Handels- und Kriegskapitalismus

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung, das 16. und 17. Jahrhundert, sind Jahrhunderte einer neuen Art von Kriegen. Eroberung und Ausbeutung neuer und unbekannter Territorien und Menschen in Übersee erforderten Seekriege. Die europäische Expansion in Asien, besonders in Indien, in den beiden Amerikas und in Afrika geschah durch eine Union von Staatsmacht und privatem Kapital, von Krone und Großbürgertum.

Das Interesse von Krone und Kapital lag in der räuberischen Aneignung von Naturschätzen und in der Ausbeutung von Mensch und Natur. Während die europäischen Monarchien an der Teilhabe des Raubzuges und der Erweiterung ihres Hoheitsgebietes in fremden Ländern interessiert waren, um ihre Hegemonialansprüche in Europa untermauern zu können, waren die Kaufleute, Kapitäne,Eroberer und Bankiers an der Maximierung ihres Profits, an der Eroberung neuer Märkte, am Aufbau der Textilindustrie, an der Sicherung des Rohstoffs Baumwolle, schließlich an der Organisierung eines neuen Handels- und Produktionssystem eines weltumspannenden Kapitalismus interessiert. Zwar beteiligte sich z.B. die spanische Krone am Anfang an der Finanzierung der Expansion der Konquistadoren, das Risiko aber trugen die Eroberer. Auch die Folgekosten für die militärische Ausrüstung, für Verpflegung und Entlohnung der angeheuerten Seeleute mussten sie tragen. Aber sie waren meist die neuen Eigentümer eroberter Ländereien, auf denen sie Plantagen errichteten, Sklaven arbeiten ließen und Eigentümer des Raubgutes waren, das zum Fünftel von der Krone besteuert wurde. Zwar übten die Monarchien Spanien, Portugal, England und Frankreich und nicht zu vergessen die Republik der Niederlande die Hoheitsgewalt über die neuen Territorien, den Kolonien, aus, doch die Kapitalbesitzer besaßen die ökonomische Macht. „Privatisierte Gewalt gehörte zu den Kernkompetenzen“ (Sven Beckert) der Eroberer. Die Expansion europäischer Handelsnetze beruhte auf der Bereitschaft, Konkurrenten militärisch zu unterdrücken, durch Piraterie, durch Monopolbildung, und Menschen in vielen Regionen die merkantile Präsenz Europas aufzuzwingen.

Nach Zucker, Gewürzen, feinem Tuch aus dem Nahen und Fernen Osten bestand das Ziel des „transozeanischen Handels“ (Sven Beckert) darin, große Mengen Stoff auf den europäischen Markt zu bringen. Kattunen, Musselin und Chintzen wurden in indischen Werkstätten auf dem Lande hergestellt. Die Lieferkette indischer Baumwolle war anfangs kurz. Die Baumwolle fand direkten Zugang zu den indischen Werkstätten auf dem Lande. Lokale Händler, die Banias, kauften die Stoffe und verkauften sie an europäische Kaufleute, die in den Küstenstädten Faktoreien besaßen. Auf die Produktionsstätten hatten die europäischen Handelsgesellschaften ursprünglich keinen unmittelbaren Zugriff. Die indischen Baumwollproduzenten kontrollierten ihren Arbeitsrhythmus, waren Eigentümer der Arbeitsmittel und behielten das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen immer sie wollten. Auf die Preisgestaltung hatten die Europäer zu Anfang deshalb auch keinen unmittelbaren Zugriff.Die indische Stoffproduktion erlebte einen Aufschwung.

Die Stoffe dienten den Europäern als Tauschmittel, um in Südostasien damit Gewürze zu erwerben. Sie wurden auch an afrikanische Händler verkauft, um Sklaven zu kaufen, die gerade in der Neuen Welt auf den Plantagen gebraucht wurden.

Im nächsten Schritt ging es den Handelsgesellschaften darum, die Lieferkette zu kanalisieren und damit den Preis zu drücken. Englische Kaufleute bauten ein Nachfragemonopol auf. Sie vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die Banias über Mengen, Muster, Qualität und Lieferdaten. Den Vorschuss verteilten die Banias an Zwischenhändler, die einzelnen Webern die Mittel vorstreckten, um die Aufträge bewerkstelligen zu können. Die Zwischenhändler schlossen mit Webern die Verträge ab. Der produzierte Stoff ging denselben Weg wieder zurück. „Durch die Einmischung der Europäer in den asiatischen Handel gerieten ältere Netzwerke zunehmend ins Abseits, da bewaffnete europäische Händler die einst dominanten Inder und Araber aus vielen interkontinentalen Märkte heraus drängten.“ (Sven Beckert, King Cotton, C. H. Beck, S. 48)

Die „englische Methode“ beschreibt einen weiteren Schritt, um den Textilhandel ganz unter die Kontrolle zu bekommen. Zuerst versuchten man die indischen Banias aus dem Geschäft zu drängen, um unmittelbar Kontakt zu den dörflichen Produzenten zu erlangen. Man gründete ein „Board of Trade“ mit Hilfe indischer Agenten, den Gumashtas, die auf der englischen Lohnliste standen. Außerdem gab diese Einrichtung dem Generalgouverneur Instruktionen, wie das Ankaufsystem für Baumwollstoffe umgestaltet werden sollte. Ziel war es, mehr Stoffe zu günstigen Preisen zu produzieren. Um dieses Ziel einer Massenproduktion zu erreichen, führte man die Produzenten in eine Kreditabhängigkeit, damit sie der Nachfragemenge nachkommen konnten. Die Gumashtas bestimmten fortan die Produktionskapazitäten und senkten die Erzeugerpreise.

Dieser Prozess, der dem europäischen Verlagssystem ähnelt, führte in weiten Teilen zur Lohnarbeit, die mit einer Zunahme personaler Gewalt einherging.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhielten die indischen Weber bis zu 33% des Stoffpreises, im 18. Jahrhundert nur noch 6%. Sven Beckert berichtet, dass 1795 die Sterberate der Weber sehr hoch gewesen war.(57) Europäische Handelsgesellschaften zerstörten die indische Baumwollindustrie grundlegend.

Nicht nur die globale Vernetzung der Handelsströme, auch eine neue effiziente Produktionsweise organisierten europäische Unternehmer. Das „Herzstück“ dieses Systems war die Sklaverei. Sie ist eine „ökonomische Kategorie“ (Marx). Betriebswirtschaftlich war die „Sklavennahme“ in Afrika und Mesoamerika eine effiziente, profitable Methode, um kostengünstig größere Mengen  Baumwolle in der Betriebsform der Plantagenwirtschaft produzieren zu können und ihn dann nach Europa zu verschiffen, um dort die Textilindustrie aufbauen zu können. Zwar kostet der Sklavenkauf, aber die Exploitation der Arbeitskraft des Sklaven ist recht kostengünstig.

Der Kolonist bekommt zwar mehr Land, als er selbst bearbeiten kann, wie Adam Smith schreibt, braucht zudem keine Steuern zu bezahlen, er braucht seinen Ertrag auch nicht mit einem Grundbesitzer teilen. „Er hat daher jeden Anlass, einen möglichst hohen Ertrag zu erwirtschaften… Doch besitzt er gewöhnlich soviel Land, dass er … nur selten imstande ist, mehr als den 10. Teil von dem zu produzieren, was sein Besitz erbringen könnte. Er ist ständig bemüht, von überall her Arbeitskräfte zu beschaffen.“ Kostengünstig ist nach A.Smith auch die Landnahme der Kolonisten: „ Die Kolonie eines zivilisierten Volkes, das ein unerschlossenes Land in Besitz nimmt oder ein Land, das so dünn bevölkert ist, daß die Eingeborenen den neuen Siedlern leicht Platz machen können, entwickelt sich rascher Reichtum und Größe als irgendeine andere menschliche Gemeinschaft.“ (Adam Smith, Wohlstand der Nationen, S. 473) 

Sven Beckert hat die propagandistische Schönfärberei europäischer und amerikanischer Herrschaften in einer These von der „Zweiteilung der Welt“ in eine „innere Welt“ und in eine „äußere Welt“ zum Ausdruck gebracht. Die „innere Welt“ beruhe auf den Gesetzen, Institutionen und Regeln des Heimatlandes; auf den bürgerliche Rechtsstaat, auf demokratische Institutionen, auf Gesetzen, die auf den postulierten Menschenrechten beruhen. Die „äußere Welt“ dagegen war gekennzeichnet von der imperialen Herrschaft, von Enteignungen riesiger Gebiete und Unterjochung unzähliger Menschen, von der Dezimierung großer Teile der beherrschten Völker oder des Genozids. 

Entscheidend in dieser frühen Phase des Kapitalismus war nicht die Organisierung eines Welthandels, der unter protektionistischen Maßnahmen europäischer Großmächte und der Monopolbildung großer Handelsgesellschaften stand, sondern die Umgestaltung der Produktion in eine Produktion der Lohnarbeit.            

Sven Beckert erzählt die Geschichte von Samuel Greg, die paradigmatisch die Produktionsnetzwerke, die Lieferketten und die Kapitalzirkulation im 18. Jahrhundert demonstriert.

1780 investierte Samuel Greg 3000 Pfund, was in etwa dem heutigen Wert von 500 000 Dollar entsprechen würde, in den Aufbau einer Garnfabrik Quart Bank Mill nahe Manchester. Dieses Vermögen entsprang der Sklavenarbeit auf seiner Zuckerplantage einer karibischen Insel mit Namen Dominica, auf der er bis zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei auf britischem Gebiet 1834 Hunderte von afrikanischen Sklaven ausbeutete. Mit dem Kapital aus diesem Vermögen stellte er zuerst 90 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren für 7 Jahre aus den dörflichen Armenhäusern ein: 

Eine Geschäftsidee, die durchaus gängig in Unternehmerkreisen war. J. Bentham, ein utilitaristischer Menschenfreund  und Glücksmathematiker, wollte zusammen mit seinem Bruder Samuel Arme und Sträflinge in großer Zahl zum Antrieb von Maschinen in seiner Fabrik einsetzen und in Industriehäusern beherbergen. Sein Vorschlag sah vor, von einem in London residierenden Aufsichtsrat der Bank von England, einer Privatbank, sollten in ganz Südengland solche Industriehäuser geleitet werden. Die Kosten sollten einem Fond entnommen werden. Die Körperschaft sollte eine Aktiengesellschaft sein. 250 solcher Industriehäuser mit einer halben Millionen Insassen sollten errichtet werden. „Benthams Plan bedeutete nicht weniger, als den Ausgleich des Konjunkturzyklus durch die Kommerzialisierung der Arbeitslosigkeit im gigantischen Maßstab.“ (Polanyi) 

Die Baumwolle für seine neue Fabrik kaufte Greg aus dem gleichen Vermögen, das aus seiner Zuckerplantage auf Dominica stammte, von verwandten Kaufleuten in Liverpool, die ihre Baumwolle aus Jamaika und aus dem brasilianischen Recife bezogen.

Im Unterschied zur Manufaktur setzte Greg eine Spinnmaschine ein, die allein durch Wasserkraft betrieben wurde. Sie erlaubte kontinuierliches Spinnen ohne etwaige Unterbrechung. Die „Waterframe“ benötigte einen mechanischen Antrieb, weshalb sich die Produktion in Fabriken konzentrierte im Unterschied zur „Jenny“, die meist in Privathaushalten angewandt wurde.

Dem Fabriksystem gehörte die Zukunft, da durch den Einsatz von Maschinen und durch die Erweiterung und Spezialisierung der Arbeitsteilung die Produktivität entscheidend erhöht werden konnten. 

Zwanzig Jahre später stellte Greg weitere 110 erwachsene Arbeiter ein, nun allerdings zu „regulären Löhnen“, wie Beckert bemerkt. 

Um zu verstehen, was die Formulierung „regulär“ bedeutet, lohnt sich einen Blick auf die großen Armutsgesetze der Jahre 1598 und 1601 zu werfen, die Grundlagen des englischen Armutsrechts bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts blieben. „Das Armutsgesetz von 1598 enthielt darüber hinaus auch die Bestimmung, die die zwangsweise Lehrlingsausbildung von armen Kindern anordnete.“ An die Stelle individueller Mildtätigkeit in den Jahrzehnten zuvor, die im Zusammenhang mit der Expansion der Markt-und Geldwirtschaft im Verlauf des 16.Jahrhunderts tendenziell zurückging, wurde durch die >Act for the Relief of poor< (1598) die Armenunterstützung in der Hauptsache den Kirchenvorständen und Armenaufsehern einzelner „Kirchspiele“ übertragen. Die Einführung der kommunalen Armensteuer (compulsory poor rate) wurde von jedem Einwohner und jedem Landbesitzer eingezogen – im Falle von Notzeiten. Als Arme galten Kranke, Arbeitsunfähige und alleinstehende Kinder und Alte, die ihre Lebensmittel nicht aus eigener Kraft besorgen konnten: die „impotent poor.“ 

Es ist zu vermuten, dass Samuel Greg jene 90 Kinder aus den Armenhäusern mit „Naturallöhnen“ entschädigt hat, die dem Kirchsprengel die Kosten für die Unterbringung der Kinder minimierte, was nicht nur für die Kirchenvorsteher, ihren Aufsehern, sondern auch  für den Fabrikanten Greg sowie den Steuerzahlern zum geldlichen Vorteil gereicht haben durfte. Dieses Entlohnungssystem war nicht nur kostengünstig und profitabel, sondern stellte auch ein Übergangssystem zur vertraglich aushandelbaren Lohnarbeit durch den Arbeitsmarkt dar, den es in Großbritannien erst ab 1834 gab.

Als 1795 das aus dem Jahre 1662 stammende Niederlassungsgesetz gelockert wurde, das die Vorschriften der sogenannten Gemeindeleibeigenschaft niederlegte, wurde aber zur gleichen Zeit das „Speenham Gesetz“ als ein Zuschussgesetz für niedrige Löhne eingeführt. Die Lohnzuschüsse waren an den Brotpreis gekoppelt und sollten Armen, unabhängig von ihren Einkünften, ein Minimaleinkommen garantieren. Da 1790 und 1800 verschiedene Antikoalitionsgesetze erlassen wurden, trug das Speenham Gesetz mit dazu bei, die Löhne „regulär“ zu senken und die Arbeitgeber gleichzeitig zu subventionieren.  Erst mit der Abschaffung der Sklaverei 1834 entstand ein Arbeitsmarkt. „Der Arbeitsmarkt war praktisch der letzte der Märkte, die im Rahmen des neuen Industriesystems organisiert wurden, und dieser letzte Schritt wurde erst dann eingenommen, als die Marktwirtschaft startbereit war und sich das Fehlen eines Arbeitsmarktes sogar für das einfache Volk selber als größeres Übel erwies denn die unheilvollen Auswirkungen, die mit seiner Einführung eingehen sollten.“(Karl Polanyi, The Great Transformation, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1978, S.113) 

Mit dieser kapitalistischen Produktionsweise erwirtschaftete Samuel Greg eine Kapitalrendite von 18%, die vier mal so viel höher war als britische Staatsanleihen. Dieses Anleihesystem wurde gegen Ende des 17.Jahrhunderts eingeführt, weil die Staatsverschuldung durch die Kriegsführung Wilhelms III. zwischen 1691 und 1697 auf jährlich 2,5 Millionen Pfund angewachsen war. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 war sie auf 54 Millionen Pfund angewachsen, mit einem jährlichen Zinsendienst von 3,5 Millionen Pfund. Auch in diesem Zusammenhang wird die Machtteilung zwischen Krone und Bourgeoisie deutlich: Die politische Macht lag in den Händen der Krone, die ökonomische in den Händen der Großbourgeoisie. Eine solche Machtteilung war für eine kapitalistische Marktwirtschaft auf längere Sicht nicht verträglich.

Die Fabrik des Samuel Greg exportierte das Garn in die europäischen Staaten und  in die Karibik. „Schließlich sollte ein Großteil der von Greg produzierten Waren Großbritannien verlassen – um den Bedarf des Sklavenhandels an der Westküste Afrikas zu decken, um Greg eigene Sklaven auf der Insel Dominica zu bekleiden und um die Verbraucher auf dem europäischen Kontinent zu bedienen.“ (S.Beckert) 1833 beschäftigte Greg 2084 Arbeiter an 5 Standorten.

Die „direkte“ und „indirekte Sklaverei“ ist der „Ausgangspunkt unser heutigen Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie… So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Karl Marx, Brief an Annakow, MEW 4)    

Freiheit und Knechtschaft

Prolegomenon:

„Herr Proudon verfällt in den Irrtum der bürgerlichen Ökonomen, die in den ökonomischen Kategorien ewige Gesetze sehen und nicht historische Gesetze, die nur für eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte gelten. Statt daher die polit-ökonomischen Kategorien als Abstraktionen von den wirklichen, vorübergehenden, historischen gesellschaftlichen Beziehungen anzusehen, sieht Herr Proudon, infolge einer mystischen Umkehrung, in den wirklichen Verhältnissen nur Verkörperungen dieser Abstraktionen.“ (K.Marx) Die Kategorie  oder die Idee „Freiheit“ und die Kategorie „Sklaverei“ bilden einen Antagonismus, sie sind Gegensätze. Die „direkte Sklaverei“ (Marx) im Vergleich zur „indirekten Sklaverei“ , der Lohnarbeit, ist „Ausgangspunkt unserer heutigen Industrie, ebenso wie die Maschinen, der Kredit etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie…Die Sklaverei verschwinden zu lassen, hieße Amerika von der Weltkarte streichen. So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Marx an Annenkom, am28.12.1846;In: MEW 4, S.547-57).  Die Maskerade der Sklaverei hat im Falle des Negerhandels anders ausgesehen als im Falle der „indirekten Sklaverei“, der Lohnarbeit. Im ersteren Falle sollte die Maskerade vortäuschen, Neger seien eine andere Rasse Mensch und hätten eine andere Polygenese, etwa wie die der Neandertaler. Neger seien dumm, unvernünftig, unzivilisiert, Affen ähnlich, seien einfaches Handelsgut. Sie wurden wie Vieh „Gebrandmarkt“, gestempelt. (siehe Ibrahim X.Kendi, Stamped from the Beginning, The Definitiv History of the Racist Ideas in Amerika. Erschienen bei C.H.Beck 2016) Vielfältige Blüten des Rassismus stellt Kendi in seinem Buch dar, um den Widerspruch zwischen dem Postulat der bürgerlichen Verfassung „Alle Menschen sind gleich“ und der Sklaverei aufzuheben. Um zum Beispiel diesen Widerspruch aufzuheben, fügten die Südstaaten, die Sklaverei betrieben, den Satz in ihre Verfassung ein: „Alle freien Menschen sind gleich erschaffenworden.“ Auch der liberale Adam Smith, Großmeister der kapitalistischen Ökonomie, schreibt in seinem Meisterwerk der Maskerade: „Das ganze Innere Afrikas und alle Länder, die weiter nördlich vom Schwarzen Meer und Kaspischen Meer liegen… waren wohl von jeher in dem unzivilisierten und unterentwickelten Zustand, in dem wir sie heute noch vorfinden.“ Zugleich lobt er die Amerikanische Verfassung. Dass auch für A.Smith Sklaverei eine ökonomische Kategorie ist, zeigt der Unterschied, den er zwischen Lohnarbeit und Sklaverei macht. Die Sklaverei sei nachteilig für eine Marktwirtschaft, da Sklaven keine Käufer und kein eigenes Einkommen besitzen, wie die Lohnarbeiter. Für Jefferson, den alten Rassisten, war der >Wohlstand der Nationen< das beste Buch über die politische Ökonomie, das es gibt.“ Als in Frankreich 1789 die Revolution im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begann, gab es in der französischen Kolonie Saint-Dominique nach Angaben der damaligen Kolonialverwaltung 40 000 Weiße und 28 000 freie Farbige. Dazu kamen 452 000 Schwarze Sklaven. Die französische Regierung verweigerte trotz ihrer revolutionären Verlautbarungen jegliches Zugeständnis gegenüber den freien Farbigen, da Frankreich wirtschaftlich am Boden und in Kriege mit allen Nachbarn verwickelt war. Die Kolonie war die einzige verlässliche Einnahmequelle. Die Revolutionäre sahen deshalb in der Diskriminierung von Schwarzen und Farbigen eine notwendige Ausnahme von ihrer egalitären Ideologie.     

Im Unterschied zur direkten Sklaverei bewegt sich die „indirekte Sklaverei“ der Lohnarbeit im Rahmen der Zirkulation der Marktwirtschaft. Lohnarbeiter sind aktive Teilnehmer der Zirkulation; sie sind Anbieter ihrer Ware Arbeitskraft und Konsumenten, Nachfrager nach den Waren. Was in diesem Zirkulationsprozess herrscht ist : Freiheit, Gleichheit und Eigentum. Die Grundprinzipien ewiger Menschenrechte.

„Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine.Bentham! denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die des Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil jeder nur für sich und keiner für den anderen kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie (Unsichtbare Hand! Wol.Ro.) der Dinge, oder den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzes, des Gesamtinteresses. Schon beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation…verwandelt sich, so scheint es, die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstrebend, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markte getragen und nun nichts anderes zu erwarten hat als die – Gerberei.“ (Marx, Kapital I. Werke MEW 23, S.189-91)

Das Reich der Freiheit

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Im „Reich der Notwendigkeit“ , in dem der vergesellschaftete Mensch den Stoffwechsel mit der Natur rationell regelnd und unter gemeinschaftliche Kontrolle bringend, mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollzieht, hört dort auf, „wo die menschliche Kraftentwicklung.. sich als Selbstzweck gilt… Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“ (Marx, Kapital III. MEW 25, S.828)

 Als Naturwesen können Menschen niemals ganz frei im Sinne der Abwesenheit eines Zwangs sein. Sie  müssen in einen „Stoffwechsel“ (Marx) mit der Natur unter bestimmten Bedingungen des Arbeitsprozesses als soziale Wesen eintreten.

Wenn Freiheit ,nach Kant, „das Vermögen der reinen Vernunft für sich selbst praktisch zu sein“ ist, dann ist dem Menschen das Vermögen nur dann möglich, wenn er selbst von diesem „Stoffwechsel“ absehen kann. Freiheit ist dann eine Zustandsbezeichnung. Die Freiheitsrechte, wie sie in den Menschenrechten formuliert sind, sind eine Zustandsbeschreibung unter bestimmten ökonomischen und politischen Bedingungen. Wenn sie als Vernunftrecht tituliert und somit von der Natur des Menschen aus gesehen als ewig und als unveräußerlich postuliert werden, dann sind sie reine Ideologie und Propaganda sowie ein Kampfmittel in der Außenpolitik. 

Im Reich des bürgerlichen Rechts ist die Person im Gegensatz zu seiner Stellung im „Stoffwechselprozess“ als Rechtsperson frei. Als Rechtsfigur tritt Freiheit in der Maske (lat. persona, die Schauspielermaske) des Individuums anderen gegenüber auf und wird auch von anderen als solches „angesehen“. Sie sehen sich als gleichwertige Personen an. Ihr Verhältnis ist ein Vertragsverhältnis, ein gewaltloses, ein von personaler Unterdrückung und Knechtschaft freies Verhältnis. Die Produktionsverhältnisse bleiben aber davon unberücksichtigt. 

Der Geist des Geldes

Zu Beginn der „Politischen Ökonomie“ der Marktwirtschaft wurden die zentralen Kategorien – Ware und Geld – getrennt von einander untersucht.

Während Ware in einem intersubjektiven Tauschverhältnis untersucht und nach einem Faktor gesucht wird, der ungleiche Produkte zu einem gleichen Wert austauschfähig werden lässt (Tauschwert) und in einer Gleichung ausgedrückt werden kann (Äquivalenzpostulat), wird Geld als eine vernünftige Konvention angesehen, die imstande ist, den Handel zu beschleunigen, und als Tausch-bzw.Zahlungsmittel fungiert. Geld drückt so zusagen den Tauschwert der Waren im Marktpreis aus, es ist der Geldname des Tauschwertes, obwohl der tatsächlich gezahlte Marktpreis nicht dem Tauschwert zu entsprechen braucht. Waren sind nur insofern vergleichbar, als ihnen ein gemeinsamer Wertmaßstab zugesprochen wird: die Arbeitszeit. Die „Englische Schule“ vertrat demnach einen preistheoretischen Dualismus. Einerseits drückt der Tauschwert den „natürlichen Preis“ (Adam Smith) oder den „relativen Preis“ (David Ricardo) der Ware aus, gemessen in der durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig ist, und andererseits den dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage folgenden Marktpreis in Form des Geldes aus. Der Marktpreis oszilliert um den Tauschwert. Das Geld überlagert gleichsam das Tauschsystem der „realen Werte“. Die Geldtheorie hatte den Tauschwert des Geldes – seine Kaufkraft – zu definieren. Auf dem Grundsatz der Gleichwertigkeit beruhend, formuliert die hypothetisch gewonnene „stationäre Gleichgewichtstheorie“ folgende Gleichung: Geldmenge (H) x Durchschnitte der Warenpreise (P) = Zahlungsmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V). Diese Gleichung stellt ein unelastisches Gleichgewichtsmodell dar, in dem H und V unverändert bleiben müssen, damit die Veränderung von M auf P wirken kann, wonach mit der Zunahme von P M entsprechend steigt. Diese Gleichung stellt ein Grenzfall des Gleichgewichts dar. In ihr werden weder der Faktor Einkommensentwicklung (Faktorkosten) noch der Zeitfaktor im Handelsverkehr berücksichtigt. Der Wert des Geldes wird durch das Verhältnis zwischen H und M bestimmt, sodass die Geldtheorie allein den Tauschwert des Geldes oder seine Kaufkraft zu behandeln hatte.

Dieses Mengenmodell ist ein Modell gleichartiger, quantitativer Einheiten und gleichzeitig der Einstieg in die „Physikalisierung“ der Ökonomie durch ihre Mathematisierung, die den Eindruck vermittelt, als seien Ware und Geld Resultate mechanischer und unpersönlicher wie unhistorischer Prozesse. Die These von der „Neutralität des Geldes“ , wie sie sich im Rechengeld äußert, ist der manifeste Versuch gesellschaftliche Produktions- und Verkehrsverhältnisse zu enthistorisieren und zu verschleiern. So schreitet in der neoklassischen „monetären Quantentheorie“ dieses Wegrücken von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen in der Wirtschaft weiter fort: Geldmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V) = Preisniveau (P) x Transaktionsvolumen (T) (I.Fischer-Gleichung). M.Friedmann modifiziert diese Quantentheorie durch die These, dass Veränderungen von V Konjunktur und Preise verändern, was zur Konsequenz führe, dass der Staat so wenig wie möglich in den Marktmechanismus eingreifen sollte. Aus dieser theoretischen Perspektive verschiebt sich das Verhältnis zwischen Ware, als ein Arbeitsprodukt unter einer spezifischen Produktionsweise und natürlichen Bedingungen, und Geld hin zum Geld. Geld regiert. Geld ist die Architektur der Weltordnung.

John Stuart Mill versucht in seinem Werk A System of Logik, Ratiocination and Induktive (1843) mit seiner Methode der induktiven Logik eine endlose Vielzahl von scheinbar unverbundener Phänomene und Vorgänge, wie sie Beobachtung und Erfahrung liefern, in ein System streng determinierter ökonomischer Beziehungen zu verwandeln, worauf sich Prinzipien des deduktiven Schließens anwenden lassen. Erst durch die Mathematisierung könne man, so Mill, überhaupt der Ökonomie der Marktwirtschaft das Prädikat Wissenschaft zuschreiben. Voraussetzung sei, dass alle Preise streng von ihren Kosten bestimmt werden. Da die Produktionselemente Maschine,Energie,Rohstoff und Arbeitskraft wie physikalische Körper zu verstehen und zu behandeln seien, müssten sich Ökonomen mit der Produktion selbst und ihren Bedingungen nicht weiter auseinandersetzen.

„Geld- Gott der Waren“ (Karl Marx)

In der Kritik der Politischen Ökonomie seiner Vorgänger weist Marx die These von der „Neutralität des Geldes“ zurück. Er entwickelt das Geld aus dem Warenaustausch, in dem es historisch zuerst als Tauschmittel und als Geldware (z.B. Edelmetalle als Geld) die Funktion eines allgemeinen Äquivalents eingenommen habe, bevor es als Zahlungsmittel und später als Zirkulationsmittel fungiert.

In den“ Grundrissen“ weist Marx darauf hin, dass Geld zuerst an den Grenzen früherer Gemeinwesen und nicht innerhalb ihrer aufgetreten sei. Es sei falsch, „den Austausch mitten in das Gemeinwesen zu setzen, als das ursprünglich konstituierende Element.“ (Marx,Grundrisse,23) Bei den Griechen und Römern habe Geld nicht alle ökonomische Verhältnisse durchflutet, wie in einer, alle gesellschaftlichen Bereiche durchflutenden Marktwirtschaft. Im Römischen Reich zum Beispiel blieb Naturalsteuer und Naturallieferung Grundlage. „Das Geldwesen eigentlich nur vollständig dort entwickelt in der Armee.“ Andererseits könne auch gesagt werden, dass es entwickelte Gesellschaftsformen gegeben habe, in denen es Kooperation und eine entwickelte Arbeitsteilung gab, ohne dass es dort, wie z.B. in Peru, „irgend ein Geld existiert.“(Marx, ebda. 24).

Das Geld entwickelt sich aus den Anfängen des Gütertauschs. Darin folgt Marx Aristoteles. Nach Aristoteles gehört der naturgemäße Austausch (metabletike) zur natürlichen Erwerbskunst (ktetke), so wie die Hauswirtschaft (ökonomia) auch. Aus dem Tauschhandel mit den erweiterten Gemeinschaften (koinonia) entwickelt sich zwangsläufig die „künstliche Erwerbskunst“ (chrematistike), die deshalb als künstliche angesehen wird, weil sie auf den Austausch mit Geld beruht. Der zufällige und unregelmäßige Güteraustausch benötigt auf kurze Sicht kein vergleichendes Maß, sondern wird bestimmt durch das Bedürfnis oder die Notlage, ein Arbeitsprodukt gegen ein anderes zu tauschen. In Stammesgesellschaften ist Geld nicht notwendig, da andere Verteilungsmechanismen (siehe Polanyi, Die Große Transformation) stattfinden. Auch im Tauschhandel, so Marx, „wo überhaupt noch wenig ausgetauscht wird und noch wenige Waren in den Verkehr kommen“, ist kein Geld nötig. Dort lasse sich das Wertverhältnis zwischen Gütern durch ein einfaches quantitatives Verhältnis ausdrücken. „In dieser Form können wir überhaupt verfahren, wenn wir nur wenige Waren miteinander vergleichen, die gleiches Maß haben; z.B. soviel Quarter Roggen, Gerste, Hafer für soviel Quarter Weizen.“ (Grundrisse,97) Die Waren stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zueinander, dessen Wert Marx wie seine Vorgänger Tauschwert nennt. Dieser Vergleich ist ein quantitativer, der auf ein gleichförmiges Maß bezogen wird. Dieses Maß muss die Eigenschaft haben, in aliquote (untergeordnete) Teile einer Einheit, z.B. einer Gewichtseinheit, untergliedert werden zu können. Diese quantitative Vergleichbarkeit bestimmt den Begriff der Äquivalenz.

Die Form des Geldes als Äquivalent geht im Lauf der Geschichte auf verschiedene Waren über. „Mit der Entwicklung des Warenaustauschs heftet sie sich aber ausschließlich fest an besondere Warenarten oder kristallisiert zur Geldform. An welcher Warenart sie kleben bleibt, ist zunächst zufällig.Jedoch entscheiden im großen und ganzen zwei Umstände. Geldform heftet sich entweder an die wichtigsten Eintauschartikel aus der Fremde, welche in der Tat naturwüchsige Erscheinungsform des Tauschwertes der heimischen Produkte sind, oder an den Gebrauchsgegenstand, welches das Hauptelement des einheimischen veräußerlichen Besitztums bildet, wie z.B. Vieh. (…) Menschen haben oft den Menschen selbst in der Gestalt des Sklaven zum ursprünglichen Geldmaterial gemacht, aber niemals den Grund und Boden. Solche Idee konnte nur in bereits ausgebildeter bürgerlicher Gesellschaft aufkommen.“ (Marx,103f.) Erst wenn der Warenaustausch seine lokalen Grenzen sprengt und der Warenwert „sich zu Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet, geht die Geldform auf Waren über, die von Natur zu gesellschaftlichen Funktion eines allgemeinen Äquivalents taugen, auf die edlen Metalle.“(104)

Da Geld in bestimmten Funktionen als Zahlungsmittel und Zirkulationsmittel durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entspringt die Illusion, es sei Institution, eine geistreiche und vernünftige Konvention und könne daher aus dem Nichts geschöpft werden, wie es Goethe im Faust ausdrückt.

„Die Geldform ist dem Ding selbst äußerlich und bloße Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse.“ (Marx,105)

Grundrisse der Politischen Ökonomie –

Wenn die Geldform „dem Ding äußerlich“ und somit unabhängig von dessen Naturalform ist, da Gold als bloße Ware nicht Geld ist, kann Geld als allgemeines Äquivalent auch Funktionen als Zahlungsmittel oder Kredit übernehmen.

Mit der Entwicklung der Warenproduktion entwickeln sich jedoch Verhältnisse, wodurch die Veräußerung der Ware von der Realisation ihres Preises zeitlich getrennt wird…Da die Metamorphose der Ware oder die Entwicklung ihrer Wertform sich hier verändert, erhält auch das Geld eine andere Funktion. Es wird zum Zahlungsmittel.“

Marx,MEW 23,S.149-

Geld als Zahlungsmittel entspringt der einfachen Warenproduktion (W-G-W) dann, wenn Kauf und Verkauf zeitlich auseinander fallen. Geld in der Funktion als Zahlungsmittel benötigt staatliche Garantie. Geld funktioniert erstens als Wertmaß in der Preisbestimmung der verkauften Waren, zweitens als ideelles Kaufmittel, obwohl es nur im Versprechen des Käufers existiert. Erst am Zahltag tritt das Geld in die Zirkulation. das Geld vermittelt nicht mehr den Austauschprozess, sondern schließt ihn ab. Wenn Geld als Zahlungsmittel fungiert, funktioniert es als Rechengeld oder als Wertmaß.

Das Kreditgeld entspringt unmittelbar aus der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel, indem Schuldzertifikate für die verkauften Waren selbst wieder zur Übertragung der Schuldforderungen zirkulieren.“

Marx,MEW 23,154-

Mit der Ausdehnung des Kreditwesens dehnt sich auch die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel aus. „Als solches erhält sie eigene Existenzformen, worin es die Sphäre der großen Handelstransaktionen behaust, während die Gold- und Silbermünze hauptsächlich in der Sphäre des Kleinhandels zurückgedrängt wird.“(Marx,MEW 23,154) Das Geld wird „zum Henker aller Dinge“. (Marx) „Die Finanzkunst die Retorte, in der eine Schrecken erregende Menge von Gütern und Waren verdampft worden ist um diesen unheilvollen Extrakt zu gewinnen…Das Geld erklärt dem ganzen Menschengeschlecht den Krieg.“ (Boisguillertot, in: Marx MEW 23, ebd.154) Je umfangreicher sich das Geld als Zahlungsmittel entwickelt, und das tut es als Geldkapital zwangsläufig, um so notwendiger wird die Geldakkumulation für die Verfallstermine der geschuldeten Summen.

Das Himmelreich des Geldes

Als allgemeines Äquivalent erfüllt Geld nicht nur die Funktion eines Tauschmittels, nicht nur die eines Zahlungsmittels, sondern es ermöglicht auch den Austauschprozess zu einem permanenten Zirkulationsprozess zu gestalten. Als Zirkulationsmittel ist Geld nicht nur Repräsentant der Warenpreise, sondern Zeichen seiner selbst, d.h. in dem Akt der Zirkulation ist sein Material gleichgültig. Es ist symbolisches Geld und ersetzt das reale (materiale) Geld. Als ein solches Zeichen kann es auch gegen andere Zeichen, z.b. Wertpapiere, und gegen Währungen ausgetauscht werden.

Der Zirkulationsprozess der Ware hat folgende Kreislaufbewegung: W-G-W. Die Ware fällt nach dem Kauf aus der Zirkulation heraus und wird konsumiert. Der Kreislauf des Geldes erscheint in diesem einfachen Zirkulationsprozess nicht. Als Zirkulationsmittel haust aber das Geld ständig in der Zirkulationssphäre: G-W-G-W-G…

Wenn es mit anderen Zeichen oder Wertpapieren in einen Austauschprozess tritt, dann zirkulieren keine realen oder materiellen Waren, sondern nur Eigentumstitel auf ein zukünftiges Geld. Die Eigentumstitel können dann entweder selbst die Funktion des Geldes oder eben Ware sein. Märkte, auf denen dies passiert, scheinen entkoppelt von allen anderen Märkten. Es ist das „Himmelreich des Geldes.“

Der Dreizack des Handelskapitalismus

Fernhandel-Monopol-Krieg

Bleiben mir Neger dreihundert nur/Im Hafen von Rio-Janeiro,/Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück/Das Haus Gonzales Perreiro

Das Sklavenschiff, Heinrich Heine

Sowohl Karl I. von Spanien, später kurfürstlich gewählter Karl V. des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, als auch sein Sohn Philipp II. von Spanien benötigten dringend mesoamerikanisches Gold- und Silber, um ihre Kriege gegen Frankreich, England, den Niederlanden, die Hoheitsgebiet Spaniens waren, und gegen die Türken zu finanzieren. 

Allein für den Schutz der niederländischen Grenzgebiete zwischen 1521-26 musste Spanien 300 000 Goldmünzen(Gulden) monatlich aufbringen. Schon eine relativ kleine Truppe von 3 000 Fußknechten für 3 Monate kostete 40 000 Gulden, für eine Artillerie musste man zudem 50 000 Gulden berappen. Die Kluft zwischen Einnahmen aus königlichen Domänen, aus Abgaben, dem Quinto Real einerseits und den Ausgaben andererseits stieg stetig an, sodass auch der geraubte amerikanische Goldschatz wenig an der Misere änderte. Steuererhebungen in den niederländischen Städten und Provinzen sollten diesen Kostenabgrund überbrücken und den drohenden Staatsbankerott verhindern helfen. Als im Zuge des Krieges gegen Frankreich 1536 wieder eine Steueranhebung erfolgte, weigerte sich die Genter Stadtregierung, mit diesem Geld Truppen aufzubieten. Bürger, Zünfte und auch die Wollweber unterstützten die >Collace<, ihre Bürgerversammlung. Daraufhin verfügte Karl V., Gent aller Rechte und Privilegien zu entheben, öffentliches Eigentum zu konfiszieren, bis die Bürger Abbitte leisteten.

Nicht nur wie in diesem Falle verpulverte die Monarchie den amerikanischen Goldschatz, sondern erpresste Handelsgold, das sich in den niederländischen Handelsstädten gleichsam stapelte. Städte wie Antwerpen, Gent waren Warenumschlagplätze. Amsterdam war ein sehr erfolgreicher Stapelplatz für Waren und Schnittpunkt der Handelsströme zwischen Nord- und Südeuropa: „ein Magazin von ganz Europa.“(Driesen,Kleine Geschichte Amsterdams,Verlag F.Pustet, 210) „Nordeuropa glich einem Bienenstock aus produktiven städtischen Zentren (…), die im 14 und 15. Jahrhundert zu wichtigen Umschlagplätzen für Waren aus dem Mittelmeer, Skandinavien, dem Baltikum und Russland sowie den britischen Inseln aufgestiegen waren.“ (Frankopan, Licht aus dem Osten, rororo 2020, S.359) Spanische Erpressung, Korruption, Zölle und Kriege behinderten den Handel, sodass die freiheitlichen reformierten Ideen Calvins und Luthers  in den stark urbanisierten Gegenden der Niederlande auf fruchtbaren Boden fielen, aus der spanisch-katholischen Umklammerung und Fremdherrschaft zu entfliehen. Der Protestantismus schlug feste Wurzeln und förderte Republik und Kapital.

Als 1581 7 Provinzen in Utrecht die Unabhängigkeit von Spanien erklärten und die „Niederländische Republik“ gründeten, begann ein spanisches Handelsembargo gegen die Republik. Ihre Bevölkerung sollte ausgehungert werden.  Zwar traf die erpresserische Maßnahme hauptsächlich die  ländliche Bevölkerung, die daraufhin in die Städte strömte. Dort befanden sich genügend Warenlager, in denen unter anderem große Vorräte an Getreide und Fisch für die Grundernährung der armen Bevölkerung gelagert waren. Die Lebensmittel waren vergleichsweise billig. Allein die Mieten stiegen kräftig an, was einen Boom im Hausbau auslöste. Während zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Amsterdam noch eine mittelgroße Stadt von 29 bis 30 Tausend Einwohnern war, überschritt die Einwohnerzahl 1602 schon die Grenze von 100 000, 80 Jahre später um 1680 zählte Amsterdam vermutlich schon über 200 000 Einwohner und gehörte zu den größten Städten Europas.Das Embargo brach wegen Erfolglosigkeit zusammen, auch weil Spanien in andere kriegerische Auseinandersetzungen gegen Frankreich, gegen die Türken und gegen England verstrickt war.

Entscheidend aber war die Tatsache, dass Amsterdam und die vereinigten niederländischen Provinzen aus der Not eine Tugend gemacht haben. Sie bauten eigene Handelsrouten auf.Als 1590 die spanischen Truppen aus den Niederlanden verschwanden, gründeten Kaufleute 1594 die erste „Compagnie der Ferne“. Ein Jahr später stach die erste Flotte nach Ostindien in See. Bei ihrer Rückkehr zwei Jahre später waren von den ursprünglich 249 Besatzungsmitgliedern nur noch 90 an Bord. Die Expedition war ein totaler Misserfolg.1597 brach eine weitere Flotte nach Ostindien auf. Sie erbrachte einen spektakulären Gewinn von 400%. Daraufhin gründeten sich viele Compagnien. Allein 1601 stachen vier Flotten in See.Da die Konkurrenz die Preise und Profite verdarb und die portugiesische und spanische Konkurrenz in Ostindien erst aus dem Felde geschlagen werden musste, wurde unter dem Vorsitz von Johan van Oldenbarnevelt eine niederländische Monopolgesellschaft gegründet, die berühmt berüchtigte Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC). „Die VOC riss den gesamten Gewürzhandel an sich, schlug Portugiesen und Engländer aus dem Feld und ließ ganze Inselgruppen entvölkern.“(Driesen,38) Der VOC-Generalgouverneur schrieb an die Amsterdamer Direktoren:

„Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu treiben.“

Die VOC war nicht nur eine weltweit operierende kapitalistische Monopolhandelsgesellschaft, sondern zugleich eine kriegerische Räuberorganisation zur Sicherung ihrer Handelsrouten und Produktionsstätten. In diesem Rahmen bürgerlichen Wohlstands erblühte die niederländische Malerei, hielt der Protestantismus Einkehr und wurde die Philosophie des Rationalismus eines Descartes und Spinoza erdacht. Auf dieser ökonomischen Grundlage konnte sich die Hochkultur der niederländischen Malerei des 17.Jahrhunderts auch deshalb entwickeln, weil nunmehr nicht nur adeliges Mäzenatentum, sondern Großbürger genügend Geld besaßen, Portraits, bürgerliches und ländliches Leben malerisch darstellen zu lassen.   

Bis zu 60% betrugen zuweilen die Dividenden. Die VOC war die erste Aktiengesellschaft. Die erste Aktie stammt aus dem Jahre 1606. Luxuswaren wurden nach Amsterdam verschifft: Pfeffer, Seidenstoffe, Kupfergeschirr und vieles mehr. Dreimal im Jahr fuhr eine Flotte nach Asien. Im Jahre 1665 baute die VOC ein 177 Meter langes, vier Stockwerke hohes Speicherhaus, das größte Firmengebäude der damaligen Welt. 

Kriege wurden, sprichwörtlich, zu Handelskriegen und hatten einen anderen Grund und Zweck als die Kriege der aristokratischen Herrschaftshäuser. Letzteren ging es um Erweiterung von Territorien und um politische Macht, da Grund und Boden die Quelle ihres Reichtums waren. Der Zweck für die VOC indes bestand darin, nicht nur Handelsstützpunkte für ihren Fernhandel zu errichten, was auch die Königreiche dieser Zeit für ihre Kaufleute taten, nicht nur militärisch die Handelsrouten zu sichern, auch nicht nur die Produktionsstätten in Asien zu beherrschen und dort Mensch und Natur auszubeuten, sondern es galt ein Handelsmonopol zu errichten, um einen höchst möglichen Profit zu erzielen und die Konkurrenz auszuschalten. „Es ging nicht darum, mit anderen europäischen Kaufleuten zu wetteifern wie beispielsweise in Goa, wo portugiesische, venezianische und deutsche Händler Seite an Seite operierten; vielmehr sollte diese verdrängt werden.“ Es ging der VOC um Markteroberung, um extra hohe Profitmaximierung. Nicht mehr Wettbewerb, sondern um Ausschaltung der kapitalistischen Konkurrenz.

Der Superkargo Mynher van Koek/ sitzt rechnend in seiner Kajüte; / Er kalkuliert der Ladung Betrag/ und die probaten Profite

Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,/dreihundert Säcke und Fässer;/ Ich habe Goldstaub und Elfenbein -/ Die schwarze Ware ist besser

Heinrich Heine

Während das Azteken Gold in (neu)spanischen Münzstätten eingeschmolzen wurde und entweder in den königlichen Schatztruhen verschwand oder für Kriege verwendet und dort kapitalistisch unproduktiv gleichsam verpulvert wurde, investierte das Monopol die gemachten Profite nicht nur in ihre Verteidigung, sondern in die Schifftechnologie,in die Erweiterung der Handelsflotte und den Ausbau ihrer Handelsplätze. Man baute einen neuen Schiffstyp, die „Fleute“, die mit weniger Besatzung auskam und deshalb auch mehr Güter transportieren konnte. Der englische Marinesekretär Samuel Pepys war beim Anblick eines gekaperten VOC-Schiffes geblendet: „Der prächtigste Anblick, den ich jemals in meinem Leben hatte. Pfefferkörner quollen aus allen Ritzen. Man trat auf sie bei jedem Schritt, und Nelken und Muskat gingen mir bis zu den Knien, ganze Laderäume voll. Daneben Seidenstoffe in Ballen und Kisten mit Kupfergeschirr.“(Driessen,38)

Sechshundert Neger tauschte ich ein/Spottwohlfeil am Senegalflusse./Das Fleisch ist hart, die Sehn ist stramm/ Wie Eisen vom besten Gusse.

Ich hab zum Tausche Branntwein,Glasperlen und Stahlzeug gegeben;/Gewinne daran achthundert Prozent,/Bleibt mir die Hälfte am Leben

Heinrich Heine „Das Sklavenschiff“

Neben der Akkumulation von Warenkapital und Geldkapital zapfte die Handelsbourgeoisie in Europa zudem die königlichen Kassen in ganz Europa an. Als Karl V. 1519 zum Kaiser gewählt wurde, musste er sich zuvor gegen seinen Konkurrenten Franz I. von Frankreich bei der Kaiserwahl durchsetzen. Erhebliche Bestechungsgelder von 850 000 Gulden flossen in die Taschen der Kurfürsten. Allein 540 000 Gulden finanzierte die Firma Fugger. Auch die 1523 in See stechende Flotte nach Übersee finanzierte sie. Der kaiserliche Finanzbedarf überstieg bei weitem die Ausgaben für den Flottenbau, Kriegsausrüstung, Soldzahlungen und Hofhaltung, sodass die Schuldenaufnahme rasant anwuchs. Die Schuldenspirale bei einer Finanzierungsrate von ca. 12,5% für kurzfristige Kredite stieg ins Unermessliche. Im Jahre 1530 nahm Karl V. bei den Fuggern und Welsern 1,5 Millionen Golddukaten auf; 16 Jahre später nahm er nochmals 1.5 Millionen Dukaten als Anleihe auf. In den vierunddreißig Jahren seiner Regierung musste er 40 Millionen Dukaten für seine Kriegskosten aufnehmen. 1557 ließ sich der Staatsbankerott nicht mehr abwenden. Schon 1556 trat Karl V. resigniert ab und widmete sich religiösen Studien in klösterlicher Abgeschiedenheit in seinem Landhaus nahe des abgelegenen Klosters von San Jeronimo de Yeste. 

Die großbürgerliche Handelsbourgeoisie untergrub ökonomisch die politische Macht der absoluten Monarchie. Eine neue Verkehrsform der Geld-und Marktwirtschaft löste nach und nach die der traditionellen Agrargesellschaft ab. Nicht nur über den Fernhandel, sondern auch über den Geldkredit generierte die Handelsbourgeoisie einen neuen Dukaten Reichtum. Sie waren nicht nur „Pfeffersäcke“, sondern auch „Dukatenesel“.

Das Labor Amsterdam

Im 17.Jahrhundert wurde Amsterdam zum „Entwicklungslabor des Kapitalismus“.(Driessen) 1609 eröffnete die Stadtregierung im Rathaus die Wisselbank. Zuerst erfüllte sie die Funktion des Geldwechsels, da verschiedene Edelmetallmünzen unterschiedlicher Gewichtung und Legierung in den Kontoren landeten und die umgetauscht werden und auf ihre Echtheit überprüft werden mussten. Anschließend taxierte sie deren Wert und verteilte auf dieser Grundlage das so genannte „Bankgeld“ mit festem Silbergehalt. In gewissem Sinne kann man die Amsterdamer Wechselbank auch als erste Zentralbank bezeichnen. Nach und nach konnten dann die Kaufleute dort Konten eröffnen und Geld einlegen, worauf ihnen die Bank Wechsel ausstellte. Wechsel wurden unter den Kaufleuten als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Wechsel konnte jederzeit wieder in Bargeld umgetauscht werden. Bis zu 200 Tonnen Gold soll in der Wisselbank gelagert worden sein. Der Kauf von Wechselbriefen hatte zwei Vorteile. Das Umwechseln eines Geldbetrages von einer Währung in eine andere entfiel und mit ihm wurde zugleich ein Kredit eingeräumt. Der Wechsel, um es mit Marx zu sagen, ist „die Mutter aller Kredite“. Andererseits war das Wechselgeschäft sehr risikoreich und erforderte einen erhöhten Zins, mit dem sich Kapital akkumulieren ließ. Da die Transport- und Kommunikationswege weit, beschwerlich auf See und zeitaufwendig waren, betrug die Frist bis zur Einlösung eines Wechsels gewöhnlich 20 Tage. Der Wechsel ist Schuldschein, Zahlungsmittel und Kapital zugleich.

Die Bank diente dem Handelskapital als Kapitalsammelstelle. Sie konzentrierte Kapital, vereinheitlichte Geldmünzen und organisierte Finanztransaktionen an der Börse.

Neben der Wechselbank gab es noch einzelne Geldwechsler und Geldverleiher, die oft aus der so genannten „portugiesischen Nation“, aus der Schicht der immigrierten portugiesischen Juden, kamen.

Als sich 1602 sechs Handelskammern zur VOC, einer Aktiengesellschaft, zusammengeschlossen hatten, zeichneten sie mehr als die Hälfte des gesamten Kapitals. Jeder Aktieninhaber konnte sämtliche Teile seiner Anteile gegen Zahlung einer Gebühr auf eine andere Person übertragen, also Aktien verkaufen. Die Bezugsrechte am Gesamtkapital nannte man anfangs „partijen“ oder „paerten“. „Die Verwendung des Wortes actie ist erstmals im Jahre 1606 nachgewiesen.“(H.Kellenbenz, Joseph de la Varga und die Amsterdamer Börse im 17 Jahrhundert, in:Gier und Wahnsinn,Finanzbuch Verlag 2010,S.121)

Wer nahm an der Börse teil?

Es waren wohlhabende Anleger der Patrizier; Gelegenheitsspekulanten, Amsterdamer Kaufleute, die aus Mangel an Geldkapital den Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu vier Fünftel des Wertes von Einzelpersonen liehen; Berufsspekulanten, die entweder mit tatsächlichen Aktien oder einem Ersatzpapier in geringer Stückelung handelten; Personen, die für Darlehen Aktien als Sicherheit hinterlegten; die Bank von Amsterdam, bei der Aktien zahlbar waren, die Aufgelder für Optionskontrakte wurden augenblicklich bei ihr übertragen.Bevor Amsterdamer Kaufleute 1611 ein eigenes Börsengebäude erbauen ließen, fand die Börse unter freiem Himmel statt.

Joseph de la Vega hat im Jahre 1688 in der damals üblichen literarischen Form eines Dialogs zwischen einem Aktionär, einem Philosophen und einem Kaufmann ein Buch über die Vorgänge an der Amsterdamer Börse unter dem Titel „Confusio de Confusiones“ geschrieben, in dem folgende Operationen beschrieben wurden:

  1. Tatsächlicher Aktienkauf gegen Barzahlung
  2. Aktienkäufe, bei denen der Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu 4/5 des Werts von Einzelpersonen geliehen wurde.
  3. Terminkontrakte, d.h. es wurden zukünftige Abrechnungstermine jenseits der Abrechnungstage vereinbart. Sie dienten spekulativen Zwecken und der Absicherung gegen Kursrisiken. Sie waren Derivate. In diese Rubrik fallen auch die ersten Leerverkäufe des Händler Isaac Le Maire, ein bedeutender Teilhaber der VOC. Er investierte etwa 85 000 Gulden. Im Jahre 1609 beschloss er, nachdem seine Schiffe in der Ostsee durch englische Schiffe bedroht wurden und die VOC in diesem Jahre keine Dividende bezahlte, seine Anteile zu verkaufen, und zwar mehr als er besaß. Solche Praktiken nannte man „Windhandel“ – einen Handel mit Aktien, die sich nicht wirklich im Besitz des Verkäufers befanden. Mit dem Edikt vom 27.2.1610 wurden solche Aktivitäten verboten. Trotzdem fanden weitere Leerverkäufe statt. Noch im Jahre 1687 schlug der Amsterdamer Rechtsanwalt Nicollas Muys van Holy vor, durch Besteuerung aller Aktientransaktionen die Spekulation zurückzudrängen. Er war auch der Meinung, dass Juden der „portugiesischen Nation“ häufig an dieser Spekulation beteiligt waren, „vor allem am Handel mit imaginären Einheiten.“(Kellenbenz,122) An der Börse wurden so genannte „Dukaton“ – Aktien gehandelt. Das waren fiktive Aktien. Ihr Zweck bestand darin, den Gewinn und Verlust an einem monatlichen Abrechnungstermin zu berechnen.
  4. Optionshandel. Anschaulich beschreibt la Vega die Praxis der Optionskontrakte: „Der Kurs der Aktie steht jetzt bei 580, und es scheint mir, dass er sehr viel höher steigen wird. Daher wende ich mich an die Personen, die bereit sind, Optionskontrakte einzugehen, und frage sie, wie viel Aufgeld sie für die Verpflichtung verlangen, zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt Aktien zum Preis von 600 bereitzustellen. Ich einige mich mit ihnen auf die Prämie, lasse sofort bei der Bank anweisen und habe die Gewissheit, dass ich unmöglich mehr als die Prämie verlieren kann. Und der gesamte Betrag, um den der Aktienkurs den Wert von 600 übersteigt, wird mein Gewinn sein.“ (143)

Wer waren die Gewinner des Aktienhandels?

  1. Die Aktionäre des Gründungskapitals der VOC. 1602 betrug das Gründungskapital 64 und eine Drittel Tonne Gold.Das Kapital wurde zum Schiffsbau verwendet und sollte den Gewürzhandel aus Ostindien finanzieren. Schon 1614 war das investierte Kapital zurückgezahlt worden. Von nun an warfen die Aktien der Companie nur noch Gewinne ab. Von 1602 bis 1688 beliefen sich die Dividenden auf 1482% des Wertes des Gesellschaftskapitals, das sich verfünffacht hatte. Die Aktionäre des Gründungskapitals waren nicht am Verkauf ihrer Aktien interessiert, sondern an den Erträgen der Kompanie.
  2. Aktienkäufer, die Aktien auf ihren Namen übertragen lassen, sind die weiteren Gewinner. Sie verkaufen dann ihre Aktien, wenn ihre Erwartungen erfüllt worden sind und der Aktienkurs gestiegen ist, oder sie kaufen Aktien gegen Kasse, verkaufen sie aber wieder für eine Warenlieferung zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Preis höher sein wird. Sie geben sich mit den auf die Auszahlung anlaufenden Zinsen zufrieden.
  3. Spekulanten, die ein „Regiment“ Aktien (= etwa 20 Aktien zu 100 000 Dukaten) kaufen. Wenn der Liefertermin naht, dann verkaufen sie entweder die Aktie, wodurch, abhängig vom Kaufpreis, entweder Gewinn oder Verlust entsteht, oder sie verpfänden die Aktie zu 4/5 des Werts oder sie übertragen die Aktie auf ihren Namen und weisen die Bank zur Auszahlung des Kaufpreises an. Wenn der Abrachnungstag näher rückt und die Aktie weder wie im ersten Fall verkauft oder wie im zweiten Fall verpfändet worden ist, muss sie verkauft werden.

An der Amsterdamer Börse wurden nicht nur Aktien, sondern auch Staatsoblikationen und Anleihen gehandelt. Mit der Entwicklung des Kreditwesens durch Wechsel und Aktie wurden „konzentrierte Geldmärkte“ (Marx) geschaffen. Die Akkumulation von Eigentumstiteln nahm entscheidend zu, d.h. „Titel auf Wert, ganz wie die Wertzeichen.“ Marx beschreibt den Zirkulationsprozess des Geldkapitals wie folgt: Das Geldkapital existiert „in einem Punkt als metallisches Geld, an allen andern Punkten existiert es nur in der Form von Anspruch auf Kapital. Die Akkumulation des Anspruchs,.., entspringt aus der wirklichen Akkumulation, d.h. aus der Verwandlung des Werts des Warenkapitals in Geld. Aber dennoch ist Akkumulation dieser Ansprüche oder Titel als solche verschieden, sowohl von der wirklichen Akkumulation, der sie entspringt, als auch von der zukünftigen, welche durch das Ausleihen des Geldes vermittelt wird.“ 

Krieg, Handel, Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen (Mephisto)




In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gründeten europäische Kaufleute in England die >East India Kompanie< (1600), in den Niederlanden die VOC (1602) und später in Frankreich die  >Compagnie des Indes< (1664) als Aktiengesellschaften für den „transozeanischen Handel“ (Sven Beckert), der drei Kontinente – Indien, Afrika und Europa – miteinander verband.


Indische Baumwollstoffe und Gewürze aus Südostasien waren bevorzugte Handelsware, später kam die Ware Mensch hinzu.


Indische Baumwolle und Stoffe wurden in dörflichen Werkstätten von Bauern und Webern hergestellt und von indischen Kaufleuten, den Banias, aufgekauft und an europäische Kaufleute verkauft. Die feinsten Baumwollstoffe wurden entweder in Südostasien gegen Gewürze umgetauscht oder sowohl Gewürze und Stoffe nach Europa geliefert oder weiterverschifft nach Afrika, um damit Sklaven für die Plantagen zu erwerben, die wiederum an Plantagenbesitzer in beiden Teilen Amerikas verkauft wurden. „Baumwolltextilien wurden erstmals Teil eines drei Kontinente umspannenden Handelssystems: Europäische Verbraucher und afrikanische Händler waren gierig nach den hübschen Chintzen, Musselinen und Kattunen oder den einfacheren, aber nützlichen ungefärbten und bedruckten Stoffen, die in indischen Familien und Werkstätten gewonnen und erworben wurden.“ 
Im Detail beschreibt Beckert Herstellung und Handel wie folgt:
Englische Kaufleute vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die indischen Händler. Sie beinhalteten Angaben über Mengen, Qualität, Muster, Lieferdaten und Preise. Die indischen Händler verteilten dann Geld an Zwischenhändler, die einzelnen Webern in verschiedenen Dörfern Geld vorstreckten und mit ihnen wiederum Verträge abschlossen. Anfangs schuf dieses System einen Auftrieb der indischen Textilproduktion. Die Weber besaßen ihre eigenen Werkzeuge und behielten auch das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen sie wollten. Dieses an den europäische Verlag erinnernde System geriet aber durch die Einmischung der Europäer zunehmend in Bedrängnis. Zuvor bediente das System den indisch-levantinischen Handel. Nun aber konnten europäische Handelsgesellschaften, selbst nach einem Handelsmonopol trachtend, durch die Verfügbarkeit schnellerer und größerer Schiffe und ihrer besseren Waffentechnik die indischen und arabischen Händler aus den interkontinentalen Märkten heraus drängen. Auch die Seerepublik Venedig kam durch ihre geographische Lage bedingt in ihrem levantinischen Handel ins Hintertreffen.


Entlang der indischen Westküste errichteten die europäischen Kaufleute Warenhäuser (Faktoreien) in Städten wie Surat und Dhaka. Sie blieben aber weiterhin von den lokalen Händlern, den Banias, abhängig. Die Expansion in Asien ging Hand in Hand mit der Vorherrschaft der iberischen Königreiche und der Engländern in den beiden Teilen Amerikas. Dort geraubtes Gold und Silber finanzierte den Erwerb von Baumwollstoffen in Indien. Die Baumwollstoffe wiederum wurden in Afrika sehr nachgefragt. Sie waren auch das vorherrschende Tauschmittel, um dort Sklaven zu erwerben, die dann nach Amerika verschifft wurden, um dort auf Plantagen für Tabak, Zuckerrohr oder Reis als Arbeitsmittel „verwendet“ zu werden.
„Zwischen 1772 und 1780 kaufte etwa der britische Kaufmann Richard Miles 2218 Sklaven an der Goldküste, und über 50% des Wertes aller Tauschwaren waren Textilien.“ (Beckert, 49)


„In den drei Jahrhunderten nach 1500 wurden mehr als 8 Millionen Sklaven aus Afrika in die Amerikas transportiert, zunächst hauptsächlich durch spanische, portugiesische Händler, gefolgt von Briten, Franzosen und Niederländern.“ (Bechert, 49)


Diese Organisation globaler Wirtschaftsabläufe durch die Europäer schuf die „Wurzeln des Kapitalismus“ (Beckert) als ein politökonomisches System der Geldanhäufung, der Profitmaximierung.     


Wenn man die politische Struktur betrachtet, so ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtrepublik sich zu einer großbürgerlichen Oligarchie entwickelte, in der bestimmte Patrizierfamilien die Geschicke der Stadt lenkten. Wie schon in der Antike saßen in der Regierung nur männliche Bürger, die die Stadtrechte besaßen. Im Laufe des Spätmittelalters schlossen Patrizierfamilien, aus Großkaufleuten bestehend, die Handwerker aus der Mitgliedschaft der Stadtregierung aus. Die Stadtregierung, nicht nur in Amsterdam, auch in anderen niederländischen Städten, bestand aus dem Magistrat und aus einer aus 36 Personen bestehenden Bürgerversammlung, die den Magistrat ernannte, der aus 4 Bürgermeistern bestand. Mehr als zwei Jahre Regierungszeit war untersagt, um die Entstehung einer geschlossenen Oligarchie zu verhindern. Die Bourgeosie besaß einen direkten Zugang zu Regierungsämtern und konnte unmittelbar die Notwendigkeiten des Handelskapitalismus bestimmen.

Der Geist Gottes und des Geldes

Der Handelskrieg um des Profits willen birgt nicht nur eine mephistologische Zerstörungskraft, das was man „Sünde, kurz das Böse nennt“, sondern ist auch „ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar….Ein Teil von jener Kraft, das stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Ein Licht der Aufklärung des menschlichen Geistes; ein Licht der Erkenntnis und einer neuen Moral.Im Zentrum der neuen aufgeklärten Philosophie stehen die Erkenntnistheorie und die praktische Philosophie der Ethik, eines neuen Verhaltens auf Grundlage gesellschaftlicher Vertragsverhältnisse gleichberechtigter Personen, wie sie der Handel zur Voraussetzung hat, in denen das Individuum Priorität hat.  Wer zu diesem Personenkreis gehört, das zeigen die Fakten der Realität. Aber philosophisch allgemein gesprochen: Von Natur aus sind alle Menschen gleich, sie besitzen einen freien Willen, sind selbst Schmied ihres eigenen Glückes, das Menschenrecht gilt allgemein für jedermann, im Besonderen aber eben nicht.  Afrikaner, Indios und andere „Rassen“ treiben keinen Handel um des Geldes willen, besitzen eine andere minderwertige Art der Lebens-und Verkehrsformen, haben eben keine Zivilisation. Die europäische Aufklärung der theoretischen wie praktischen Philosophie hat sich einerseits von der theologischen Philosophie des finsteren Christentums abgewendet und andererseits das Individuum und seine Vernunft ins Zentrum gestellt.

Baruch Spinoza, 1632 in Amsterdam geboren, entstammt einer jüdischen Familie aus der „portugiesischen Nation“.

Erkenntnistheoretisch setzt er sich vor allem mit der Bestimmung des Wahrheitskriteriums auseinander. An dem cartesianischen kritisiert er den Umweg, dass das Wahrheitskriterium >clare et distincte< erst über die Idee eines Gottes eingeführt und vorausgesetzt werde. Dieser Umweg sei aber nicht notwendig, denn es genüge allein die Evidenz, dass das ICH von GOTT Kenntnis habe. Spinoza führt von daher den Grundsatz der objektiven Gültigkeit aller auf Grund distinktiver Begriffe gefällten Urteile als Axiom ein. Mit Hilfe der >geometrischen Methode< definiert er zuerst die Begriffe Denken, Idee, objektive Realität und Substanz.

Denken umfasst das, was „alle Tätigkeiten des Willens, des Verstandes, der Einbildungskraft und der Sinne“ in uns unmittelbar bewusst werden lässt. Unter dem Begriff Idee versteht er die Form irgendeines Gedankens.“Unter objektiver Realität einer Idee verstehe ich das Wesen der durch die Idee vorgestellten Sache, soweit dies Wesen in der Idee ist.“ (Spinoza,Descartes Prinzipien der Philosophie auf geometrische Weise begründet, meiner Verlag, S20f.)

Der aristotelische Begriff Substanz, den Spinoza Geist nennt und dem Denken innewohnt, begreift Spinoza als Ausdehnung und Attribute. Soweit die Substanz Gestalt, Lage und Ortsbewegung enthält, nennt Spinoza sie Körper; soweit die Substanz vollkommen ist und keinen Mangel vorstellbar ist, nennt Spinoza sie Gott. Gott ist also keine „objektive Realität“, die das ICH als Idee vorstellen kann, wie es Descartes meint, sondern Gott ist Substanz allen Daseins: Gott ist das „einfachste Wesen“, ist „unveränderlich“ und „ewig“; die Substanz emaniert und ordnet zugleich die körperliche Welt und ist selbst unkörperlich.

Gott als Herr, diese Vorstellung gehört der theologischen Geschichte agrarischer und feudaler Vorstellung und der Kultur des „wahrhaften Glaubens“ an. Gott als Prinzip oder Idee entpersönlicht zwar, verlangt aber nach einem Gottesbeweis. Gott als Substanz postuliert ein Wesen, das als geistiges allen körperlichen Dingen inhärent ist, deren allgemeine und gemeinsame Bestimmung die der Ausdehnung ist. Unter Substanz versteht Spinoza: „Unter Substanz verstehe ich dasjenige, das in sich ist und durch sich begriffen wird.“ Der Substanzbegriff wird nicht mit Hilfe anderer Begriffe definiert, d.h. er bedeutet etwas, das nicht nur seinem Sinn nach nicht von Anderem abhängt, sondern das auch unabhängig von der Erkenntnis anderer Dinge erkannt werden kann. Korrelativ dazu verwendet er den Begriff Modus als „Affektion der Substanz“, der nur aus einem Anderen, nämlich dem Wesen der Substanz, deren Modus er ist, begriffen werden kann. In diesem Sinne spricht Spinoza von „Attributen“ ; dieser Begriff bezeichnet dasjenige, das der Verstand von der Substanz als deren Wesen konstituierend erkennt.

„Wenn Spinoza Gott als Substanz definiert, die unendlich viele Attribute hat, so liegt offenbar folgende Überlegung zugrunde: Attribute konstituieren das Wesen einer Substanz; ist dieses Wesen, wie bei Gott, unendlich, so muss es durch unendlich viele Attribute konstituiert sein, auch wenn wir nur zwei derselben, nämlich Ausdehnung und Denken, kennen.“(Wolfgang Röd, Geschichte der Philosophie, Beck Verlag,S.193) 

Gott schwebt nicht über der Welt unseres Bewusstseins, sondern ist ihre Substanz, die nicht aus einer Wahrheitsaussage abgeleitet noch eines Beweises bedarf und von der aus andere Aussagen deduziert werden können. „Die Spinozianische Methode ist im Sinne des konsequenten Rationalismus immer Methode der apriorischen Erkenntnis unter der Vernachlässigung der Methode hypothetischer Erklärungen im erfahrungswissenschaftlichen Bereich.“ (Röd,189)

Die Göttlichkeit der Substanz offenbart sich als Geist in den relativen Größenverhältnissen ausgedehnter Objekte, die mathematisch dargestellt werden können. Ausgedehnte Dinge sind endlich, da sie selbst durch andere ausgegrenzte Dinge begrenzt werden. Die Ausdehnung selbst kann nicht durch Anderes ihr Gleichartiges beschränkt werden und ist daher in ihrer Art unendlich.

Eine Metaphysik des vernünftigen Denkens ist „reine Abstraktion“ , wohl auch deshalb, weil das rein absolut Gedachte, wie bei Spinoza, Substanz allen Seins ist, nämlich Gott. Es ist keine verallgemeinernde Abstraktion von endlichen Dingen. Solche Abstraktionen, in Form einer Hypothese etwa, beruhen auf Beobachtung und Messung, die nicht allein durch Vernunft entdeckt werden.

Auch das Geld ist Resultat vernünftigen Denkens, wenn man es nicht nur als Tausch-und Zahlungsmittel, nicht nur als materiellen Träger (ob Münze, Vieh, Muschel oder Papier) betrachtet oder als Geldname im Warenpreis als Zahl begreift, sondern als ein gesetzter, alle Tauschobjekte vergleichender und einschließender quantitativer Wertmesser, an den nicht nur Zeitabstände, sondern auch andere Maßstäbe angelegt werden können. Die Zahlen bezeichnen dann die Wertgröße. Der Wertmesser folgt keinem physischen oder logischen Grenzen wie endliche Dinge. Oder anders gesagt: endliche Dinge werden definiert durch das, was sie nicht sind. Geld und Gott sind nicht „böse“ , weil sie Teil eines Ganzen sind. Negatives existiert nur vom wertenden Standpunkt endlicher Menschen.

In diesem Sinne sind metaphysisch „reine Abstraktionen“ „bloße Einbildung“ (Karl Marx) und Universalien. Solche Universalien kennt nicht nur die Philosophie, die Theologie, sondern auch postulierte Naturrechte, etwa von unveräußerlichen Menschenrechten. Marx hat den Fetischcharakter der Waren und des Geldes darin gesehen, das „die Gleichheit …verschiedener Arbeiten nur in der Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehen (kann), in der Reduktion auf den gemeinsamen Charakter, den sie als abstrakt menschliche Arbeit besitzen.“ (MEW 23,S.88)

Spinozas Wertlehre offenbart eine utilitaristische Konzeption, die aber in ihrer Methodik nicht dem späteren im empirischen Sinne bekannten Utilitarismus entspricht. Röd bezeichnet diesen Utilitarismus als „spekulativ-_ metaphysischen“ im Hinblick darauf, dass „gut“ und „schlecht“ nicht als Bestimmungen realer Dinge aufgefasst werden können, denn diese Ausdrücke bezeichnen vielmehr Modi des Bewusstseins. Werturteile betreffen das Verhältnis zwischen Affektionen bzw. deren Ideen einerseits und dem menschlichen Wirkungsvermögen andererseits. Das Streben nach eigenem Nutzen ist nicht im Sinne eines auf Emotionen gestützten Egoismus zu interpretieren, sondern im Sinne der Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, deren zentrale Idee die Liebe zu Gott ist, d.h. das menschliche Individuum handelt dann nützlich, wenn es sich als vernünftiges Wesen versteht, das den Einfluss seiner Leidenschaften überwindet. Gut kann dann so definiert werden als „der Vervollkommnung des Verstandes bzw. der Vernunft dienend“ oder als „den Genuss des geistigen Lebens befördernd“ – mit anderen Worten als Glückseligkeit. Da der Mensch nicht selbständig existieren kann, also keine Substanz hat, ist er von der übrigen Natur nicht getrennt, sondern mit ihr in der Einheit der Substanz verbunden. Er hat ein Bewusstsein der Freiheit, indem er annimmt, dass er im Grunde von Gott nicht getrennt ist und daher an der Freiheit Gottes teilhat.    

Gold und Sklave – Grundbausteine auf dem Weg zu einer nationalen Marktwirtschaft

Lesezeit: 15 min

Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“, in der jeder als Parson mit gleichen Rechten ausgestattet und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg.

Italienische Stadtstaaten beherrschten die Handelsrouten  während des 12 bis 15. Jahrhunderts im Mittelmeer. Ihre  Flotten wurden z.T. finanziert durch Feudalstaaten, die  ihrerseits Interesse hegten, ihren politökonomischen  Einflussbereich unter der Flagge Christus über  Konstantinopel bis nach Jerusalem und Ägypten  auszudehnen. Die „Kreuzzüge“ waren ein propagandistischer  Raubzug des europäischen Adels, der letztlich fehlschlug.  

Eine entscheidende politökonomische Wende, die den Anfang  vom Ende der Vorherrschaft italienischer Stadtstaaten im  Mittelmeerraum einläutete, ereignete sich, als es 1415  portugiesischen Kapitänen nicht gelang, den Goldhandel an  der marokkanischen Küste unter ihre Kontrolle zu bringen.  Schon im 14. Jahrhundert ließen sich die Portugiesen  Entdeckungen und Eroberungen im Atlantik und entlang der  Westküste Afrikas durch den Papst legitimieren und „ein  regionales Monopol auf Eroberung, Handel und  Sklavennahme“ zuschreiben.1 Damit umging die  portugiesische Krone die Einflusssphäre der italienischen  Seerepubliken im Mittelmeer. Sixtus IV. bestätigte 1481  den mit Kastilien 1479 im portugiesischen Alcacovas  geschlossenen Vertrag, „der Portugal den maritimen Raum  südlich einer am afrikanischen Kap Bojador zwischen Osten  und Westen verlaufenden Linie vorbehielt.“ (80) Auf  dieser vertraglichen Grundlage gewährte der Papst den  „katholischen Königen“ Spaniens die Expedition Kolumbus,  eine westliche Seeroute nach Ostindien zu finden. Im  Vertrag von Tordesillas von 1494 wurden die  Hoheitsgebiete zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt.  Solange Jäger nicht in gleichen Revieren jagen, entstehen  auch keine Konflikte, die zum Nachteil des Papstums  geraten könnten. 

Allein in der Molukken-Frage kamen sich Spanien und  Portugal kurzfristig ins Gehege. Portugiesen eroberten  1511 die Hafenstadt Malakka, nachdem Vasco da Gama 1498  Indien auf dem Seeweg um das Cap der Guten Hoffnung  erreicht hatte. Zwei Jahre später drang Vasco Numez del  Balboa über den Isthmus von Panama zum Pazifik vor,  sodass die spanische Krone sich nun ebenfalls für die  Gewürzinseln interessierte. Der Konflikt bestand nun  darin, zu welchem Hoheitsgebiet die Inselgruppe der  Molukken gehören sollte. Im Vertrag von Saragossa 1529  verzichtete Karl V. auf den Rechtsanspruch gegen eine  einmalige Zahlung von 350 000 Golddukaten. Daraufhin  blieb das Verhältnis beider Staaten friedlich und die  beiden Menschenjäger und Goldsucher jagten nicht im  gleichen Revier.  

Portugiesen suchten also ihr Glück an der westafrikanischen Küste, um zu den sagenumwobenen  Goldquellen zu gelangen. Im Jahre 1445 erbauten  portugiesische Seeleute unter der Schirmherrschaft ihres  Königs auf der Insel Arguin vor der mauretanischen Küste  einen Handelsplatz für Sklaven und Gold. Als da Game 1499  den Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung  entdeckte, bedeutete das letzlich nicht weniger als das  Ende der Vorherrschaft der italienischen Stadtstaaten,  insbesondere Venedigs. Obwohl das Ende nicht unmittelbar  eintrat, so war der territoriale Staat Portugal aus dem  Schatten der weltpolitischen Bühne an die Bühnenrampe  getreten. In der Tragödie „Suche nach dem Goldschatz“  wird Spanien auf eine ähnliche Art und Weise den brutalen  und gewaltigen Räuber spielen, als der Genuese Kolumbus  einen anderen Weg nach Indien suchte und den Kontinent  Amerika fand. 

Portugal fand indes noch eine andere Ware, die, wie sich  herausstellte, goldwert war: Sklaven. 

„Es besteht kein Zweifel daran, dass Ungarn, die  Deutschen, die Flamen und die Franzosen und alle Völker  jenseits der Berge, die bisher nach Venedig kamen, um mit  ihrem Geld Gewürze zu kaufen, sich jetzt nach Lissabon  wenden werden.“2

Die Gründe liegen auf der Hand: Waren, die auf dem Landweg Venedig erreichen, kosten  Zölle und Abgaben; kriegerische Auseinandersetzungen  erhöhen das Verlustrisiko und der Weg dorthin ist weit. Der Seeweg von der westafrikanischen Küste nach Lissabon  hingegen ist nicht so kostspielig und die Waren Mensch  und Gold gelangten schneller nach Frankreich, Holland und  in die deutschen Lande.„Es waren jedoch weder die hohe  Politik noch päpstliche Gunsterweise oder der königliche  Wettstreit um Territorien, die das Tor zu Westafrika  aufstießen… Der eigentliche Durchbruch stellte sich  ein, als die Kapitäne erkannten, dass es neben dem Handel  mit Öl und Tierhäuten und der Suche nach Gelegenheit zum  Gelderwerb einfache und bessere Optionen gab.“3 Der  Sklavenhandel machte sie reich. 

Der afrikanische Sklavenhandel explodierte im 15.  Jahrhundert, da die Nachfrage nach Arbeitskräften auf  Farmen und Plantagen in Portugal und Spanien sehr hoch  war, ebenso waren die Häuser der Reichen „voll von  Dienern und Dienerinnen.“ (301) Nach der Pest mangelte es  an Arbeitskräften. Die Tradition der Sklavenwirtschaft  für die intensive Feldwirtschaft, insbesondere für den  Zuckeranbau, die die Europäer in den Zeiten der Kreuzüge  von den Muslimen gelernt hatten, war der Aristokratie aus  der Antike bekannt. Wie in allen Agrargesellschaften und  Staaten, so war auch die Sklavenwirtschaft an der  Westküste Afrikas üblich. Gefangene, Verurteilte oder  Schuldner gerieten in die Sklaverei. So berichtet ein  afrikanischer Chronist: „Der König versorgt sich durch  Raubzüge, mit der Folge, dass es in seinem Land wie auch  in den benachbarten Ländern viele Sklaven gibt. Er  beschäftig sie…in der Landwirtschaft… verkauft aber  auch viele an die Mauren … im Tausch gegen Pferde und  andere Waren.“4 Dieser Handel war ein Handel der Form W-W.  Iliffe schreibt, dass staatlich nicht organisierte Völker  der Sklaverei lange widerstanden haben. Eine Neuheit im  Sklavenhandel führten die Portugiesen ein. Sie traten nun  als Zwischenhändler auf. Zwischen 1500 und 1535 kauften  die Akan 10 000 bis 12 000 Sklaven aus dem Norden von den  Portugiesen, „die hauptsächlich als Lastenträger für  andere importierte Waren ins Landesinnere und zum Roden  der Wäder für den Ackerbau“ (175) eingesetzt wurden. Die  Portugiesen waren die ersten „seefahrende Zwischenhändler“,  die sich mit Gold ihren Sklavenhandel bezahlen ließen.  Dieser Tausch hatte die Form W-G-W. Der kongolesische  König Afonso, der sich auch aus ökonomischen Gründen  taufen ließ, beklagte sich beim portugiesischen Kollegen:  „Viele unsere Untertanen sind begierig nach portugiesischen Waren, die dein Volk in unsere Reiche  bringt. Um diesen zügellosen Appetit zu befriedigen,  rauben sie scharenweise unsere freien oder freigelassenen  Untertanen, ja sogar Adlige, Söhne von Adligen und selbst  die Mitglieder unserer eigenen Familie. Sie verkaufen sie  an Weiße.“ (176) Der Kollege aus Portugal erwiderte,  Kongo habe ja nichts anderes zu verkaufen. Der König  Kongos stellte daraufhin den Sklavenhandel ein. Die  Portugiesen gründeten daraufhin einen Handelstützpunkt in  Luande, von dem aus gezielte Eroberungen und  Sklavenraubzüge ausgingen.  

Die Beschaffungskosten für diese neue Art von Ware aus  einem „besondern Saft“, die sich nicht nur gebrauchen  lässt, sondern mit der sich neben einem Mehrprodukt auch  noch einen Mehrwert erzielen ließ, lagen im Ausbau des  Schiffbaus, der Waffen und der Crew, mit der man die  Menschenware an der Atlantikküste erbeuten konnte. Diesen  Beutezug finanzierte die Krone. Sie zog auch aus dem  Sklavenhandel eine Einnahmequelle, denn 20% des aus dem  Sklavenhandel kommenden Gewinns musste an die Krone  abgegeben werden.“Männer, Frauen und Kinder wurden  routinemäßig bei Überfällen zusammengetrieben, die einer  Jagd auf Tieren glich.“ (302) Der Menschenhandel, so  Frankopan, stand im Bunde mit der Krone und Gott. Billige  Beschaffungskosten, hoher Handelsprofit und Mehrwert  garantierte der Sklavenhandel.  

Je weiter Sklavenschiffe unter König Johann III. (1455- 1495) nach Süden vordrangen, desto schwächer verteidigten  sich die Afrikaner. Wie später auch in Südamerika die  Indios empfingen sie ihre Jäger freundlich, neugierig und  zugewandt. Die Sklavenerbeutung wurde einfacher, weil  staatliche Strukturen afrikanischer Völker fehlten.  Zwischen 1450 und 1600, so eine Quelle5, wurden 367 000  Sklaven exportiert. Zwischen 1601-1700 waren es 1868 000,  von 1701-1800 6 133 000 und von 1801-1900 3 330 000. Je  mehr sich ein neuer Warenverteilungsmechanismus, eine  nationale Marktwirtschaft, entwickelte, umso größer wurde  der Import von Sklaven in den europäischen und  amerikanischen Staaten, die vornehmlich als Landarbeiter  und Hauspersonal verwendet wurden.  

Der entscheidende ökonomische Grundbaustein der neuen  Sklaverei lag in der Transformation des Sklaven als  kapitalisierte Ware. Sie waren mehr als nur billige  Arbeitskräfte mit geringen Unterhaltskosten, die ,wie in  der Antike, gekauft und nicht wieder verkauft wurden,  sondern sie wurden auch als Tauschobjekt wieder  weiterverwendet: z.B.europäische Feuerwaffen ( W ) gegen  Sklaven ( W ), um dann profitabel gegen Geld ( G ) wiederum  verkauft zu werden. Sie wurden kapitalisiert. Diese  Kapitalisierung der Ware Mensch unterscheidet sich vom  antiken Sklavenhandel dadurch, dass der Mensch nicht nur  entpersönlicht, sondern auch entmenschlicht, als Vieh  oder Affe angesehen und behandelt wird. In der Antike  konnten Sklaven freigelassen werden, waren zum Teil  hochgeachtet und manchmal sogar Freunde ihrer Herren,  obwohl sie rechtlos waren. Diese neue kapitalisierte  Marktsklaverei war ein Grundbaustein der europäischen  Zivilisation und Industrialisierung. Der Nachteil der  Sklaverei bestand allein darin, wie Adam Smith hervorhob,  dass Sklaven zwar billige Arbeitskräfte, andererseits  aber keine Lohnarbeiter waren und somit aus dem  Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage und der  Marktzirkulation herausfielen. Sklaven sind Eigentum und  haben kein Eigentum. Sklaven sind und waren stets und  überall Grundpfeiler agrarischer Produktionsweise zum  Zwecke der Mehrproduktion einer Fremdherrschaft und nicht  zum Zwecke von Geldwachstum.  

Darin liegt der spezifische Unterschied zur modernen  Sklaverei, die den Menschen nicht nur zur Sache macht,  sondern ihn zu einer neuen Rasse mit besonderen,  niedrigen moralischen, geistigen und physischen  Eigenschaften erklärt.  

Der Rassismus in all seinen Abarten6 ist eine Ideologie,  die der Handelskapitalismus im Verbund mit dem  Christentum aus zweckrationalen Gründen gebar. Im Kern  besteht er darin, Menschen nicht als Menschen zu  bewerten, sondern als eine gesonderte Rasse. Nach dem  Pionier Portugal, nach Frankreich und Holland wird  England im 18.Jahrhundert zu größten Sklavenhalternation  – eine Nation, in der die repräsentative Demokratie ihren  institutionellen Anfang nahm und die rechtsphilosophische  Idee der Menschenrechte geboren wurde. Der philosophische  Universalismus der unbedingten individuellen  Menschenrechte ist nicht nur seit Platon ein von allen  Bedingungen absehender Kniff, sondern auch die Blaupause  für die Einführung des Rassenbegriffs für den Menschen.  

Menschen, die nicht nur nicht so aussehen, wie Weiße,  nicht nur eine andere Kultur haben wie Barbaren, sondern  zudem weder Vernunft besitzen noch Tatkraft besitzen,  müssen einer anderen menschlichen Rasse angehören, die  der Weißen grundsätzlich unterlegen ist. 

1713 erhielt Großbritannien das Privileg, allen  spanischen und amerikanischen Kolonien Sklaven liefern zu  dürfen. „Neuengland war für den Handel mit europäischen  und karibischen Waren der wichtigste Zugang zu den  Kolonien geworden. Die Schiffe, die von den Kolonien aus  starteten – meist von Boston oder Newport, Rhode Island – hatten die Lebensmittel an Bord, die Plantagenbesitzer,  Aufseher und Arbeiter in der britisch beherrschten  Karibik ernährten. Auf dem Rückweg nahmen sie Zucker,  Rum, Sklaven oder Molasse mit…“7 Afrikaner wurden als  Affen angesehen, die man dressieren, kultivieren,  missionieren und schlichtweg billig verwenden könne.Der  Sklavenhandel unterschied sich von dem der Antike nicht  im rechtlichen Sinne, sondern im Bewusstsein, im Sklaven  eine mindere Abart des Menschen zu sehen.  

Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer  auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“,  in der jeder als Person mit gleichen Rechten ausgestattet  und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war  ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten  unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg. „Die  Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft, der  Fortschritt hin zu Demokratie, bürgerlichen Freiheiten  und Menschenrechten, lagen keineswegs auf einer  unsichtbaren Kette, die bis zur polis des antiken Athens  zu einem Naturzustand in Europa zurückreichte; sie waren  die Früchte des politischen und wirtschaftlichen Erfolgs  auf fernen Kontinenten.“ (Frankopan, 295) Die Aneignung fremder  Arbeitskraft erfolgt in einer kapitalisierten  Marktwirtschaft über einen rechtspolitisch freiwilligen  Vertrag von Personen, jenen, die über Produktionsmittel  verfügen und selbige ihr Eigentum nennen, und jenen, die  ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit verkaufen oder  vermieten müssen oder wollen und ihre Arbeit als Eigentum  ihrer Person begreifen. Für den zeitbedingten Verkauf  ihrer Arbeitskraft werden sie als Arbeitnehmer entlohnt.  Sie sind im Gegensatz zu Sklaven integraler Teil des  Marktes als geldfähige Konsumenten. Der Käufer von Arbeit  benötigt sie, um aus seinem investierten Kapital Profit  ziehen zu können. Eine Marktwirtschaft wird erst zu einer  nationalen Marktwirtschaft, wenn die Produktion jeglicher  Warengüter allein für den Markt als Verteilungssystem für  Güter hergestellt wird und alle historisch bedingten  gesellschaftlichen Bedürfnisse und nicht nur Luxuswaren  vermarktet werden. 

Nachdem die Neue Welt jenseits der Ozeane mit päpstlicher  Legitimation rechtlich aufgeteilt wurde, standen alle  Entdeckungen, Eroberungen und Beutezüge unter  christlicher Rechtfertigung. „Mit den gesamten Verträgen  und den diese teils sanktionierenden päpstlichen Bullen  verfügte die spanische Krone im christlichen Kontext über  das politische Recht, in ihrem Hoheitsgebiet Entdeckungen  und Eroberungen durchzuführen.“8 

Rechtssouverän äußerer Angelegenheiten dieser Staaten war  der Papst als die Institution Gottes auf Erden. Kriege  benötigen allgemeine Rechtfertigung für ihre Ausführung,  um nicht als Raub, Beutezug oder als Barbarei zu gelten,  die im Interesse einer Minderheit oder Elite liegen. Ein  Kriegsrecht sowie die dazu gehörige Kriegspropaganda sind  notwendig. Ein Krieg muss als gerecht empfunden und  angesehen werden. Man muss unterscheiden zwischen der  guten und schlechten Partei und Kriegsführung. Das  ‚bellum iustum‘ schreibt schon seit der Antike vor, dass  der Krieg von einer bevollmächtigten Person, zu Zeiten  monarchischer Staaten, vom König angeordnet werden muss.  Andere kriegerische Auseinandersetzungen, Bürgerkriege,  Aufstände oder gar Revolutionen, sind nicht nur illegitim  sondern auch ungerecht. Zweitens muss ein gerechter Grund  mit einer gerechten Absicht (intensio recto) vorhanden  sein, die die göttliche oder naturrechtliche Ordnung  herzustellen trachtet. Erbeutung von Gold und Mensch sind  daher frevelhaft und müssen geahndet werden. Das  christliche Recht verbietet demnach Sklavennahme- und  Handel, da alle Menschen Gottes Geschöpfe und vor seinem  Gericht gleich sind. Dominikaner haben deshalb die  Legitimation spanischer Herrschaft in Neuspanien  bezweifelt, weil die Eroberer Indios versklavten. Die  Gesetze von Borgos 1513 sollten verhindern, dass Indios  nicht wie Beutegut verteilt und versklavt werden, sondern  den Spaniern zur „Indoktrinaton“ – zu Missionierung – „anvertraut“ (encomendar) werden. Für diese Güte sollten  sie mit Fronarbeit und Tribut bezahlen. Das  Encomiendarsystem war die ökonomische Basis der  Konquistatoren in Neuspanien. Das Dokument, worauf dieses  System beruhte, das Requerimiento, sollte „die  Konquistatadoren fortan den zu erobernden Indios  vorgetragen werden, bevor sie diese, notfalls gewaltsam  unterjochten. (…) Es sollte die Indios über die  Existenz des christlichen Gottes als einzig wahren Gott  in Kenntnis setzen sowie vor die Option stellen, sich der  christlichen Religion und der spanischen Krone friedlich  zu unterwerfen oder bekriegt oder gewaltsam unterjocht zu  werden. Unterwerfen sich die Indios friedlich, sicherte  ihnen die Krone >Ausnahmen und Privilegien< zu, wie das  Recht auf Eigentum, Landbesitz, eigene politische Führung  und Juriprudenz, wenn sich die Indios hingegen  widersetzten, waren die Spanier berechtigt, sie zu  bekriegen, zu versklaven und zur Tributzahlung zu  zwingen.“ (Huber 47f.) 

Nach dieser Rechtsgrundlage galt Raub als Raub erst  dann, wenn allein um der Beute willen statt um der  Gerechtigkeit willen Gold, Mensch und andere Sachgüter  angeignet werden. Das Ultimantum des Requerimiento  stützte sich auf das von Papst Inozenz IV (1243-54)  postulierte Recht der Mission und auf das Deutoronomium  des Alten Testaments. (Huber, 49) Den Dominikanern war nun  auch genüge getan. Das Requerimiento war ein  althergebrachtes Instrumentarium, das inhaltlich und formal den Ultimaten glich, die islamische Eroberer  erhoben, bevor sie eine Stadt oder ein Gebiet einnahmen. 

Der Beutezug nach Mittelamerika

Nachdem Kolumbus mit seinem Projekt, den Seeweg nach  Indien zu finden, bei der portugiesischen und auch der  englischen Krone kein Gehör fand, suchte er die spanische  Krone mit dem Versprechen dazu zu bewegen, so viel Gold,  Gewürze und zu versklavende oder zu christanisierende  Heiden zu liefern. Papst Alexander VI., aus dem  spanischen Borgia-Geschlecht stammend, sprach Kastilien  das Herrschaftsrecht über die zu entdeckenden Gebiete zu  und beauftragte sie mit der Christianisierung der  Bevölkerung. 

Wie alle auf Kolumbus folgenden Konquistadoren mussten  diese eine Kapitulation unterschreiben. Die „Capitulante“  waren so zu sagen Lizensnehmer. Sie mussten eine  Expedition ausrüsten und ihre Leute anheuern. Die Krone  legitimierte den Raubzug lediglich und stellte Löhne und  Gewinnbeteiligung in Aussicht. Die Expeditionsteilnehmer  mussten zuerst liefern und das Risiko tragen, dann  erhielten sie dafür Leistungen, die aus den gewünschten  Privilegien bestanden: Steuerentlastungen, Ämter-,  Herrschafts- oder Ehrentitel und Gewinnbeteiligung an der  Beute. Kolumbus z.Bsp. steuerte für seine erste  Expedition 250 000 der rund 2 Millionen >maravedis< bei,  die er als Kredit über den Kaufmann Francisco Pinello von  diversen italienischen Finanziers erhielt.9 Mehr als die  Hälfte der Kosten trug die Krone, aber das nur dieses  eine Mal, so zu sagen als Anschubinvestition für alle  weiteren Räubereien, aus denen die Krone jeweils das  „königliche Fünftel“ (Quinto Real) aus Beute,  Bodenschätzen, Prisen und Sklaven zog. Das Quinto Real  diente dazu, „dass die Krone einen Eroberungs- oder  Beutezug sanktionierte und ihn dadurch von einem  illegalen Raubzug unterschied.“10  

Ein weiteres Merkmal der Conquista, so Huber, bestand  darin, Siedlungen zu errichten (auf Hispaniola 1493,  Puerto Rico 15o 8, Jamaika 1509, Kuba 1511). Von diesen  Standorten gingen die Eroberer auf Menschenjagd, um  Sklaven für ihre Plantagenwirtschaft und zur  Goldgewinnung zu bekommen. Erst dann, in einer zweiten  Phase, begannen die Eroberungen. Die Cortez, Pizarros  Balboas u.a. Konquistadoren mussten ihre Leute anwerben,  indem sie Versprechungen machten. Cortes z.B. versprach  jenen, die mit ihm auf Eroberungsjagd von Kuba aus gehen  und die neu entdeckten Gebiete besiedeln wollten, „ihren  Anteil (su parte) Gold, Silber und Reichtümer sowie  Encomiendas von Indios.“11 Die Eroberer hatten kein  Veräußerungsrecht über die Indios, konnten sie also nicht  weiter verkaufen. Die Indios mussten für sie  Arbeitsdienste erledigen und/ oder Tribut zahlen. Darin  bestand der ihnen zustehende Teil der Beute. Anders sah  es für die Anführer der Eroberer aus. Ab 1534 gab es  konkrete Angaben, wie die mobile Beute aus Krieg und  Gefangennahme zwischen den Konquistadoren und der Krone  verteilt werden sollte. Die Beute musste zu Beginn zu  einem Haufen zusammengetragen werden. Besonders  zuverlässige und gottesfürchtige und somit normstrenge  Menschen innerhalb kleinerer Raubeinheiten hatten die  Aufgabe zu überprüfen, wer was und wieviel erbeutet hatte  und danach die Anteile zu verteilen. Ein  Distributionsverfahren, das die Häuptlinge von  Stammesgesellschaften verwendeten und Polanyi dem Typus  der Redistribution zugeordnet hat. Der Verteilungsablauf  funktionierte in der Regel wie folgt: 

  1. Feststellung des Quinto Real;
  2. Begleichung der  Kriegskosten, wobei der Großteil an den Anführer ging, da er die meisten Auslagen finanzierte, Schiffe,Verpflegung,  Waffen und Pferde, wobei es oft vorkam, dass die Eroberer  bei kleineren Beutezügen ihr Raubhandwerkszeug, Waffen  z.B., selbst besorgten. Hinzu kam wahrscheilich auch der  Zins, der für Verschuldung verausgabt werden musste.  Kaufleute hattem „ihrerseits durch Handel, Bergbau und  Plantagenwirtschaft die nötigen Mittel zur Ausstattung  größerer Expeditionen akkumuliert.“ (Huber 126)
  3. Anschließend  wurde der Kronbeamte, der bei an der Expedition teilnahm,  Wächter und andere Leute, die Sonderfunktionen erfüllten,  entlohnt.
  4. Der Rest der Beute, sofern noch vorhanden,  wurde entweder direkt verteilt oder versteigert. In der  Regel wurde „jedem seinem Anteil entsprechend die zum  Beutezug mitgebrachten Waffen, Männern und Tieren  gegeben.“ (Huber 63) 

Die Conquista war eine freiwillige Veranstaltung. Es  waren Räuberhaufen, deren Männer sich für eine bestimmte  Zeit von ihren Landbesitzen in der Karibik entfernten, in  der Hoffnung auf Gold und Sklaven, oder arme Schlucker  aus der Heimat Spanien, die ihr Glück in Übersee zu  machen hofften. Die ‚Compagnia‘, man beachte, dass der  gleiche Begriff wie für die Handelsgesellschaft der  Stadtrepubliken verwendet wurde, wurde durch die (zu  erwartende) Beute zusammengehalten, was auch die Kooperationsbereitschaft der Konquistadoren beförderte.  Die Beuteverteilung schuf die Umstände, unter denen die  Beteiligten entschieden, ob sie weiterzogen, siedelten,  zurück auf ihre Ländereien oder wieder nach Spanien  gingen. Oft bestanden die Beutezüge aus 20 bis 30 Mann,  weil die Indios keine Tribute bezahlen wollten oder  konnten. 

Die Conquista war ein Kreuzzug zu einem neuen „gelobten  Land“ – dem Eldorado der Neuzeit, zu Gold und Geld. 

An ihm nahmen direkt oder indirekt nicht nur Papst,  König, Adel, zumeist ein niedriger, sondern auch  Kaufleute und Finanziers und, wie bei allen Kriegen, das  „Fußvolk“ teil. Ihre Anwerbung geschah nicht über einen  Arbeitsmarkt, sondern über traditionelles Ausrufen der  bevorstehenden Expedition sowie deren mögliche  Bedingungen und Erwartungen. Die Beuteverteilung geschah  nach althergebrachter Sitte, wie es zuvor Häuptlinge von  Stammengesellschaften taten. Ausgelobt wurde z.B. die  Encomienda als ein System der Ökonomie und  

Kostenentschädigung für die Konquistadoren, das in  vielerlei Hinsicht gegen die Politik der Krone verstieß. Auf der einen Seite der Quinto Real, dort Landbesitz,  Sklavenwirtschaft und Tribut Die Verteilung der Raubgüter  war oft nicht von den Kronbeamten zu überprüfen und die  Anführer der Konquistadoren eigneten sich größere Anteile  an. Andererseits gab es auch staatsbildende  Konquistadoren, die die Krone an der Beute adäquat  partizipieren ließen, und solche, die das zu verhindern  suchten. Auf dem Beutezug hatte mindestens ein  Kronbeamter der Kapitulation zufolge mitzumarschieren und  die finanzielle Ansprüche der Krone zu vertreten, ebenso  Buchhalter, Aufseher und jemand, der die Schmelzprozesse  überwachte. V. Huber berichtet von einem Rechenschaftsbericht, der im Auftrag von Cortes erstellt  wurde (280): 32 000 Pesos geschmolzenes Gold und Schmuck  im Wert von ca. 100 100 Dukaten als königlichen Fünften  hätte man dem Schatzmeister Alfonso de Escobar überreicht  und dies in den königlichen Büchern notiert. Der Schatz  sei aber „unglücklicher Weise in den Wirren verloren  gegangen. Schuld trugen selbstredend die feindlich  gesinnten Azteken. 

Zum Zeitpunkt der zweiten Übersendung des Quinto Real  1522 transportierten 3 Karavellen rund 32 000 Pesos und  107 Mark Silber in Form von Barren und Schmuckstücke nach  Spanien. Nur die Santa Maria de la Rabida erreichte den  Hafen von Sevilla. Die beiden anderen Karavellen wurden  vom französischen Piraten Jean Fleury geraubt. Cortes  zollte einerseits Rechenschaft der Krone, andererseits  war diese auf die Kooperationsbereitschaft von Cortes  angewiesen. 

Literaturverweise

1 Vitus Huber, Beute und Conquista, Die politische  Ökonomie der Eroberung Neuspaniens, Historische Studien,  Campus Verlag 2018,S.80

2 Girolamo Priuli,in: Frankopan, S.794/326

3 Frankopan, 300f. 

4 John Iliffe, Gerschichte Afrikas, C.H.Beck 2000, S.173

5 P. E. Loveboy, Transformation in slavery, Cambridge  1983,in: Iliffe,a.a.O. S.177

6 Ibram X. Kendi, Gebrandtmarkt, Die wahre Geschichte ds  Rassismus in Amerika C.H.Beck 2017 

7 Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt, Die wahre Geschichte des  Rassismus in Amerika. C.H.Beck 2017, S,82

8 Vitus Huber, a.a.O. 82f.

9 Vitus Huber, Die Konquistadoren, C.H.Beck 2019, S.13 10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

11 Huber,Beute und Conquista,a.a.O.108