Liberalismus, Sozialismus und Faschismus

Der Ideenhistoriker Ishay Landa (Der Lehrling und sein Meister, liberale Tradition und Faschismus, Dietz Verlag 2022) vertritt die Hypothese„dass der Faschismus möglich wurde, weil der Liberalismus in seiner klassischen Form nicht in der Lage war, mit den Herausforderungen (…) einer Massengesellschaft fertigzuwerden.“ Er „rief Kräfte (…), die er in der Folge nicht kontrollieren konnte, nämlich … die moderne  Arbeiterschaft, die ihre Rolle als bloße Werkzeuge im Produktionsprozess“ nicht akzeptieren konnte. (20)

Folgende Nachfragen stellen sich mir: Warum wollte erst die „moderne Arbeiterschaft“ ihre Rolle nicht mehr akzeptieren? Haben diese Rolle  die englischen Levellers im 17. Jahrhunderts und französischen Sansculotten im 18.Jahrhunderts unter der Herrschaft liberal denkender englischer und französischer Staatsmänner  akzeptieren wollen? Hat  nicht auch das liberale Bürgertum diktatorisch regiert in Zeiten ursprünglicher Akkumulation des Kapitals? Worin unterschied sich die „moderne“ von der traditionellen Arbeiterschaft? 

 Die „moderne“  Arbeiterschaft unterschied sich von der traditionellen in mehrfacher Hinsicht. Sie war seit Beginn des 19. Jahrhunderts Teil der industriellen Fabrikation im großen Maßstab und nicht mehr nur im Verlagswesen oder  in der Manufaktur  oder im Handwerk tätig. Entscheidend aber war, dass die Arbeit durch das Fabrikwesen weiterhin vergesellschaftet wurde und als Lohnarbeit über einen Arbeitsmarkt organisiert worden ist, sodass die Mehrheit der Bevölkerung in die Marktgesellschaft und somit in ein Vertragsverhältnis   eingebunden worden war. Das Ideengebäude des klassischen Liberalismus der Englischen Schule war eng verbunden mit der einfachen Warenzirkulation der Marktgesellschaft. In diesem Modell des klassischen Liberalismus spielten die Arbeiter keine Rolle. Sie waren der ursprünglichen Akkumulation der kapitalistischen Produktion ausgeliefert und wurden ausgebeutet. Der klassische Liberalismus richtete sich ökonomisch und politisch gegen ein Ancien Regime aristokratischer Herrschaft und ökonomisch gegen eine Jahrhunderte lang herrschende Husbandry (Hauswirtschaft) agrarischer Produktions- und Verteilungsweise, in der der Markt nur „eingebettet“  war. (Polanyi) Er war von europäischen Philosophen  und                               Kapitaleigentümer ausgedacht und argumentativ rational begründet worden, um die ökonomischen und politischen Interessen des Privateigentums   als ein menschlich universales Freiheitspostulat zu legitimieren. Das liberale Konzept ist nicht nur eng verbunden mit der entstandenen Markt- und Geldwirtschaft, sondern geht vom Standpunkt des Einzelnen aus: der einzelnen Person als juristisches Individuum. Die Person wird als geistiges Wesen (!) und Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs (Ich-Philosophie der europäischen Aufklärung) und Träger von Rechten und Pflichten im Gefüge rechtlicher und staatlicher Ordnung begriffen. Als Person könne der Einzelne (entsprechend seiner Leistungen) politisch frei seine Interessen und Bedürfnisse zur Geltung bringen. 

Die Disparität von Konzept und historischer Realität ist offensichtlich. 

Sie kennzeichnet den Liberalismus, den wirtschaftlichen und politischen von Anbeginn. Schon mit seiner Entstehung Mitte des 17. Jahrhunderts meinte die liberale politische Philosophie den Bourgeois. Er ist nicht nur der Vertreter der neuen Wirtschaftsweise, sondern auch einer neuen Zivilisation, einer „bürgerlichen Gesellschaft“. In dieser „bürgerlichen Gesellschaft“ beanspruchen die einzelnen Privateigentümer politische Herrschaft im Parlament als Gesetzgebungsinstitution.

Seit Beginn des Handelskapitalismus versuchte das Privateigentum stets Zugriff auf den Staat zu haben – sei es auf die Krone, sei es auf die parlamentarische Demokratie, sei es auf faschistische Diktatur.

Zwischen personaler Freiheitsidee und gesellschaftlicher Realität einer „bürgerlichen“ Gesellschaft besteht eine  strukturelle Disparität. Zwischen Eigentum und Kapitaleigentum liegt juristisch kein Unterschied, obwohl das durch Lohnarbeit und jenes durch Kapitaleinsatz erworbene Eigentum ökonomisch, machtpolitisch und gesellschaftlich ein riesengroßer ist. Über Lohnarbeit wird gesellschaftlich organisierte Arbeit privat angeeignet

Ein auf individuelles und universales Freiheitsrecht basierendes Rechtssystem legitimiert nicht nur, sondern schützt politisch das Privateigentum respektive das Kapitaleigentum durch den Staat.

Der Liberalismus ist eine Ideologie der Privateigentümer und propagiert das private Leistungsprinzip sowie die Moral der Eigenverantwortung. Die durch dieses Rechtssystem geschützte Gesellschaft kennzeichnet folgende strukturelle Merkmale: Lohnarbeit versus Kapital; gesellschaftliche Produktion und private Aneignung;  Eigentum versus Privateigentum; Einkommen versus Profit; Kooperation versus Konkurrenz;  Frieden versus Krieg. 

Faschistische Ideologie hat das Privateigentum und Kapitaleigentum nie in Frage gestellt, soweit sie – wie Hitler bemerkte – auf Leistung beruhen. (Unterscheidung „schaffendes Kapital“ versus „raffendes Kapital“) Hitler vor Industriellen 1932: „Das wirtschaftliche System lebt in gigantischen Organisationen – ja es hat heute bereits ein Riesengebiet staatlich erfasst.“ (zit. nach Landa, S.87) In Zeiten tiefgreifender Krisen in der bürgerlichen Gesellschaft, in der diese Merkmale zu gesellschaftlichen Konflikten und Krisen ausarten, bietet die faschistische Ideologie ein Programm einernationalen Volksgemeinschaft“ oder einer „supranationalen Volksgemeinschaft oder Kultur“   an. 

Vordenker einer solchen supranationalen Volksgemeinschaft ist Oswald Spengler. Er spricht vom „nordischen Menschenschlag“ , von „Raubtieren, deren Seelenkraft nach der Unmöglichkeit ringt, die Übermacht des Denkens, des organisierten künstlerischen Lebens, über das Blut zu brechen und in ein Dienen zu verwandeln, und das Schicksal der freien Persönlichkeit zum Sinn der Welt zu erheben. Ein Wille zur Macht, der alle Grenzen von Zeit und Raum spottet, der das Grenzenlose, das Unendliche zum eigentlichen Ziel hat, unterwirft sich alle Erdteile, umfasst zuletzt den Erdball mit den Formen seines Verkehrs und seines Nachrichtenwesens und verwandelt ihn durch Gewalt seiner Energie und die Ungeheuerlichkeit seiner technischen Verfahren.“ (Spengler, Der Mensch und die Technik, Verlag Wien/Leipzig 2006, S.55-56) Nicht nur seit der metaphysischen Anthropologie Immanuel Kants, in der der Liberalismus einen „kulturellen Rassismus“ vorgestellt hat und den planenden Europäer als Inbegriff des Menschseins vorgestellt hat, der die menschliche Zivilisation auf die höchste Stufe der Vernunft gebracht habe, so vertritt auch Spengler einen Rassismus, der sich vom kulturellen Rassismus durch einen völkischen Einschlag unterscheidet. 

Neben der völkischen Ideologie vertritt der Faschismus eine elitäre Ideologie der politischen Herrschaft. 

 Zuerst möchte ich den liberalen und faschistischen Nationenbegriff miteinander vergleichen. 

Faschismus begreift den Nationalstaat als eine kulturelle Einheit gleicher Abstammung.

Nation ist hier völkische Identität. Sie schließt Ressentiment, Rassismus und  Xenophobie logisch mit ein. Als geschlossene Gemeinschaft „bildet“ das „Volk“, die Volksgemeinschaft, einen Staat. Dieser gründet auf gemeinsamen Wertvorstellungen, auf Tradition, gemeinsamer Geschichte und Sprache. Die reale Geschichte von Völkern wird irrational verschleiert zum Narrativ, zu einer Projektion ursächlicher Gemeinsamkeiten. Sie ist eher ein von unterschiedlichen Interessen und sozialen Gegensätzen wie verschiedenen Produktions- und Verkehrsweisen absehende Narration. Diese mystischen Narrative  ( von Blut und Boden, ursprünglichem Leben)  legitimieren gleichsam eine säkulare Religion  faschistischer Politik. Faschistische Riten, Fackelmärsche und Großdemonstrationen erinnern daran. Eine Politik, die stets eine sozial ausschließende ist, die Andersdenkende diffamiert und verfolgt und Klassenunterschiede „verdecken“ will und reale politische Unfreiheit bedeutet.   

Herbert Marcuse hat 1934 in seinem Aufsatz „Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“ einige ideologische Elemente einer die reale Geschichte „verdeckenden“ Ideologie des Faschismus beschrieben. Gegen den „Rationalismus“ wie gegen den „Empirismus“ der Aufklärung gewendet, deren Erkenntnisinteresse aus der Perspektive des Ichs (Ich-Philosophie) heraus definiert wurde und die unterschiedliche Ideologien des Liberalismus entwarfen, heben faschistische Ideologien und Weltanschauungen das Heroische im Menschen wie des Volkes hervor. Die Menschen seien gesegnet durch ihre allmächtige Tatkraft, ihren Mut und ihre schicksalhafte Vorsehung. Eine Idealisierung des Menschen auf einer irrationalen Metaebene. Vorboten solcher charismatischen Führer oder „Herrenmenschen“ tauchen in den Werken deutscher Intellektueller schon während des 19. Jahrhunderts auf ( bei Stirner, Nietzsche, Spengler u.a.). Die Genese einer gewissen Urkraft dieser Völker oder Heroen wird bei den Wikingern oder Germanen und ihrer vorgestellten Geschichte oder bei den iranischen Ariern vermutet, aus dem Boden und dem Blute vergangener Generationen gezogen. Ein solcher „Menschenschlag“ (Spengler) , aus (Nord) Europa kommend, habe die Welt erobert durch Planung, Technik und Krieg.  Entlehnt wurden diese Mythen aus dem vielfältigen Mythenschatz agrarischer Gesellschaften und Herrschaften.   Während der monarchische Staat aristokratischer Herrschaft  ideologisch durch die Gnade Gottes „vererbt“ wurde, ist das „III.Reich“ eine Replik unter bürgerlicher Führung. Dieses Reich hat sich zurecht nicht Republik genannt, obwohl seine Staatsform eine Republik und seine Regierungsform  eine Diktatur des charismatischen Führers eines Herrenvolkes war.   

Der liberale Staat ist eine abstrakte Rechtskonstruktion – ein „politischer Staat“ (Marx) oder eine „politische Nation“, die durch einen Vertrag gegründet worden ist (Nationalversammlung oder Verfassung). David Hume hat dieser Ideenkonstruktion eine empirische Absage erteilt. Staaten seien zumeist durch Gewalt und Raub errichtet worden.

Demgegenüber ist der faschistische Staat eine „schicksalshafte Erhebung  und Machtergreifung“ des Volkes, um die Herrschaft und Macht der Volksgemeinschaft politische zu zentralisieren und zu konzentrieren. Faschistische Macht hebt die gegenseitige Kontrolle der Staatsgewalten auf. Es gilt der Primat der Exekutive.  

 Die Staatsbürgerschaft wird in der liberalen Theorie durch ein Gesetz festgelegt. Der Staatsbürger ist eine Rechtsfigur und unterscheidet sich vom Bürger im sozialen Sinne. (Unterscheidung citoyen und bourgeois). 

In der faschistischen Ideologie ist die Staatsbürgerschaft von Geburt an gegeben. Ein deutscher Staatsbürger kann z.B. nur ein Deutscher mit einem deutschen „Stammbaum“ sein. „Anartige“ (Kant), zum Beispiel farbige Menschen, oder Ethnien (Sinti und Roma) oder fremde Religionsgemeinschaften (Juden), die auf „deutschem Staatsgebiet“ leben, können keine Staatsbürger sein und erhalten keinen „Personen-Ausweis.“ Nicht nur faschistische Staaten sondern auch liberale Staaten (Rechtsstaaten) waren in diesem Sinne Apartheidsstaaten. Zu Beginn des liberalen Rechtsstaates hatten allein männliche Abgeordnete aus dem Bürgertum einen Personenstatus und damit ein Wahlrecht. Frauen, Arbeiter, Arme, Sklaven –  waren „Staatsgenossen“. Sie erbrachten der politischen Nation keine Steuern und keinen Wohlstand. Auch in dieser Frage der Staatsbürgerschaft ist der Übergang von liberaler Sicht zu faschistischem Gedankengut fließend.

Der Rassismus ist keine Erfindung des Faschismus. Er ist eine Ausgeburt liberaler Ideologie.

Zur Veranschaulichung empfehle ich die Lektüre John Locke`s, Adam Smith`s, J. Bentham`s, I. Kants oder Hegels u.a. Oft wird gesagt, dass dieser Rassismus damals, zur Zeit der europäischen Aufklärung, ein Fauxpas  gewesen sei. Nein, er ist rational begründet worden, als ein kultureller Rassismus. Der Typus des weißen europäische Mannes, der planende, wissende, zivilisierte, mündige und vernünftige Westeuropäer ( – US-Amerikaner ) sei das Ideal der Menschheit, des freien, selbstbestimmenden Menschen schlechthin.  Fremde seien „Wilde“ und lebten im  „Dschungel“ ( so Herr Borell, heute Außenbeauftragter der EU ). Der faschistische Rassismus hingegen ist ein ethnisch – völkischer Herrenmenschen- Rassismus  (Herrenmensch-Untermensch), der sich zum Teil mit dem biologischen Rassismus mischt. Fremde sind wie „Tiere“, sind „Bestien“ und „Wilde“, ohne Zivilisation oder mit anderen unmenschlichen Titulierungen gebrandmarkt. Solche Titulierungen finden sich heute wieder in der Propaganda westlicher, israelischer und ukrainischer Verlautbarungen. 

Eine „Umwertung“ (Nietzsche) und Umdeutung von Werten  kennzeichnet nicht nur die faschistische Ideologie. So werden kollektive Zusammenschlüsse, wie sie mit dem Begriff Gesellschaft ausdrückt werden, zu Gemeinschaften mit gemeinschaftlichen Moralen. Werte bestimmen und halten Gemeinschaften zusammen. Eine allein auf Werten basierende Politik verschleiert die Realität und ist ein Einfallstor faschistischer Politik. Gesellschaften haben unterschiedliche Interessen und verschiede normative Moralvorstellungen. Ihre politischen Meinungen können in liberal demokratischen Gesellschaften und Staaten frei geäußert werden, ohne Ausnahme, denn Meinungsfreiheit ist – im liberalen Rechtssinne – ein universales Freiheitsrecht. ( In diesem Sinne ist das „Demokratieförderungsgesetz“ (!) ein höchst fragwürdiges Gesetz. Was ist z.B. eine „Hassrede“? )   Die Ersetzung des Begriffs Gesellschaft durch den der Gemeinschaft sowie den des Interesses durch die ausschließliche Verwendung von Werten verändert nicht nur den Demokratiebegriff zu  einer Wertgemeinschaft,  sondern unterminiert Demokratie als politische Form der Durchsetzung von Interessen der Mehrheit des Volkes, denn Werturteile des Guten oder die Durchsetzung moralischer Prinzipien werden zum Primat der Politik. Darin liegt der Grund eines „cancel culture“. Ein Eingangstor zu faschistischer Politik und die Verlagerung der Interessenkonflikte in einen ideologischen Kampf, der jeglichen Realitätsbezug leugnet und Propaganda erzeugt. In dieser neuen Sprache, in der ein Militärbündnis als „Wertgemeinschaft“ figuriert und Außenpolitik als „feministische“ Außenpolitik bezeichnet wird, liegen die ideologischen Kontaktlinien zwischen Liberalismus und Faschismus.   Während der auf Empirie beruhende Liberalismus der klassischen Politökonomie durchaus von Interessen der bürgerlichen Marktakteure spricht  und zwischen ökonomischem und moralischem Wert zu unterscheiden weiß, so verdeckt schon der politische Liberalismus der Aufklärung diesen Unterschied, indem er das notwendige ökonomische Handeln im Rahmen der Marktwirtschaft als „eigentliches“ menschliches Handeln moralisch und ethisch universell sanktioniert.  

Faschismus ist eine Identitätsideologie.

Sie verschränkt individuelles Interesse mit nationalem Interesse, individuelle Werte mit völkisch-kulturellen Werten. Politische Freiheit mit völkischer-nationaler Freiheit. Er kennt keinen Unterschied zwischen Einzelheit und Allgemeinheit. Und daher ist Kritik ein Feind, andere Menschen  Untermenschen, Demokratie sein Tod.  Krieg sein Friede: „Frieden schaffen mit Waffen!“  Die Formierung sein Ziel. 

Der Demos verachtet den Krieg, wenn er im Interesse einer Elite geführt wird, denn der Krieg zerstört politische Freiheit,  den Wohlstand und bringt den Tod. Nur durch Angstmacherei vor dem Fremden, Andersartigem oder vor dem „Bösen“ kann der Demos „kriegstüchtig“ gemacht werden. Demokratische Gesellschaften suchen Kooperation, Diplomatie   und Verträge (!). Die Ablehnung von Diplomatie, Verträgen, die nicht beiderseitige Staatsinteressen berücksichtigen wollen, und Militarismus sind die Einfallstore eines wie auch immer bemäntelten Faschismus.   

In der sozialistischen Ideologie ist Freiheit nicht nur ein individuelles Rechtsprinzip (politische Freiheit) , sondern auch sozial emanzipatorisch gedacht.  Solidarität aufgrund gemeinsamer Interessen ist der Freiheit Losung.  Freiheit ist in der sozialistischen Ideologie nicht nur ein Rechtsbegriff , wie in der liberalen Rechtsphilosophie als individuelles Freiheitsrecht,  sondern auch ein sozial emanzipatorischer, der immer den Anderen miteinschließt. 

 Deutsche Faschisten haben ihre Partei „nationalsozialistisch“ genannt, im Sinne einer völkisch-nationalen Partei. Von Sozialismus war nie die Rede. Sozialisten und Kommunisten waren die ersten, die unter dem Nazi-Regime politisch verfolgt und getötet wurden. Ihre Parteien wurden verboten.  Unter „sozialistisch“ verstanden Faschisten  „gemeinschaftlich“. Wahrscheinlich haben deutsche Nazis diese Titulierung aus propagandistischen Gründen mit dem Ziel gewählt, politische Vorteile bei der Arbeiterschaft zu erzielen und die Klassenparteien der Arbeiterschaft zu schwächen. Es galt die durch Krieg, Inflation, Arbeitslosigkeit und Elend gebeutelte Arbeiterschaft  nach dem I.Weltkrieg von den Sozialisten abzuwerben und der Arbeiterschaft einen Sündenbock für ihr Elend im Inneren und Äußeren zu offerieren und zugleich von den Ursachen der Krisen abzulenken .  Ohne die Masse der Lohnabhängigen ist kein Krieg zu führen. 

Sozialisten verstanden unter Sozialismus eine Vergesellschaftung des Privatkapitals und eine Demokratisierung der Wirtschaft, die sowohl betrieblich als auch mit Hilfe staatlicher Gesetze, durch Wahlen legitimiert oder diktatorisch verordnet, durchgeführt werden sollte.( Rätedemokratie oder repräsentative Demokratie / Kommunisten oder Sozialdemokraten). Sie beabsichtigten die durch die Arbeiterschaft entstandenen Profite zu sozialisieren. Sozialismus bezieht sich weder auf eine Staatsform noch auf eine Regierungsform.    

Daher ist es ideologisch ein Unsinn von einer Korrelation von Faschismus und Sozialismus zu sprechen, wie es die Theorie des Totalitarismus getan hat. Diese Theorie entspringt aus dem Existentialismus (Hannah Arendt), der selbst ideologisch eine Affinität zum Faschismus hatte (Heidegger, Jaspers), indem der völkisch gebundene Einzelne seine Welt aus dem Ursprung seiner Existenz selbst zu schaffen glaubte. Ihr Zweck liegt darin, den engen Zusammenhang von Faschismus und Liberalismus zu verschleiern. Darin stimme ich Ishay Landa und Herbert Marcuse wie Adorno und Horkheimer zu (Dialektik der Aufklärung).          

                         Teil 2 : Faschistische Wirtschaftspolitik                 

                                   (folgt)

Empört Euch!

 

So lautet der Titel eines kleinen Büchleins des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stéphane Hessel im Jahre 2010. Dieser Satz ist heute noch aktueller als seinerzeit. 

Die Blutspur der Kriege der USA als westliche Führungsmacht ist unendlich lang. Alleine die USA haben nach 1945 50 Kriege und militärische Operationen als Angreifer geführt. 

Nach den legendären Worten des früheren sozialdemokratischen Verteidigungsministers Struck wurde die Freiheit der Bundesrepublik als treuer Vasall der USA auch am Hindukusch verteidigt. Zurück blieben unzählbare Tote und verwüstete Landstriche. Die Verteidigung der Freiheit am Hindukusch kostet auch heute noch Tote durch Hunger und zerstörte Infrastruktur, nicht nur in Afghanistan, ebenso in Libyen, im Jemen, in Syrien, dem Irak und auf den sonstigen Schlachtfeldern des werteorientierten Westens. 

Derzeit wird die Freiheit in der Ukraine, im Gaza-Streifen und am roten Meer verteidigt, demnächst im chinesischen Meer. Die deutsche Regierung hat sich aufgemacht, Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Dazu gehören klassische Kriegskonzepte, der Aufbau einer Kriegswirtschaft, die Militarisierung des Gesundheitswesens, Sozialabbau und Abbau des Bildungswesens. Milliarden werden in die Aufrüstung gesteckt. Die Bevölkerung soll dafür bluten. In den Kriegsgebieten im wörtlichen Sinne. Hier in Deutschland im materiellen Sinne durch die Vergrößerung der Armut.

Wenn es nach den Vorstellungen der Regierung geht, ist das Ende der Fahnenstange bei weitem noch nicht erreicht. Die USA ziehen sich aus der Finanzierung des Ukrainekrieges zurück, was nichts anderes bedeutet, als dass die astronomischen Kriegskosten zukünftig von Europa und allen voran von Deutschland zu bezahlen sind. Alleine schon dieser Umstand macht deutlich, dass der Sozialabbau erst begonnen hat. Die CDU hetzt gegen die Ärmsten der Bevölkerung gegen das ohnehin nicht ausreichende Existenzminimum in Form des Bürgergeldes. Die marode Infrastruktur in Schulen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen wird weiter dem Verfall preisgegeben. Und wofür? 

Für die Fortsetzung eines Krieges, in dem nicht die verantwortlichen Politiker an den Frontlinien verbluten, sondern junge Menschen, eine ganze Generation wird verheizt für den sogenannten notwendigen Sieg. Militärs und die Medien benannten die Kämpfe um Bahmut den „Fleischwolf im Donbass“. Keiner erwähnte dabei, dass dieser Ort nicht das erste Mal Gegenstand blutiger militärischer Verbrechen war, nämlich der Einsatzgruppen mit Hilfe der 17.Armee der deutschen Wehrmacht zwischen dem 9. Und 12. Januar 1942, die dort 3000 Juden barbarisch vernichteten. Alles schon vergessen?

Empört Euch!!

Immer dann, wenn eine Gesellschaft kriegstüchtig gemacht wird, muss sie formiert werden. Die Formierung erfolgt durch einen Abbau klassischer demokratischer Rechte. Das nennt sich dann Verteidigung der Demokratie durch Ausschluss abweichender Meinungen. Die Formierung läuft dann unter dem Motto: „Gemeinsamkeit der Demokraten“. Die Aufteilung der Gesellschaft in Gute und Böse soll eine pervertierte Einheitsfront schmieden. Hierzu sind die Gegner zunächst zu personalisieren und dann zu dämonisieren. 

Beispielhaft wurden Saddam Hussein, Muamar Ghaddafi oder Putin zu einem neuen Hitler erklärt, nur halt ohne Holocaust.  Die eigenen Ziele sind die moralisch überlegenen. 

Das jüngst abgehörten Gespräche der obersten Luftwaffenoffiziere macht den gesellschaftlichen Zustand dieses Landes besonders deutlich.  Die Veröffentlichung der Telefonmitschnitte wird zu einem Abhörskandal erklärt. Der Inhalt, nämlich die Vorbereitung einer weiteren Eskalation des Ukrainekrieges durch Deutschland und die Beteiligung deutscher Soldaten an diesem Krieg, spielen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. 

Die Eskalation zur Gefahr einer europäischen nuklearen Auseinandersetzung wird durch diese Regierung nicht nur in Kauf genommen, sondern angestrebt. Da sitzen erneut deutsche Generäle zusammen und diskutieren, wie deutsche Marschflugkörper mit deutscher Logistik auf russische Ziele abgefeuert werden können. Nicht das Bekanntwerden ist der Skandal, sondern die Inhalte des abgehörten Gesprächs. Die Besprechung über die deutsche Kriegsbeteiligung müsste dem letzten klargemacht haben, dass die Wahnsinnigen in Berlin tatsächlich nichts anderes als Eskalation im Sinn haben. Es erinnert mich an die Frage, die jedem in Deutschland noch in den Ohren klingen müsste: 

„Wollt ihr den totalen Krieg?“ Nein!! Auf gar keinen Fall – muss die Parole sein.

Empört Euch!!!

Im Orwellschen Sinne wird der Krieg zur Friedensbemühung deklariert. Demokratie mündet in ein „Demokratieförderungsgesetz“, mit dem die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung zum Schutz der Demokratie gefördert werden soll und abweichende Meinungen als demokratiefeindlich verfolgt werden sollen. 

Weshalb muss in Zeiten einer beklagten Kriegsmüdigkeit und zunehmenden Verschlechterung der sozialen Lage eines großen Teils der Bevölkerung die Regierung die Demokratie vor dem Volk schützen, das doch der Souverän sein soll?

Der Begriff des Antisemitismus wird in einen Auftrag zur Vernichtung der Palästinenser umgedeutet.

Der sozialdemokratische Bundeskanzler spielt an auf einen Satz Willy Brandts, der erklärte, Frieden sei nicht alles, aber ohne Frieden sei alles nichts und verkehrt diesen Satz auf der jüngsten Sicherheitskonferenz in München in den Satz „ohne Sicherheit sei alles nichts“. 

Hiergegen empören wir uns. 

Ich war nie ein Sozialdemokrat, ich würde mir heute allerdings einen Sozialdemokraten wünschen, der wie Willy Brandt ausführte: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“ Stattdessen müssen wir Kriegshetze hören, wie, „wir müssen den Krieg nach Russland tragen“, ohne dass ein Sturm der Empörung losbricht.

Deutschland hat nicht nur den Völkermord an den Herero und Nama, den industriellen Völkermord an den Juden zu verantworten. Nein, jetzt beteiligt sich Deutschland zum dritten Mal an einem  Genozid, dieses Mal  gegen die Palästinenser. 

Weshalb ist ein Diskurs darüber, dass Deutschland sich sogar vor dem Internationalen Gerichtshof wegen der Beihilfe zum Genozid verantworten muss, in der Öffentlichkeit kein Thema?

Empört Euch!!!

Stephane Hessel forderte in seinem schmalen Büchlein zu gewaltloser Revolte und Widerstand auf. Auch wenn die komplexen gesellschaftlichen Strukturen keine einfachen Erklärungen erlauben, so sei nach seiner Meinung das schlimmste, was man der Welt und den Menschen antun könne, die Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Verhältnissen.  

Die von der Ampel organisierten Demonstrationen gegen rechts hatten zum Motto: „Nie wieder ist jetzt.“ Der ursprüngliche Slogan lautete jedoch nicht nur verkürzt „Nie wieder Faschismus.“ In diesem Sinne wurde der Satz bereits vom früheren olivgrünen Außenminister  Joschka Fischer missbraucht, der,  wie jeder Krieger den Krieg gegen Jugoslawien 1999 mit einer Lüge begründete, der Hufeisenlüge, und uns seine Lüge mit der Werteorientierung vermittelte: „Nie wieder Ausschwitz.“  Demagogischer und abstoßender konnte eine Kriegslüge kaum begründet werden. 

Der Slogan lautete vollständig: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus.“ Deshalb stehen wir heute hier. In diesem Sinne ist nie wieder: jetzt.

Wir schreien heute zurück: wir wollen weder den totalen Krieg, noch Krieg überhaupt. 

Nieder mit den Waffen, 

sofortiger Waffenstillstand, 

Stopp der Waffenlieferungen in die Ukraine oder nach Israel

Frieden statt Kriegstreiberei

Nachtrag zur Marxens Geldtheorie

              Teil 2

Aus dem Geldverleih allein entsteht kein „Zins tragendes Geldkapital“ (Marx) . Im Falle des Girokontos z.B. wird Geld in einer Geschäftsbank hinterlegt und dort verwahrt und verwaltet, um den Zahlungsverkehr zu regeln. Für diese Dienstleistung erhebt die Bank eine Gebühr und weder der Kontoinhaber noch die Bank ziehen aus diesem Geldverleih einen Zins. Die Bank fungiert als Kasse.

Geschäftsbanken geben auch Geldkredite. Der Kreditnehmer kann mit diesem Geldkredit entweder den Privatkonsum oder seine Geschäfte finanzieren. Im ersten Fall erzielt der Kreditgeber vom Kreditnehmer einen Zins. Der Kreditnehmer verwendet den Kredit auf dem Güterwarenmarkt. Mit dem Kauf der Ware geht der Geldkredit in die Geldzirkulation des Güterwarenmarktes ein.

Wird der Kredit zur Geschäftszwecken verwendet, so trägt der investierte Geldkredit in den Verwertungsprozess des Kapitals ein. Der Geldverleih, so Marx, „ist überhaupt kein Akt des wirklichen Kreislaufprozesses des Kapitals, sondern leitet nur diesen durch den industriellen Kapitalisten zu bewirkenden Kreislauf ein.“ (Marx, Das Kapital Band II, S.324) Dort wird die Investition verwertet. „Das Geldkapital, das der Geldkapitalist nicht in seinem eigenen Geschäft anwenden kann, wird von anderen angewendet, von denen er Zins erhält.“ (333) Für den Kreditgeber ist es Kapital geworden durch die Weggabe an den Kreditnehmer. „Der wirkliche Rückfluss des Kapitals aus dem Produktions- und Zirkulationsprozess findet nur für B statt.“ (360)

Da Investitionskredite nicht aus den Einlagen der Geschäftsbanken vergeben werden, „schaffen“ Banken neues oder frisches Geld, das nicht aus der im Umlauf befindlichen Geldmenge entnommen wird. Diese Kreditart nennt Marx Kreditgeld, das aus dem „Nichts“ entstanden ist. (Fiat money, Geld ohne oder mit geringem Substanzwert) Kreditgeld ist der Motor der kapitalistischen Geldmaschine. Der Geldkredit das Öl des Güterwarenmarktes. Das Kreditgeld durchläuft zwei voneinander getrennte Zirkulationen. Es kann in der Produktion verwendet werden oder es wird gegen Wertpapiere oder Eigentumstitel getauscht.

Im ersten Falle kauft (oder mietet) der Kreditnehmer Produktionsmittel, Maschinen, Energie, Arbeitsplatz, Rohstoffe etc. Diese Produktionsfaktoren nennt Marx „konstantes Kapital“ (c), weil sie keinen zusätzlichen Wert schaffen. Diese Materialien sind unter der Annahme des Äquivalenzprinzips getauscht worden. Ungleiche Tauschverhältnisse, wie sie zur Zeit des Handelskapitalismus und Kolonialismus im Fernhandel existierten, schließt das Modell äquivalenter Zirkulation auf Märkten aus. Die Kosten für diese Ausgaben gehen in den Produktpreis mit ein. Mit dem Kreditgeld kauft er auch Arbeitskraft. Die von dem Industriekapitalisten in der Produktion verwendete menschliche Arbeitskraft nennt Marx „variables“ Kapital (v), da sie dem Produkt und spätere Ware zusätzlichen Wert (m) zusetzt. Die Zirkulation dieser Form des „zinstragenden Kapitals“ beschreibt Marx wie folgt: G(c+v+m)-G`. Das Kreditgeld fließt an den Kreditgeber zurück: G-G`

Die zweite Zirkulation des zinstragenden Kapitals ist die Zirkulation des Finanzkapitals. Das Kreditgeld wird in Wertpapiere oder Eigentumstitel investiert, die als Waren einen Preis haben. Dieser Mark heißt Finanzmarkt. Dieses Kapital nennt Marx „fiktives“ oder „illusorisches“ Kapital. Es ist kapitalintensiv im Sinne schneller Verwertbarkeit durch Kauf und Verkauf und geringer Herstellungskosten. Es hat keine Lagerungskosten. Es ist Kapital in seiner idealen Form. Es ist hoch risikoreich, weil spekulativer als die Investitionen in die materielle Realindustrie. Finanzmärkte sind eine Wette auf die Zukunft unter Ausschaltung materieller Produktionsprozesse. Die Form der Zirkulation des „zinstragenden Geldkapitals“ lautet: G-G`

Das „finanzialisierte“ Kreditgeld hat aufgrund der Geldschöpfung der Geschäftsbanken eine exponentielle Ausweitung der Geldmenge und demzufolge der Verschuldung zur Folge. So haben z.B. britische Geschäftsbanken der Londoner City 2010 97,4% der in Umlauf befindlichen Geldmenge erzeugt. Während die Zentralbank Englands nur 2,6% in Form von Bargeld dazu beigetragen hat. Von 1998-2007 hat sich die Kreditmenge um 1,2 Billionen Pfund vergrößert, das Bargeld nur um 18 Millionen Pfund. Das Bankvermögen war 1980 global 20mal größer als das der globalen Wirtschaft – 2006 75mal größer.

„Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditwesens scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital unter verschiedenen Formen erscheint.“ (Marx, Kapital Band III, S.488). Die Wertpapierduplikate werden wiederum als Waren gehandelt und zirkulieren selbst als Kapitalwerte. „Sie sind illusorisch und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.“ (III, 494) Der Güterwarenmarkt und der Finanzmarkt haben zwei unterschiedliche Zirkulationen. Die Märkte sind aber trotzdem miteinander verbunden. Je größer die Menge des Kreditgeldes um so mehr steht die so genannte Realwirtschaft unter dem Zwang der „Finanzialisierung“. Durch die immense Ausweitung des Kreditgeldes entwickeln sich auf beiden Märkten unterschiedliche Inflationen zu verschiedenen Zeiten. Auf den Finanzmärkten können sich Spekulationsblasen bilden, die zu Stockungen des Zuflusses von Kreditgeld führen und zu Zusammenbrüchen von Banken, so dass davon die Realwirtschaft betroffen wird. Finanzmärkte sind grundsätzlich instabil. Sie werden mehr von Emotionen angetrieben als jene Investitionen, die in die Realwirtschaft fließen.

Michael Hudson hat das Finanzkapital neben der Grundrente als „Wucherkapital“ bezeichnet, weil es Einkommen aus unproduktiver Arbeit generiert. Zins- und Tilgungszahlungen müssen aus anderen Einkommensbereichen der Schuldner bezahlt werden. Hudson nennt dies eine „räuberische“ Kreditvergabe. Nach Marx ist das Wucherkapital Kapital, das der Arbeit „nicht als industrielles Kapital gegenüber tritt.“ (II. 609) Marx schreibt: “ Was das zinstragende Kapital vom Wucherkapital unterscheidet ist in keiner Weise die Natur oder der Charakter dieses Kapital. Es sind nur die veränderten Bedingungen, unter denen es fungiert, und daher auch die total verwandelte Gestalt des Bürgers, der dem Geld Verleiher gegenübersteht.“ (Marx Kapital Band III,614) „Der Kredit, als ebenfalls gesellschaftliche Form des Reichtums, verdrängt das Geld und usurpiert seine Stelle. Es ist das Vertrauen in den gesellschaftlichen Charakter der Produktion, welche die Geldform der Produkte als etwas nur Verschwindendes und Ideales, als bloße Vorstellung erscheinen lässt. Aber sobald der Kredit erschüttert wird – und diese Phase tritt immer notwendig ein im Zyklus der modernen Industrie – soll nun aller Reichtum wirklich und plötzlich in Geld verwandelt werden.“ (Marx, III. Dietz Verlag, S.588)

Joseph Vogl schreibt: „Die Kreditzirkulation basiert auf dem Paradoxon eines sich selbst garantierten Geldes und erweist sich als Schauplatz effektiver Funktionen oder ‚Dichtungen‘, auf dem Umlauf des Scheinbaren tatsächlich zur Determinante ökonomischer Relationen gerät.“ (Vogl, Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Verlag 2010/2011, S. 81) Das ‚Gespenst des Finanzkapitals‘ erweist sich als Abkehr von gesellschaftlicher Realität, als Realitätsverlust. Eine politische Ordnung erzeugt und die sie praktisch vertretenden Politiker vertreten zwangsläufig Hybris und Hypokrisie.

Die Marxsche Geldtheorie

Marx hat von September bis November 1857 in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie „nur in ganz kurzen Umrissen“ seine Geldtheorie auf 113 Seiten plus Anhang im Kapitel vom Geld dargestellt, bevor er seinen Hauptgegenstand im >Kapitel vom Kapital< (von S. 151 bis 763) behandelt. Die Arbeit, um die es in den Grundrissen gehe, „ist die Kritik der ökonomischen Kategorien,“ wie sie die bürgerliche Ökonomie seiner Zeit darstellte. Und diese Kategorien sind eben Geld, Ware und Kapital. Eine wesentliche Kategorie, die in seinem Hauptwerk eine zentrale Rolle spielt, die Arbeit, findet in den Grundrissen noch kein eigenes Kapitel. „Hätte ich Zeit, Ruhe und Mittel, das Ganze auszuarbeiten, ehe ich es dem Publikum übergäbe, so würde ich es sehr kondensieren…So aber – vielleicht besser für das Verständnis des Publikums, sicher aber zum Schaden der Form – in aufeinanderfolgenden Heften gedruckt, zieht sich die Sache notwendig etwas in die Breite.“ (Brief Marx an Lassalle vom 22.11.1858, nachzulesen im Lassalle Nachlass, S.116, 117)

Aus diesen Zeilen wird schon Marxens Unbehagen deutlich, denn das Kapitel vom Geld ist sprachlich, strukturell und methodisch nicht einfach und macht dem heutigen Leser Schwierigkeiten, es zu verstehen. Daher versuche ich meine Darstellung der Marxschen Geldtheorie so zu ordnen, dass ich das Referierte mit Zitaten aus dem Kapitel vom Geld belege und in herausgehobener Form mein Urteil über das Gesagte abgebe. Ich stelle die Marxsche Geldlehre unter den Aspekten a.) der historischen Prozesse der Herausbildung des Geldes, b.) seiner Funktionen und c.) seiner Arten dar.

Geld und Waren sind die Elemente des Tausches und des Handels. Marx untersucht die jeweiligen Positionen, die Elemente in ihrem Verhältnis zueinander einnehmen, und die Funktionen des Geldes im Verhältnis zur Ware. Dabei unterscheidet Marx fünf Positionen des Geldes zur Ware:

1. den Tauschhandel W-G-W ; 2. Den Handel W-G-G-W ; 3. Das Handelskapital G-W-W-G ́ (Kaufmannskapital) ; 4. Das Geldkapital G – W (v+ c) – W ́(v+ c + m ) – G ́ ; 5. Das Zins tragende Kapital G-G ́. In diesen Phasen, denen auch historisch ökonomische Formationen zugesprochen werden können, übernimmt das Geld zunehmend verschieden Funktionen. Es ist 1. Tauschmittel, 2. Maß der (Tausch)Werte der Waren, 3. Zirkulationsmittel, 4. Preissetzung, 5. Zahlungsmittel, 6. Kreditmittel und 7. Weltgeld. Doch die Funktionen des Geldes geben uns noch keine Definition oder Bestimmung, was Geld ist. Schon hier kann verraten werden, dass Geld nach Marx mehrere Bestimmungen hat.

Das Geld entwickelt sich aus den Anfängen des Tausches von Gütern. Darin folgt Marx Aristoteles. ( Nach Aristoteles gehört der naturgemäße Tauschhandel (metabletike) zur natürlichen Erwerbskunst ( ktetike ) so wie die Hauswirtschaft (ökonomia). Aus dem Tauschhandel, der erst in der erweiterten Gemeinschaft (koinonia) zu finden ist, entwickelt sich zwangsläufig die künstliche Erwerbskunst (chrematistike), die das Geld einführt und dann die Handelsgeschäfte (kapelike). ) Dieser zufällige und unregelmäßige Tausch von Gütern benötigt auf kurze Sicht kein vergleichendes Maß, sondern wird bestimmt durch das Bedürfnis oder die Notlage, ein solches Arbeitsprodukt gegen ein anderes zu tauschen. Diesem Tausch liegt keine gesellschaftliche Arbeitsteilung zugrunde. In Stammesgesellschaften, sofern sie nicht an ihren Territorialgrenzen ihre Arbeitsprodukte mit fremden Stammesgesellschaften austauschen, und in selbst erzeugenden Hauswirtschaften ist Geld nicht notwendig, da andere Verteilungsmechanismen stattfinden. Wenn man Waren als Güter definiert, die regelmäßig ausgetauscht und gehandelt werden, dann steht historisch am Anfang der Austausch oder der Tauschhandel W-G-W. Ökonomisch betrachtet, existiert in zufälligen Tauschaktionen von Gütern keine Ware und kein Geld. Auch im Tauschhandel, „wo überhaupt noch wenig ausgetauscht wird und noch wenig Waren in den Verkehr kommen“ (97), ist kein Geld nötig. Das Wertverhältnis zwischen den Gütern lasse sich durch ein einfaches quantitatives Verhältnis ausdrücken. „In dieser Form können wir überhaupt verfahren, wenn wir nur wenige Waren miteinander vergleichen, die gleichnamiges Maß haben; z.B. soviel Quarter Roggen, Gerste, Hafer für soviel Quarter Weizen.“ (97) Die Waren stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zueinander, das Marx Tauschwert nennt. Dieses vergleichbare Verhältnis ist quantitativer Art. Dieses quantitative Wertverhältnis muss ein gleichnamiges Maß besitzen, und dieses gleichnamige Maß muss die Eigenschaft haben, in aliquote Teile (untergeordnete Teile einer Einheit) untergliedert werden zu können. Diese Maßeinheit, womit die Waren wertmäßig verglichen werden können, stellt das Geld dar. Erst dann kann es ökonomisch als Tauschmittel angesehen werden. Äquivalenz hat also die Bestimmung quantitativer Vergleichbarkeit. Die Frage lautet, die noch später zu klären ist, worin besteht diese Vergleichbarkeit. Das Geld als Maßeinheit der Tauschwerte der Waren muss zudem die Eigenschaft besitzen, in aliquote Teile eingeteilt werden zu können, zumal wenn es zirkuliert. Die Edelmetallmünze erfüllt diese Eigenschaft. (Das Aes grave (schweres Kupfergeld) der Römer aus ihrer Vorzeit waren Münzen, die anfänglich so schwer waren, dass sie nicht für einen regelmäßigen Handel praktikabel waren, sodass sie später in einem reduzierten Münzfuß ausgebracht wurden, der in unterschiedlichen Pfundnormen in Latium, Kampanien, Apulien, Umbrien und Etrurien festgelegt wurde.)

Zuerst untersucht Marx das Wertverhältnis zwischen den verschiedenen Metallen (Kupfer, Silber und Gold) in der Geldgeschichte, soweit es die damalige Literatur preisgab, dann untersucht er die Funktion des Geldes als Maßeinheit der Tauschwerte der Waren in der Zirkulation. Marx untersucht im Kapitel vom Geld die Schwankungen des Wertverhältnisses zwischen den verschiedenen Metallen. Das Verhältnis sei abhängig von dem „relativen Zustand der Reinheit, worin sie sich befinden, und ihrer Lagerung.“(97) (Die Reinheit hat in der Geschichte des Münzgeldes eine entscheidende Bedeutung gehabt. Sie war Ausgangspunkt vieler Klagen und Betrügereien nicht nur von Privatpersonen, sondern mit verheerenden Folgen auch für Staaten, die sich durch Kriege verschuldet hatten und durch einen reduzierten Reinheitsgehalt diese Schulden zu minimieren gedachten. Die Reduzierung des Reinheitsgehaltes war der sichtbare und überprüfbare Ausdruck einer Geldentwertung oder Inflation. Daher gehörte die Waage zu den wichtigsten Arbeitsmitteln der damaligen „Bankleute“, die ihre Waagen auf Bänke positionierten). Auch die Edelmetallvorräte und ihre Abbaumöglichkeiten bestimmten, so Marx, das Wertverhältnis der Edelmetalle zueinander. Das quantitative Verhältnis ihres gegenseitigen Austausches, also das Verhältnis von Angebot und Zufuhr, habe ihr Wertverhältnis bestimmt. Marx referiert aus der historischen Literatur die Schwankungen der Wertverhältnisse zwischen den Metallen Gold und Silber. Herodot habe z.B. das Gold-Silber- Verhältnis als 13:1, der Code des Manou zwischen 1300 und 600 v.Chr. 2 1⁄2 zu 1; Humbold habe das Verhältnis 1811 für die Edelmetalle in Amerika 1 zu 46 geschätzt, und zwar noch vor der Entdeckung der Vorkommen in Kalifornien. Außerdem bestimmten, so Marx, auch die chemischen und ästhetischen Eigenschaften der Metalle das Wertverhältnis. So habe z.B. das Kupfer eine „schöne morgenrote Farbe; ziemliche Härte; erfordert sehr hohe Temperatur zum Schmelzen; … häufig mit Oxygen oder Schwefel verbunden…Findet sich aber auch oft, mehr als die andren Materiale, an der Oberfläche der Erde… In großer Masse in Zirkulation in dem von den Römern unterworfenen Italien vom 1. bis 5. Jahrhundert.“(97/98) Die Römer besaßen – so Marx – vor der Verjagung der Könige Silbergeld, aber sie hätten die Folgen eines bequemeren Zirkulationsmittels gefürchtet. „Nachdem das Metallgeld gefunden (sei es als eigentliches Geld oder nur als bevorzugtes Tauschmittel per Gewicht) begann die Akkumulation.“ (98) Marx fasst zusammen: „In der alten Welt also, wenn der Durchschnitt gezogen wird: Erstens: Verhältnismäßiger Höherwert des Silbers über das Gold. Abgesehen von einzelnen Erscheinungen (Arabern), wo das Gold wohlfeiler als Silber und noch wohlfeiler als Eisen…Zweitens: Seit dem Tod Alexanders verhältnismäßiges Steigen der Werte des Goldes zum Silber mit der Erschöpfung des sables auriferes, Fortschritt in der Technik und Zivilisation: und so Öffnung der Silberminen; nun Einfluß des quantitativen Mehrvorkommens von Silber als Gold in der Erde… Drittens im Mittelalter: Wieder das Verhältnis wie zur Zeit des Xenophon – 10 zu 1. Viertens nach der Entdeckung von Amerika: Wieder about das Verhältnis wie zur Zeit des Honorius und Arcarius (397); 14 bis 15:1. Obgleich seit about 1815 – 1844 wachsen der Goldproduktion. Es ist wahrscheinlich, dass die Entdeckung von Kalifornien und Australien fünftens wieder das Verhältnis der römischen Kaiserzeit 18: 1, herbeiführen wird, wenn nicht noch größeres…“ (100f.)

(Aus dem bisher Gesagtem wird deutlich, dass nicht nur Geld als Gold oder Silber, also Edelmetallmünzen, als Maßeinheit für die Warenwerte dienen kann, sondern auch andere Materialien, z.B. Papier wie Papiergeld oder Wertpapiere etc.)

Bevor Marx die Funktion des Geldes als Maßeinheit untersucht, definiert er die Bedingung, unter der Geld als wirkliches Geld funktioniert: das Geld muss auf Märkten ständig zirkulieren können, d.h. das Geld muss nicht nur als Tauschmittel, sondern auch als Zirkulationsmittel funktionieren, so dass z. B. Kauf und Verkauf örtlich und zeitlich getrennt werden können und eine auf Kauf und Verkauf ausgerichtete Wirtschaftsform möglich ist: W-G-G-W. Eine Marktwirtschaft

In der „unmittelbaren Zirkulation“ läuft das Geld entgegengesetzt zur Zirkulation der Waren. „Der Ausgang von Einem Zentrum nach den verschiedenen Punkten der Peripherie, und die Rückkehr von allen Punkten der Peripherie nach einem Zentrum findet nicht statt bei dem Geldumlauf auf der Stufe, wo wir ihn hier betrachten, seiner unmittelbaren, sondern erst in der durch das Bankwesen vermittelten Zirkulation. Wohl aber besteht diese erste naturwüchsige Zirkulation aus einer Masse von Umläufen. Der eigentliche Umlauf beginnt aber erst da, wo das Gold und Silber aufhört Ware zu sein. Zwischen Ländern, die Edelmetalle ausführen, und solche, die sie einführen, findet keine Zirkulation statt, sondern einfacher Austausch, da das Gold und Silber hier nicht als Geld, sondern als Ware figuriert.“(101) Marx unterscheidet also zwischen unmittelbaren und einer durch das Bankwesen vermittelten Geldzirkulation.

Von der vermittelten Geldzirkulation wird erst dann die Rede sein, wenn wir die Zirkulationsformen G-W-W ́-G ́und G-G ́ behandeln. Erst die modernen Banken stellen das >Eine Zentrum< des Geldumlaufs dar. Sie sind Geldkapitalsammelstellen und wirken auf die durch sie vermittelte Geldzirkulation ein. Sie schöpfen neues Geld, bestimmen die Geldumlaufgeschwindigkeit, sodass bei ihnen die Hauptmasse des Geldvermögens liegt. Findet zudem noch eine Konzentration und Zentralisation im Bankwesen statt, dann sind sie, soweit Geschäftsbanken, die Zentren nicht nur Ausgangspunkt einer Mehrwert schöpfenden Industrie-, sondern selbstredend Zentren des Finanzkapitalismus.

In der unmittelbaren Geldzirkulation, womit Marx sich hier beschäftigt, werden die Tauschwerte der Waren in Preise gesetzt. Daher muss der Begriff des Preises vor dem der Zirkulation entwickelt werden. „Die Zirkulation ist das Setzen der Preise, die Bewegung, in der Waren in Preise verwandelt werden; ihr Realisieren der Preise.“(102f.) Das Geld in seiner Funktion als Maßeinheit der Warenwertverhältnisse, die in Preisen zum Ausdruck kommen, unterscheidet sich vom Geld als Maß der Tauschwerte der Waren. „Das Geld ist nur Maß, weil es Arbeitszeit materialisiert in einer bestimmten Substanz, also selbst Wert ist,… weil es Äquivalent ist.“ (676) – und zwar innerhalb der unmittelbaren Zirkulation. „Bei jedem Maß, sobald es als Vergleichspunkt dient, d.h. sobald die Verschiedenen, die verglichen werden sollen, in das Verhältnis von Anzahl zum Maß als Einheit gesetzt sind, und sie nun aufeinander bezogen werden, wird die Natur des Maßes gleichgültig und verschwindet in dem Akt der Vergleichung selbst; die Maßeinheit ist bloße Zahleneinheit geworden; die Qualität dieser Einheit ist verschwunden.“(678) „Aber sie werden erst bloße Zahlengrößen,…, vergleichbar miteinander und rücken erst Proportionen gegeneinander aus, sobald jede einzelne Ware gemessen ist mit der, die als Einheit, als Maß dient. Ich kann sie aber nur einander messen, nur kommensurabel machen, soweit sie eine Einheit haben – diese ist die in beiden erhaltene Arbeitszeit.“(678)

Die Arbeitszeit ist nicht allein das Maß der Preise, denn Wert und Preis sind nicht identisch, da ein Zusammenfallen von Preis und Wert Gleichheit von Nachfrage und Zufuhr unterstelle, was in der ökonomischen Realität nicht der Fall sei. In der Funktion als Maßeinheit fungiert Geld als Rechenmünze. Marx kritisiert seine zeitgenössischen Ökonomen, dass sie aus der Existenz der Rechenmünze (Kurantmünze) schließen, dass diese ein „ideales Maß“ abgebe. Darunter verstünden sie, dass Geld ein „willkürlicher Vergleichspunkt“ sei und selbst keinen Wert besäße; also „kein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeitszeit“ (677) ausdrücke. 

Marx kritisiert die Neoklassik des 19. Jahrhunderts, die Preise und ihre Relationen zueinander in der rein quantitativen Sprache der Mathematik untersuchten und deren Theorie grundsätzlich Abstand von der> Arbeitswerttheorie< der ökonomischen Klassiker, z.B. Adam Smith, nahm. Seitdem vertreten alle liberalen Ökonomien keine Theorie mehr, die auf gesellschaftlich verausgabter Arbeit und Äquivalenz beruht. Geldtheorie ist nun eine mathematische Theorie der Relation von Preisen. Geld als Funktion und Basiselement des Marktes verliert jeglichen gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhang. Man spricht von Marktkräften. Der Markt scheint als gesonderte Institution mit eigener Gesetzmäßigkeit, die sich evolutionär entwickelt habe. Markt, Geld und Preis werden zu einer mystischen, gleichsam göttlichen Trinität, die das Leben der Bevölkerung beherrscht. Die so genannte und dargestellte Marktwirtschaft als Wirtschaftsform ist keine Politökonomie mehr, wie sie die Klassik noch behandelte. Gleichsam konsequent ist es aus dieser Sicht, reine Ideologie von „Kapitalismus“ zu sprechen.

Das Geld wird nach Marx sowohl als „Maß oder Element, worin die Ware als Tauschwert realisiert wird“ als auch als Tauschmittel und als Zirkulationsmittel definiert. Als Zirkulationsmittel lässt Geld Waren sowohl ideell als auch reell umlaufen. „Das Geld zirkuliert nur Waren, die ideell, nicht nur im Kopf des Einzelnen, sondern in der Vorstellung der Gesellschaft (unmittelbar der Parteien im Prozeß des Kaufs und Verkaufs) schon in Geld verwandelt sind“. „Diese ideelle Verwandlung in Geld und die reelle sind keineswegs durch dieselben Gesetze bestimmt. Ihr Verhältnis zueinander ist zu untersuchen.“(103) „Indem aber das Geld eine selbständige Existenz außer den Waren hat, so erscheint der Preis der Ware als äußere Beziehung der Tauschwerte oder Waren auf das Geld; die Ware ist nicht Preis, wie sie ihrer sozialen Substanz nach Tauschwert war; diese Bestimmtheit fällt nicht mit ihr unmittelbar zusammen; sondern ist vermittelt durch ihre Vergleichung mit Geld; die Ware ist Tauschwert, aber sie hat einen Preis. Der erste war in unmittelbarer Einheit mit ihr, ihre unmittelbare Bestimmtheit, mit der sie ebenso unmittelbar auseinanderfiel, so dass sich auf der einen Seite die Ware, auf der anderen (im Geld) ihr Tauschwert befand, jetzt aber im Preis bezieht sich die Ware einerseits auf das Geld als ein außer ihr seiendes, und zweitens ist sie ideell selbst als Geld gesetzt, da das Geld eine von ihr verschiedene Realität hat. Der Preis ist eine Eigenschaft der Ware, eine Bestimmung, in der sie als Geld vorgestellt wird… Neben dem reellen Geld existiert nun die Ware als ideell gesetztes Geld.“ (105) Als Maß dient das Geld als Rechengeld. Alles, was dem materiellen Zahlungsakt herbeiführt oder vorhergeht, ist Rechengeld. Reelles Geld realisiert Zahlungen und saldiert Rechnungen. „Das Rechengeld ist ein ideales Maß, das keine Grenzen hat als die Vorstellungen.“ (105f.)

Die Transaktionen des Finanzkapitals, die täglich an den Börsen und >over the counter< per Computer um die Erde getätigt werden, untermauern in ihren unvorstellbaren Quanten ihre Grenzenlosigkeit. Die Quantität des reell vorhandenen Geldes ist gegenüber dem ideellen Geld vollkommen gleichgültig, denn die ideelle Verwandlung der Waren in Geld ist unabhängig von der Masse und Geschwindigkeit des umlaufenden reellen Geldes und wird faktisch durch letzteres beschränkt. „Wenn z.B. der ganze Nationalreichtum von England in Geld geschätzt wird, d.h. als Preis ausgedrückt wird, so weiß jeder, daß nicht genug Geld auf der Welt ist, um diesen Preis zu realisieren. Das Geld ist hier nur als Kategorie nötig, als gedachtes Verhältnis.“ (106)             Die Geldströme des Finanzkapitalismus sind ideelles Geld, das nicht unmittelbar in reelles, umlaufendes Geld umgetauscht werden könnte. Dieses ideelle Geld zählt aber zum Vermögen der Finanzinvestoren.

Damit Geld zirkulieren kann, sind folgende Bestimmungen nötig. „ Erstens: Voraussetzung der Waren als Preise; Zweitens: Nicht einzelne Austauschakte, sondern … eine Totalität derselben, … auf der gesamten Oberfläche der Gesellschaft vorgehend; ein System von Tauschakten.“(103) Wir nennen dieses „System von Tauschakten“ Marktwirtschaft. Ware ist, nach Marx, definiert als Tauschwert. Als Tauschwert ist sie in bestimmtem Verhältnis zu anderen Waren Äquivalent. Als allgemeines Äquivalent ist sie Geld und als Geld ist sie allgemeiner Vergleichswert zu anderen Warenwerten. „Die Ware als reiner Tauschwert ist Geld. Aber zugleich existiert jetzt das Geld außerhalb und neben der Ware; ihr Tauschwert, der Tauschwert aller Waren, hat eine von ihr unabhängige, in einem eigenen Material, in einer spezifischen Ware verselbständige Existenz gewonnen.“ (103) Alle Waren müssen ins Geld übersetzt werden. „Das Geld ist der allgemeine Nenner der Tauschwerte, der Waren als Tauschwerte.“ (103) „Der in die Bestimmtheit gesetzte Tauschwert ist der Preis. Im Preis ist der Tauschwert ausgedrückt als ein bestimmtes Quantum Geld. Das Geld ist das Maß der Tauschwerte; und die Preise als die im Geld gemessenen Tauschwerte.“ (104) Bei der Setzung der Preise spielt das reelle Geld, das gedruckt, geprägt oder geschlagen wurde und sich in der Zirkulation befindet, keine Rolle. In dieser Setzung misst man entweder die Produktionskosten oder die Arbeitszeit, die gesamtgesellschaftlich zur Herstellung der Arbeitsprodukte benötigt worden war, sodass der Tauschwert als Maß genommen wird. „Das Quantum des reell vorrätigen Geldes hat offenbar mit dieser Proportion nichts zu tun.“ (106) Als ideelles Geld kann es z.B. auch beim einfachen Tauschhandel in der Bestimmung des Maßes gesetzt sein, ohne in seinen weiteren Bestimmungen realisiert worden zu sein, also bevor es z.B. in der Form des Metallgeldes erscheint. „ Indessen dann vorausgesetzt, dass überhaupt nur wenig Austausch stattfindet; dass die Warten nicht als Tauschwerte und darum nicht als Preise entwickelt sind.“ (107) In ökonomisch einfachen Gesellschaftszuständen ist dies der Fall. „Entwickelte Preisbestimmung setzt voraus, dass der Einzelne nicht direkt seinen Lebensunterhalt produziert, sondern dass sein unmittelbares Produkt Tauschwert ist, also erst durch einen gesellschaftlichen Prozeß vermittelt werden muß, um Lebensmittel für ihn zu werden. Zwischen der völligen Entwicklung dieser Grundlage der industriellen Gesellschaft und dem patriarchalen Zustand viele Zwischenstufen, unendliche Schattierungen.“ (107f.)                                                 Marx unterscheidet also eine voll ausgebildete, alle Lebensbereiche prägende und durchdringende (globale), kapitalistisch organisierte Marktwirtschaft von der in Europa weit verbreiteten, ihre Mitglieder selbst versorgenden Hauswirtschaft. Tauschwerte werden in den Preisen ideell in Geld verwandelt. Im Tausch reell in Geld. Der besondere Tauschwert muss gegen den allgemeinen Tauschwert ausgetauscht werden, um sich wieder gegen besondere auszutauschen. „Die Ware wird als Tauschwert nur verwirklicht durch diese vermittelnde Bewegung, in der das Geld den Mittler spielt.“ (108) Das Geld läuft in einer entgegengesetzten Richtung um wie die Waren. „Das Geld ist Zirkulationsrad… für den Warenumlauf.“ (108) Es hat also als solches einen eigenen Umlauf: die Geldzirkulation. „Die Preise sind also Voraussetzung der Geldzirkulation…“(108), abgesehen von der Tatsache, dass die Preise der Waren um die ihren Durchschnittswert oszillieren. Dieser Schwankungsprozess geht dem Prozess ihrer wirklichen Realisierung im Geld voraus. Die wirkliche Zirkulation der Waren in Ort und Zeit wird nicht vom Geld bewerkstelligt. „Es realisiert nur ihren Preis.“ (109) Vom Geld wird nur der Eigentumstitel zirkuliert.

Die Menge des zirkulierenden Geldes hängt 1. von den Preisen der einzelnen Waren, 2. von der in der Zirkulation befindlichen Warenmasse und 3. von der Geschwindigkeit des zirkulierenden Geldes ab. Der Geldumlauf geht nicht von Einem Zentrum aus und kehrt auch nicht zu einem Zentrum zurück. „Die Zirkulation nimmt ihren Ausgangspunkt gleichzeitig an einer Masse von vielen Punkten. Es ist also ein bestimmtes Quantum Geld für die Zirkulation nötig, das sich immer in die Zirkulation befinden wird und das bestimmt ist durch die Gesamtsumme, die von den gleichzeitigen Ausgangspunkten der Zirkulation ausgeht, und die Geschwindigkeit, womit sie ihre Bahn bemisst.“ (110) Das Geld als Maß ist gleichgültig gegenüber seiner Quantität. Geld als Tauschmittel hingegen nicht. Als Tauschmittel wird es quantitativ gemessen. Beide Bestimmungen können miteinander in Widerspruch treten. Die Zirkulation von Waren und Geld ist ein gesellschaftlicher Prozess, obwohl seine einzelnen Momente vom bewussten Willen oder besonderen Zwecken der Individuen ausgehen, „sosehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; Zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewussten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewusstsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert wird.“ (111) Die Mechanismen der Zirkulation erscheinen als Sachzwänge und sind Systemzwänge, die letztlich nicht überblickt werden können und als über den Individuen stehende, „fremde gesellschaftliche Macht“ (111) erscheint.

Weil Waren- und Geldzirkulation rational und mit Hilfe von mathematischen Modellen systematisch nicht zu erklären ist, reagieren die handelnden Individuen auf negative Schwankungen der Preise emotional. Man hört von Panikverkäufen, Herdenverhalten. „Die Zirkulation, weil eine Totalität des gesellschaftlichen Prozesses, ist auch die erste Form, worin nicht nur wie etwa in einem Geldstück, oder im Tauschwert, das gesellschaftliche Verhältnis als etwas von den Individuen Unabhängiges erscheint, sondern das Ganze der gesellschaftlichen Bewegung selbst. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufeinander als verselbständige Macht über den Individuen, werde sie vorgestellt als Naturmacht, Zufall oder sonst in beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, dass der Ausgangspunkt nicht das freie gesellschaftliche Individuum ist. Die Zirkulation als erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien gut, um dies zur Anschauung zu bringen.“ (111) Als Totalität erneuert sich die Zirkulation ständig selbst, bis ins Unendliche. Wenn im einfachen Warenhandel Kauf- und Verkauf zusammenfallen (W- G-W), so treten in entwickelten Produktionsweisen und Gesellschaften Kauf und Verkauf auseinander, sodass aus diesem Auseinanderfallen der „Keim der Krisen“ entsteht. Wenn Ware nicht in Geld realisiert werden kann, dann hört sie auf Ware zu sein. Es tritt ein Zustand der Überakkumulation von Waren und Geld ein. „Aus einem Knecht des Handels ward das Geld zu einem Despoten.“ (113) Das Geld repräsentiert nicht mehr die Ware, sondern die Ware repräsentiert das Geld. Die Trennung in Kauf und Verkauf macht die Spekulation möglich. Ebenso ermöglicht sie den Kaufmannsstand. Das Geld ermöglicht auch eine sich stetig ausweitende Arbeitsteilung und damit einen freien Arbeitsmarkt. Das Geld ist nicht nur Mittel, sondern auch Zweck der Zirkulation: G-W-W- G. Im ersten Fall ist Geld das Mittel, um Ware zu erhalten, und Ware der Zweck; im zweiten Fall die Ware Mittel, um Geld zu erhalten, und das Geld der Zweck. Der Unterschied zwischen der in der Zirkulation befindlichen Ware und dem in der Zirkulation befindlichen Geld besteht darin, dass die Ware aus der Zirkulation herausgenommen werden kann und konsumiert wird, sei es in der Produktion oder im privaten Konsum. Das Zirkulationsgeld hingegen bleibt in der Zirkulation als „perpetuum mobile“ (116). Der Kreislauf G-W-W-G ist eine „besondere Form der Zirkulation,“ die sich von der Grundform W-G-G-W unterscheidet. Das Geld ist in dieser besonderen Form weder Maß, noch Tauschmittel, sondern Selbstzweck, „zu dessen bloßer Realisation der Warenhandel und Austausch dient.“(117) Außerdem tritt es außerhalb des Kreiskaufs, da mit ihm der Kreislauf abschließt. „Es ist sehr richtig, dass das Geld, soweit es nur als Agent der Zirkulation bestimmt ist, beständig in ihrem Kreislauf eingeschlossen bleibt. Aber es zeigt sich hier, dass es noch etwas anderes ist außer diesem Zirkulationsinstrument, dass es auch eine selbständige Existenz außer der Zirkulation besitzt und in dieser neuen Bestimmung ihr ebenso entzogen werden kann, wie die Ware ihr stets definitiv entzogen werden muß.“(117)

Das Geld als materieller Repräsentant des Reichtums

(vorher noch das Geld als allgemeine Materie der Kontrakte)

„Als Maß betrachtet, ist die materielle Substanz des Geldes wesentlich…“ Daher Ausdruck im Münzgeld, wie es schon im Tauschhandel vorkommt, wo es die >einfache (oder zufällige) oder die allgemeine Wertform< annimmt, was mit der Anzahl der Tauschakte (von Stammesgesellschaften und Hauswirtschaften) zusammenhängt. (…)“obgleich sein Vorhandensein und näher seine Quantität, die Anzahl, worin die Portion Gold oder Silber, die als Einheit dient, durchaus gleichgültig für es in dieser Bestimmung ist, und es überhaupt nur als vorgestellte, nicht existierte Einheit gebraucht wird. Als was es vorhanden sein muß in der Bestimmung, ist als Einheit und nicht als Anzahl.“(117f.) Die Bestimmung aller Waren als Preise ist ein Prozess, der häufigen Austausch voraussetzt und daher häufiges Vergleichen der Waren als Tauschwerte. „Sobald aber einmal die Existenz der Waren als Preise zur Voraussetzung geworden ist – eine Voraussetzung, die selbst ein Produkt des gesellschaftlichen Prozesses, ein Resultat des gesellschaftlichen Produktionsprozesses – erscheint die Bestimmung neuer Preise einfach, da die Elemente der Produktionskosten dann selbst schon in der Form von Preisen vorhanden, also einfach zusammenaddierte sind.“(118) „Der Tauschhandel, worin der Überfluß der eigenen Produktion zufällig gegen den der fremden ausgetauscht wird, ist nur das erste Vorkommen des Produkts als Tauschwert im allgemeinen und wird bestimmt durch zufällige Bedürfnisse, Gelüste etc. Sollte er aber fortgesetzt werden, ein kontinuierlicher Akt werden, der in sich selbst die Mittel zu seiner steten Erneuerung enthält, so kommt ebenso äußerlich zufällig nach und nach die Regulation des wechselseitigen Austausch durch die Regulation der wechselseitigen Produktion herein, und die Produktionskosten, die sich schließlich alle in Arbeit auflösen, würden so das Maß des Austauschs werden.“ (119) Der Tauschwert ist ein sich aus dem Austausch entwickelndes soziales Verhältnis und in soweit Ausdruck eines historischen Prozesses, ein historisches Produkt voll entwickelter Marktwirtschaft. „Der Tauschwert unterstellt die gesellschaftliche Arbeit als die Substanz aller Produkte, ganz abgesehen von ihrer Natürlichkeit.“(119) (Der Begriff Substanz hat in der Philosophie vielfältige Bedeutung. Substanz ist ein Grundbegriff der klassischen Metaphysik. Ein Synonym für >essentia<. Es steht für >Wesen<. Aus den vorigen Ausführungen wird deutlich, dass Marx diesen Begriff Substanz nicht im ahistorischen Sinne verwendet, sondern als das, was dem voll ausgebildeten Warenaustausch zugrunde liegt, denn Arbeitsprodukte werden ausgetauscht.) „In dem Tauschwert sind die Waren gesetzt als Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Substanz, der Arbeit; aber als Preise sind sie ausgedrückt in Quantis anderer Produkte nach ihrer natürlichen Beschaffenheit.“(121) (Die Arbeitswerttheorie, und mit ihr der Tauschwert, ist demnach eine spezifische Theorie, die auf eine besondere ökonomische Formation zutrifft, die man als kapitalistisch orientierte Marktwirtschaft bezeichnen kann. Sie trifft deshalb nur ansatzweise für die Stadien des Austausches vor der von Marx so genannten >bürgerlichen Gesellschaft< zu. Dann ist aber auch die Frage zu stellen, ob die Arbeitswerttheorie noch als einzige Hypothese auf den Finanzmarkt orientierten Kapitalismus angewendet werden kann.) Der Preis des Geldes kann nur durch „den ganzen Umkreis der Waren“ ausgedrückt werden, obwohl der Preis einer einzelnen Ware nicht identisch ist mit ihrem Tauschwert. Soweit das Geld als Materie erscheint, ist das Geld selbst ein bestimmtes Quantum Gold, Silber etc., d.h. nicht selbst als Tauschwert, als Verhältnis gesetzt. Der Tauschwert drückt also stets ein quantitatives Verhältnis von Waren als auszutauschende Arbeitsprodukte aus. Der Preis ist der Geldausdruck dieses Verhältnisses; das Geld allgemeines Äquivalent. Soweit Materie als Materie (Kupfer, Silber und Gold) erscheint, hat es keinen Tauschwert. „So ist jede Ware, in der eine andere als Preis ausgedrückt wird, selbst nicht als Tauschwert gesetzt, sondern als einfaches Quantum ihrer selbst.“ Im Geld als allgemeines Äquivalent und Einheit der Tauschwerte, als ihr Maß, erscheint Gold, Silber und Kupfer als Preis der Ware nicht als Tauschwert, sondern als ein bestimmtes Gewicht Gold, Silber etc.; „Z.B. ein Pfund, mit seinen Unterabteilungen, und so erscheint das Geld auch ursprünglich als Pfund, aes grave. Dies unterscheidet eben den Preis vom Tauschwert.“(121) Die Warenpreise sind ergo gemessene Tauschwerte. Das Geld ist dort nur als Rechengeld nötig.

Das Geld als Tauschmittel (W-G-G-W)

Es muss in dieser Bestimmung in einer bestimmten Menge vorhanden sein. „Wenn die Summe der zu realisierenden Preise auf der einen Seite gegeben ist, die abhängt von dem Preis einer bestimmten Ware multipliziert mit ihrer Quantität, und die Geschwindigkeit der Geldzirkulation auf der anderen Seite, ist eine bestimmte Quantität des Zirkulationsmittels erreicht.“(122) Als Tauschmittel ist Geld nur Tauschmittel. Sofern es aber den Preis realisiert, ist seine materielle Existenz als Gold und Silber bestimmend. Wenn die Zirkulation nicht unterbrochen ist, ist die materielle Natur des Geldes nur Schein. „Das Gold oder Silber als bloßes Zirkulationsmittel,.., ist daher gleichgültig gegen seine Beschaffenheit als eine besondere natürliche Ware.“(123) (Insoweit kann Geld als Zirkulationsmittel seiner natürlichen Beschaffenheit als Edelmetall durchaus enthoben werden und als Kurantmünze, Papiergeld oder Giralgeld fungieren. Wenn aber die Warenzirkulation und damit auch der Geldumlauf unterbrochen wird oder zu unterbrechen droht, dann tritt die materielle Existenz des Geldes als Gold oder Silber in den Vordergrund und das Edelmetall wird gehortet, sodass wiederum sein Preis als besondere Ware steigt.) Das Münzgeld als Pfund Sterling ist dann nicht mehr bloß ein Zeichen, sondern ist Maß der Preise als allgemeines Äquivalent sowie Tauschwert. „Es stellt vor den Preis der einen Ware gegenüber allen andren Waren, oder den Preis aller Waren gegenüber einer Ware. Es ist in dieser Beziehung nicht nur Repräsentant aller Warenpreise, sondern Zeichen seiner selbst, d.h. in dem Akt der Zirkulation selbst ist seine Materie, Gold und Silber, gleichgültig.“(125) „Als solches gegenständliches Zeichen also ist es nur in der Zirkulation; aus ihr herausgenommen ist es wieder realisierter Preis; innerhalb des Prozesses aber ist, wie wir gesehen haben, die Quantität, die Anzahl dieser gegenständlichen Zeichen der monetären Einheit wesentlich bestimmt. Während also in der Zirkulation, worin das Geld als existierendes den Waren gegenüber erscheint, seine materielle Substanz, sein Substrat als bestimmtes Quantum Gold und Silber gleichgültig ist, dagegen seine Anzahl wesentlich bestimmt ist, da es so nur ein bestimmtes Zeichen für bestimmte Anzahl dieser Einheit ist, war in seiner Bestimmung als Maß, worin es nur ideell gesetzt war, sein materielles Substrat wesentlich, aber seine Qualität und seine Existenz überhaupt gleichgültig. Es folgt daraus, dass das Geld als Gold und Silber, soweit es nur als Zirkulations-, Tauschmittel ist, durch jedes andere Zeichen, das ein bestimmtes Quantum seiner Einheit ausdrückt, ersetzt werden kann und so symbolisches Geld das reelle Geld ersetzen kann, weil das materielle Geld als bloßes Tauschmittel selbst symbolisch ist.“(126) Da die Geschwindigkeit des Geldumlaufs auch durch Umstände beeinflusst werden kann, die unabhängig von der Zirkulation sind, muss die Quantität der Zirkulationsmittel wechseln können, da die Zirkulation kontraktiert und expandiert. (Die geldpolitischen Instrumente der Zentralbanken, Mindestreserve, Offenmarkt und Leitzinsen, zeugen von diesem staatlichen Einfluss auf die Geldmenge. Der Monetarismus sieht in der Steuerung der Geldmenge das wesentliche Instrument der Konjunkturpolitik, die Angebotsseite, d.h. die Unternehmensseite, zu stabilisieren. Von daher ist die Stabilisierung des Geldwertes von entscheidender Bedeutung. Angebot vor Nachfrage; im Gegensatz zur Nachrage orientierter Wirtschaftspolitik des Keynsianismus.) Als bloßes Zirkulationsmittel hört Geld auf Ware zu sein. Aber: „Auf der anderen Seite kann von ihm gesagt werden, dass es nur mehr Ware ist (allgemeine Ware), die Ware in reiner Form, gleichgültig gegen ihre natürliche Besonderheit und daher gleichgültig gegen alle unmittelbaren Bedürfnisse…“(127)

Geld als Kapital (G-W-W`-G ́)

Das Geld ist hier nicht Maß und Tauschmittel, sondern Selbstzweck und tritt daher aus der Zirkulation heraus. Historisch kann das Geld als Maß gesetzt sein, bevor es als Tauschmittel erscheint, aber auch umgekehrt. Geld als Geld kann auch historisch vor den beiden anderen Bestimmungen erscheinen. „Aber als Geld können Gold und Silber nur angehäuft werden, wenn sie in einer der beiden Bestimmungen schon vorhanden sind und in der zweiten Bestimmung kann es entwickelt nur erscheinen, wenn es in den beiden früheren entwickelt ist.“(130) Die Selbständigkeit des Geldes als Geld ist Resultat des Zirkulationsprozesses und das Geld als Geld bezieht sich auf die Zirkulation. Geld als Kapital ist 1. der Voraussetzung nach Resultat der Zirkulation, 2. es steht in einem „negativen Bezug“ zur Zirkulation, da es aus dieser (zeitweilig) heraustritt und es ist 3. Produktionsmittel, da es als ein besonderes Moment des Produktionsprozesses auftritt. 4. Das Geld erscheint als Verhältnis zu sich selbst vermittelst der Zirkulation – im Verhältnis von Zins und Kapital. Das Geld ist die „körperliche Form des Reichtums“(132), da es 1. die Preise realisiert, 2. jedes Bedürfnis befriedigt, insofern es gegen das Objekt jedes Bedürfnisses ausgetauscht werden kann. „Im Geld ist der allgemeine Reichtum nicht nur eine Form, sondern zugleich der Inhalt selbst. „Das Geld ist daher der Gott der Waren.“(132) „Aus seiner Knechtschaft, in der es als bloßes Zirkulationsmittel erscheint, wird es plötzlich der Herrscher und Gott in der Welt der Waren. Es stellt die himmlische Existenz der Waren dar, während sie seine irdische darstellen.“(…) „Das Geld ist nicht nur ein Gegenstand der Bereicherungssucht, sondern es ist der Gegenstand derselben.“(133) Die Gier als Bereicherungssucht, d.h. als Sucht auf alles, was käuflich ist, ist nur möglich, sobald der allgemeine Reichtum in einem besonderen Ding, dem Gelde, individualisiert ist, sobald das Geld als Geld (als Kapital) funktioniert. Das Geld ist Quelle der Bereicherungssucht. Habsucht ist auch ohne Geld möglich. „Daher der Jammer der Alten über das Geld als die Quelle alles Bösen. Die Genusssucht…und der Geiz sind die zwei besonderen Formen der Geldgier.“(…) „Die Geldgier (Bereicherungssucht) ist notwendig der Untergang der alten Gemeinwesen.“(134) – (Weil die alten Gemeinwesen Geld im Wesentlichen nur als Tauschmittel, und somit als Maß, und Zahlungsmittel, und somit als Zirkulationsmittel, verwendet haben und nicht als Kapital. Siehe dazu Aristoteles. ) „Bei den Griechen und Römern erscheint das Geld erst unbefangen in seinen beiden ersten Bestimmungen als Maß und Zirkulationsmittel, in beiden nicht sehr entwickelt. Sobald sich aber entweder ihr Handel etc. entwickelt, oder, wie bei den Römern, die Eroberungen ihnen Geld massenhaft zuführt – kurz, plötzlich auf einer gewissen Stufe ihrer ökonomischen Entwicklung erscheint das Geld notwendig in seiner dritten Bestimmung, und je mehr es sich in derselben ausbildet, als Untergang ihres Gemeinwesens. Um produktiv zu wirken, muss das Geld in der dritten Bestimmung… nicht nur Voraussetzung, sondern ebenso Resultat der Zirkulation sein… Bei den Römern z.B., wo es aus der ganzen Welt zusammen gestohlen war, war dies nicht der Fall. Es liegt in der einfachen Bestimmung des Geldes selbst, dass es als entwickeltes Moment der Produktion nur existieren kann, wo die Lohnarbeit existiert. (…) Als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichtums als der individualisierte Tauschwert muss das Geld unmittelbar Gegenstand, Zweck und Produkt der allgemeinen Arbeit, der Arbeit aller Einzelnen sein.“(134f.) Wenn der Zweck der Arbeit nicht mehr ein besonderes Produkt ist, das in einem besonderen Verhältnis zu den besonderen Bedürfnissen des Individuums steht, sondern das Geld, dann „hat erstens die Arbeitsamkeit des Individuums keine Grenze… sie ist erfinderisch im Schaffen neuer Gegenstände für das gesellschaftliche Bedürfnis etc.“(135) „Wo das Geld nicht selbst das Gemeinwesen, muss es das Gemeinwesen auflösen. Der Antike konnte unmittelbar Arbeit kaufen, einen Sklaven; aber der Sklave konnte mit seiner Arbeit nicht Geld kaufen… Die Negersklaverei –eine rein industrielle Sklaverei – die ohnehin mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verschwindet und unverträglich ist, unterstellt sie, und wenn nicht andere freie Staaten mit Lohnarbeit neben ihr existierten, sondern sie isoliert, würden sich sofort alle Gesellschaftszustände in den Negerstaaten in vorzivilisierte Formen umwandeln.“ (136) Die bürgerliche Gesellschaft unterscheidet sich ökonomisch von anderen Gesellschaftsformationen dadurch, dass die Arbeit unmittelbar den Tauschwert produziert, also Geld, und dass Geld unmittelbar Arbeit kauft. „Lohnarbeit nach der ersten Seite, Kapital nach der zweiten, also nur andere Formen des entwickelten Tauschwerts und des Geldes als seiner Inkarnation. Das Geld ist somit unmittelbar zugleich das reale Gemeinwesen, insofern es die allgemeine Substanz des Bestehens für alle ist, und zugleich das allgemeine Produkt aller.“(137)

Weltpolitik

Die Weltbevölkerung erlebt eine existentielle Krise.

Weder einzelne nationale staatliche Maßnahmen noch ein globales System freier oder zum Teil regulierter Märkte allein, noch Hochtechnologien lösen für sich genommen die Probleme der alle Gesellschaften bedrohenden Klimaveränderung, der wachsenden Armut, des Hungers, des psychischen Elends vieler Menschen, der weltweit geführten Kriege und der Flucht. 

Nationale, partikulare Interessen, Konkurrenz auf den Weltmärkten, unterschiedliche Kulturen und Zivilisationen sowie unterschiedliche Wertvorstellungen tragen zur Konfliktbereitschaft bei und vertiefen die ökonomische und ökologische Krise, die vor allem von Eliten herbeigeführt worden ist und durch sie profitabel genutzt wird.

Revolution, Bürgerkrieg, Putsch, Krieg zwischen Staaten und Staatenbündnissen und Sanktionen bedrohen nicht nur das Sicherheitsbedürfnis und das Leben der Menschen, sondern auch ihren erreichten Wohlstand sowie die gesellschaftliche Entwicklung in ihren Ländern.

Internationale Zusammenarbeit und eine Weltpolitik für Frieden und soziale und ökologische Entwicklung sind die Grundlagen, diese die Menschheit bedrohende globale Krise zu überwinden. Partikulare Profitinteressen, Armut, Hunger, Zerstörung der menschlichen Lebensbedingungen befördern ihrerseits wieder Kriege, Rassismus, Nationalismus und Fremdenhass. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, erfordert ein multipolares politisches System, in dem die Weltmächte und die Repräsentanten der Kontinente auf gleicher Augenhöhe koordiniert zusammenarbeiten können. 

Die UNO ist aufgrund ihrer Struktur dafür nicht geeignet, weil sie auch auf der Ebene der Ökonomie und einer globalen Sozialpolitik mir dafür nicht geeignet erscheint. 

Bisher beherrschen westliche Eliten und nationale Interessen das Weltgeschehen, die Finanzströme und die digitale Hochtechnologie. Nicht regulierte Finanzmärkte folgen konkurrierenden Kapitalinteressen. Der Hegemon USA kontrolliert internationale Organisationen, IWF, Weltbank und NATO. Propagandistisch vertritt er das Narrativ, der edle Ritter für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie zu sein und als Weltpolizist diese unbedingt zu verteidigen. Dies tut er mit Hilfe neoliberaler Finanz- und Wirtschaftspolitik und unter Anwendung eines nationalen Rechtsverständnisses privater Liberalität, wie es die USA interpretiert. Der „Fürst“ befehligt eine „Verteidigungs- und Wertgemeinschaft“, die weltweit militärisch operiert. Die Geopolitik des Westens ist bestrebt, den wirtschaftlichen und finanziellen Machtanspruch westlicher Oligopole zu festigen, zu verteidigen und zu vergrößern. Aufstrebenden Mächten und Kontinenten will er Einhalt gebieten oder sie schwächen entweder durch provozierte Kriege, Verschuldungsknechtschaft, Regimewechsel, Ermordung oder Putsche.

Staaten im Allgemeinen haben die Funktion, das bestehende Finanz- und Wirtschaftssystem wie Gesellschaftssystem zu schützen, das Staatsgebiet und das politische System zu erhalten. Staaten haben keine Moral, nur die Politik hat Wertvorstellungen, die der Legitimation der Staatshandlung in der Regel dienen. Staaten sind kein neben oder über den Gesellschaften „hockendes Wesen“. (Karl Marx) Staaten haben eben diese Interessen. „Die Interessen des Staates sind mit seinem Überleben verknüpft.“ ( Zhao Tingyang, Alles unter dem Himmel, Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, suhrkamp 2021, S.192)

Aus dem Umstand, dass es unterschiedlich strukturierte Staaten mit unterschiedlichen Kulturen und Zivilisationen in ihnen existieren, ergibt sich, dass eine Weltpolitik nicht die Interessen einzelner Staaten, sondern die existentiellen Interessen der Staatsbürger weltweit in den Vordergrund stellen müsste. 

Eine Außenpolitik, etwa nach dem Beispiel des so genannten freien „Westens“, bewirkt gerade das Gegenteil. Sie stellt andere Völker und ihre Repräsentanten vor die Entscheidung entweder Kooperation nach Art des liberalen Westens oder feindliche Gegnerschaft. Außerdem hat die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht nur die Erfahrung des Kolonialismus und Imperialismus gemacht, sondern ihre Kulturen oder Sozialsysteme haben andere Wertvorstellungen als die des europäischen Liberalismus hervorgebracht. Immanuel Kant, der Vertreter deutscher liberaler Rechtslehre, hat das Problem einer dem bürgerlichen Rechtsverständnis verpflichteten friedfertigen Außenpolitik erkannt. „Das Problem der Errichtung einer vollkommenen bürgerlichen Verfassung ist von den Problemen eines gesetzmäßigen äußeren Staatsverhältnisses abhängig  und kann ohne das Letztere nicht aufgelöst werden.“ (Kant) Kant setzt die Wesensgleichheit der staatlichen Systeme und der Wertvorstellungen voraus, um die Verwirklichung eines Ewigen Friedens zu erreichen. Aber nicht alle Staaten der „Völker“ haben einen bürgerlichen Rechtszustand wie den des Westens. 

Weltpolitik unterscheidet sich von staatlicher Außenpolitik durch ihre objektive Notwendigkeit (Zhao Tingyang). Während Zhao der Auffassung ist, Weltpolitik beruhe auf keiner Wertvorstellung (197), bin ich der Überzeugung, Weltpolitik setzt veränderte Wertvorstellungen voraus. Sie sollte auf der Vereinbarkeit unterschiedlicher politischer, kultureller und sozialer Systeme beruhen. Mit Zhao bin ich der Überzeugung, 

„Politik auf der Grundlage von Universalität ist bloße Herrschaft“ (Zhao, 202)            

Nicht nur das Christentum, sondern auch die politische Philosophie und Rechtslehre des europäischen Bürgertums beruht auf einem Universalismus. Der bürgerliche Universalismus besteht in der Allgemeingültigkeit westlicher Werte. Neben dem logischen und ökonomischen Gebrauch des Wertbegriffs versteht man unter einem moralischem Wert die Bevorzugung einer Handlung vor einer anderen bzw. allgemein eines Gegenstandes oder Sachverhaltes vor einem anderen. Kooperation z. B. ist ein politischer Wert, der dem des Wettbewerb- oder Konkurrenzverhaltens innerhalb des Sachverhaltes, Weltpolitik notwendigerweise zu betreiben, der Vorzug gegeben werden sollte und müsste. Das gilt natürlich auch für die von Zhao angegebenen Werte der allgemeinen Sicherheit, der Koexistenz und der Kompatibilität. 

Die Weltbevölkerung braucht weder eine „linke oder rechte oder liberale“ wertorientierte noch sonst wie ideologische geartete Geopolitik, sondern eine realistische, pragmatische, solidarische Weltpolitik des Friedens, des ökonomischen, ökologischen und technologischen Austauschs und der weltweiten Solidarität auf Grundlage gleicher Interessen.

Die Organisation der „Vereinten Nationen“ sollte nach den schrecklichen Ereignissen und Folgen des Zweiten Weltkrieges dazu beitragen, den internationalen Frieden zu organisieren. Die historische Erfahrung hat gezeigt, dass ihr dies in den wenigsten Fällen gelungen ist. Die in Staaten organisierten Völker der UNO sind  gewillt in Sicherheit und Frieden leben zu wollen. Frieden ist das höchste Gut. Ihre Staaten aber nicht ohne weiteres. Sie führen Krieg und schrecken nicht davor zurück, dies im Sinne der „Freiheit“ zu tun und „Frieden mit Waffen“ zu propagieren. Die Staaten sind weder „vereint“ noch haben sie eine gemeinsame Verfassung oder gar eine bürgerliche. Die Friedensorganisation der UN ist eine Organisation souveräner Staaten, die ihrerseits ihre partikularen Interessen als Staaten vertreten. Nicht jeder Staat in der UNO ist ein bürgerlicher Nationalstaat und vertritt gleiche Wertvorstellungen. Zwar haben sie eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben, die  verschiedene Menschenrechtsinterpretationen zulässt. Der soziale Artikel 23 der AE (Recht auf Arbeit, freie Berufswahl, gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen und Schutz gegen Arbeitslosigkeit) ist in den USA auf wenig Gegenliebe gestoßen und findet in der us-amerikanischen Politik praktisch keinen Anklang. Gleiches gilt für Artikel 25 ( Recht der Individuen, Gruppen und Völkern auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung). Die USA hat stets die „Universalität der Werte“ (der Aufklärung) vertreten und ist den „Herausforderungen des Relativismus“ entgegengetreten. Was zur einer hypokritischen Politik des Westens geführt hat, die die Realität nicht mehr zu sehen scheint.

Die AE ist keine Verfassung der UNO. Alle politischen Rechte benötigen  politische Macht. Weil diese souveräne Macht in der UNO fehlt und AE kein Teil einer Verfassung sind, wie zum Beispiel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, so hat man den Titel der Menschenrechtserklärung auch Erklärung genannt.

Die Allgemeine Menschenrechtserklärung ist eine moral-ethische Absichtserklärung, aber kein Völkerrecht. Das bestehende Völkerrecht ist ein Vertragsrecht zwischen Staaten.

Der sogenannte „freie Westen“, genauer gesagt, die politischen Eliten sprechen in ihren Medien von Kriegsgefahren und Missachtung „universeller Werte“ durch gewisse undemokratische Staaten und rufen zur militärischen Verteidigung dieser Werte   auf. Wie der propagandistische Handwerkskasten der kognitiven Kriegsführung der NATO aussieht, hat Jonas Tögel aufgezeigt.  ( ( Tögel, Kognitive Kriegsführung, Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO, Westend Verlag)

In diesem Zusammenhang wird auch von der „westlichen Kultur“ (englisch: „westliche Zivilisation“) gesprochen, die unbedingt gegen ihre Feinde verteidigt werden müsse.  Die westliche Zivilisation beruht auf einer Ideologie  individueller Menschen- und Freiheitsrechte. 

Sie ist eine politökonomische und rechtsphilosophische Ideologie. 

Das Denkmuster (oder Paradigma) der westlichen Kultur ( Zivilisation ), wie es sich in der bürgerlichen Aufklärung, ihren Grundwerten, in ihren sozialen Beziehungen, Sitten und allgemeinen Weltanschauungen widerspiegelt, ist ein Muster, das den Einzelnen und das ICH ins Zentrum der Betrachtung stellt und keinen Gedanken an den Anderen vergeudet. Strategisch denkende Politiker (z.B. Brzezinski) und manche Anthropologen (z.B. Huntington oder Spengler) verwenden dieses Muster propagandistisch. Die Lebensweise westlicher Gesellschaften ließe sich mit den Begriffen des „individuellen Glücks“, individueller Freiheit, privater Konsum und privates Geld, privates Eigentum, einer „Kultur eines individuellen Miteinanders“ beschreiben. 

Die Gesellschaften des Westens werden als Kollektivum der Einzelnen begriffen

Eine Kultur, die sich in variablen, unstetigen Gemeinschaften nach individuellen Bedürfnissen oder Parallelgesellschaften zusammenfindet. In solchen Gesellschaften der Einzelnen wird das „Wir“ einer nationale Identität zur reinen Propagandaschau zum Zwecke partikularer Interessen. Dieses „Wir“ der „Guten“ ist eine ideologisch tödliche Giftmischung. Die Saga von der kulturellen Identität des Westens und seiner Werte schließt logisch andere Gesellschaften aus, die nicht dem Paradigma des Westens entsprechen. So spricht z.B. Huntington noch davon, dass es keinen „Kulturkreis“ in Afrika gebe, weil dort Stammesgesellschaften existierten. Der kulturelle Rassismus verbirgt sich hinter der Propaganda universeller westlicher Wertgemeinschaft der „Guten“, die offen von den bösen Russen und ihren staatlichen Repräsentanten unverhohlen als neuen Hitler und Massenmörder bezeichnen und Staaten moralisch als „Staaten des Bösen“ titulieren. 

Der Rassismus ist nur allgemeiner geworden als die faschistische Propaganda von der Identität des „deutschen Volkes“. Identitätspolitik, zumal sie als Weltpolitik auftritt, hat stets den Anspruch auf Totalität. Da sie auch affektiv geladen, eignet sie sich zum Kampfbegriff. Huntington spricht vom „Kampf der Kulturen“. Auch Spengler begreift Kultur als „unausweichliches Schicksal“. Als politischer Kampfbegriff stellt der Begriff der westlichen Zivilisation ein Ergänzung zum Nationalismus dar.

Mit Kultur als „moralisches Umfeld für eine gewisse Anzahl von Nationen, wobei jede nationale Kultur nur eine Ausprägung des Ganzen ist“, lässt sich trefflich außenpolitisch geprägte „Weltpolitik“ betreiben und die Bevölkerung für den Krieg mobilisieren. Da steht „der Russe“ schon vor der Tür, da rollte die „gelbe Gefahr“ auf „uns“ zu, da ist der Islam eine terroristische Religion, das Judentum eine Weltverschwörung etc. etc.  

Die Hypokrasie dieser Propagandaphrasen christlich-bürgerlicher Kultur offenbart die historische Realität des (Neo)Kolonialismus- und Imperialismus a la USA und des europäischen Westens in der Nachkriegszeit und des Rassismus und Antisemitismus in den bürgerlichen Gesellschaften. Westliche Politiker wundern sich, wenn ihnen in vielen afrikanischen Staaten von afrikanischen Politikern blank ins Gesicht gesagt wird, von der Propaganda der Menschenrechte habe man genug, ebenso von der Belehrung, was Demokratie heiße. 

Die „Kultur des Westens“ löst nicht die Probleme der Weltbevölkerung, sondern ist Teil des Problems. 

Eine erfolgreiche Weltpolitik muss auf Multipolarität, Kooperation, Komparabilität, auf Austausch auf gleicher Augenhöhe gründen sowie  die staatlichen Interessen und die Interessen der Weltbevölkerung miteinbeziehen. Sie muss sozial, umweltfreundlich, friedlich sein. Ändert sich die Weltpolitik des Westens nicht, so droht tatsächlich ein „Crash of Civilisation“   mit fürchterlichem atomarem Ausgang.

Die Organisation der BRICS-Staaten und die durch sie zu schaffende neue Weltordnung stellt momentan die einzige kraftvolle Hoffnung dar, ein Armageddon zu vermeiden und die Probleme der Weltbevölkerung langfristig zu lösen. Politiker wie der ukrainische Außenminister im Beisein des us-amerikanischen Außenminister Blinken sprechen schon vom Beginn eines III. Weltkrieges. Wenn der „freie Westen“ in der Ukraine nicht siegen sollte, wo sollte er dann noch einen siegreichen Krieg führen wollen.         

„Völker hört die Signale…“           

Mystischer Spirit und sozialer Realismus

Die Ich-Philosophie ist eine Philosophie der individuellen Freiheit. Sie spiegelt den revolutionären „Zeit-Geist“ bürgerlicher Aufklärung wieder, die sich gegen politische und ökonomische Beschränkungen und Zwänge der Anciens Régimes richtete. Merkantilistische Handelspolitik und kameralistische Wirtschaftspolitik behinderten die bürgerlichen Geschäfte und Investitionen in einer aufstrebenden Marktwirtschaft zu einem alle Gesellschaftsbereiche umfassenden System von Märkten. Sie hemmten damit auch den Ausbau des Industriekapitalismus. 

Rechtsphilosophisch mutiert der individuelle Freiheitsgedanke zu einem „Naturrecht“ , das entweder metaphysisch durch einen (christlichen) Schöpfer oder durch die „Vernunft an sich“ sanktioniert worden sei. Die us-amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 erklärt, dass alle Menschen gleich erschaffen worden seien, „dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“  Schon bei John Locke (1632-1704), englischer Investor und Philosoph des Liberalismus, finden diese bürgerlichen Rechte Erwähnung.

Im Deutschen Idealismus gibt Kant (1724-1804) den moralisch – ethischen Rat: „Bestimme Dich aus dir selbst.“ Eine Abwandlung des eher praktischen, liberalen aus England stammenden Rat: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Man mag leicht über den inhaltlichen Unterschied hinwegsehen, aber deutsche Idealisten waren schon stets von Moralin getränkt. Wer diesem Rat nicht folgen wolle oder könne, sei „unmündig“ , so Kant, und entspreche nicht dem eigentlichen Wesen des Menschen. Kants Imperativ gilt unbedingt. Wer Kants Rassenlehre aufmerksam liest, wird feststellen, dass seine metaphysisch begründete Anthropologie den weißen Europäer meint, den Typ von Mensch, der dem  der „idealen Natur“ des Menschseins am nächsten komme. Die „Rasse der Neger“ (Kant) kommt in seiner Rassenskala ganz unten vor. Friedrich Schiller, ein Verehrer Kants und Deutschlands Kunstheroe, ruft euphorisch: Selbstbestimmung!

Was der geistiger Natur antinomisch entgegensteht, die materielle Natur der Körper, begreift Kant als ein „Ding an sich“. Etwas, was das Wesen des Dings angeht, ist für den Geist des Menschen unerklärlich. Dieser philosophische Dualismus, aus der Philosophie der Griechen entlehnt, prägt das Denken der Intellektuellen in Europa, gerade in der Zeit der philosophischen „Aufklärung“.

Auch aus „objektiver“ Sicht des Idealismus wird G.W.F. Hegel (1770-1831) diesem Urteil zustimmen.

Hegel steigert diese Abstraktionskunst ins Unermessliche, indem er die Differenz zwischen Wissen und Ding in einem dialektischen Entwicklungsschritt „aufhebt“, wie er sagt. Und zwar im Begriff der „Sache“. Die materielle Natur der Dinge oder Objekte wird durch den Verstand „aufgehoben“, oder man kann auch sagen „subjektiviert“. Der Großmeister und Hohepriester des bürgerlichen Idealismus versucht in einem identitätsphilosophischen Ansatz aufklärerische und kritische Positionen unter Einbeziehung einer geistes-geschichtlichen  Betrachtung und des bürgerlichen Naturrechts sowie der Theorie der bürgerlichen Gesellschaft mit Hilfe eines systematisch logischen Konzepts nachzuweisen, dass es eine Identität von „konsequent durchdachtem Begriff“ und der „Realität“ gibt. Der Begriff wird zum Demiurg des Wirklichen. Logik zur Ontologie. Die Differenz zwischen Wissen und wahrgenommenem Objekt aufgehoben: Tat-Sache, im Sinne: „so erkenne ich es, so ist es“. 

Diesem „objektiven Idealismus“ liegt nicht ein individueller Geist zugrunde, sondern das Postulat eines absoluten Geistes. Diese Substanz oder geistige Totalität durchwirkt die Menschheitsgeschichte und äußert sich in der Religion, in der Kunst und im Staate. In der Hegelschen Rechtsphilosophie (1821) umfasst dieser absolute Geist a. das „abstrakte Recht“, das sich über den Begriff der Sache als Eigentum aufgrund von Vertragsschlüssen herstellt, b. die Moralität des subjektiver Geistes und c. die Sittlichkeit als ein Komplex von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat.

Dem Hegelianischen Identitätsansatz folgten nicht nur seine Adepten (Rechts-und Linkshegelianer am Anfang des 19. Jahrhunderts), sondern auch die Crème de la Crème der deutschen Philosophie von der Romantik bis zum existentialistischen Furor im 20. Jahrhundert.  Aus dieser Philosophiegeschichte des deutschen Geistes, der „Deutschen Ideologie“, sticht allein Karl Marx (1813-1883) heraus. Der junge Marx setzt sich in seiner Schrift „Deutsche Ideologie“ am Anfang des Buches mit Ludwig Feuerbach (1804-1872) kritisch auseinander, indem er dessen „anthropologischen Materialismus“ grundsätzlich kritisiert, der die „Ich-Philosophie“ im Sinne einer Philosophie der Kommunikation  zu erweitern versuchte.

Zuvor möchte ich eine Einordnung des philosophischen Materialismus vornehmen, der sich als anderes Extrem bürgerlichen Denkens vom Idealismus unterscheidet. 

Die moderne Naturwissenschaft, die grundlegende und wirkliche Aufklärung, bewirkte einen Umbruch in der Weltsicht. Sie wurde zuerst als „neue Philosophie“ (Newton) und als Widerpart zur herrschenden Theologie und des verbreiteten Idealismus verstanden. Da die Physik eine mechanische Erklärung der Naturphänomene vornahm, verband sich der philosophische Materialismus mit der Mechanik der damaligen Physik. Dieser „mechanische Materialismus“, der alles Organische und Geistige kausal aus der Substanzidee des Materiellen ableiteten will (Reduktionismus), fand seine Väter in Hobbes und den Enzyklopädisten (d’Holbach, La Mettrie). Er sah seinen Konterpart im Atheismus. In Deutschland vertraten L.Büchner, Ch.Vogt und Moleschott einen philosophischen Materialismus.

Der philosophische Materialismus muss deutlich von der Naturwissenschaft durch seine Methodologie unterschieden werden. Er ist auch nicht aus der modernen Naturwissenschaft entstanden. 

Ludwig Feuerbach schreibt: „Ich gehe…bei der Frage von Realität und Objektivität der Sinne nicht vom Ich gegenüber dem physikalischen und natürlichen Ding aus, sondern von dem Ich, welches außer sich und sich gegenüber ein Du hat, und selbst gegenüber einem anderen Ich ein Du, ein selbst gegenständliches sinnliches Wesen ist. Und dieses Ich ..ist …das wahre Ich, von dem ich in allen Fragen ausgehen muss…(…) Ich ist die Wahrheit des Denkens, aber Du ist die Wahrheit der Sinnlichkeit. Was aber vom Menschen dem Menschen ist, das gilt auch von ihm der Natur gegenüber. Er ist nicht nur das Ich, sondern auch das Du der Natur.“ (Brief an J. Duboc vom 27. 11. 1860, in: Gesammelte Werke, Bd. 20, Berlin 1995, 310-312) Sowohl der physiologische als auch der philosophische Idealismus der Ich-Philosophie sei eine Selbstbefriedigung der jeweiligen Philosophen, ohne objektive Bedeutung. 

Feuerbach, selbst im Denkkäfig des Ichs gefangen, sieht in der Sinnlichkeit, dem Du und der Natur gegenüber die Wahrheit verborgen. Interpersonalität und Sinnlichkeit definieren das Wesen des Menschen. „Feuerbach lieferte einen Ansatz, das Wirkliche nicht als Materie im Sinne eines bloßen Substrats, sondern als das tätige Gegeneinander zweier Subjekte respektive als wechselseitiges Subjekt-Objekt-Verhältnis zu denken. Doch die Tätigkeit reduziert sich bei ihm auf die Liebe, d.h. auf eine unmittelbare sinnliche Empfindung…Feuerbachs Tätigkeit schafft keine Objektivität.“ (Renate Wahsner, in: Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert, Der Materialismus-Streit, Meiner Verlag 2007, S. 90)

Der junge Marx knüpft in der „Deutschen Ideologie“ an das tätige Ich-Du-Verhältnis, an den „anthropologischen Materialismus“ Feuerbachs an. Im Gegensatz zu Feuerbach geht er nicht vom einzelnen Individuum aus, sondern von „wirklichen Menschen“, mit anderen Worten von „ihren Aktionen und materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten.“ (MEW, Bd.3, 17) Wirkende Menschen arbeiten zuvörderst ökonomisch gemeinschaftlich (kommun) und arbeitsteilig in einer Gesellschaft unter gegebenen materiellen, kulturellen und institutionellen Bedingungen, die in der Menschheitsgeschichte unterschiedlich sind. Sie reproduzieren ihr Leben im Rahmen spezifischer, historisch unterschiedlicher ökonomischer, sozialer und politischer Formationen und materiellen Bedingungen (Rohstoffverfügung, Technik, Technologie, Arbeitsmittel, Energien etc.) Marx geht von den empirisch feststellbaren Tatsachen aus. Er verbindet Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Geschichte der Naturwissenschaft, Kulturgeschichte der Menschen. Er nennt diese Methode „Historischer Materialismus“. „Die Voraussetzungen… sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann… Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ (MEW, Bd.3, 20)

Anhand empirisch erfasster Tatsachen untersucht er die Strukturen und Elemente der ökonomischen Basis. Die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Marx) In der Deutschen Ideologie vergleicht er noch die Eigentumsformen und typisiert sie. Er spricht von Stammeigentum, Gemeineigentum in den Städten durch Vertrag oder Eroberung (siehe Athen), vom feudalen oder ständischen Eigentum oder korporativem Eigentum in den Städten, gleichsam die feudale Organisation des Handwerks, vom Privateigentum an den Produktionsmitteln in der bürgerlichen Gesellschaft. 

„Bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muss in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion und ohne Mystifikationen und Spekulation aufweisen.“ (25) Später untersucht er die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ ( seiner Zeit) in seinem Hauptwerk >Das Kapital<. Am Anfang steht die Untersuchung der Marktkategorien  Ware und Geld, der Wertproduktion auf Grundlage der Arbeitswerttheorie und der Preise. Auch die Vorstellungen und Ideen seien verflochten in die materiellen Tätigkeiten und in den Verkehr der Menschen – in der kapitalistischen Produktionsweise und der kapitalistischen Marktkonkurrenz, „der wirklichen Sprache des wirklichen Lebens.“ (26) „Das Bewusstsein kann nie etwas Anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess.“ (26)

In der Deutschen Ideologie entwickelt er ein empirisch wissenschaftliches Programm – eine materialistische Auffassung der Geschichte, die sich fundamental vom Geist des Idealismus und Materialismus unterscheidet. Marx ist kein Geschichtsphilosoph, der von determinierten Geschichtsabläufen spricht. Der Historische Materialismus ist eine Theorie, die „durch ständige Selbstkorrekturen im Fluss befindliches und unabgeschlossenes Unternehmen“ gekennzeichnet ist. (Andreas Arndt, a.a.O. S.260) So begreift Marx z.B. den Kommunismus nicht als einen Zustand oder als ein Ideal, das zu erreichen ist, „wonach die Wirklichkeit  sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzigen Voraussetzung.“ (35) Der Kommunismus könne weder lokal noch national begriffen werden, sondern sei „empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker und dem mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr“ vorstellbar. 

Vergleicht man, was der „Marxismus“ und seine Adepten in der Nachfolge von Marx verzapft haben, dann kann man Marx nur zustimmen, als er von einem Journalisten gefragt wurde, ob er ein Marxist sei, und antwortete, „Nein, ich bin Marx.“         

Der moderne Zeit-Geist des „Westens“ liest sich indes wie folgt:

We are the lonely and only one

We are free to think, to decide and to do it what we want – we are freedom men

Wir sind Eigentümer, Investoren, Unternehmer und Welt-Bürger

We are masters of universe

We live in God’s own land

Wir sind prädestiniert, weiß und allmächtig

                     „We are living in a ghost town“

                      wo Rassismus und Eugenik

                      wachsen und gedeihen können,

            wo es gute Waffen und gerechte Kriege gibt

               The West is the best and the good ones

Die „Internationale“ des Neoliberalismus und Neokonservatismus vereinigen sich und schaffen eine neue Form des Faschismus, in einer Zeit, in der die südliche Hemisphäre unter Führung der BRICS Staaten den Hegemon USA und seiner westlichen Vasallen ökonomisch in Frage stellen.   

Jedem Liberalen von „altem Schrot und Korn“ und Verfechter der Menschenrechte ist das Buch von Vincent Bevins Die Jakarta Methode, wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt, Papa Rossi Verlag, zu empfehlen !!! 

Zur Kulturgeschichte des Bürgerlichen in Europa 

Zur Vorgeschichte des Bürgerlichen:

Staatlichkeit ist Produkt schon stratifizierter Agrargesellschaften  mit sich entwickelnden Ständestrukturen, die Stammesgemeinschaften und Häuptlingsreiche auflösen.  

Sie bildeten sich und waren notwendig, wenn landwirtschaftliche Produktivität ein gewisses Maß an Mehrproduktion erreicht hat. Diese über den sich je nach Produktivitätsstandard verändernden täglichen Bedarf hinausweisende Mehrproduktion musste gelagert, verwaltet, verteilt und nach innen und außen verteidigt werden. Im Vergleich zu großfamiliären Agrargemeinschaften, deren Schutz auf der flüchtigen Macht von Häuptlingen beruhte, gewährte die Institution Staat, wenn auch oft kurzfristig, doch eine größere Stabilität hinsichtlich Bewahrung und Förderung der ökonomischen und damit der gesellschaftlichen Sicherheit, weil das Gewaltmonopol militärische Macht in der Regel konzentriert war (auch wenn z.B. im europäischen Feudalismus  das Gewaltmonopol in Form von Lehen auf aristokratische Familienclans aufgeteilt wurde). Der Alleinherrscher herrschte diktatorisch. Der Monarchen nahm eine Richterposition bei Handlungskonflikten ein. Der Monarch war auch „Obereigentümer“ über Grund und Boden, eine Gewährleistung für den Reichtum und Macht der Herrschenden.

Landbesitz erfordert Recht und Rechtsschutz. Allein politische und militärische Macht konnte dies gewährleisten. Die Grundlage für politische und militärische Macht lag wiederum im Eigentum an Grund und Boden. Politische Macht äußerte sich im Königtum und im Aufbau bürokratischer Macht. Die Stadtstaaten und „Dynastienstädte“ in Mesopotamien waren Verwaltungsmittelpunkte mit landwirtschaftlichen Außenstellen und Bewässerungsoasen.

Jene, die das Gewaltmonopol ausüben, benötigen eine Legitimation, die im Laufe der Staatengeschichte und ihrer unterschiedlichen und verschiedenen Repräsentanten aufgrund unterschiedlicher Wirtschaftsweisen und gesellschaftlicher Verhältnisse differiert und von einer Priesterschaft bewahrt und verkündet wird. Grundsätzlich führen Monarchen und ihre gesellschaftliche Basis, die Aristokratie, ihre Legitimation auf Mythen und Religionen zurück. Auch die monotheistischen Religionen entstammen Agrargesellschaften.

Zum Begriff ‚Bürger‘

Im Gegensatz zum Griechentum, dass bürgerliche Freiheit nur im Zusammenhang mit dem Stadtstaat, der Polis, gedacht und im Verbund mit ihm gelebt werden könne, weil allein durch die Polis  Sicherheit und die materiellen Voraussetzungen  bürgerlicher Freiheit gewährleistet werden könne, fokussiert die liberale Rechtsauffassung den Freiheitsbegriff auf den >Einzelnen<. Individuelle Freiheitsrechte richten sich gegen einen Staat, der nicht im Interesse bürgerlicher Freiheiten handelt.  Diese Transformation der Idee von Freiheit ist einer neuen wirtschaftlichen Verkehrsweise der „freien“ Marktwirtschaft geschuldet. 

Das „Bürgerliche“ ist nach Kant ein rechtlicher Zustand, der von einzelnen untereinander aus einem gemeinsamen Willen heraus verbunden mit einem gemeinsamen Interesse entstanden ist. 

Den Rechtszustand nennt Kant (1724-1804) Staat (civitas) oder „gemeines Wesen“ (res publika ). Bürger kann sich demnach derjenige nennen, der als einzelner einen Rechtsstatus inne hat. Dieser Rechtsstatus setzt das Individuum in seiner jeweiligen Besonderheit in der fingierten Figur der Person mit anderen Personen gleich. Das Rechtsprivileg liegt in der Gleichheit der Person vor dem Gesetz. Diese Person ist ein „citoyen“. 

Neben diesem Rechtsstatus der Person schreibt Kant dem Staatsbürger noch weitere Eigenschaften zu. Ein Bürger sei nur „derjenige, welcher das Stimmrecht in dieser Gesetzgebung hat.“ Diesem politischen Recht liege aber eine erforderliche Qualität zugrunde: „Das Eigentum, welches ihn ernährt.“ 

Die liberale bürgerliche Gesellschaft ist demnach ein Rechtszustand der Eigentümer.

Dieser Zustand ist ein Zustand, „durch welchem jedem das Seine nur gesichert, eigentlich aber nicht ausgemacht und bestimmt wird.“ (Rechtslehre Teil I. § 9) 

Nur als Person kann der Staatsbürger einen  Vertrag schließen. Aus diesem Grund kann die Erwerbung einer Sache in der bürgerlichen Gesellschaft nur „peremtorisch“ (aufhebend) sein.

Außerhalb dieses bürgerlichen Rechtsstaates sei der Mensch ein „bloßes Werkzeug der Willkür eines anderen (entweder des Staates oder eines anderen Staatsbürgers).“ (Rechtslehre Teil II Allgemeine Anmerkung von den rechtlichen Auswirkungen aus der Natur des bürgerlichen Vereins, Abschnitt D) Die rechtlose Person ist Tagelöhner, Frau, ansässiger Untertan, Sklave u.dgl. „Ohne alle Würde kann nun wohl kein Mensch im Staate sein, denn er hat wenigstens die des Staatsbürgers.“ (Kant)

Kants Rechtsphilosophie  in der >Metaphysik der Sitten< (erschienen 1797) schließt die Mehrheit der Staatsbevölkerung seiner Zeit aus dem Rechtszustand der „bürgerlichen Gesellschaft“ aus. Sie stellt eine Korrelation zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht der Eigentümer in einer kommerzialisierten Marktwirtschaft her. Ein Blick auf eine kapitalistische Produktionsweise ist ihm im beginnenden Industriekapitalismus verwehrt, der einen vertraglich gebundenen Arbeitsmarkt für die Lohnarbeit zur Voraussetzung hat und den Lohnarbeiter als Person und Eigentümer seines Entgeltes anerkennen muss. 

Antinomisch zu dieser liberalen Rechtsphilosophie steht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Bürger als „Bourgeois“ im Sinne des einzelnen Unternehmers, der allein seine kommerziellen und kapitalistischen Interessen als Eigentümer vertritt. Karl Marx nennt diesen Typus einen „vereinzelten Einzelnen“ , weil er gesondert vom Rest der Bevölkerung allein sein persönliches Interesse verfolgen muss, will er auf dem Konkurrenzmarkt überleben. Aus dem Begriff des Bürgers als Bourgeois ist ein Klassenbegriff geworden.

Kants Kriterien, was einen „bürgerlichen Rechtszustand“ ausmache, lassen sich auch auf den attischen Stadtstaat übertragen. Nur in einem wesentlichen Unterschied nicht.

 Der attische Stadtstaat kannte keine individuellen Grundrechte. Daher kann die attische bürgerliche Gesellschaft nicht als liberale bezeichnet werden.

Als Rechtsperson war man nur frei im Rahmen der Herrschaft des Rechts und durch die Teilnahme im Entscheidungsprozess privater und öffentlicher Angelegenheiten. Nicht dem Einzelnen wurden individuelle Grundrechte gegenüber staatlicher Organisation gewährt, sondern die Polis gewährte bestimmten Personen individuelle Rechte. Rechtsperson war der männliche Grundeigentümer, dessen Vorfahren schon immer Grund und Boden in Attika besaßen. Die Regierungsformen der Demokratie und Oligarchie  änderten sich stets nach politischer Macht und Lage resp. politischer Opportunität aristokratischer Großgrundeigentümer. 

Da auch der Außenhandel vom Staat organisiert wurde, der zumeist von Nicht-Bürgern (fremden Metöken oder unter zur Hilfenahme von Sklaven) betrieben wurde, entstanden schon im 5. Jahrhundert Übereinkünfte zwischen Staaten (symbola), die für rechtmäßige Verfahren bei Auseinandersetzungen jeder Art zwischen zwei einzelnen Personen sorgten. (Finley, Die antike Wirtschaft, dtv. Wissenschaft, S. 193) Später wurde auch ein „Handelsverfahren“ (dike emporike) eingeführt, das „der schnellen Regelung von Streitigkeiten diente, die während der für die Schifffahrt günstigen Jahreszeit durch die in Athen getätigte Handelsgeschäfte (und nur diese) entstanden. Handelsverträge wurden nur unter den Staaten geschlossen. Der attische Stadtstaat kannte keine Konkurrenzmärkte und kein überschüssiges Geldkapital. Geld funktionierte als Tauschmittel und Zahlungsmittel, da die Märkte „eingebettet“ (Polanyi) waren in das Wirtschaftssystem der Hauswirtschaft (ökonomia), in der nicht für den Markt, sondern für die materiellen Bedürfnisse der Grund- und Bodeneigentümer und ihrer Familien produziert wurde. Innerhalb des „Hauswesens“ war der männliche Grundeigentümer eine freie Person. Er allein war Bürger Athens und genoss persönliche Freiheitsrechte. Freiheit war nur im Verbund der Gemeinschaft in Familie, Dorf oder Polis zu denken und konnte nur durch diese gelebt werden. Der Mensch sei ein >Zoon politikon< (Aristoteles). Der Einzelne im Gegensatz zur Gemeinschaft der Polis wurde als „Idiot“ ( gr.  idiotes ) bezeichnet. 

Auch Kant beschreibt in seiner Rechtslehre Teil I §22 , dass das häusliche Recht auf der Erwerbungsart des Bodens gegründet sei, die weder durch eigenmächtige Tat, noch durch bloßen Vertrag ( pacta ), sondern durch das Gesetz zustande komme, „weil es kein Recht in einer Sache, auch nicht ein bloßes Gesetz gegen eine Person, sondern auch ein Besitz derselben zugleich ist, ein über alle Sachen- und persönlich hinausliegendes Recht“ sei. Der Eigentümer „erwerbe sein Weib“, das Paar „erwerbe Kinder“, die Familie „Gesinde“. „Alles dieses Erwerbliche ist zugleich unveräußerlich und das Recht des Besitzers  dieser Gegenstände das Allerpersönlichste.“ So wie die individuellen Freiheitsrechte oder universellen Menschenrechte des Einzelnen. Es ist das „Recht der Häuslichen Gesellschaft“. (§24)

Nicht nur der „bürgerliche Rechtszustand“ des attischen Stadtstaates schloss Frauen, Fremde, Sklaven und andere „Nicht-Personen“ aus. Diese liberale bürgerliche Gesellschaft ist wie die attische bürgerliche Gesellschaft eine exklusive Gesellschaft. 

Die liberale klassische Rechtsphilosophie Kants beruht auf einem metaphysisch-idealistisch angenommenen methodischen Individualismus, der die Grundrechte des Einzelnen in einer vom Kommerz bestimmten Marktwirtschaft zur Grundlage der >Metaphysik der Sitten< hat. Neben der Rechtsperson des abstammungsgebundenen Grundeigentümers in Athen tritt der Typus  des individuellen Privateigentümers.        

Bürgerliche Kultur

Bürgerliche Kultur ist durch eine neue Abstraktionsweise der Ideenproduktion entstanden. Neben Religion und Mythos tritt Philosophie, die Weisheitsliebe, die nach dem Sinn des Lebens, den Ursprüngen des Denkens und Seins, dem Wesen der Welt, der Stellung des Menschen im Universum fragt. Im Unterschied zu der narrativen Erzählform des Mythos und der Religion argumentiert Philosophie rational auf Grundlage von Begriffsmustern. Die Rechtsperson der Rechtslehre Kants ist eine solche ideale Konstruktion. Nicht mehr Naturphänomene, Tiergötter oder Gott ähnliche Menschen oder anthropomorphe Götter, sondern  Allgemeinbegriffe – Universalien – werden als Axiome betrachtet. Ideen (gr.  idea: Vorstellung,Meinung; gr. idein erkennen, erblicken) )sind der Ursprung des Denkens und Seins. Sie heben die besondere Stellung des Menschen im Universum oder seine göttliche „Natur“ als geistiges Wesen hervor. Sein Geist und Denkvermögen ( Vernunft und Verstand ) beherrscht das Stoffliche, indem der Mensch plant und erkennt, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe). Der Geist ist universell in Raum und Zeit und außerhalb davon und unterscheidet sich grundsätzlich von der Endgültigkeit des Stofflichen in Raum und Zeit. Dieser Archetypus des philosophischen Dualismus von Geist und Materie, von Körper und Seele ist charakteristisch für die europäische Philosophie bürgerlicher Kultur, der auch  von der  christlichen Theologie adaptiert wurde (Platonismus uns Aristotelismus), da er auch das christliche Narrativ bedienen konnte. Dieser Dualismus erfordert die begriffliche Methode der Dialektik. 

Diese neue Abstraktionsweise ist aus der Anfangsgeschichte der griechischen Philosophie hervorgegangen, in der die Naturphilosophie im Vordergrund stand und sich mit der Frage beschäftigte, woraus ist die Welt gemacht. Die Vielfalt der natürlichen Phänomene wurde ursprünglich aus einer einzelnen Einheit ( Urstofftheorie ) oder vieler Einheiten ( Pluralismustheorien, Vier Elementen Theorie oder Atomismus) kausal erklärt. Das Problem aber liegt darin, wie aus einer Einheit (z.B. Wasser, Luft, Feuer oder Erde), die nicht dual gedacht wurde wie später im Idealismus oder Materialismus, die Vielfalt der beobachtbaren Dinge erklärt werden könne. Aristoteles, der die „einseitige“ Sicht der Platonischen Ideenlehre kritisiert, hat dies mit Hilfe seiner Theorie der Metamorphose zu klären versucht, deren Grundannahme aber  auch der Dualismus von Form und Stoff war. 

Je nach Fragestellung sind in der Philosophiegeschichte unterschiedliche >Allgemeinheiten< – Universalien – in Stellung gebracht worden. In der Ontologie das „Wesen“, in der Naturwissenschaft respektive Naturphilosophie  deterministische „Naturgesetze“ der Kausalität, in der Ethik  das „Prinzip“, z.B. das Prinzip der Freiheit (im aufgeklärten Sinne das der Freiheit des Einzelnen), in der Erkenntnistheorie das der „Transzendentalen und Kategorien“, in der Rechtsphilosophie die Gleichheit der Menschen in der Person, in der Moral universelle normative „Werte“ , nach der man handeln soll. Die normativen Werte der Menschenrechte seien der menschlichen zweiten „Natur“, seiner Vernunft, gemäße Rechte und müssen deshalb an jedem Ort verteidigt und durchgesetzt werden. Sie seien unveräußerlich. 

Für die Ideologiegeschichte des Bürgerlichen ist gerade dieser Aspekt der Werte von außerordentlicher Bedeutung, weil er die „Great Transformation“ (Polanyi) zur Markt- und Geldwirtschaft ideologisch flankieren und die politische Macht der bürgerlichen Elite sanktioniert. Heute hat er wieder seine Hochzeit in der moralisch aufgeladenen Außenpolitik des „Westens“. 

Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Geldwirtschaft und Produktionsweise fand auch praktisch eine Transformation des Denkens und der Methoden statt. Physikalische und chemische Phänomene wurden quantifiziert und in formaler Sprache dargestellt.  Experiment und Messung treten an die Stelle des philosophischen Begriffs und Sinns oder des Schöpfungsaktes und der empirischen oder idealen Hypothese. „Hypothesis non figo“ (Ich mache keine Hypothesen) konnte Isaac Newton sagen.

Im Verlauf  kriegerischer Ausweitung des kapitalistischen Fernhandels und der Ausbeutung von Mensch und Natur in fremden Ländern durch private Unternehmungen und mit militärischer und finanzieller Unterstützung  von Stadtstaaten, absoluten Monarchien und Nationalstaaten weitete sich die internationale und nationale Arbeitsteilung aus. Eine neue Form der Marktwirtschaft entstand, ein Konglomerat von Konkurrenzmärkten, das das gesamte Gesellschaftsgefüge der europäischen Nationalstaaten durchdrang. Zuletzt entstand mit der so genannten Industriellen Revolution ein kapitalistisches Produktionssystem, dessen Arbeitskräfte durch einen Arbeitsmarkt rekrutiert wurden. Alte Marktordnungen und Hauswirtschaften verschwanden. Konkurrenzmärkte entstanden, die eine gesellschaftliche und juristische Individualisierung in Gang setzte.

In der Philosophie betritt ein neuer Typus die Szenerie. Die >Ich-Philosophie< erfindet den „vereinzelten Einzelnen“ aus der Sicht eines methodologischen Individualismus. Das „denkende Ich“ wird zur vorausgesetzten Allgemeinheit sowohl in der Ökonomie als auch in der Ethik, indem von den wechselseitigen Beziehungen zwischen Mitmenschen und Umwelt und den entstandenen Strukturen abgesehen wird.  Die Ökonomie wird „physikalisiert“ und „enthistorisiert“.  Das „bürgerliche Ich“ und seine kommerziellen Bedürfnisse werden zum Zentrum der Weltsicht und Lebensweise. Ein allmächtiger Universalismus europäischer „Wesen“ tritt in liberalen Erzählungen in verschiedenen Kostümen auf. Als >homo ökonomikus<, als planendes, schöpferisches und innovatives Wesen in der „National-Ökonomie“. 

Bürgerliche Teufeleien des Guten

Der Begriff der Nation wurde unterschiedlich gedeutet. Einerseits in den ökonomisch und politisch fortgeschrittenen Gesellschaften, andererseits in den weniger fortgeschrittenen Ländern wie den deutschen. Für jene, die unternehmerisch in einer sich vollständig gebildeten Marktwirtschaft tätig waren wie in England und später in Frankreich und unter der politischen Fuchtel des Ancien Regimes standen, als „politische Nation“. Sie waren es auch, die in der Regel zwar nicht die bürgerliche Revolution de facto erkämpften, aber aus der „Großen Revolution“ , die in ihrem Interesse lag, großen ökonomischen und politischen Nutzen zogen. In deutschen Landen hingegen, wo überkommene, alte politische und ökonomische Strukturen  das Leben der Menschen bestimmten, setzte man Nation mit Volk im Sinne von Abstammung gleich.

Dass dieser Mythos vom Ich nur vom weißen europäischen Mann erzählt wurde, jenem, der dem menschlichen „Wesen“ am nächsten stehe, macht nicht nur die Ikone des englischen Liberalismus, David Hume, deutlich, wenn er schreibt, die „Rasse der Neger“ sei, wie man empirisch erkennen könne, nicht in der Lage planend Industrie, Technik und Wissenschaft zu erzeugen, um weltweiten Handel zu betreiben. Die Rassenlehre I. Kants geht noch einen Schritt weiter. Kant versucht anthropologisch und metaphysisch nachzuweisen, dass Neger und Menschen anderer Kulturen mehr oder weniger zur  Zivilisation unfähig seien. Hegel stellt fest, nachdem er Neger als Tiere bezeichnet: „Wir verlassen hiermit Afrika, um späterhin keine Erwähnung mehr zu tun. Das ist kein geschichtlicher Weltteil, es hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen…“ 

Über zweihundert Jahre später scheint sich bei europäischen und angelsächsischen Eliten in ihrem Denken nicht viel verändert zu haben.

In der bürgerlichen Rechtsphilosophie und Ethik tritt diese Figur des autonomen Individuums als selbstbestimmendes und daher selbstverantwortliches Wesen oder Person auf, worin auch seine Würde resp. sein „Wert“ liege. Das Prinzip Freiheit des Einzelnen hat sich vollends von jeglicher sozialer, wirtschaftlicher und natürlicher Gebundenheit  entfernt.

Der Rassismus hat seine ideologischen Wurzeln im Versuch, die liberale und universelle Idee von der Würde und Autonomie des Einzelnen gegenüber der, auch und gerade von europäischen Unternehmern ausgeübten Praxis der Sklaverei ideologisch aufrecht erhalten zu können und den Widerspruch von Ideologie und Praxis einzuebnen. Über Jahrhunderte ist Sklaverei in Agrargesellschaften, wie Karl Marx schreibt, eine „ökonomische Kategorie“ gewesen.  Aristoteles stellt z. B. in seiner >Nikomachischen Ethik< Sklaverei in den Zusammenhang von Herrschen und Dienen. Manche Menschen seien schon von Geburt an Sklaven, weil sie weniger zu geistiger und planender Leistung in der Lage seien als andere. „Manche lebende Wesen weisen gleich bei ihrer Entstehung so große Unterschiede auf, dass die einen zum Dienen, die anderen zum Herrschen bestimmt erscheinen.“ (Hauptwerke, Kröner Verlag 1977, S. 290)  Die Ideologie des bürgerlich – liberalen Rassismus hingegen bewertet und klassifiziert Menschen nicht nach ihrer ökonomischen Nützlichkeit, sondern disqualifiziert, klassifiziert und entwertet ganze Kulturen und die in ihr lebenden Menschen.

Solche  Teufelei des Guten kennzeichnet auch den Antisemitismus , der sich kulturhistorisch aus dem Christentum   entwickelte. Er spielte im 19. Jahrhundert  eine zentrale Rolle, als es um die demokratische Republik und Einheit ging. Besonders manche Anhänger des protestantischen Christentums argumentierten gegen die Integration der Juden in eine Demokratie. (Siehe Marx-Bauer-Kontroverse) Juden, so Bauer, könnten nicht in die liberale Rechtsordnung eines neu zu schaffenden Rechtsstaates integriert werden wegen ihres eigenständigen Judentums, das über Jahrhunderte ihr Selbstverständnis gewesen sei und den Einzelnen bestimme. Aus diesem kulturellen Antisemitismus entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein rassisch-biologischer Antisemitismus durch die ideologische Zutat des Völkisch-Nationalen. Juden können nicht nur keine Bürger seien. Sie können es auch wegen ihres „anderen Blutes“ nicht werden. Sie seien eine minderwertige Rasse, so wie „Neger“, „Rothäute“, „Zigeuner“  oder „Slawen“. Nicht nur Nationalsozialisten auch der liberalen Demokratie verschriebene US-Bürger und Briten verübten Genozide.

Gerade in ökonomischen und politischen Krisenzeiten entwickeln sich Phantasien der Allmacht bei jenen, die am ärgsten von der Krise und in ihrem Alltag betroffen sind. Die Ideologie des Faschismus nährt sich daraus. Er verkündet alle Sorten des Rassismus, den Antisemitismus und Nationalismus, je nach Gebrauchssituation. Rassismus ist eine ideologische Ausgeburt bürgerlicher Gesellschaften.  Andere Ausläufer dieses unsäglichen kulturellen Rassismus richten sich gegen Sinti und Roma, Muslime und gegen Russen  in neuer kriegsgeschwängerter Zeit. Der Preisträger des Deutschen Buchhandels kann z.B. unwidersprochen in der Paulskirche, dem Geburtsort der deutschen Demokratie, von „russischen Horden“ sprechen. An anderem Ort spricht er von „Tieren“ und „Unrat“.  „Die Russen sind Barbaren, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten.“ Ein US-amerikanischer Senator meint, ein jeder ausgegebener Dollar sei eine gute Investition, Russen zu töten.

 Nun, Völkerhasser und Rassisten  sind eben  solche. Dass aber deutsche Leitmedien und ausgewiesene „Menschenrechtler“  den Preisträger des deutschen Buchhandels als „Friedenspreisträger“ prämieren, sagt viel übel das Verständnis von Menschenrechten dieser Leute und den Zustand unserer Demokratie aus. Ayn Rand, Ikone eines radikalen Liberalismus und Kapitalismus und in den USA von Eliten hoch verehrt, die Menschenrechte seien keine kollektiven Rechte. Sie alle knüpfen an den „Liberalismus“ der idealistischen Philosophie eines Kant und Hegels mit ihren Rassenlehren an. Solche Redeweisen werden auch gegen die von liberalen Demokraten ausgerufenen Feinde in aller Welt verwendet.  

Laut etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache leitet sich das Wort „Freund“ (Abstraktum Freundschaft) aus dem Wort „freien“  ( Abstraktum Freiheit ) ab. Byung-Chul Han hat auf diesen Zusammenhang und auf die  im Zuge bürgerlicher Kultur vollzogene Sinnesänderung des Wortes Freiheit aufmerksam gemacht, worunter unter Freiheit schon (seit Beginn der europäischen Aufklärung!)  individuelle Freiheit verstanden wird. Auf einer Veranstaltung in Heidelberg meinte er, diese individuelle Freiheit sei „das Geschlechtsteil des Kapitals, durch das sich dieses vermehrt.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Der Stoff aus dem wir sind

( von Fabian Scheidler )

                                Eine Kritik

               Dieser Buchtitel evoziert die Frage:

                          Was ist Materie?

Der Quantenphysiker und Nobelpreisträger 2022 Anton Zeilinger antwortet:

                    „Materie plus Information“ 

(A. Zeilinger, Einsteins Spuk, Teleportation und weitere Mysterien der Quantenphysik, Goldmann 2007, 13. Auflage S. 71)

Daraus setzt sich jedes beliebige Objekt zusammen, auch der „Stoff“. Elektronen spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zu Protonen und Neutronen sind Elektronen Elementarteilchen, während Protonen und Neutronen aus weiteren Elementarteilchen, den Quarks, bestehen. Elektronen unterscheiden sich von anderen atomaren Bausteinen darin, dass sie chemische Eigenschaften eines Elements bestimmen. „Ob ein Atom sich so verhält, wie Kohlenstoff oder Sauerstoff oder Wasserstoff sich verhalten, hängt von der Zahl der Elektronen ab, die den Kern umkreisen.“ ( 72 ) Die Elektronen umkreisen den Atomkern, wo die gesamte Masse des Atoms im Kern konzentriert ist. Die Masse des Atomkerns besteht aus zwei Arten von Teilchen, den positiv geladenen Protonen und den Neutronen, die keine elektrische Ladung haben. Die Elektronen hingegen sind negativ geladen und umschwirren den Atomkern. Ihre Bahnen bestimmen die Größe des Atoms. „Je kleiner die Masse, umso größer das Atom.“ (72 ) Alle Elektronen haben  dieselben elementaren Eigenschaften, und sie gleichen einander. Wenn man sie austauschen würde, entstünde „aus einem Hamburger keine Tasse Tee.“ Denn: „Neue Atome sind genauso oder hinreichend ähnlich angeordnet, wie es die alten waren. Diese Art der Anordnung ist einfach Information, die meinen Körper oder ein beliebiges Objekt darstellt.“ ( 73 ) 

                                       Daher: 

„Information ist der fundamentale Baustein des     Universums.“ ( 73 ) –     und nicht Bedeutung und Interpretation, wie Scheidler schreibt.

Zeilinger kommt zu dem Schluss: Der Hamburger braucht nur „einen Haufen Down-Quarks, einen Haufen Up- Quarks und einige Elektronen.“ Also drei verschiedene Arten von Teilchen, die durch ein elektronisches Feld miteinander verbunden sind. „Von ihrer Anordnung hängt ab, was wir vor uns haben. Wieder ist es Materie plus Information, woraus sich jedes beliebige Objekt zusammensetzt, und es läuft darauf hinaus, dass die Materie sehr einfach beschaffen ist: Sie hat nur drei verschiedene Bestandteile, Up-Quarks, Down-Quarks und Elektronen.“ ( 73 ) Die Information ist deshalb wichtiger als die Materie, weil die Materie immer dieselbe ist und die Anordnung der Teilchen Information ist. „Die Information sagt uns, wie all diese einzelnen Bausteine  relativ zueinander organisiert sind.“ ( 73 )

Zeilinger stellt die Frage: „Was ist wichtiger? Ist es die Materie, oder ist es die Information?“ Er kommt zu der Überzeugung: „Offensichtlich ist die Information darüber, wie die Quarks und Elektronen angeordnet sein müssen, und wie die Atome angeordnet sein müssen, … , wichtiger als Materie, aus der sich unser Objekt zusammensetzt.“ ( 73 )

Auch die Atomphysik hat, bildlich gesprochen, ein „Baukastensystem“, das auch einem mechanischem Programm der klassischen Physik zugrunde liegt. Durch Beobachtung mit Hilfe von Experimentaltechnik, durch systematische Untersuchung von Naturobjekten (Analyse) und Ermittlung der Bestandteile sind Atomphysiker zu diesem Wissen gelangt. 

Elektron ist das sich bewegende und wirkungsmächtige Teilchen, das um den Atomkern schwirrt. Da der Impuls das Produkt der Masse des Objekts mal seiner Geschwindigkeit ist, können wir nie gleichzeitig den Ort eines Objekts und gleichzeitig die Geschwindigkeit exakt bestimmen. „Anders ausgedrückt, wo ein Objekt ist und wie schnell es fliegt, kann nicht beides exakt bestimmt werden.“ ( 74 ) ( Heisenberg`sche Unschärfenbeziehung 1927)

Warum dieser kurze und rudimentäre Ausflug in die Quantenphysik aus berufenem Munde ?

Scheidler instrumentalisiert quantenphysikalische Forschung, die keinen methodologischen Gegensatz, sondern eine dem mechanischen Programm, wie z.B. das der „realistischen Auffassung Einsteins“, entlehnte widersprüchliche Erweiterung darstellt, zum Zwecke seiner naturphilosophischen Überzeugung, die sich stark dem so genannten Vitalismus annähert, der als Gegensatz zum philosophischen Materialismus im 19. Jahrhundert entwickelt wurde.

Scheidler ist der Auffassung, dass das mechanische Weltbild der Physik seit der europäischen Aufklärung eine Sicht erzeugt habe, die die „Verbundenheit“ des Individuums mit der Natur „verschleiert“ habe. Diese Sichtweise habe zu einer „technokratischen Ideologie“ geführt, die die Annahme hervorgerufen habe, Natur und das, was wir Geist nennen, seien getrennte Gegenstände (Objekte). (Materie-Geist-Dualismus) Das Weltbild eines mechanisch funktionierenden Materialismus bestehe aus einer kausalen Determination von Abläufen, deren komplexe Phänomene auf Vorgänge und Eigenschaften kleinster Bausteine der Materie, den Atomen, zurückgeführt werden. Kausalität und Reduktion seien die grundlegenden Faktoren des mechanischen Programms in den Naturwissenschaften der Physik und Chemie. Da in dieses Programm nicht reproduzierbare Faktoren als Ursache ausgeschlossen werden, bliebe das subjektive Erleben unberücksichtigt. Deshalb sei die mechanische Weltsicht, aus der Sicht der Quantenphysik, heute „unhaltbar“, obwohl sie „nach wie vor gesellschaftlich tief verankert und wirkmächtig sei.“ ( 138 ) Die Natur funktioniere nicht wie eine Maschine, der Körper sei kein „Automat“, um Descartes zu zitieren, sondern besitze ein Innenleben. Dieses Weltbild eines philosophisch gefasstem Materialismus sei keine „ehrliche Wissenschaft“ und „verdunkle“ mit seinen „einschläfernden Hypothesen“ die menschliche Erkenntnis. ( 52 ) Das neue physikalische Weltbild der Quantenphysik gehe von „Wahrscheinlichkeitswellen“ und „dunklen Kräften“ (?) aus. „Der Stoff, aus dem wir sind, ist keineswegs greifbarer geworden, sondern entzieht sich mit zunehmender Beobachtungstiefe immer weiter.“ ( 53 )

Ontologisch behauptet der Vitalismus, lebende Systeme haben andere „Substanzen“ oder „Kräfte“ als anorganische. Ihre Strukturen und Funktionen können nicht mit den Mitteln der Physik und Chemie erklärt werden. Kausalität, Messung und Experiment seien für biologischer Systeme unangemessen, so der methodologische Vitalismus. 

Auch auf konstruktivistische Reflexionen über die Wirklichkeit scheint sich Scheidler zu berufen. Auf die Frage, Was ist die Wirklichkeit und Was ist erkennen, antwortet der Begründer des so genannten >subjektiven Konstruktivismus< Humberto Maturana, dass die Welt mental konstruiert werde. Die Wirklichkeit ergebe sich aus der kognitiven Konstruktion unseres Gehirns, das die Umwelt nur als Objekt eines Subjekts perzipiert, so dass die Wirklichkeit nicht ohne Beobachter, d.h. ein denkendes und erkennendes Wesen existiert. ( Gilt das auch für Säugetiere?)  Die Umwelt ist, so wie wir sie wahrnehmen, eine Erfindung des Menschen ( von Foerster ). Schon pyrrhonische Skepsis, philosophische Hermeneutik bis hin zu theoretischen Physikern der Gegenwart haben einer atomistischen Abbildungstheorie und einem naiven Realismus bzw. Materialismus den ideologischen Kampf angesagt. Spätestens seitdem Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft Raum und Zeit als Anschauungsweisen menschlicher Erfahrung aus dem Bereich der absoluten Wirklichkeit in den der Phänomene zurückholte, spricht man von der Kopernikanischen Wende in der Erkenntnistheorie und damit von der Subjektivität der Wahrnehmung und der Unmöglichkeit einer objektiven Erkenntnis des  Dings an sich.

Dass Gehirne konstruktiv sein müssen, sowohl in ihrer funktionaler Organisation als auch in der Aufgabe, mit ihrem Organismus in ihrer Umwelt überleben zu können, ist nicht nur fürs menschliche Individuum von zentraler Bedeutung. Doch daraus wiederum zu folgern, die Wirklichkeit sei eigentlich geistiger Art und nur durch Bedeutung und Interpretation existent, scheint eine Ideologie zu sein, um im Sprachgebrauch Scheidlers zu bleiben.  

Zustimmend zitiert Scheidler Hans- Peter Dürr: „Der eigentliche Hintergrund der Wirklichkeit ist nicht materieller Art, sondern geistiger Art. Dass dieses Informationsfeld zu Materie geronnen ist, gibt uns die Möglichkeit, es von Außen zu sehen. Was wir sehen, ist die materielle Kruste des Geistes.“ ( 91 ) Und flugs sind wir wieder im altbekannten  Begriffsdualismus von Materie und Geist.

Für Scheidler ist das „Wesen“ des Lebendigen ein Prozess, in dem der „Stoff“ aus etwas „Urstofflichem“, aus Information, hervorgegangen ist, wobei er unter Information Bedeutung und Interpretation versteht. Er spricht von Ganzheiten. Mit anderen Worten von Vollständigkeit und Geschlossenheit, aus der die „Welt“ bestehe und die „im Prinzip das ganze Universum“ miteinander verbindet. Diese Ganzheiten stellten sich als ein „Netz von energetischen Beziehungen“, was die Quantenphysik herausgefunden habe, und aus „selbstorganisierten Ganzheiten“ dar, auf denen das Leben beruhe.

Demnach gibt es also zwei Ganzheiten: „Aus diesen Ganzheiten lassen sich nicht einzelne Teile beliebig herausreißen und kombinieren, ohne die komplexen größeren Gefüge zu zerstören.“  (141 ) Demnach gibt es noch ein metaphysisches größeres Gefüge, das Scheidler später den Kosmos, das geordnete Ganze, nennt. 

Durch die von Scheidler begrifflich bestimmte „technokratische Ideologie“ (worauf ich zum Schluss noch gesondert eingehen möchte) werde dieses „komplexe größere Gefüge“ zerstört.  Auf der Ebene lebender Systeme, den Zellen und großer Ökosysteme, organisiere sich „das Leben“ selbst. Leben sei durch „Bedeutung organisiert, nicht durch mechanische Stöße.“ ( 147 )

Der Physik Nobelpreisträger 2022 sagt: Die Atome, aus denen alle Objekte des Universums bestehen, seien Materie (Atomkern plus Elektron) plus Information, die sich durch die Anordnung der materiellen Teilchen ergebe. Die Erklärungen Dürrs und Scheidlers gleiten hinterrücks wieder in einen philosophischen Dualismus. Was Zeilinger hingegen zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass Information ein unterschiedliches Verhalten der Elementarteilchen beschreibt im Rahmen eines binären Codes von positiven und negativen Teilchen. 

Durch die „zwei Ganzheiten“ des Kosmos führt Scheidler den Begriff des Innenlebens lebender und nichtlinearer Systeme in die Argumentation ein. Der Materialismus könne dieses Erleben nicht erklären. Der Begriff der Materie habe sich indes radikal gewandelt, denn „es zeichnen sich die Konturen eines doppelten Rätsels ab, das in das Herz der neuzeitlichen Auffassung von der Natur reicht: Beide Seiten des Körper-Geist-Dualismus entziehen sich unserem Verstehen.“ ( 56 ) Scheidler führt uns hier eine neue Art einer romantischen Denkweise vor. 

Scheidler wendet sich nun der Wissenschaft vom Leben zu, wo die „Herkunft und das Wesen der Innenleben im Zentrum stehen.“ ( 56 )

Die moderne Biologie habe eine „neue Form von Kausalität“ entdeckt – eine „zirkulierende Kausalität“ der Selbstorganisation oder Selbststeuerung dynamischer Systeme (Feedback). Ein Faktor des kybernetischen Mechanismus sei das „negative Feedback“. Die Analogie zum Elektron scheint mir evident. Scheidler zitiert in diesem Zusammenhang einen Vertreter der Kybernetik,  Gregory Bateson: „Wir verlassen hier die ganze Welt, in der Wirkungen durch Kräfte, Stöße und Energieaustausch hervorgerufen werden. Stattdessen betreten wir die Welt, in der Wirkungen (…) durch Unterschiede hervorgerufen werden.“ ( 59 )

In diesem Zusammenhang noch einmal zur quantentheoretischen Aussage A. Zeilingers. Elektronen sind identisch, haben keinen Unterschied – das gilt auch für lebende Systeme. Sie unterscheiden sich von anderen atomaren Teilchen dadurch, dass sie chemische Reaktionen hervorrufen. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass Kybernetik eine Forschungsrichtung ist, die Systeme verschiedenster Art (biologische, technische, lerntheoretische oder soziologische) mit unterschiedlichem Erfolg auf selbständige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht. 

Im folgenden Zitat interferiert Scheidler, indem er sprachlich das System der Quantenphysik im Bereich der anorganischen Objekte mit dem der lebenden Systeme vergleichend verbindet. „Wie wir auf der Quantenebene durch ein verknüpfendes Feld verbunden sind,…, so sind wir überdies durch ein Netz von Bedeutungen und Interpretationen mit unserer lebendigen Mitwelt verbunden.“ ( 67 ) Ausschweifend erweitert Scheidler seine Überzeugung mit weiteren Beispielen. „Die Abspaltung der Natur als zu „beherrschendes Objekt“ sei ein „totales soziales Faktum“, das „alle Lebensbereiche durchzieht und strukturiert, von der Ökonomie, über Kultur und Wissenschaft bis hin zu den menschlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau.“  ( 151 )  Wow!! „Die Natur“ ( auch die der Frau oder des Mannes ) trete jedem (  von beiden ) stets als zu „beherrschendes Objekt“ gegenüber.  Verworren wird es, wenn Scheidler einen großen ideologischen Eintopf anrührt, in den er die Zutaten „Ausbreitung von kapitalistischer Wirtschaft“ , Sklaverei, mechanischem Denken, Hexenverfolgung und Geschlechterbeziehung hineintut und heuristisch nach Parallelen sucht. 

Nicht allein dies, auch die „Herrschaft des Geldes“ schneide die „Verbundenheit“ mit unserer Mitwelt ab. Sie mache uns glauben, „ich sei als souveränes, unabhängiges Individuum“ und habe von einem anderen „Wirtschaftssubjekt mit meinem Geld  meinen Computer gekauft.“ Das Geld nähre „die Illusion“, es gebe „so etwas wie isolierte Individuen.“ ( 137 ) Zum Zeugen seiner Wirrnis ruft er Karl Marx auf, der Geld als „Chiffre“ für gesellschaftliche Beziehungen gesehen habe. ( 138 ) 

Ich möchte Karl Marx in einem längeren Zitat sprechen lassen.

„Aus dem Akt des Austausches selbst ist das Individuum, jedes desselben, in sich reflektiert als ausschließliches und herrschendes (bestimmendes) Subjekt desselben. Damit ist also die vollständige Freiheit des Individuums  gesetzt: Freiwillige Transaktion; Gewalt von keiner Seite; Setzen seiner Mittel ( Geld w.r. ) , oder als  dienend, nur als Mittel, um sich als Selbstzweck, als das Herrschende und Übergreifende zu setzen; endlich das selbstsüchtige Interesse, kein Darübersteigendes verwirklichend; der andere ist auch als ebenso sein selbstsüchtiges Interesse verwirklichend anerkannt und gewußt, so daß beide wissen, daß das gemeinschaftliche Interesse eben nur in der Doppeldeutigkeit, Vielseitigkeit, und Verselbständigung nach verschiedenen Seiten der Austausch des selbstsüchtigen Interesses ist. (…) Wenn also die ökonomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte setzt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl sachlicher, der zum Austausch treibt, die Freiheit. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respektiert im Austausch, der auf Tauschwerten beruht, sondern der Austausch von Tauschwerten ist die produktive, reale Basis aller Gleichheit und Freiheit. Als reine Ideen sind sie bloß idealisierte Ausdrücke derselben; als entwickelt in juristischen, politischen, sozialen Beziehungen sind sie nur diese Basis in einer anderen Potenz…“  Der Akt des Austausches beinhaltet, dass sich die Austauschenden „als Gleichgeltende und zugleich als Gleichgültige gegeneinander“ wissen. Das Geld ist die Realisation des Tauschwertes und „die  Realisation dieses Systems der Freiheit und Gleichheit.“ (Karl Marx, Grundrisse S. 152-160) 

Das „Geld“ ist keine Chiffre, kein geheimes Zeichen für die Isolation von Individuen, sondern als allgemeines Äquivalent und demzufolge als Tauschmittel und Zahlungsmittel ein die Wirtschaftssubjekte verbindendes und den Stoffwechsel mit der Natur förderndes Mittel. Als konzentriertes Geldkapital in den Händen weniger, konkurrierender Kapitaleigentümer hingegen herrscht es über einzelne Bürger, über ganze Gesellschaften und Staaten und zerstört in seinem systematischen, durch Privateigentum an den Produktionsmitteln bedingten Akkumulationsprozess überdies die natürlichen Bedingungen menschlichen Lebens.    

                                      Nachtrag:

Die „Megamaschine“ der Kapitalakkumulation und ihre Profiteure konstituieren  kapitalistische Herrschaftsverhältnisse

Ideologie, so Scheidler, sei eine von Herrschaftsverhältnissen geprägte Denkstruktur. ( 139, Anmerkung )  Um welche Art von Herrschaftsverhältnissen handelt es sich? 

„Die technokratische Ideologie ist in diesem Sinne nicht einfach eine Ansammlung von Behauptungen, die sich widerlegen ließen, sondern eine Denk- und Handlungsstruktur…“ ( 139 ) Grundlage dieser Ideologie sei ein mechanisches Programm der Physik und Chemie. Im Verbund mit der „Herrschaft des Geldes“ sei eine Megamaschine geschaffen worden, die Natur und Gesellschaft zerstöre.

Scheidler macht für die konkreten, historisch nachweisbaren politökonomischen und sozioökonomischen Herrschaftsverhältnisse „mechanisches Denken“ aus ( wessen Denken ? Er nennt Locke, Newton u.a., die zugleich englische (!) Geldinvestoren waren). Mit Hinweis auf die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaft möchte er eine Denkweise der Verbundenheit des Menschen mit der Natur anschieben und die „Maske des Geldes“   ( wessen Maske ? ) herunterreißen, um „so das große Netzwerk menschlicher Beziehungen“ sichtbar zu machen:                          

                                            Folglich

                      Ideologiekritik durch Ideologie. 

   „Ideen bestimmen das konkrete  Leben menschlicher Individuen“

Marx hat einen anderen Begriff von Ideologie:

„Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man vom Bewusstsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewusstsein nur als ihr Bewusstsein. Diese Betrachtungsweise ist nicht voraussetzungslos. Sie geht von den wirklichen Voraussetzungen aus, sie verläßt sie keinen Augenblick. Ihre Voraussetzungen sind die Menschen (…) in ihrem wirklichen, empirisch anschaulichen Entwicklungsprozess unter bestimmten Bedingungen.“ ( Marx, Deutsche Ideologie )

In der Welt der Megamaschine und der Quantitäten, der Anzahlen, werde, fährt Scheidler fort, dem „Mess- und Zählbarem“ ein „höherer Realitätsstatus“ zugesprochen als den erlebten Qualitäten unserer Wahrnehmung.  Welchen Bereich meint Scheidler ? 

Sowohl Objekte der Außenwelt als auch die des Innenlebens, auch Gefühle und Empfindungen, sind zählbar und messbar. Im Bereich der Kommunikation unterscheiden sich Zahl und subjektives Erleben indes. Zahl, so Gottlieb Frege, „ist genau dieselbe für jeden, der sich mit ihr beschäftigt“ und existiert objektiv (= ist „vorhanden“, Scheidler 140) ,  d.h. unabhängig von Empfindung, Anschauung und Darstellung, vom Entwerfen innerer Bilder der Erinnerung, aber sie existiert nicht unabhängig von der Vernunft, so Frege in seiner Schrift „Grundlagen“. Insofern entstehen in „unseren Köpfen“ – objektiv – Zahlen und Empfindungen. Aber, über Zahlen, z.B. Preise, lässt sich unmissverständlich kommunizieren. Über Gefühle hingegen nicht. Zwischen diesen „Kopfobjekten“ und der Realität besteht eine fundamentale Diskrepanz.

Die Begriffe „technokratische Ideologie“ und „Herrschaft des Geldes“ verschleiern ihrerseits sozialökonomische Herrschaftsverhältnisse. „Das Geld“ herrscht nicht, sondern Kapitaleigentümer in unserer Gesellschaft mit dem Mittel des Geldkapitals und des Rechtstitels Eigentum. Wenn das Mittel > Technik< in der Auseinandersetzung mit Natur und Mitmensch und im Zusammenhang mit politischen und ökonomischen Interessen der Vorrang gegeben und propagiert wird, dass Technik allein dem Allgemeinwohl diene, dann ist diese Aussage eine ideologische. Technik als ein fundamentaler Faktor der Kultur ist im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformen in unserer Gesellschaft und kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft eine Ware und Kapitalgut. Die unter dem Begriff Technokratie gängige Lehre, die aus der USA stammt, bedeutet, dass der Technik einen Vorzug vor wirtschaftlichen und politischen Zwecken gegeben wird. Diese us-amerikanische „Technokratie“-Lehre ist deshalb ideologisch, weil sie absieht von eben dieser Gesellschaftsformation und ihren ökonomischen Zweck der Kapitalverwertung verschleiert.

Unter der begrifflichen Voraussetzung, dass Technik als zweckrationales Verfügen über Mittel und Folgen des Handelns über bezweckte und nicht bezweckte Eigenschaften der Produkte verstanden und im Verhältnis zur Naturwissenschaft betrachtet wird, ist Naturwissenschaft als angewandte Technik zu verstehen und erlaubt, Naturgesetze als Beschreibung erfolgreicher Experimentaltechnik aufzufassen im Rahmen eines Modells. Auch unter dem Aspekt gesellschaftlicher und politischer Beziehungen können z.B. Märkte und Staaten als technische Einrichtungen begriffen werden.

In Deutschland hat man sich leider daran gewöhnt, die Geschichte der Wissenschaften so zu schreiben, als wären sie vom Himmel gefallen.“  (Engels an Borgius, 25.1. 1894, in: MEW, Bd. 39, S. 205f.)

„Unter den ökonomischen Verhältnissen, die wir als bestimmende Basis der Geschichte der Gesellschaft ansehen, verstehen wir die Art und Weise, worin die Menschen einer bestimmten Gesellschaft ihren Lebensunterhalt produzieren und die Produkte untereinander austauschen (soweit Teilung der Arbeit besteht). Als die gesamte Technik der Produktion und des Transportes ist da einbegriffen. Diese Technik bestimmt nach unserer Auffassung auch die Art und Weise des Austausches, weiterhin die Verteilung der Produkte und damit, nach der Auflösung der Gentilgesellschaft, auch die Einteilung der Klassen, damit die Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse, damit Staat, Politik, Recht etc. Ferner sind einbegriffen unter den ökonomischen Verhältnissen die geografische Grundlage, worin auf diese sich abspielen, und die tatsächlich überlieferten Reste früherer ökonomischer Entwicklungsstufen, die sich forterhalten haben, oft nur durch Tradition oder vis inertiae, natürlich auch das diese Gesellschaftsform nach außen hin umgebende Milieu.  Wenn die Technik, wie Sie sagen, ja größtenteils vom Stande der Wissenschaft abhängig ist, so noch weit mehr diese Stand und den Bedürfnissen der Technik. Hat die Gesellschaft ein technisches Bedürfnis, so hilft das der Wissenschaft mehr voran als als zehn Universitäten. (…) Von der Elektrizität wissen wir erst etwas rationelles, seit ihre technische Anwendbarkeit entdeckt.

Wie im 19. Jahrhundert erzählt der „deutsche Ideologe“ Fabian Scheidler  seine Geschichte aus der philosophischen Höhe der Ideenbildung.

„Da… die Verhältnisse der Menschen, ihr ganzes Tun und Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte ihres Bewusstseins sind, so stellen die Junghegelianer konsequenterweise das moralische Postulat an sie, ihr gegenwärtiges Bewusstsein mit dem menschlichen, kritischen oder egoistischen Bewusstsein zu vertauschen und dadurch ihre Schranken zu beseitigen. Diese Forderung, das Bewusstsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen.“  (Karl Marx und Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S. 20, Dietz Verlag 1969)

Kritischer Einwand zum 1. Kapitel des Buches :„Der Stoff aus dem wir sind“ von Fabian Scheidler.

Das antike Griechenland bestand aus einem Sammelsurium von politisch unterschiedlich verfassten Stadtstaaten – ein„reines Laboratorium für Experimente.“ (Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes, Europa Verlag Zürich 6. Auflage S.206)

Grundlegend für alle Stadtstaaten war die >ökonomia< – die Hauswirtschaft.

„Die Gewohnheit, sich um die Bedürfnisse des eigenen Haushalts zu kümmern, wird vielmehr erst auf einem weit fortgeschrittenen Niveau der Landwirtschaft zu einem Merkmal des Wirtschaftslebens; aber selbst dann hat sie weder mit Gewinnstreben noch mit der Institution der Märkte etwas gemein. (…) Das Grundprinzip bleibt stets dasselbe, nämlich Produktion und Lagerung zu Befriedigung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gruppe.“ (Polanyi, The Great Transformation, Suhrkamp Wissenschaft, S.84)

Bürger der Stadtstaaten waren allein die Grundeigentümer; ob sie nur 1 ha. besaßen, wie die Masse der armen freien Bauern, oder aus einer aristokratischen Familie stammten, die mehrere Güter in Attika oder Grundbesitz z.B. in Athen besaßen. Nur Grundeigentümer durften sich Athener nennen.

Mit den freien männlichen Bürgern lebten noch andere Freie, Fremde und Zugezogene, die Metoiken (Mitbewohner), in Athen. Sie zahlten Steuern an die Polis und mussten einen Patron namhaft machen, um dort leben zu können. Je nach Zeitraum schätzt man ihre Anzahl auf ein Viertel der Bürgerschaft. Sie konnten kein eigenes Haus besitzen. Sie waren Händler auf den lokalen Gütermärkten oder Handwerker oder Freiberufler. Der Erwerb von Grundbesitz war ihnen untersagt. Einen Immobilienmarkt gab es nicht.

„Diese Mauer zwischen Landbesitz und liquidem Kapital war ein Hindernis im Wirtschaftsleben, doch da sie ein Ausdruck gesetzlich festgelegter und gültigen sozialen Hierarchie war, war sie zu fest begründet, als dass man sie hätte einreißen können.“ (Finley, Die antike Wirtschaft, dtv. Wissenschaft, S.47)

Die Hauswirtschaft war eine politisch festgelegte sozioökonomischen Institution, in der Geld, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielte und meist nur gehortet wurde. Im Vergleich zu Rom, wo die Kreditvergabe zu einem weit verzweigtem Netz entwickelt wurde, um vor allem politischen Einfluss zu gewinnen, hätte diese in den griechischen Stadtstaaten die Grundmauern der Sozietät eingerissen, egal ob sie tyrannisch, oligarchisch oder demokratisch organisiert gewesen waren. Das Kreditgeld, das für eine Geldwirtschaft von zentraler Bedeutung ist, spielte in der antiken Wirtschaft keine Rolle. In der antiken Geschäftswelt spielte niemals Kreditgeld in irgend einer Form eine Rolle. Geld war bare Münze, das gehortet, in Geldtruhen vergraben oder als zinslose Einlage bei „Banken“ gelagert wurde. Zahlungen wurde in barer Münze getätigt.

Die Hauswirtschaft betrieben zumeist Sklaven. Ausnahmen stellten die vielen kleinen freien Bauern dar, die allein auf die Arbeitskraft ihrer engen Familienangehörigen angewiesen waren. Sklaven waren Bedienstete, Arbeiter, Handwerker, Händler und im Bergbau tätig. Sklaven waren als „Werkzeuge“ (Aristoteles) wie jedes Vieh kaufbar. Ihre Anzahl lässt sich in verschiedenen Zeiten nur schätzen. „Die niedrige Schätzung von 20 000 Sklaven in Athen zur Zeit des Demosthenes (384-322) ergibt ein Verhältnis von Sklaven zu den Haushaltungen der Bürger, das nicht viel unter eins zu eins liegt.“ (Finley, 77) Das Lexikon der Alten Welt gibt die Gesamtzahl der Sklaven in Attika von ca. 80 Tausend an. „Besitzsklaven“ wurden nicht überall in den Stadtstaaten verwendet. Eine andere Form von Sklaverei, die überall in der antiken Welt eine „ökonomische Kategorie“ (Karl Marx) war, zeigt sich in Sparta. Heloten waren kein Eigentum der Bürger Spartas. Sie konnten Besitz ihr Eigen nennen, obwohl Grund und Boden den Bürgern Spartas gehörten. Ihre Aufgabe bestand einfach darin, das Land der Spartaner zu bestellen und ihnen in der Hauswirtschaft dienlich zu sein. – selbstverständlich ohne Entgelt oder Abgaben. Sie waren weder Besitzsklaven noch Leibeigene.

„Weder lokal begrenzter noch Fernhandel bedrohten in agrarischen Gesellschaften die Existenzgrundlage der Hauswirtschaft.“ (B.J.L. Berry, in: Finley, 29)

Nicht wenige Autoren blicken auf die Stadtstaaten der klassischen Zeit der griechischen Antike aus dem Blickwinkel einer Markt- und Geldwirtschaft. In seinem Buch >Der Stoff aus dem wir sind< vertritt Fabian Scheidler die These, Demokrit von Abdera (460-370v.u.Z.) aus Thrakien und die Urstoffphilosophen aus Lydien (Thales, Anaximander und Anaximenes) hätten in „der ersten durch kommerzialisierten Gesellschaft“ gelebt, in der Geld gegen Waren und Arbeitskraft getauscht worden seien.(26/27) Die „Koinzidenz von Raum und Zeit“ (?) bezüglich der „Erfindung des Münzgeldes“ und der von Demokrit erdachten Atomlehre sei erstaunlich und von der Forschung noch nicht erkannt worden.

Auf den Einwand, das Geld nicht gleich Münzgeld ist, dass es vor dem Münzgeld andre Formen wie (Edel)Metallbarren, Geld – Ringe aus Eisen, Kupfer oder Bronze gegeben hat, die dem Warentausch dienten, dass auch andere Gesellschaften Handel betrieben, auf diese Hinweise möchte ich hier nicht näher eingehen. Zur Zeit des Lydier König Krösus (560-547 Regierungszeit) „erfand“ man, so weit man weiß, die Prägung von Geld, also Münzgeld, weil es politisch gewollt war, Münzgeld als Geld für das Militär (Militärgeld) zu verwenden. („In dem Tempel von Didyma hat Krösus große Geldbeträge deponiert“ (Lexikon der Alten Welt,S.1630)) 

Die Geldform wurde der Marktgröße entsprechend und der Ausweitung des Handels angepasst. Scheidler und sein Bezugsautor Seaford übersehen, dass vor Krösus sämtliche archaische Königreiche Metallwährungen für die Bezahlungen von Steuern und Gehältern (siehe Militärgeld) verwendeten. Der Rest der Zahlungen wurde mit Naturalprodukten beglichen. (Redistribution) Das gilt für das alte China, die Königreiche Indiens oder auch für Babylon.

Interessant an dieser Argumentation ist, dass der Autor Scheidler Geld als „abstrakten Stoff“ begreift und ihn unter dieser begrifflichen Voraussetzung in Korrelation zur Atomlehre Demokrits (und Leukipps) setzt … Geld sei eine „unpersönliche und allmächtige Substanz, die den Hintergrund (?) lieferte für die atomistische Theorie eines abstrakten Stoffes.“ (27) Geld ist aber nicht das (Edel)Metall, also kein Stoff und auch keine „Substanz“, sondern eine über einen großen Zeitraum gewonnene gesellschaftlich vollzogene abstrakte Institution, wie man gleichwertigen Austausch von Gütern bewerkstelligen kann. Dazu muss es die Eigenschaften der Kommensurabilität und der Äquivalenz haben, um als Tauschmittel und Zahlungsmittel fungieren zu können. Zudem muss es entweder politisch oder gesellschaftlich als „allgemein“ anerkannt sein, um als Wertmesser den Tausch vermitteln zu können. Dem Wertmesser Geld muss eine vergleichbare Bemessungseinheit zugrunde liegen.

Aus der unzutreffenden These von der „Erfindung des Metallgeldes in Ionien“ eine Korrelation zur Atomlehre Demokrits  herzustellen, halte ich für mehr als gewagt, wenn nicht für irreführend. Auch die Schlussfolgerung, dass durch das Geld bzw. die Geldwirtschaft in der Antike (?)das „komplizierte Geflecht menschlicher Beziehungen zerschnitten“ worden und durch eine „Wettkampfarena“ ersetzt worden sei, kann ich nicht nachvollziehen, weil das durchgängig betriebene „Prinzip der Haushaltung“ (Polanyi) in den Stadtstaaten mit diesen Thesen nicht übereinstimmen kann. Erst die gesellschaftlich vollkommen durchdeklinierte Konglomeration von Märkten, die sich erst ab dem 16. Jahrhundert in England durchzusetzen vermochte, sind die gesellschaftlichen Phänomene der „Konkurrenzarena“ und des „vereinzelten Einzelnen“ (Karl Marx) zu beobachten. (siehe auch meine Blog Texte ) 

Philosophie der bürgerlichen Gesellschaft

          Der Begriff Liberalismus entstand im frühen 19. Jahrhundert. Er bezeichnet eine philosophisch begründete Weltanschauung aus der Perspektive eines freien Bürgers. Vor der Errichtung eines bürgerlichen Rechtsstaates war sie eine revolutionäre, nach der Errichtung eines liberalen Rechtsstaates eine das Staatssystem legitimierende Weltanschauung. Der Liberalismus umfasst sowohl einen erkenntnistheoretischen Aspekt, der das menschliche Subjekt als vernünftiges, weil mit Geist ausgestattetes und deshalb als selbstbestimmendes Ich auffasst, als auch ökonomische und politische Aspekte seines Tuns. Der Liberalismus wurde als ein das Leben des Menschen an sich umfassende Ideenkonstruktion von europäischen Intellektuellen entworfen. Die Freiheit des Einzelnen ist Grundprinzip dieser Lehre, die dem Menschen von Natur aus und universell zustehe. Dieses Freiheit – Prinzip steht als Antithese zur theologisch-monarchischen Lehre vom Königtum von Gottes Gnaden und der darauf gründenden Diktatur aristokratischen Grundeigentums gegenüber. John Locke (1632-1704), einer der Begründer des Liberalismus, betont in >Treatises of Government< 1690 das Naturrecht des Einzelnen auf Leben, Freiheit und Eigentum. Diese erste naturrechtliche Konstruktion individueller Menschenrechte richtete sich gegen die Einheit von königlicher Exekutive, Legislative und Judikative. Diese liberale Idee ist ein Fanal eines ökonomisch und politisch zur Macht gelangten Bürgertums, das sich als „politische Nation“ verstand und durch das Parlament Gesetzgeberfunktion erreichte. Das Naturrecht auf Eigentum, das Locke aus der menschliche Arbeit herleitet, sei Grundlage des individuellen Lebens und die Freiheit des Einzelnen.

Wenn die Idee der Freiheit zu einem Prinzip für Handlungen, Bewertungen oder Einstellungen erklärt wird und zudem als Prinzip in einem System von Weltanschauungen eingebaut wird, dann wird die Idee der Freiheit zur Ideologie. Insoweit ist der Liberalismus eine Ideologie, die ihren materiellen Ursprung in der Marktwirtschaft hat, in der sich die Austauschenden rechtlich als Personen zugleich als Freie und Gleiche anerkennen und Eigentümer der Waren sind. „Ideologen stellen die Sache notwendig auf den Kopf“ und halten ihre Ideologie für „die erzeugende wie für den Zweck aller gesellschaftlichen Verhältnisse, während sie nur ihr Ausdruck und Symptom ist.“ (Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Band 3, S. 405) Wird die Idee der Freiheit zu einem Naturrecht oder zu einem „höheren“ oder „metaphysischen“ Recht erkoren, wird ihr Universalität zugeschrieben, dann wird ihr Freiheitssystem zur Ideologie. Als eine solche Ideologie erhält sie einen missionarischen Charakter.  

Dieser traditionelle englische Liberalismus spiegelt die marktwirtschaftliche Realität in England während des 17. und 18. Jahrhunderts wieder, nachdem das Grundeigentum und Immobilien als Ware käuflich wurden und dadurch eine soziale und kulturelle Mischung der aristokratischen Klasse mit dem Großhandelsbürgertum in der Epoche des Handelskapitalismus und Kolonialismus erfolgte. Diesen empirischen Verweis auf die englischen Zustände sucht man nur mit großer Mühe, wenn man auf die deutsche Philosophie der Aufklärung und die Adepten Kants und Hegels blickt, die Marx und Engels als „Deutsche Ideologie“ bezeichneten. So vermisst Marx z.B., dass es in Deutschland keine ökonomische Wissenschaft im Vergleich zu Großbritannien gebe.

Das Postulat von der Einheit wirtschaftlicher und politischer Freiheit bürgerlicher Eigentümer war für den angelsächsischen Liberalismus grundlegend. Adam Smith (1723-1790) begriff die als Wissenschaft etablierte ökonomische Lehre als Politökonomie. Die Marktwirtschaft sei das natürliche Wirtschaftssystem des Menschen, weil das Individuum von Natur aus ein Handel treibendes Wesen sei. Die „Marktkräfte“ von Angebot und Nachfrage seien gleichsam „unsichtbare Hände“, die die Allokation von Waren, Arbeitskräften und Einkommen bewerkstelligen, ohne persönlichen Zwang auszuüben. Der Markt wird als Regelsystem des Gleichgewichts und der Gerechtigkeit begriffen, der den Wohlstand der „Nationen“ (gemeint im strengen Sinne als politische Nation) fördere. Von den Aufklärern im 18. Jahrhundert wird der Begriff Nation enger als zuvor gefasst. Kant definiert ihn so: „diejenige Menge, oder auch der Theil derselben, welche sich durch gemeinschaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt, heiszt Nation“. Für Kant ist Deutschland noch keine Nation. Vertragsverhältnisse lösen in der Marktwirtschaft persönliche Zwänge agrarisch organisierter  Gesellschaften und ihren politischen Diktaturen auf. Ideologisch bleibt auch in diesem Zusammenhang, dass Verträge (Handelsverträge oder Gesellschaftsverträge), per se nicht vernünftig oder rational sind, sondern interessengeleitet und marktstrukturellen Bedingungen unterworfen sind. David Hume hat auf dies Aspekt hingewiesen und die Konstruktion des Gesellschaftsvertrages und die philosophische Herleitung des Eigentums aus der Arbeit als empirisch nicht allgemein nachweisbar bezeichnet. Eigentum sei auch aus Raub, Krieg und Ausbeutung der Arbeitskraft (Sklaverei) hervorgegangen. 

Für das Selbstbewusstsein eines Gentleman spielten diese empirischen Nachweise aus liberaler Sicht keine Rolle. Er fühlt sich als „Herr im eigenen Hause“ , als Herr seiner wirtschaftlichen Tätigkeiten und als Schmied seines persönlichen Glückes, seines Selbst. 

Die deutsche Philosophie seit Kant und Hegel unterscheidet sich grundlegend vom englischen Liberalismus dadurch, dass sie den wirtschaftlichen Zuständen und Verhältnissen kaum Aufmerksamkeit schenkt. Vielmehr legt sie Wert auf die Auslotung des menschlichen Geistes. Man beschäftigte sich mit der „Phänomenologie des Geistes“. Und überhaupt, das Bildungsbürgertum verstand sich als eine „Nation der Dichter und Denker“ und nicht als eine „politische Nation“. Im Gegensatz zu Großbritannien, wo zu Anfang des 19. Jahrhunderts  ein System des industriellen Kapitalismus und Marktwirtschaft durchgesetzt wurde, das auf kolonialer Rohstoffzufuhr angewiesen war und das von David Ricardo u.a. Ökonomen analysiert wurde, bestand in den politisch zersplitterten deutschen Fürstenstaaten und Königreichen keine einheitliche Marktwirtschaft, kein Nationalstaat und kein bürgerlicher Rechtsstaat. Die deutsche Ideologie räsonierte über den „absoluten Geist“ rechtshegelianisch und linkshegelianisch, über Freiheit und Wille, über „Recht zur Macht“, über „Wille zur Macht“, wer Teilhaber bürgerlicher Freiheiten sein dürfe oder eben nicht, ob dies auch für nicht „Volksstämmige“ oder Juden gelten sollte oder könnte. Diese ideologische Zersplitterung spiegelte die Ohnmacht des deutschen, noch nicht gesellschaftlich zur Herrschaft gelangten Bürgertums in einer vielschichtigen Klassengesellschaft wieder, die ideologisch noch nicht die Häute eines Ancien Regimes abgestreift hatte.

  Die Transformation der „Deutschen Ideologie“ in den Irrationalismus und ins Volkstum

Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein erheblicher Teil der rasant wachsenden deutschen Industriearbeiterschaft durch neu entstandenen Institutionen der Gewerkschaften und Klassenparteien eine Identität als Klasse ohne Eigentum an den Produktionsmitteln entwickelte, die sich als Internationale verstand, und begriff, dass Solidarität aufgrund gleicher Interessen die einzige Macht sein konnte, die sich gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft richtet, verloren viele Menschen aus dem traditionellen und neuen Mittelstand, Handwerker, Bauern und Kleinhändler wie auch Angestellte, in der ersten Krise der kapitalistischen Marktwirtschaft in den Jahren 1873 bis 79  den Glauben an diese. Die Krise bedrohte nicht nur die bürgerliche Sicherheit, sondern auch die Freiheit der Eigentümer und die  selbstbestimmte, ohne staatliche Einflüsse behinderte wirtschaftliche Tätigkeit. Klassenkampf und „vaterlandslose Gesellen“ bedrohten das Leben vieler Mittelständler. Die Welt der traditionellen religiösen oder liberalen Ideale verloren an Wirkung und Erklärungsmacht. Heinrich Mann hat diesen Niedergang in dem Roman >Der Untertan< satirisch beschrieben. 

Der verlorene Erste Weltkrieg versetzte zudem einem glühenden Nationalismus völkischer Abstammungsideologie einen kräftigen Tiefschlag. Das Idealbild einer sich als „Volk“ verstehenden Nation, der man auch mit Hilfe von Kriegskrediten zutraute, „über alles in der Welt“ zu sein, entpuppte sich als tiefgreifender Trugschluss, im Zuge eines Sieges gute Geschäfte machen zu können. Für den Identitätsverlust der deutschen Seele machte man die organisierte Arbeiterklasse verantwortlich, in dem man den „Dolchstoß“ propagierte, der dem deutschen Landser im Feld von der Heimat aus in den Rücken gestoßen wurde. 

Robert Musil (1880-1942), Österreicher aus gut bürgerlichem Hause und durch die Nachkriegsinflation verarmt, schreibt in seinem Roman >Der Mann ohne Eigenschaften< , „die geistige Konstitution einer Zeit“ sei das Grundlegende. Die Romanfigur Ulrich, eben ein Mann ohne Eigenschaften, dessen Vater noch solche besessen habe, berichtet von den Selbstwertverlusten der aristokratischen und bürgerlichen Eliten, die ihnen durch die Industrialisierung und Krise des Kapitalismus widerfahren ist: „In Goethes Welt ist das Klappern der Webstühle noch eine Störung gewesen“, in der Zeit danach „begann man das Lied der Maschinensäle, Niethämmer und Fabriksirenen schon zu entdecken“ (Musil, Mann ohne Eigenschaften, Rowohlt 10. Auflage 1969, S.36) Noch habe man auf „hohem Roß“ gesessen. Man habe noch nicht gelernt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Man habe auch nicht gelernt, dass die Entwicklung erfordere, Gefühl und Verstand zu unterscheiden. Dieser Unterschied sei fast so groß „wie der zwischen Blinddarm und Großhirnrinde.“(37) Die Romanfigur Arnheim- Rathenau, identisch mit der historischen Figur Rathenau, meint, man müsse „Seele und Wirtschaft oder Idee und Macht“ wieder vereinigen. (108) Musil beklagt die ideologische Zersplitterung der Gesellschaft und der bürgerlichen Gesellschaft. „Die bekannte  Zusammenhanglosigkeit der Einfälle und ihre Ausbreitung ohne Mittelpunkt, die für die Gegenwart kennzeichnend ist und deren merkwürdige Arithmetik ausmacht, die von Hunderten ins Tausendste kommt, ohne eine Einheit zu haben.“ (20)

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker E.H. Erikson (1902-1994) hat den Erwerb einer Identität als Resultat bestandener, an Lebensphasen gebundener psychosozialer Krisen gedeutet, in denen Identifikationen mit Bezugspersonen innerhalb der Sozialisationsphasen Familie, Ausbildung und Arbeit vorgenommen und wieder zurückgenommen werden, so dass sowohl personale als auch Gruppenidentitäten ausgebildet werden. Für weite Teile des Mittelstandes und des Bildungsbürgertums ging in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts eine „Welt“ zugrunde. Während Sigmund Freud die Frage der Identität als einen Gegenstand der Psychologie und Anthropologie entdeckte, im Unterschied zum logischen Begriff der Identität und zum Liberalismus, betritt Martin Heidegger den spekulativen Pfad der Ich-Philosophie, auf dem Denken mit Sein identisch gesetzt wird, was eine sprachkritische Kontrolle des Gedankengangs unmöglich macht und den erweiterten Zugang allerhand anderer Ideen eröffnet. Auch die philosophische Anthropologie Plessners erweist sich praktisch und ideologisch nicht immun gegen die Erweiterung des Ichs als integralen Bestandteil eines Volkstums.     

            Identitätssuche

Eine auf unterschiedliche „Substanzen“, Geist  und Materie, basierende Trennung von Natur und Kultur, von Körper und Seele, von Sinnlichkeit und Vernunft wollte die Identitätsphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts auf eine Einheit im menschlichen Individuum zurückführen. Diese Ganzheitstheorie, die sich an der Kritik der traditionellen europäischen Philosophie abzuarbeiten versuchte, verlief sich in den individuellen Weltbildern eines radikalen ethisch begründeten Egoismus à la Stirner mit der Proklamation „Recht des Einzelnen zur Macht“, der psychologisch begründeten Offenbarung eines selbstbestimmenden Ichs mit dem „Willen zur Macht“ bis zur  Empfindungskraft des menschlichen Seins, das vor dem Dasein liegt.

Siegmund Freud habe, so Carl Friedrich von Weizsäcker ( Zeit und Wissen Hanser Verlag 1992, S. 432), „drei Kränkungen menschlicher Rationalität durch die neuzeitliche Wissenschaft hervorgehoben:

Der Mythos, der Mensch sei Mittelpunkt der Welt, weil die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, sei durch die >Kopernikanische Wende< zerstört worden. 

Der Mythos, der Mensch sei >Krone der Schöpfung< sei durch die Evolutionstheorie Darwins widerlegt worden. 

  Schließlich sei der Mythos, das >Ich sei Herr im Hause<, durch die Psychoanalyse zerstört worden.“ 

Während die beiden ersten Mythen wohl aus dem Erfahrungsschatz von Agrargesellschaften und ihrer Religionen stammen, ist der Mythos vom „Ich“ in der bürgerlichen Gesellschaft entstanden. Nicht nur die Psychoanalyse, auch die Hirnphysiologie von der Plastizität des Gehirns scheint Freuds Ansicht zu bestätigen. Trotz großer Fortschritte in der Hirnforschung weiß man noch nicht, wie „das Geist-Gehirn oder das Gehirn-Geist – je nach Perspektive – funktionieren könnte.“ (Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit, Rowohlt 2018, S. 206) Nicht nur genetische Veranlagungen auch die gemachten Erfahrungen beeinflussen die Genexpression oder Suppression. „Unser Geist ist nicht vollständig moduliert oder durch natürliche Anker determiniert.“ (212)

Mythen spiegeln nicht nur gesellschaftliche Zustände oder den so genannten „Zeit-Geist“ der sich verändernden bürgerlichen Gesellschaften. Die Philosophie versucht, wie Russell schreibt, rationale Erklärungen und den Mythen Sinn zu geben. Die Subjekttheorien des „Ichs“ stellen Ideen bereit, wie sich das ICH nicht nur als Persönlichkeit im eigenen Körper, sondern auch im wirtschaftlichen und politischen Verkehr als homo oekonomicos oder als zoon politicon mit von Natur aus unveräußerlichen Rechten ausgestattete Wesen darstellt und wahrnimmt. Im 19. und 20.Jahrhundert taten sich immer öfter Abgründe im Seelenleben des bürgerlichen Ichs als Herr im eigenen Hause auf. Robert Musil hat in seinem Roman >Der Mann ohne Eigenschaften< diese Zwiespalte beschrieben, die sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auftaten und die heute ebenso virulent sind.

Schon vor dieser Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielt in den Universitätsstuben eine Identitätsphilosophie Einzug, die Karl Marx und Friedrich Engels später als „Deutsche Ideologie“ bezeichneten und die kulturell in die Romantik der Innerlichkeit sich verfestigte.

Die Identitätsphilosophie Schellings z.B. behauptet, das ICH sei die einzige Substanz und die immanente Ursache all dessen, was ist, bzw. die Ursache seiner selbst. Schelling spricht vom „absoluten Ich“. Schon Spinoza schrieb, alles, was ist, sei im Ich und außer dem Ich könne es nichts geben. Mit Spinoza verbindet Schelling der Einheitsgedanke, nicht jedoch die Auffassung eines Einheitsprinzips. „Wenn das absolute Ich kein Ding ist, kann es auch nicht in der Weise erfasst werden, in der wir die Dinge erfahren; es kann nur Inhalt einer vom verstandesmäßigem Erkennen wesentlichen Erkenntnis sein.“ Diesen Einheitsgedanken der ICH – Philosophie führt zu einer Identitätsphilosophie, die über Nietzsche bis zu Heidegger führt. Der Unterschied von Subjekt und Objekt, freiem Wollen und Naturnotwendigkeit, von organischer Zwecknotwendigkeit und mechanistischem Determinismus sollte auf einer hinter den Gegensätzen verborgenen Identität oder Einheit zurückgeführt werden.

Diese irrationale Identitätsphilosophie ist eine romantische, die Wirklichkeit idealisierende Form bürgerlichen Selbstbewusstseins. Aus diesem geistigen Quell entstand ein Delta des deutschen Idealismus, aus dem auch die faschistische Ideologie ihr Nahrung zog. Mit dieser identitären Ansicht ließen sich Narrative von geheimnisvollen Kräften, die hinter den Dingen walten, von Schicksalen und nationaler und rassistischer Größe und Eigenheit, von Vorsehung und Eigentlichkeit erzählen.

Philosophische Anthropologie der Ich-Identität

Helmuth Plessner (1892-1885) und Martin Heidegger (1898-1976) versuchen der mentalen Krise weiter Teile des deutschen Bürgertums nach dem Ersten Weltkrieg Einhalt zu gebieten und der geistlos gewordenen Realität oder der seelenlosen Eigenschaftslosigkeit einen neuen festen ideologischen Grund entgegenzusetzen.

Plessners Dissertation von 1918 und seine Habilitationsschrift(1920) weisen schon den Weg seines Denkens. Die Dissertation erscheint als >Krisis der transzendentalen Wahrheit im Anfang< , in der es sich mit Kant auseinandersetzt. In der Habilitation mit dem Titel >Untersuchungen zu einer Kritik der philosophischen Urteilskraft< vertieft er seinen philosophischen Gedankengang.

Plessner kritisiert die dualistische Substanztheorie von Materie (Natur) und Geist (Ichbewusstsein) in der Form der Transzendentalphilosophie Kants, dass über die reine Vernunft a priori Erkenntnis von Gegenständen (Objekten) möglich sei. Plessner „entfundamentalisiert“ (Kai Hanke, Plessner, Junius Verlag 2000) den Dualismus, indem er die Substanzen des Ichs, Geist und Körper, psychologisch miteinander verbindet. Zur Veranschaulichung wählt er ein „Schauspieler- Modell“. Die Rolle des Schauspielers ergibt sich aus der inneren Verhasstheit und den äußeren Akzidenzen wie Maske, Kostüm u.a., woraus sich die zufällige Individualität oder die Identität der Persönlichkeit ergebe. Substanz wird als „ewige Potentialität“ oder „Kannqualität als Seinsqualität“ begriffen. „Substantiell sein, heißt selbständig zu sein, von selbst stehen.“ (25) Da Plessner anthropologisch das „Eigen“ des menschlichen Individuums beleuchten will, leben menschliche Körper wie die Körper der Objekte, Pflanzen und Tiere in einem Raum. Im Unterschied zu der ontologischen Hierarchie der Naturdinge, an deren Spitze der Mensch stehe, sei der menschliche Körper „raumbehauptend“ in dem Sinne, weil menschliche Körper nicht nur eine räumliche , sondern eine substanzielle Mitte haben, die den Raum organisiert. „Und diese Mitte ist für Plessner ein absolutes Hier und Jetzt, das sich nicht in der Relativität des physikalischen Raumes beschreiben lässt.“ (Hauke, 25)  

Dieses „Hier und Jetzt“ist nicht nur im Jahre 1931 ein Ort „geistiger Obdachlosigkeit“ (Safranski) und menschlicher Ungewissheit. In dieser Situation hofft Max Scheler (1874-1925) auf einen geistigen Prozess, der einen „Gott der Freiheit und des Mutes“ anstelle jenes Gottes der Allmacht setze und der freies Handeln, Spontanität und Initiative wachsen lasse. Plessner wendet dagegen das Argument der „Unergründlichkeit des Menschen“ ein. Was der Mensch ist, stelle sich immer erst im Augenblick der Entscheidung heraus. „Die Bestimmung des Menschen ist die Selbstbestimmung.“ (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland, Heidegger und seine Zeit, Fischer Verlag, S. 235) Praktisches Handeln in notwendig unübersichtlichen Situationen entscheidet, wer der Mensch ist.  Im Jahre 1931 „entscheidet“ der Philosoph Plessner, dass die „Volksheit“ (!) ein „Wesenszug des Menschen“ sei.

„Das Eigene muss sich behaupten, das gilt für den Einzelnen ebenso wie für das Volk. Solche Selbstbehauptung bedeutet aber nicht Vorherrschaft und Hierarchie. Da alle Völker und Kulturen aus dem >Mächtigkeitsgrund< der <schöpferischen Subjektivität< entspringen, gesteht Plessner die >wertdemokratische Gleichstellung aller Kulturen< zu und hofft auf die >allmähliche Überwindung der Absolutsetzung des eigenen Volkstums<. Das bedeutet im politischen Klartext: nationale Selbstbehauptung gegenüber den Zumutungen des Friedensvertrages von Versailles und den Reparationszahlungen und zugleich Zurückweisung des nationalen oder gar rassistischen Chauvinismus. Gleichwohl behält die Zugehörigkeit zum eigen „Volkstum“ einen „Absolutheitsaspekt“, weil der einzelne nicht über seine Zugehörigkeit verfügen kann, sondern sich immer schon in ihr vorfindet.“ (Safranski, 237)

Gegen Heidegger wendet Plessner ein, dass dessen existentielle Begriffe historisch undifferenziert seien und Heideggers Philosophie eine „Symphonie von Ausblicken ins Absolute“ sei. Die präsente Zeit erlaube keine universalistische Entspannung. „Das Eigene muss sich behaupten, das gilt für den Einzelnen ebenso wie für das Volk.“ (237) 

    Heidegger – ein Meister  der Eigentlichkeit

Rüdiger Safranski schreibt, Heidegger habe in der NSDAP „eine Ordnungskraft im Elend der Wirtschaftskrise und im Chaos der zerfallenden Weimarer Republik und vor allem ein Bollwerk gegen die Gefahr eines kommunistischen Umsturzes gesehen.“  Hat der hohe Priester menschlichen Wesens und Seins in den politischen Niederungen des Daseins nur ein kleineres Übel begeistert, wie Safranski schreibt, gewählt, als er nach der Platon-Vorlesung im Jahre 1931/32, in der er von der „Umwälzung des ganzen menschlichen Seins, an deren Beginn  wir stehen“ (257), spricht und als er 1933 der NSDAP beitritt? Oder war es nur ein bedauerlicher Irrtum ?

 Wie Nietzsche setzt sich Heidegger mit der rationalen Metaphysik Kants kritisch auseinander. Im Unterschied zu Nietzsche kritisiert Heidegger die Überprüfung der möglichen Bedingungen der reinen Vernunft aus der Perspektive eines Ontologen. Heidegger sieht hinter der Möglichkeit metaphysischer Erkenntnisfähigkeit noch die Möglichkeit der Erkenntnis von Seiendem, mit anderen Worten die Metaphysik besitze einen ontologischen Charakter. Kant indes fragt nicht nach der Seinsverfassung des Subjekts, sondern nach den Bedingungen von Erkenntnis, unter  denen Gegenstände erfahrbar sein können. In diesem Sinne war Kants Theorie eine Theorie der Erfahrung und keine Ontologie. Zwar bestritt Heidegger nicht, dass Anschauung und Verstand zueinander gehören oder aufeinander angewiesen sind, aber Erkenntnis des Seienden sei nur möglich, wenn es vor allem Empfangen von Eindrücken liegendes Erkennen des Seins gebe – eine transzendentale Einbildungskraft. Heidegger spricht anthropologisch vom Sein des Einzelnen.

Die menschliche Existenz ist nunmehr völlig unabhängig von ihren physischen Bedingungen wie von den materiellen Lebensbedingungen. Der Bedeutungswandel des Existenzbegriffs liegt nun in der Freiheit des Menschen, sich selbst zu entwerfen. Der Blick auf den Einzelnen an sich und auf seine Möglichkeiten der Selbstbestimmung und freien Entwicklung verstellt den Blick auf die materiellen Existenzbedingungen und auf das darauf beruhende Freiheitspotential. Dieser „blinde Fleck“ freiheitlicher Ansichten (Meinungen) bürgerlicher Einzigartigkeit vergrößert sich durch die Idealisierung der Freiheit als unveräußerliches Recht des Einzelnen nicht nur gegenüber politischer Gewalt, sondern auch gegenüber den natürlichen Lebensbedingungen. Der Liberalismus in seiner ökonomischen und politischen Ideologie verengt die Perspektive auf die eigentliche, dem menschlichen Dasein entsprechende Daseinsweise in der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Verkehrs- und Produktionsweise.

Geraten die Freiheitspotentiale der Einzelnen durch reale Krisen (etwa Inflation, Wirtschaftskrisen, Kriege, Klassenkämpfe oder Naturkrisen) unter Beschuss, ist die „Normalität“ des Bürgers in Gefahr und steigen Ängst in ihm empor, dann sind neue Identitäten gefragt, die neue Narrative in alten Schläuchen erzählen, um die Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten oder wiederherzustellen, oder um der „Situation der geistigen Obdachlosigkeit“ (Safranski) zu entrinnen. Diese Narrative brauchen notwendig einen Feind und Ausschließung.       

In der Existenzphilosophie – der Begriff Existenz wurde von Kierkegaard polemisch gegen Hegel begründet – wird der Blick auf die Existenz als einen innersten Kern der Seele durch eine „Grenzerfahrung“ oder durch ein „existenzielles Erlebnis“ gerichtet. Bei Kierkegaard ist es die Angst, bei Heidegger die Erfahrung des Todes, bei Sartre der Ekel, bei Jaspers das Scheitern des Menschen in Grenzsituationen.

Existenzphilosophie hat sich betont von allen rationalen, im Besonderen von der klassischen (liberalen) Erkenntnistheorie abgewandt. Existenz wird als „Entwurf“ des Individuums angesehen, mit dem der Einzelne sich zur „Eigentlichkeit“ seiner Existenz durchringen kann. „Eigentlich“ findet der Einzelne seine Identität im Nirgendwo des Gefühls seiner Einsamkeit und Ohnmacht im Angesicht von Tod, Krieg, Krise oder Zusammenbruch und Verlust. Sie ist auch Ausdruck einer psychischen Vereinsamung des vereinzelten Einzelnen, der keinen Blick mehr auf den Gegenüber wirft, auf die Sozietät und auf die natürliche und kulturelle Welt seiner Erfahrung.