Grundrente-zinstragendes Kapital-Finanzrente-Cloudrente

Marxens Analyse des „zinstragenden Kapitals“ unter modellierter Bedingung von „Kauf und Verkauf“.

  1. Begriffsbestimmung:

Geld ist kein Produktionsfaktor. Es produziert keinen Mehrwert. Es ist eine Forderung an die Wirtschaftsleistungen oder Einkommen, die von anderen erbracht werden. Die Schuldner leisten Arbeit. Nicht die Gläubiger. (siehe z.B. die Wirkung der Verschuldung)

B. Methode:

  1. Voraussetzung:  Kauf und Verkauf finden unter Äquivalenzbedingung statt,d.h. quantitativer Gleichwertigkeit von Leistung und Gegenleistung. 

Erläuterung:

„Wenn also mit Bezug auf den Gebrauchswert die in der Ware enthaltene Arbeit nur qualitativ gilt, gilt sie mir Bezug auf die Wertgröße nur quantitativ, nachdem sie bereits auf menschliche Arbeit ohne weitere Arbeit reduziert ist. Dort handelt es sich um das Wie und Was, hier um ihr Wieviel, ihre Zeitdauer. Da die Wertgröße einer Ware nur das Quantum der in ihr enthaltenen Arbeit darstellt, müssen Waren in gewisser Proportion stets gleich große Werte sein.“ (Marx, Kapital I. 60)

   „Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschliche Arbeit bildet sie den Warenwert.“ (I.61) 

Wie die klassische Nationalökonomie geht auch Marx von der Tatsache aus, dass jede menschliche Produktion oder Tätigkeit auf Arbeit beruhe und einen Wert besitze. Innerhalb der gesellschaftlichen Formation eines freien Marktes besitze nicht nur die Ware einen Doppelcharakter als Gebrauchswert und Tauschwert, sondern, so Marx, ebenfalls die Arbeit als konkret nützliche Arbeit und als Arbeitskraft, die für alle menschliche Tätigkeit zutreffe und daher in Zeitquanten kommensurabel sei. Auch den Kauf von Arbeit betrachtet Marx unter Äquivalenzbedingungen. Marxens Kernpunkt seiner Kritik an der klassischen Arbeitswerttheorie liegt darin, dass diese den Doppelcharakter der Arbeit nicht erkannt habe, sondern nur den Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert. Auch die Arbeit habe einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Auf dem Arbeitsmarkt werde die Arbeitskraft zu äquivalenten Werten in Form des Lohnes bezahlt. Die Verausgabung von Arbeitskraft sei nicht identisch mit ihrer Reproduktion. Daher habe die klassische Ökonomie auch die Quelle des Mehrwerts nicht erkannt.

Außerdem: Die Reproduktionskosten der Arbeitskraft sind nicht mit ihrer Reproduktion zu verwechseln. 

Daher:

–  a.  „Wo Austausch von Gegenständen findet kein Wertwechsel statt.“ (III. 358)

–  b.  Unter der gesellschaftlichen Form des Austausches von Waren, also als Akt des Kaufs und Verkaufs, findet auch kein Wertwechsel statt.  Aber:

„In jedem Akt des Kaufs und Verkaufs…wird ein Objekt vergeben. Das Eigentum des verkauften Gegenstandes tritt man immer ab. Aber man gibt nicht den Wert ab.“ (III. 357)

  • c.  Waren besitzen einen Doppelcharakter als nützlichen (qualitativen) Gebrauchswert und  als einen vom qualitativen absehenden quantitativen Tauschwert, einer kommensurablen Werteinheit.
  • d.  Die auf dem Arbeitsmarkt gekaufte oder gemietete Arbeit ist demnach eine Ware, deren Arbeitskraft unter der zeitlichen Bedingung   gesamtgesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit zur Herstellung einer speziellen Ware resp. Produktes benötigt wird.      

 –   e.  Gesamtgesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit bestimmt die Wertgröße     

2.   Funktionsanalyse:

  • Geld als Mittel des Austauschs unter Marktbedingung. (Tausch-Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel)
  • Geld ist Ausdruck einer Wertsumme, eines Preises, der Objekte.
  • Geld als Ware in Form des Kredits und als Kapital (investiertes Geld) stellt sich als Zins und Profit dar.

„Nur der Akt der Veräußerung macht das Verleihen des Geldes zur Veräußerung des Geldes als Kapital, d.h. zur Veräußerung des Kapitals als Ware.“ (III. 363) Zum Leihkapital.

  • Leihen ist „kein Akt des wirklichen Kreislaufprozesses des Kapitals“ (III. 369) Es leitet nur diesen ein. Es bewirkt nur eine „juristische Transaktion, die mit dem wirklichen Reproduktionsprozess nichts zu tun hat.“ (III. 360)

3. Bestimmung:

  •   Eigentum und Geldvermögen sind unterschiedliche Faktoren.
  • „Zins tragendes Kapital“ ist Resultat des Zirkulationsprozesses von  

      Marktaktivitäten und Produktion : 

      G – G – W (c+v) – W` (c+v+m) – G` – G´.

  • G – G` = Allgemeine Formel des Kapitals“ (III. 404). „Ein sinnloses Resümee, indem Geld mehr Geld schafft.“    

„Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollends als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.“ (III. 405)

  • „Zins ist … ursprünglich…ein Teil des Profits, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist, Industrieller oder Kaufmann, soweit er nicht eigenes Kapital, sondern geliehenes Kapital anwendet, wegzählen muss an den Eigentümer und Verleiher dieses Kapitals.“ (III. 382

C. Historischer Hintergrund:

Bis ins 18. Jahrhundert blieb die Kritik an der Grundrente, die ohne Arbeits- und Kapitalaufwendungen in Form des Pachtzinses aufgrund von aristokratischen Eigentumsrechten bezogen wurde, zentrales Thema der bürgerlich-klassischen Arbeitswerttheorie sowie der Wert- und Preistheorie, mithin der klassischen „Nationalökonomie.“ Der Pachtzins wurde von der klassischen Ökonomie als „feudale Rente“ erkannt, die allein aus (gewaltsam) angeeigneten Eigentumsrechten und nicht aus eigener Arbeit herrührt.

John Locke (1632-1704) Unterschied zwischen Grundrenten, die auf Arbeits- und Kapitalaufwendungen beruhen, und jenen, die sich aus Eigentumsrechten ergaben und keinerlei Arbeitsaufwand erfordern, ohne indes eine Zinstheorie der Grundrente vorzulegen. 

David Hume (1711-1776) vertiefte diese Kritik an der aristokratischen Grundrente durch den Hinweis, dass die Geschichte der Eigentumsaneignung eine Geschichte der Gewalt und Intrigen gewesen sei, keinesfalls das Ergebnis ökonomischer Arbeit. Besitzrechte beruhten auf juristischen Privilegien eines Rechtssystems, das von Eigentümern kontrolliert werde. ( Die neuere Geschichte Russlands ist ein erneutes Beispiel, wie ein oligarchisches System durch privatisierte Eigentumsrechte mit dem Rat der USA und internationaler Institutionen entstanden ist.)

Ziel dieser Kritik war die Besteuerung aristokratischer Grundrente und, wie Adam Smith betonte, Industrie, Handel und die Arbeiterschaft vom ökonomischen Druck der Grundrente zu erlösen. Überdies legte David Ricardo (1772-1823) dar, wie Grundrenten zu Sparmaßnahmen führen können und die Kapitalakkumulation zum Erliegen bringen könnte ( Er spricht vom tendenziellen Fall der Profitrate).

Die französischen Physiokraten führten den ersten Schlag gegen die Rentier-Klasse. Anlass war, dass zwischen 1750 und 1760 die Getreidepreise und damit die Grundrenten künstlich auf hohem Niveau gehalten wurden und der Adel im höfischen Luxus schwelgte, während die übrige Bevölkerung unter der Steuerlast erstickte. 

Francois Quesnay (1694-1774), Gründer der Denkschule der „Physiokraten“ und Begründer einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Tableau Économique, 1759), wies, wie in dem Kreislauf aus Einnahmen und Ausgaben, an dem Produzenten, Verbraucher und Grundherren beteiligt waren, nach, dass der wirtschaftliche Mehrwert allein der Landwirtschaft und damit den Grundherren zugute gekommen sei. Die Physiokraten waren davon überzeugt, dass allein die Kräfte der Natur diesen Mehrwert geschaffen haben, die die aristokratischen Grundeigentümer ohne eigene Arbeit oder Kapitalaufwand abgeschöpft haben. Daher die politische Forderung einer Einsteuer (l´impot unique). Industrie und Handel dagegen galten als „sterile“, d.h., sie schafften keinen wirtschaftlichen Mehrwert, was für das Frankreich als große Agrarwirtschaft am Anfang des 18. Jahrhunderts durchaus empirisch belegbar zu sein schien. Ihre steuerrechtliche Revolution sollte der aufkommenden bürgerlichen Elite zugute kommen.

David Ricardo (1772-1823), Bankier und Börsenmakler sowie parlamentarischer Wortführer der Finanziers, sah, dass steigende Inlandpreise für Nahrungsmittel den Mindestlohn in „unzumutbare“ Höhen treiben werde, sodass der Profit tendenziell fallen werde, „denn mit der fortschreitende Entwicklung kann die zusätzlich benötigte Menge Lebensmittel nur durch das Opfer von immer mehr Arbeit gewonnen werden.“ (Ricardo, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und Besteuerung) Folge sei, dass die Akkumulation stocken werde und kein Kapital irgendeinen Profit abwerfe und keine Arbeit nachgefragt werde. Das Sozialprodukt des Landes werde nach Bezahlung der Arbeiter Eigentum der Grundeigentümer und der Empfänger von „Zehnten und Steuern“ sein. Industrie und Handel gingen zugrunde. Jede industrielle Kapitalbildung wäre beendet.

Da er die Rente als Überschuss der Preise über die Produktionskosten definiert und keinerlei Parallele zwischen Zinsen, die an die Banken gezahlt werden, und dem Pachtzins, der an die Grundbesitzer geht, sieht, entwickelt er eine Außenhandelstheorie der komparativen Kostenvorteile. Freier Zugang zum britischen Markt für kostengünstige und preiswerte Nahrungsmittel und Rohstoffe aus anderen Ländern (siehe: britischer Kolonialismus und Imperialismus) entlaste den Preisdruck einheimischer Lebensmittelproduktion. Frei werdende Kosten könnten in Industrie und in den Handel fließen, wodurch auch das Kreditwesen in GB seinen Vorteil ziehen würde. Man müsse nur die anderen Länder von  dieser win-win-Situation

„überzeugen“. Wie diese Überzeugung ausgesehen hat, das zeigt die imperiale Geschichte Großbritanniens.

1846, nachdem die britischen Korngesetze aufgehoben wurden, versuchte die britische Regierung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, die Länder vom Schutz ihrer Wirtschaftserzeugnisse abzubringen. (In diesem Zusammenhang ist die Wirtschaftsgeschichte der USA von Interesse, da sie bis ins 19. Jahrhundert am Protektionismus der amerikanischen Landwirtschaft festhielt.)

Ricardos einseitige Konzentration auf die Grundrente übersah das Problem der Deflation, die zur Senkung der Goldpreise führen sollte. „In Wirklichkeit wachsen die Schulden während eines Preisverfalls, da durch ihn die Zahlungsanforderungen der Gläubiger aufgewertet werden.“ (Hudson)

In einem Brief an Conrad Schmidt 1890 schreibt Fr. Engels:

„Sowie sich der Geldhandel vom Warenhandel trennt, hat er eine…eigene Entwicklung…Kommt nun noch hinzu, daß der Geldhandel sich in dieser weitern Entwicklung zum Effektenhandel erweitert, daß diese Effekten nicht nur Staatspapiere sind, sondern Industrie- und Verkehrsaktien dazukommen, der Geldhandel also eine direkte Herrschaft über einen Teil der ihn, im großen und ganzen, beherrschenden Produktion sich erobert, so wird die Reaktion des Geldhandels auf die Produktion noch stärker und verwickelter. Die Geldhändler sind Eigentümer der Eisenbahnen, Bergwerke, Eisenwerke etc. Diese Produktionsmittel bekommen ein doppeltes Angesicht: Ihr Betrieb hat sich zu richten nach den Interessen der unmittelbaren Produktion, als aber auch nach den Bedürfnissen der Aktionäre, soweit sie Geldhändler sind. Das schlagendste Beispiel davon: die nordamerikanischen Eisenbahnen…“ (MEW, Bd.37, S.488-94)

Der erste Höhenflug der Aktienmärkte begann im 19. Jahrhundert mit grundlegenden Infrastruktureinrichtungen weltweit (Panamakanal, Suezkanal, Eisenbahnbau), was zur Monopolbildung und Konzernbildung beitrug. Angelsächsische Banken bevorzugten internationale Kunden mit kurzfristigen Krediten.

„Abgesehen von den Spekulationen im Infrastrukturbereich diente der Aktienmark damals hauptsächlich jenen, die sich Besitzrechte für natürliche Monopole und andere Rentenextraktionsprivilegien erkaufen und den Markt durch Schaffung großer Konzerne wie etwa U.S.Steel und Standard Oil manipulieren wollten. Banken, Pensionsfonds und andere Finanzinstitutionen gingen immer mehr dazu über, Kredite für Aktien- und Anleihespekulationen zu vergeben, wozu auch die heutigen fremdfinanzierten Übernahmen, Fusionen und Unternehmenszerschlagungen  gehören.“ (Hudson, 201)

Diese hochriskanten Aktivitäten, so Hudson, führten 1929 zu Zusammenbruch und der anschließenden Weltwirtschaftskrise.

1933 verabschiedete der US-Kongress das Glass-Steagall-Gesetz, bei dem die Finanzspekulation von den privaten und unternehmerischen Bankgeschäften getrennt wurden. Zu den New Deal Reformen gehörten die Schaffung der Börsenaufsichtsbehörde, des Einlagensicherungsfonds  und der Wechsel zu einer Hypothekenlaufzeit von 30 Jahren.

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Börse zu einem Ort, an dem ein Aktienaufkauf durch Kreditaufnahme stattfindet. Solche Aufkäufe sind fremdfinanziert und dienen dazu, Aktien durch Anleihen und Bankkredite zu ersetzen. „Dabei geht es einzig und allein darum, höhere Einnehmen auf rein finanziellem Wege zu erzielen.“ (Hudson, 202)

Was bürgerliche Privateigentümer im 18.Jahrhundert an der aristokratischen Grundrente vehement kritisierten, führen heute bürgerliche Finanzaristokraten (Buffett, Soros u.a.) mit Hilfe von fremd finanzierten Krediten durch. (Kasino). Marx hat mit der Analyse des „Zins tragenden Kapitals“ das Kapital bezeichnet, das zur Produktion und zum „surplus value“ benötigt wird. Es ist das Industriekapital, dessen Mehrwert aus der produktiven Tätigkeit durch Lohnarbeit privat angeeignet wird. Wird Geld nicht mehr nur verliehen, sondern auch gekauft und verkauft und Geld als Handelsware behandelt, dann werden allein Eigentumstitel gehandelt. Eine neue Rentier-Klasse entsteht, deren Rente nicht mehr auf Grundeigentum beruht, sondern auf Eigentumstiteln.  Eine Klasse von Finanzrentiers mit entsprechenden Rechtsinstrumentarien und Finanzprodukten  entsteht. Je höher der Kapitalaufwand, der zur Produktion benötigt wird, um so mehr nimmt die Verschuldung  und die Abhängigkeit der Industrie vom Finanzsektor zu. Die Finanzbörsen mit ihrem Finanzkapital übernehmen das Kommando der Industrieproduktion. Sie finanzieren nicht mehr nur die industrielle Produktion durch Aktien, sondern finanzialisieren sie durch den Handel mit Aktien. Die Hauptsitze der internationalen Privatfinanziers befinden sich in der Wallstreet und in der Londoner City.      

In seinem neuen Buch hat Yanis Varoufakis (Techno-Feudalismus, Kunstmann Verlag) auf eine Weiterentwicklung von der „feudalen“ Grundrente über die finanzialisierte Rente weniger Großfinanziers hin zur „Cloud – Rente“ des Techno-Feudalismus hingewiesen. Das „Cloud-Kapital“ habe Märkte und Profite zerstört. Märkte und Profite geben nicht mehr den Ton an. Märkte wurden durch digitale Handelsplattformen ersetzt, die wie Märkte aussehen, aber keine Märkte sind. Der Profit – Motor des Kapitalismus – wurde durch die Rente ersetzt, eine Form der Rente, die für den Zugang zu diesen Plattformen und zu der Cloud insgesamt entrichtet werden muss.

„Das Ergebnis ist, dass die reale Macht heute nicht mehr bei den Besitzern von traditionellem Kapital wie Maschinen, Gebäuden, Eisenbahnen- und Telefonnetzen oder Industrierobotern liegt. Sie extrahieren weiter Profite aus Arbeitskräften, aus Lohnarbeit, aber sie bestimmen nicht mehr so wie früher. .. Sie sind zu Vasallen einer neuen Klasse von Feudalherren geworden, den Besitzern von Cloud-Kapital.“ (Varoufakis, S.11)

Der „Zins tragende Kredit“

Teil 2                

Der Begriff „Zins tragender Kredit“ unterscheidet sich von anderen Formen des Kredits dadurch, dass er einen Geldkredit im Geldgeschäft und Geldhandel bezeichnet. Kredite gibt es auch in Formen der Bereitstellung von zusätzlicher Arbeitsleistung oder materiellen Gegenständen als Rückgabe des Schuldners an den Gläubiger für vorher gegebene Leistungen.

Banken haben sich erst im Zusammenhang mit kostspieligen Kriegen und der Finanzierung des Fernhandels entwickelt. 

Zuvor wurde der Zins tragende Kredit  von Privatpersonen vergeben. Dieser private Geldkredit wurde auch in Form von Wechseln gegeben. Er war vollkommen unabhängig von der jeweiligen Produktionsweise. 

In der Natur eines persönlich gegebenen Zins tragenden Kredits lag es begründet, dass die Höhe des Zinses  willkürlich war. Es war die Katholische Kirche, die auf Grund  ihrer hohen Verschuldung  den „überhöhten Zins“ moralisch als Wucher bezeichnete und verdammte. Der Wucher ist die älteste Form des Kapitals. „Der Wucher wie der Handel exploitieren eine gegebene Produktionsweise, schaffen sie nicht, verhalten sich äußerlich zu ihr.“ (Marx, Kapital, Band III, S. 623) Der Wucher lähmt die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit und behindert ihre Entwicklung. 

In vorindustriellen Bankwesen wurden Bankkredite und Anleihezinsen unabhängig von der Vermögensentwicklung des Schuldners vergeben. Ein Versäumnis einer Schuldzahlung konnte zu Zahlungsausfällen und der Beschlagnahmung von Vermögenswerten führen, wenn die Gläubiger ihre Forderung geltend machten.

Zweck des modernen Bankwesens liegt in der Konzentration privaten Kapitals und der Vergesellschaftung der Kapitalbesitzer. Die Vergesellschaftung privaten Kapitals entwickelt eine „ungeheure Macht“ (Marx). Zweitens steigt das Finanzierungsvolumen. Drittens erlaubt der Kapitalstock den Banken Bankkredite in Form von Kreditgeld zu verleihen, das die Bank selbst „schöpft“, gleichsam aus dem „Nichts“ kreiert. Die Geldform verändert sich. Die Banknote entstand (nicht nur aus Papier). Sie benötigt trotzdem einen Wertstandard, das Edelmetall  übernahm diese Funktion. Später im Verlauf der Entwicklung der Finanzierung entstanden andere Standardformen des Kreditgeldes (Grundbesitz, Erdöl, US-Dollar u.a.m.) 

Nach Marx ist das Kreditgeld nur dann Geld, wenn es „im Betrage seines Nominalwertes absolut das wirkliche Geld vertritt“ (III. 532) Da zu Marx Zeit das Edelmetall den Standard darstellte, betont er, dass mit dem Abfluss des Goldes die Konvertibilität in Geld problematisch sei, „d.h. seine Identität mit wirklichem Gold.“ (III. 532) Verliert es diese Identität, so werde das Kreditgeld entwertet und würde „alle bestehenden Verhältnisse erschüttern:“ (532) Die Waren verlieren ihren Wert. Marx führt weiter aus: „In früheren Produktionsweisen kommt dies nicht vor, weil bei der engen Basis, auf der sie sich bewegen, werde der Kredit noch das Kreditgeld zur Entwicklung kommen.“ (532/533) Der Wert des Kreditgeldes sei das „phantastische und selbständige Dasein diese Werts im Geld“ und kann ein  „wirksames Vehikel der Krisen und des Schwindels werden“ (III. 621) 

Das Kerngeschäft des Bankwesens ist neben der Finanzierung von Investitionen in die Produktion das Investment, die Platzierung und den Handel mit Wertpapieren.

Graf Claude-Henry Saint-Simon (1760-1852) hat die gesellschaftliche Funktion des Investments darin gesehen, dass es in die Produktion investiert wird und diese über die Schuldenfinanzierung durch Eigenkapital hinaus die Industrie finanzieren könne, indem Zinsen aus Unternehmergewinnen in Form von Dividenden beglichen werden. Bankkredit und Anleihezinsen seien dann unabhängig von der Vermögensentwicklung des Schuldners. Seine Anhänger, worunter auch August Comte, Mitbegründer der Soziologie, und Ferdinand de Lesseps  waren, gründeten 1852 die Société Général  des Credit Mobilier. Die erste Investmentbank. Sie stellte günstige Kredite bereit, um die Produktionskapazitäten auszuweiten. Die Bank investierte in Aktien und Anleihen.

Aus der Handelsfinanzierung entstand das Investmentbanking. Es begann im 19.Jahrhundert in Europa und den USA ein Höhenflug der Aktienmärkte, die Infrastruktureinrichtungen finanzierten und die Konzentration des Kapitals vorantrieben. (Eisenbahnbau in Europa und den USA, Suez Kanal z.B.) Vermögenspapiere fungieren nun als Vermögenswerte.

Karl Marx (1818-1883) behandelt das Aktienwesen im Rahmen des kapitalistischen Systems als eine bestimmte Form der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch Wenige. 

Privateigentum stellt sich in der Form der Aktie dar und nicht nur in der Form des industriellen Kapitals an Grund und Boden oder an Produktionsmitteln, eben an Sachgütern. „In den Aktienwesen existiert schon der Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliche Produktionsmittel als individuelles Eigentum erscheint… aber die Verwandlung in Form der Aktie bleibt noch befangen in den kapitalistischen Schranken.“ (III. 465) So sind auch „Kooperationsfabriken der Arbeiter“ in dieses Korsett gezwängt, da sie alle „Mängel des kapitalistischen Systems reproduzieren und reproduzieren müssen.“ (456) In Genossenschaften sind die Eigentümer ihre  eigenen Kapitalisten, obwohl der Gegensatz von Kapital und Arbeit formal juristisch aufgehoben ist.

Nach Marx ist das Privateigentum ein wesentliches Systemelement, weil es sowohl politisch und juristisch sanktioniert  als auch staatlich garantiert wird. Der Markt ist eine Institution arbeitsteiliger und gesellschaftlicher Verkehrsverhältnisse.  Aber: Kern des kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis ist das ökonomisch und soziale Verhältnis zwischen Privatkapital und Arbeit, in dem ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit in Form des Gewinns durch wenige Kapitalbesitzer angeeignet wird, die untereinander in Konkurrenz stehen. Dieses Verhältnis stellt „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“dar.

Daher ist: „Die kapitalistischen Aktienunternehmungen sind ebenso wie die Kooperationsfabriken als Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte zu betrachten.“ (III. 456)

So ist das Kreditwesen, „die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst…“ (454) Es stellt das Monopol her und fordert die Staatseinmischung heraus und schafft eine „neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte von Parasiten in Gestalt von Projektmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne Kontrolle des Privateigentums.“ (454)

Die Verfügung über gesellschaftliches Kapital „gibt ihnen Verfügung über gesellschaftliche Arbeit“, denn der spekulierende Trader riskiert nicht sein Eigentum, sondern gesellschaftliches Eigentum.

Das Kreditwesen beschleunigt einerseits die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarktes, die beide „als materielle Grundlage der neuen Produktionsweise bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise.“ (Marx III. 457) 

Marx sieht einerseits die Entwicklung des Kreditwesens als eine „Reaktion gegen den Wucher“; andererseits in der Form der Aktie als Übergangsform innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, in der die kapitalistische Produktionsweise im Hegelschen Sinne „aufgehoben“ wird. Hudson übersieht diese Bemerkungen, wenn er schreibt, Marx sei unter dem Einfluss Saint-Simons gestanden : „Das Banken- und Kreditsystem würde sich in der Weise entwickeln, >die nicht mehr oder weniger als die Unterordnung des zinstragenden Kapitals unter die Bedingungen und Bedürfnisse der kapitalistischen Produktionsweise< bedeuten würde“ (Hudson, 164) Marx sieht das „phantastische und selbständige Dasein“ der Finanzmärkte, wie sie sich im 20. Jahrhundert als Raubrittertum global entwickelt haben und den Würgegriff der Verschuldung zum Zwecke des kurzzeitigen Profits ansetzen. 

Der us-Ökonom Thorsten Veblen (1857-1929) hat den Aufstieg der Hochfinanz und seine Machenschaften beschrieben. Er hebt den Unterschied zwischen der Produktionsleistung des Kredits und rein finanziellen Gewinnen hervor, die sich aus zu weit überhöhten Aktienkursen ergeben, die zu Preisen weit über ihren Anschaffungswert verkauft werden. „Dabei ging es ihnen (den Wallstreit-Händlern, w.r.) bei diesem >wirtschaftlichem Spiel<, wie Veblen es nannte, nicht um Kapitalinvestitionen in Produktionsanlagen, die Profite durch die Beschäftigung von Arbeitskräften erzielten, sondern um spekulative Kapitalgewinne aufgrund von Vermögenspreisen.“ (Hudson, 171) 

Die Industrie wurde „finanzialisiert“, was zu erheblichen Schuldenbelastungen führte, die wiederum Unternehmensbankrotte nach sich zogen. Einerseits wurden technologische Innovationen gefördert und Produktionskosten gesenkt, andererseits trug die Finanzialisierung der Industrie mit dazu bei, Monopole zu schaffen. Außerdem beherrschte nun der Finanzmarkt über die Verschuldung die Industrie. Die aus der wachsenden Produktion erzielten Profite wurden von „Raubritter“ abgeschöpft. 

Die Finanzialisierung der kapitalistischen Produktionsweise gleicht, um im historischen Bild des Raubrittertums zu bleiben, der „Feudalisierung“ der Ökonomie, einer zusätzlichen Abschöpfung gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums durch eine schmale Schicht der „Finanzaristokratie“, die keinen produktiven Beitrag  geliefert hat. 

Ihr Beitrag liegt darin, Industrie, Arbeitsmarkt und Regierung in den Würgegriff des Kreditsystems zu bringen.

Der Aufstieg des Deutschen Reiches zur Industrienation und Großmacht Ende des 19. Jahrhunderts hatte auch mit dem deutschen Bankwesen zu tun, wenn nicht sogar im entscheidenden Ausmaß. Kredite und Anleiheemissionen stützten sich auf das Eigenkapital, wodurch die Banken gegen spekulative Exzesse gefeit waren – im Unterschied zum angelsächsischen und holländischen Bankwesen.

„Kredite und Anleiheemissionen beschränkten sich auf den „tatsächlichen Geldwert der Besitztümer, die das finanzierte Unternehmen vorzuweisen hatte.“ (Hudson, 167) Industrietechnologie benötigt eine langfristige Finanzierung und die Unterstützung durch die Regierung. Das Deutsche Reich tat sich im Vergleich zu den westlichen Großmächten durch eine „Verbundenheit von Industrie, Bankwesen und Industrie“ hervor. Banken verfügten durch Beteiligungspapiere am Eigenkapital der Unternehmen über einen Teil der Gewinne und nicht über eine direkte Schuld. Im Gegensatz dazu waren britische und us – amerikanische Banken daran interessiert, ihre kurzfristigen Vorteile zu maximieren. Die Dividenden der deutschen Banken waren im Vergleich zu britischen Banken nur halb so hoch.

Diese politökonomische Philosophie des deutschen „industriellen Kredits“, wie sie Marx und Veblen vertraten, fand ihr praktisches Ende nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die klassische Politökonomie, die die Gesellschaft vom Erbe der Feudalzeit befreien wollte, wurde durch eine neue, reine Markttheorie des Geldes und des Bankwesens ersetzt. Seitdem nennt man sie Neoklassik, in der Reichtum der Vermögenswerte durch Schuldenhebel und industrielle Finanzkonstrukte generiert werden.

Eine kurze Geschichte der Finanzierung

In einem Interview des Freitags aus dem Jahre 2016 weist der bekannte US-Ökonom Michael Hudson darauf hin, dass die politische Linke heute nicht über den Finanzsektor spreche, sondern „über Frauen-und Bürgerrechte und über LGBTIQ“. Ich nehme diesen Hinweis zur Kenntnis und möchte mich in drei Teilabschnitten mit diesem Thema auseinandersetzen, wobei ich meine Darstellung und Untersuchung in weiten Teilen der Argumentation Hundsons in seinem Buch „Der Sektor“ entnehme.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Geschichte des Kredits; der Zweite mit der Theorie des Kredits und der Dritte mit der ökonomischen Auswirkung des Finanzkapitals.

Die Entstehung des Kredits

Teil 1

Der Kredit entwickelte sich aus der Entstehung des Privateigentums an „Feld und Flur“ . Althistoriker berichten, dass im Stadtstaat Ur der III.Dynastie nachweislich eine Bürgerschicht entstanden sei, die sich unabhängig von dynastischer Zuwendungen von Lebensmitteln aus den bäuerlichen und sklavisch arbeitenden Familienbanden lösen konnte.

Die mesopotamischen Stadtstaaten waren Verwaltungssitze, in denen despotisch regierende Herrscher und eine Priesterschaft sich Agrarprodukte aneigneten, verteilten, horteten und verteidigen ließen. Das ursprüngliche Grundeigentum konzentrierte sich im Herrscherhaus, das den bäuerlichen Produzenten für ihre Arbeit Lebensmittel zuwies (Redistribution). Privates Grundeigentum entstand durch dynastische Vergabe von kleinen Einheiten mit Haus, Acker und Garten, dem >Ilcum<, gegen Dienstpflicht. Das Grundeigentum war nicht vererbbar oder gar käuflich. Erst durch mehrere Generationen hindurch gerann es zu einem aus Gewohnheit entstandenen „Privateigentum“. Eine andere Möglichkeit entstand durch das Pfründewesen des Tempels als Gegenleistung für erbrachte Opfer.

Diese Bürgerschicht innerhalb der Stadtmauer vergab ihrerseits Darlehen in Form von Sachgütern oder von Silbergeld. (Hudson, S.194) Der zinstragende Kredit hat seinen Ursprung im Geld als Zahlungsmittel. Da das Tauschmittel Gerste nur aktuell auf neu entstandenen lokalen Märkten verwendet werden konnte, konnte nur Edelmetall als Zahlungsmittel dienen, auf dem ein zinstragender Kredit funktionieren konnte. Das Hauptnahrungsmittel Gerste galt auf dem lokalen Markt als Wertmesser und war in Silber konvertierbar: 1 Schekel Silber (ca. 8,4g) = 1 Korn = 300l Gerste. Mit dem Schekel wurden Handel und Ackerbau finanziert. „Es finden sich nirgends Spuren einer Kreditvergabe mit dem Ziel, die Güterproduktion in Werkstätten zu finanzieren, und auch nur selten Kreditvergaben für den Kauf von Ackerland. Kredite zur Finanzierung wirtschaftlicher Unternehmungen tauchten zunächst im Zusammenhang mit Fernhandelsreisen auf, die entweder auf dem Seewege oder Land mit Handelskarawanen stattfand.“ (Hudson, 194) Das galt selbstverständlich nicht für den mesopotamischen Stadtstaat. Bis ins 19. Jahrhundert sind Geschäftskredite nur im Rahmen eines Warenverkaufs verliehen worden, nachdem Waren produziert wurden. Vornehmlich im privaten Fernhandel und staatlichem Außenhandel.

Die Entstehung des Bankwesens

Mit der Entwicklung des Kreditwesens im Zusammenhang mit dem Fernhandel und einer Marktwirtschaft, in der eine „kapitalistische Produktionsweise, die nur mit Rücksicht auf die Zirkulation produziert“ (Karl Marx, Das Kapital, Band III, S.413), entstanden Banken als Kapitalsammelstellen. Sie übernahmen das Geldgeschäft, in dem Waren gegen ein schriftliches Versprechen zu einem bestimmtem Zahlungstermin gegen einen Aufpreis (Zins) kreditiert wurden. Der Wechsel als Zahlungsmittel wurde durch das Kreditgeld erweitert. Diese Geld unterscheidet sich vom Zahlungsmittel durch seine Position im Zirkulationsprozess. Es setzt den Warenverkehr und die Produktion in Gang und kann selbst die Funktion einer Ware mit eigener Zirkulation übernehmen.

Banken sind Institutionen des Kreditwesens, des Geldgeschäfts und der Geldverwaltung. Sie lösen nach und nach die persönliche und private Kreditvergabe ab. Sie sind Zentralisationsinstitutionen des Kapitals und werden zu einem notwendigen Bestandteil der kapitalistischen Marktproduktion.

Historisch gesehen, spielen Kriege und besonders die so genannten Kreuzzüge im Zusammenhang mit der Entstehung des Bankwesens eine entscheidende Rolle. Die Ritterorden übernahmen nicht nur die Aufgaben der Verteidigung der „Pilger“ und des Schutzes der Straßen vor Wegelagerern oder die Überwachung der Meeresküsten vor Palästina, sondern übernahmen auch die Geldgeschäfte der Kreuzfahrer. Die Orden der Tempelritter waren eine ureigene Schöpfung der Kreuzzüge. Ihre Orden waren waren eine Vereinigung aristokratischer Ritter mit ihren bürgerlichen und bäuerliche Gefolgsleuten, die sich der Mönchskultur der Armut verpflichtet sahen. Da ihnen der Papst Grundbesitz übertrug und manche seitliche Herrschaften ein Zehntel ihrer Einkünfte übertrugen, waren sie in der Lage, Niederlassungen entlang der Pilgerwege zu gründen. Trotz ihrer Armutsgelübde waren sie reich. Ihnen wurden von der Aristokratie und dem Klerus „gewaltige Summen“ anvertraut. Kaufleute konnte daher mittels durch Ordenssiegel beglaubigte Briefe über dort deponiertes Geld verfügen, ohne den Betrag tatsächlich zu transferieren, und das an jedem Ort, an dem der Orden ansässig war. Die Tempelritter schufen ein weinverzweigtes Netz aus vertraglich gebundenen Bankgeschäften. Als ihr Macht nach Ende der Kreuzzüge zu groß wurde und sich die Könige Frankreichs und Englands zu sehr verschuldet hatten, eigneten sie sich 1307 die Reichtümer der Tempelritter unter dem Vorwand der Ketzerei und Sodomie an. Die Christenkriege waren der Beginn des europäischen Bankwesens.

An die Stelle der Ordensritter traten nun die Fernhändler und privaten Bankiers, die dem Papsttum nahe standen. Jene Bankiers und Fernhändler in personam liehen von nun an den Herrschern Geld für ihre Söldnerkriege und ihrem repräsentativen Luxus derer von Gottes Gnaden. Während so die Macht der Handelsbourgeoisie stieg, verteufelte das Papsttum den Zins als Wucher. Vor allem wetterte es gegen jüdische Bankiers.

Der „Kaufmann von Venedig“ (1596/97) thematisiert sowohl die sozialen und finanziellen Verhältnisse der Handelsmetropole und den christlich-bourgeoisen Antisemitismus. Der reiche Kaufmann Antonio, der sein Vermögen in überseeischen Unternehmungen investiert hat und diese durch den Verlust seiner Schiffe in Gefahr sieht, verlustig zu werden, möchte trotzdem seinem verschuldeten Freund Bassino mit einem zinsfreien Darlehen von 3000 Dukaten ermöglichen, um Portia zu werben, einer reichen Grundbesitzerin und von vielen umworbenen Erbin. Das Darlehen nimmt er vom Juden Shylock auf, der ihn wegen des zinslosen Darlehns hasst. Statt des Zinses verspricht Antonio ihm, dass Shylock ihm 1 Pfund Fleisch aus seinem Körper verpfändet, wenn seine überseeischen Geschäfte fehlschlagen. Nach seinem finanziellen Ruin besteht Shylock vor Gericht auf seiner mörderischen Schuldforderung. Die als Anwältin verkleidete Portia erklärt aber sein Leben als verwirkt, falls Shylock auch nur einen Tropfen Blut Antonios vergösse. Shylock ist der Ausgestoßene am Rande der Handelsmetropole Venedig. Als Geldhändler hat er auch Sorge um sein Eigentum. Er prangert vor Gericht die Hypokrisie des Christentums an: „Ihr habt viel feiler Sklaven unter euch, die ihr wie euer Esel, Hund und Maultier in sklavischen und verworfenen Dienst gebraucht.“ (IV, 1)

Mit der Entwicklung des Warenhandels durch die Ost- und westindischen Kompagnien in Holland, Frankreich und England entwickelt sich auch das Kreditwesen. „Wir haben gesehen, wie sich die Aufbewahrung der Reservefonds der Geschäftsleute, die technische Operation des Geldeinnehmens und Auszahlen, der internationalen Zahlungen, und damit der Barrenhandel, in den Händen der Geldhändler konzentriert. Im Anschluss an diesen Geldhandel entwickelt sich die andere Seite des Kreditwesens, die Verwaltung des zinstragenden Kapitals oder des Geldkapitals, als besondere Funktion der Geldhändler. Das Borgen und Verleihen wir ihr besonderes Geschäft (…) Allgemein ausgedrückt besteht das Bankiergeschäft …darin, das vereinbare Geldkapital in einer Hand zu großen Massen zu konzentrieren, so dass …die Bankiers als Repräsentanten aller Geldverleiher den industriellen und kommerziellen Kapitalisten gegenübertreten. Sie werden die allgemeinen Verwalter des Geldkapitals.“ (Karl Marx, Das Kapital Band III, S. 415/16) Mit der Entwicklung des Banksystems, so fährt Marx fort, werden die Geldersparnisse und das nicht benötigte Geld aller „Klassen“ bei ihnen deponiert.

Der Handelsplatz Börse

Im Labor des Handelskapitalismus Amsterdam kann man paradigmatisch beobachten, wie (Schiffs)Technik, Krieg, Handelskonzentration und Konzentration von Geldkapital in Banken und Börse zusammenhängen. Amsterdam wird Ende des 16. und im 17. Jahrhunderts zur Agora einer neuen modernen Welt.

Ausschlaggebend war der technologische Vorsprung im Schiffsbau. Die „Fleute“ kam mit weniger Besatzung als andere Schiffstypen aus. Zwischen 1585 und 1620 verdoppelte sich der niederländische Gütertransport. Weil der überseeische Handel sehr gefahrvoll war (Stürme,Piraterie,Krieg), entwickelten sich Stapelmärkte, auf denen Güter vorübergehend in Packhäusern gelagert wurden, um sie zu einem günstigen Zeitpunkt zu verkaufen. Amsterdam wurde zum Markt für die „ganze Welt“.

Amsterdam eröffnete 1609 im Rathaus die „Wisselbank“. Sie tauschte fast jede Münzart, taxierte den Bestandteil an Edelmetall und tauschte in Gulden um. Als es 16o6 zur Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) kam, wurde die Wisselbank zu einem Finanzinstitut. Kaufleute konnten Konnten eröffnen und Geld einlegen, worauf sie einen Wechsel ausstellte. Der Wechsel war Zahlungsmittel wie das Münzgeld. Er konnte jederzeit in Bargeld eingetauscht werden. In den Kellern der Bank lagerten bis zu 200 Tonnen Gold. Amsterdam wurde bis weit in das 18. Jahrhundert ein bedeutender Finanzplatz in der modernen Welt des Handelskapitalismus.

Die VOC war die erste Aktiengesellschaft der Welt. Ihre Aktie das älteste Wertpapier der Welt. Die VOC ist aus der von 9 Männern gegründeten „Compagnie van Verre“ (Compagnie der Ferne) hervorgegangen, die 1595 eine Expedition zu den Gewürzinseln unternahmen. Der Gewürzhandel lag in portugiesisch-spanischer Hand. Der VOC Coen schrieb in diesem Zusammenhang: „Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu betreiben.“ Die Dividenden der VOC-Aktie betrugen bis zu 60%.

1611 wurde dann das Börsengebäude in Amsterdam gebaut. Dort handelt man Preise aus, nahm Kredite auf, mietete Fracht-und Lagerräume und versicherte Ladungen und tauschte Neuigkeiten.

Der Krieg christlich aristokratischer Grundeigentümer und bourgeoiser Handelskapitalisten war der Geburtshelfer des Bankwesens, aus dem das Kreditgeld und der Aktienmarkt entstanden. „Aktienmärkte in ihrer modernen Form wurden hauptsächlich gegründet, um gegen Bezahlung mit Staatsanleihen Anteile an den königlichen Monopolen zu verkaufen.“ (Hudson, 196) Frankreichs Staatsverschuldung durch Kriegsfinanzierung ist ein anschauliches Beispiel für den Zusammenhang von Aktienmarkt, Kreditgeld und Spekulationsblase.

Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 beliefen sich die Staatsschulden auf 3 Milliarden Livre (eine Rechenmünze, die nie als Münzgeld geprägt worden war, und als Maß mit 409 Gramm Silber begrenzt war). Die Einnahmen betrugen 145 Millionen, die Ausgaben 142 Millionen im Jahr. Es blieben also 3 Millionen übrig, um die Zinsen auf die 3 Milliarden Livre zurückzuzahlen. Durch Reduzierung des Silbergewichts versuchte man die Staatsschuld zu reduzieren, was aber wiederum den Handel im Land ins Chaos stürzte.

Johne Law (1671-1729), Wirtschaftsberater des Prinzregenten Philip von Orleans, schlug ein fiskalpolitisches Reformprogramm vor. Papiergeld sollte das Münzgeld operationelle ersetzen, womit der Handel wieder auf die Beine käme. Das Papiergeld war in Livre konvertierbar. Außerdem wurde eine Bank gegründet, die Banque Générale. Sie verwaltete die königlichen Einkünfte. Die Banknoten wurden mit königlichem Grundbesitz und den königlichen Einkünften besichert. Das Geschäftskapital von 6 Millionen Livre aus 200000 Aktien mit einem Nennwert jeweils von 500 Livre wurde unterteilt: 1/4 in bar, der Rest in Staatsanleihen, den Billetts d´État. Die Banknoten konnten dauerhaft gegen in der zum Zeitpunkt der Ausgabe geltenden Münzwährung eingetauscht werden. Um die Einkünfte der Krone und der Aktionäre der Bank zu erhöhen, gründete man zudem im August 1717 ein Handelsgesellschaft, die ein Monopol im Handel mit der französischen Kolonie Louisiana in Nordamerika besaß. Die „Mississippi“ Handelsgesellschaft sollte insbesondere den Handel mit vermuteten Goldvorkommen dort organisieren. Die Bank wiederum erhielt das Monopol und das Recht zur Reinigung der künftigen Silber und Goldvorräte. Mit diesem Gold wollte man die Währung stabilisieren. Auf der Grundlage der Goldspekulation ließ der Prinzregent Banknoten mit einem Nennwert von 1 Milliarde Livre drucken. Frankreich wurde mit Papiergeld überschwemmt. Die gewaltige Geldmenge und die ständige Abwertung der Gold-und Silbermünzen hatte Konsequenzen. Der Wert der Mississippi-Aktien fiel und die Aktionäre holten ihr Gold aus den Kellern der Bank, da der Goldschatz sich nicht finden ließ.

Wurden Kriege mittels Staatsverschuldung finanziert, so nannte man das „holländische Finanzierung“. Adam Smith schreibt in seinem „Wohlstand der Nationen“, Holland besitze wie mehrere Länder „einen beträchtlichen Anteil“ der britischen Staatsanleihen, was siech schädlich auswirke. „Werde auf solche Weise den Eigentümern von Boden und Kapitalvermögen (…) die daraus fließenden Einkünfte zum größten Teil entzogen und auf andere übertragen (…), so muss der Ertrag der Wirtschaft auf lange Sicht darunter leiden und das Kapital vergeudet werden oder ins Ausland abwandern,“ (800/801) Die Politik der öffentlichen Verschuldung habe nach und nach jeden Staat geschwächt. Als Beispiele zählt er die Republiken Genua, Venedig und das Königreich Spanien auf. Auch Holland, eine sonst „umsichtige Republik“, habe solch unpassende Steuern für den den Zinsendienst einführen müssen. Smith hebt auch die geopolitischen Auswirkungen hervor. Sie höhlten die Macht Großbritanniens aus, statt sie zu erweitern. Wachsende Schulden drohten die Produktionskosten und damit auch die Exportpreise in die Höhe zu treiben, was wiederum die Handelsbilanz beeinträchtige und immer mehr Goldreserven ins Ausland abflössen. David Ricardo indes war anderer Meinung. Der Verschuldungsgrad und Zinszahlungen an ausländische Gläubiger spielten keine Rolle. (Hudson, 160) Der Ökonom James Steuart schrieb 1767: „Wenn wir davon ausgehen, dass die Regierungen Jahr für Jahr die Summe ihrer Schulden durch unbefristete Zahlungen vermehren und dementsprechend von jedem Teil der staatlichen Einkünfte einen Betrag für diesen Zweck abzweigen, wird die Folge davon sein, dass schließlich das gesamte Einkommen des Staates in die Hände der Gläubiger gegeben wird…“(Hudson, 159)

Faschistische Wirtschaftsideologie

Der Faschismus hat ideologisch und praktisch nur wenig neu erfunden, sehr viel hingegen übernommen und adaptiert.“  (Ishay Landa, 2022)

            

           Leistungsprinzip und Privateigentum

Vor dem Industrieclub Düsseldorf am 27. 1. 1932 lobte Herr Hitler überschwänglich das individuelle Leistungsprinzip einzelner Unternehmer.

Welche politische Ordnung könne in Zeiten des politischen Aufruhrs den Fortbestand des Privateigentums garantieren? Der politische Liberalismus könne dies nicht. Er habe zu Chaos geführt.

„Dieses ganze Kulturgebäude ist in den Fundamenten und in allen Steinen nicht anderes als das Ergebnis der schöpferischen Fähigkeiten, der Leistungen, der Intelligenz, des Fleißes einzelner Menschen, in den größten Ergebnissen auch die Schlussleistung einzelner gottbegnadeter Genies.“ ( Hitler, zit. n. Max Domarus: Hitler: Reden und Proklamationen 1932-1945, Wiesbaden 1973, S.71)

Als Leser dieser Zeilen hat man gleichsam den aufbrausenden Applaus des Auditoriums im Ohr. Man hört auch den Geist eines Nietzsches, eines Spenglers oder Heideggers durch den Raum wabern.

Hitlers Rede 1 Jahr vor der „Machtergreifung“ gleicht einer Bewerbungsrede eines politischen Kämpfers für das Privateigentum. Dem Leistungsprinzip stünde, so Herr H., der „Gedanke der Gleichheit der Werte“ diametral entgegen. Was für das ganze Kulturgebäude gelte, dürfe durch den „Liberalismus der gleichen Werte“ nicht zerstört werden. Der Liberalismus habe auch den Gedanken der „Gleichheit der Werte“ auch wirtschaftlich zum System erhoben. 

„Es ist ein Widersinn, wirtschaftlich das Leben auf dem Gedanken der Leistung, des Persönlichkeitswertes aufzubauen, politisch aber diese Autorität der Persönlichkeit zu leugnen und das Gesetz der größeren Zahl, die Demokratie, an dessen Stelle zu schieben.“ (S.73)

Für Hitler ist das, was der politischer Liberalismus propagiere, der Beginn des Kommunismus und des Marxismus.

Schon der liberale Großdenker David Hume (1711-1776) hat darauf hingewiesen, dass Eigentum nicht, wie John Locke (1632-1704) es tat, aus einer Verbindung des Arbeitenden  mit dem Gegenstand seiner Arbeit erklärt werden könne; beziehungsweise daraus kein Prinzip abgeleitet werden könne, die ihm ein Recht verschaffe, diesen zu besitzen. Zu einem gleichen Ergebnis kommt Kant. Diese Art der Verbindung sei, so Hume, eine spezifische Art der „Besitzergreifung“. Die Geschichte habe gezeigt, dass  Eigentum aus verschiedenen Arten von Besitzergreifung  hervorgegangen sei (Krieg, Raub,Erbe,Vertrag etc.). Durch Arbeit verändere man nur die Form des Gegenstandes.

(Hume,, Traktat über die menschliche Vernunft, Buch III, 2. Abschnitt: Der Ursprung der Rechtsordnung und des Eigentums, Meiner Verlag 1978, S.238/239) 

Die Beziehung zwischen Recht und Eigentum sei zudem eine recht „schwierige Frage“, die er, Hume, klügeren Köpfen anheim gebe. Wie über den Erwerb von Eigentum durch Besitzergreifung Rechtstitel entstünden, sei wahrscheinlich ein Ergebnis der „Einbildungskraft“, womit Hume das Eigentumsrecht als universales Recht in Frage stellt. Er vergaß, meiner Meinung nach, die „Einbildungskraft“ (oder die Ideologie) mächtiger Herrschaften hinzuzufügen.

Liberalismus und Faschismus sind dergleichen Auffassung: Eine Rechtsordnung habe das Privateigentum unter allen Bedingungen zu gewährleisten. Auch diktatorisch.

Eine „private“ (abgesonderte) Arbeit ist im Wortsinne eine seltene Tätigkeit, wie hoch man auch deren Leistung bewerten möchte. (Robinson Crusoe- Narrativ). In der Regel ist individuelle Arbeit ein Produkt der Kooperation, der Arbeitsteilung und der „Verbindung mit den Resultaten der gesellschaftlichen Herrschaft über die Naturkräfte.“ (Karl Marx, Mehrwert III, Bd.26/3, S.418) Individuelle Arbeit ist entweder Resultat gesellschaftlicher oder vergesellschaftet Arbeit. Zumal in Hochkulturen. „Der Pharao hat seine Pyramiden nicht gebaut.“

Die private Aneignung gesellschaftlicher resp. vergesellschafteter Arbeit konstituiert Privateigentum. Sie kann durch Sklaverei, Fronarbeit, Zwangsarbeit oder eben Lohnarbeit geschehen. Privateigentum ist geronnene politische Macht. In hochtechnologischen, arbeitsteiligen und  global vernetzten Kulturen, in denen das Privatkapital konzentriert und zentralisiert ist und eine ungeheure Macht und Reichtum in wenigen Händen sich befindet, bilden Privateigentümer eine Klasse für sich, besonders dann, wenn ihr wirtschaftliches und politisches Privileg in Gefahr ist. 

Der Liberale Thomas Malthus (1766-1834) schrieb:

„Der Pöbel (…) ist von allen Ungeheuern, welche die Freiheit bedrohen, das gefährlichste. (…) Wenn sich politische Unzufriedenheit mit dem Ruf nach Brot zugesellte, und eines vor Not jammernden Pöbels eine Revolution ausbräche, so würde die Folge endloser Wechsel und endlosen Gemetzel sein, dessen blutiger Siegeslauf nur die Errichtung einer absoluten Gewaltherrschaft aufhalten könne.“ (Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, Bd.2, Jena 1925, S.276; zit. nach Landa, Der Lehrling und sein Meister, Dietz Verlag 1022) Nicht nur einer der Klassiker liberaler Nationalökonomie, sondern auch herausragende Vertreter des Neoliberalismus kehren die Notwendigkeit der „Diktatur des Privatkapitals“ hervor.

Ich möchte nur zwei Beispiele zitieren:

„Es kann nicht geleugnet werden, dass der Faschismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von besten Absichten sind und dass ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faschismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben. (…) Doch der Faschismus war ein Notbehelf des Augenblicks; ihn als mehr anzusehen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum.“ 

Der Nationalökonom der Österreichischen Schule Ludwig Heinrich von Mises (1881-1973), Nestor des Neoliberalismus wie Friedrich von Hayek, fährt fort ( in vorausahnender Sicht!) : 

„Dass die faschistischen Bewegungen sich dabei nicht so ganz von der Rücksichtnahme auf gewisse liberale Vorstellungen und Ideen … freizumachen verstehen wie etwa die russischen Bolschewiken, ist nur darauf zurückzuführen, dass sie doch unter Völkern wirken, bei denen man  die Erinnerung an einige Jahrtausende Kulturentwicklung nicht mit einem Schlage ausrotten kann, und nicht unter den Barbarenvölkern zu beiden Seiten des Ural, deren Verhältnis zur menschlichen Zivilisation nie ein anderes gewesen ist als das von Wald- und Wüstenräubern…Dieser Unterschied bewirkt es, dass der Faschismus sich niemals in solcher Weise von der Macht der Ideen des Liberalismus zu befreien vermögen wird, wie es die Bolschewiken in Russland vermocht haben.“ (von Mises, 1927, zit. nach Landa,S.243) 

Auf gleiche Weise rechtfertigt der neoliberale Nationalökonom Friedrich von Hayek (1899-1992) die Militärdiktatur des chilenischen Wirtschaftsliberalismus:

„Manchmal ist es für ein Land notwendig, für eine gewisse Zeit auf eine Form der diktatorische Macht zurückzugreifen. Wie Sie verstehen werden, ist es für einen Diktator möglich, liberal zu regieren. Und ebenso ist es für eine Demokratie möglich, ohne jeden Liberalismus zu regieren. Ich persönlich ziehe einen liberalen Diktator einer demokratischen Regierung ohne Liberalismus vor…“ (zit. nach Landa, 244)

Die faschistische Position des „autoritären Staates“ gleicht der des Wirtschaftsliberalismus mit der Ausnahme, dass Faschisten die Diktatur des Kapitals immer vertreten möchten und sich nicht als Übergangsfaktor sehen. Ihr Argument ist, dass der Staat nun selber ein finanzpolitischer und marktrelevanter Akteur des Privatkapitals geworden  und Teil des kapitalistischen Kulturgebäudes geworden sei und die Elite der Nation benötige, daher seien sie die beste und adäquateste Lösung, politisch die Geschicke des Kapitalismus mitzulenken. Mit Hilfe ihrer nationalistischen „Volksgemeinschaftsideologie“ könne man die Anhänger  der „Volksherrschaft“ machtvoll integrieren.

Ihre faktische Wirtschaftspolitik, sowohl der italienischen Faschisten wie der Nationalsozialisten, war eine Keynsianische Interventionspolitik. Wie der „New Deal“ Roosevelts setzte das NS-Regime diesen Keynianismus des „defizit spending“  antizyklischer Konjunkturpolitik in die Tat um, um die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen. Im Unterschied zum „New Deal“, der eine eingeschränkte demokratische Regulierung der Märkte, besonders des Finanzmarktes, vorsah, investierte das „III. Reich“ in den Militarismus, um eine zukünftige imperiale und koloniale Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion durchzuführen. Die Staatsinvestitionen in den „militärisch-industriellen Komplex“ haben die deutsche Schwerindustrie und Rüstungsindustrie sowie die monopolisierte Chemieindustrie auch in der Weise unterstützt, als die Nazis Gewerkschaften und Arbeiterparteien nicht nur verboten, sondern auch ihre Mitglieder verfolgt und ermordet haben. Blanker Rassismus war notwendiger Teil dieses Raubzuges, wie die Zitate der Liberalen von Mises und von Hayek auch bezeugen.

Der „ethische Staat“

An Otto Strasser gewandt, dem Führer des sog. „linken“ Flügels der NSDAP, sagte Hitler: 

„Aber Euer Sozialismus ist offensichtlicher Marxismus. Die Masse der Arbeiter fordert nichts Anderes als Brot und Lustbarkeiten. Sie wird niemals verstehen, was ein Ideal ist…Was wir brauchen, ist die Auslese von Herrenmenschen, von Männern, die sich nicht wie Sie von der Moral und dem Mitleid leiten lassen. Diejenigen, die herrschen, müssen wissen, dass sie das Recht haben zu befehlen, weil sie zu einer auserlesenen Rasse gehören..“ (Max Domarus, a.a.O. S.71) 

Wie sieht das faschistische Ideal aus? 

Das faschistische Ideal liegt in der imperialen Größe der Nation. Das britische Empire, die spanische Kolonisierung Mittelamerikas wie die weiße Besiedlung Nordamerikas waren Hitlers  Vorbild. Es liegt in der Eroberung und „Besitzergreifung“  fremden Territoriums, kolonialer Ressourcen und Ausbeutung fremder Völker durch nationales Kapitaleigentum. Die „Hochkultur“ Europas sei auf dieser Grundlage entstanden. Auch die Altmeister des Liberalismus waren dieser Meinung. Man lese nur Kant, Hegel, Locke, Pareto, Nietzsche, Spengler u.s.w, u.s.w, u.s.w.

Um eine solche Politik einer „Hochkultur“ bewerkstelligen zu können und die Interessen des Demos nach Frieden, Freiheit und Sicherheit in Kriegstauglichkeit umzuwandeln, braucht es Propaganda und Ethik.

Der Faschist Giovanni Gentile (1875-1944), Anhänger des „Neuidealismus“ , schrieb 1929, „dass der Staat die eigentliche Persönlichkeit des von nebensächlichen Unterschieden und abstrakten Sorgen partikularer Interessen befreiten Individuums ist. (…)  Die individuellen Freiheiten, Rechte und Persönlichkeit des Menschen, die durch die Zugehörigkeit zum Geschäftsleben der Gemeinschaft zu dem gemacht wird, was er ist“ (zit. nach Landau a.a.O. S.102.), würden erst im und durch den Staat ins Leben gerufen. „Nationaler Wille“ und „nationale Identität“ seien die Bestandteile des „ethischen Staates“. 

Diese begriffliche Verdrehung individueller Willensfreiheit zum allgemeinen und nationalstaatlichen Willen, die nach alter politphilosophischer Auffassung den Staat nicht als Institution sondern als allgemeine, ethische begründete Person  begreift, vollzieht auch Hitler: 

Nicht die individuelle Freiheit sei ein „Zeichen einer besonderen hohen Kulturstufe, sondern die Beschränkung durch eine möglichst viele gleichrassige Individuen umfassende Organisation… Gemeinschaft lasse sich eben nur durch Gewalt schaffen.“ (zit. nach: Henry Pickler, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, München 2003, S.233).

Der  „bürgerliche Staat“, eine institutionelle Rechtsordnung, in der individuelle wirtschaftliche Freiheiten politisch durch freien Willen einzelner – so die bürgerliche Rechtsphilosophie – und Vertrag festgeschrieben sind, ist das, was Karl Marx materialistisch als „Agentur der Bourgeoisie“ genannt hat. Dieser Staat ist ein „ethischer Staat“, weil er bürgerliche Werte verteidigt, die der Vernunft und der Natur des Menschen entspreche. In diesem ethischen Universalismus liegt die Aggressivität bürgerlicher Staaten und europäischer christlich-bürgerlicher Kulturen begründet, wie man in der Geschichte des europäischen und angelsächsischen Bürgertums bis heute nachlesen kann.   

Der faschistische Staat ist die brutalste und gewaltsamste Form der Herrschaft  kapitalistischer Privateigentümer.

Liberalismus, Sozialismus und Faschismus

Der Ideenhistoriker Ishay Landa (Der Lehrling und sein Meister, liberale Tradition und Faschismus, Dietz Verlag 2022) vertritt die Hypothese„dass der Faschismus möglich wurde, weil der Liberalismus in seiner klassischen Form nicht in der Lage war, mit den Herausforderungen (…) einer Massengesellschaft fertigzuwerden.“ Er „rief Kräfte (…), die er in der Folge nicht kontrollieren konnte, nämlich … die moderne  Arbeiterschaft, die ihre Rolle als bloße Werkzeuge im Produktionsprozess“ nicht akzeptieren konnte. (20)

Folgende Nachfragen stellen sich mir: Warum wollte erst die „moderne Arbeiterschaft“ ihre Rolle nicht mehr akzeptieren? Haben diese Rolle  die englischen Levellers im 17. Jahrhunderts und französischen Sansculotten im 18.Jahrhunderts unter der Herrschaft liberal denkender englischer und französischer Staatsmänner  akzeptieren wollen? Hat  nicht auch das liberale Bürgertum diktatorisch regiert in Zeiten ursprünglicher Akkumulation des Kapitals? Worin unterschied sich die „moderne“ von der traditionellen Arbeiterschaft? 

 Die „moderne“  Arbeiterschaft unterschied sich von der traditionellen in mehrfacher Hinsicht. Sie war seit Beginn des 19. Jahrhunderts Teil der industriellen Fabrikation im großen Maßstab und nicht mehr nur im Verlagswesen oder  in der Manufaktur  oder im Handwerk tätig. Entscheidend aber war, dass die Arbeit durch das Fabrikwesen weiterhin vergesellschaftet wurde und als Lohnarbeit über einen Arbeitsmarkt organisiert worden ist, sodass die Mehrheit der Bevölkerung in die Marktgesellschaft und somit in ein Vertragsverhältnis   eingebunden worden war. Das Ideengebäude des klassischen Liberalismus der Englischen Schule war eng verbunden mit der einfachen Warenzirkulation der Marktgesellschaft. In diesem Modell des klassischen Liberalismus spielten die Arbeiter keine Rolle. Sie waren der ursprünglichen Akkumulation der kapitalistischen Produktion ausgeliefert und wurden ausgebeutet. Der klassische Liberalismus richtete sich ökonomisch und politisch gegen ein Ancien Regime aristokratischer Herrschaft und ökonomisch gegen eine Jahrhunderte lang herrschende Husbandry (Hauswirtschaft) agrarischer Produktions- und Verteilungsweise, in der der Markt nur „eingebettet“  war. (Polanyi) Er war von europäischen Philosophen  und                               Kapitaleigentümer ausgedacht und argumentativ rational begründet worden, um die ökonomischen und politischen Interessen des Privateigentums   als ein menschlich universales Freiheitspostulat zu legitimieren. Das liberale Konzept ist nicht nur eng verbunden mit der entstandenen Markt- und Geldwirtschaft, sondern geht vom Standpunkt des Einzelnen aus: der einzelnen Person als juristisches Individuum. Die Person wird als geistiges Wesen (!) und Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs (Ich-Philosophie der europäischen Aufklärung) und Träger von Rechten und Pflichten im Gefüge rechtlicher und staatlicher Ordnung begriffen. Als Person könne der Einzelne (entsprechend seiner Leistungen) politisch frei seine Interessen und Bedürfnisse zur Geltung bringen. 

Die Disparität von Konzept und historischer Realität ist offensichtlich. 

Sie kennzeichnet den Liberalismus, den wirtschaftlichen und politischen von Anbeginn. Schon mit seiner Entstehung Mitte des 17. Jahrhunderts meinte die liberale politische Philosophie den Bourgeois. Er ist nicht nur der Vertreter der neuen Wirtschaftsweise, sondern auch einer neuen Zivilisation, einer „bürgerlichen Gesellschaft“. In dieser „bürgerlichen Gesellschaft“ beanspruchen die einzelnen Privateigentümer politische Herrschaft im Parlament als Gesetzgebungsinstitution.

Seit Beginn des Handelskapitalismus versuchte das Privateigentum stets Zugriff auf den Staat zu haben – sei es auf die Krone, sei es auf die parlamentarische Demokratie, sei es auf faschistische Diktatur.

Zwischen personaler Freiheitsidee und gesellschaftlicher Realität einer „bürgerlichen“ Gesellschaft besteht eine  strukturelle Disparität. Zwischen Eigentum und Kapitaleigentum liegt juristisch kein Unterschied, obwohl das durch Lohnarbeit und jenes durch Kapitaleinsatz erworbene Eigentum ökonomisch, machtpolitisch und gesellschaftlich ein riesengroßer ist. Über Lohnarbeit wird gesellschaftlich organisierte Arbeit privat angeeignet

Ein auf individuelles und universales Freiheitsrecht basierendes Rechtssystem legitimiert nicht nur, sondern schützt politisch das Privateigentum respektive das Kapitaleigentum durch den Staat.

Der Liberalismus ist eine Ideologie der Privateigentümer und propagiert das private Leistungsprinzip sowie die Moral der Eigenverantwortung. Die durch dieses Rechtssystem geschützte Gesellschaft kennzeichnet folgende strukturelle Merkmale: Lohnarbeit versus Kapital; gesellschaftliche Produktion und private Aneignung;  Eigentum versus Privateigentum; Einkommen versus Profit; Kooperation versus Konkurrenz;  Frieden versus Krieg. 

Faschistische Ideologie hat das Privateigentum und Kapitaleigentum nie in Frage gestellt, soweit sie – wie Hitler bemerkte – auf Leistung beruhen. (Unterscheidung „schaffendes Kapital“ versus „raffendes Kapital“) Hitler vor Industriellen 1932: „Das wirtschaftliche System lebt in gigantischen Organisationen – ja es hat heute bereits ein Riesengebiet staatlich erfasst.“ (zit. nach Landa, S.87) In Zeiten tiefgreifender Krisen in der bürgerlichen Gesellschaft, in der diese Merkmale zu gesellschaftlichen Konflikten und Krisen ausarten, bietet die faschistische Ideologie ein Programm einernationalen Volksgemeinschaft“ oder einer „supranationalen Volksgemeinschaft oder Kultur“   an. 

Vordenker einer solchen supranationalen Volksgemeinschaft ist Oswald Spengler. Er spricht vom „nordischen Menschenschlag“ , von „Raubtieren, deren Seelenkraft nach der Unmöglichkeit ringt, die Übermacht des Denkens, des organisierten künstlerischen Lebens, über das Blut zu brechen und in ein Dienen zu verwandeln, und das Schicksal der freien Persönlichkeit zum Sinn der Welt zu erheben. Ein Wille zur Macht, der alle Grenzen von Zeit und Raum spottet, der das Grenzenlose, das Unendliche zum eigentlichen Ziel hat, unterwirft sich alle Erdteile, umfasst zuletzt den Erdball mit den Formen seines Verkehrs und seines Nachrichtenwesens und verwandelt ihn durch Gewalt seiner Energie und die Ungeheuerlichkeit seiner technischen Verfahren.“ (Spengler, Der Mensch und die Technik, Verlag Wien/Leipzig 2006, S.55-56) Nicht nur seit der metaphysischen Anthropologie Immanuel Kants, in der der Liberalismus einen „kulturellen Rassismus“ vorgestellt hat und den planenden Europäer als Inbegriff des Menschseins vorgestellt hat, der die menschliche Zivilisation auf die höchste Stufe der Vernunft gebracht habe, so vertritt auch Spengler einen Rassismus, der sich vom kulturellen Rassismus durch einen völkischen Einschlag unterscheidet. 

Neben der völkischen Ideologie vertritt der Faschismus eine elitäre Ideologie der politischen Herrschaft. 

 Zuerst möchte ich den liberalen und faschistischen Nationenbegriff miteinander vergleichen. 

Faschismus begreift den Nationalstaat als eine kulturelle Einheit gleicher Abstammung.

Nation ist hier völkische Identität. Sie schließt Ressentiment, Rassismus und  Xenophobie logisch mit ein. Als geschlossene Gemeinschaft „bildet“ das „Volk“, die Volksgemeinschaft, einen Staat. Dieser gründet auf gemeinsamen Wertvorstellungen, auf Tradition, gemeinsamer Geschichte und Sprache. Die reale Geschichte von Völkern wird irrational verschleiert zum Narrativ, zu einer Projektion ursächlicher Gemeinsamkeiten. Sie ist eher ein von unterschiedlichen Interessen und sozialen Gegensätzen wie verschiedenen Produktions- und Verkehrsweisen absehende Narration. Diese mystischen Narrative  ( von Blut und Boden, ursprünglichem Leben)  legitimieren gleichsam eine säkulare Religion  faschistischer Politik. Faschistische Riten, Fackelmärsche und Großdemonstrationen erinnern daran. Eine Politik, die stets eine sozial ausschließende ist, die Andersdenkende diffamiert und verfolgt und Klassenunterschiede „verdecken“ will und reale politische Unfreiheit bedeutet.   

Herbert Marcuse hat 1934 in seinem Aufsatz „Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“ einige ideologische Elemente einer die reale Geschichte „verdeckenden“ Ideologie des Faschismus beschrieben. Gegen den „Rationalismus“ wie gegen den „Empirismus“ der Aufklärung gewendet, deren Erkenntnisinteresse aus der Perspektive des Ichs (Ich-Philosophie) heraus definiert wurde und die unterschiedliche Ideologien des Liberalismus entwarfen, heben faschistische Ideologien und Weltanschauungen das Heroische im Menschen wie des Volkes hervor. Die Menschen seien gesegnet durch ihre allmächtige Tatkraft, ihren Mut und ihre schicksalhafte Vorsehung. Eine Idealisierung des Menschen auf einer irrationalen Metaebene. Vorboten solcher charismatischen Führer oder „Herrenmenschen“ tauchen in den Werken deutscher Intellektueller schon während des 19. Jahrhunderts auf ( bei Stirner, Nietzsche, Spengler u.a.). Die Genese einer gewissen Urkraft dieser Völker oder Heroen wird bei den Wikingern oder Germanen und ihrer vorgestellten Geschichte oder bei den iranischen Ariern vermutet, aus dem Boden und dem Blute vergangener Generationen gezogen. Ein solcher „Menschenschlag“ (Spengler) , aus (Nord) Europa kommend, habe die Welt erobert durch Planung, Technik und Krieg.  Entlehnt wurden diese Mythen aus dem vielfältigen Mythenschatz agrarischer Gesellschaften und Herrschaften.   Während der monarchische Staat aristokratischer Herrschaft  ideologisch durch die Gnade Gottes „vererbt“ wurde, ist das „III.Reich“ eine Replik unter bürgerlicher Führung. Dieses Reich hat sich zurecht nicht Republik genannt, obwohl seine Staatsform eine Republik und seine Regierungsform  eine Diktatur des charismatischen Führers eines Herrenvolkes war.   

Der liberale Staat ist eine abstrakte Rechtskonstruktion – ein „politischer Staat“ (Marx) oder eine „politische Nation“, die durch einen Vertrag gegründet worden ist (Nationalversammlung oder Verfassung). David Hume hat dieser Ideenkonstruktion eine empirische Absage erteilt. Staaten seien zumeist durch Gewalt und Raub errichtet worden.

Demgegenüber ist der faschistische Staat eine „schicksalshafte Erhebung  und Machtergreifung“ des Volkes, um die Herrschaft und Macht der Volksgemeinschaft politische zu zentralisieren und zu konzentrieren. Faschistische Macht hebt die gegenseitige Kontrolle der Staatsgewalten auf. Es gilt der Primat der Exekutive.  

 Die Staatsbürgerschaft wird in der liberalen Theorie durch ein Gesetz festgelegt. Der Staatsbürger ist eine Rechtsfigur und unterscheidet sich vom Bürger im sozialen Sinne. (Unterscheidung citoyen und bourgeois). 

In der faschistischen Ideologie ist die Staatsbürgerschaft von Geburt an gegeben. Ein deutscher Staatsbürger kann z.B. nur ein Deutscher mit einem deutschen „Stammbaum“ sein. „Anartige“ (Kant), zum Beispiel farbige Menschen, oder Ethnien (Sinti und Roma) oder fremde Religionsgemeinschaften (Juden), die auf „deutschem Staatsgebiet“ leben, können keine Staatsbürger sein und erhalten keinen „Personen-Ausweis.“ Nicht nur faschistische Staaten sondern auch liberale Staaten (Rechtsstaaten) waren in diesem Sinne Apartheidsstaaten. Zu Beginn des liberalen Rechtsstaates hatten allein männliche Abgeordnete aus dem Bürgertum einen Personenstatus und damit ein Wahlrecht. Frauen, Arbeiter, Arme, Sklaven –  waren „Staatsgenossen“. Sie erbrachten der politischen Nation keine Steuern und keinen Wohlstand. Auch in dieser Frage der Staatsbürgerschaft ist der Übergang von liberaler Sicht zu faschistischem Gedankengut fließend.

Der Rassismus ist keine Erfindung des Faschismus. Er ist eine Ausgeburt liberaler Ideologie.

Zur Veranschaulichung empfehle ich die Lektüre John Locke`s, Adam Smith`s, J. Bentham`s, I. Kants oder Hegels u.a. Oft wird gesagt, dass dieser Rassismus damals, zur Zeit der europäischen Aufklärung, ein Fauxpas  gewesen sei. Nein, er ist rational begründet worden, als ein kultureller Rassismus. Der Typus des weißen europäische Mannes, der planende, wissende, zivilisierte, mündige und vernünftige Westeuropäer ( – US-Amerikaner ) sei das Ideal der Menschheit, des freien, selbstbestimmenden Menschen schlechthin.  Fremde seien „Wilde“ und lebten im  „Dschungel“ ( so Herr Borell, heute Außenbeauftragter der EU ). Der faschistische Rassismus hingegen ist ein ethnisch – völkischer Herrenmenschen- Rassismus  (Herrenmensch-Untermensch), der sich zum Teil mit dem biologischen Rassismus mischt. Fremde sind wie „Tiere“, sind „Bestien“ und „Wilde“, ohne Zivilisation oder mit anderen unmenschlichen Titulierungen gebrandmarkt. Solche Titulierungen finden sich heute wieder in der Propaganda westlicher, israelischer und ukrainischer Verlautbarungen. 

Eine „Umwertung“ (Nietzsche) und Umdeutung von Werten  kennzeichnet nicht nur die faschistische Ideologie. So werden kollektive Zusammenschlüsse, wie sie mit dem Begriff Gesellschaft ausdrückt werden, zu Gemeinschaften mit gemeinschaftlichen Moralen. Werte bestimmen und halten Gemeinschaften zusammen. Eine allein auf Werten basierende Politik verschleiert die Realität und ist ein Einfallstor faschistischer Politik. Gesellschaften haben unterschiedliche Interessen und verschiede normative Moralvorstellungen. Ihre politischen Meinungen können in liberal demokratischen Gesellschaften und Staaten frei geäußert werden, ohne Ausnahme, denn Meinungsfreiheit ist – im liberalen Rechtssinne – ein universales Freiheitsrecht. ( In diesem Sinne ist das „Demokratieförderungsgesetz“ (!) ein höchst fragwürdiges Gesetz. Was ist z.B. eine „Hassrede“? )   Die Ersetzung des Begriffs Gesellschaft durch den der Gemeinschaft sowie den des Interesses durch die ausschließliche Verwendung von Werten verändert nicht nur den Demokratiebegriff zu  einer Wertgemeinschaft,  sondern unterminiert Demokratie als politische Form der Durchsetzung von Interessen der Mehrheit des Volkes, denn Werturteile des Guten oder die Durchsetzung moralischer Prinzipien werden zum Primat der Politik. Darin liegt der Grund eines „cancel culture“. Ein Eingangstor zu faschistischer Politik und die Verlagerung der Interessenkonflikte in einen ideologischen Kampf, der jeglichen Realitätsbezug leugnet und Propaganda erzeugt. In dieser neuen Sprache, in der ein Militärbündnis als „Wertgemeinschaft“ figuriert und Außenpolitik als „feministische“ Außenpolitik bezeichnet wird, liegen die ideologischen Kontaktlinien zwischen Liberalismus und Faschismus.   Während der auf Empirie beruhende Liberalismus der klassischen Politökonomie durchaus von Interessen der bürgerlichen Marktakteure spricht  und zwischen ökonomischem und moralischem Wert zu unterscheiden weiß, so verdeckt schon der politische Liberalismus der Aufklärung diesen Unterschied, indem er das notwendige ökonomische Handeln im Rahmen der Marktwirtschaft als „eigentliches“ menschliches Handeln moralisch und ethisch universell sanktioniert.  

Faschismus ist eine Identitätsideologie.

Sie verschränkt individuelles Interesse mit nationalem Interesse, individuelle Werte mit völkisch-kulturellen Werten. Politische Freiheit mit völkischer-nationaler Freiheit. Er kennt keinen Unterschied zwischen Einzelheit und Allgemeinheit. Und daher ist Kritik ein Feind, andere Menschen  Untermenschen, Demokratie sein Tod.  Krieg sein Friede: „Frieden schaffen mit Waffen!“  Die Formierung sein Ziel. 

Der Demos verachtet den Krieg, wenn er im Interesse einer Elite geführt wird, denn der Krieg zerstört politische Freiheit,  den Wohlstand und bringt den Tod. Nur durch Angstmacherei vor dem Fremden, Andersartigem oder vor dem „Bösen“ kann der Demos „kriegstüchtig“ gemacht werden. Demokratische Gesellschaften suchen Kooperation, Diplomatie   und Verträge (!). Die Ablehnung von Diplomatie, Verträgen, die nicht beiderseitige Staatsinteressen berücksichtigen wollen, und Militarismus sind die Einfallstore eines wie auch immer bemäntelten Faschismus.   

In der sozialistischen Ideologie ist Freiheit nicht nur ein individuelles Rechtsprinzip (politische Freiheit) , sondern auch sozial emanzipatorisch gedacht.  Solidarität aufgrund gemeinsamer Interessen ist der Freiheit Losung.  Freiheit ist in der sozialistischen Ideologie nicht nur ein Rechtsbegriff , wie in der liberalen Rechtsphilosophie als individuelles Freiheitsrecht,  sondern auch ein sozial emanzipatorischer, der immer den Anderen miteinschließt. 

 Deutsche Faschisten haben ihre Partei „nationalsozialistisch“ genannt, im Sinne einer völkisch-nationalen Partei. Von Sozialismus war nie die Rede. Sozialisten und Kommunisten waren die ersten, die unter dem Nazi-Regime politisch verfolgt und getötet wurden. Ihre Parteien wurden verboten.  Unter „sozialistisch“ verstanden Faschisten  „gemeinschaftlich“. Wahrscheinlich haben deutsche Nazis diese Titulierung aus propagandistischen Gründen mit dem Ziel gewählt, politische Vorteile bei der Arbeiterschaft zu erzielen und die Klassenparteien der Arbeiterschaft zu schwächen. Es galt die durch Krieg, Inflation, Arbeitslosigkeit und Elend gebeutelte Arbeiterschaft  nach dem I.Weltkrieg von den Sozialisten abzuwerben und der Arbeiterschaft einen Sündenbock für ihr Elend im Inneren und Äußeren zu offerieren und zugleich von den Ursachen der Krisen abzulenken .  Ohne die Masse der Lohnabhängigen ist kein Krieg zu führen. 

Sozialisten verstanden unter Sozialismus eine Vergesellschaftung des Privatkapitals und eine Demokratisierung der Wirtschaft, die sowohl betrieblich als auch mit Hilfe staatlicher Gesetze, durch Wahlen legitimiert oder diktatorisch verordnet, durchgeführt werden sollte.( Rätedemokratie oder repräsentative Demokratie / Kommunisten oder Sozialdemokraten). Sie beabsichtigten die durch die Arbeiterschaft entstandenen Profite zu sozialisieren. Sozialismus bezieht sich weder auf eine Staatsform noch auf eine Regierungsform.    

Daher ist es ideologisch ein Unsinn von einer Korrelation von Faschismus und Sozialismus zu sprechen, wie es die Theorie des Totalitarismus getan hat. Diese Theorie entspringt aus dem Existentialismus (Hannah Arendt), der selbst ideologisch eine Affinität zum Faschismus hatte (Heidegger, Jaspers), indem der völkisch gebundene Einzelne seine Welt aus dem Ursprung seiner Existenz selbst zu schaffen glaubte. Ihr Zweck liegt darin, den engen Zusammenhang von Faschismus und Liberalismus zu verschleiern. Darin stimme ich Ishay Landa und Herbert Marcuse wie Adorno und Horkheimer zu (Dialektik der Aufklärung).          

                         Teil 2 : Faschistische Wirtschaftspolitik                 

                                   (folgt)

Empört Euch!

 

So lautet der Titel eines kleinen Büchleins des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stéphane Hessel im Jahre 2010. Dieser Satz ist heute noch aktueller als seinerzeit. 

Die Blutspur der Kriege der USA als westliche Führungsmacht ist unendlich lang. Alleine die USA haben nach 1945 50 Kriege und militärische Operationen als Angreifer geführt. 

Nach den legendären Worten des früheren sozialdemokratischen Verteidigungsministers Struck wurde die Freiheit der Bundesrepublik als treuer Vasall der USA auch am Hindukusch verteidigt. Zurück blieben unzählbare Tote und verwüstete Landstriche. Die Verteidigung der Freiheit am Hindukusch kostet auch heute noch Tote durch Hunger und zerstörte Infrastruktur, nicht nur in Afghanistan, ebenso in Libyen, im Jemen, in Syrien, dem Irak und auf den sonstigen Schlachtfeldern des werteorientierten Westens. 

Derzeit wird die Freiheit in der Ukraine, im Gaza-Streifen und am roten Meer verteidigt, demnächst im chinesischen Meer. Die deutsche Regierung hat sich aufgemacht, Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Dazu gehören klassische Kriegskonzepte, der Aufbau einer Kriegswirtschaft, die Militarisierung des Gesundheitswesens, Sozialabbau und Abbau des Bildungswesens. Milliarden werden in die Aufrüstung gesteckt. Die Bevölkerung soll dafür bluten. In den Kriegsgebieten im wörtlichen Sinne. Hier in Deutschland im materiellen Sinne durch die Vergrößerung der Armut.

Wenn es nach den Vorstellungen der Regierung geht, ist das Ende der Fahnenstange bei weitem noch nicht erreicht. Die USA ziehen sich aus der Finanzierung des Ukrainekrieges zurück, was nichts anderes bedeutet, als dass die astronomischen Kriegskosten zukünftig von Europa und allen voran von Deutschland zu bezahlen sind. Alleine schon dieser Umstand macht deutlich, dass der Sozialabbau erst begonnen hat. Die CDU hetzt gegen die Ärmsten der Bevölkerung gegen das ohnehin nicht ausreichende Existenzminimum in Form des Bürgergeldes. Die marode Infrastruktur in Schulen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen wird weiter dem Verfall preisgegeben. Und wofür? 

Für die Fortsetzung eines Krieges, in dem nicht die verantwortlichen Politiker an den Frontlinien verbluten, sondern junge Menschen, eine ganze Generation wird verheizt für den sogenannten notwendigen Sieg. Militärs und die Medien benannten die Kämpfe um Bahmut den „Fleischwolf im Donbass“. Keiner erwähnte dabei, dass dieser Ort nicht das erste Mal Gegenstand blutiger militärischer Verbrechen war, nämlich der Einsatzgruppen mit Hilfe der 17.Armee der deutschen Wehrmacht zwischen dem 9. Und 12. Januar 1942, die dort 3000 Juden barbarisch vernichteten. Alles schon vergessen?

Empört Euch!!

Immer dann, wenn eine Gesellschaft kriegstüchtig gemacht wird, muss sie formiert werden. Die Formierung erfolgt durch einen Abbau klassischer demokratischer Rechte. Das nennt sich dann Verteidigung der Demokratie durch Ausschluss abweichender Meinungen. Die Formierung läuft dann unter dem Motto: „Gemeinsamkeit der Demokraten“. Die Aufteilung der Gesellschaft in Gute und Böse soll eine pervertierte Einheitsfront schmieden. Hierzu sind die Gegner zunächst zu personalisieren und dann zu dämonisieren. 

Beispielhaft wurden Saddam Hussein, Muamar Ghaddafi oder Putin zu einem neuen Hitler erklärt, nur halt ohne Holocaust.  Die eigenen Ziele sind die moralisch überlegenen. 

Das jüngst abgehörten Gespräche der obersten Luftwaffenoffiziere macht den gesellschaftlichen Zustand dieses Landes besonders deutlich.  Die Veröffentlichung der Telefonmitschnitte wird zu einem Abhörskandal erklärt. Der Inhalt, nämlich die Vorbereitung einer weiteren Eskalation des Ukrainekrieges durch Deutschland und die Beteiligung deutscher Soldaten an diesem Krieg, spielen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. 

Die Eskalation zur Gefahr einer europäischen nuklearen Auseinandersetzung wird durch diese Regierung nicht nur in Kauf genommen, sondern angestrebt. Da sitzen erneut deutsche Generäle zusammen und diskutieren, wie deutsche Marschflugkörper mit deutscher Logistik auf russische Ziele abgefeuert werden können. Nicht das Bekanntwerden ist der Skandal, sondern die Inhalte des abgehörten Gesprächs. Die Besprechung über die deutsche Kriegsbeteiligung müsste dem letzten klargemacht haben, dass die Wahnsinnigen in Berlin tatsächlich nichts anderes als Eskalation im Sinn haben. Es erinnert mich an die Frage, die jedem in Deutschland noch in den Ohren klingen müsste: 

„Wollt ihr den totalen Krieg?“ Nein!! Auf gar keinen Fall – muss die Parole sein.

Empört Euch!!!

Im Orwellschen Sinne wird der Krieg zur Friedensbemühung deklariert. Demokratie mündet in ein „Demokratieförderungsgesetz“, mit dem die Gleichschaltung der öffentlichen Meinung zum Schutz der Demokratie gefördert werden soll und abweichende Meinungen als demokratiefeindlich verfolgt werden sollen. 

Weshalb muss in Zeiten einer beklagten Kriegsmüdigkeit und zunehmenden Verschlechterung der sozialen Lage eines großen Teils der Bevölkerung die Regierung die Demokratie vor dem Volk schützen, das doch der Souverän sein soll?

Der Begriff des Antisemitismus wird in einen Auftrag zur Vernichtung der Palästinenser umgedeutet.

Der sozialdemokratische Bundeskanzler spielt an auf einen Satz Willy Brandts, der erklärte, Frieden sei nicht alles, aber ohne Frieden sei alles nichts und verkehrt diesen Satz auf der jüngsten Sicherheitskonferenz in München in den Satz „ohne Sicherheit sei alles nichts“. 

Hiergegen empören wir uns. 

Ich war nie ein Sozialdemokrat, ich würde mir heute allerdings einen Sozialdemokraten wünschen, der wie Willy Brandt ausführte: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“ Stattdessen müssen wir Kriegshetze hören, wie, „wir müssen den Krieg nach Russland tragen“, ohne dass ein Sturm der Empörung losbricht.

Deutschland hat nicht nur den Völkermord an den Herero und Nama, den industriellen Völkermord an den Juden zu verantworten. Nein, jetzt beteiligt sich Deutschland zum dritten Mal an einem  Genozid, dieses Mal  gegen die Palästinenser. 

Weshalb ist ein Diskurs darüber, dass Deutschland sich sogar vor dem Internationalen Gerichtshof wegen der Beihilfe zum Genozid verantworten muss, in der Öffentlichkeit kein Thema?

Empört Euch!!!

Stephane Hessel forderte in seinem schmalen Büchlein zu gewaltloser Revolte und Widerstand auf. Auch wenn die komplexen gesellschaftlichen Strukturen keine einfachen Erklärungen erlauben, so sei nach seiner Meinung das schlimmste, was man der Welt und den Menschen antun könne, die Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Verhältnissen.  

Die von der Ampel organisierten Demonstrationen gegen rechts hatten zum Motto: „Nie wieder ist jetzt.“ Der ursprüngliche Slogan lautete jedoch nicht nur verkürzt „Nie wieder Faschismus.“ In diesem Sinne wurde der Satz bereits vom früheren olivgrünen Außenminister  Joschka Fischer missbraucht, der,  wie jeder Krieger den Krieg gegen Jugoslawien 1999 mit einer Lüge begründete, der Hufeisenlüge, und uns seine Lüge mit der Werteorientierung vermittelte: „Nie wieder Ausschwitz.“  Demagogischer und abstoßender konnte eine Kriegslüge kaum begründet werden. 

Der Slogan lautete vollständig: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus.“ Deshalb stehen wir heute hier. In diesem Sinne ist nie wieder: jetzt.

Wir schreien heute zurück: wir wollen weder den totalen Krieg, noch Krieg überhaupt. 

Nieder mit den Waffen, 

sofortiger Waffenstillstand, 

Stopp der Waffenlieferungen in die Ukraine oder nach Israel

Frieden statt Kriegstreiberei

Nachtrag zur Marxens Geldtheorie

              Teil 2

Aus dem Geldverleih allein entsteht kein „Zins tragendes Geldkapital“ (Marx) . Im Falle des Girokontos z.B. wird Geld in einer Geschäftsbank hinterlegt und dort verwahrt und verwaltet, um den Zahlungsverkehr zu regeln. Für diese Dienstleistung erhebt die Bank eine Gebühr und weder der Kontoinhaber noch die Bank ziehen aus diesem Geldverleih einen Zins. Die Bank fungiert als Kasse.

Geschäftsbanken geben auch Geldkredite. Der Kreditnehmer kann mit diesem Geldkredit entweder den Privatkonsum oder seine Geschäfte finanzieren. Im ersten Fall erzielt der Kreditgeber vom Kreditnehmer einen Zins. Der Kreditnehmer verwendet den Kredit auf dem Güterwarenmarkt. Mit dem Kauf der Ware geht der Geldkredit in die Geldzirkulation des Güterwarenmarktes ein.

Wird der Kredit zur Geschäftszwecken verwendet, so trägt der investierte Geldkredit in den Verwertungsprozess des Kapitals ein. Der Geldverleih, so Marx, „ist überhaupt kein Akt des wirklichen Kreislaufprozesses des Kapitals, sondern leitet nur diesen durch den industriellen Kapitalisten zu bewirkenden Kreislauf ein.“ (Marx, Das Kapital Band II, S.324) Dort wird die Investition verwertet. „Das Geldkapital, das der Geldkapitalist nicht in seinem eigenen Geschäft anwenden kann, wird von anderen angewendet, von denen er Zins erhält.“ (333) Für den Kreditgeber ist es Kapital geworden durch die Weggabe an den Kreditnehmer. „Der wirkliche Rückfluss des Kapitals aus dem Produktions- und Zirkulationsprozess findet nur für B statt.“ (360)

Da Investitionskredite nicht aus den Einlagen der Geschäftsbanken vergeben werden, „schaffen“ Banken neues oder frisches Geld, das nicht aus der im Umlauf befindlichen Geldmenge entnommen wird. Diese Kreditart nennt Marx Kreditgeld, das aus dem „Nichts“ entstanden ist. (Fiat money, Geld ohne oder mit geringem Substanzwert) Kreditgeld ist der Motor der kapitalistischen Geldmaschine. Der Geldkredit das Öl des Güterwarenmarktes. Das Kreditgeld durchläuft zwei voneinander getrennte Zirkulationen. Es kann in der Produktion verwendet werden oder es wird gegen Wertpapiere oder Eigentumstitel getauscht.

Im ersten Falle kauft (oder mietet) der Kreditnehmer Produktionsmittel, Maschinen, Energie, Arbeitsplatz, Rohstoffe etc. Diese Produktionsfaktoren nennt Marx „konstantes Kapital“ (c), weil sie keinen zusätzlichen Wert schaffen. Diese Materialien sind unter der Annahme des Äquivalenzprinzips getauscht worden. Ungleiche Tauschverhältnisse, wie sie zur Zeit des Handelskapitalismus und Kolonialismus im Fernhandel existierten, schließt das Modell äquivalenter Zirkulation auf Märkten aus. Die Kosten für diese Ausgaben gehen in den Produktpreis mit ein. Mit dem Kreditgeld kauft er auch Arbeitskraft. Die von dem Industriekapitalisten in der Produktion verwendete menschliche Arbeitskraft nennt Marx „variables“ Kapital (v), da sie dem Produkt und spätere Ware zusätzlichen Wert (m) zusetzt. Die Zirkulation dieser Form des „zinstragenden Kapitals“ beschreibt Marx wie folgt: G(c+v+m)-G`. Das Kreditgeld fließt an den Kreditgeber zurück: G-G`

Die zweite Zirkulation des zinstragenden Kapitals ist die Zirkulation des Finanzkapitals. Das Kreditgeld wird in Wertpapiere oder Eigentumstitel investiert, die als Waren einen Preis haben. Dieser Mark heißt Finanzmarkt. Dieses Kapital nennt Marx „fiktives“ oder „illusorisches“ Kapital. Es ist kapitalintensiv im Sinne schneller Verwertbarkeit durch Kauf und Verkauf und geringer Herstellungskosten. Es hat keine Lagerungskosten. Es ist Kapital in seiner idealen Form. Es ist hoch risikoreich, weil spekulativer als die Investitionen in die materielle Realindustrie. Finanzmärkte sind eine Wette auf die Zukunft unter Ausschaltung materieller Produktionsprozesse. Die Form der Zirkulation des „zinstragenden Geldkapitals“ lautet: G-G`

Das „finanzialisierte“ Kreditgeld hat aufgrund der Geldschöpfung der Geschäftsbanken eine exponentielle Ausweitung der Geldmenge und demzufolge der Verschuldung zur Folge. So haben z.B. britische Geschäftsbanken der Londoner City 2010 97,4% der in Umlauf befindlichen Geldmenge erzeugt. Während die Zentralbank Englands nur 2,6% in Form von Bargeld dazu beigetragen hat. Von 1998-2007 hat sich die Kreditmenge um 1,2 Billionen Pfund vergrößert, das Bargeld nur um 18 Millionen Pfund. Das Bankvermögen war 1980 global 20mal größer als das der globalen Wirtschaft – 2006 75mal größer.

„Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditwesens scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital unter verschiedenen Formen erscheint.“ (Marx, Kapital Band III, S.488). Die Wertpapierduplikate werden wiederum als Waren gehandelt und zirkulieren selbst als Kapitalwerte. „Sie sind illusorisch und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.“ (III, 494) Der Güterwarenmarkt und der Finanzmarkt haben zwei unterschiedliche Zirkulationen. Die Märkte sind aber trotzdem miteinander verbunden. Je größer die Menge des Kreditgeldes um so mehr steht die so genannte Realwirtschaft unter dem Zwang der „Finanzialisierung“. Durch die immense Ausweitung des Kreditgeldes entwickeln sich auf beiden Märkten unterschiedliche Inflationen zu verschiedenen Zeiten. Auf den Finanzmärkten können sich Spekulationsblasen bilden, die zu Stockungen des Zuflusses von Kreditgeld führen und zu Zusammenbrüchen von Banken, so dass davon die Realwirtschaft betroffen wird. Finanzmärkte sind grundsätzlich instabil. Sie werden mehr von Emotionen angetrieben als jene Investitionen, die in die Realwirtschaft fließen.

Michael Hudson hat das Finanzkapital neben der Grundrente als „Wucherkapital“ bezeichnet, weil es Einkommen aus unproduktiver Arbeit generiert. Zins- und Tilgungszahlungen müssen aus anderen Einkommensbereichen der Schuldner bezahlt werden. Hudson nennt dies eine „räuberische“ Kreditvergabe. Nach Marx ist das Wucherkapital Kapital, das der Arbeit „nicht als industrielles Kapital gegenüber tritt.“ (II. 609) Marx schreibt: “ Was das zinstragende Kapital vom Wucherkapital unterscheidet ist in keiner Weise die Natur oder der Charakter dieses Kapital. Es sind nur die veränderten Bedingungen, unter denen es fungiert, und daher auch die total verwandelte Gestalt des Bürgers, der dem Geld Verleiher gegenübersteht.“ (Marx Kapital Band III,614) „Der Kredit, als ebenfalls gesellschaftliche Form des Reichtums, verdrängt das Geld und usurpiert seine Stelle. Es ist das Vertrauen in den gesellschaftlichen Charakter der Produktion, welche die Geldform der Produkte als etwas nur Verschwindendes und Ideales, als bloße Vorstellung erscheinen lässt. Aber sobald der Kredit erschüttert wird – und diese Phase tritt immer notwendig ein im Zyklus der modernen Industrie – soll nun aller Reichtum wirklich und plötzlich in Geld verwandelt werden.“ (Marx, III. Dietz Verlag, S.588)

Joseph Vogl schreibt: „Die Kreditzirkulation basiert auf dem Paradoxon eines sich selbst garantierten Geldes und erweist sich als Schauplatz effektiver Funktionen oder ‚Dichtungen‘, auf dem Umlauf des Scheinbaren tatsächlich zur Determinante ökonomischer Relationen gerät.“ (Vogl, Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Verlag 2010/2011, S. 81) Das ‚Gespenst des Finanzkapitals‘ erweist sich als Abkehr von gesellschaftlicher Realität, als Realitätsverlust. Eine politische Ordnung erzeugt und die sie praktisch vertretenden Politiker vertreten zwangsläufig Hybris und Hypokrisie.

Die Marxsche Geldtheorie

Marx hat von September bis November 1857 in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie „nur in ganz kurzen Umrissen“ seine Geldtheorie auf 113 Seiten plus Anhang im Kapitel vom Geld dargestellt, bevor er seinen Hauptgegenstand im >Kapitel vom Kapital< (von S. 151 bis 763) behandelt. Die Arbeit, um die es in den Grundrissen gehe, „ist die Kritik der ökonomischen Kategorien,“ wie sie die bürgerliche Ökonomie seiner Zeit darstellte. Und diese Kategorien sind eben Geld, Ware und Kapital. Eine wesentliche Kategorie, die in seinem Hauptwerk eine zentrale Rolle spielt, die Arbeit, findet in den Grundrissen noch kein eigenes Kapitel. „Hätte ich Zeit, Ruhe und Mittel, das Ganze auszuarbeiten, ehe ich es dem Publikum übergäbe, so würde ich es sehr kondensieren…So aber – vielleicht besser für das Verständnis des Publikums, sicher aber zum Schaden der Form – in aufeinanderfolgenden Heften gedruckt, zieht sich die Sache notwendig etwas in die Breite.“ (Brief Marx an Lassalle vom 22.11.1858, nachzulesen im Lassalle Nachlass, S.116, 117)

Aus diesen Zeilen wird schon Marxens Unbehagen deutlich, denn das Kapitel vom Geld ist sprachlich, strukturell und methodisch nicht einfach und macht dem heutigen Leser Schwierigkeiten, es zu verstehen. Daher versuche ich meine Darstellung der Marxschen Geldtheorie so zu ordnen, dass ich das Referierte mit Zitaten aus dem Kapitel vom Geld belege und in herausgehobener Form mein Urteil über das Gesagte abgebe. Ich stelle die Marxsche Geldlehre unter den Aspekten a.) der historischen Prozesse der Herausbildung des Geldes, b.) seiner Funktionen und c.) seiner Arten dar.

Geld und Waren sind die Elemente des Tausches und des Handels. Marx untersucht die jeweiligen Positionen, die Elemente in ihrem Verhältnis zueinander einnehmen, und die Funktionen des Geldes im Verhältnis zur Ware. Dabei unterscheidet Marx fünf Positionen des Geldes zur Ware:

1. den Tauschhandel W-G-W ; 2. Den Handel W-G-G-W ; 3. Das Handelskapital G-W-W-G ́ (Kaufmannskapital) ; 4. Das Geldkapital G – W (v+ c) – W ́(v+ c + m ) – G ́ ; 5. Das Zins tragende Kapital G-G ́. In diesen Phasen, denen auch historisch ökonomische Formationen zugesprochen werden können, übernimmt das Geld zunehmend verschieden Funktionen. Es ist 1. Tauschmittel, 2. Maß der (Tausch)Werte der Waren, 3. Zirkulationsmittel, 4. Preissetzung, 5. Zahlungsmittel, 6. Kreditmittel und 7. Weltgeld. Doch die Funktionen des Geldes geben uns noch keine Definition oder Bestimmung, was Geld ist. Schon hier kann verraten werden, dass Geld nach Marx mehrere Bestimmungen hat.

Das Geld entwickelt sich aus den Anfängen des Tausches von Gütern. Darin folgt Marx Aristoteles. ( Nach Aristoteles gehört der naturgemäße Tauschhandel (metabletike) zur natürlichen Erwerbskunst ( ktetike ) so wie die Hauswirtschaft (ökonomia). Aus dem Tauschhandel, der erst in der erweiterten Gemeinschaft (koinonia) zu finden ist, entwickelt sich zwangsläufig die künstliche Erwerbskunst (chrematistike), die das Geld einführt und dann die Handelsgeschäfte (kapelike). ) Dieser zufällige und unregelmäßige Tausch von Gütern benötigt auf kurze Sicht kein vergleichendes Maß, sondern wird bestimmt durch das Bedürfnis oder die Notlage, ein solches Arbeitsprodukt gegen ein anderes zu tauschen. Diesem Tausch liegt keine gesellschaftliche Arbeitsteilung zugrunde. In Stammesgesellschaften, sofern sie nicht an ihren Territorialgrenzen ihre Arbeitsprodukte mit fremden Stammesgesellschaften austauschen, und in selbst erzeugenden Hauswirtschaften ist Geld nicht notwendig, da andere Verteilungsmechanismen stattfinden. Wenn man Waren als Güter definiert, die regelmäßig ausgetauscht und gehandelt werden, dann steht historisch am Anfang der Austausch oder der Tauschhandel W-G-W. Ökonomisch betrachtet, existiert in zufälligen Tauschaktionen von Gütern keine Ware und kein Geld. Auch im Tauschhandel, „wo überhaupt noch wenig ausgetauscht wird und noch wenig Waren in den Verkehr kommen“ (97), ist kein Geld nötig. Das Wertverhältnis zwischen den Gütern lasse sich durch ein einfaches quantitatives Verhältnis ausdrücken. „In dieser Form können wir überhaupt verfahren, wenn wir nur wenige Waren miteinander vergleichen, die gleichnamiges Maß haben; z.B. soviel Quarter Roggen, Gerste, Hafer für soviel Quarter Weizen.“ (97) Die Waren stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zueinander, das Marx Tauschwert nennt. Dieses vergleichbare Verhältnis ist quantitativer Art. Dieses quantitative Wertverhältnis muss ein gleichnamiges Maß besitzen, und dieses gleichnamige Maß muss die Eigenschaft haben, in aliquote Teile (untergeordnete Teile einer Einheit) untergliedert werden zu können. Diese Maßeinheit, womit die Waren wertmäßig verglichen werden können, stellt das Geld dar. Erst dann kann es ökonomisch als Tauschmittel angesehen werden. Äquivalenz hat also die Bestimmung quantitativer Vergleichbarkeit. Die Frage lautet, die noch später zu klären ist, worin besteht diese Vergleichbarkeit. Das Geld als Maßeinheit der Tauschwerte der Waren muss zudem die Eigenschaft besitzen, in aliquote Teile eingeteilt werden zu können, zumal wenn es zirkuliert. Die Edelmetallmünze erfüllt diese Eigenschaft. (Das Aes grave (schweres Kupfergeld) der Römer aus ihrer Vorzeit waren Münzen, die anfänglich so schwer waren, dass sie nicht für einen regelmäßigen Handel praktikabel waren, sodass sie später in einem reduzierten Münzfuß ausgebracht wurden, der in unterschiedlichen Pfundnormen in Latium, Kampanien, Apulien, Umbrien und Etrurien festgelegt wurde.)

Zuerst untersucht Marx das Wertverhältnis zwischen den verschiedenen Metallen (Kupfer, Silber und Gold) in der Geldgeschichte, soweit es die damalige Literatur preisgab, dann untersucht er die Funktion des Geldes als Maßeinheit der Tauschwerte der Waren in der Zirkulation. Marx untersucht im Kapitel vom Geld die Schwankungen des Wertverhältnisses zwischen den verschiedenen Metallen. Das Verhältnis sei abhängig von dem „relativen Zustand der Reinheit, worin sie sich befinden, und ihrer Lagerung.“(97) (Die Reinheit hat in der Geschichte des Münzgeldes eine entscheidende Bedeutung gehabt. Sie war Ausgangspunkt vieler Klagen und Betrügereien nicht nur von Privatpersonen, sondern mit verheerenden Folgen auch für Staaten, die sich durch Kriege verschuldet hatten und durch einen reduzierten Reinheitsgehalt diese Schulden zu minimieren gedachten. Die Reduzierung des Reinheitsgehaltes war der sichtbare und überprüfbare Ausdruck einer Geldentwertung oder Inflation. Daher gehörte die Waage zu den wichtigsten Arbeitsmitteln der damaligen „Bankleute“, die ihre Waagen auf Bänke positionierten). Auch die Edelmetallvorräte und ihre Abbaumöglichkeiten bestimmten, so Marx, das Wertverhältnis der Edelmetalle zueinander. Das quantitative Verhältnis ihres gegenseitigen Austausches, also das Verhältnis von Angebot und Zufuhr, habe ihr Wertverhältnis bestimmt. Marx referiert aus der historischen Literatur die Schwankungen der Wertverhältnisse zwischen den Metallen Gold und Silber. Herodot habe z.B. das Gold-Silber- Verhältnis als 13:1, der Code des Manou zwischen 1300 und 600 v.Chr. 2 1⁄2 zu 1; Humbold habe das Verhältnis 1811 für die Edelmetalle in Amerika 1 zu 46 geschätzt, und zwar noch vor der Entdeckung der Vorkommen in Kalifornien. Außerdem bestimmten, so Marx, auch die chemischen und ästhetischen Eigenschaften der Metalle das Wertverhältnis. So habe z.B. das Kupfer eine „schöne morgenrote Farbe; ziemliche Härte; erfordert sehr hohe Temperatur zum Schmelzen; … häufig mit Oxygen oder Schwefel verbunden…Findet sich aber auch oft, mehr als die andren Materiale, an der Oberfläche der Erde… In großer Masse in Zirkulation in dem von den Römern unterworfenen Italien vom 1. bis 5. Jahrhundert.“(97/98) Die Römer besaßen – so Marx – vor der Verjagung der Könige Silbergeld, aber sie hätten die Folgen eines bequemeren Zirkulationsmittels gefürchtet. „Nachdem das Metallgeld gefunden (sei es als eigentliches Geld oder nur als bevorzugtes Tauschmittel per Gewicht) begann die Akkumulation.“ (98) Marx fasst zusammen: „In der alten Welt also, wenn der Durchschnitt gezogen wird: Erstens: Verhältnismäßiger Höherwert des Silbers über das Gold. Abgesehen von einzelnen Erscheinungen (Arabern), wo das Gold wohlfeiler als Silber und noch wohlfeiler als Eisen…Zweitens: Seit dem Tod Alexanders verhältnismäßiges Steigen der Werte des Goldes zum Silber mit der Erschöpfung des sables auriferes, Fortschritt in der Technik und Zivilisation: und so Öffnung der Silberminen; nun Einfluß des quantitativen Mehrvorkommens von Silber als Gold in der Erde… Drittens im Mittelalter: Wieder das Verhältnis wie zur Zeit des Xenophon – 10 zu 1. Viertens nach der Entdeckung von Amerika: Wieder about das Verhältnis wie zur Zeit des Honorius und Arcarius (397); 14 bis 15:1. Obgleich seit about 1815 – 1844 wachsen der Goldproduktion. Es ist wahrscheinlich, dass die Entdeckung von Kalifornien und Australien fünftens wieder das Verhältnis der römischen Kaiserzeit 18: 1, herbeiführen wird, wenn nicht noch größeres…“ (100f.)

(Aus dem bisher Gesagtem wird deutlich, dass nicht nur Geld als Gold oder Silber, also Edelmetallmünzen, als Maßeinheit für die Warenwerte dienen kann, sondern auch andere Materialien, z.B. Papier wie Papiergeld oder Wertpapiere etc.)

Bevor Marx die Funktion des Geldes als Maßeinheit untersucht, definiert er die Bedingung, unter der Geld als wirkliches Geld funktioniert: das Geld muss auf Märkten ständig zirkulieren können, d.h. das Geld muss nicht nur als Tauschmittel, sondern auch als Zirkulationsmittel funktionieren, so dass z. B. Kauf und Verkauf örtlich und zeitlich getrennt werden können und eine auf Kauf und Verkauf ausgerichtete Wirtschaftsform möglich ist: W-G-G-W. Eine Marktwirtschaft

In der „unmittelbaren Zirkulation“ läuft das Geld entgegengesetzt zur Zirkulation der Waren. „Der Ausgang von Einem Zentrum nach den verschiedenen Punkten der Peripherie, und die Rückkehr von allen Punkten der Peripherie nach einem Zentrum findet nicht statt bei dem Geldumlauf auf der Stufe, wo wir ihn hier betrachten, seiner unmittelbaren, sondern erst in der durch das Bankwesen vermittelten Zirkulation. Wohl aber besteht diese erste naturwüchsige Zirkulation aus einer Masse von Umläufen. Der eigentliche Umlauf beginnt aber erst da, wo das Gold und Silber aufhört Ware zu sein. Zwischen Ländern, die Edelmetalle ausführen, und solche, die sie einführen, findet keine Zirkulation statt, sondern einfacher Austausch, da das Gold und Silber hier nicht als Geld, sondern als Ware figuriert.“(101) Marx unterscheidet also zwischen unmittelbaren und einer durch das Bankwesen vermittelten Geldzirkulation.

Von der vermittelten Geldzirkulation wird erst dann die Rede sein, wenn wir die Zirkulationsformen G-W-W ́-G ́und G-G ́ behandeln. Erst die modernen Banken stellen das >Eine Zentrum< des Geldumlaufs dar. Sie sind Geldkapitalsammelstellen und wirken auf die durch sie vermittelte Geldzirkulation ein. Sie schöpfen neues Geld, bestimmen die Geldumlaufgeschwindigkeit, sodass bei ihnen die Hauptmasse des Geldvermögens liegt. Findet zudem noch eine Konzentration und Zentralisation im Bankwesen statt, dann sind sie, soweit Geschäftsbanken, die Zentren nicht nur Ausgangspunkt einer Mehrwert schöpfenden Industrie-, sondern selbstredend Zentren des Finanzkapitalismus.

In der unmittelbaren Geldzirkulation, womit Marx sich hier beschäftigt, werden die Tauschwerte der Waren in Preise gesetzt. Daher muss der Begriff des Preises vor dem der Zirkulation entwickelt werden. „Die Zirkulation ist das Setzen der Preise, die Bewegung, in der Waren in Preise verwandelt werden; ihr Realisieren der Preise.“(102f.) Das Geld in seiner Funktion als Maßeinheit der Warenwertverhältnisse, die in Preisen zum Ausdruck kommen, unterscheidet sich vom Geld als Maß der Tauschwerte der Waren. „Das Geld ist nur Maß, weil es Arbeitszeit materialisiert in einer bestimmten Substanz, also selbst Wert ist,… weil es Äquivalent ist.“ (676) – und zwar innerhalb der unmittelbaren Zirkulation. „Bei jedem Maß, sobald es als Vergleichspunkt dient, d.h. sobald die Verschiedenen, die verglichen werden sollen, in das Verhältnis von Anzahl zum Maß als Einheit gesetzt sind, und sie nun aufeinander bezogen werden, wird die Natur des Maßes gleichgültig und verschwindet in dem Akt der Vergleichung selbst; die Maßeinheit ist bloße Zahleneinheit geworden; die Qualität dieser Einheit ist verschwunden.“(678) „Aber sie werden erst bloße Zahlengrößen,…, vergleichbar miteinander und rücken erst Proportionen gegeneinander aus, sobald jede einzelne Ware gemessen ist mit der, die als Einheit, als Maß dient. Ich kann sie aber nur einander messen, nur kommensurabel machen, soweit sie eine Einheit haben – diese ist die in beiden erhaltene Arbeitszeit.“(678)

Die Arbeitszeit ist nicht allein das Maß der Preise, denn Wert und Preis sind nicht identisch, da ein Zusammenfallen von Preis und Wert Gleichheit von Nachfrage und Zufuhr unterstelle, was in der ökonomischen Realität nicht der Fall sei. In der Funktion als Maßeinheit fungiert Geld als Rechenmünze. Marx kritisiert seine zeitgenössischen Ökonomen, dass sie aus der Existenz der Rechenmünze (Kurantmünze) schließen, dass diese ein „ideales Maß“ abgebe. Darunter verstünden sie, dass Geld ein „willkürlicher Vergleichspunkt“ sei und selbst keinen Wert besäße; also „kein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeitszeit“ (677) ausdrücke. 

Marx kritisiert die Neoklassik des 19. Jahrhunderts, die Preise und ihre Relationen zueinander in der rein quantitativen Sprache der Mathematik untersuchten und deren Theorie grundsätzlich Abstand von der> Arbeitswerttheorie< der ökonomischen Klassiker, z.B. Adam Smith, nahm. Seitdem vertreten alle liberalen Ökonomien keine Theorie mehr, die auf gesellschaftlich verausgabter Arbeit und Äquivalenz beruht. Geldtheorie ist nun eine mathematische Theorie der Relation von Preisen. Geld als Funktion und Basiselement des Marktes verliert jeglichen gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhang. Man spricht von Marktkräften. Der Markt scheint als gesonderte Institution mit eigener Gesetzmäßigkeit, die sich evolutionär entwickelt habe. Markt, Geld und Preis werden zu einer mystischen, gleichsam göttlichen Trinität, die das Leben der Bevölkerung beherrscht. Die so genannte und dargestellte Marktwirtschaft als Wirtschaftsform ist keine Politökonomie mehr, wie sie die Klassik noch behandelte. Gleichsam konsequent ist es aus dieser Sicht, reine Ideologie von „Kapitalismus“ zu sprechen.

Das Geld wird nach Marx sowohl als „Maß oder Element, worin die Ware als Tauschwert realisiert wird“ als auch als Tauschmittel und als Zirkulationsmittel definiert. Als Zirkulationsmittel lässt Geld Waren sowohl ideell als auch reell umlaufen. „Das Geld zirkuliert nur Waren, die ideell, nicht nur im Kopf des Einzelnen, sondern in der Vorstellung der Gesellschaft (unmittelbar der Parteien im Prozeß des Kaufs und Verkaufs) schon in Geld verwandelt sind“. „Diese ideelle Verwandlung in Geld und die reelle sind keineswegs durch dieselben Gesetze bestimmt. Ihr Verhältnis zueinander ist zu untersuchen.“(103) „Indem aber das Geld eine selbständige Existenz außer den Waren hat, so erscheint der Preis der Ware als äußere Beziehung der Tauschwerte oder Waren auf das Geld; die Ware ist nicht Preis, wie sie ihrer sozialen Substanz nach Tauschwert war; diese Bestimmtheit fällt nicht mit ihr unmittelbar zusammen; sondern ist vermittelt durch ihre Vergleichung mit Geld; die Ware ist Tauschwert, aber sie hat einen Preis. Der erste war in unmittelbarer Einheit mit ihr, ihre unmittelbare Bestimmtheit, mit der sie ebenso unmittelbar auseinanderfiel, so dass sich auf der einen Seite die Ware, auf der anderen (im Geld) ihr Tauschwert befand, jetzt aber im Preis bezieht sich die Ware einerseits auf das Geld als ein außer ihr seiendes, und zweitens ist sie ideell selbst als Geld gesetzt, da das Geld eine von ihr verschiedene Realität hat. Der Preis ist eine Eigenschaft der Ware, eine Bestimmung, in der sie als Geld vorgestellt wird… Neben dem reellen Geld existiert nun die Ware als ideell gesetztes Geld.“ (105) Als Maß dient das Geld als Rechengeld. Alles, was dem materiellen Zahlungsakt herbeiführt oder vorhergeht, ist Rechengeld. Reelles Geld realisiert Zahlungen und saldiert Rechnungen. „Das Rechengeld ist ein ideales Maß, das keine Grenzen hat als die Vorstellungen.“ (105f.)

Die Transaktionen des Finanzkapitals, die täglich an den Börsen und >over the counter< per Computer um die Erde getätigt werden, untermauern in ihren unvorstellbaren Quanten ihre Grenzenlosigkeit. Die Quantität des reell vorhandenen Geldes ist gegenüber dem ideellen Geld vollkommen gleichgültig, denn die ideelle Verwandlung der Waren in Geld ist unabhängig von der Masse und Geschwindigkeit des umlaufenden reellen Geldes und wird faktisch durch letzteres beschränkt. „Wenn z.B. der ganze Nationalreichtum von England in Geld geschätzt wird, d.h. als Preis ausgedrückt wird, so weiß jeder, daß nicht genug Geld auf der Welt ist, um diesen Preis zu realisieren. Das Geld ist hier nur als Kategorie nötig, als gedachtes Verhältnis.“ (106)             Die Geldströme des Finanzkapitalismus sind ideelles Geld, das nicht unmittelbar in reelles, umlaufendes Geld umgetauscht werden könnte. Dieses ideelle Geld zählt aber zum Vermögen der Finanzinvestoren.

Damit Geld zirkulieren kann, sind folgende Bestimmungen nötig. „ Erstens: Voraussetzung der Waren als Preise; Zweitens: Nicht einzelne Austauschakte, sondern … eine Totalität derselben, … auf der gesamten Oberfläche der Gesellschaft vorgehend; ein System von Tauschakten.“(103) Wir nennen dieses „System von Tauschakten“ Marktwirtschaft. Ware ist, nach Marx, definiert als Tauschwert. Als Tauschwert ist sie in bestimmtem Verhältnis zu anderen Waren Äquivalent. Als allgemeines Äquivalent ist sie Geld und als Geld ist sie allgemeiner Vergleichswert zu anderen Warenwerten. „Die Ware als reiner Tauschwert ist Geld. Aber zugleich existiert jetzt das Geld außerhalb und neben der Ware; ihr Tauschwert, der Tauschwert aller Waren, hat eine von ihr unabhängige, in einem eigenen Material, in einer spezifischen Ware verselbständige Existenz gewonnen.“ (103) Alle Waren müssen ins Geld übersetzt werden. „Das Geld ist der allgemeine Nenner der Tauschwerte, der Waren als Tauschwerte.“ (103) „Der in die Bestimmtheit gesetzte Tauschwert ist der Preis. Im Preis ist der Tauschwert ausgedrückt als ein bestimmtes Quantum Geld. Das Geld ist das Maß der Tauschwerte; und die Preise als die im Geld gemessenen Tauschwerte.“ (104) Bei der Setzung der Preise spielt das reelle Geld, das gedruckt, geprägt oder geschlagen wurde und sich in der Zirkulation befindet, keine Rolle. In dieser Setzung misst man entweder die Produktionskosten oder die Arbeitszeit, die gesamtgesellschaftlich zur Herstellung der Arbeitsprodukte benötigt worden war, sodass der Tauschwert als Maß genommen wird. „Das Quantum des reell vorrätigen Geldes hat offenbar mit dieser Proportion nichts zu tun.“ (106) Als ideelles Geld kann es z.B. auch beim einfachen Tauschhandel in der Bestimmung des Maßes gesetzt sein, ohne in seinen weiteren Bestimmungen realisiert worden zu sein, also bevor es z.B. in der Form des Metallgeldes erscheint. „ Indessen dann vorausgesetzt, dass überhaupt nur wenig Austausch stattfindet; dass die Warten nicht als Tauschwerte und darum nicht als Preise entwickelt sind.“ (107) In ökonomisch einfachen Gesellschaftszuständen ist dies der Fall. „Entwickelte Preisbestimmung setzt voraus, dass der Einzelne nicht direkt seinen Lebensunterhalt produziert, sondern dass sein unmittelbares Produkt Tauschwert ist, also erst durch einen gesellschaftlichen Prozeß vermittelt werden muß, um Lebensmittel für ihn zu werden. Zwischen der völligen Entwicklung dieser Grundlage der industriellen Gesellschaft und dem patriarchalen Zustand viele Zwischenstufen, unendliche Schattierungen.“ (107f.)                                                 Marx unterscheidet also eine voll ausgebildete, alle Lebensbereiche prägende und durchdringende (globale), kapitalistisch organisierte Marktwirtschaft von der in Europa weit verbreiteten, ihre Mitglieder selbst versorgenden Hauswirtschaft. Tauschwerte werden in den Preisen ideell in Geld verwandelt. Im Tausch reell in Geld. Der besondere Tauschwert muss gegen den allgemeinen Tauschwert ausgetauscht werden, um sich wieder gegen besondere auszutauschen. „Die Ware wird als Tauschwert nur verwirklicht durch diese vermittelnde Bewegung, in der das Geld den Mittler spielt.“ (108) Das Geld läuft in einer entgegengesetzten Richtung um wie die Waren. „Das Geld ist Zirkulationsrad… für den Warenumlauf.“ (108) Es hat also als solches einen eigenen Umlauf: die Geldzirkulation. „Die Preise sind also Voraussetzung der Geldzirkulation…“(108), abgesehen von der Tatsache, dass die Preise der Waren um die ihren Durchschnittswert oszillieren. Dieser Schwankungsprozess geht dem Prozess ihrer wirklichen Realisierung im Geld voraus. Die wirkliche Zirkulation der Waren in Ort und Zeit wird nicht vom Geld bewerkstelligt. „Es realisiert nur ihren Preis.“ (109) Vom Geld wird nur der Eigentumstitel zirkuliert.

Die Menge des zirkulierenden Geldes hängt 1. von den Preisen der einzelnen Waren, 2. von der in der Zirkulation befindlichen Warenmasse und 3. von der Geschwindigkeit des zirkulierenden Geldes ab. Der Geldumlauf geht nicht von Einem Zentrum aus und kehrt auch nicht zu einem Zentrum zurück. „Die Zirkulation nimmt ihren Ausgangspunkt gleichzeitig an einer Masse von vielen Punkten. Es ist also ein bestimmtes Quantum Geld für die Zirkulation nötig, das sich immer in die Zirkulation befinden wird und das bestimmt ist durch die Gesamtsumme, die von den gleichzeitigen Ausgangspunkten der Zirkulation ausgeht, und die Geschwindigkeit, womit sie ihre Bahn bemisst.“ (110) Das Geld als Maß ist gleichgültig gegenüber seiner Quantität. Geld als Tauschmittel hingegen nicht. Als Tauschmittel wird es quantitativ gemessen. Beide Bestimmungen können miteinander in Widerspruch treten. Die Zirkulation von Waren und Geld ist ein gesellschaftlicher Prozess, obwohl seine einzelnen Momente vom bewussten Willen oder besonderen Zwecken der Individuen ausgehen, „sosehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; Zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewussten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewusstsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert wird.“ (111) Die Mechanismen der Zirkulation erscheinen als Sachzwänge und sind Systemzwänge, die letztlich nicht überblickt werden können und als über den Individuen stehende, „fremde gesellschaftliche Macht“ (111) erscheint.

Weil Waren- und Geldzirkulation rational und mit Hilfe von mathematischen Modellen systematisch nicht zu erklären ist, reagieren die handelnden Individuen auf negative Schwankungen der Preise emotional. Man hört von Panikverkäufen, Herdenverhalten. „Die Zirkulation, weil eine Totalität des gesellschaftlichen Prozesses, ist auch die erste Form, worin nicht nur wie etwa in einem Geldstück, oder im Tauschwert, das gesellschaftliche Verhältnis als etwas von den Individuen Unabhängiges erscheint, sondern das Ganze der gesellschaftlichen Bewegung selbst. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufeinander als verselbständige Macht über den Individuen, werde sie vorgestellt als Naturmacht, Zufall oder sonst in beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, dass der Ausgangspunkt nicht das freie gesellschaftliche Individuum ist. Die Zirkulation als erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien gut, um dies zur Anschauung zu bringen.“ (111) Als Totalität erneuert sich die Zirkulation ständig selbst, bis ins Unendliche. Wenn im einfachen Warenhandel Kauf- und Verkauf zusammenfallen (W- G-W), so treten in entwickelten Produktionsweisen und Gesellschaften Kauf und Verkauf auseinander, sodass aus diesem Auseinanderfallen der „Keim der Krisen“ entsteht. Wenn Ware nicht in Geld realisiert werden kann, dann hört sie auf Ware zu sein. Es tritt ein Zustand der Überakkumulation von Waren und Geld ein. „Aus einem Knecht des Handels ward das Geld zu einem Despoten.“ (113) Das Geld repräsentiert nicht mehr die Ware, sondern die Ware repräsentiert das Geld. Die Trennung in Kauf und Verkauf macht die Spekulation möglich. Ebenso ermöglicht sie den Kaufmannsstand. Das Geld ermöglicht auch eine sich stetig ausweitende Arbeitsteilung und damit einen freien Arbeitsmarkt. Das Geld ist nicht nur Mittel, sondern auch Zweck der Zirkulation: G-W-W- G. Im ersten Fall ist Geld das Mittel, um Ware zu erhalten, und Ware der Zweck; im zweiten Fall die Ware Mittel, um Geld zu erhalten, und das Geld der Zweck. Der Unterschied zwischen der in der Zirkulation befindlichen Ware und dem in der Zirkulation befindlichen Geld besteht darin, dass die Ware aus der Zirkulation herausgenommen werden kann und konsumiert wird, sei es in der Produktion oder im privaten Konsum. Das Zirkulationsgeld hingegen bleibt in der Zirkulation als „perpetuum mobile“ (116). Der Kreislauf G-W-W-G ist eine „besondere Form der Zirkulation,“ die sich von der Grundform W-G-G-W unterscheidet. Das Geld ist in dieser besonderen Form weder Maß, noch Tauschmittel, sondern Selbstzweck, „zu dessen bloßer Realisation der Warenhandel und Austausch dient.“(117) Außerdem tritt es außerhalb des Kreiskaufs, da mit ihm der Kreislauf abschließt. „Es ist sehr richtig, dass das Geld, soweit es nur als Agent der Zirkulation bestimmt ist, beständig in ihrem Kreislauf eingeschlossen bleibt. Aber es zeigt sich hier, dass es noch etwas anderes ist außer diesem Zirkulationsinstrument, dass es auch eine selbständige Existenz außer der Zirkulation besitzt und in dieser neuen Bestimmung ihr ebenso entzogen werden kann, wie die Ware ihr stets definitiv entzogen werden muß.“(117)

Das Geld als materieller Repräsentant des Reichtums

(vorher noch das Geld als allgemeine Materie der Kontrakte)

„Als Maß betrachtet, ist die materielle Substanz des Geldes wesentlich…“ Daher Ausdruck im Münzgeld, wie es schon im Tauschhandel vorkommt, wo es die >einfache (oder zufällige) oder die allgemeine Wertform< annimmt, was mit der Anzahl der Tauschakte (von Stammesgesellschaften und Hauswirtschaften) zusammenhängt. (…)“obgleich sein Vorhandensein und näher seine Quantität, die Anzahl, worin die Portion Gold oder Silber, die als Einheit dient, durchaus gleichgültig für es in dieser Bestimmung ist, und es überhaupt nur als vorgestellte, nicht existierte Einheit gebraucht wird. Als was es vorhanden sein muß in der Bestimmung, ist als Einheit und nicht als Anzahl.“(117f.) Die Bestimmung aller Waren als Preise ist ein Prozess, der häufigen Austausch voraussetzt und daher häufiges Vergleichen der Waren als Tauschwerte. „Sobald aber einmal die Existenz der Waren als Preise zur Voraussetzung geworden ist – eine Voraussetzung, die selbst ein Produkt des gesellschaftlichen Prozesses, ein Resultat des gesellschaftlichen Produktionsprozesses – erscheint die Bestimmung neuer Preise einfach, da die Elemente der Produktionskosten dann selbst schon in der Form von Preisen vorhanden, also einfach zusammenaddierte sind.“(118) „Der Tauschhandel, worin der Überfluß der eigenen Produktion zufällig gegen den der fremden ausgetauscht wird, ist nur das erste Vorkommen des Produkts als Tauschwert im allgemeinen und wird bestimmt durch zufällige Bedürfnisse, Gelüste etc. Sollte er aber fortgesetzt werden, ein kontinuierlicher Akt werden, der in sich selbst die Mittel zu seiner steten Erneuerung enthält, so kommt ebenso äußerlich zufällig nach und nach die Regulation des wechselseitigen Austausch durch die Regulation der wechselseitigen Produktion herein, und die Produktionskosten, die sich schließlich alle in Arbeit auflösen, würden so das Maß des Austauschs werden.“ (119) Der Tauschwert ist ein sich aus dem Austausch entwickelndes soziales Verhältnis und in soweit Ausdruck eines historischen Prozesses, ein historisches Produkt voll entwickelter Marktwirtschaft. „Der Tauschwert unterstellt die gesellschaftliche Arbeit als die Substanz aller Produkte, ganz abgesehen von ihrer Natürlichkeit.“(119) (Der Begriff Substanz hat in der Philosophie vielfältige Bedeutung. Substanz ist ein Grundbegriff der klassischen Metaphysik. Ein Synonym für >essentia<. Es steht für >Wesen<. Aus den vorigen Ausführungen wird deutlich, dass Marx diesen Begriff Substanz nicht im ahistorischen Sinne verwendet, sondern als das, was dem voll ausgebildeten Warenaustausch zugrunde liegt, denn Arbeitsprodukte werden ausgetauscht.) „In dem Tauschwert sind die Waren gesetzt als Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Substanz, der Arbeit; aber als Preise sind sie ausgedrückt in Quantis anderer Produkte nach ihrer natürlichen Beschaffenheit.“(121) (Die Arbeitswerttheorie, und mit ihr der Tauschwert, ist demnach eine spezifische Theorie, die auf eine besondere ökonomische Formation zutrifft, die man als kapitalistisch orientierte Marktwirtschaft bezeichnen kann. Sie trifft deshalb nur ansatzweise für die Stadien des Austausches vor der von Marx so genannten >bürgerlichen Gesellschaft< zu. Dann ist aber auch die Frage zu stellen, ob die Arbeitswerttheorie noch als einzige Hypothese auf den Finanzmarkt orientierten Kapitalismus angewendet werden kann.) Der Preis des Geldes kann nur durch „den ganzen Umkreis der Waren“ ausgedrückt werden, obwohl der Preis einer einzelnen Ware nicht identisch ist mit ihrem Tauschwert. Soweit das Geld als Materie erscheint, ist das Geld selbst ein bestimmtes Quantum Gold, Silber etc., d.h. nicht selbst als Tauschwert, als Verhältnis gesetzt. Der Tauschwert drückt also stets ein quantitatives Verhältnis von Waren als auszutauschende Arbeitsprodukte aus. Der Preis ist der Geldausdruck dieses Verhältnisses; das Geld allgemeines Äquivalent. Soweit Materie als Materie (Kupfer, Silber und Gold) erscheint, hat es keinen Tauschwert. „So ist jede Ware, in der eine andere als Preis ausgedrückt wird, selbst nicht als Tauschwert gesetzt, sondern als einfaches Quantum ihrer selbst.“ Im Geld als allgemeines Äquivalent und Einheit der Tauschwerte, als ihr Maß, erscheint Gold, Silber und Kupfer als Preis der Ware nicht als Tauschwert, sondern als ein bestimmtes Gewicht Gold, Silber etc.; „Z.B. ein Pfund, mit seinen Unterabteilungen, und so erscheint das Geld auch ursprünglich als Pfund, aes grave. Dies unterscheidet eben den Preis vom Tauschwert.“(121) Die Warenpreise sind ergo gemessene Tauschwerte. Das Geld ist dort nur als Rechengeld nötig.

Das Geld als Tauschmittel (W-G-G-W)

Es muss in dieser Bestimmung in einer bestimmten Menge vorhanden sein. „Wenn die Summe der zu realisierenden Preise auf der einen Seite gegeben ist, die abhängt von dem Preis einer bestimmten Ware multipliziert mit ihrer Quantität, und die Geschwindigkeit der Geldzirkulation auf der anderen Seite, ist eine bestimmte Quantität des Zirkulationsmittels erreicht.“(122) Als Tauschmittel ist Geld nur Tauschmittel. Sofern es aber den Preis realisiert, ist seine materielle Existenz als Gold und Silber bestimmend. Wenn die Zirkulation nicht unterbrochen ist, ist die materielle Natur des Geldes nur Schein. „Das Gold oder Silber als bloßes Zirkulationsmittel,.., ist daher gleichgültig gegen seine Beschaffenheit als eine besondere natürliche Ware.“(123) (Insoweit kann Geld als Zirkulationsmittel seiner natürlichen Beschaffenheit als Edelmetall durchaus enthoben werden und als Kurantmünze, Papiergeld oder Giralgeld fungieren. Wenn aber die Warenzirkulation und damit auch der Geldumlauf unterbrochen wird oder zu unterbrechen droht, dann tritt die materielle Existenz des Geldes als Gold oder Silber in den Vordergrund und das Edelmetall wird gehortet, sodass wiederum sein Preis als besondere Ware steigt.) Das Münzgeld als Pfund Sterling ist dann nicht mehr bloß ein Zeichen, sondern ist Maß der Preise als allgemeines Äquivalent sowie Tauschwert. „Es stellt vor den Preis der einen Ware gegenüber allen andren Waren, oder den Preis aller Waren gegenüber einer Ware. Es ist in dieser Beziehung nicht nur Repräsentant aller Warenpreise, sondern Zeichen seiner selbst, d.h. in dem Akt der Zirkulation selbst ist seine Materie, Gold und Silber, gleichgültig.“(125) „Als solches gegenständliches Zeichen also ist es nur in der Zirkulation; aus ihr herausgenommen ist es wieder realisierter Preis; innerhalb des Prozesses aber ist, wie wir gesehen haben, die Quantität, die Anzahl dieser gegenständlichen Zeichen der monetären Einheit wesentlich bestimmt. Während also in der Zirkulation, worin das Geld als existierendes den Waren gegenüber erscheint, seine materielle Substanz, sein Substrat als bestimmtes Quantum Gold und Silber gleichgültig ist, dagegen seine Anzahl wesentlich bestimmt ist, da es so nur ein bestimmtes Zeichen für bestimmte Anzahl dieser Einheit ist, war in seiner Bestimmung als Maß, worin es nur ideell gesetzt war, sein materielles Substrat wesentlich, aber seine Qualität und seine Existenz überhaupt gleichgültig. Es folgt daraus, dass das Geld als Gold und Silber, soweit es nur als Zirkulations-, Tauschmittel ist, durch jedes andere Zeichen, das ein bestimmtes Quantum seiner Einheit ausdrückt, ersetzt werden kann und so symbolisches Geld das reelle Geld ersetzen kann, weil das materielle Geld als bloßes Tauschmittel selbst symbolisch ist.“(126) Da die Geschwindigkeit des Geldumlaufs auch durch Umstände beeinflusst werden kann, die unabhängig von der Zirkulation sind, muss die Quantität der Zirkulationsmittel wechseln können, da die Zirkulation kontraktiert und expandiert. (Die geldpolitischen Instrumente der Zentralbanken, Mindestreserve, Offenmarkt und Leitzinsen, zeugen von diesem staatlichen Einfluss auf die Geldmenge. Der Monetarismus sieht in der Steuerung der Geldmenge das wesentliche Instrument der Konjunkturpolitik, die Angebotsseite, d.h. die Unternehmensseite, zu stabilisieren. Von daher ist die Stabilisierung des Geldwertes von entscheidender Bedeutung. Angebot vor Nachfrage; im Gegensatz zur Nachrage orientierter Wirtschaftspolitik des Keynsianismus.) Als bloßes Zirkulationsmittel hört Geld auf Ware zu sein. Aber: „Auf der anderen Seite kann von ihm gesagt werden, dass es nur mehr Ware ist (allgemeine Ware), die Ware in reiner Form, gleichgültig gegen ihre natürliche Besonderheit und daher gleichgültig gegen alle unmittelbaren Bedürfnisse…“(127)

Geld als Kapital (G-W-W`-G ́)

Das Geld ist hier nicht Maß und Tauschmittel, sondern Selbstzweck und tritt daher aus der Zirkulation heraus. Historisch kann das Geld als Maß gesetzt sein, bevor es als Tauschmittel erscheint, aber auch umgekehrt. Geld als Geld kann auch historisch vor den beiden anderen Bestimmungen erscheinen. „Aber als Geld können Gold und Silber nur angehäuft werden, wenn sie in einer der beiden Bestimmungen schon vorhanden sind und in der zweiten Bestimmung kann es entwickelt nur erscheinen, wenn es in den beiden früheren entwickelt ist.“(130) Die Selbständigkeit des Geldes als Geld ist Resultat des Zirkulationsprozesses und das Geld als Geld bezieht sich auf die Zirkulation. Geld als Kapital ist 1. der Voraussetzung nach Resultat der Zirkulation, 2. es steht in einem „negativen Bezug“ zur Zirkulation, da es aus dieser (zeitweilig) heraustritt und es ist 3. Produktionsmittel, da es als ein besonderes Moment des Produktionsprozesses auftritt. 4. Das Geld erscheint als Verhältnis zu sich selbst vermittelst der Zirkulation – im Verhältnis von Zins und Kapital. Das Geld ist die „körperliche Form des Reichtums“(132), da es 1. die Preise realisiert, 2. jedes Bedürfnis befriedigt, insofern es gegen das Objekt jedes Bedürfnisses ausgetauscht werden kann. „Im Geld ist der allgemeine Reichtum nicht nur eine Form, sondern zugleich der Inhalt selbst. „Das Geld ist daher der Gott der Waren.“(132) „Aus seiner Knechtschaft, in der es als bloßes Zirkulationsmittel erscheint, wird es plötzlich der Herrscher und Gott in der Welt der Waren. Es stellt die himmlische Existenz der Waren dar, während sie seine irdische darstellen.“(…) „Das Geld ist nicht nur ein Gegenstand der Bereicherungssucht, sondern es ist der Gegenstand derselben.“(133) Die Gier als Bereicherungssucht, d.h. als Sucht auf alles, was käuflich ist, ist nur möglich, sobald der allgemeine Reichtum in einem besonderen Ding, dem Gelde, individualisiert ist, sobald das Geld als Geld (als Kapital) funktioniert. Das Geld ist Quelle der Bereicherungssucht. Habsucht ist auch ohne Geld möglich. „Daher der Jammer der Alten über das Geld als die Quelle alles Bösen. Die Genusssucht…und der Geiz sind die zwei besonderen Formen der Geldgier.“(…) „Die Geldgier (Bereicherungssucht) ist notwendig der Untergang der alten Gemeinwesen.“(134) – (Weil die alten Gemeinwesen Geld im Wesentlichen nur als Tauschmittel, und somit als Maß, und Zahlungsmittel, und somit als Zirkulationsmittel, verwendet haben und nicht als Kapital. Siehe dazu Aristoteles. ) „Bei den Griechen und Römern erscheint das Geld erst unbefangen in seinen beiden ersten Bestimmungen als Maß und Zirkulationsmittel, in beiden nicht sehr entwickelt. Sobald sich aber entweder ihr Handel etc. entwickelt, oder, wie bei den Römern, die Eroberungen ihnen Geld massenhaft zuführt – kurz, plötzlich auf einer gewissen Stufe ihrer ökonomischen Entwicklung erscheint das Geld notwendig in seiner dritten Bestimmung, und je mehr es sich in derselben ausbildet, als Untergang ihres Gemeinwesens. Um produktiv zu wirken, muss das Geld in der dritten Bestimmung… nicht nur Voraussetzung, sondern ebenso Resultat der Zirkulation sein… Bei den Römern z.B., wo es aus der ganzen Welt zusammen gestohlen war, war dies nicht der Fall. Es liegt in der einfachen Bestimmung des Geldes selbst, dass es als entwickeltes Moment der Produktion nur existieren kann, wo die Lohnarbeit existiert. (…) Als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichtums als der individualisierte Tauschwert muss das Geld unmittelbar Gegenstand, Zweck und Produkt der allgemeinen Arbeit, der Arbeit aller Einzelnen sein.“(134f.) Wenn der Zweck der Arbeit nicht mehr ein besonderes Produkt ist, das in einem besonderen Verhältnis zu den besonderen Bedürfnissen des Individuums steht, sondern das Geld, dann „hat erstens die Arbeitsamkeit des Individuums keine Grenze… sie ist erfinderisch im Schaffen neuer Gegenstände für das gesellschaftliche Bedürfnis etc.“(135) „Wo das Geld nicht selbst das Gemeinwesen, muss es das Gemeinwesen auflösen. Der Antike konnte unmittelbar Arbeit kaufen, einen Sklaven; aber der Sklave konnte mit seiner Arbeit nicht Geld kaufen… Die Negersklaverei –eine rein industrielle Sklaverei – die ohnehin mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verschwindet und unverträglich ist, unterstellt sie, und wenn nicht andere freie Staaten mit Lohnarbeit neben ihr existierten, sondern sie isoliert, würden sich sofort alle Gesellschaftszustände in den Negerstaaten in vorzivilisierte Formen umwandeln.“ (136) Die bürgerliche Gesellschaft unterscheidet sich ökonomisch von anderen Gesellschaftsformationen dadurch, dass die Arbeit unmittelbar den Tauschwert produziert, also Geld, und dass Geld unmittelbar Arbeit kauft. „Lohnarbeit nach der ersten Seite, Kapital nach der zweiten, also nur andere Formen des entwickelten Tauschwerts und des Geldes als seiner Inkarnation. Das Geld ist somit unmittelbar zugleich das reale Gemeinwesen, insofern es die allgemeine Substanz des Bestehens für alle ist, und zugleich das allgemeine Produkt aller.“(137)

Weltpolitik

Die Weltbevölkerung erlebt eine existentielle Krise.

Weder einzelne nationale staatliche Maßnahmen noch ein globales System freier oder zum Teil regulierter Märkte allein, noch Hochtechnologien lösen für sich genommen die Probleme der alle Gesellschaften bedrohenden Klimaveränderung, der wachsenden Armut, des Hungers, des psychischen Elends vieler Menschen, der weltweit geführten Kriege und der Flucht. 

Nationale, partikulare Interessen, Konkurrenz auf den Weltmärkten, unterschiedliche Kulturen und Zivilisationen sowie unterschiedliche Wertvorstellungen tragen zur Konfliktbereitschaft bei und vertiefen die ökonomische und ökologische Krise, die vor allem von Eliten herbeigeführt worden ist und durch sie profitabel genutzt wird.

Revolution, Bürgerkrieg, Putsch, Krieg zwischen Staaten und Staatenbündnissen und Sanktionen bedrohen nicht nur das Sicherheitsbedürfnis und das Leben der Menschen, sondern auch ihren erreichten Wohlstand sowie die gesellschaftliche Entwicklung in ihren Ländern.

Internationale Zusammenarbeit und eine Weltpolitik für Frieden und soziale und ökologische Entwicklung sind die Grundlagen, diese die Menschheit bedrohende globale Krise zu überwinden. Partikulare Profitinteressen, Armut, Hunger, Zerstörung der menschlichen Lebensbedingungen befördern ihrerseits wieder Kriege, Rassismus, Nationalismus und Fremdenhass. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, erfordert ein multipolares politisches System, in dem die Weltmächte und die Repräsentanten der Kontinente auf gleicher Augenhöhe koordiniert zusammenarbeiten können. 

Die UNO ist aufgrund ihrer Struktur dafür nicht geeignet, weil sie auch auf der Ebene der Ökonomie und einer globalen Sozialpolitik mir dafür nicht geeignet erscheint. 

Bisher beherrschen westliche Eliten und nationale Interessen das Weltgeschehen, die Finanzströme und die digitale Hochtechnologie. Nicht regulierte Finanzmärkte folgen konkurrierenden Kapitalinteressen. Der Hegemon USA kontrolliert internationale Organisationen, IWF, Weltbank und NATO. Propagandistisch vertritt er das Narrativ, der edle Ritter für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie zu sein und als Weltpolizist diese unbedingt zu verteidigen. Dies tut er mit Hilfe neoliberaler Finanz- und Wirtschaftspolitik und unter Anwendung eines nationalen Rechtsverständnisses privater Liberalität, wie es die USA interpretiert. Der „Fürst“ befehligt eine „Verteidigungs- und Wertgemeinschaft“, die weltweit militärisch operiert. Die Geopolitik des Westens ist bestrebt, den wirtschaftlichen und finanziellen Machtanspruch westlicher Oligopole zu festigen, zu verteidigen und zu vergrößern. Aufstrebenden Mächten und Kontinenten will er Einhalt gebieten oder sie schwächen entweder durch provozierte Kriege, Verschuldungsknechtschaft, Regimewechsel, Ermordung oder Putsche.

Staaten im Allgemeinen haben die Funktion, das bestehende Finanz- und Wirtschaftssystem wie Gesellschaftssystem zu schützen, das Staatsgebiet und das politische System zu erhalten. Staaten haben keine Moral, nur die Politik hat Wertvorstellungen, die der Legitimation der Staatshandlung in der Regel dienen. Staaten sind kein neben oder über den Gesellschaften „hockendes Wesen“. (Karl Marx) Staaten haben eben diese Interessen. „Die Interessen des Staates sind mit seinem Überleben verknüpft.“ ( Zhao Tingyang, Alles unter dem Himmel, Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, suhrkamp 2021, S.192)

Aus dem Umstand, dass es unterschiedlich strukturierte Staaten mit unterschiedlichen Kulturen und Zivilisationen in ihnen existieren, ergibt sich, dass eine Weltpolitik nicht die Interessen einzelner Staaten, sondern die existentiellen Interessen der Staatsbürger weltweit in den Vordergrund stellen müsste. 

Eine Außenpolitik, etwa nach dem Beispiel des so genannten freien „Westens“, bewirkt gerade das Gegenteil. Sie stellt andere Völker und ihre Repräsentanten vor die Entscheidung entweder Kooperation nach Art des liberalen Westens oder feindliche Gegnerschaft. Außerdem hat die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht nur die Erfahrung des Kolonialismus und Imperialismus gemacht, sondern ihre Kulturen oder Sozialsysteme haben andere Wertvorstellungen als die des europäischen Liberalismus hervorgebracht. Immanuel Kant, der Vertreter deutscher liberaler Rechtslehre, hat das Problem einer dem bürgerlichen Rechtsverständnis verpflichteten friedfertigen Außenpolitik erkannt. „Das Problem der Errichtung einer vollkommenen bürgerlichen Verfassung ist von den Problemen eines gesetzmäßigen äußeren Staatsverhältnisses abhängig  und kann ohne das Letztere nicht aufgelöst werden.“ (Kant) Kant setzt die Wesensgleichheit der staatlichen Systeme und der Wertvorstellungen voraus, um die Verwirklichung eines Ewigen Friedens zu erreichen. Aber nicht alle Staaten der „Völker“ haben einen bürgerlichen Rechtszustand wie den des Westens. 

Weltpolitik unterscheidet sich von staatlicher Außenpolitik durch ihre objektive Notwendigkeit (Zhao Tingyang). Während Zhao der Auffassung ist, Weltpolitik beruhe auf keiner Wertvorstellung (197), bin ich der Überzeugung, Weltpolitik setzt veränderte Wertvorstellungen voraus. Sie sollte auf der Vereinbarkeit unterschiedlicher politischer, kultureller und sozialer Systeme beruhen. Mit Zhao bin ich der Überzeugung, 

„Politik auf der Grundlage von Universalität ist bloße Herrschaft“ (Zhao, 202)            

Nicht nur das Christentum, sondern auch die politische Philosophie und Rechtslehre des europäischen Bürgertums beruht auf einem Universalismus. Der bürgerliche Universalismus besteht in der Allgemeingültigkeit westlicher Werte. Neben dem logischen und ökonomischen Gebrauch des Wertbegriffs versteht man unter einem moralischem Wert die Bevorzugung einer Handlung vor einer anderen bzw. allgemein eines Gegenstandes oder Sachverhaltes vor einem anderen. Kooperation z. B. ist ein politischer Wert, der dem des Wettbewerb- oder Konkurrenzverhaltens innerhalb des Sachverhaltes, Weltpolitik notwendigerweise zu betreiben, der Vorzug gegeben werden sollte und müsste. Das gilt natürlich auch für die von Zhao angegebenen Werte der allgemeinen Sicherheit, der Koexistenz und der Kompatibilität. 

Die Weltbevölkerung braucht weder eine „linke oder rechte oder liberale“ wertorientierte noch sonst wie ideologische geartete Geopolitik, sondern eine realistische, pragmatische, solidarische Weltpolitik des Friedens, des ökonomischen, ökologischen und technologischen Austauschs und der weltweiten Solidarität auf Grundlage gleicher Interessen.

Die Organisation der „Vereinten Nationen“ sollte nach den schrecklichen Ereignissen und Folgen des Zweiten Weltkrieges dazu beitragen, den internationalen Frieden zu organisieren. Die historische Erfahrung hat gezeigt, dass ihr dies in den wenigsten Fällen gelungen ist. Die in Staaten organisierten Völker der UNO sind  gewillt in Sicherheit und Frieden leben zu wollen. Frieden ist das höchste Gut. Ihre Staaten aber nicht ohne weiteres. Sie führen Krieg und schrecken nicht davor zurück, dies im Sinne der „Freiheit“ zu tun und „Frieden mit Waffen“ zu propagieren. Die Staaten sind weder „vereint“ noch haben sie eine gemeinsame Verfassung oder gar eine bürgerliche. Die Friedensorganisation der UN ist eine Organisation souveräner Staaten, die ihrerseits ihre partikularen Interessen als Staaten vertreten. Nicht jeder Staat in der UNO ist ein bürgerlicher Nationalstaat und vertritt gleiche Wertvorstellungen. Zwar haben sie eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben, die  verschiedene Menschenrechtsinterpretationen zulässt. Der soziale Artikel 23 der AE (Recht auf Arbeit, freie Berufswahl, gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen und Schutz gegen Arbeitslosigkeit) ist in den USA auf wenig Gegenliebe gestoßen und findet in der us-amerikanischen Politik praktisch keinen Anklang. Gleiches gilt für Artikel 25 ( Recht der Individuen, Gruppen und Völkern auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung). Die USA hat stets die „Universalität der Werte“ (der Aufklärung) vertreten und ist den „Herausforderungen des Relativismus“ entgegengetreten. Was zur einer hypokritischen Politik des Westens geführt hat, die die Realität nicht mehr zu sehen scheint.

Die AE ist keine Verfassung der UNO. Alle politischen Rechte benötigen  politische Macht. Weil diese souveräne Macht in der UNO fehlt und AE kein Teil einer Verfassung sind, wie zum Beispiel im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, so hat man den Titel der Menschenrechtserklärung auch Erklärung genannt.

Die Allgemeine Menschenrechtserklärung ist eine moral-ethische Absichtserklärung, aber kein Völkerrecht. Das bestehende Völkerrecht ist ein Vertragsrecht zwischen Staaten.

Der sogenannte „freie Westen“, genauer gesagt, die politischen Eliten sprechen in ihren Medien von Kriegsgefahren und Missachtung „universeller Werte“ durch gewisse undemokratische Staaten und rufen zur militärischen Verteidigung dieser Werte   auf. Wie der propagandistische Handwerkskasten der kognitiven Kriegsführung der NATO aussieht, hat Jonas Tögel aufgezeigt.  ( ( Tögel, Kognitive Kriegsführung, Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO, Westend Verlag)

In diesem Zusammenhang wird auch von der „westlichen Kultur“ (englisch: „westliche Zivilisation“) gesprochen, die unbedingt gegen ihre Feinde verteidigt werden müsse.  Die westliche Zivilisation beruht auf einer Ideologie  individueller Menschen- und Freiheitsrechte. 

Sie ist eine politökonomische und rechtsphilosophische Ideologie. 

Das Denkmuster (oder Paradigma) der westlichen Kultur ( Zivilisation ), wie es sich in der bürgerlichen Aufklärung, ihren Grundwerten, in ihren sozialen Beziehungen, Sitten und allgemeinen Weltanschauungen widerspiegelt, ist ein Muster, das den Einzelnen und das ICH ins Zentrum der Betrachtung stellt und keinen Gedanken an den Anderen vergeudet. Strategisch denkende Politiker (z.B. Brzezinski) und manche Anthropologen (z.B. Huntington oder Spengler) verwenden dieses Muster propagandistisch. Die Lebensweise westlicher Gesellschaften ließe sich mit den Begriffen des „individuellen Glücks“, individueller Freiheit, privater Konsum und privates Geld, privates Eigentum, einer „Kultur eines individuellen Miteinanders“ beschreiben. 

Die Gesellschaften des Westens werden als Kollektivum der Einzelnen begriffen

Eine Kultur, die sich in variablen, unstetigen Gemeinschaften nach individuellen Bedürfnissen oder Parallelgesellschaften zusammenfindet. In solchen Gesellschaften der Einzelnen wird das „Wir“ einer nationale Identität zur reinen Propagandaschau zum Zwecke partikularer Interessen. Dieses „Wir“ der „Guten“ ist eine ideologisch tödliche Giftmischung. Die Saga von der kulturellen Identität des Westens und seiner Werte schließt logisch andere Gesellschaften aus, die nicht dem Paradigma des Westens entsprechen. So spricht z.B. Huntington noch davon, dass es keinen „Kulturkreis“ in Afrika gebe, weil dort Stammesgesellschaften existierten. Der kulturelle Rassismus verbirgt sich hinter der Propaganda universeller westlicher Wertgemeinschaft der „Guten“, die offen von den bösen Russen und ihren staatlichen Repräsentanten unverhohlen als neuen Hitler und Massenmörder bezeichnen und Staaten moralisch als „Staaten des Bösen“ titulieren. 

Der Rassismus ist nur allgemeiner geworden als die faschistische Propaganda von der Identität des „deutschen Volkes“. Identitätspolitik, zumal sie als Weltpolitik auftritt, hat stets den Anspruch auf Totalität. Da sie auch affektiv geladen, eignet sie sich zum Kampfbegriff. Huntington spricht vom „Kampf der Kulturen“. Auch Spengler begreift Kultur als „unausweichliches Schicksal“. Als politischer Kampfbegriff stellt der Begriff der westlichen Zivilisation ein Ergänzung zum Nationalismus dar.

Mit Kultur als „moralisches Umfeld für eine gewisse Anzahl von Nationen, wobei jede nationale Kultur nur eine Ausprägung des Ganzen ist“, lässt sich trefflich außenpolitisch geprägte „Weltpolitik“ betreiben und die Bevölkerung für den Krieg mobilisieren. Da steht „der Russe“ schon vor der Tür, da rollte die „gelbe Gefahr“ auf „uns“ zu, da ist der Islam eine terroristische Religion, das Judentum eine Weltverschwörung etc. etc.  

Die Hypokrasie dieser Propagandaphrasen christlich-bürgerlicher Kultur offenbart die historische Realität des (Neo)Kolonialismus- und Imperialismus a la USA und des europäischen Westens in der Nachkriegszeit und des Rassismus und Antisemitismus in den bürgerlichen Gesellschaften. Westliche Politiker wundern sich, wenn ihnen in vielen afrikanischen Staaten von afrikanischen Politikern blank ins Gesicht gesagt wird, von der Propaganda der Menschenrechte habe man genug, ebenso von der Belehrung, was Demokratie heiße. 

Die „Kultur des Westens“ löst nicht die Probleme der Weltbevölkerung, sondern ist Teil des Problems. 

Eine erfolgreiche Weltpolitik muss auf Multipolarität, Kooperation, Komparabilität, auf Austausch auf gleicher Augenhöhe gründen sowie  die staatlichen Interessen und die Interessen der Weltbevölkerung miteinbeziehen. Sie muss sozial, umweltfreundlich, friedlich sein. Ändert sich die Weltpolitik des Westens nicht, so droht tatsächlich ein „Crash of Civilisation“   mit fürchterlichem atomarem Ausgang.

Die Organisation der BRICS-Staaten und die durch sie zu schaffende neue Weltordnung stellt momentan die einzige kraftvolle Hoffnung dar, ein Armageddon zu vermeiden und die Probleme der Weltbevölkerung langfristig zu lösen. Politiker wie der ukrainische Außenminister im Beisein des us-amerikanischen Außenminister Blinken sprechen schon vom Beginn eines III. Weltkrieges. Wenn der „freie Westen“ in der Ukraine nicht siegen sollte, wo sollte er dann noch einen siegreichen Krieg führen wollen.         

„Völker hört die Signale…“           

Mystischer Spirit und sozialer Realismus

Die Ich-Philosophie ist eine Philosophie der individuellen Freiheit. Sie spiegelt den revolutionären „Zeit-Geist“ bürgerlicher Aufklärung wieder, die sich gegen politische und ökonomische Beschränkungen und Zwänge der Anciens Régimes richtete. Merkantilistische Handelspolitik und kameralistische Wirtschaftspolitik behinderten die bürgerlichen Geschäfte und Investitionen in einer aufstrebenden Marktwirtschaft zu einem alle Gesellschaftsbereiche umfassenden System von Märkten. Sie hemmten damit auch den Ausbau des Industriekapitalismus. 

Rechtsphilosophisch mutiert der individuelle Freiheitsgedanke zu einem „Naturrecht“ , das entweder metaphysisch durch einen (christlichen) Schöpfer oder durch die „Vernunft an sich“ sanktioniert worden sei. Die us-amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 erklärt, dass alle Menschen gleich erschaffen worden seien, „dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“  Schon bei John Locke (1632-1704), englischer Investor und Philosoph des Liberalismus, finden diese bürgerlichen Rechte Erwähnung.

Im Deutschen Idealismus gibt Kant (1724-1804) den moralisch – ethischen Rat: „Bestimme Dich aus dir selbst.“ Eine Abwandlung des eher praktischen, liberalen aus England stammenden Rat: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Man mag leicht über den inhaltlichen Unterschied hinwegsehen, aber deutsche Idealisten waren schon stets von Moralin getränkt. Wer diesem Rat nicht folgen wolle oder könne, sei „unmündig“ , so Kant, und entspreche nicht dem eigentlichen Wesen des Menschen. Kants Imperativ gilt unbedingt. Wer Kants Rassenlehre aufmerksam liest, wird feststellen, dass seine metaphysisch begründete Anthropologie den weißen Europäer meint, den Typ von Mensch, der dem  der „idealen Natur“ des Menschseins am nächsten komme. Die „Rasse der Neger“ (Kant) kommt in seiner Rassenskala ganz unten vor. Friedrich Schiller, ein Verehrer Kants und Deutschlands Kunstheroe, ruft euphorisch: Selbstbestimmung!

Was der geistiger Natur antinomisch entgegensteht, die materielle Natur der Körper, begreift Kant als ein „Ding an sich“. Etwas, was das Wesen des Dings angeht, ist für den Geist des Menschen unerklärlich. Dieser philosophische Dualismus, aus der Philosophie der Griechen entlehnt, prägt das Denken der Intellektuellen in Europa, gerade in der Zeit der philosophischen „Aufklärung“.

Auch aus „objektiver“ Sicht des Idealismus wird G.W.F. Hegel (1770-1831) diesem Urteil zustimmen.

Hegel steigert diese Abstraktionskunst ins Unermessliche, indem er die Differenz zwischen Wissen und Ding in einem dialektischen Entwicklungsschritt „aufhebt“, wie er sagt. Und zwar im Begriff der „Sache“. Die materielle Natur der Dinge oder Objekte wird durch den Verstand „aufgehoben“, oder man kann auch sagen „subjektiviert“. Der Großmeister und Hohepriester des bürgerlichen Idealismus versucht in einem identitätsphilosophischen Ansatz aufklärerische und kritische Positionen unter Einbeziehung einer geistes-geschichtlichen  Betrachtung und des bürgerlichen Naturrechts sowie der Theorie der bürgerlichen Gesellschaft mit Hilfe eines systematisch logischen Konzepts nachzuweisen, dass es eine Identität von „konsequent durchdachtem Begriff“ und der „Realität“ gibt. Der Begriff wird zum Demiurg des Wirklichen. Logik zur Ontologie. Die Differenz zwischen Wissen und wahrgenommenem Objekt aufgehoben: Tat-Sache, im Sinne: „so erkenne ich es, so ist es“. 

Diesem „objektiven Idealismus“ liegt nicht ein individueller Geist zugrunde, sondern das Postulat eines absoluten Geistes. Diese Substanz oder geistige Totalität durchwirkt die Menschheitsgeschichte und äußert sich in der Religion, in der Kunst und im Staate. In der Hegelschen Rechtsphilosophie (1821) umfasst dieser absolute Geist a. das „abstrakte Recht“, das sich über den Begriff der Sache als Eigentum aufgrund von Vertragsschlüssen herstellt, b. die Moralität des subjektiver Geistes und c. die Sittlichkeit als ein Komplex von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat.

Dem Hegelianischen Identitätsansatz folgten nicht nur seine Adepten (Rechts-und Linkshegelianer am Anfang des 19. Jahrhunderts), sondern auch die Crème de la Crème der deutschen Philosophie von der Romantik bis zum existentialistischen Furor im 20. Jahrhundert.  Aus dieser Philosophiegeschichte des deutschen Geistes, der „Deutschen Ideologie“, sticht allein Karl Marx (1813-1883) heraus. Der junge Marx setzt sich in seiner Schrift „Deutsche Ideologie“ am Anfang des Buches mit Ludwig Feuerbach (1804-1872) kritisch auseinander, indem er dessen „anthropologischen Materialismus“ grundsätzlich kritisiert, der die „Ich-Philosophie“ im Sinne einer Philosophie der Kommunikation  zu erweitern versuchte.

Zuvor möchte ich eine Einordnung des philosophischen Materialismus vornehmen, der sich als anderes Extrem bürgerlichen Denkens vom Idealismus unterscheidet. 

Die moderne Naturwissenschaft, die grundlegende und wirkliche Aufklärung, bewirkte einen Umbruch in der Weltsicht. Sie wurde zuerst als „neue Philosophie“ (Newton) und als Widerpart zur herrschenden Theologie und des verbreiteten Idealismus verstanden. Da die Physik eine mechanische Erklärung der Naturphänomene vornahm, verband sich der philosophische Materialismus mit der Mechanik der damaligen Physik. Dieser „mechanische Materialismus“, der alles Organische und Geistige kausal aus der Substanzidee des Materiellen ableiteten will (Reduktionismus), fand seine Väter in Hobbes und den Enzyklopädisten (d’Holbach, La Mettrie). Er sah seinen Konterpart im Atheismus. In Deutschland vertraten L.Büchner, Ch.Vogt und Moleschott einen philosophischen Materialismus.

Der philosophische Materialismus muss deutlich von der Naturwissenschaft durch seine Methodologie unterschieden werden. Er ist auch nicht aus der modernen Naturwissenschaft entstanden. 

Ludwig Feuerbach schreibt: „Ich gehe…bei der Frage von Realität und Objektivität der Sinne nicht vom Ich gegenüber dem physikalischen und natürlichen Ding aus, sondern von dem Ich, welches außer sich und sich gegenüber ein Du hat, und selbst gegenüber einem anderen Ich ein Du, ein selbst gegenständliches sinnliches Wesen ist. Und dieses Ich ..ist …das wahre Ich, von dem ich in allen Fragen ausgehen muss…(…) Ich ist die Wahrheit des Denkens, aber Du ist die Wahrheit der Sinnlichkeit. Was aber vom Menschen dem Menschen ist, das gilt auch von ihm der Natur gegenüber. Er ist nicht nur das Ich, sondern auch das Du der Natur.“ (Brief an J. Duboc vom 27. 11. 1860, in: Gesammelte Werke, Bd. 20, Berlin 1995, 310-312) Sowohl der physiologische als auch der philosophische Idealismus der Ich-Philosophie sei eine Selbstbefriedigung der jeweiligen Philosophen, ohne objektive Bedeutung. 

Feuerbach, selbst im Denkkäfig des Ichs gefangen, sieht in der Sinnlichkeit, dem Du und der Natur gegenüber die Wahrheit verborgen. Interpersonalität und Sinnlichkeit definieren das Wesen des Menschen. „Feuerbach lieferte einen Ansatz, das Wirkliche nicht als Materie im Sinne eines bloßen Substrats, sondern als das tätige Gegeneinander zweier Subjekte respektive als wechselseitiges Subjekt-Objekt-Verhältnis zu denken. Doch die Tätigkeit reduziert sich bei ihm auf die Liebe, d.h. auf eine unmittelbare sinnliche Empfindung…Feuerbachs Tätigkeit schafft keine Objektivität.“ (Renate Wahsner, in: Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert, Der Materialismus-Streit, Meiner Verlag 2007, S. 90)

Der junge Marx knüpft in der „Deutschen Ideologie“ an das tätige Ich-Du-Verhältnis, an den „anthropologischen Materialismus“ Feuerbachs an. Im Gegensatz zu Feuerbach geht er nicht vom einzelnen Individuum aus, sondern von „wirklichen Menschen“, mit anderen Worten von „ihren Aktionen und materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten.“ (MEW, Bd.3, 17) Wirkende Menschen arbeiten zuvörderst ökonomisch gemeinschaftlich (kommun) und arbeitsteilig in einer Gesellschaft unter gegebenen materiellen, kulturellen und institutionellen Bedingungen, die in der Menschheitsgeschichte unterschiedlich sind. Sie reproduzieren ihr Leben im Rahmen spezifischer, historisch unterschiedlicher ökonomischer, sozialer und politischer Formationen und materiellen Bedingungen (Rohstoffverfügung, Technik, Technologie, Arbeitsmittel, Energien etc.) Marx geht von den empirisch feststellbaren Tatsachen aus. Er verbindet Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Geschichte der Naturwissenschaft, Kulturgeschichte der Menschen. Er nennt diese Methode „Historischer Materialismus“. „Die Voraussetzungen… sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann… Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ (MEW, Bd.3, 20)

Anhand empirisch erfasster Tatsachen untersucht er die Strukturen und Elemente der ökonomischen Basis. Die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.“ (Marx) In der Deutschen Ideologie vergleicht er noch die Eigentumsformen und typisiert sie. Er spricht von Stammeigentum, Gemeineigentum in den Städten durch Vertrag oder Eroberung (siehe Athen), vom feudalen oder ständischen Eigentum oder korporativem Eigentum in den Städten, gleichsam die feudale Organisation des Handwerks, vom Privateigentum an den Produktionsmitteln in der bürgerlichen Gesellschaft. 

„Bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muss in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion und ohne Mystifikationen und Spekulation aufweisen.“ (25) Später untersucht er die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ ( seiner Zeit) in seinem Hauptwerk >Das Kapital<. Am Anfang steht die Untersuchung der Marktkategorien  Ware und Geld, der Wertproduktion auf Grundlage der Arbeitswerttheorie und der Preise. Auch die Vorstellungen und Ideen seien verflochten in die materiellen Tätigkeiten und in den Verkehr der Menschen – in der kapitalistischen Produktionsweise und der kapitalistischen Marktkonkurrenz, „der wirklichen Sprache des wirklichen Lebens.“ (26) „Das Bewusstsein kann nie etwas Anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess.“ (26)

In der Deutschen Ideologie entwickelt er ein empirisch wissenschaftliches Programm – eine materialistische Auffassung der Geschichte, die sich fundamental vom Geist des Idealismus und Materialismus unterscheidet. Marx ist kein Geschichtsphilosoph, der von determinierten Geschichtsabläufen spricht. Der Historische Materialismus ist eine Theorie, die „durch ständige Selbstkorrekturen im Fluss befindliches und unabgeschlossenes Unternehmen“ gekennzeichnet ist. (Andreas Arndt, a.a.O. S.260) So begreift Marx z.B. den Kommunismus nicht als einen Zustand oder als ein Ideal, das zu erreichen ist, „wonach die Wirklichkeit  sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzigen Voraussetzung.“ (35) Der Kommunismus könne weder lokal noch national begriffen werden, sondern sei „empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker und dem mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr“ vorstellbar. 

Vergleicht man, was der „Marxismus“ und seine Adepten in der Nachfolge von Marx verzapft haben, dann kann man Marx nur zustimmen, als er von einem Journalisten gefragt wurde, ob er ein Marxist sei, und antwortete, „Nein, ich bin Marx.“         

Der moderne Zeit-Geist des „Westens“ liest sich indes wie folgt:

We are the lonely and only one

We are free to think, to decide and to do it what we want – we are freedom men

Wir sind Eigentümer, Investoren, Unternehmer und Welt-Bürger

We are masters of universe

We live in God’s own land

Wir sind prädestiniert, weiß und allmächtig

                     „We are living in a ghost town“

                      wo Rassismus und Eugenik

                      wachsen und gedeihen können,

            wo es gute Waffen und gerechte Kriege gibt

               The West is the best and the good ones

Die „Internationale“ des Neoliberalismus und Neokonservatismus vereinigen sich und schaffen eine neue Form des Faschismus, in einer Zeit, in der die südliche Hemisphäre unter Führung der BRICS Staaten den Hegemon USA und seiner westlichen Vasallen ökonomisch in Frage stellen.   

Jedem Liberalen von „altem Schrot und Korn“ und Verfechter der Menschenrechte ist das Buch von Vincent Bevins Die Jakarta Methode, wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt, Papa Rossi Verlag, zu empfehlen !!!