Fernhandel-Monopol-Krieg
Bleiben mir Neger dreihundert nur/Im Hafen von Rio-Janeiro,/Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück/Das Haus Gonzales Perreiro
Das Sklavenschiff, Heinrich Heine
Sowohl Karl I. von Spanien, später kurfürstlich gewählter Karl V. des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, als auch sein Sohn Philipp II. von Spanien benötigten dringend mesoamerikanisches Gold- und Silber, um ihre Kriege gegen Frankreich, England, den Niederlanden, die Hoheitsgebiet Spaniens waren, und gegen die Türken zu finanzieren.
Allein für den Schutz der niederländischen Grenzgebiete zwischen 1521-26 musste Spanien 300 000 Goldmünzen(Gulden) monatlich aufbringen. Schon eine relativ kleine Truppe von 3 000 Fußknechten für 3 Monate kostete 40 000 Gulden, für eine Artillerie musste man zudem 50 000 Gulden berappen. Die Kluft zwischen Einnahmen aus königlichen Domänen, aus Abgaben, dem Quinto Real einerseits und den Ausgaben andererseits stieg stetig an, sodass auch der geraubte amerikanische Goldschatz wenig an der Misere änderte. Steuererhebungen in den niederländischen Städten und Provinzen sollten diesen Kostenabgrund überbrücken und den drohenden Staatsbankerott verhindern helfen. Als im Zuge des Krieges gegen Frankreich 1536 wieder eine Steueranhebung erfolgte, weigerte sich die Genter Stadtregierung, mit diesem Geld Truppen aufzubieten. Bürger, Zünfte und auch die Wollweber unterstützten die >Collace<, ihre Bürgerversammlung. Daraufhin verfügte Karl V., Gent aller Rechte und Privilegien zu entheben, öffentliches Eigentum zu konfiszieren, bis die Bürger Abbitte leisteten.
Nicht nur wie in diesem Falle verpulverte die Monarchie den amerikanischen Goldschatz, sondern erpresste Handelsgold, das sich in den niederländischen Handelsstädten gleichsam stapelte. Städte wie Antwerpen, Gent waren Warenumschlagplätze. Amsterdam war ein sehr erfolgreicher Stapelplatz für Waren und Schnittpunkt der Handelsströme zwischen Nord- und Südeuropa: „ein Magazin von ganz Europa.“(Driesen,Kleine Geschichte Amsterdams,Verlag F.Pustet, 210) „Nordeuropa glich einem Bienenstock aus produktiven städtischen Zentren (…), die im 14 und 15. Jahrhundert zu wichtigen Umschlagplätzen für Waren aus dem Mittelmeer, Skandinavien, dem Baltikum und Russland sowie den britischen Inseln aufgestiegen waren.“ (Frankopan, Licht aus dem Osten, rororo 2020, S.359) Spanische Erpressung, Korruption, Zölle und Kriege behinderten den Handel, sodass die freiheitlichen reformierten Ideen Calvins und Luthers in den stark urbanisierten Gegenden der Niederlande auf fruchtbaren Boden fielen, aus der spanisch-katholischen Umklammerung und Fremdherrschaft zu entfliehen. Der Protestantismus schlug feste Wurzeln und förderte Republik und Kapital.
Als 1581 7 Provinzen in Utrecht die Unabhängigkeit von Spanien erklärten und die „Niederländische Republik“ gründeten, begann ein spanisches Handelsembargo gegen die Republik. Ihre Bevölkerung sollte ausgehungert werden. Zwar traf die erpresserische Maßnahme hauptsächlich die ländliche Bevölkerung, die daraufhin in die Städte strömte. Dort befanden sich genügend Warenlager, in denen unter anderem große Vorräte an Getreide und Fisch für die Grundernährung der armen Bevölkerung gelagert waren. Die Lebensmittel waren vergleichsweise billig. Allein die Mieten stiegen kräftig an, was einen Boom im Hausbau auslöste. Während zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Amsterdam noch eine mittelgroße Stadt von 29 bis 30 Tausend Einwohnern war, überschritt die Einwohnerzahl 1602 schon die Grenze von 100 000, 80 Jahre später um 1680 zählte Amsterdam vermutlich schon über 200 000 Einwohner und gehörte zu den größten Städten Europas.Das Embargo brach wegen Erfolglosigkeit zusammen, auch weil Spanien in andere kriegerische Auseinandersetzungen gegen Frankreich, gegen die Türken und gegen England verstrickt war.
Entscheidend aber war die Tatsache, dass Amsterdam und die vereinigten niederländischen Provinzen aus der Not eine Tugend gemacht haben. Sie bauten eigene Handelsrouten auf.Als 1590 die spanischen Truppen aus den Niederlanden verschwanden, gründeten Kaufleute 1594 die erste „Compagnie der Ferne“. Ein Jahr später stach die erste Flotte nach Ostindien in See. Bei ihrer Rückkehr zwei Jahre später waren von den ursprünglich 249 Besatzungsmitgliedern nur noch 90 an Bord. Die Expedition war ein totaler Misserfolg.1597 brach eine weitere Flotte nach Ostindien auf. Sie erbrachte einen spektakulären Gewinn von 400%. Daraufhin gründeten sich viele Compagnien. Allein 1601 stachen vier Flotten in See.Da die Konkurrenz die Preise und Profite verdarb und die portugiesische und spanische Konkurrenz in Ostindien erst aus dem Felde geschlagen werden musste, wurde unter dem Vorsitz von Johan van Oldenbarnevelt eine niederländische Monopolgesellschaft gegründet, die berühmt berüchtigte Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC). „Die VOC riss den gesamten Gewürzhandel an sich, schlug Portugiesen und Engländer aus dem Feld und ließ ganze Inselgruppen entvölkern.“(Driesen,38) Der VOC-Generalgouverneur schrieb an die Amsterdamer Direktoren:
„Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu treiben.“
Die VOC war nicht nur eine weltweit operierende kapitalistische Monopolhandelsgesellschaft, sondern zugleich eine kriegerische Räuberorganisation zur Sicherung ihrer Handelsrouten und Produktionsstätten. In diesem Rahmen bürgerlichen Wohlstands erblühte die niederländische Malerei, hielt der Protestantismus Einkehr und wurde die Philosophie des Rationalismus eines Descartes und Spinoza erdacht. Auf dieser ökonomischen Grundlage konnte sich die Hochkultur der niederländischen Malerei des 17.Jahrhunderts auch deshalb entwickeln, weil nunmehr nicht nur adeliges Mäzenatentum, sondern Großbürger genügend Geld besaßen, Portraits, bürgerliches und ländliches Leben malerisch darstellen zu lassen.
Bis zu 60% betrugen zuweilen die Dividenden. Die VOC war die erste Aktiengesellschaft. Die erste Aktie stammt aus dem Jahre 1606. Luxuswaren wurden nach Amsterdam verschifft: Pfeffer, Seidenstoffe, Kupfergeschirr und vieles mehr. Dreimal im Jahr fuhr eine Flotte nach Asien. Im Jahre 1665 baute die VOC ein 177 Meter langes, vier Stockwerke hohes Speicherhaus, das größte Firmengebäude der damaligen Welt.
Kriege wurden, sprichwörtlich, zu Handelskriegen und hatten einen anderen Grund und Zweck als die Kriege der aristokratischen Herrschaftshäuser. Letzteren ging es um Erweiterung von Territorien und um politische Macht, da Grund und Boden die Quelle ihres Reichtums waren. Der Zweck für die VOC indes bestand darin, nicht nur Handelsstützpunkte für ihren Fernhandel zu errichten, was auch die Königreiche dieser Zeit für ihre Kaufleute taten, nicht nur militärisch die Handelsrouten zu sichern, auch nicht nur die Produktionsstätten in Asien zu beherrschen und dort Mensch und Natur auszubeuten, sondern es galt ein Handelsmonopol zu errichten, um einen höchst möglichen Profit zu erzielen und die Konkurrenz auszuschalten. „Es ging nicht darum, mit anderen europäischen Kaufleuten zu wetteifern wie beispielsweise in Goa, wo portugiesische, venezianische und deutsche Händler Seite an Seite operierten; vielmehr sollte diese verdrängt werden.“ Es ging der VOC um Markteroberung, um extra hohe Profitmaximierung. Nicht mehr Wettbewerb, sondern um Ausschaltung der kapitalistischen Konkurrenz.
Der Superkargo Mynher van Koek/ sitzt rechnend in seiner Kajüte; / Er kalkuliert der Ladung Betrag/ und die probaten Profite
Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,/dreihundert Säcke und Fässer;/ Ich habe Goldstaub und Elfenbein -/ Die schwarze Ware ist besser
Heinrich Heine
Während das Azteken Gold in (neu)spanischen Münzstätten eingeschmolzen wurde und entweder in den königlichen Schatztruhen verschwand oder für Kriege verwendet und dort kapitalistisch unproduktiv gleichsam verpulvert wurde, investierte das Monopol die gemachten Profite nicht nur in ihre Verteidigung, sondern in die Schifftechnologie,in die Erweiterung der Handelsflotte und den Ausbau ihrer Handelsplätze. Man baute einen neuen Schiffstyp, die „Fleute“, die mit weniger Besatzung auskam und deshalb auch mehr Güter transportieren konnte. Der englische Marinesekretär Samuel Pepys war beim Anblick eines gekaperten VOC-Schiffes geblendet: „Der prächtigste Anblick, den ich jemals in meinem Leben hatte. Pfefferkörner quollen aus allen Ritzen. Man trat auf sie bei jedem Schritt, und Nelken und Muskat gingen mir bis zu den Knien, ganze Laderäume voll. Daneben Seidenstoffe in Ballen und Kisten mit Kupfergeschirr.“(Driessen,38)
Sechshundert Neger tauschte ich ein/Spottwohlfeil am Senegalflusse./Das Fleisch ist hart, die Sehn ist stramm/ Wie Eisen vom besten Gusse.
Ich hab zum Tausche Branntwein,Glasperlen und Stahlzeug gegeben;/Gewinne daran achthundert Prozent,/Bleibt mir die Hälfte am Leben
Heinrich Heine „Das Sklavenschiff“
Neben der Akkumulation von Warenkapital und Geldkapital zapfte die Handelsbourgeoisie in Europa zudem die königlichen Kassen in ganz Europa an. Als Karl V. 1519 zum Kaiser gewählt wurde, musste er sich zuvor gegen seinen Konkurrenten Franz I. von Frankreich bei der Kaiserwahl durchsetzen. Erhebliche Bestechungsgelder von 850 000 Gulden flossen in die Taschen der Kurfürsten. Allein 540 000 Gulden finanzierte die Firma Fugger. Auch die 1523 in See stechende Flotte nach Übersee finanzierte sie. Der kaiserliche Finanzbedarf überstieg bei weitem die Ausgaben für den Flottenbau, Kriegsausrüstung, Soldzahlungen und Hofhaltung, sodass die Schuldenaufnahme rasant anwuchs. Die Schuldenspirale bei einer Finanzierungsrate von ca. 12,5% für kurzfristige Kredite stieg ins Unermessliche. Im Jahre 1530 nahm Karl V. bei den Fuggern und Welsern 1,5 Millionen Golddukaten auf; 16 Jahre später nahm er nochmals 1.5 Millionen Dukaten als Anleihe auf. In den vierunddreißig Jahren seiner Regierung musste er 40 Millionen Dukaten für seine Kriegskosten aufnehmen. 1557 ließ sich der Staatsbankerott nicht mehr abwenden. Schon 1556 trat Karl V. resigniert ab und widmete sich religiösen Studien in klösterlicher Abgeschiedenheit in seinem Landhaus nahe des abgelegenen Klosters von San Jeronimo de Yeste.
Die großbürgerliche Handelsbourgeoisie untergrub ökonomisch die politische Macht der absoluten Monarchie. Eine neue Verkehrsform der Geld-und Marktwirtschaft löste nach und nach die der traditionellen Agrargesellschaft ab. Nicht nur über den Fernhandel, sondern auch über den Geldkredit generierte die Handelsbourgeoisie einen neuen Dukaten Reichtum. Sie waren nicht nur „Pfeffersäcke“, sondern auch „Dukatenesel“.
Das Labor Amsterdam
Im 17.Jahrhundert wurde Amsterdam zum „Entwicklungslabor des Kapitalismus“.(Driessen) 1609 eröffnete die Stadtregierung im Rathaus die Wisselbank. Zuerst erfüllte sie die Funktion des Geldwechsels, da verschiedene Edelmetallmünzen unterschiedlicher Gewichtung und Legierung in den Kontoren landeten und die umgetauscht werden und auf ihre Echtheit überprüft werden mussten. Anschließend taxierte sie deren Wert und verteilte auf dieser Grundlage das so genannte „Bankgeld“ mit festem Silbergehalt. In gewissem Sinne kann man die Amsterdamer Wechselbank auch als erste Zentralbank bezeichnen. Nach und nach konnten dann die Kaufleute dort Konten eröffnen und Geld einlegen, worauf ihnen die Bank Wechsel ausstellte. Wechsel wurden unter den Kaufleuten als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Wechsel konnte jederzeit wieder in Bargeld umgetauscht werden. Bis zu 200 Tonnen Gold soll in der Wisselbank gelagert worden sein. Der Kauf von Wechselbriefen hatte zwei Vorteile. Das Umwechseln eines Geldbetrages von einer Währung in eine andere entfiel und mit ihm wurde zugleich ein Kredit eingeräumt. Der Wechsel, um es mit Marx zu sagen, ist „die Mutter aller Kredite“. Andererseits war das Wechselgeschäft sehr risikoreich und erforderte einen erhöhten Zins, mit dem sich Kapital akkumulieren ließ. Da die Transport- und Kommunikationswege weit, beschwerlich auf See und zeitaufwendig waren, betrug die Frist bis zur Einlösung eines Wechsels gewöhnlich 20 Tage. Der Wechsel ist Schuldschein, Zahlungsmittel und Kapital zugleich.
Die Bank diente dem Handelskapital als Kapitalsammelstelle. Sie konzentrierte Kapital, vereinheitlichte Geldmünzen und organisierte Finanztransaktionen an der Börse.
Neben der Wechselbank gab es noch einzelne Geldwechsler und Geldverleiher, die oft aus der so genannten „portugiesischen Nation“, aus der Schicht der immigrierten portugiesischen Juden, kamen.
Als sich 1602 sechs Handelskammern zur VOC, einer Aktiengesellschaft, zusammengeschlossen hatten, zeichneten sie mehr als die Hälfte des gesamten Kapitals. Jeder Aktieninhaber konnte sämtliche Teile seiner Anteile gegen Zahlung einer Gebühr auf eine andere Person übertragen, also Aktien verkaufen. Die Bezugsrechte am Gesamtkapital nannte man anfangs „partijen“ oder „paerten“. „Die Verwendung des Wortes actie ist erstmals im Jahre 1606 nachgewiesen.“(H.Kellenbenz, Joseph de la Varga und die Amsterdamer Börse im 17 Jahrhundert, in:Gier und Wahnsinn,Finanzbuch Verlag 2010,S.121)
Wer nahm an der Börse teil?
Es waren wohlhabende Anleger der Patrizier; Gelegenheitsspekulanten, Amsterdamer Kaufleute, die aus Mangel an Geldkapital den Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu vier Fünftel des Wertes von Einzelpersonen liehen; Berufsspekulanten, die entweder mit tatsächlichen Aktien oder einem Ersatzpapier in geringer Stückelung handelten; Personen, die für Darlehen Aktien als Sicherheit hinterlegten; die Bank von Amsterdam, bei der Aktien zahlbar waren, die Aufgelder für Optionskontrakte wurden augenblicklich bei ihr übertragen.Bevor Amsterdamer Kaufleute 1611 ein eigenes Börsengebäude erbauen ließen, fand die Börse unter freiem Himmel statt.
Joseph de la Vega hat im Jahre 1688 in der damals üblichen literarischen Form eines Dialogs zwischen einem Aktionär, einem Philosophen und einem Kaufmann ein Buch über die Vorgänge an der Amsterdamer Börse unter dem Titel „Confusio de Confusiones“ geschrieben, in dem folgende Operationen beschrieben wurden:
- Tatsächlicher Aktienkauf gegen Barzahlung
- Aktienkäufe, bei denen der Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu 4/5 des Werts von Einzelpersonen geliehen wurde.
- Terminkontrakte, d.h. es wurden zukünftige Abrechnungstermine jenseits der Abrechnungstage vereinbart. Sie dienten spekulativen Zwecken und der Absicherung gegen Kursrisiken. Sie waren Derivate. In diese Rubrik fallen auch die ersten Leerverkäufe des Händler Isaac Le Maire, ein bedeutender Teilhaber der VOC. Er investierte etwa 85 000 Gulden. Im Jahre 1609 beschloss er, nachdem seine Schiffe in der Ostsee durch englische Schiffe bedroht wurden und die VOC in diesem Jahre keine Dividende bezahlte, seine Anteile zu verkaufen, und zwar mehr als er besaß. Solche Praktiken nannte man „Windhandel“ – einen Handel mit Aktien, die sich nicht wirklich im Besitz des Verkäufers befanden. Mit dem Edikt vom 27.2.1610 wurden solche Aktivitäten verboten. Trotzdem fanden weitere Leerverkäufe statt. Noch im Jahre 1687 schlug der Amsterdamer Rechtsanwalt Nicollas Muys van Holy vor, durch Besteuerung aller Aktientransaktionen die Spekulation zurückzudrängen. Er war auch der Meinung, dass Juden der „portugiesischen Nation“ häufig an dieser Spekulation beteiligt waren, „vor allem am Handel mit imaginären Einheiten.“(Kellenbenz,122) An der Börse wurden so genannte „Dukaton“ – Aktien gehandelt. Das waren fiktive Aktien. Ihr Zweck bestand darin, den Gewinn und Verlust an einem monatlichen Abrechnungstermin zu berechnen.
- Optionshandel. Anschaulich beschreibt la Vega die Praxis der Optionskontrakte: „Der Kurs der Aktie steht jetzt bei 580, und es scheint mir, dass er sehr viel höher steigen wird. Daher wende ich mich an die Personen, die bereit sind, Optionskontrakte einzugehen, und frage sie, wie viel Aufgeld sie für die Verpflichtung verlangen, zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt Aktien zum Preis von 600 bereitzustellen. Ich einige mich mit ihnen auf die Prämie, lasse sofort bei der Bank anweisen und habe die Gewissheit, dass ich unmöglich mehr als die Prämie verlieren kann. Und der gesamte Betrag, um den der Aktienkurs den Wert von 600 übersteigt, wird mein Gewinn sein.“ (143)
Wer waren die Gewinner des Aktienhandels?
- Die Aktionäre des Gründungskapitals der VOC. 1602 betrug das Gründungskapital 64 und eine Drittel Tonne Gold.Das Kapital wurde zum Schiffsbau verwendet und sollte den Gewürzhandel aus Ostindien finanzieren. Schon 1614 war das investierte Kapital zurückgezahlt worden. Von nun an warfen die Aktien der Companie nur noch Gewinne ab. Von 1602 bis 1688 beliefen sich die Dividenden auf 1482% des Wertes des Gesellschaftskapitals, das sich verfünffacht hatte. Die Aktionäre des Gründungskapitals waren nicht am Verkauf ihrer Aktien interessiert, sondern an den Erträgen der Kompanie.
- Aktienkäufer, die Aktien auf ihren Namen übertragen lassen, sind die weiteren Gewinner. Sie verkaufen dann ihre Aktien, wenn ihre Erwartungen erfüllt worden sind und der Aktienkurs gestiegen ist, oder sie kaufen Aktien gegen Kasse, verkaufen sie aber wieder für eine Warenlieferung zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Preis höher sein wird. Sie geben sich mit den auf die Auszahlung anlaufenden Zinsen zufrieden.
- Spekulanten, die ein „Regiment“ Aktien (= etwa 20 Aktien zu 100 000 Dukaten) kaufen. Wenn der Liefertermin naht, dann verkaufen sie entweder die Aktie, wodurch, abhängig vom Kaufpreis, entweder Gewinn oder Verlust entsteht, oder sie verpfänden die Aktie zu 4/5 des Werts oder sie übertragen die Aktie auf ihren Namen und weisen die Bank zur Auszahlung des Kaufpreises an. Wenn der Abrachnungstag näher rückt und die Aktie weder wie im ersten Fall verkauft oder wie im zweiten Fall verpfändet worden ist, muss sie verkauft werden.
An der Amsterdamer Börse wurden nicht nur Aktien, sondern auch Staatsoblikationen und Anleihen gehandelt. Mit der Entwicklung des Kreditwesens durch Wechsel und Aktie wurden „konzentrierte Geldmärkte“ (Marx) geschaffen. Die Akkumulation von Eigentumstiteln nahm entscheidend zu, d.h. „Titel auf Wert, ganz wie die Wertzeichen.“ Marx beschreibt den Zirkulationsprozess des Geldkapitals wie folgt: Das Geldkapital existiert „in einem Punkt als metallisches Geld, an allen andern Punkten existiert es nur in der Form von Anspruch auf Kapital. Die Akkumulation des Anspruchs,.., entspringt aus der wirklichen Akkumulation, d.h. aus der Verwandlung des Werts des Warenkapitals in Geld. Aber dennoch ist Akkumulation dieser Ansprüche oder Titel als solche verschieden, sowohl von der wirklichen Akkumulation, der sie entspringt, als auch von der zukünftigen, welche durch das Ausleihen des Geldes vermittelt wird.“
Krieg, Handel, Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen (Mephisto)
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gründeten europäische Kaufleute in England die >East India Kompanie< (1600), in den Niederlanden die VOC (1602) und später in Frankreich die >Compagnie des Indes< (1664) als Aktiengesellschaften für den „transozeanischen Handel“ (Sven Beckert), der drei Kontinente – Indien, Afrika und Europa – miteinander verband.
Indische Baumwollstoffe und Gewürze aus Südostasien waren bevorzugte Handelsware, später kam die Ware Mensch hinzu.
Indische Baumwolle und Stoffe wurden in dörflichen Werkstätten von Bauern und Webern hergestellt und von indischen Kaufleuten, den Banias, aufgekauft und an europäische Kaufleute verkauft. Die feinsten Baumwollstoffe wurden entweder in Südostasien gegen Gewürze umgetauscht oder sowohl Gewürze und Stoffe nach Europa geliefert oder weiterverschifft nach Afrika, um damit Sklaven für die Plantagen zu erwerben, die wiederum an Plantagenbesitzer in beiden Teilen Amerikas verkauft wurden. „Baumwolltextilien wurden erstmals Teil eines drei Kontinente umspannenden Handelssystems: Europäische Verbraucher und afrikanische Händler waren gierig nach den hübschen Chintzen, Musselinen und Kattunen oder den einfacheren, aber nützlichen ungefärbten und bedruckten Stoffen, die in indischen Familien und Werkstätten gewonnen und erworben wurden.“
Im Detail beschreibt Beckert Herstellung und Handel wie folgt:
Englische Kaufleute vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die indischen Händler. Sie beinhalteten Angaben über Mengen, Qualität, Muster, Lieferdaten und Preise. Die indischen Händler verteilten dann Geld an Zwischenhändler, die einzelnen Webern in verschiedenen Dörfern Geld vorstreckten und mit ihnen wiederum Verträge abschlossen. Anfangs schuf dieses System einen Auftrieb der indischen Textilproduktion. Die Weber besaßen ihre eigenen Werkzeuge und behielten auch das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen sie wollten. Dieses an den europäische Verlag erinnernde System geriet aber durch die Einmischung der Europäer zunehmend in Bedrängnis. Zuvor bediente das System den indisch-levantinischen Handel. Nun aber konnten europäische Handelsgesellschaften, selbst nach einem Handelsmonopol trachtend, durch die Verfügbarkeit schnellerer und größerer Schiffe und ihrer besseren Waffentechnik die indischen und arabischen Händler aus den interkontinentalen Märkten heraus drängen. Auch die Seerepublik Venedig kam durch ihre geographische Lage bedingt in ihrem levantinischen Handel ins Hintertreffen.
Entlang der indischen Westküste errichteten die europäischen Kaufleute Warenhäuser (Faktoreien) in Städten wie Surat und Dhaka. Sie blieben aber weiterhin von den lokalen Händlern, den Banias, abhängig. Die Expansion in Asien ging Hand in Hand mit der Vorherrschaft der iberischen Königreiche und der Engländern in den beiden Teilen Amerikas. Dort geraubtes Gold und Silber finanzierte den Erwerb von Baumwollstoffen in Indien. Die Baumwollstoffe wiederum wurden in Afrika sehr nachgefragt. Sie waren auch das vorherrschende Tauschmittel, um dort Sklaven zu erwerben, die dann nach Amerika verschifft wurden, um dort auf Plantagen für Tabak, Zuckerrohr oder Reis als Arbeitsmittel „verwendet“ zu werden.
„Zwischen 1772 und 1780 kaufte etwa der britische Kaufmann Richard Miles 2218 Sklaven an der Goldküste, und über 50% des Wertes aller Tauschwaren waren Textilien.“ (Beckert, 49)
„In den drei Jahrhunderten nach 1500 wurden mehr als 8 Millionen Sklaven aus Afrika in die Amerikas transportiert, zunächst hauptsächlich durch spanische, portugiesische Händler, gefolgt von Briten, Franzosen und Niederländern.“ (Bechert, 49)
Diese Organisation globaler Wirtschaftsabläufe durch die Europäer schuf die „Wurzeln des Kapitalismus“ (Beckert) als ein politökonomisches System der Geldanhäufung, der Profitmaximierung.
Wenn man die politische Struktur betrachtet, so ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtrepublik sich zu einer großbürgerlichen Oligarchie entwickelte, in der bestimmte Patrizierfamilien die Geschicke der Stadt lenkten. Wie schon in der Antike saßen in der Regierung nur männliche Bürger, die die Stadtrechte besaßen. Im Laufe des Spätmittelalters schlossen Patrizierfamilien, aus Großkaufleuten bestehend, die Handwerker aus der Mitgliedschaft der Stadtregierung aus. Die Stadtregierung, nicht nur in Amsterdam, auch in anderen niederländischen Städten, bestand aus dem Magistrat und aus einer aus 36 Personen bestehenden Bürgerversammlung, die den Magistrat ernannte, der aus 4 Bürgermeistern bestand. Mehr als zwei Jahre Regierungszeit war untersagt, um die Entstehung einer geschlossenen Oligarchie zu verhindern. Die Bourgeosie besaß einen direkten Zugang zu Regierungsämtern und konnte unmittelbar die Notwendigkeiten des Handelskapitalismus bestimmen.
Der Geist Gottes und des Geldes
Der Handelskrieg um des Profits willen birgt nicht nur eine mephistologische Zerstörungskraft, das was man „Sünde, kurz das Böse nennt“, sondern ist auch „ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar….Ein Teil von jener Kraft, das stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Ein Licht der Aufklärung des menschlichen Geistes; ein Licht der Erkenntnis und einer neuen Moral.Im Zentrum der neuen aufgeklärten Philosophie stehen die Erkenntnistheorie und die praktische Philosophie der Ethik, eines neuen Verhaltens auf Grundlage gesellschaftlicher Vertragsverhältnisse gleichberechtigter Personen, wie sie der Handel zur Voraussetzung hat, in denen das Individuum Priorität hat. Wer zu diesem Personenkreis gehört, das zeigen die Fakten der Realität. Aber philosophisch allgemein gesprochen: Von Natur aus sind alle Menschen gleich, sie besitzen einen freien Willen, sind selbst Schmied ihres eigenen Glückes, das Menschenrecht gilt allgemein für jedermann, im Besonderen aber eben nicht. Afrikaner, Indios und andere „Rassen“ treiben keinen Handel um des Geldes willen, besitzen eine andere minderwertige Art der Lebens-und Verkehrsformen, haben eben keine Zivilisation. Die europäische Aufklärung der theoretischen wie praktischen Philosophie hat sich einerseits von der theologischen Philosophie des finsteren Christentums abgewendet und andererseits das Individuum und seine Vernunft ins Zentrum gestellt.
Baruch Spinoza, 1632 in Amsterdam geboren, entstammt einer jüdischen Familie aus der „portugiesischen Nation“.
Erkenntnistheoretisch setzt er sich vor allem mit der Bestimmung des Wahrheitskriteriums auseinander. An dem cartesianischen kritisiert er den Umweg, dass das Wahrheitskriterium >clare et distincte< erst über die Idee eines Gottes eingeführt und vorausgesetzt werde. Dieser Umweg sei aber nicht notwendig, denn es genüge allein die Evidenz, dass das ICH von GOTT Kenntnis habe. Spinoza führt von daher den Grundsatz der objektiven Gültigkeit aller auf Grund distinktiver Begriffe gefällten Urteile als Axiom ein. Mit Hilfe der >geometrischen Methode< definiert er zuerst die Begriffe Denken, Idee, objektive Realität und Substanz.
Denken umfasst das, was „alle Tätigkeiten des Willens, des Verstandes, der Einbildungskraft und der Sinne“ in uns unmittelbar bewusst werden lässt. Unter dem Begriff Idee versteht er die Form irgendeines Gedankens.“Unter objektiver Realität einer Idee verstehe ich das Wesen der durch die Idee vorgestellten Sache, soweit dies Wesen in der Idee ist.“ (Spinoza,Descartes Prinzipien der Philosophie auf geometrische Weise begründet, meiner Verlag, S20f.)
Der aristotelische Begriff Substanz, den Spinoza Geist nennt und dem Denken innewohnt, begreift Spinoza als Ausdehnung und Attribute. Soweit die Substanz Gestalt, Lage und Ortsbewegung enthält, nennt Spinoza sie Körper; soweit die Substanz vollkommen ist und keinen Mangel vorstellbar ist, nennt Spinoza sie Gott. Gott ist also keine „objektive Realität“, die das ICH als Idee vorstellen kann, wie es Descartes meint, sondern Gott ist Substanz allen Daseins: Gott ist das „einfachste Wesen“, ist „unveränderlich“ und „ewig“; die Substanz emaniert und ordnet zugleich die körperliche Welt und ist selbst unkörperlich.
Gott als Herr, diese Vorstellung gehört der theologischen Geschichte agrarischer und feudaler Vorstellung und der Kultur des „wahrhaften Glaubens“ an. Gott als Prinzip oder Idee entpersönlicht zwar, verlangt aber nach einem Gottesbeweis. Gott als Substanz postuliert ein Wesen, das als geistiges allen körperlichen Dingen inhärent ist, deren allgemeine und gemeinsame Bestimmung die der Ausdehnung ist. Unter Substanz versteht Spinoza: „Unter Substanz verstehe ich dasjenige, das in sich ist und durch sich begriffen wird.“ Der Substanzbegriff wird nicht mit Hilfe anderer Begriffe definiert, d.h. er bedeutet etwas, das nicht nur seinem Sinn nach nicht von Anderem abhängt, sondern das auch unabhängig von der Erkenntnis anderer Dinge erkannt werden kann. Korrelativ dazu verwendet er den Begriff Modus als „Affektion der Substanz“, der nur aus einem Anderen, nämlich dem Wesen der Substanz, deren Modus er ist, begriffen werden kann. In diesem Sinne spricht Spinoza von „Attributen“ ; dieser Begriff bezeichnet dasjenige, das der Verstand von der Substanz als deren Wesen konstituierend erkennt.
„Wenn Spinoza Gott als Substanz definiert, die unendlich viele Attribute hat, so liegt offenbar folgende Überlegung zugrunde: Attribute konstituieren das Wesen einer Substanz; ist dieses Wesen, wie bei Gott, unendlich, so muss es durch unendlich viele Attribute konstituiert sein, auch wenn wir nur zwei derselben, nämlich Ausdehnung und Denken, kennen.“(Wolfgang Röd, Geschichte der Philosophie, Beck Verlag,S.193)
Gott schwebt nicht über der Welt unseres Bewusstseins, sondern ist ihre Substanz, die nicht aus einer Wahrheitsaussage abgeleitet noch eines Beweises bedarf und von der aus andere Aussagen deduziert werden können. „Die Spinozianische Methode ist im Sinne des konsequenten Rationalismus immer Methode der apriorischen Erkenntnis unter der Vernachlässigung der Methode hypothetischer Erklärungen im erfahrungswissenschaftlichen Bereich.“ (Röd,189)
Die Göttlichkeit der Substanz offenbart sich als Geist in den relativen Größenverhältnissen ausgedehnter Objekte, die mathematisch dargestellt werden können. Ausgedehnte Dinge sind endlich, da sie selbst durch andere ausgegrenzte Dinge begrenzt werden. Die Ausdehnung selbst kann nicht durch Anderes ihr Gleichartiges beschränkt werden und ist daher in ihrer Art unendlich.
Eine Metaphysik des vernünftigen Denkens ist „reine Abstraktion“ , wohl auch deshalb, weil das rein absolut Gedachte, wie bei Spinoza, Substanz allen Seins ist, nämlich Gott. Es ist keine verallgemeinernde Abstraktion von endlichen Dingen. Solche Abstraktionen, in Form einer Hypothese etwa, beruhen auf Beobachtung und Messung, die nicht allein durch Vernunft entdeckt werden.
Auch das Geld ist Resultat vernünftigen Denkens, wenn man es nicht nur als Tausch-und Zahlungsmittel, nicht nur als materiellen Träger (ob Münze, Vieh, Muschel oder Papier) betrachtet oder als Geldname im Warenpreis als Zahl begreift, sondern als ein gesetzter, alle Tauschobjekte vergleichender und einschließender quantitativer Wertmesser, an den nicht nur Zeitabstände, sondern auch andere Maßstäbe angelegt werden können. Die Zahlen bezeichnen dann die Wertgröße. Der Wertmesser folgt keinem physischen oder logischen Grenzen wie endliche Dinge. Oder anders gesagt: endliche Dinge werden definiert durch das, was sie nicht sind. Geld und Gott sind nicht „böse“ , weil sie Teil eines Ganzen sind. Negatives existiert nur vom wertenden Standpunkt endlicher Menschen.
In diesem Sinne sind metaphysisch „reine Abstraktionen“ „bloße Einbildung“ (Karl Marx) und Universalien. Solche Universalien kennt nicht nur die Philosophie, die Theologie, sondern auch postulierte Naturrechte, etwa von unveräußerlichen Menschenrechten. Marx hat den Fetischcharakter der Waren und des Geldes darin gesehen, das „die Gleichheit …verschiedener Arbeiten nur in der Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehen (kann), in der Reduktion auf den gemeinsamen Charakter, den sie als abstrakt menschliche Arbeit besitzen.“ (MEW 23,S.88)
Spinozas Wertlehre offenbart eine utilitaristische Konzeption, die aber in ihrer Methodik nicht dem späteren im empirischen Sinne bekannten Utilitarismus entspricht. Röd bezeichnet diesen Utilitarismus als „spekulativ-_ metaphysischen“ im Hinblick darauf, dass „gut“ und „schlecht“ nicht als Bestimmungen realer Dinge aufgefasst werden können, denn diese Ausdrücke bezeichnen vielmehr Modi des Bewusstseins. Werturteile betreffen das Verhältnis zwischen Affektionen bzw. deren Ideen einerseits und dem menschlichen Wirkungsvermögen andererseits. Das Streben nach eigenem Nutzen ist nicht im Sinne eines auf Emotionen gestützten Egoismus zu interpretieren, sondern im Sinne der Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, deren zentrale Idee die Liebe zu Gott ist, d.h. das menschliche Individuum handelt dann nützlich, wenn es sich als vernünftiges Wesen versteht, das den Einfluss seiner Leidenschaften überwindet. Gut kann dann so definiert werden als „der Vervollkommnung des Verstandes bzw. der Vernunft dienend“ oder als „den Genuss des geistigen Lebens befördernd“ – mit anderen Worten als Glückseligkeit. Da der Mensch nicht selbständig existieren kann, also keine Substanz hat, ist er von der übrigen Natur nicht getrennt, sondern mit ihr in der Einheit der Substanz verbunden. Er hat ein Bewusstsein der Freiheit, indem er annimmt, dass er im Grunde von Gott nicht getrennt ist und daher an der Freiheit Gottes teilhat.