnissen auch die Schlussleistung einzelner gottbegnadeter Genies.“ ( Hitler, zit. n. Max Domarus: Hitler: Reden und Proklamationen 1932-1945, Wiesbaden 1973, S.71)
Als Leser dieser Zeilen hat man gleichsam den aufbrausenden Applaus des Auditoriums im Ohr. Man hört auch den Geist eines Nietzsches, eines Spenglers oder Heideggers durch den Raum wabern.
Hitlers Rede 1 Jahr vor der „Machtergreifung“ gleicht einer Bewerbungsrede eines politischen Kämpfers für das Privateigentum. Dem Leistungsprinzip stünde, so Herr H., der „Gedanke der Gleichheit der Werte“ diametral entgegen. Was für das ganze Kulturgebäude gelte, dürfe durch den „Liberalismus der gleichen Werte“ nicht zerstört werden. Der Liberalismus habe auch den Gedanken der „Gleichheit der Werte“ auch wirtschaftlich zum System erhoben.
„Es ist ein Widersinn, wirtschaftlich das Leben auf dem Gedanken der Leistung, des Persönlichkeitswertes aufzubauen, politisch aber diese Autorität der Persönlichkeit zu leugnen und das Gesetz der größeren Zahl, die Demokratie, an dessen Stelle zu schieben.“ (S.73)
Für Hitler ist das, was der politischer Liberalismus propagiere, der Beginn des Kommunismus und des Marxismus.
Schon der liberale Großdenker David Hume (1711-1776) hat darauf hingewiesen, dass Eigentum nicht, wie John Locke (1632-1704) es tat, aus einer Verbindung des Arbeitenden mit dem Gegenstand seiner Arbeit erklärt werden könne; beziehungsweise daraus kein Prinzip abgeleitet werden könne, die ihm ein Recht verschaffe, diesen zu besitzen. Zu einem gleichen Ergebnis kommt Kant. Diese Art der Verbindung sei, so Hume, eine spezifische Art der „Besitzergreifung“. Die Geschichte habe gezeigt, dass Eigentum aus verschiedenen Arten von Besitzergreifung hervorgegangen sei (Krieg, Raub,Erbe,Vertrag etc.). Durch Arbeit verändere man nur die Form des Gegenstandes.
(Hume,, Traktat über die menschliche Vernunft, Buch III, 2. Abschnitt: Der Ursprung der Rechtsordnung und des Eigentums, Meiner Verlag 1978, S.238/239)
Die Beziehung zwischen Recht und Eigentum sei zudem eine recht „schwierige Frage“, die er, Hume, klügeren Köpfen anheim gebe. Wie über den Erwerb von Eigentum durch Besitzergreifung Rechtstitel entstünden, sei wahrscheinlich ein Ergebnis der „Einbildungskraft“, womit Hume das Eigentumsrecht als universales Recht in Frage stellt. Er vergaß, meiner Meinung nach, die „Einbildungskraft“ (oder die Ideologie) mächtiger Herrschaften hinzuzufügen.
Liberalismus und Faschismus sind dergleichen Auffassung: Eine Rechtsordnung habe das Privateigentum unter allen Bedingungen zu gewährleisten. Auch diktatorisch.
Eine „private“ (abgesonderte) Arbeit ist im Wortsinne eine seltene Tätigkeit, wie hoch man auch deren Leistung bewerten möchte. (Robinson Crusoe- Narrativ). In der Regel ist individuelle Arbeit ein Produkt der Kooperation, der Arbeitsteilung und der „Verbindung mit den Resultaten der gesellschaftlichen Herrschaft über die Naturkräfte.“ (Karl Marx, Mehrwert III, Bd.26/3, S.418) Individuelle Arbeit ist entweder Resultat gesellschaftlicher oder vergesellschaftet Arbeit. Zumal in Hochkulturen. „Der Pharao hat seine Pyramiden nicht gebaut.“
Die private Aneignung gesellschaftlicher resp. vergesellschafteter Arbeit konstituiert Privateigentum. Sie kann durch Sklaverei, Fronarbeit, Zwangsarbeit oder eben Lohnarbeit geschehen. Privateigentum ist geronnene politische Macht. In hochtechnologischen, arbeitsteiligen und global vernetzten Kulturen, in denen das Privatkapital konzentriert und zentralisiert ist und eine ungeheure Macht und Reichtum in wenigen Händen sich befindet, bilden Privateigentümer eine Klasse für sich, besonders dann, wenn ihr wirtschaftliches und politisches Privileg in Gefahr ist.
Der Liberale Thomas Malthus (1766-1834) schrieb:
„Der Pöbel (…) ist von allen Ungeheuern, welche die Freiheit bedrohen, das gefährlichste. (…) Wenn sich politische Unzufriedenheit mit dem Ruf nach Brot zugesellte, und eines vor Not jammernden Pöbels eine Revolution ausbräche, so würde die Folge endloser Wechsel und endlosen Gemetzel sein, dessen blutiger Siegeslauf nur die Errichtung einer absoluten Gewaltherrschaft aufhalten könne.“ (Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, Bd.2, Jena 1925, S.276; zit. nach Landa, Der Lehrling und sein Meister, Dietz Verlag 1022) Nicht nur einer der Klassiker liberaler Nationalökonomie, sondern auch herausragende Vertreter des Neoliberalismus kehren die Notwendigkeit der „Diktatur des Privatkapitals“ hervor.
Ich möchte nur zwei Beispiele zitieren:
„Es kann nicht geleugnet werden, dass der Faschismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von besten Absichten sind und dass ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faschismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben. (…) Doch der Faschismus war ein Notbehelf des Augenblicks; ihn als mehr anzusehen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum.“
Der Nationalökonom der Österreichischen Schule Ludwig Heinrich von Mises (1881-1973), Nestor des Neoliberalismus wie Friedrich von Hayek, fährt fort ( in vorausahnender Sicht!) :
„Dass die faschistischen Bewegungen sich dabei nicht so ganz von der Rücksichtnahme auf gewisse liberale Vorstellungen und Ideen … freizumachen verstehen wie etwa die russischen Bolschewiken, ist nur darauf zurückzuführen, dass sie doch unter Völkern wirken, bei denen man die Erinnerung an einige Jahrtausende Kulturentwicklung nicht mit einem Schlage ausrotten kann, und nicht unter den Barbarenvölkern zu beiden Seiten des Ural, deren Verhältnis zur menschlichen Zivilisation nie ein anderes gewesen ist als das von Wald- und Wüstenräubern…Dieser Unterschied bewirkt es, dass der Faschismus sich niemals in solcher Weise von der Macht der Ideen des Liberalismus zu befreien vermögen wird, wie es die Bolschewiken in Russland vermocht haben.“ (von Mises, 1927, zit. nach Landa,S.243)
Auf gleiche Weise rechtfertigt der neoliberale Nationalökonom Friedrich von Hayek (1899-1992) die Militärdiktatur des chilenischen Wirtschaftsliberalismus:
„Manchmal ist es für ein Land notwendig, für eine gewisse Zeit auf eine Form der diktatorische Macht zurückzugreifen. Wie Sie verstehen werden, ist es für einen Diktator möglich, liberal zu regieren. Und ebenso ist es für eine Demokratie möglich, ohne jeden Liberalismus zu regieren. Ich persönlich ziehe einen liberalen Diktator einer demokratischen Regierung ohne Liberalismus vor…“ (zit. nach Landa, 244)
Die faschistische Position des „autoritären Staates“ gleicht der des Wirtschaftsliberalismus mit der Ausnahme, dass Faschisten die Diktatur des Kapitals immer vertreten möchten und sich nicht als Übergangsfaktor sehen. Ihr Argument ist, dass der Staat nun selber ein finanzpolitischer und marktrelevanter Akteur des Privatkapitals geworden und Teil des kapitalistischen Kulturgebäudes geworden sei und die Elite der Nation benötige, daher seien sie die beste und adäquateste Lösung, politisch die Geschicke des Kapitalismus mitzulenken. Mit Hilfe ihrer nationalistischen „Volksgemeinschaftsideologie“ könne man die Anhänger der „Volksherrschaft“ machtvoll integrieren.
Ihre faktische Wirtschaftspolitik, sowohl der italienischen Faschisten wie der Nationalsozialisten, war eine Keynsianische Interventionspolitik. Wie der „New Deal“ Roosevelts setzte das NS-Regime diesen Keynianismus des „defizit spending“ antizyklischer Konjunkturpolitik in die Tat um, um die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen. Im Unterschied zum „New Deal“, der eine eingeschränkte demokratische Regulierung der Märkte, besonders des Finanzmarktes, vorsah, investierte das „III. Reich“ in den Militarismus, um eine zukünftige imperiale und koloniale Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion durchzuführen. Die Staatsinvestitionen in den „militärisch-industriellen Komplex“ haben die deutsche Schwerindustrie und Rüstungsindustrie sowie die monopolisierte Chemieindustrie auch in der Weise unterstützt, als die Nazis Gewerkschaften und Arbeiterparteien nicht nur verboten, sondern auch ihre Mitglieder verfolgt und ermordet haben. Blanker Rassismus war notwendiger Teil dieses Raubzuges, wie die Zitate der Liberalen von Mises und von Hayek auch bezeugen.
Der „ethische Staat“
An Otto Strasser gewandt, dem Führer des sog. „linken“ Flügels der NSDAP, sagte Hitler:
„Aber Euer Sozialismus ist offensichtlicher Marxismus. Die Masse der Arbeiter fordert nichts Anderes als Brot und Lustbarkeiten. Sie wird niemals verstehen, was ein Ideal ist…Was wir brauchen, ist die Auslese von Herrenmenschen, von Männern, die sich nicht wie Sie von der Moral und dem Mitleid leiten lassen. Diejenigen, die herrschen, müssen wissen, dass sie das Recht haben zu befehlen, weil sie zu einer auserlesenen Rasse gehören..“ (Max Domarus, a.a.O. S.71)
Wie sieht das faschistische Ideal aus?
Das faschistische Ideal liegt in der imperialen Größe der Nation. Das britische Empire, die spanische Kolonisierung Mittelamerikas wie die weiße Besiedlung Nordamerikas waren Hitlers Vorbild. Es liegt in der Eroberung und „Besitzergreifung“ fremden Territoriums, kolonialer Ressourcen und Ausbeutung fremder Völker durch nationales Kapitaleigentum. Die „Hochkultur“ Europas sei auf dieser Grundlage entstanden. Auch die Altmeister des Liberalismus waren dieser Meinung. Man lese nur Kant, Hegel, Locke, Pareto, Nietzsche, Spengler u.s.w, u.s.w, u.s.w.
Um eine solche Politik einer „Hochkultur“ bewerkstelligen zu können und die Interessen des Demos nach Frieden, Freiheit und Sicherheit in Kriegstauglichkeit umzuwandeln, braucht es Propaganda und Ethik.
Der Faschist Giovanni Gentile (1875-1944), Anhänger des „Neuidealismus“ , schrieb 1929, „dass der Staat die eigentliche Persönlichkeit des von nebensächlichen Unterschieden und abstrakten Sorgen partikularer Interessen befreiten Individuums ist. (…) Die individuellen Freiheiten, Rechte und Persönlichkeit des Menschen, die durch die Zugehörigkeit zum Geschäftsleben der Gemeinschaft zu dem gemacht wird, was er ist“ (zit. nach Landau a.a.O. S.102.), würden erst im und durch den Staat ins Leben gerufen. „Nationaler Wille“ und „nationale Identität“ seien die Bestandteile des „ethischen Staates“.
Diese begriffliche Verdrehung individueller Willensfreiheit zum allgemeinen und nationalstaatlichen Willen, die nach alter politphilosophischer Auffassung den Staat nicht als Institution sondern als allgemeine, ethische begründete Person begreift, vollzieht auch Hitler:
Nicht die individuelle Freiheit sei ein „Zeichen einer besonderen hohen Kulturstufe, sondern die Beschränkung durch eine möglichst viele gleichrassige Individuen umfassende Organisation… Gemeinschaft lasse sich eben nur durch Gewalt schaffen.“ (zit. nach: Henry Pickler, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, München 2003, S.233).
Der „bürgerliche Staat“, eine institutionelle Rechtsordnung, in der individuelle wirtschaftliche Freiheiten politisch durch freien Willen einzelner – so die bürgerliche Rechtsphilosophie – und Vertrag festgeschrieben sind, ist das, was Karl Marx materialistisch als „Agentur der Bourgeoisie“ genannt hat. Dieser Staat ist ein „ethischer Staat“, weil er bürgerliche Werte verteidigt, die der Vernunft und der Natur des Menschen entspreche. In diesem ethischen Universalismus liegt die Aggressivität bürgerlicher Staaten und europäischer christlich-bürgerlicher Kulturen begründet, wie man in der Geschichte des europäischen und angelsächsischen Bürgertums bis heute nachlesen kann.
Der faschistische Staat ist die brutalste und gewaltsamste Form der Herrschaft kapitalistischer Privateigentümer.