Sanktionsrede 01.10.2022

Kein Tag vergeht, an dem wir nicht mit guten Ratschlägen zum privaten Energiesparen aufgefordert werden. Angefangen von der Nutzung eines Waschlappens statt duschen, Herunterdrehen der Heizungen, Schließungen von Schwimmbädern, Empfehlungen von warmer Kleidung für Büroangestellte und die Aufforderung, man könne sich auch zu Hause wärmer anziehen. Aus allen Medien werden wir beschallt mit der Parole, das sei das Ergebnis des Putinschen Überfalls auf die Ukraine.

Erlaubt sich jemand, darauf hinzuweisen, dass diese Situation durch den vom Zaun gebrochenen Wirtschaftskrieg Deutschlands, die verhängten Sanktionen, geschuldet ist, bricht ein Shitstorm los über die Ungeheuerlichkeit dieser Feststellung.

Weshalb kam es denn zu den Energieengpässen und den explodierenden Kosten?

Deutschland als Vorreiter der amerikanischen Sanktionsforderungen gegenüber Russland war es, das von heute auf morgen den Boykott russischer Energie ausgerufen hat. Und zwar ohne einen Plan dafür zu haben, wie denn die Bevölkerung und die Industrie mit dem Abbruch der Lieferungen aus Russland den Alltag weiter gestalten sollen. Stattdessen wird uns auch noch erklärt, diese Sanktionen, die Russlands Kassen und die der Ölmultis mit den hohen Energiepreisen weiter füllen, sollen Russlands Wirtschaft ruinieren und Putin zwingen, sich aus der Ukraine zurückzuziehen. Die gleiche Begründung wird uns gegeben für die Steigerungen der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine. Allen voran marschieren die Grünen, um den Krieg weiter in die Länge zu ziehen, hunderttausende Tote in Kauf zu nehmen für den von ihnen propagierten Endsieg. Auch wenn inzwischen offenbar wird, dass die Sanktionen wie auch die Waffenlieferungen vor allem der hiesigen Bevölkerung die Existenzgrundlage entziehen, das Land deindustrialisieren und eine Arbeitslosigkeit in kaum gekannten Ausmaß bescheren, will uns diese Regierung mit verve in den Abgrund führen. Der sogenannten Opposition in Gestalt der CDU geht dieses noch nicht einmal schnell genug. Die werte-orientierte Außenpolitik wiederholt mantrahaft, Putin setze Energie als Waffe ein, während sie gleichzeitig die Sanktionen als angebliches Druckmittel gegen Putin verhängen. Bei lupenreinen Demokraten von den Vereinigten arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Aserbajdschan geben sich Regierungsmitglieder die Klinke in die Hand, um um Öl und Gas zu bitten, das sie ohne weiteres zu günstigen Konditionen von Russland beziehen könnten. Es gleicht inzwischen einem Landesverrat, wenn wir hierauf aufmerksam machen. Wo bleibt denn der Ruf nach Menschenrechten, wenn Deutschland mit Waffen den Krieg im Jemen befeuert, oder das korrupte Aserbajdschan hofiert, das ohne den Einspruch deutscher werte-orientierter Regierungsmitglieder einen Angriffskrieg gegen Armenien führt. Jedem ist klar, dass die Sanktionen nicht die Kremlführung treffen, sondern uns. Jedem ist klar, dass die weiteren Waffenlieferungen den Krieg nicht verkürzen, sondern weiter in die Länge ziehen. Das hilft weder der ukrainischen Bevölkerung, die mit jedem Tag Tote und Verletzte zu beklagen hat. Das hilft auch nicht uns, wenn unsere Lebensgrundlagen zerstört werden und wir nicht mehr wissen, wie wir wirtschaftlich den Winter überstehen sollen.

In wessen Interesse wird dieser Wirtschaftskrieg, der sich inzwischen zu einer Kriegswirtschaft hierzulande verwandelte, denn dann geführt?

Seit Jahrzehnten drohen die USA der Bundesrepublik mit Konsequenzen für den Bezug von Öl und Gas aus Russland. Weil dies bisher die Weltmarktpreise der deutschen Exporte konkurrenzfähiger gemacht hat. Es wurden ebenfalls Sanktionen gegen Deutschland verhängt und die Verschärfung der Gangart angekündigt. In dieser Woche gab es in der Nacht auf Montag Anschläge auf die Pipelines Nordstream 1 und 2. Die Pipelines wurden offensichtlich massiv zerstört. Schon wird wild spekuliert, wer denn der Verursacher gewesen sein kann. Außer dem Fakt des Anschlags steht lediglich fest, dass es sich um einen staatlichen Angriff handelte.

Der Berliner Tagesspiegel vermutet zumindest noch am Rande über mögliche Motive der Ukraine, oder ihr nahestehende Kräfte, während ansonsten bereits wieder Putin als klarer Täter ausgemacht wurde, der damit die Gaspreise weiter in die Höhe treiben wolle. Sollen wir denn tatsächlich glauben gemacht werden, dass Putin Pipelines zerstören lässt, durch die kein Gas fließt, um damit den Gaspreis zu erhöhen? Hinzu kommt, dass die NATO erklärt hat, sie werde den Schuldigen ermitteln und zur Rechenschaft ziehen. Das Ergebnis derartiger Untersuchungen wird uns nicht überraschen.

Das Urteil ist bereits gefällt.

Erinnern wir uns, was der amerikanische Präsident anlässlich des Besuches von Bundeskanzler Scholz am 07.Februar, kurz vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, verkündet hat:

„Sollte Russland in der Ukraine einmarschieren, wird es Nordstream 2 nicht länger geben. Wir werden dem ein Ende setzen.“

Auf die Frage eines Reporters, wie er das denn bewerkstellen wolle, da dieses Projekt doch unter deutscher Kontrolle sei, antwortete Biden: „Ich verspreche Ihnen, wir sind in der Lage, dies zu tun.“

Diese Ankündigung hat sich nunmehr realisiert. Die Pipelines sind offensichtlich zerstört. Verhandlungen über Nordstream 2, die vereinzelt bereits gefordert worden waren, erübrigen sich jetzt.

Glaubt hier wirklich noch jemand, dass der Krieg um Gas und Öl noch etwas mit Kriegsverkürzung in der Ukraine zu tun hat? Oder scheint es nicht vielmehr so zu sein, dass die USA ihren auch ökonomischen Vormachtskampf auf Kosten Europas gegen Russland führt, und damit einen lang gehegten amerikanischen Traum erfüllt? Danach sind wir auf Gedeih und Verderb auf amerikanisches Flüssiggas angewiesen, dessen extrem hohe Preise bislang einen Absatz nach Europa verhinderte. Die Preise für Gas und Strom sind nunmehr in Deutschland 10-mal so hoch, wie in den USA. Da wird den Energieintensiven Industriebetrieben in Deutschland nichts anderes übrig bleiben, als ihre Standorte nach jenseits des Antlantiks zu verlegen, um mit diesem Standortnachteil nicht unterzugehen. Die Handwerker und Beschäftigten, die Kleinbetriebe und die Bevölkerung haben einen derartigen Ausweg nicht. Wir sind die Betrogenen. Dagegen wehren wir uns. Wir wollen nicht in einem Industriemuseum leben!!

Im Gegensatz zu Deutschland hatte Japan sich an den westlichen Sanktionen mit Ausnahme des Bezugs von Erdgas beteiligt und so die Industrie und die Bevölkerung vor einer derart existenziellen Bedrohung zu schützen. Das Gas wird dort nach wie vor geliefert. Für uns ist mit der Zerstörung der Pipelines eine derartige japanische Lösung nicht mehr machbar. In unserem Interesse liegt es dennoch nach wie vor, den Konflikt zu beenden und nicht zu verlängern. Hiervon ist aus Deutschland keine Initiative zu sehen. Während sogar der abgetretene italienische Ministerpräsident Draghi ebenso wie der Mexikanische Staatschef Vorschläge zur Aufnahme von Verhandlungen zur Beendigung des Krieges gemacht haben, träumt unsere Regierung von einem Endsieg, der erneut droht, außer Kontrolle zu geraten und Europa im Interesse der USA auf das Niveau von Entwicklungsländern herunterziehen kann. Es kann kein anderes Interesse für die Bevölkerungen Europas, der Ukraine und Russlands geben als die Forderungen

– Die Waffen nieder, sofortige diplomatische Verhandlungen

– Schluss mit dem Wirtschaftskrieg, weg mit den Sanktionen

Alle für Einen

Faschismus – eine hybride Ideologie und Ausgeburt bürgerlicher Gesellschaften

Der Faschismus ist eine hybride Ideologie. Er vermischt liberale und sozialistische Ideologiefragmente und ist selbst eine Ausgeburt „bürgerlicher Gesellschaften“. 

Die Ideologie des Liberalismus geht von der Annahme aus, dass es eine Gesellschaft nur aufgrund freier vertragsgebundener Übereinkünfte geben könne, z. B. in Form einer „Aktiengesellschaft“ oder einer Verfassung. Diese Annahme impliziert, dass Gesellschaft ein freiwilliger und vernünftiger Zusammenschluss Einzelner sei. 

Der Staat sei eine Institution dieser „bürgerlichen Gesellschaft“. Als „bürgerlicher Staat“ habe er die Funktion, je nach politischer Situation sowohl nach innen als auch nach außen diese „Vertragsgesellschaft“ der Eigentümer verfassungsgemäß zu schützen und zu fördern.

Eine sozialistische Ideologie, die im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft beheimatet ist, setzt dem liberalen Freiheitspostulat der Einzelnen das Postulat der Gerechtigkeit entgegen. Zwar betreffe die vertragliche Rechtsposition jeden Staatsbürger (Rechtsgleichheit), aber sie entspreche weder sozial noch ökonomisch  einer gleichen Ausgangslage der Rechtspersonen. Die Forderung nach Chancengleichheit und ökonomischer und politischer Teilhabe wird erhoben. Sozialer Ausgleich müsse auf der Agenda sozialistischer Politik stehen. Deshalb müsse der bürgerliche Rechtsstaat die Funktion des sozialen Ausgleichs übernehmen. Das Wahlrecht sei der Hebel zur Durchsetzung dieser Ideologie.

Der Faschismus synthetisiert diese verschiedenen Elemente bürgerlicher Ideologien, zumal wenn systematische Krisen wie z.B. nach dem Ersten Weltkrieg hervorbrechen. Er findet seinen Nährboden dort, wo Teile der Bevölkerung, besonders der bürgerliche Mittelstand und die nicht mehr durch eine sozialistische Ideologie gebundene Arbeiterschaft, in extreme Not geraten oder diese befürchten. Auch die Bourgeoisie des Großkapitals ist einer faschistischen Ideologie nicht abgeneigt, wenn sie sich politisch von ihr Vorteile erhofft. Der Faschismus ist eine bürgerliche Ideologie einer „Volksgemeinschaft“ und eine reaktionäre Antwort archetypischer Ideologien der bürgerlichen Gesellschaft auf Existenzbedrohung.

Er synthetisiert kollektivistische und individuelle Elemente, indem er sie emotionalisiert und politisch vereinfacht.Er ist eine Ausgeburt bürgerlicher Gesellschaften

„Der Nationalsozialismus war nur ein Wort wie andere. Er bedingt nicht Gesinnung… Theodor Lohse ging zu Versammlungen. Alle jubelten, Krautknödeln in den Mündern. Junge Sturmtruppen marschierten in den Saal. (…) Aber Unterwerfung forderte der Große, der Naive, Ungebildete, im Rausche der Begeisterung Lebende. Männer, die so wenig wussten, waren sich selbst alles. Sie kannten kein Verhandeln.“

Joseph Roth beschreibt in seinem Roman >Das Spinnennetz< 1923 prophetisch den Kern des Faschismus. Jene, die durch Krisen in materielle oder finanzielle Nöte geraten, „ergreifen“ ,sich begeisternd, ihre Macht  und den „Willen zur Macht“ mit Wut und Hass auf die vermeintlichen Sündenböcke. Sie fühlen sich eigenmächtig! „Einer für alle, alle für Einen“ – die den gleichen Willen zur Macht spüren.

Der Liberalismus – die politische Freiheitsideologie des Einzelnen seit Einführung der kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft – ist das globale Dogma des Weltmarktes. Die Kernelemente dieser Großideologie basieren auf der  anthropologischen Annahme universeller individueller Freiheit und Freiheitsrechte des Einzelnen. Diese moralethische Setzung und der Universalismus dieser Setzung beinhaltet einen absoluten Anspruch und ersetzt die christliche (vor allem protestantische) Ideologie. Zugleich ist er widersprüchlich, denn Partikulares kann keine Allgemeinheit beinhalten. Der leibhaft Einzelne, der physisch und psychisch von der Außenwelt seiner selbst stets abhängig ist, kann sein universelles Selbst und seine Würde nur im Gefühl und seiner Empfindsamkeit mystisch erfahren. Auch dann, wenn sein Wert keinen realen Preis erlangt.

Die faschistische, hybride Ideologie dockt an dieser liberalen Denkart „universeller Einzelheit“ an und verknüpft sie mit kollektivistischen Elementen der „Rasse“ , der „Volksgemeinschaft“ und der „Nation“.

Philosophen der Aufklärung haben den Begriff „Rasse“ erst als eine anthropologische Ein- und Unterteilungskategorie (z.B. Kant und Hegel) verwendet, ohne ihn ethisch abwertend zu begreifen. Der „Rasse“ schrieben sie spezifische äußere, geistige oder kulturelle Merkmale zu. Diese Menschengruppen begriff Kant als „Menschengattung“. Die Menschengattung der Weißen, der Mongolen oder der Neger. (im Sinne von: Nager sind keine Echsen, beide aber Tiere) Der Faschismus fügt dem Begriff „Rasse“ eine verengende „völkische“ und „nationale“ Variante hinzu und verwendet sie synonym. Obwohl der weißen Rasse angehörig, so seien Slawen, Juden oder Deutsche   „völkische Rassen“,  das deutsche Volk sei zudem eine „Herrenrasse“ und zeichne sich durch Tugenden des Krieges (Mut, Tapferkeit, Willenskraft, Ehre usw.) im Besonderen aus. Tugenden, stets auf ein Individuum bezogen, werden „kollektiviert“. 

Schon Kant hat „Nation“ definiert als „diejenige Menge oder auch Theil derselben, welche sich durch gemeinsame Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt.“ (zit. nach: Deutsches Wörterbuch, Hrsg. Hermann Paul, Niemeyer Verlag 1992, S.603) 

Eine Nation wird gestiftet. Und der Nationalstaat ebenso. Ohne Auslese geht so etwas nicht. Zumal auch dann nicht, wenn in vor  – bürgerlichen Staaten verschiedene „Völker“ oder „Ethnien“ durchaus seit Jahrhunderten zusammenlebten. Die Ideologie für das Auslesekriterium liefert der Nationalismus. Für die englischen Bürger, die sich durch den Parlamentarismus zur „politischen Nation“ kürten, war es die Höhe des (Geld)Vermögens. Weite Teile der englischen Bevölkerung gehörten nicht dazu. Für den Nationalismus deutscher Intellektueller zu Anfang des 19. Jahrhunderts war es das Christentum, vor allem der Protestantismus, was die jüdischen Mitbewohner auszuschließen drohte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert bestand das Auslesekriterium darin, dass jedes „Volk“ einen Staat benötige. Der „Völkerbund“ ging nach der Konferenz von Lausanne 1923 davon aus, dass Heil der Welt läge in der Apartheid. Die Völker brauchten ihre eigenen Staaten. In den Begriffen  „Völkerrecht“ und „Selbstbestimmung der Völker“ schwingt dieser Nationalismus noch mit. Die Nationalsozialisten haben  das „Selbstbestimmungsrecht“ des Volkes auch sehr nutzbringend für ihre völkische Gesinnung angewendet.       Der Antisemitismus ist der Bruder des völkischen Nationalismus. Die Ideologie des Rassismus Vater der der Brüder. Er schwängerte die Mutter eines universellen Idealismus

Ein Nationalsozialist könnte der Definition Kants durchaus zustimmen, unter der Voraussetzung, dass der Begriff „Erkennen“ durch die Emotion der Empfindungskraft für Volk und Nation ersetzt werde und der Begriff „Abstammung“ „völkisch“ gedeutet und als Blutsverwandschaft des deutschen Volkes verstanden wird. „Völkisch“ und „national“ wurden im 19. Jahrhundert synonym gebraucht.  „Nationalsozialismus“ beinhaltet in der faschistischen Ideologie die Gemeinschaft  eines Volkes (Volksgemeinschaft), einer Menschengruppe, die durch gemeinsame Kultur, Abstammung und Geschichte verbunden ist und sich von anderen Völkern rassisch wertend unterscheidet. Die Ideologie von einer „völkische“ Einheit prägt den Nationalismus im Nationalsozialismus und stellt die kollektivistische Komponente der Gemeinschaft der im Vaterland Geborenen Einzelnen dar, die im „Führerprinzip“ irrational ihren höchsten Ausdruck findet. Im Führer wird das „Heil“ jedes Einzelnen verwirklicht.

Das völkisch-nationale Bewusstsein des Einzelnen kommt im Charisma des Führers zur politischen Macht und führt zum Heil eines jeden Volksgenossen. Freud schrieb in „Die Zukunft einer Illusion“: „Man ist zwar ein elender, von Schulden und Kriegsdiensten geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen Anteil an der Aufgabe, anderer Nationen zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben.“ Deshalb:

Alle für Einen, Einer für alle.“ – Im völkischen Nationalstaat 

Jedes „Volk“, im Mittelhochdeutschen „folc(h)“ im Sinne von  Kriegsschar („Fußvolk“), braucht einen Führer, der, wie Nietzsche schreibt,“der große Mann der Masse“ ist. „Den starken Willen bewundert Jedermann, weil niemand ihn hat und Jedermann sich sagt, das wenn er ihn hätte, es für seinen Egoismus keine Grenzen mehr gäbe.“ (…) Im übrigen habe er alle Eigenschaften der Masse: um so weniger schämt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populär. Also: er sei gewalttätig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch, kriechend, aufgeblasen, nach Umständen alles.“ (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches 460) 

Der Faschismus besitzt keine Ethik, aber Moral. Er propagiert Tugendwerte (Tugend= Tauglichkeitswerte): Mut Tapferkeit, Kameradschaft, Willenskraft. Ehre. Werte, die zum Kriege taugen und andere zu Feinden machen. Diese Tugenden vermitteln Gefühle der Stärke, Machtgefühle, emotionale Verbundenheit und Identität. Das politische Programm des Faschismus bedeutet „Machtergreifung“ durch den Führer und mit dem Führer  zum Zwecke der Wiedererlangung der politischen Macht zum Wohle eines „völkischen“ gesinnten Bürgertums.

Der Begriff „Nationalsozialismus“ taucht zunächst 1887 im Zusammenhang mit der Politik Bismarcks auf. Schon Moses Heß, dem Marx und Engels in der Deutschen Ideologie heftig zusetzten, da Nationalismus und Sozialismus zwei sich ausschließende Begriffe seien und die Parteiungen der Arbeiterschaft Internationalisten seien müssten, hatte die Begriffe Nationalismus und Sozialismus zu vereinen versucht. Die sozialistische Ideologie als Widerpart des Liberalismus hat den Wert der Gerechtigkeit ins Zentrum seiner Ethik gestellt. Das Prinzip der Gerechtigkeit hat den anderen im Blick. „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“    

Joseph Vogel weist auf historisch-statistische Untersuchungen hin, dass die „Dynamik der Finanzwirtschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder mit signifikanten politischen Verwerfungen verknüpft war.“ (Die Macht des Ressentiments; Wie die Finanzindustrie den autoritären Liberalismus stärkt, Blätter für deutsche und internationale Politik 7/2022) Rechtsnationale Parteien und Positionen seien die Folgen gewesen.

Der Einzelne, der isoliert Einzelne und der Einzige

„Ich? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das heißt?“

aus: Das Blut Buchen Fest von Martin Mosebach

Max Stirner (der Einzige) beantwortet diese Frage:

„Ich war verächtlich, weil Ich Mein besseres Selbst außer Mir suchte;

Ich war das Unmenschliche, weil ich vom Menschlichen träumte;

(…)

Ich bin das Unmenschliche nur gewesen, bin es nicht mehr, bin das

Einzige!“ 

(in Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.418)

Johann Caspar Schmidt (1806 – 1856), genannt Max Stirner, hat es in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ getan. Seine Ansichten stehen in der Tradition einer Subjekttheorie von R. Descartes bis G.W.F. Hegel. Stirner argumentiert hegelianisch und radikalisiert zudem J.G. Fichtes cartesianisch – rationalistisches Konzept von einem „Ich“ als reine Tätigkeit des Selbstvollzugs.

In der Tradition bürgerlicher Aufklärung stehend, wird das „Ich“ anthropologisch in seiner Einmaligkeit (Individualität) begriffen ohne Verhältnis zum Anderen. Ethisch sieht Stirner das „Ich“ als etwas substantiell Unbedingtes, als ein Neutrum an, als das Einzige, Göttliche, dessen Wesen Freiheit ist. Mit dieser Sichtweise steht er in Opposition zu Kant und Hume, die das „Ich“ als ein funktional bestimmbares Ich begreifen.

Sozialphilosophisch spielt die Stabilität des Ichs gegenüber dem Wandel sozialer Verhältnisse und Erwartungen bei Stirner eine wichtige Rolle, worauf noch eingegangen wird.

Das autokratische Ich und seine Ressentiments

       oder: die „Entleerung“ der Gedanken 

Hegels Diktum, dass im Christentum „das Geistige so zur besonderen Gestalt, zum Individuum gemacht“ wurde, nimmt Stirner wieder in seiner Argumentation auf.

Im „Altertum“ habe der Mensch seine Kindheitsphase durchlebt und sein „Ich“ (Selbstbewusstsein) noch nicht herausgebildet. Dort sei er noch unfrei und würdelos. Wie „Neger“ (Stirner) sei er von seinen Bedürfnissen und den Dingen bestimmt. In seinen Jugendjahren sei der Mensch zu einem Individuum gereift. In dieser „Mongolenhaftigkeit“ (Stirner – ein von Hegel übernommener Begriff) sei das Individuum durch „Gedanken“ anderer geprägt worden. So ließ die „Geistesherrschaft“ des Katholizismus z.B. , die „mittelaltrige Hierarchie“ des Geistes, „die Barbarei des Profanen unbezwungen neben sich hergehen.“ Erst im Zuge der Reformation habe das Individuum eine weitere Stufe der geistigen „Himmelsleiter“ erklommen. In der französischen Revolution noch eine weitere Stufe. Dort sei der abstrakte Gedanke zur Herrschaft gekommen und in der Staatsverfassung verankert worden.

Stirner stellt ein in der Aufklärung probates dreistufiges  Ordnungsmodell der „Ich – Werdung“ vor.

Aus der Tierhaftigkeit des Zoon politikon habe sich der (Einzelne) Mensch zu einem Individuum entwickelt, das sich seiner Individualität bewusst geworden sei. Erst das individuelle „Ich“ , der „isoliert Einzelne“, besitzt  die Potentialität und die geistige Herrschaft über die Dinge, die er zu seinem „Eigentum“ machen könne, und sich selbst. Voraussetzung aber sei, dass es zuvor „die Welt der Dinge“ (die Gedankenwelt) „vernichtet“ habe.

„Ich bin der Eigner der Welt der Dinge und Ich bin der Eigner der Welt der Gedanken.“ (Stirner in: Karl Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3,S.146)

Rüdiger Safranski schreibt, wie Stirners Werk rezipiert wurde. G.Simmel habe von einer „merkwürdigen Art des Individualismus“ gesprochen. Carl Schmitt von einer „Heimsuchung“. Nietzsche habe befürchtet, sein philosophisches Oeuvre werde durch Stirner als Plagiat enthüllt. Peter Sloterdijk lobt Stirner über alle Maßen, weil dieser zu den Urvätern zähle, die eine „Ökonomie des Geistes“ heraufbeschwören. So Sloterdijk auf einem Kongress zum Thema „Digitale Intelligenz und die Ökonomie des Geistes“. 

Der junge Marx, dessen Freund Friedrich Engels wie Stirner Mitglied des Debattierclubs „Freiheit“ vor Erscheinen Stirners Buch teilnahm, setzt sich ausführlich in der „Deutschen Ideologie“ Satz für Satz kritisch mit Stirners „Ökonomie des Geistes“ auseinander und hebt die ideologische Radikalisierung des deutschen Liberalismus gegenüber dem „wirklichen Liberalismus“ der englischen Schule hervor.

Stirner weitet, „machiniert“ so Marx, Hegels Diktum zu einem weiteren Hirngespinst aus. Was Hegel objektivistisch „Weltgeist“ genannt hat, der Physik und Geist dialektisch zu verbinden sucht, holt Stirner ins Subjekt zurück. 

Wie Ich Mich hinter den Dingen finde, und zwar als Geist, so muss Ich Mich später auch hinter den Gedanken finden, nämlich als ihr Schöpfer und Eigner. (…) Die Gedanken waren für sich selbst leibhaftig geworden, waren Gespenster, wie Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw. Zerstöre Ich ihre Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige zurück und sage: Ich allein bin leibhaftig. Und nun nehme Ich die Welt als das, was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum: Ich beziehe alles auf mich.“ 

(Max Stirner, Der Einzige und sein Eigenthum, 1844; zit. aus Hans G. Helms, Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, DuMont 1966, S.62) 

Das einzelne Ich soll selbst der Gott und Schöpfer der (Gedanken)Welt sein. Das Einzige (was zählt) bin ICH. Es gibt also zwei ICHS – das leibhaftige Ich, das die Gedanken der anderen sinnlich aufnimmt, und das geistige Ich, die Essenz des menschlichen Individuums. Und es gibt zwei menschliche Individuen: der wirkliche leibhaftige Mensch und der menschliche Geist. Das Ego. Stirner, der der Metaphysik den Kampf angesagt hat, verwickelt sich selbst im metaphysischen Begriffschaos. Eine Gesellschaft, die sich als ein Sammelsurium einzigartiger Egos begreift, hat Hans G Helms in seinem hervorragenden Buch 1966 als eine „anonyme Gesellschaft“ beschrieben. Nicht nur im Neusprech der „Fake News“ der relativen und subjektiven Wahrnehmung, auch in den technologischen Utopien der „Ökonomie des Geistes“ eines digitalen Kapitalismus, die sich Kapitalistenhirne ausgedacht haben, findet man diese Gedanken. Auch in der Ideologie des Faschismus, in der die „Vorsehung“ des wahren Führers, des politischen und des persönlichen, findet sich dieser Gedanke wieder. Hat Stirner die Bildung von Kadern etwa nicht ausdrücklich verworfen? Soll der Einzige sich einer Partei anschließen? „Eben indem man sich ihnen anschließt und in ihren Kreis eintritt, knüpft man einen Verein mit ihnen, der so weit dauert, als Partei und Ich ein und dasselbe Ziel verfolgen … Die Partei hat nichts Bindendes für Mich und Ich respektiere sie nicht.“ (Stirner, Der Einzige S.197 zitiert nach: Helms, S.133) So explodiert auf Versammlungen die aufgestauchte Lebenskraft und der Wille zur Macht im „Jauchzen“ (Stirner) und Jubelschrei der gleich empfindenden Egos.         

Nach Stirner unterliegen Gedanken keiner methodischen Überprüfung anhand von Parametern, sondern müssen „vernichtet“ werden, weil sie das Geistesgut anderer sind, die nicht Gleiche sind. Bei dieser Entleerung (Stirner ist kein Nihilist) durch den Einzigen steht das „Ich“ nicht mehr in einem Verhältnis zu einem anderen Ich. Gedanken anderer begrenzen die Freiheit des Einzelnen. Sie können nicht Mein Eigentum sein. Die höchste Form der Freiheit besteht in dieser „Entleerung“ fremden Gedankengutes.

In der „Deutschen Ideologie“ wendet sich der junge Marx gegen diese „Robinsonade“ . Stets seien Individuen von sich ausgegangen, „aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, dass sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also die Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechterverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit) so mussten sie in Verhältnisse treten, da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmt, so war es eben das persönliche individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen untereinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich schafft.(Marx, Deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.423)     

Eine verkrachte Existenz und egoistische Essenz

Nach Stirner ist das Ich des „Einzigen“ eine existierende anthropologische Entität. Das Ich ist das wesentliche Kernstück, die Essenz, eines menschlichen Individuums, soweit es sich als Selbstbewusstsein und Schöpfer seiner selbst versteht, wenn es die „geistige Herrschaft“ über die Welt der Dinge, über die Natur, erlangen will. „Frei“ ist es, wenn es die alte Welt zerstören will, um eine eigene neu aufzubauen. Stirner ist ein radikaler Egoist.

Der „isoliert Einzelne“ (Karl Marx) als Resultat funktionierender Marktwirtschaft „existiert“ im „Tempel seines Geistes“ (Ayran Rand). Rand (1905-1982) – ich verstehe sie als Epigone Stirners – schreibt: „Zivilisation ist der Fortschritt der Zurückgezogenheit. Des Wilden gesamte Existenz ist öffentlich, geregelt durch Stammesgesetze. Zivilisation ist die Entwicklung hin zur Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen.“ (siehe Zitatensammlung zu A.Rand im Internet) Sie bilden die Masse (ahd. massa = Klumpen), in der „jeder wie der andere und keiner wie er selbst ist.“ (Heidegger) Das Selbstsein des Einzelnen, worin seine Einzigartigkeit besteht, „verleiht eine ungeheure Macht des Seins“, so Ernst Jünger in „Stahlgewitter“ der Geschütze, wenn er eine Menschengruppe mit dem Maschinengewehr niedermäht. Die „Masse“ ist ein Sammelsurium von Individuen, eine kollektive Gemeinschaft, in der das Ich samt seiner individuellen Einmaligkeit verschwindet. Im „Tempel des Geistes“ schließt der „Einzigartige“, der Leviathan der Psyche und Monster der Ausschließung, andere Individuen aus seiner gesamten Weltvorstellung aus. Der Feind dieser Ideologie der Ausschließung ist das Kollektiv  und seine Organisation, unter der Voraussetzung, dass es seinen Macht- und Wertvorstellungen widerspricht. Denn Staatlichkeit wird dann benötigt, wenn das Eigentum und seine Freiheit in Bedrängnis gerät. Dann muss ein staatliches Gewaltmonopol für kriminelle Akte der Masse, von Fremden und für Individuen her, die die Freiheit der „Einzigartigen“, der privaten Eigentümer, bedrohen.  Vergesellschaftung widerspricht der Freiheit der Einzelnen und ist der Anfang vom Ende der Freiheit und des Eigentums (Abstraktum zu eigen= besitzt, beherrscht). 

Das Prinzip des liberalen Rechtsstaates sei deshalb, so von Hayek, „gleichbedeutend mit der Einschränkung des Bereichs der Gesetzgebung: es beschränkt sie auf jene Art allgemeiner Normen, die wir als formales Recht bezeichnen, während es eine Gesetzgebung ausschließt, die direkt bestimmte Individuen treffen…“ (von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft,114)

Diese Vorstellungen eines radikalen Individualismus (ethisch: Egoismus) findet man im Neoliberalismus wieder. Die Ikone des Neoliberalismus, Friedrich A. Hayek, schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er der Subjekttheorie des Individualismus den Mantel der Objektivität umhängt, das heißt, wenn dem Subjekt Objektivität zuspricht, indem er, von der naturgegebenen Freiheit des Individuums ausgehend, das Kollektiv und Organisationen des Kollektivs der individuellen Freiheit entgegensetzt. Ayran Rand hat ihren Liberalismus deshalb auch als „Objektivismus“ bezeichnet. Der Sozialismus ist von dieser Warte aus gesehen eine kollektivistische Idee, die der menschlichen Natur und damit der individuellen Freiheit widerspreche, so von Hayek. Die Idee des Nationalsozialismus entstamme daher aus dem Sozialismus. Was Ideologen des Faschismus vehement abstreiten werden, da für sie der Sozialismus ebenfalls ein zu bekämpfendes Kollektiv sei.

Die Essenz des Ichs, seine Freiheit, formt das Individuum. Ausdruck seiner Freiheit ist der Wille. War es bei einem Teil der deutschen Philosophen der Aufklärung noch der „freie Wille“ (Kant)- im Gegensatz zum englischen Liberalismus, der davon ausging, dass der Wille nicht frei sein könne – so wird der Wille seit Schopenhauer und Nietzsche zur Willensmacht oder zum Willen zur Macht. Im ontologisch universalen Sinne wird das Ich vom Individuum getrennt begriffen und zum Referenzpunkt seines Daseins gemacht. Diese Denkungsart ist eine totalitäre und undemokratische. 

Schon vor der us-amerikanischen Ikone stiehlt Max Stirner der Rand philosophisch die Schau. „Ich bin nicht Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem ich selbst als Schöpfer Alles schaffe. Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! (…) Sie ist das existentiell Konkrete, alles andere ist Schall und Rauch, auch wenn es Macht über mich beansprucht. Wir lassen uns von Begriffen, Ideen und den Mächten, die in ihrem Namen agieren, bezaubern. Deshalb weg damit.“ (Stirner, in: Safranski, Einzeln Sein, S. 124)

Dieser extreme, autokratische Individualismus rennt gegen die Mühlen jeglicher Art von Vergesellschaftung. „Der Einzige, wenn er zum Bewusstsein erwacht, findet sich in einem Netzwerk von solchen Begriffen gefangen, durch die er besonders heimtückisch vergesellschaftet wird, und dabei sein Bestes, die eigene Existenz, verfehlt.“ (Safranski, 125) Der Begriff Existenz in seiner traditionellen Form als Lebensbedingung erhält eine andere Konnotation, im Sinne einer Essenz, die in der subjektiven Freiheit des Einzelnen begründet liegt und seine Einzigartigkeit definiert. 

Johann Caspar Schmidt lebte in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Von 1826 bis 1828 studierte Stirner in Berlin bei Hegel und Schleiermacher. 1839 wurde er Lehrer in einer Privatschule für höhere Töchter, nachdem er keine Anstellung an einer staatlichen Schule erhielt. Er nahm, wie schon erwähnt, an einem Debattierclub mit dem Namen „Freiheit“ teil, in dem er auch Friedrich Engels und Bruno Bauer kennenlernte. 1849 erschien sein Buch >Der Einzige und sein Eigentum< – das umgehend der Zensur zum Opfer fiel. Nach einer Woche aber wurde das Verbot wieder aufgehoben, nachdem er seine Anstellung als Lehrer aufgab. Stirner ging zwei Ehen ein. Durch Kommissionsgeschäfte geriet er ins Schuldgefängnis. Mit einem Milchbetrieb in Berlin ging er bankrott. Kurzum: Stirner war eine „verkrachte“ Existenz, die  sozialphilosophisch ihren Halt in ihrem eigentlichen Wesen fand, als Schöpfer seiner eigenen Welt.

Karl Marx und Friedrich Engels beschlossen 1845 gemeinsam eine Kritik der nachhegelschen deutschen Philosophie zu schreiben, wodurch sie sich vom Hegelianismus lossagten. Marx diagnostiziert in diesem Zusammenhang, der deutsche Liberalismus – schon immer mit völkischen und antisemitischen Einsprengseln verbunden – sei eine „Schwärmerei“ und eine Ideologie, die „über dem wirklichen Liberalismus“ in der realen Welt des Kapitalismus und der Marktwirtschaft schwebe. Es sei leicht, den Inhalt des wirklichen Liberalismus in reine Begriffsbestimmungen, in „Vernunfterkenntnisse zu verwandeln.“ (Marx/Engels in: MEW Bd.3, S. 180) 

Joseph Vogl hat auf die Ohnmachtsgefühle, den Existenzneid und das „Nein zur Außenwelt“ hingewiesen, die dem leibhaftigen Ego bei Vernichtung seiner Machtgefühle und der Angst befällt, wenn seine Lebensbedingungen in eine schiefe Lage geraten. (Rede „Macht des Ressentiment“ vom 8.5.2022 in Berlin)

Unter sozialpsychologischem Aspekt des Ressentiments scheint Stirners Introspektion die eines verkrachten Egoisten, der seinen Status in der bürgerlichen Gesellschaft neu justieren möchte. Der isoliert Einzelne ist ein „Menschenschlag“, der „nicht bloß mit geschäftlichen Talenten, sondern als überaus passioniertes Wesen auf die Welt gekommen ist.“ (Vogl) Es ist der Typus jenes Bürgers, der sich auf den Marktplätzen um Wettbewerbsvorteile und Verdrängungschancen kümmert. Aber – wenn sie scheitern, brechen pure Ressentiments hervor, die von der Art sind, dass es stets die anderen sind, die „meinem“ Glück im Wege stehen. Seien es Menschen anderer „Rasse“, anderer Ethnien, anderer Kulturen, der Pöbel, schlicht die Masse oder das Böse. Angst und Aggression sind die Folgen. Wenn eine persönliche, soziale oder ökonomische Krise „mein“ Ich unerbittlich ergreift, zerplatzt die Harmonie des Liberalismus und Ressentiments sind zur Stelle, die ihre ideologischen Quellen von irgendwoher nehmen (Nationalismus, Rassismus, Religion u.a.m.). Sollte in harmonischen Zeiten der Staat ein „Nachtwächter-Dasein“ fristen, so in Krisenzeiten mit aller Kraft und Gewalt „meine“ bürgerliche Freiheit schützen und verteidigen. Der Typus eines „autoritären Liberalismus“ (Vogl) ist im Sinne des Einzigen geboten.    

Allen Formen liberaler Demokratie und liberalen Staatsverständnisses in einer kapitalistischen Marktgesellschaft liegt die Erfahrung und die Überzeugung zugrunde, dass der Staat von Individuen begründet und gebildet worden ist, so zusagen ein „Aggregat der Individuen“ (von Hayek) sei. Der Staat „freier Bürger“ sei Mittel zum Zweck, die Interessen der Privateigentümer und Wohlhabenden zu fördern und und das System der freien Marktwirtschaft politisch und rechtlich zu schützen und zu stabilisieren. „Ansprüche der Individuen sind immer ein Ergebnis des händlerischen Geistes. Die Ideen von 1789 – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit- sind charakteristische Händlerideale, deren einziger Zweck darin besteht, Einzelpersonen gewisse Vorteile zuzuschanzen.“ (von Hayek, Der Weg zur  Knechtschaft, OLZOG Verlag 2007, S.213)

 Die Verfasser liberaler Staatsverfassungen und Gründer liberaler Demokratien (USA, England, Frankreich) waren eben solche, die eine angebotsorientierte Händlertätigkeit ausübten, Sklaverei für sich in Anspruch nahmen oder ganz allgemein befürworteten und Nationalisten waren, oder sich mit ihr ideologisch identifizierten. Obwohl alle Individuen im bürgerlich-liberalen Rechts- und Nationalstaat als Personen rechtlich gleich gestellt werden, herrscht in einem kapitalistischen Produktionssystem sozial und strukturell Ungleichheit zwischen Kapitaleigentum und Lohnarbeit, die durch das verfassungsmäßige Recht eines zu privaten Zwecken verwendbaren Eigentums an Produktionsmitteln hervorgerufen wird. Das formale Recht auf Eigentum ( eingeschlossen das Recht an den Produktionsmitteln) schützt strukturelle Ungleichheit

Der bürgerliche Nationalstaat hat unterschiedliche Formen von Demokratien als Regierungsformen ausgebildet. Das sich im rechtspolitischen Sinne liberal verstehende, meist aus dem Mittelstand kommende Bürgertum hat sich dann nicht gescheut, sich mit Ideologien eines völkischen Nationalismus gemein zu machen, wenn es galt politisch eine soziale und ökonomische Krise zu bewältigen. Die (liberale) Demokratie, so von Hayek, habe den Zweck, die widerstrebenden ökonomischen Interessen ideologisch und sozialpolitisch in Schach zu halten. Kann sie das nicht mehr, dann sei es das oberste Interesse einer bürgerlichen Gesellschaft das System des freien Marktes und damit die Freiheit des agierenden Individuums zu retten und zu stabilisieren, wenn nötig mit Staatsgewalt. So verloren die liberalen Parteien ihre bürgerliche Wählerschaft ab 1930 fast völlig. Der Stimmenanteil liberaler Parteien betrug 1920 noch 22,4%, ab 1930 ging er auf 2% zurück. Auch die liberalen Parteiungen in Deutschland von der „Nationalen Partei“ über die „Fortschrittliche Volkspartei“, des „Nationalsozialen Vereins“ unter der Leitung von Fr. Naumann und der „Deutschen Volkspartei“ bis zur FDP von heute waren Parteien des Großbürgertums oder des bürgerlichen Mittelstandes. Der Liberalismus ist eine Partei des Marktes, des Kapitals und beherrscht heute alle im Parlament vertretenden Parteien.     

Im Gegensatz zum Kapital, das seine Macht im Privateigentum unterdrückerisch zum Ausdruck bringt, und zur Lohnarbeit, die sich  in Gewerkschaften organisieren kann, hat der Mittelstand nichts. Der Mittelstand hat nur die Ideologie. Stirners Philosophie stellt sich dar als eine Mythologie, in der die Negation der Geschichte und ihrer Zusammenhänge wie Kausalität ausradiert sind und ideologisch das Autoritäre und Autokratische gefeiert wird.   

Metaphysik der Sitten, Teil 2

Vielen Dank Matthias für die erhellenden und kritischen Einwände in deinem Kommentar zum Teil 1.

In den Paragraphen § 15 und 16 der Rechtslehre setzt sich Kant mit der Kolonialisierung auseinander. Schon in der Überschrift des § 15 unterscheidet Kant zwei Zustände: die bürgerliche Verfassung und den Naturzustand.

Der Begriff Naturzustand, ein gängiger Begriff bürgerlicher Konzepte eines durch Vernunft gesteuerten Naturrechts, um die Besonderheit dieser Gesellschaftsform hervorzuheben, definiert einen staatenlosen Zustand menschlicher Beziehungen. In solchen Zuständen leben „Wilde“ in Völkerschaften oder Sippenverbänden. Verglichen mit dem bürgerlichen Staatszustand einer Verfassung, die die individuellen Rechte der Bürger regelt, herrschen dort Bräuche, die die Beziehungen der Wilden innerhalb der Existenzbedingungen ihrer Umwelt regeln. Der Begriff „Wilde“ bezeichnet unzivilisierte Menschen. Das griechische Altertum hatte solche Menschen Barbaren genannt. 

Im § 15 der Rechtslehre unterscheidet Kant die „Wilden“ vom „Wir“, die weißen Europäer und Eroberer. „Wir sollten nicht befugt sein… Kolonien zu errichten und so Eigentümer ihres Bodens zu werden, und ohne Rücksicht auf ihren ersten Besitz,Gebrauch von unserer Überlegenheit (!!!) zu machen…“ (Kant, Metaphysik der Sitten, Theorie-Werkausgabe Suhrkamp Bd. 8, S. 377) Grundsätzlich widerspricht eine gewaltsame und betrügerische Erwerbung von Kolonien moralisch-ethischen Prinzipien eines kategorischen Imperativs. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie zu einem allgemeinen Gesetz werde.“ 

Aus moralisch-ethischer Sicht der reinen Vernunft sei „diese Art der Erwerbung des Bodens also verwerflich.“ (377) und ungerecht. Zudem herrsche im Naturzustand keine bürgerliche Rechtskultur der „Vernunfttitel der Erwerbung, die nur in der Idee einer a priori vereinigten Willens aller liegen kann.“ (378) 

Unter der Bedingung von Naturzuständen gebe es nur „empirische Titel der Erwerbung die auf ursprüngliche Gemeinschaft des Bodens gegründete physische Besitznehmung … die den Satz gründet: >>was ich (!) nach Gesetzen der äußeren Freiheit in meine Gewalt bringe, und will, es soll mein sein, das wird mein>>.“ (374) Dieser empirischen Erwerbung stünde indes der „Vernunfttitel der Erwerbung“ entgegen, der „nur in der Idee eines a priori vereinigten (notwendig zu vereinigenden)Willens aller liegen“ könne. (378) Der Vernunfttitel der Erwerbung heißt Eigentum. Eigentum wird aus der Freiheit des Vernunftvermögens des Ichs generiert, dem die Idee eines a priori vereinigten Willens mittels eines Gesellschaftsvertrages zugrunde liegt, aber nicht, wie es die empirische Philosophie versucht hat, aus der Arbeit des Ichs. Vernunft ist ein Denkvermögen, das im Unterschied zum Verstand, der sich mit empirischen Dingen auseinandersetzt, so Kants, apriorische Kategorien zu setzen imstande ist, die bar jeder Erfahrung völlig abstrakter „Natur“ sind. „Wilde“ sind deshalb wild, weil sie sich im Denken völlig von der Erfahrung leiten lassen und so in ihrem Wesen „unmündig“ und „unvernünftig“ sind. Sie leben in keinem bürgerlichen Rechtsverhältnis, das Mein und Dein unterscheiden kann. „Das austeilende Gesetz des Mein und Dein eines jeden am Boden kann, nach dem Axiom der äußeren Freiheit, nicht anders als aus einem ursprünglich und a priori vereinigten Willen (der dieser Vereinigung keinen rechtlichen Akt voraussetzt), mithin nur im  bürgerlichen Zustande hervorgehen, der allein, was recht, was rechtlich und was Rechtens ist, bestimmt.“ (§16, 378)

Wilde können zwar Besitzer des Bodens nach dem Naturgesetz der äußeren Freiheit sein, aber eben keine Eigentümer. „Nur in einer bürgerlichen Verfassung kann etwas peremtorisch … erworben werden.“ Die Besitzerwerbung kann nur in einem bürgerlich verfassten Verfahren „aufgehoben“ werden. Kolonien ohne dieses Verfahren auf dem Besitztum jener Völker zu errichten, deren Nachbarn „wir“ nicht per Zufall, sondern aus eigenem feien Willen geworden sind und die in einem Naturzustand leben, sei Unrecht.

Doch – da gibt es eine Möglichkeit. Im Naturzustand können Kolonien „provisorisch“ nach dem Gesetz der äußeren Erwerbung“ des Bodens errichtet werden. Eine solche provisorische Erwerbung sei rechtsphilosophisch ein „Akt der Besitznehmung und Zueignung (!!), ob er gleich nur einseitig ist, als gültig anzuerkennen, mithin eine provisorische Erwerbung des Bodens, mit allen ihren rechtlichen Folgen, möglich.“ (§16, 378) Welch ein Vokabular! Kolonisation kann doch unter gewissen Bedingungen in Form von Zueignung geschehen. Kant führt in diesem Zusammenhang das Argument der „Unbestimmtheit“ an, also die Frage, wo sind etwa die Grenzen (Quantität) oder wie ist die Beschaffenheit des Bodens (Qualität) des „ersten Besitzes“ der Wilden?

Die Universalität dieser idealistischen und bürgerlichen Rechtslehre liegt in der spekulativen Verallgemeinerung einer historisch gegebenen Besonderheit, der bürgerlichen Gesellschaft, die zu einer guten, wahren und aus der Vernunft geborenen unwandelbaren Rechtskultur hochstilisiert wird. Die bürgerliche Gesellschaft in ihren ökonomischen, rechtspolitischen und politischen Strukturen wird zum Endzustand menschlicher Entwicklung erklärt. Der bürgerliche Humanismus baut auf einem egozentristischen Menschenbild auf. Im bürgerlichen Zustand seiner Existenz kommt der Einzelne seinem wahren Ich der Selbstbestimmung, der Losgelöstheit seiner eigentlichen geistigen Natur von den empirischen Bedingungen seiner Existenz am nächsten. Im Recht findet er seine Würde.

Die Konsequenz dieser liberalen Sicht ist die wertende Einteilung und Abstufung der Menschen, die im Naturzustand leben, und ihrer Kulturen. Die Begriffe Wilde, Rasse, Unfreie, Unmündige etc. entwerten nicht nur im Allgemeinen die Völkerschaften, Sippen und Kulturen, sondern auch jeden Einzelnen, der kein Bürger ist. Die bürgerliche Gesellschaft und ihre Strukturen stellt die Endphase humaner Entwicklung dar, in der das Ich sich, in Abgrenzung von anderen, selbstbestimmt leben kann.

„Die bürgerliche Ratio muss Universalität beanspruchen und zugleich zu deren Beschränkung entfalten. Wie im Tausch jeder das Seine bekommt und doch das soziale Unrecht sich ergibt, so ist auch die Reflexionsform der Tauschwirtschaft die herrschende Vernunft, gerecht, allgemein und doch partikularistisch, das Instrument des Privilegs der Gleichheit.“ (Horkheimer und Adorno, Dialektik der Aufklärung)        

In diesem Sinne ist der bürgerliche Liberalismus eine Ideologie mit Ewigkeitsanspruch aus Vernunftgründen.

Die bürgerliche Kultfigur hat in der philosophischen Ideologie verschiedene geistige Blüten im 19 und 20. Jahrhundert hervorgebracht. Besonders in der „Deutschen Ideologie“. Um Freiheit und Eigentum drehen sich auch hier die Gedankenwelten des isolierten Einzelnen im Selbstbezug.

Metaphysik der Sitten

Der vernünftige, Geist beseelte, daher autonom und frei handelnde Einzelne ist die Kultfigur des Bürgertums. Sie ist die Grundlage bürgerlicher Rechtsphilosophie und  bürgerlichen Privatrechts, das die Rechtsfigur der Person ins Zentrum stellt. Die Privatperson ist eine vom realen Menschen abstrahierende juristische Entität, der, für eine Marktwirtschaft notwenig, Gleichwertigkeit und Entscheidungsfreiheit zugesprochen wird.

Dem Menschen hinter dieser historisch gewordenen Kultfigur werden, philosophisch – anthropologisch betrachtet, von Natur aus sowohl ein Vernunftvermögen als auch ein Begehrungsvermögen zugesprochen. Beide Vermögen stehen im  Widerstreit: Der Grund dieses Widerstreits liege in der Zerrissenheit der menschlichen Natur. Aus der christlichen Tradition kommend, ist die eine Natur des Menschen eine wankelmütige, ja oft eine tierhafte, den materiellen Bedürfnissen der „Nahrung und des Schutzes“ (Kant) folgende, daher triebhafte; die andere Natur des Menschen hingegen sei genau das Gegenteil. Gerade der Geist des Menschen adle ihn und bestimme seine Würde (gegenüber anderen Lebewesen) und seinen Wert. Diese Hervorhebung vor der materiellen Natur, die ihn zum König derselben mache, beansprucht universale Geltung. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland lautet demgemäß der 1. Artikel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aus Erfahrung weiß ein jeder, auch in der bürgerlichen Gesellschaft, dass der Wert des Menschen tagtäglich „antastbar“ ist. Auch der im Artikel angesprochene Mensch ist nicht der reale einzelne Mensch, sondern ein Ideal vom Menschen.  

Immanuel Kant schreibt in seiner >Metaphysik der Sitten< :

„Der Geselle bei einem Kaufmann oder bei einem Handwerker; der Dienstbote (nicht der im Dienste des Staates steht); der Unmündige; alle Frauenzimmer, und überhaupt jedermann, der nicht nach eigenem Betrieb, sondern nach Verfügung anderer (außer der des Staates), genötigt ist, seine Existenz (Nahrung und Schutz) zu erhalten, entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit, und seine Existenz ist gleichsam nur Inhärenz.“ (433 Band 8 Werkausgabe suhrkamp 1968) Hier „anarten“ (Kant) nicht zwei „Menschenarten“, ein Ausdruck, den Kant in seiner Rassenlehre verwendet, sondern die Eigenschaft des unmündigen Einzelnen, der seine Vernunft nicht benutzt, die „Frauenzimmer“ oder abhängig Beschäftigten oder Sklaven etwa, „haftet an“ der „Substanz“, zu der sie gehört – dem Körperlichen. Am ethischen Wertmaßstab der Metaphysik der Sitten gemessen, sind jene Individuen nur „Handlanger“ (Kant), die „keine bürgerliche Selbständigkeit besitzen.“ (433) Das gilt für den „Schmied in Indien, der mit seinem Hammer, Amboß und Blasebalg in die Häuser geht“ , aber nicht für „den Tischler oder Schmied, der die Produkte aus dieser Arbeit als Ware öffentlich feil stellen kann.“ (433) Nicht der Handwerker, sondern die Marktperson, die ihr Produkt als Ware auf dem Markt anbietet, ist eine mündige, weil selbständige Bürger-Person, die Verträge abschließen kann. 

Der Begriff Existenz bedeutet für Kant noch materielles Dasein und  Lebensgrundlage. Im zwanzigsten Jahrhundert erfährt dieser Begriff eine extreme Veränderung. Im Existentialismus z.B. (siehe Heidegger oder Jaspers) entwickelt sich der Existenzbegriff erst aus dem Selbstbezug des Ichs. In diesem Selbstbezug „entfremdet“ sich das Ich des Einzelnen von seiner materiellen Natur, von seinen Mitmenschen und damit auch von der Gesellschaft. Die Existenz des Menschen bestehe in seiner vollkommenen Vereinzelung und Isoliertheit. Erst durch den Selbstbezug erfährt der einzelne seine Besonderheit, seinen Existenzgrund und seine „Eigentlichkeit.“ „Sein Menschsein erfährt das Ich, indem es sich nicht in der Masse der anderen verliert.“ (Jaspers) 

Heidegger bestreitet nicht, dass Anschauung und Verstand zusammengehören oder aufeinander angewiesen sind, aber die Erkenntnis des Seienden sei nur möglich, wenn es ein vor allem Empfangen von Eindrücken liegendes Erkennen des Seins gebe, eine „transzendentale Einbildungskraft.“

Kant formuliert Annahmen und sucht sie durch Argumente zu stützen, zum Beispiel die Annahme reiner Anschauungsformen von Raum und Zeit und kategorischen Denkformen, ohne die keine Gegenstandserkenntnis möglich sei. Heidegger hingegen meint, dass die Formen der Anschauungen sich „zeigen“ müssten, die Welt in der „Stimmung“ erschlossen werden müsste. Kant begründet, Heidegger begründet seine Meinung nicht, sondern trägt sie mit dem Anspruch vor, etwas auszudrücken, das sich von sich her – unabhängig von der Theorie „zeigt“. Gleichsam eine Onto-theo-logie, eine Metaphysik, die das Sein selbst im Dasein vergisst. 

In Kants idealistischer Philosophie ist das Wesen des Menschen schon vorab ausgemacht und definiert. Es besteht in seiner Vernunft bedingten Freiheit und deshalb in seiner Gleichheit. Nicht jeder ist eine bürgerliche Persönlichkeit, die von ihrer „freien Willkür“ (Kant) Gebrauch macht. Aus diesem Grund könne auch nicht jeder ein Stimmrecht beanspruchen. Im bürgerlichen Staat seien diese Menschen nur „Staatsgenossen“ (Kant). Sie können kein „aktives Teilhaberrecht“ besitzen. Sie seien nur ein „passiver Teil des Staates.“

Kant teilt die Rechtsverhältnisse  zwischen den Lebewesen grundsätzlich in vier Kategorien ein:

  1. 1.„Das rechtliche Verhältnis des Menschen zu Wesen, die weder Recht noch Pflicht haben.“ Vacat: „Denn das sind vernunftlose Wesen, die weder uns verbinden, noch welchen wir können verbunden werden.“  Das sind Tiere (oder gewisse Menschenarten, die nahe der Tierwelt eingeordnet werden – so genannte „Negervölker“. Siehe Rassenlehre)
  2. 2.„Das rechtliche Verhältnis des Menschen zu Wesen, die sowohl Recht als auch Pflicht haben.“ Zu dieser Kategorie zählt die bürgerliche Person des Eigentümers.
  3. 3.„Das rechtliche Verhältnis des Menschen zu Wesen, die lauter Pflichten und keine Rechte haben.“ Das sind die „Frauenzimmer“ (sprachlich kann man wohl Frauen nicht mehr zu Objekten machen), Dienstboten, Sklaven etc.
  4. 4.„Rechtliches Verhältnis zu einem Wesen, was lauter Rechte und keine Pflichten hat.“ Zum Beispiel Gott, „weil es kein Gegenstand möglicher Erfahrung ist.“ (349)               

Der liberale Rechtsstaat umfasst ergo Eigentümer, Selbständige und Beamte. Es ist ihr bürgerlicher Staat.  Die „Staatsgenossen“ (Genosse= „Nutzvieh auf der gleichen Weide“) grasen gleichsam auf der gleichen Staatsweide oder Staatsgebiet.

Solange Vertragsverhältnisse, d.h. die Marktwirtschaft nicht alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen hat, bleibt der liberale Rechtsstaat eine parlamentarische Demokratie der oben angegebenen Wahlrechtspersonen. Werden die politisch Unmündigen und abhängig Beschäftigten selbst zu Vertragspersonen, z.B. als Marktkonsumenten mit eigenem Einkommen, als Eigentümer ihrer Arbeitskraft, können sie ein Stimmrecht bekommen. Dann erweitert sich dieser Prototyp der liberalen Demokratie und des liberalen Rechtsstaates der Eigentümer durch ein ihm beigelegtes „Sittengesetz“ zu einem verfassungsgebundenem Staat mit individuellen Menschenrechten.  

Die aus der Reproduktion des täglichen Lebens und den Verkehrsverhältnissen zwischen den Menschen sowie der sie umgebenden materiellen Naturgegebenheiten entstandenen Bräuche waren erfahrungsgebundene Bräuche, die ihren Sinn für die Gemeinschaft durch ihre gemeinsame Identitätsstiftung, durch ihren Schutz gegen fremde und mystische Mächte (Dämonen)  und durch ihre Regelungen des Zusammenlebens erfuhren. Die Metaphysik der Sitten transzendiert dieses Brauchtum, indem Kant das Körper gebundene traditionelle Brauchtum durch so genannte  apriorische Vernunftkategorien ersetzt und überhöht. So ist das „Sittengesetz“ ein moralisches Vernunftgesetz a priori. Ein abstraktes Sittengesetz. Diese Transzendenz über das materiell Bedingte hinaus liege, so Kant, im Wesen des Menschen begründet. Demgemäß ist Freiheit ein „moralisches Prinzip“ (318). Sittengesetze „gebieten für jedermann, ohne Rücksicht auf seine Neigungen zu nehmen, bloß weil und sofern er frei ist und praktische Vernunft hat.“ (320) Die Einschränkung des „sofern“ schließt, wie oben dargestellt, bestimmte Teile des Staatsvolkes unter angegebenen Umständen aus den Rechtsverhältnissen aus. Sie besitzen keine „praktische Vernunft.“ Vernunft definiert Kant als ein geistiges Vermögen, das Handlungen und Verhalten einer kritischen Überprüfung nach Kategorien a priori unterziehen könne.

Freiheit sei ein „reiner Vernunftbegriff, (…), dem kein angemessenes Beispiel in irgendeiner möglichen Erfahrung gegeben werden kann, welcher … schlechterdings nicht für ein konstitutives, sondern lediglich als regulatives und zwar bloß negatives Prinzip der spekulativen Vernunft gelten kann, im praktischen Gebrauch derselben aber seine Realität durch praktische Grundsätze beweist, unabhängig von allen empirischen Bedingungen die Willkür in uns beweisen, in welchen der sittlichen Begriffe und Gesetze ihren Ursprung haben.“ (326f.)  

           Freiheit und Eigentum

        Die bürgerliche Rechtslehre: 

Im Kapitel >Die allgemeine Rechtslehre 1. Teil< aus der „Metaphysik der Sitten< behandelt Kant das Privatrecht vom „äußeren Mein und Dein überhaupt“, von dem hier die Rede sein soll.

Kant behandelt zuerst das Rechtsverhältnis zwischen dem Inhaber und einer Sache. Als Beispiel verwendet er den Gegenstand Apfel, mit dem der „Inhaber“ physisch verbunden ist, den er in der Hand hält. Der Apfel gehört keinem anderen. Da der Apfel keine Freiheit für sich beanspruchen könne, sei er der „Willkür“ des Inhabers unterworfen. Es ist „mein Apfel“. Mit Recht (iure)kann er jedem anderen, der ihm den Apfel entreißen will, widerstehen, da sich der Apfel in seinem „Privatbesitz“ befindet und er mit ihm machen kann, was er will.

Kant erweitert seine Rechtsbetrachtung in Hinblick auf das Verhältnis zwischen Gegenständen und einer Person, die diesen Gegenstand nicht inne hat (Inhaber ohne Inhabung) , zum Beispiel den Gegenstand Boden.

Da Boden (wie auch andere Gegenstände) keine Möglichkeit zur Freiheit besitze, sei er zwar „frei“ in dem Sinne, dass er keiner anderen Person gehöre. Der Boden ist „Herren-los“. Der Erdboden insgesamt befindet sich ursprünglich gleichsam in einem „angeborenem Gemeinbesitz“ (359). Erst wenn dieser (jungfräuliche) Erdboden besetzt oder erworben werde, „fundiert“ (= Grund nehmen) ihn eine Person, wie Kant formuliert. Der Boden geht in seinen Privatbesitz über. Der Maxime, sich „herrenlosen“ Boden anzueignen, entspreche auch „a priori einem allgemeinem Willen eines erlaubten Privatbesitzes“ (359), dem Rechtsverhältnis eines „Besitzes ohne Inhabung“.

Der herrenlose Erdboden ist deswegen nicht frei, weil er jemandem seinen Besitz nicht verweigern kann. „Die Freiheit des Bodens (würde) ein Verbot für jedermann sein, sich demselben zu bedienen; wozu ein gemeinsamer Besitz desselben erfordert wird, der ohne Vertrag nicht stattfinden kann.“ (359) Die Idee einer „ursprünglichen Gemeinschaft des Bodens“ sei zwar möglich, habe aber keinen Vertrag zur Voraussetzung, der von allen ihn in Anspruch Nehmenden unterzeichnet werden müsste. Nach einem solchen bürgerlichen Rechtsverständnis sind z.B. die realen „Jagdgründe“ indigener Stammesgesellschaften kein gemeinschaftlicher Boden, der von ihnen rechtlich beansprucht werden könne, da er zum einen herrenlos zum anderen vertragslos sei. Da passt die bürgerliche Rechtsphilosophie mit der Rassenlehre füglich zusammen. Menschenrecht ist Vernunftrecht und bestimmte Menschenarten sind unmündig, sprich unvernünftig.

Eine „uranfängliche Gemeinschaft des Bodens“ sei indes eine „Erdichtung“, weil „diese eine gestiftete Gemeinschaft hätte sein und aus einem Vertrage hervorgehen müssen, durch den alle auf den Privatbesitz Verzicht getan.“ (359/60) Eigentum oder Privatbesitz ist ein Menschenrecht.

Folglich kann die amerikanische Prärie oder die afrikanische Savanne auch kein Gemeinschaftseigentum der dort lebenden Völker oder Stämme sein, weil sie keine Verträge untereinander geschlossen haben und keine Privatpersonen sind, mit anderen Worten keine Gemeinschaft gestiftet haben und weil eine solche Gemeinschaft erst aus Privatbesitzern hätte hervorgegangen sein müssen. Insofern ist die gewaltsame Inbesitznahme dieser Gebiete durch die europäischen Invasoren rechtlich korrekt.

Bauer-Marx-Kontroverse

Sklavenarbeit gehörte zum Kulturgut agrarischer Gesellschaften und zu den Anfängen marktwirtschaftlich und kapitalistisch organisierten bürgerlichen Gesellschaften um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert. Der bürgerliche Liberalismus individueller Freiheiten als Vernunftrechte, als Sittengesetze der Vernunft, stand im eklatanten Widerspruch zur historischen Realität europäisch betriebener Sklavenarbeit und des Sklavenhandels. Diesen Widerspruch galt es ideologisch aufzulösen. Die englische Philosophie (J.Locke, D.Hume, A.Smith u.a.) hat zur Auflösung dieses Widerspruchs empirische Argumente angeführt. Zum Beispiel derart, dass die Menschen „primitiver“ Gesellschaften fremder Völker eben „Wilde“ und nicht dazu fähig seien, den Status einer Person anzunehmen, weil sie kein rationales Unternehmertum besäßen und demgemäß nicht die technologische, kulturelle oder wirtschaftliche Entwicklung weißer Europäer zustande gebracht hätten.

Die deutschen Philosophen hingegen waren, wie Marx in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie anmerkt, zwar „philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre historischen Zeitgenossen zu sein.“ Kants Rassenlehre in „weltbürgerlicher Absicht“ bemüht einen höchst fragwürdigen, weil philosophisch anthropologischen Begriff, der ursprünglich aus der Biologie stammt, den der Rasse. Rasse bezeichnet eine Menschenart mit unterschiedlichem „Wesen“ oder „Charakter“. Nach diesen Unterscheidungsmerkmalen werden die Menschenarten klassifiziert und bewertet. Kant spricht z.B. von „anarten“ , wenn sich Mitglieder unterschiedlicher Menschenarten miteinander mischen. Zwar seien alle Menschenarten körperlich gleich, aber beim „Anarten“ veränderten sich die Charaktermerkmale nicht. 

Als Unterscheidungsbegriff steht der Begriff „Art“ im Gegensatz zum allgemeinen Begriff „Mensch schlechthin als Einzelner“, dem universelle Freiheit zugesprochen wird. Bewertet wird die Art nach einem ethisch-moralischen Maßstab eines Universalismus, der die bedingungslose Freiheit des Einzelnen als Ideal der Menschheit annimmt.

Für die deutsche Philosophie waren es nicht die fremden Rassen fremder Völkerschaften, sondern eine Menschengruppe, die schon seit Jahrhunderten in der christlich – bürgerlichen Gesellschaft lebte: die Juden.    In der politischen Freiheitsbewegung des Vormärz wurde die „Judenfrage“ gestellt. Sind Juden ob ihres Judentums überhaupt zur politischen Emanzipation in einem einheitlichen demokratischen Deutschland fähig?

Der Hegelianer, protestantische Theologe und Antisemit BrunoBauer hat diese Frage in seiner 1843 erschienen Streitschrift „Die Judenfrage“ verneint. Marx wird ihm grundsätzlich widersprechen.

Der bürgerliche Antisemitismus ist aus dem gleichen Schoß gekrochen wie der bürgerliche Rassismus. Beide sind Rechtfertigungsideologien zum Zwecke des Ausschlusses bestimmter Gruppen vom allgemeinen Freiheitsversprechen des Liberalismus. Der philosophisch begründete Rassismus stellt eine ideologische Rechtfertigung für den Menschenhandel auf dem Sklavenmarkt vor dem historischen Hintergrund bürgerlicher Freiheitsechte dar. Denn das von Kant formulierte moralische Grundprinzip: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst“ (Metaphysik der Sitten), steht im krassen Widerspruch zum Sklavenhandel eines freien Unternehmertums. Obwohl Menschen können (schwarze) Sklaven keine Personen sein, weil sie einer anderen Menschenart angehören, die kulturell, geistig-sittlich oder ökonomisch nicht zu freien, selbstbestimmten Handeln fähig seinen.

Es lohnt sich aus philosophiegeschichtlicher und politischer Sicht einen näheren Blick auf die Bauer-Marx Kontroverse zu werfen, zumal noch heute Marx der Vorwurf gemacht wird, er sei Antisemit und Rassist gewesen.

Bruno Bauer fragt, ob Juden in der Lage seien, sich von ihrem Judentum zu trennen und sich zu emanzipieren. Können sie in das Reich rationaler, alle Menschen doch vereinende Vernunft und ihrer Freiheitsansprüche eintreten? 

In seiner 1834 erschienen Streitschrift “Die Judenfrage“ verneint er entschieden die Möglichkeit. Zwar könnte ein einzelner Jude aus seiner religiösen Gemeinschaft austreten, doch die Juden insgesamt nicht. Das liege an ihrem „Wesen“ oder „Charakter“. Wie argumentiert Bauer?

Jahrhunderte lang hätten Juden sich selbst vom Entwicklungsprozess von den Privilegien im christlichen Staat hin zur Freiheit des Einzelnen abgekoppelt und „abgesondert“. Sie weigerten sich den Weg der Aufklärung zu gehen, wie ihn z.B. die Protestanten gegangen seien. Auch in Notsituationen der bürgerlichen Gesellschaft seien Juden nicht zu Hilfe gekommen. Sie seien immer ihrem partikularen „Bedürfnis“ gefolgt. Ihr Judentum und der damit verbundene Kultus sei stets an das „Leibhaftige“ gebunden, habe nie dem freien Geist des Menschen gefrönt. Bauer verwendet nun die schon bekannten idealistischen Begriffe vom „Wesen“ und „Charakter“. Der Jude sei seinem Wesen nach nicht zur Freiheit des Einzelnen fähig. Freiheit sei kein „Geschenk der Natur“, keine „Mitgift der bisherigen Geschichte“, sondern der Preis des Kampfes. Dieser Kampf sei ein Resultat einer „Geistesbildung“. Freiheit müsse „erworben und verdient“ werden. 

Sowohl die rassistischen Gedanken Kants und Hegels als auch die antisemitischen Gedanken Bauers enthalten folgende ideologische Gemeinsamkeiten:

  1. Vernunft und Moral sind eng miteinander verknüpft.  Vernunft setzt Werte und Normen. Freiheit ist das höchste Gut. Sie stellt den Wert und die Würde des Menschen dar. Die Freiheit gilt vernünftigerweise für alle Menschen, aber nicht für jeden.
  1. Gruppen/Ethnien/Gemeinschaften, die nicht dieser Vernunft folgen, handeln unvernünftig und sondern sich von der Gemeinschaft der Einzelnen, von der bürgerlichen Gesellschaft ab.  
  2. Rassismus und Antisemitismus verallgemeinern. Sie schließen ganze Gruppen ideologisch aus der moralischen Gemeinschaft der Einzelnen aus. Sie werden entweder Primitive, Wilde oder Barbaren genannt
  3. Gründe für ihre Amoralität liegen in ihrem „Wesen“ oder „Charakter“  oder in ihrer Kultur.      

Auch für den Hegelianer und Christen Bruno Bauer ist Freiheit ein ethischer Begriff. Moralphilosophie produziert eine Begründung für eine normative Moral, die in einer Gesellschaft und in ihrem Staat herrschen soll. Sie trägt zur ideologischen Identität bei.

Marx entgegnet demgegenüber, das „Menschenrecht der Freiheit“ sei ein Freiheitsrecht der Einzelnen und kein Kollektivrecht (z.B. für aufgeklärte Protestanten oder Bürger). Es sei ein individuelles Recht. In der Auseinandersetzung mit Max Stirner weist Marx darauf hin, dass Individuen stets „von sich ausgegangen sind, aber da sie nicht einzig im dem Sinne waren, dass sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit), so mussten sie in Verhältnisse treten. Da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte, so war es eben das persönliche, individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen untereinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft.“ (Marx, MEW BD. 3, S.423) Resultat dieses Prozesses und Zustandes sei die „Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen, mit denen es in direktem oder indirektem Verkehr steht..“ (423) Das Individuum ist zwar per Definition einzeln, aber sein Bewusstsein und Handeln ist, wie Hume zu sagen pflegte, ein Sammelsurium seiner Erfahrungen und der Traditionen früherer Generationen, in der es lebt.

Die Überhöhung des Individuums als von Natur aus freie und vernünftige Kreatur, die einzigartig unter den Kreaturen sei, gehört zum bürgerlichen Mythos des Ichs. Stirner war einer dieser Vertreter eines solchen Mythos. Marx hat dessen Auffassung spöttisch als ein himmlisches „Neues Testament: Ich“ bezeichnet.

„Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was keinem anderen schadet.“ So Marx. Die Grenze werde durch Gesetze bestimmt. Dieses Recht auf Freiheit sieht ab vom realen sozioökonomischen Leben, in dem die Einzelnen leben. Ein solches Recht könne nur durch einen Staat garantiert werden, in dem Einzelne sich das Freiheitsrechts politisch angeeignet haben. Diesen Staat nennt Marx „politischen Staat“. Nach Bauers Argumentation ist dieser Staat ein Staat des Bürgertums und andere außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft lebende Gruppen müssten ihre Emanzipationsfähigkeit zur Freiheit ohne Privilegien nachweisen. Für Marx hingegen ist dieser politische Staat ein Staat der Staatsbürger, deren moralischen Vorstellungen bezüglich ihres Freiheitsstatus keine Rolle spielen können. Es handelt sich folglich um die Freiheit des Staatsbürgers als Einzelner, als Isolierter, als eine „auf sich zurückgezogene Monade.“ (364) Daher habe jeder einzelne Jude ein vom Staat garantiertes Recht auf den sozialen Status einer „Absonderung“. Im Gegensatz zu Bauer, der Absonderung im Sinne von eigenmächtiger Ausschließung versteht, versteht der junge Marx unter diesem Begriff der „Absonderung“ ein Recht auf Privatheit und Minderheit. 

Marx verlässt die Argumentationsebene ethischer resp. religiöser Provenienz. Das allgemeine Menschenrecht sei nicht das Resultat der Vernunftbildung, sondern ein Resultat historischer Entwicklung gesellschaftlicher Verkehrsverhältnisse. Daher sei es auch kein „natürliches“ Recht des Menschen und kein Naturrecht. Es sei ein politisches Recht. Dieses politische Recht beruht ideologisch auf einem angenommenen „freiwilligen“ Vertragsverhältnis einzelner Personen. Die politische Philosophie der Aufklärung sprach von Gesellschaftsverträgen. Historisch indes war es das Bürgertum, das sich dieses politische Recht erkämpfte oder erkämpfen ließ. In diesen Freiheitsrechten spielen so genannte strukturelle Sachzwänge keine Rolle.

Die allgemeinen Freiheitsrechte der Einzelnen werden im „politischen Staat“ per Verfassung garantiert und sind Grundrechte der Staatsbürger (citoyen). Rechtsgleichheit bedeutet Freiheit für jeden im gleichen Maße.

Die Frage nach der Emanzipationsfähigkeit der Juden.

Die so von Bauer gestellte Frage offenbart Brunos Verständnis, was er unter Emanzipation versteht. Emanzipation ist für ihn eine Befreiung von den Fesseln, die der Vernunft auferlegt worden sind. Emanzipation sei ein Bewusstseins- und Bildungsprozess.

Marx nimmt dieses so von Bauer formulierte Problem auf und fragt, worin das Problem zwischen dem wirklichen Juden und ihrer Lebensweise und der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft von der des Ancien Regimes liege. Für Bauer spielt die „Leibhaftigkeit“, die Befriedigung der „Bedürfnisse“ im Leben eines Juden die entscheidende Rolle. Dies sei ein wesentlicher Faktor, weswegen man den Juden die Fähigkeit zur Emanzipation in einen einheitlichen und demokratischen Staat der Bürger absprechen müsse. Sie seien nicht vom Hegelianischen Weltgeist in einem bürgerlichen Staat inspiriert und beharrten auf ihre selbstverschuldete Absonderung in der Gesellschaft. Sie beharrten auf ihren „Eigennutz“ und Egoismus.

Marx entgegnet lapidar: „Betrachten wir den wirklichen Juden“ in seinem Alltag, nicht den religiösen. Das praktische Bedürfnis des Juden sei der „Eigennutz“, sein Streben nach „Schacher“ (nach Geschäftemacherei mit unlauterem Verhalten) und nach Geld. Sie zeigten, dass sich der Jude in der bürgerlichen Welt schon emanzipiert habe. „Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind. (MEW Bd.1, 373)

Der zu dieser Zeit 25jährige Marx verwendet in seinem Text „Zur Judenfrage“ zweifelsohne aus heutiger Sicht zum Teil diskriminierende und generalisierende Formulierungen, wenn er vom „weltlichen Grund des Juden“ und vom „Kultus des Juden“ spricht, ohne die Realität der Juden seiner Zeit zu sehen, die zum großen Teil weder Geldhändler waren noch Schacher betrieben haben, sondern zumeist auf dem Land in ökonomisch prekären Verhältnissen lebten. 

Im Unterschied zu Bauer schreibt Marx: „Das praktische Bedürfnis, der Egoismus, ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat vollständig aus sich heraus geboren. Der Gott des praktischen Bedürfnisses und des Eigennutzes ist das Geld.“ (379) Der politische Staat bedürfe nicht der Religion wie der „christliche Staat“. „Das Privilegium des Glaubens ist ein allgemeines Menschenrecht.“ (362)

Was den politischen Staat zu einem vollständig bürgerlichen Staat macht und was die bürgerliche Gesellschaft politisch benötigt, ist die rechtliche Anerkennung des Privateigentums.

Immanuel Kant leitet dieses Privateigentum in seiner Rechtslehre aus dem Freiheitsbegriff her. Davon ausführlich im nächsten Blog. 

Der Meta-Mythos von der Freiheit des Einzelnen

             

Autoren von Abstammungs- und Schöpfungsmythen kennt man nicht. Ihre Namen sind im Strom der davon Erzählenden verloren gegangen. Diese Mythen erzählen von den Urgründen der menschlichen Herkunft und von der normativen Weltsicht und ihren Anfängen. Ihre Bewahrer, hoch angesehene Leute, waren zumeist „Priester“, d.h. Vorsteher der Gemeinschaft. Sie verkündeten nicht nur, sondern fügten auch etwas hinzu oder veränderten die Erzählung. Die Mythen berichten von metaphysischen Mächten, die sich hinter oder in den Körpern verbergen, von Dämonen mit übersinnlichen Kräften. Erst in der europäischen Antike sind uns Namen schriftlich bekannt. Es sind Philosophen. Auch die apostolischen Referenten sind uns mit Namen überliefert.

Die Autoren des modernen, aufklärerischen Meta – Mythos der persönlichen Freiheit stammen aus Europa und sind bekannt. Der Kern ihrer rational begründeten Erzählung ist bei allen der gleiche: Die Freiheit des Ichs. Um den Einzelnen und seines „Einzeln Seins“ (Rüdiger Safranski) dreht sich die Mythologie der Aufklärung. Sie klärt auf, warum die alten Mythen aus einer dunklen Zeit stammen. Sie haben die Einzigartigkeit des menschlichen Individuums, seines Geistes und seines freien Willens nicht erkannt. Ein Mega-Mythos ist die Erzählung auch deshalb, weil der Einzelne und sein Sein zugleich Autor und Gegenstand seiner selbst ist. Der Mythos von der menschlichen Freiheit enthält, wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung geschrieben haben, zwei gegensätzliche Parameter: Partikularität und Allgemeinheit. Diese Allgemeinheit beinhaltet indes mythische Elemente.

  1. 1.Das Ich des Individuums ist sein Sein. (cogito ergo sum) Das Ich ist geistiger Natur und scheidet den Menschen von der materiellen Natur. Seine geistige (zweite) Natur hebt ihn in seiner Würde  und Wertigkeit von anderen Lebewesen hervor.
  2. 2.Dieser Einzelne ist von Natur aus frei, weil sein Wesen geistiger Natur sei, die ihn zu einem selbstbestimmenden Menschen befähige. (Geist-Körper-Postulat)
  3. 3.Diese geistige Natur des Menschen sei unveräußerlich und bedingungslos.

Neurowissenschaftler berichten, dass sie bisher noch kein solches „Ich“ im Gehirn gefunden haben. Ein solches, wie oben beschriebenes Mysterium werden sie höchstwahrscheinlich per definitionem auch nicht finden. Sie berichten auch, dass das geistige Vermögen des Menschen ohne die materielle Substanz des Gehirns nicht möglich sei. Nur viele Moralphilosophen von heute haben sich gegen diese naturwissenschaftlichen Aussagen vehement verwahrt. Außerdem könne man, so  Naturwissenschaftler, auch bei Tieren ein geistiges Vermögen nachweisen, das rationale Entscheidungen treffen kann. (vgl. Ludwig Huber, Das rationale Tier, Eine kognitionsbiologische Spurensuche, Suhrkamp 2021)

Die französische Verfassung von 1793 versichert dem Einzelnen (l`homme) und der Person des Staatsbürgers (citoyen) Grundrechte: Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und Eigentum (propriété). Diese Rechte seien unveräußerlich, unantastbar und gelten daher universell, weil sie „natürliche“ Rechte (les droits naturels) und „impresciptible“ (unantastbar) seien. Im Artikel 6 der Verfassung heißt es: „Freiheit ist ein Recht des Menschen, alles tun zu dürfen, was den Rechten eines anderen nicht schadet.“ Das Recht der Freiheit ist demnach kein Privileg. Die Freiheit des Einzelnen ist eine Freiheit zur Absonderung (Karl Marx, in „Zur Judenfrage“) gegenüber anderen, dem Staatszwang und privatem Zwang. Freiheit ist in diesem Bezug ein politisches Recht: politische Freiheit. Dieses politische Freiheitsrecht betrifft die Person des Staatsbürgers (citoyen). Der Begriff der  politischen Freiheit ist ein empirischer, weil er alle Staatsbürger umfasst. Wer Staatsbürger ist, setzt das Gesetz fest.  

Universalistisch wird der Begriff, wenn Freiheit dem Menschen (l´homme) als Einzelner, also dem Menschen schlechthin, ohne Staatsbürger zu sein, grundsätzlich zugeschrieben wird. Die politische Freiheit des Einzelnen als Person in einem Staatsgebiet unterscheidet sich von der universellen Freiheit des einzelnen Ichs. Werden beide Freiheitsvorstellungen miteinander identisch gesetzt und zur offiziellen Außenpolitik erklärt, dann wird eine solche „wertorientierte Außenpolitik der bürgerlichen Freiheit“ missionarisch und zu einer ideologischen Waffe zur Unterscheidung von „guten“ und „bösen“ Staaten, und der Unterscheidung von „guten und gerechten Kriegen“ und „barbarischen Kriegen.“

Jahrhunderte christlicher Herrschaft in der Welt geben Zeugnis von diesem Wahnsinn.

Universalismus ist eine Terminus der Moralphilosophie. Er beansprucht die Geltung einer moralischen Orientierung, die nicht durch die Ableitung auf bestimmte Personen, Kulturen oder Traditionen beschränkten Wertungen beruht, sondern ihren Grund in einer vernünftigen praktischen Gemeinschaft aller Betroffenen hat. „So verstandene moralische (oder ethische) Universalität bezieht sich nicht auf eine (deskriptiv oder pragmatisch verstandene) empirische Allgemeinheit zustimmenden Handelns der Beteiligten, sondern unterstellt partiell immer kontrafaktisch, den gemeinsamen Willen, einander handelnd nicht lediglich als Mittel zu den eigenen partikularen Zwecken zu betrachten.“  

Universalismus verbirgt partikulare Interessen hinter der Kulisse eines so genannten „allgemeinen Willens“ (sc. J.J.Rousseau)- oder umgekehrt: Partikulare Interessen werden mit einem Universalismus versehen. Partikularität und universelle Allgemeinheit stehen in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander. 

So hat z.B. die städtische Elite des Bürgertums zur Durchsetzung ihrer ökonomischen Macht und ihrer rechtspolitischen Absicherung in einem „politischen Staat“, der sich von einem Privilegien sichernden „christlichen Staat“ unterscheidet, alle nicht Privilegierten zur „politischen Emanzipation“ gegen das Ancien Regime mit der moralischen Losung „Fraternität“ zum Kampf aufgerufen, um die Menschenrechte durchzusetzen: Egalité im Sinne der Rechtsgleichheit, surêté im Sinne des Erhalts des Eigentums und selbstredend propriété, das Eigentum. Am Ende der Großen Französischen Revolution war der „politische Staat“ erkämpft. Er war ein bürgerlicher Staat im sozialen Sinne, in dem die Sansculotten, Frauen, Sklaven, Juden, Arbeiter, die ihre Menschenrechte sogar durch eine „Schreckensherrschaft“ in diesem neuen Staat durchsetzen wollten, ohne „politische Emanzipation“ dastanden.

Der einzelne reale Mensch in seiner gesellschaftlichen Abhängigkeit und natürlichen Bedingtheit wird in der Figur der Person erst frei. Sie ist eine moralisch-ethische Abstraktion, die als Rechtsfigur Voraussetzung für Vertragsverhältnisse ist. Die Person unterscheidet sich vom realen Menschen fundamental. Mit dieser, aus dem Schauspiel herkommenden Maske der Person wird dem Einzelnen ein rechtspolitischer und sozialer Status verliehen, mit dem er Vertragsverhältnisse eingehen kann, deren Drehbuch Institutionen wie der Markt und das Geld sowie Gesetze schreiben.

Die liberale Ideologie schreibt der Person einen freien Willen zu, der sie zu rationalen Entscheidungen befähige. Dass diese Freiheit auch von dem Vermögen, diese zu treffen, bedingt ist, davon sprechen die liberalen Modelle von einer Marktwirtschaft und von der kapitalistischen Produktionsweise nicht. Die Person des vereinzelten Ichs ist stets verstrickt in politische, ökonomische, soziale Verhältnisse der jeweiligen Gesellschaft, in der sie lebt. Der Mythos vom vereinzelten freien Ich sieht davon ab. Der Ritt des einsamen„Marlboro- Man“ in den „freien Westen“ symbolisiert diese Figur.

Der Vertrag ist das rechtspolitische Zentrum bürgerlicher Verkehrsverhältnisse. Er ersetzt den personalen und rechtlosen staatlichen Zwang. Die Figur der freien Person, auf den die Menschenrechte des Einzelnen beruhen, stellt den kulturhistorischen Nukleus des Meta-Mythos des freien Westens dar. Die einzelne Person ist sich selbst Zweck. Mit Kant lässt sich ihr moralisches Grundprinzip definieren: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst.“ Wer Kants transzendentale Rassenlehre in „weltbürgerlicher Absicht“ unter empirischen Bedingungen liest, erfährt, wie ethischer Universalismus und historisch bedingte Realität in einem grundsätzlichen Widerspruch stehen. Es war nicht nur der so genannte Zeitgeist, der vielen Ethikern und Philosophen der europäischen Aufklärung zu der Auffassung verhalf, dass afrikanische Sklaven eben doch keine freien Personen seien können und es aus verschiedenen biologischen, kulturellen Gründen auch nicht seien werden.

In extremer Form tritt der moderne Liberalismus unter der Bezeichnung Objektivismus im 20. Jahrhundert zuerst in den USA auf. Das „Einzeln Sein“ wird zur objektiven Daseinsform erklärt. Die Ikone dieser Philosophie ist Ayn Rand (1905-1982), eine russische Emigrantin mit Namen Alisa Sinowjewna Rosenbaum. Ausgehend von einem radikalen Individualismus, entwickelt sie eine ebenso radikale Ethik des Egoismus. „Das Erreichen des Glücks ist der einzige moralische Zweck deines Lebens, und das zu erreichen – dieses Glück – nicht Schmerz oder geistlose Selbstaufgabe, ist der Beweis deiner moralischen Vollständigkeit.“ So schwört Rand „bei meinem Leben“ und bei „meiner Liebe zum Leben: Ich werde nie für andere Leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben.“ Jene >Objektivisten< – die sich deshalb so nennen, weil allein das Ich die Welt konstruiert (auch der kognitive Konstruktivismus übernimmt diese Position) und deren philosophische Vorbilder unter anderem: John Locke, Adam Smith, J.Bentham, John Stuart Mill oder Nietzsche – sind der Auffassung, das Menschenrecht beziehe sich allein auf die einzelne Person. Es sei kein kollektives Recht, beziehe sich nicht auf alle Menschen, sondern auf den Einzelnen und sei ihm von Natur aus gegeben. Ein Menschenrecht, das auf einem Egalitarismus beruhe, verdrehe das Menschenrecht als Individualrecht. Dieser Logik folgend, verstehen sich die Objektivsten auch als „radikale Kapitalisten“ (A.Rand). „Geld ist das Barometer der Tugendhaftigkeit (vertue) einer Gesellschaft. Wenn Sie sehen, dass Geschäfte nicht mehr freiwillig abgeschlossen werden, sondern unter Zwang, dass man, um produzieren zu können, die Genehmigung von Leuten braucht, die nichts produzieren, dass das Geld denen zufließt, die nicht mit Gütern, sondern mit Vergünstigungen handeln, dass Menschen durch Bestechung und Beziehungen reich werden, sondern diese Leute vor Ihnen belohnt werden, dass Korruption belohnt und Ehrlichkeit bestraft wird, dann wissen sie, dass Ihre Gesellschaft vor dem Untergange steht.“ Beziehungen sollten auf beiderseitiger Freiwilligkeit und auf Verträgen beruhen. Das Staatsmonopol solle nur in Fällen der Kriminalität eingesetzt werden. Anhänger dieser Liberalität sind der Auffassung, es gebe keine Gesellschaft.

Trotz alledem findet dieser Meta-Mythos von der Freiheit seine Grenze im Menschen selbst. Die Universalität bürgerlicher Ratio findet, wie Adorno und Horkheimer schreiben, in der Partikularität ihr Grenze. „Denn die bürgerliche Ratio muss Universalität beanspruchen und zugleich zu deren Beschränkung entfalten. Wie im Tausch jeder das Seine bekommt und doch das soziale Unrecht sich dabei ergibt, so ist auch die Reflexionsform der Tauschwirtschaft, die herrschende Vernunft, gerecht, allgemein und doch partikularistisch, das Instrument des Privilegs in der Gleichheit.“ (Dialektik der Aufklärung, Querido Verlag Amsterdam 1947, S.248) Die Autoren weisen darauf hin, dass der Faschismus das Partikulare offen vertritt und damit die Ratio enthülle, „die zu Unrecht auf ihre Allgemeinheit pocht, als selbst begrenzt.“ (248) Die Aufschriften an den Höllentoren der Vernichtungslager >Jedem das Seine< oder >Arbeit macht frei< nehmen die Universalität des Einzelnen beim Wort. Diese spöttische Perversionen des universalen Freiheitsversprechens ähneln der liberalen Losung >Jeder ist seines Glückes Schmied“. 

Findet der Einzelne sein Glück nicht, so liegt es an ihm und die Gründe dafür sind vielfältig. Zbigniew Brzezinski z.B. führt in seinem Buch >Macht und Moral< (Neue Werte für die Weltpolitik, Hoffmann und Campe 1994)das Glücksmisslingen auf den „permissiven Überfluss des Lebensstils im Westen“ zurück. So sei die „Konsumgier und der Wunsch, am Selbst zu basteln, nur selten durch Selbstbeschränkung gezügelt worden.“ (Macht und Moral) Materialistische Konsumgier macht nicht frei, weil sie dem Bedürfnis frönt. Dadurch könnte die „globale Bedeutung der politischen Botschaft des Westens aufgehoben werden.“ So fördere die „individuelle Lustbefriedigung ein Klima der Unmoral.“ Die Macht des Einzelnen sei an die Moral der Selbstbestimmung gebunden und nur durch sie erreichbar. Die liberale Demokratie ermögliche die personale Selbstbestimmung durch die Kodifizierung individueller Menschenrechte. Diese Demokratie stürbe auch dadurch, wenn die Moral an Macht verliere.

Rüdiger Safranski hat in seinem Buch (>Einzeln Sein, Eine philosophische Herausforderung, Hansa Verlag, 2021<) darauf hingewiesen, dass der Prozess der Individualisierung seit der Renaissance ein gesellschaftlicher Prozess gewesen ist und nicht aus der Feder der Philosophen stammt. „Sie steht nicht im Gegensatz zur Gesellschaft, sondern ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Differenzierung, die es dem Einzelnen erlaubt, sich für bedeutungsvoll zu halten.“ (12) Auf dieser Haltung beruht die moralische Hybris des freiheitsgetriebenen Bürgers und sein erdachter Mythos. „Gerade die Entwicklung der Geldwirtschaft habe“, so Safranski, „zur Wirkung beigetragen, dass jene Menschen, die auf dem Lande, herausgelöst aus dem feudalen Verband, zu individuellen Pächtern und in den Städten, entbunden vom Zunftzwang, zu sogenannten freien Arbeitern werden. Auch das bedeutet Individualisierung, nämlich den ökonomischen Herren nun mehr als Vereinzelte gegenübertreten zu müssen.“ (15)

Dieser Meta – Mythos der Freiheit hat in den Jahrzehnten nach der Aufklärung eine globale und zugleich seine zerstörerische Wirkung gezeigt. Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewusstsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, „bis auf kleine Fältchen.“ (Adorneo/Horkheimer 249)    

Eine Rassenlehre in „weltbürgerlicher Absicht“

Wie viele europäische Aufklärer sahen sich die Großdenker der deutschen Philosophie und Freiheit, Kant und Hegel, mit den Menschen aus der „neuen“ Welt, den indigenen Völkern und denen aus Afrika konfrontiert, die als Menschenware verwendet oder von ihrem angestammten Land vertrieben oder ermordet worden sind. Was für Menschen sind das?

Kant – der kann’s erklären:

Kant hat zwei Schriften zu einer philosophischen Anthropologie geschrieben, in denen er eine Begriffsbestimmung der Menschenrasse vornimmt, die zweite  Schrift handelt „Von den verschiedenen Menschenrassen.“ Theoretische Grundlage für diese Traktate sind die Schriften „Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie“ (Bd. IX.) und „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“ (1786). Im Jahre 1800 verfasste er eine „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, in der er unter dem Titel „Vom Charakter des Volkes, der Rasse, der Gattung“ die, aus seiner Sicht,  grundlegenden Kriterien seiner Anthropologie darlegt.

Nach Kant ist die „Metaphysik der Natur“ Bedingung und Voraussetzung einer Naturwissenschaft, denn sie definiere a priori bestimmte Begriffe, die für das Verständnis der Natur unabdingbar seien. Denn „Gesetze, d.i. Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum Dasein eines Dings gehört, beschäftigen sich mit einem Begriffe, der sich nicht konstruieren lässt, weil das Dasein in keiner Anschauung a priori dargestellt werden kann.“ Die metaphysischen Anfangsgründe der Materie, Gegenstand der Naturwissenschaft, seien: 1. die Bewegung als ein reines Quantum (Phoronomie); 2. die Qualität der Materie unter dem Namen einer „ursprünglichen Kraft“ (Dynamik); 3. die Relation der sich bewegenden Materie gegeneinander (Mechanik) und 4. in Bezug auf die Vorstellungsart, wie die Materie sich bewegt oder sich in Ruhe befindet, „mithin als Erscheinung äußerer Sinne“ (Phänomenologie). Die Metaphysik der Naturwissenschaft, in deren Rahmen er auch die Anthropologie ansiedelt, fragt zudem auch nach dem Zweck, „den man mit der Wissenschaft selbst zum anderen Gebrauch vor Augen hat.“ (22) Dieser Zweck liege über „alle Grenzen der Erfahrung“ (über Beobachtung, Experiment, und Anwendung der Mathematik auf äußere Erscheinung) darin, zur Erkenntnis „von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu gelangen.“(23) Freiheit als die höchste Form menschlicher Selbstbestimmtheit ohne Abhängigkeit von äußeren Gegebenheiten, in der sich die Würde oder der Wert des Menschen zeige und die die Menschengattung bestimme, ist der metaphysische Zweck und zugleich der Maßstab für das menschliche Dasein.

In diesem theoretischen Rahmen behandelt Kant die „Rassenfrage“.

Während Hegel die Rassen nach dem Grade des Freiheitsbewusstseins unterscheidet und einteilt, versucht Kant eine „Rassentheorie“ im Rahmen eines Systems der Naturphilosophie zu behandeln.

In der Schrift „Bestimmung des Begriffs Menschenrasse“, versucht Kant mit Hilfe apriorisch gewonnener Begriffe der reinen Vernunft den Begriffe >Rasse< zu bestimmen. (Bd.XI, S.65) Anlass dazu sind die „neuen Reisen“ der Kolonialisten, wie sich Kant in euphemistischer Art und Weise auszudrücken pflegt, die die „Mannigfaltigkeit der Menschengattung“ offensichtlich mache. Eine zentrale Bedeutung kommt dem apriorischen Prinzip der Zweckmäßigkeit zu. Zwar räumt Kant diesem Prinzip der Urteilskraft hinsichtlich seines Untersuchungsgegenstandes eine zweifelhafte Rolle ein, aber dieses Prinzip habe „eine gerade Beziehung auf Vernunft“ und damit auf die Freiheit, die den eigentlichen Wert oder die Würde des Menschen ausmache. Zwar könne der Mensch die Zwecke der Natur priori nicht einsehen, aber „dass es darin eine Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen geben müsse. Folglich ist der Gebrauch des teleologischen Prinzips in Anschauung der Natur jederzeit empirisch bedingt.“ Um das Vorhaben einer Anthropologie im Rahmen einer „Naturwissenschaft“ (siehe das Traktat: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“) philosophisch, d.h. mit Begriffen der reinen Vernunft verstandesgemäß angehen zu können, um somit „Gesetzmäßigkeit“ in der Natur der Menschengattung postulieren zu können, muss Kant die Empirie zugrunde legen.

Die Hautfarbe der Menschen sei phänomenologisch ein äußeres Unterscheidungsmerkmal und auch den klimatischen Bedingungen ihrer Herkunftsländer geschuldet. Sie diene auch als Klassifizierungsmerkmal der Menschengattung. Ihr zugrunde liege der verschiedenartige Charakter der Rassen, der auf ihre Lebensverhältnisse zurückzuführen sei. Der Begriff Charakter bedeute nicht, „eine besondere Spezies daraus zu machen, weil diese auch eine besondere Abstammung bedeuten könne, welche wir unter dem Namen Rasse nicht verstanden wissen wollen.“ (Bestimmung der Menschenrasse,Bd.XI.S.65) Menschen entstammen einer einzigen Gattung. Hinsichtlich der Hautfarbe teilt Kant die Menschengattung in 4 Klassen auf. Die Stammgattung, m.a.W. der Ursprung der Menschengattung oder genauer gesagt der „idealen“ von der Natur selbst geschaffenen Menschengattung, bildet die „weiße Rasse von brünetter Farbe“. Die erste Rasse bilden die „Hochblonde von feuchter Kälte“ (Nord Europa); die 2. Rasse „kupferrote von trockener Kälte“ (Amerika); die 3. Rasse „Schwarze von feuchter Hitze“, die 4.Rasse Olivengelbe (Indianer) von trockener Hitze“ In dieser Klassifizierung bilden Neger und Weiße die Grundrassen. (Von den verschiedenen Rassen der Menschen,Bd.IX. 28) Offensichtlich macht Kant in dieser Klassifizierung und Benennung seiner Rassentheorie einen kleinen aber bemerkenswerten Unterschied: Die Europäer sind keine besondere Rasse, sondern kommen der Stammgattung der Menschheit am ehesten nahe.

Da der physisch „erste Ursprung“ der Menschengattung für die reine Vernunft wie auch der Anfang der „Vermischung der Rassen“ unergründlich bleibe („halbschlächtiges Anarten“), kommt Kant zu der Auffassung, dass sich die der ursprünglichen Menschengattung angehörigen Menschen „gleich anfangs getrennt und in Stämmen isoliert“ haben.

Wie kann es aber dann sein, dass die vier Hautfarben unter allen „anerbenden“ die einzigen sind,“die unausbleiblich anarten“ (73), fragt Kant. Er führt die Ursache darauf zurück, dass „sie in den Keimen des uns unbekannten ursprünglichen Stammes der Menschengattung, und zwar als solche Naturanlagen, gelegen haben müssen, die zur Erhaltung der Gattung, wenigstens in der ersten Epoche der Fortpflanzung, notwendig gehörten..“ (73) Er nimmt an:“dass es einmal verschiedene Stämme von Menschen  gegeben habe, ohngefähr in den Wohnsitzen, worin wir sie jetzt antreffen, die, damit sich die Gattung erhielte, von der Natur ihren verschiedenen Weltstrichen genau gemessen, mithin auch verschiedentlich organisiert waren; wovon die viererlei Hautfarbe das äußere Kennzeichen ist.“ (73) Die Natur habe „einem jeden Stamm seinen Charakter ursprünglich in Beziehung  auf sein Klima und zur Angemessenheit mit demselben gegeben.“ (73f.) So haben Schwarze, die in nördliche Gegenden gekommen seien, „niemals in ihrer Nachkommenschaft zu ansässigen Landbauern oder Handarbeitern tauglichen Schlag abgeben wollen.“ (Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie, Bd.XI. 187) Negersklaven als „freie Arbeiter“ zu gebrauchen, dafür gäbe es sowohl in England als auch in den USA keine Beispiele, „dass irgendeiner Geschäfte treibe, was man eigentlich Arbeit nennen kann.“ Auch zu einem „leichten Handwerk“ seien sie nicht in der Lage, „welches sie vormals als Sklaven zu treiben gezwungen waren.“ Sie haben es aufgegeben, wenn sie in Freiheit gekommen sind, um dafür „Höker, elende Gastwirte, Liverei-Bediente, auf den Fischzug oder Jagd ausgehende, mit einem Worte Umtreiber zu werden.“ (157) Die Charaktere der Stämme ließen sich nicht ändern. Charaktere sind erblich. Gleiches finde man auch bei aus Indien stammenden „Zigeunern“, wenn sie lieber „in den ärgsten Winternächten in den kalten Eingängen der Theater (in England) hinter dem Wagen ihrer Herrschaften warten“ als beim Dreschen, Graben, Lastentragen zu helfen. Auch bei Negern sei zu beobachten, dass es ihnen an „Emsigkeit“ fehle. Sie hielten nur das für zweckmäßig, was sie in ihrem Mutterlands Afrika zu „ihrer Erhaltung bedurften und von der Natur empfangen hatten, und dass diese innere Anlage ebenso wenig erlösche, als die äußere sichtbare.“ (158)

Rassenunterschiede sind also nicht nur biologisch äußerlich bestimmbar und klimatisch geographisch erklärbar, sondern gleichfalls vererbbar: Neger arbeiten nur so viel, wie es für sie „zweckmäßig“ ist, um ihr Leben zu erhalten und zu der „eigentlichen Arbeit“, die Verstand oder Vernunft erfordert, um „Geschäfte“ zu machen, sind sie von Natur nicht in der Lage. Es fehle ihnen auch Tugenden wie die der „Emsigkeit“. Sie sind faul und träge.

Es sind die Europäer, die die Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, wo auch immer, gestalten und zum Endzweck, der menschlichen Freiheit, zur Würde des Menschen, gelangen können und sich auf individuelle  Menschenrechte , die ihnen von Natur aus zukommen, berufen können. 

Hegel, der Freiheitsphilosoph und Großmeister eines „objektivierten“ Liberalismus, reflektiert in seinen >Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte< , die er in den Jahren 1822/23 bis zum Wintersemester 1830/31 in einem zweijährigen Turnus gehalten hat, über die Weltgeschichte , die durch den Hauch des Geistes bestimmt werde. Der Geist – in seiner absoluten Form, unabhängig von dem der individuellen Subjekte – „bestimme die Weltgeschichte“ und sei ihr vorwärtstreibendes Agens.

Der Aufbau der Vorlesungsreihe:

Zu Beginn bestimmt Hegel „die abstrakten Bestimmungen der Natur des Geistes“ , dann die „Mittel der Realisierung einer Idee“, dann die „Gestalt dieser Realisierung“ , die sich im politischen Rechtsstaat äußert –

bevor Hegel auf die „geographische Grundlage der Weltgeschichte“ des Geistes zu sprechen kommt. In der >Rechtsphilosophie< Hegels, die hier nicht besprochen werden kann, konkretisiert sich der absolute Geiste  in der Realität des Staates.

Hegel zergliedert den Begriff Weltgeschichte und definiert die Begriffe „Geschichte“ und „Welt“. Geschichte gehe immer auf „geistigem Boden“ vor. „Der Geist und der Verlauf seiner Entwicklung ist das Substantielle.“ (S.29, Suhrkamp Verlag, Bd. 12 der Gesamtausgabe Hegels Schriften) Der Begriff Welt begreife die „physische und psychische Natur in sich“ in ihrem „Verhältnis zum Geist.“ Natur an sich (Materie) werde hier „nicht betrachtet.“ Die Substanz der Natur, das ihr zugrunde Liegende, sei die „Schwere“. Die Substanz des Geistes sei hingegen die Freiheit. „Freiheit ist das einzig Wahrhafte des Geistes.“ Die Materie der Natur habe ihre Einheit „außer sich“, während der Geist die Einheit in sich gefunden habe. „Geist ist das Bei-sich-selbst-sein.“ Darin liege eben seine Freiheit begründet, denn Abhängigkeit von einem Anderen und auf ein Anderes bestimme die materielle Natur. „Frei bin ich, wenn ich bei mir bin.“ (30)

Hegel erläutert hier begrifflich die in der europäischen Philosophie und die auf ihr beruhenden Wissenschaften durchdachte Trennung von Geist und Materie, Seele und Leib etc. Die Philosophie der Aufklärung beruht auf dieser Trennung und verfeinert diese entsprechend der historischen Gegebenheiten. Hegel begreift die Weltgeschichte grundsätzlich ideologisch. Wie alle Begriffe Abstraktionen, aber nicht alle Abstraktionen ideologisch sind, so ist der Begriff Freiheit eine zur Ideologie geformte Abstraktion, ein Ideal. Aus der Sicht der Kognitionstheorie sind Ideen  Resultate von Gedanken, die ihrerseits Resultate eines Denkvorgangs, eines „materiellen und geistigen“ Vermögens, sind, das nicht nur Menschen auch manchen Säugetieren eigen ist. Der Kniff der idealistischen Philosophie besteht darin, dass das kognitive und individuelle Verständnis des Gedankenvorgangs ( Reizwahrnehmung – Kategoriesierungsfähigkeit- Analogbildung- symbolische Repräsentation, die es ermöglicht, Objekte und Ereignisse auf unzählige Arten zu gruppieren- Begriffsbildung mit Hilfe von Sprache – Ideen) durch ein Verständnis im abstrakten und wahrhaften Sinne und in idealistischer Weise abgelöst wird. Mit der Betonung des Allgemeinen, des Wesentlichen und Gesetzmäßigen tritt „der Geltungsaspekt des Denkens gegenüber dem Entstehungsaspekt in den Vordergrund“ (Ludwig Huber, Das rationale Tier, Suhrkamp 2021, S.37). Es findet sozusagen eine Transformation von konkreter, auf gegenständliche Objekte bezogene Begriffsbildung zu einer „metaphorischen Abstraktion“ statt, wenn Begriffe auf nicht gegenständliche Entitäten (Substanzen) übertragen werden. Freiheit ist ein solche „potentiell metaphorische Abstraktion“ , ein Ideal, das zu vielen gegenständlichen  Inhalten in Bezug gesetzt werden kann. 

Hegel ist ein Meister dieser Abstraktionskunst, dieser Verschiebungstaktik von einer Idee zum Ideal und dessen Ideologie. Folge dieser Transformation oder rationalistischen Konzeption ist die Verquickung von Sprache und Denken. So ist z.B. der Mensch alleiniger Eigentümer des Geistes, weil er eine Begriffssprache besitzt. 

Der „abstrakten Bestimmung der Natur des Geistes“ gemäß, in der Bewusstsein des menschlichen Individuums nochmals abstrahiert wird und mit Hegel der Begriff des „absoluten Geistes“ kreiert wird, dem auch ein Zweck, ja ein Endzweck und einen Sinn zugesprochen  und dieser „absolute Geist“ zum Maßstab geschichtlicher Entwicklung genommen wird, teilt Hegel verschiedene Menschengruppen unter geographischem Aspekt wie folgt ein:

1. „Die Orientalen (Chinesen, Inder, Assyrer, Babylonier, Meder, aber auch Ägypter) wissen noch nicht, dass der Geist oder der Mensch als solcher an sich frei ist, weil sie es nicht wissen, sind sie es nicht; sie wissen nur, das Einer frei ist, aber eben darum ist solche Freiheit nur Willkür, Wildheit, Dumpfheit der Leidenschaft…“(31) Aber immerhin, die „Orientalen“ sind zur Freiheit grundsätzlich fähig.

2. „In den Griechen ist das Bewusstsein der Freiheit aufgegangen, und darum sind sie frei gewesen, wie die Römer, sie wussten nur, dass Einige frei sind, nicht der Mensch als solcher.“ (31)

3. „Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zum Bewusstsein gekommen, dass der Mensch frei ist, die Freiheit des Geistes seine eigene Natur ausmacht.“ (31)

Schon in dieser ideologische Einteilung und Ordnung werden „Neger“ nicht erwähnt. Sie sind, wie die Zitate Hegels weiter unten belegen, zu nichts „Menschlichem“ fähig. Das Christentum  (besonders der Protestantismus) sei insofern ein Entwicklungsschritt, weil Jesus der geborenen Mensch-Gott sei, der verehrt und zugleich durch die Objektivierung das menschliche Individuum zum Bewusstsein von Sittlichkeit und Recht in religiöser Form gekommen sei. 

Nach Bruno Bauer haben die Juden und das Judentum diesen Schritt noch nicht vollzogen und deshalb stellt er die „Judenfrage“. Bauer ist der Auffassung, dass das Judentum als religiöse und politische Gemeinschaft mit eigener Kultur dazu nicht in der Lage sein kann, im Staate die Freiheit des Geistes zu realisieren. Marx widerspricht , wie wir wissen, dieser Auffassung fundamental. Aber schon Bauers  Argumentation auf Grundlage hegelianischen Freiheitsideologie enthält antisemitische Elemente, wenn er Juden in Bezug auf die Freiheit des Geistes als nicht gesellschaftsfähig und staatsfähig hält, und sie deshalb als minderwertig begreift.

Hegel kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt der Freiheit – ein Fortschritt, dem wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“ (32)

Dass die „Freiheit des Geistes“, wie sie im bürgerlich christlich-germanischen Staat zum Ausdruck kommt, ohne argumentative Brüche zu rassistischen Gedanken kommt, das belegen folgende Zitate aus den >Vorlesungen<:

„Bei den Negern ist nämlich das Charakteristische gerade, dass ihr Bewusstsein noch nicht zu Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz… Zu dieser Unterscheidung seiner als des Einzelnen und seiner wesentlichen Allgemeinheit ist der Afrikaner in seiner unterschiedslosen, gedrungenen Einheit  nicht  gekommen, wodurch das Wissen von einem absoluten Wesen, das ein anderes, Höheres gegen das Selbst wäre, ganz verfehlt. Der Neger stellt, (…) , den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unabhängigkeit dar (…) Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.“ (122) 

„Das, was sie sich als ihre Macht vorstellen … ist der erst beste Gegenstand, den sie zum Genius erheben, sei es ein Tier, ein Baum, ein Stein, ein Bild vom Holz:“ (123) Sie haben Fetische. „Daraus aber, dass der Mensch als das Höchste gesetzt ist, folgt, dass er keine Achtung vor sich selber hat, denn erst mit  dem Bewusstsein eines höheren Wesens erlangt der Mensch einen Standpunkt, der ihm eine Achtung gewährt. (…) Die Neger besitzen daher diese vollkommenen Verachtung der Menschen… Es ist auch kein Wissen von der Unsterblichkeit der Seele vorhanden, obwohl Totengespenster vorkommen. Die Wertlosigkeit der Menschen geht ins Unglaubliche“ (124) Sie verzehren Menschen, weil sie der Auffassung seien, Menschenfleisch sei „nur Sinnliches, Fleisch überhaupt.“ (125) Neger sind wie Tiere. „Die Neger werden von den Europäern in die Sklaverei geführt und nach Amerika hin verkauft, Trotzdem ist ihr Los im eigenen Lande fast noch schlimmer, wo ebenso Sklaverei vorhanden ist; denn die Grundlage der Sklaverei überhaupt, dass der Mensch das Bewusstsein seiner Sklaverei noch nicht hat und somit zu einer Sache, zu einem Wertlosen herabsinkt.“ (125) 

7 Seiten lang purer Rassismus im definierten Sinne. Unglaublich. Am Ende schreibt Hegel:

„Wir verlassen hiermit Afrika, um späterhin keine Erwähnung mehr zu tun. Das ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung auszuweisen…“ (129)

Sklaverei ist eine „ökonomische Kategorie“, wie Karl Marx schreibt.Auf Sklaverei beruhte nicht nur der Reichtum der europäischen Bourgeoisie. Sklaverei war auch der grundlegende Faktor für den Aufbau und die Entwicklung eines neuen Wirtschaftssystems, des Kapitalismus. Sie wurde betrieben hauptsächlich im Bereich der Baumwollproduktion auf den Feldern in Nordamerika. Sklaven waren Handelsgut wie jede andere Ware. Mit ihnen konnte ein hoher Profit erzielt werden. Sie wurden von holländischen, englischen oder französischen Kaufleuten dorthin transportiert.

Die Existenz der Sklaverei stand im diametralen Gegensatz zur Ideologie des Liberalismus: zur Freiheit des Individuums, seiner Würde und seiner Freiheitsrechte, die als unveräußerliche, als universale und universelle Rechte propagiert wurden. Sie seien der Natur des Menschen und seiner Vernunft geschuldet. Der Rassismus ist die ideologische Antwort der weißen Philosophen für die bürgerliche Gesellschaft der Privateigentümer. Der Rassismus ist sozusagen ein philosophischer Ableger des Liberalismus, um die Unmöglichkeit der Gleichwertigkeit der Menschen einer gleichen Gattung zu behaupten.     

Europäische Aufklärung

Menschen haben durch Arbeit, Planung und Tat Werkzeuge hergestellt, die zu einem Mehrprodukt an Lebensmitteln geführt haben. Aus dieser Überschussproduktion heraus haben sich stratifizierte Gesellschaften, dichotome Machtstrukturen und neue Technologien entwickelt. Diese materielle Kultur, aus ihrem „Stoffwechsel“ mit der Natur hervorgegangen, war auch die Grundlage ihrer „geistigen“ Kultur: ihrem religiösen Glauben, ihrer Totenkulte, ihren Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode, aber auch die Legitimation der politischen Macht. In Mythen und darstellender Kunst sowie in der Philosophie wurden später im Schriftgut zum Ausdruck gebracht, wie man sich den Beginn des Lebens und die Rolle des Menschen in diesem Leben vorstellte. Die Philosophie unterschied sich von den Mythen nur insoweit als sie versuchte, die Welt mit rationalen Argumenten zu erklären. Die geistige Kultur spiegelt aber nur die Entwicklung des Abstraktionskunst wieder, die durch den technologischen und sozial- und politökonomischen Entwicklungsstand der jeweiligen Gesellschaften bedingt ist. 

Der philosophische Idealismus großer europäischer Denker seit der griechischen Antike bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein prägte die geistige Kultur sowohl der städtischen Bürgerschaft in der Polis als auch des modernen Bürgertums in der Moderne. Seine Ideen sind nicht nur zur Staatsraison geronnen, sondern auch zum Wertekanon des demokratischen „Westens“ geworden. Die Kulturgeschichte des Idealismus umfasst nicht nur die griechische Philosophie und den modernen >Rationalismus<, sondern auch dessen Pendant: den Empirismus und monistischen Materialismus. Beide Schulen gehen auch von einer Aufteilung von „Geist“ und „Materie“ aus.

Die Platonische Ideenlehre, die in der griechischen Philosophie eine neuartige Ideologie darstellt, unterscheidet trennscharf zwischen den Substanzen Geist und Materie – und in Bezug auf Menschen in Seele und Leib. Diese Trennung durchzieht die europäische Philosophie, die als die Mutter der Wissenschaft begriffen wurde, bis in die Aufklärung. Erst im 19. Jahrhundert hat sich die Wissenschaft nach und nach von dieser Ontologie emanzipiert und das Ende der klassischen Philosophie als Wissenschaft eingeläutet.

Siri Hustvedt hat bezüglich dieser Aufteilung die Frage gestellt: Wann entsteht der Geist? Sie berichtet in ihrem Buch „Die Illusion der Gewissheit“, dass Mediziner die Geburt eines Babys in sechs bis acht „mechanische Schritte“ aufteilen. Diese Unterteilungen eines natürlichen Kontinuums seien aber willkürlich. Sie weist auf den Widerspruch zwischen „willkürlicher Unterteilung“ und „mechanischen Schritten“ hin und stellt die Frage: „An welchem Punkt der Geist in diesem Signalwerk des Körpers ins Spiel kommt, ist keineswegs absurd. Es wäre abwegig, ein Organ wie die Plazenta mit dem menschlichen Geist zu vergleichen…“Wodurch unterscheidet sich die beobachtete Rationalität mancher Tiere, etwa von Primaten, Raben oder Delphinen, die Werkzeuge herstellen können, von der menschlichen? Haben nicht auch rationale Tiere ein universales Recht – individuelle Tierrechte etwa? (siehe: Ludwig Huber, Das rationale Tier, Eine kognitionsbiologische Spurensuche, Suhrkamp 2021)

In Platos mythologischer Kosmologie, wie er sie im Timaios, einem Pythagoreer, dargestellt hat, ist Materie gleichsam eine „Amme“, eine Aufnehmende, die den Formungsakt (oder die geistige Arbeit) des Demiurgen stofflich aufnimmt und als Geburtshelferin der Realität fungiert. Die Materie ist chaotisch, wandelbar, beweglich und ausgedehnt. Sie ist im Gegensatz zum Geist oder der Seele nicht konstant. Ohne Konstanz, lässt Plato Sokrates sagen, gibt es keine Idee und ohne Idee gibt es keinen ruhenden Pol, keinen Maßstab. Das Unwandelbare werde durch Verstand und Vernunft erkannt. Das Regellose kann nur durch das Konstante, das Unwandelbare, durch die Regel erklärt werden.

Vor der kosmologischen Substanz der chaotischen Materie (gab es weder Tag noch Nächte) muss folglich eine Wesenheit, eine Göttlichkeit, existent sein, die Zeit und „Himmel“ (Raum) als Erstes eingeführt habe. Raum und Zeit seien gleichzeitig entstanden. Aus der Zeitabfolge von Tag und Nacht haben später, nachdem der Demiurg die vier Lebewesen (Götter,Vögel,Fische und Landtiere) erschaffen habe, Menschen die Zahl erschaffen.

Das Unwandelbare oder Göttliche „ist“ – ohne Zeit und Raum. Eine transzendentale Idee. Eine Abstraktion sondergleichen. Dieser Ontologie gemäß ist die Wesenheit ewig und gut und einzig.

„Da nämlich Gott wollte, dass, so weit es möglich, alles gut und nicht schlecht sei, da er aber alles, was sichtbar war, nicht in Ruhe, sondern in regelloser und untergeordneter Bewegung vorfand, führte er alles aus der Unordnung in die Ordnung hinüber.“ (Platon, in: B.Russell, Philosophie des Abendlandes, Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung, Europaverlag 1950, Sonderausgabe für Parkland Verlag 2003, S.156)

Das Göttliche hat die Welt der Sinne, die Welt der Realität, nicht aus dem Nichts erschaffen. Der „Demiurg“, einer, dessen Arbeit der Allgemeinheit gehört, der produktive Geist, formte aus der Materie die Realität. Dieser Materie, so zu sagen, als plastische Substanz, als das, was sich formen und strukturieren lässt, drückt die transzendentale Idee gleichsam ein Muster eine geometrische Ordnung auf, aus der die Elemente entstehen (Kubus=Erde; Ikosaeder=Wasser; Oktaeder=Luft; Pyramide=Feuer). Plato sieht in der Realität einen mathematischen Atomismus walten, da die Elementarkörper auf „Urdreiecke“ von der Art des rechtwinkligen, gleichschenkligen Dreiecks und des rechtwinkligen, nicht gleichschenkligen Dreiecks zurückgeführt werden.  

Der „öffentliche Facharbeiter“, der Demiurgenos, symbolisiert die praktische Vernunft und ihre Verstandesleistungen, die auf die transzendentale Idee des Göttlichen zurückgehen. Er symbolisiert auch die „Weltseele“. Er formt die Gegenstände, gibt ihnen Gestalt, Qualität und Funktion. Er ist der Schöpfer. Im biblischen Verständnis erschafft hingegen Gott Kreaturen durch die Sprache, durch seinen Odem. In Mythen, die aus Ackerbau betreibenden Gesellschaften stammen, ist das Samenkorn das Symbol des werdenden Lebens. Der altägyptische Ritus z.B. des Erdhackens weist auf das Sterben des Osiris hin, der in der Symbolgestalt des Samenkorns in die Erde gesenkt wird, um dann mit der sprießenden Saat wiederum aufzuerstehen. Osiris steht in unmittelbarer Beziehung zur Natur, zu Werden und Vergehen. Zu seinem Erscheinungsbild gehören die Königskrone und die Insignien königlicher Macht. Diese Vorstellungen der Gnosis und Weltgenese verweisen auf die grundsätzlichen politökonomischen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens dieser Zeit.

In Platos >Timaios< ist der produktiv Planende und mit Vernunft und Verstand Formende der Schöpfer der Objekte. Seine Kunst ist die des Handwerkers, des Fachmannes. Russell schreibt: „Die griechische Philosophie entspricht bis zu Aristoteles der Mentalität des Stadtstaates.“ ( Russell, 792)  Die Polisbürger waren zwar Grundeigentümer, denn darin bestand ihr Status als freie Bürger, sie überließen aber die Produktion und Reproduktion ihres Lebens den Sklaven, Metöken und Ausländern, soweit es um Fernhandel ging. 

Die Ideenlehre Platos, die eine neuartige Theorie in der griechischen Philosophie darstellt, ist eine Begriffslehre, in der sich logische (rationale) und metaphysische Elemente mischen.

Zum einen sind Begriffe Allgemeinbegriffe. Sie haben ein Ewigkeitsmerkmal. Sie sind universal, d.h. sie gelten ohne Raum und Zeit. Zahlen sind solche Allgemeinbegriffe, aber auch Begriffe der Art wie „Freiheit“ oder „Hund“. Sie sind Abstraktionen unterschiedlichen Grades. Die Summe konkreter Hunde z.B. sind Teile dieses „idealen“ Hundes oder des Allgemeinbegriffs „Hund“. Zum anderen legt Platon diesem Allgemeinbegriff „Hund“ eine metaphysische Komponente bei. Dieser Begriff vom Hund ist ein bestimmter „idealer“ Hund; einzelne Hunde haben an der „Natur dieses idealen Hundes“ nur teil, in mehr oder weniger unvollkommener Art und Weise. Diese Idee der „Hundheit“ – so würde Platon sagen –  ist ein „Urbild“. Seine Wesenheit ist einzig. Nur wegen der Unvollkommenheit konkreter Hunde kann es überhaupt so viele Hunde geben. Platon unterscheidet somit „Wirklichkeit“, als eine vollkommenen abstrakte Daseinsform, von der Realität konkreter Hunde. Diese Wirklichkeit „wirkt“ auf diese.

Platon konstruiert eine duale Welt: die Welt des Intellekts, in der Vernunft Bezug nimmt auf die reine Idee, die des Guten, und die Welt der Sinne. Der Verstand bildet Hypothesen und denkt mathematisch.

Bertrand Russell kritisiert diese Unterscheidung von Wirklichkeit und Realität.„Wenn die Erscheinung wirklich erscheint, kann sie nicht Nichts sein, und muß also eine Teil der Wirklichkeit sein… Jeder Versuch, die Welt in Teile zu zerlegen, deren einer „wirklicher“ ist als die anderer, ist zum Scheitern verurteilt.“ (150) Außerdem fügt Russell hinzu, was zeitlos ist, kann nicht erschaffen worden sein.“ (151) Da Platon postulierte, nur „das Gute“ sei das einzig von Gott geschaffene Urbild, so hätte „die Vielfalt der sinnlich wahrnehmbaren Welt nach dieser Auffassung einen anderen Ursprung als Gott.“ (151)

Das zweite Stadium der Abstraktionskunst der europäischen Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert

Die Philosophie der Aufklärer gründet einerseits auf der antiken Philosophie des Griechentums – der Ideen-Trennung von Geist und Materie – und erweitert diese zugleich, indem sie den erkenntnistheoretischen Fokus auf die Idee vom „Ich“ legt. Dekonstruiert ist dieses philosophische „Ich“ eine Verallgemeinerung des in einer Marktwirtschaft zu Selbstbewusstsein gekommenen Bürgers. Er empfindet sich nicht mehr als „Knecht“, sondern als selbstbewussten „Herrn“, Verkäufer und Käufer – als Rechtsperson. Die „Ich“- Konstruktion steht im Mittelpunkt der idealistischen Philosophie der Neuzeit. Das „Ich“ ist in der idealistischen Philosophie autonom, rational und vernünftig.

Weiße europäische Männer begründeten diese Aufklärung des menschlichen Geistes aus selbstverschuldeter „Unmündigkeit“ (Kant). Neugier, (methodischer) Zweifel, Kritik als Methode der Überprüfung von Sachverhalten anhand ausgewiesener Kriterien, Beobachtung sowie Experiment und Messung sind und waren die Zutaten dieser neuen Denkrevolution. Aber ohne Vertrauen auf ihren Verstand hätten diese Denkriesen nicht den Bauplan einer neuen wissenschaftlich fundierten Weltsicht entworfen, deren „Werte“ in der Welt mit Gewalt verbreitet worden sind und die, mit universalem Anspruch, diese Welt neu geordnet haben. 

Die Revolution des „cogito, ergo sum“ koinzidiert mit dem Durchbruch einer neuen Ökonomie, der des Handelskapitalismus, der Durchsetzung der Marktwirtschaft in Europa und der Manufaktur auf der Grundlage einer neuen Art der Ausbeutung der Arbeit: der Lohnarbeit, wobei in Übersee noch recht gerne die Sklavenarbeit verwendet wurde. Zudem gewinnen Unternehmer, Bankiers, Fernhändler und Großfarmer immer mehr an politischem Einfluss. Dieser Zuwachs an Geldreichtum und Macht verlangt nach einer neuen Ideologie und Legitimation. Auch absolutistisch regierte Staaten kommen nicht mehr ohne das Bürgertum  aus.   

Das aufgeklärte naturwissenschaftliche Weltbild stößt die Vorstellung eines göttlichen Schöpfungsaktes in den Orkus des himmlischen Friedens. Wissen gewinnt die Bedeutung von „Gewissheit“. Dort, wo Gott als Ausgangspunkt der Welterklärung noch subalterne Dienste leistet, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, muss er so denken, wie die menschliche Logik funktioniert. Das alte göttliche Naturrecht wird in die Mottenkiste verbracht und durch ein Naturrecht der Vernunft ersetzt. Die Vernunft des „Ichs“ verlangt ihr Recht. Der Verstand ist der Atlant der Vernunft. Er produziert Tatsachenwissen und setzt Naturgesetze. Das neue Weltbild ist homogen, erklärt alle Phänomene aus sich heraus, klassifiziert und ordnet sie auf kausale und mechanische Art und Weise in einer formalen Sprache.     

Im Bereich der reinen Geisteswissenschaften – in der philosophischen Anthropologie, der Erkenntnistheorie, der Psychologie – gewinnen Ethik und Ökonomie (der Marktwirtschaft) eine hervorgehobene Bedeutung. Während Leibniz auf der höchst denkbaren Stufe der Abstraktionskunst in seiner Monadenlehre Weltbild und Menschenbild mathematisch in einem Dualsystem (Dyadik) vereint, stellt der subjektive Idealismus Kants die Autonomie der reinen Vernunft in der Ethik und die Freiheit des Individuums der bürgerlichen Welt zur Verfügung. Adam Smith, Begründer der Nationalökonomie und Empiriker, verbindet Ethik (>Die Theorie der ethischen Gefühle<) mit dem liberalen Modell der Marktwirtschaft. 

Die Substanz Ich und seine Freiheit

Descartes, Spinoza und Leibniz gehen von Substanzbegriffen aus. Descartes verwendet drei Substanzen: Gott, Geist und Materie. Spinoza ließ nur Gott zu. Während für Descartes Ausdehnung das Wesen der Materie ist, sind für Spinoza Ausdehnung und Denken Attribute Gottes. Leibniz ist der Überzeugung, dass Ausdehnung kein Attribut einer Substanz sein könne, da Ausdehnung eine Vielheit beinhalte und daher nur ein Aggregat von Substanzen sein könne. Jede individuelle Substanz müsse ohne Ausdehnung sein. Jede Monade (das Unteilbare) repräsentiert für sich genommen das Universum. Jede von ihnen besitze einige Eigenschaften eines physikalischen Punktes, bei abstrakter Betrachtung. Wenn die Ausdehnung als Wesensattribut ausgeschlossen wird, dann bleibt nur noch das Denken. Leibniz leugnet die Realität der Materie. Das hat zur Folge, dass zwei Monaden niemals in irgendeinem kausalen Zusammenhang miteinander stehen können. Da Monaden aktiv und daher Kräfte seien, die sich ständig verändern, müsse eine „prästabilisierte Harmonie“ zwischen den Veränderungen in den verschiedenen Monaden herrschen, wodurch der Anschein der Wechselwirkung erzielt werde. Diese von Gott bewerkstelligte prästabilisierte Harmonie funktioniere nach einem akkuraten Mechanismus.

Obwohl es keinen Raum gebe, wie ihn die Physik annehme, haben die Monaden eine Anordnung in einer dreidimensionalen Ordnung, entsprechend den Standpunkten, von dem aus sie das Universum widerspiegeln. Jede Monade sieht die Welt aus ihrer eigenen Perspektive. Von daher gibt es kein Vakuum. Zwei Monaden, die einander genau gleichen, sind daher unmöglich. Eine Monade ist ein Individuum. Das menschliche Individuum besitzt eine unvergleichliche Identität. Sie unterscheidet sich prinzipiell von anderen Identitäten. 

Der Empiriker und große Reformator der Philosophie, David Hume, hat gegen diese Theorie eingewendet, dass menschliches Bewusstsein ein Sammelsurium von Ereignissen und Erlebnissen sei, was auch die Hirnforschung heute unterstützt. Das Ich sei eine Vielzahl von Bewusstseinszuständen.     

Da es, nach Leibniz, kein Vakuum zwischen den Monaden gibt und sie keinen physikalischen Raum haben, so haben sie doch eine hierarchische Anordnung, in der manche der denkenden Monaden-Ichs den anderen durch Klarheit und Deutlichkeit, mit der sie das Universum spiegeln, überlegen sind. Er vertrat die Auffassung, der menschliche Geist organisiere sich evolutionär in verschiedenen Stufen von bloßen Meinungen hin zu objektiven und überproportionalen Formen von Wissen, Sprache, Zeichen und Kulturen. 

Da das Ich denkt und damit Subjekt seines Handelns ist und sein Handeln immer einen Grund (Satz vom zureichenden Grunde) hat, geschieht nichts ohne Grund. Doch dieser zureichende Grund seiner Handlung ist logisch nicht zwingend. Auch Gott kann den Gesetzen der Logik nicht entkommen und zuwiderhandeln, auch wenn er bestimmen kann, was überhaupt logisch möglich ist. Der Mensch hat nur eine große Wahlfreiheit.

Der Begriff Substanz ist aus der logischen Kategorie von Subjekt und Prädikat abgeleitet. Bestimmte Wörter (z.B. Eigennamen und eben Substanz) können nie als Prädikat auftreten, sondern nur als Subjekte. Solche Wörter gelten als Bezeichnung von Substanzen. Jeder richtige Satz ist entweder ein allgemeiner Satz oder es handelt sich um einen besonderen Satz wie etwa „Matthias ist sterblich“, wobei das Prädikat im Subjekt enthalten ist. Diese Logik geht von zwei Prämissen aus:

1.Der Satz vom Widerspruch: Er besagt, dass alle analytischen Sätze richtig sind.

2.Der Satz vom zureichenden Grunde. „Wenn ich eine Reise mache, muss der Begriff meines Ichs von aller Ewigkeit her den Begriff dieser Reise als Prädikat meines Ichs enthalten.“ (Russell, 600)

Leibniz schreibt: „Unter der Natur einer individuellen Substanz oder eines in sich vollständigen Seins wird daher der Begriff zu verstehen sein, der so vollendet ist, dass alle Prädikate des Subjekts, dem er beigelegt wird, aus ihm hinlänglich begriffen und deduktiv abgeleitet werden können..“ ( in: Russell, 600)

Dieses System ist deterministisch. Russell kritisiert: “Leibniz macht sich einer besonderen Inkonsequenz schuldig, indem er die Subjekt-Prädikaten-Logik mit dem Pluralismus kombiniert, denn der Satz >Es gibt viele Monaden< fällt nicht unter die Subjekt-Objekt-Form.“ (603)

Aus dieser Subjekt-Prädikaten-Logik folgt, „dass jede Substanz…eine Welt für sich ist und von nichts anderem abhängig als von Gott. 

Auch der Zahlenbegriff ist eine individuelle Substanz. Leibniz schreibt, „dass nichts in der Welt sie (die Dinge und Allmacht Gottes) beßer vorstelle, ja gleichsam demonstriere, als der Ursprung der Zahlen wie alhier vorgestellet, durch deren ausdrückung bloß und allein mit Eins und Null oder Nichts, und wird wohl schwehrlich in der Natur und Philosophie eine beßeres vorbild dieses geheimnißes zu finden sein.“ Mit Hilfe einer allgemeinen Mathematik könne Denken durch Rechnen ersetzt werden.

Leibniz ist der Auffassung, dass auch Sätze der Moral und der Metaphysik nach einem unfehlbaren Rechenverfahren geschrieben werden können. „Rechnen wir!“ – statt zu streiten, ruft er. Seine Überlegungen münden in ein Programm einer Universalsprache, in einem Formalismusverfahren, mit dessen Hilfe „Wahrheiten der Vernunft“ wie in der Arithmetik und Algebra auch in anderen Bereichen, in denen geschlossen wird, „gleichermaßen durch ein Kalkül erreicht werden könnten.“ (nicht abgesendeter Brief an C.Rödeken aus dem Jahre 1708 in: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd.3, S.572) Der Empiriker J.Bentham wird später (vergeblich) versuchen, eine utilitaristische Theorie des Glückskalküls zu entwerfen.  

Auch Kants >Kritik der reinen Vernunft< geht von einem „methodologischen Individualismus< aus. „Ich als denkendes Wesen, bin das absolute Subjekt aller möglichen Urteile und diese Vorstellung von mir kann nicht zum Prädikate irgendeines anderen Dings gebraucht werden… Also muss jedermann sich selbst notwendigerweise als die Substanz, das Denken nur als Akzidenzen seines Daseins und Bestimmungen seines Zustandes ansehen.“In dieser Vorstellung sei – so Kant – „nicht die mindeste Anschauung verbunden, die es von anderen Gegenständen der Anschauungen unterschied.“ Und Kant folgert, wie Leibniz, dass „ausser dieser logischen Bedeutung das Ich keine Kenntnis von dem Subjekte an sich selbst habe…“ (427a)

„Also bin ich, als denkendes Wesen (Seele) Substanz.“ (Kritik der reinen Vernunft, Erster Paralogismus der Substantialität (der reinen Psychologie)) 424a)

Auf der Grundlage dieses methodischen Individualismus definiert Kant seinen Begriff von Aufklärung:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Meinung eines anderen zu bedienen.Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude!“ 

Kant geht von einer atomisierten Gesellschaft vernünftiger und „aufgeklärter“ Individuen aus. Nur durch eine vernünftige, alle Beteiligten zum Nutzen gereichende Vertragssituation kann überhaupt eine Gemeinschaft entstehen, deren moralisches Handlungsprinzip in einem kategorischen (unbedingten) Imperativ besteht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werden kann.“

Demzufolge sind jene, die diesem unbedingten Handlungsprinzip nicht nachkommen, selbstverschuldet unmündig oder leiden an einem Mangel des Verstandes. Sie haben selbst „Schuld“ – da sie selbst ihres Glückes Schmied sind. Nur ein kleiner, aber wesentlicher Gedankenschritt ist erforderlich, um von dieser idealistischen Position substantieller Individualität zu der Vorstellung zu kommen, dass alle Menschen zwar „zu einer und derselben Naturgattung gehören“ , jedoch, man könne nicht hoffen, „jetzt irgendwo auf der Welt die ursprüngliche menschliche Gestalt unveränderlich anzutreffen.“ Und weiter: „Der Erdstrich vom 31sten bis zum 52sten Grade der Breite der alten Welt… wird mit Recht für denjenigen gehalten…wo der Mensch…am wenigsten von seiner Urbildung abgewichen sein müsste.“ Für Kant war Europa die Wiege der Menschheit und das „Geschlecht der Weißen“ zeichnet sich durch die „vollkommene Mischung der Säfte vor jedem anderen Menschenschlage aus.“ (Immanuel Kant, in: Kendi 116)

Der Rassismus ist auch deshalb eine Eigenschaft der europäischen liberalen Ideologie des Individualismus, weil die liberale These „die Einheit des Menschen als prinzipiell verwirklicht ansetzt, hilft sie zur Apologie des Bestehenden.“  (Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Querido Verlag Amsterdam 1947, S.200)

Das Bestehende in den europäischen Gesellschaften des 16. bis 18.Jahrhunderts und darüber hinaus ist die Existenz eines neuen kapitalistischen Wirtschaftssystems und einer alten Institution im neuen Gewande, der Marktwirtschaft. Sowohl das kapitalistische Produktionssystem von Kapital und Lohnarbeit als auch die Institution des Marktes setzen Vertragsbeziehungen von individuellen Rechtspersonen voraus. Der „Menschenschlag des Negers“ ist ein „Wilder“ und keine Rechtsperson und außerdem nicht von diesem Verstande und Vornehmheit und Stärke der weißen Europäer. Durch ungünstige klimatische und körperliche Voraussetzungen ist er „faul, weichlich und tändelnd.“ (Kant) 

Das abendländische Denken ist mehr als dasjenige anderer Kulturkreise mit dem Begriff des Ichs, von dem man wenig sagen kann, verbunden. Für Descartes, Locke, Berkley, Leibniz Kant u.a. wird das Ich mit vernünftigem Denken, Selbstreflexion und Seele gleichgesetzt. Das abendländische Menschenbild und damit das unserer Gesellschaft und unseres Rechtssystems ist nach wie vor durch diese idealistischen Grundannahmen geprägt.

Das Ich des Subjekts ist der Kern menschlichen Wesens und Träger der Menschenwürde. Das Ich ist die Ursache des Handelns und deshalb verantwortlich für sein Tun. 

Adorno und Horkheimer stellen in ihrer These „Elemente des Antisemitismus“ ebenfalls fest: „Das unabänderliche Festhalten an ihrer eigenen Ordnung des Lebens brachte sie zur herrschenden in ein unsicheres Verhältnis. (…)Die dialektische Verschlingung von Aufklärung und Herrschaft, das Doppelverhältnis des Fortschritts zu Grausamkeit und Befreiung, das die Juden bei den großen Aufklärern wie den demokratischen Volksbewegungen zu fühlen bekamen, zeigt sich auch im Wesen der Antisemiten… Rasse ist heute die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv.“ (200f.)

Die erste Kritik an der substantialistischen Auffassung des Ichs geht auf David Hume (1711-1776), dem großen Reformator der europäischen Philosophie und Empiriker, zurück, bevor im 19. und 20. Jahrhundert die Frage eine Rolle spielte, ob es das Ich als ein einheitlich psychologisches Faktum überhaupt gibt und ob es überhaupt auf irgendetwas rückführbar sei.

Hume verwirft die Idee vom Ich, weil das Ich niemals wahrgenommen werde. Deshalb könne man auch keine Idee davon haben. 

Für Hume sind Tatsachen Produkte menschlicher Perzeption und Apperzeption (begrifflich urteilendes Erfassen) und keine objektiven Entitäten der Außenwelt. Tatsachen sind also gemachte Sachen. Das menschliche Handeln und Verhalten, soweit es auf Affekten, Emotionen und Wollen beruht, sei moralisch, weil es nach Nützlichkeit und Annehmlichkeit bewertet werde. Wie Locke lehnt auch Hume den Begriff Willensfreiheit ab, sondern spricht von Handlungsfreiheit oder Wahlfreiheit. „Wir haben gezeigt, dass der freie Wille mit den Handlungen der Menschen ebenso wenig zu tun hat, wie mit ihren Eigenschaften. Es ist kein richtiger Schluss, dass alles, was wirklich ist, auch frei ist. Unsere Handlungen sind wirklicher als unsere Urteile; aber wir haben bei den einen nicht mehr Freiheit, wie bei den anderen.“ Das menschliche Handeln kann nur beschrieben, verglichen und nach Regeln, nach denen Ursache und Wirkung beurteilt werden, erklärt werden. Ethik sei daher eine deskriptive und explikative Tatsachenwissenschaft. Ethische Erklärungen sollten im Rahmen der Psychologie vorgenommen werden. Tatsachenwissenschaften könnten nur Hypothesen aufstellen. Spekulative Hypothesen müssten aber strikt aus der Ethik verbannt werden, denn es könne keine ethische Theorie einer objektiven, universellen Normfestsetzung für die Billigung und Missbilligung von Handeln, Motivation bzw. von Charakterzüge geben. Naturgesetzlich vermutete Normfestsetzung von individuellen Menschenrechten könne es nach Humes Darlegungen nur als ideologische angesehen werden. So wie Hume Naturrechtskonzeptionen eines ursprünglichen Gesellschaftsvertrages kritisiert, kritisiert er Ethiken, die auf rein spekulativen und rein vernünftigen Prinzipien beruhen. „Es ist hohe Zeit, bei allen moralischen Untersuchungen die gleiche Reform anzustrebenund jedes nicht auf Tatsachen und Beobachtung beruhende ethische System abzulehnen, wie scharfsinnig und geistreich es auch sein mag.“ (Hume)

„Keine Partei kann heute auf ein System philosophischer oder spekulativer Prinzipien verzichten. Deshalb stellen wir fest, dass jede der Fraktionen, in die dieses Land gespalten ist, ein entsprechendes System entwickelt hat, das ihr politisches Programm abdecken und rechtfertigen soll. Menschen sind normalerweise sehr grobe Konstrukteure, vor allem auf solch spekulativem Gebiet und besonders dort, wo sie von parteilichem Ehrgeiz erfasst sind. (…) Die eine Partei strebt danach, Regierung geheiligt und unangreifbar zu machen, indem sie sie auf Gott zurückführt (…) Die andere Partei begründet ihre Regierung allein durch die Zustimmung des Volkes und geht davon aus, dass es eine Art von ursprünglichem Vertrag gibt, durch den die Untertanen sich stillschweigend das Recht auf Widerstand gegen ihren Herrscher vorbehalten, wenn sie sich durch die Autorität unterdrückt fühlen sollten, die sie ihm aus bestimmten Gründen freiwillig überlassen haben.“ An Hobbes und Locke gewandt, fährt Hume fort: „Doch wenn sich diese Denker in der Welt umschauten, fänden sie nichts, das auch nur annähernd ihren Ideen entspräche..“ Wenn man ihre Ideen außerhalb ihres Landes verkünden wollte, „so würde man als Aufwiegler verhaftet, wenn nicht schon vorher von Fremden als Wahnsinniger eingesperrt worden sein, weil man solche absurden Absichten vertrat.“ 

Der Freiheitsbegriff des subjektiven Idealismus oder, anders gesagt, des Individualismus ist ein ideologisches Produkt der „reinen“ Vernunft, ohne Ansehung materieller Realität. Er ist zwangsläufig „universal“, d.h. allgemein, und „universell“, d.h. umfassend. Der konkrete Mensch hingegen in seiner sozioökonomischen Mitwelt hat die Anderen zum Bezugspunkt und nicht sich selbst als Individuum. Im Anti-Dühring schreibt Friedrich Engels in seiner Kritik an Dühring: „Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am Ende dieser Untersuchung heraus, sind also nicht Prinzipien, Ausgangspunkte, sondern Resultate, Abschlüsse. Diese aus dem Kopf konstruierten, von ihnen als Grundlage ausgehen und weiter daraus die Welt im Kopf rekonstruieren, ist Ideologie…bisher hat auch jeder Materialismus gelitten, weil er über das Verhältnis von Denken und Sein wohl in der Natur einigermaßen klar war, aber nicht in der Geschichte, die Abhängigkeit des jedesmaligen Denkens von der historisch-materiellen Bedingungen nicht einsah.“ (Friedrich Engels: in Anti Dühring, MEW Bd.29, S.574)

Der Mensch ist eben keine Monade, kein Atom in der Gesellschaft und in der ihn umgebenden Natur. Das konkrete menschliche Individuum kann nur in Kooperation mit der äußeren Natur und seiner Mitmenschen in das „Reich der Freiheit“ eintreten und das der Notwendigkeit bis zu einem gewissen Grade verlassen.  

Die Lehren des Utilitarismus, des ökonomischen und politischen klassischen Liberalismus sowie des Neoliberalismus sind ideologische Ableger des bürgerlichen Individualismus, als interessengeleiteter Egoismus, und Hausideologien der kapitalistisch organisierten Gesellschaften des Westens. Auf diesem Freiheitsbegriff fundierte politische Ökonomie führt zur Zerstörung der Gesellschaft und der Natur und bezüglich der Außenbeziehungen von Staaten zu Krieg.

Marx und der Marxismus

Kritische Anmerkungen zu dem Buch ‚Die Erfindung des Marxismus, Wie eine Idee die Welt eroberte‘ von Christina Morina, Siedler Verlag 2021

Manche Epigonen, die erste Generation der Marxisten, haben, so Christina Morina, „die sinnstiftende Rolle der Geschichte“ wie auch ihre „Faszination für die Revolution“ ins Zentrum ihrer Rezeption der Marxschen Geschichtsauffassung gestellt und damit den Marxismus erfunden. Dem kann man nur zustimmen. Dies mag, wie die Autorin anhand von Dokumenten zeigt, zutreffen. Es mag auch erklären, wie Marxens politökonomische Studien vergangener technologischer, ökonomischer und politischer Ereignisse und Zustände zu einer Ideologie durch die frühen Marxisten verklärt worden sind. Da die historische Wissenschaft immer auch eine vergleichende ist und von der Autorin der Zusammenhang von Marxens Geschichtsauffassung und denen der ersten Marxisten hergestellt worden ist, so sollte man doch erfahren, was Marx unter „Geschichte“ verstanden hat; zumal er sowohl in seinen jungen Jahren als auch später durchaus unterschiedlicher Auffassung war. Frau Morina bemüht in diesem Zusammenhang den Begriff des >Historischen Materialismus< – ohne indes Marx selbst sprechen zu lassen. Dafür bewertet sie den „Histomat“ als „stets antihistorisch argumentierenden“. (113) Der >Historische Materialismus< habe historische „Gesetze“ formuliert und habe behauptet, „damit dem Gang der Geschichte auf die Spur gekommen  zu sein.“ (113) Ja,  diese Ideologie habe auf eine „listige Weise, wie es Konsellek formuliert, >die geschichtlichen Lehren (…) durch die Hintertür in die Gegenwart“ transformiert. Wenn die Autorin Jaurés als Zeugen für den Histomat anführt, man könne „alle historischen Vorgänge und Erscheinungen durch bloße wirtschaftliche Entwicklung erklären“ (109), dann zitiert sie eine Deutung, die nicht mit der späteren Marxschen Auffassung übereinstimmt. 

Marx ist „kein Marxist“ – dieses von Marx selbst formuliertes Bonmot  sollte doch auch der Autorin zu denken geben. Außerdem reproduziert sie den schon seit dem 18. Jahrhundert gängigen (oft drei Stadien umfassenden) Geschichtsdeterminismus, der aus der liberalen Feder der Aufklärung stammt, und stülpt ihn der Marxschen Auffassung über, um die historisch fundierten und empirischen Analysen Marxens als Ideologie zu diffamieren, vorausgesetzt sie hat sie in ihrer historischen Fülle, ausgehend vom Hegelianismus, dem Marx in seinen jungen Jahren anhing, bis hin zu seinen eigenen Studien (Einführung in die Kritik der Politischen Ökonomie u.a. Schriften), gelesen. 

Marx setzt sich mit den klassischen Ökonomen (von Petty, Adam Smith bis zu Ricardo und J.St.Mill) kritisch auseinander und hat ihre Theorien  analysiert.  Marx hat  im Gegensatz zu A.Smith, der dem Menschen von „Natur“ aus die Eigenschaft, Handel zu treiben, zugesprochen hat, den Produktivkräften der gesellschaftlichen Arbeit nachweisbare und messbare Materialität zuerkannt, die das Agens der historischen Entwicklung seien. Die Art und Weise, wie diese historisch unterschiedlichen Produktivkräfte (Arbeit,Arbeitsteilung,Maschinen, Handwerkzeug, Arbeitsorganisation, Technologie, und Wissenschaft) gesellschaftlich eingesetzt werden, also die Produktionsverhältnisse bestimmen, sind nur empirisch zu konstatieren. Bestimmte gesellschaftliche Formen der Arbeitsorganisationen sind nur im Nachhinein festzustellen und zu analysieren.  So ist die gesellschaftliche Form der Arbeitsorganisation von Kapital und Lohnarbeit eine spezifisch historische und hat bestimmte ökonomische Voraussetzungen und Wirkungen und unterscheidet sich z.B. von jener in rein agrarischen Gesellschaften, in den es keine Lohnarbeit und daher auch  keine Marktwirtschaft gegeben hat. Aber gewiss unterliegen diese gesellschaftlichen Arbeitsorganisationen nicht deterministischen historischen Gesetzmäßigkeiten. Etwa in der Form, dass auf feudale Arbeitsorganisation zwangsläufig eine kapitalistische, d.h. eine von Kapital und Arbeit, gefolgt sei. 

Die Beziehungen zwischen den geistigen kulturellen Überbauphänomenen  und der ökonomisch kulturellen Arbeitsorganisationen hat Marx insoweit nur ausgeführt, als das „Sein das Bewusstsein“ bestimme. Ausgeführt hat er diese These indes nicht. Für Marx hat die Erkenntnis, dass man von den feststellbaren und offensichtlich materiellen Zuständen ausgehen müsse, als Resultat seiner historischen Forschung und der Kritik der Politischen Ökonomie als „Leitlinie“ gedient, wie er selbst sagt.

Nicht nur für die ersten Marxisten, auch  für die nachfolgenden im 20. Jahrhundert ist die Empörung über die sozialen Verhältnisse und das Ethos der sozialen Gerechtigkeit in ihr politisches Engagement fundamental eingeschrieben. Sozialisten und Kommunisten sind immer schon für die Armen und Entrechteten in der Welt eingestanden – aber danach hat sich die geschichtliche Entwicklung nicht gerichtet. Obwohl sie oft und vielleicht viel moralisch „Gutes“ bezweckten, haben sie oft  „Schlechtes“ für die Adressaten des Marxismus erreicht.  Der „reife“ Marx  hingegen hat versucht, politisches oder moralisches Engagement aus seiner ökonomischen Analyse der  Politischen Ökonomie seiner Zeit herauszuhalten.Einen politischen, meist auch moralischen und Analyse hat Marx später stets getrennt. Ausgangspunkt seiner Analyse waren  die konkreten politökonomischen und sozialen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, aber ihn interessierte nicht die Beschreibung, die ihm als Beleg für seine Analyse dienten, sondern die „Anatomie“ des kapitalistischen Systems. Insofern kann die „Anatomie“ auch keine „Rezeptur“ für irgendeine Weltrevolution sein, denn jede kapitalistisch funktionierende Gesellschaft hat spezifisch historisch unterschiedliche „organische“ Voraussetzungen. Den Begriff Kapitalismus hat Marx nicht verwendet- und das nicht ohne Absicht, denn er unterstellt ein abgeschlossenes und ideologisches System. Er hat sprachlich stets den ökonomischen Begriff >Kapital< oder diesen Begriff adjektivisch verwendet. 

Um welche revolutionäre Idee handelt es sich überhaupt? Um welches „zündendes Ideenpaket“  oder um welche „Weltverbesserungsrezeptur“ (154) handelt es sich? Marxens „Idee“ war, nachdem die  Revolution von 1848 gescheitert war, der Philosophie den Rücken zuzukehren und sich der kritischen Analyse  der Politischen Ökonomie zuzuwenden. Die „Englische Schule“ seit William Petty bis hin zu David Ricardo im 19.Jahrhundert verstand die Wirtschaft als eine Zirkulation von Geld und Ware, von Produktion und Marktwirtschaft. Diese „englische Schule“ ging der Frage nach, was den Wert einer Ware ausmache. Die Ware sei zum einen ein Gebrauchsgegenstand, den diese Ökonomen als Gebrauchswert bezeichneten, der in den Konsum eingeht; zum anderen beinhalte sie einen Tauschwert, der die Ware kommensurabel mit anderen Waren oder mit Geld mache. Als Maßstab für diesen Tauschwert legten sie die Arbeitszeit fest. Die Quelle dieses Tauschwertes sei  die Arbeit. J.M.Keynes  hat die Vertreter der  Arbeitswertlehre, der seit William Petty Adam Smith bis hin zu J.St.Mill auch Marx anhing,  als Vertreter der „klassischen Ökonomie“ bezeichnet. Marx kritisierte u.a. den Arbeitsbegriff der liberalen Politischen Ökonomie, indem er darauf aufmerksam machte, dass Arbeit mit dem Tauschwert der Ware nicht kommensurabel sei, mit anderen Worten, nur Arbeitskraft sich mit Lohn vergleichen ließe (Doppelcharakter der Arbeit als „konkrete Arbeit“  und als „abstrakte“ Arbeit, die er als Arbeitskraft bezeichnete, weil diese sie mit anderen vergleichbar mache).  Auch jene Vertreter der Arbeitswertlehre vertraten eine auf der Ausnutzung der Arbeit beruhende Mehrwerttheorie als Grundlage des Profits. Man kann wie die Neoklassik seit der Mitte des 19.Jahrhunderts diese Theorie kritisieren und ablehnen und den Schwerpunkt der Analyse allein auf Marktprozesse und Preisrelationen legen und somit jeglichen sozialen Horizont aus der Ökonomie tilgen (siehe z.B. Grenznutzentheorie), aber man kann nicht von „Weltverbesserungsideologie“ sprechen. Die Kritik der Politischen Ökonomie ist der Kern der Marxschen Ökonomie. Diese baut auf ihr auf und ist die „Basis“ für die Untersuchung weiterer gesellschaftlicher „Überbau“-Phänomene. Die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie, die in Adam Smith und David Ricardo ihre Hauptvertreter hat und mit deren Theorien sich Marx in den >Theorien über den Mehrwert< und in den >Grundrissen< auseinandergesetzt hat, war alles andere als eine „Gegenwartsanalyse“ im Sinne einer Beschreibung ökonomischer und sozialer Zustände. Der Leser hätte sich von einer ausgebildeten Historikerin und Professorin gewünscht, sie hätte sich auch als ökonomische Autodidaktin mit dem Kern der Marxschen Theorie beschäftigt und nicht schon alt bekannte Fake News verbreitet.  Eine politische oder gar politisch-revolutionäre Lehre (Revolutionstheorie, wie sie Lenin oder Luxenburg vertraten) oder eine Staatstheorie hat Marx nicht vorgelegt.  Er hat zu vielen gesellschaftlichen Themen Thesen vertreten, sicherlich aber keine deterministische Geschichtsphilosophie, die seinem Denken widersprochen hätte. Zweifel, Neugier und Kritik waren seine Prämissen für wissenschaftliches Arbeiten.  Dass seine politische Ökonomie eine sozioökonomische ist, lässt sich nicht bestreiten.

„Aber, wird man sagen, die allgemeinen Gesetze des ökonomischen Lebens sind ein und dieselben; ganz gleichgültig, ob man sie auf die Gegenwart oder die Vergangenheit anwendet. Gerade das leugnet Marx. Nach ihm existieren solche abstrakten Gesetze nicht Nach seiner Meinung besitzt im Gegenteil jede historische Periode ihre eigenen Gesetze … Sobald das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode überlebt hat, aus einem gegebenen Stadium in ein anderes übertritt, beginnt es auch durch andere Gesetze gelenkt zu werden (…) Marx leugnet z.B., daß das Bevölkerungsgesetz dasselbe ist zu allen Zeiten und an allen Orten. Er versichert in Gegenteil, daß jede Entwicklungsstufe ihr eigenes Bevölkerungsgesetz hat…Mit der verschiedenen Entwicklung der Produktivkraft ändern sich die Verhältnisse und die sie regelnden Gesetze. Indem Marx das Ziel stellt, von diesem Gesichtspunkt aus die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erforschen und zu erklären, formuliert er nur streng wissenschaftlich das Ziel, welches jede genaue Untersuchung des ökonomischen Lebens haben muss…“

„Indem der Herr Verfasser das, was er meine wirkliche Methode nennt, so treffend, und soweit meine persönliche Anwendung derselben in Betracht kommt, so wohlwollend schildert, was anders hat er geschildert als die dialektische Methode?“(Marx)

Kapital I (Nachwort zur 2.Auflage) Werk 23, S.25-7, Institut-Ausgabe S.15-17