Die Insel der Prädestinierten

Dort, auf europäischem Festland, herrschten Grundeigentümer über jene, die auf ihrem Land lebten. Ihre Grundherrschaft beruhte auf Gewalt, Zwang oder auf althergebrachten Verträgen, die der grundherrlichen Hauswirtschaft einen Teil der agrarischen oder gewerblichen Produkte zusprachen, die auf ihrem Land erzeugt wurden. Diese personale patriarchalische Herrschaft wurde in verschiedenen Rechtsformen, der Leibeigenschaft, der Fron oder über Pachtabgaben und Steuern ausgeübt. Luxusgüter für die aristokratischen Grundeigentümer wurden mit dem abgepressten Mehrprodukt auf Märkten bezahlt, die der Fernhandel lieferte. Ein etwaiges Mehrprodukt der bäuerlichen Hauswirtschaften, das über der Selbstversorgung und den Abgabeverpflichtungen hinausragte, konnte auf lokalen Märkten veräußert werden. Märkte waren zusätzliche Verteilungsinstitutionen der Hauswirtschaft, sie waren, wie Polanyi schreibt, „eingebettet“ in die vorherrschenden Formen der Hauswirtschaft. Marktwirtschaft als ein System selbstregulierender Märkte, die „einzig und allein von Marktpreisen reguliert werden“ 1, habe es beim Güteraustausch nicht gegeben, obwohl die Institution Markt seit der späten Steinzeit verbreitet war.

Wenn in der Marktwirtschaft Marktpreise den Austausch regulieren, dann tritt zugleich eine Bewirtschaftung des Geldes zutage, die zunehmend die Marktwirtschaft befördert und beherrschen wird.

Auf der Insel hatte sich in England schon seit der Epoche der Tudor eine Reform der Agrarverfassung durchgesetzt, weil Grund und Boden zu verkäuflichen Gütern, zu Waren wurden. Im 17. Jahrhundert wurde die neue Agrarverfassung gesetzlich fixiert. Dieser rechtspolitische Akt hatte erhebliche soziale, ökonomische und politische Folgen. Ökonomisch setzte sich eine neue Schicht der aristokratischen Grundeigentümer durch, die Gentry, die in der unteren Kammer des englischen Parlaments ihre neuen bürgerlichen Interessen gegenüber dem politischen Vorrecht der Krone durchzusetzen gewillt waren. Neben dem Fernhandel wurden nun auch nach und nach andere Märkte in ein nationales Verteilungsnetz einbezogen. Ein wesentlicher Grund dafür war die immer weiter sich durchsetzende Lohnarbeit, die ein Resultat der „Expropriation“ (Marx), der Enteignung oder Freisetzung der bäuerlichen Schichten, war. Neben dieser „Reorganisation der landwirtschaftlichen Ressourcen“ (Haan/Niedhardt) traten weitere Entwicklungen hinzu, die die Kommerzialisierung förderten.

Die Bevölkerung wuchs und mit ihr strömten viele in die Städte, vor allem nach London. Außerdem zog die Kommerzialisierung ein starkes Anwachsen der Agrarpreise nach sich mit vergleichsweise geringem Lohnanstieg, aber großen Gewinnsteigerungen. Die Privatisierung von Grund und Boden und der Allmende, des gemeinsam genutzten Gemeindelandes, konzentrierte und zentralisierte den Boden in den Händen der Großgrundeigentümer, was neue Anbaumethoden (Anbau unbekannter Feldfrüchte etwa aus Übersee, Vierfelderwirtschaft, Einführung künstlicher Bewässerung und Trockenlegung von Hochlandwiesen) möglich machte. Kleine Bauernhöfe wurden zu einer einzigen Farm zusammengefasst (engrossing), um eine effektivere Bewirtschaftung zu ermöglichen. Marktorientierte Bauern oder Pächter pachteten neues Land, das zuvor von einem Kleinbauer in eigener Regie bewirtschaftet wurde, aber dessen Einkünfte immer weniger zur Sicherung des Lebensunterhalts der Familie ausreichten. Eine weitere Maßnahme, das Einhegen (enclosing)von Land, drängte die traditionelle Husbandry zurück und der neue marktorientierte Bewirtschaftungstyp  „New Husbandry“ setzte sich durch. „To enclose land bedeutete die Auslöschung von common rights und damit das Ende der gemeinsamen Bewirtschaftung derjenigen Grundstücke, die von der encloure-Maßnahme betroffen waren. (…) Die Einhegungen betrafen sowohl Gemeindeweiden, die von den Dorfbewohnern genossenschaftlich bewirtschaftet (pasture common), als auch Felder und Wiesen, die im Rahmen der open-field-farming genossenschaftlich bewirtschaftet wurden (common arable fields or meadows). In dem erst genannten Fall wurde das eingehegte Stück Land aus der gemeinsamen Nutzung durch die Dorfgenossen in das Eigentum einer einzelnen Person überführt. In dem anderen Fall bedeutete die Einhegung das Ende der Gemeindekontrolle und damit zugleich das Ende der gemeinschaftlichen Abweidung des enclosed Land nach der Durchführung der Erntearbeiten. Der encloser erhielt damit das ausschließliche Verfügungsrecht über das ihm gehörende Land und brauchte bei dessen Bewirtschaftung nun keinerlei Rücksicht mehr auf irgendwelche kommunalen Vorschriften zu nehmen. Die Einhegung der common fields or meadows war in der Regel mit einer Flurbereinigung verbunden, bei der die Dorfgenossen ihren bisher in eine Vielzahl zerstreut liegender Feldstreifen aufgesplitterten Grundbesitz durch Tausch und Kauf zu kompakten Ländereien zusammenfassten, die dann als solche umzäunt oder eingehegt wurden.“ (Haan/Niedhardt, 82)

Die Entstehung von Großfarmen veränderte auch die ländliche Gesellschaft: in Landlords und Pächter auf der einen Seite und Landarbeiter auf der anderen. Es fand faktisch eine vom Staat unterstützte Enteignung eines großen Teils der ländlichen Bevölkerung zugunsten der Landlords und Großpächter statt. Thomas Morus hat diese Einhegungsmaßnahmen scharf kritisiert: „Damit also ein einziger Prasser, in seiner Unersättlichkeit eine unheilvolle Pest für sein Vaterland, einige tausend Morgen zusammenhängenden Ackerlandes mit einem einzigen Zaun einfrieden kann, werden die Pächter vertrieben; durch Lug und Trug umgarnt oder mit Gewalt unterdrückt, werden sie enteignet oder, durch Schikanen zermürbt, zum Verkauf gezwungen. Daher wandern die Unglücklichen in jedem Fall aus: Männer, Frauen, Ehemänner, Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern und einer zahlreichen als wohlhabenden Familie, wie eben die Landwirtschaft vieler Hände bedarf. … was bleibt ihnen schließlich anders übrig, als herumzustreunen und zu betteln, obgleich sie auch dann als Landstreicher ins Gefängnis geworfen werden, weil sie sich müßig herumtreiben.“ 2 Ein Zeitgenosse von Thomas Morus rechtfertigte indes das enclosing: „Es ist kein richtiger Schluss, dass Entvölkerung vorhanden, weil man die Leute nicht länger ihre Arbeit im offenen Feld verschwendet sieht (…) Wenn nach Verwandlung kleiner Bauern in Leute, die für andere Arbeiten müssen, mehr Arbeit flüssig gemacht wird, so ist das ja ein Vorteil, den die Nation (…) wünschen muss (…). Das Produkt wird größer sein, wenn ihre kombinierte Arbeit auf einer Pachtung angewandt wird: So wird das Surplusprodukt für die Manufakturen gebildet, und dadurch werden Manufakturen, eine der Goldgruben der Nation, im Verhältnis  zum produziertem Kornquantum vermehrt.“ 3 Viele Bauern mussten in die Städte ziehen und dort eine Beschäftigung als Arbeiter suchen und „dann erhält man einen  Überschuss, und so wird das Kapital vermehrt.“ 4 London nahm 2/3 der „überschüssigen“ Landbevölkerung auf. Viele konnten dort aber keine Anstellung finden, sodass die Armut stieg. Ab 1550 stiegen die Getreidepreise, verglichen mit den durchschnittlichen Preisen von 1450 bis 1499, um das Vierfache, während die Löhne nur um das Doppelte stiegen. Dass die Löhne hinter den Lebenshaltungskosten hinterherhinkten, lag nicht nur am Überangebot an Arbeitskräften, sondern auch in zweiter Linie an der staatlichen Lohnpolitik, die mit der Festlegung von Höchstlöhnen das allgemeine Lohnniveau künstlich niedrig hielt. „Jeder außer einem Idioten weiß“, so Adam Smith, „dass die lower classes arm gehalten werden müssen, das sie sonst niemals fleißig sein werden.“ /Haan/Niedhardt, 76)

Um der Abwanderungsbewegung Einhalt zu gebieten und die „freigesetzten“ Arbeitskräfte in der ländlichen Region zu halten, wurde 1662 ein „Niederlassungsgesetz“ für das Landvolk erlassen, das die Vorschriften der so genannten „Gemeindeleibeigenschaft“ niederlegte und damit die enteigneten Bauern an die Gemeinde band. Sie wurden billige Arbeitskräfte auf den Großfarmen. Die Grundeigentümer „hoben die Feudalverfassung des Bodens auf, d.h. sie schüttelten seine Leistungsverpflichtungen an den Staat ab, entschädigten den Staat durch Steuern auf die Bauernschaft und übrige Volksmasse, vindizierten modernes Privateigentum, und oktroyierten schließlich… Niederlassungsgesetze.“ 5

Erst 1795 zu Beginn des Industriekapitalismus wurde das Niederlassungsgesetz von 1662 gelockert. Im gleichen Jahr aber ein „Zuschussgesetz“, das „Speenhamland-Gesetz“, eingeführt, das vorsah, „dass zusätzlich zu den Löhnen Zuschüsse bezahlt werden sollten,..,damit den Armen, unabhängig von ihren Einkünften, ein Minimaleinkommen garantiert werde.“ (Polanyi, 144) Erst 1834 wurde ein auf Wettbewerb beruhender Arbeitsmarkt in Großbritannien als letzter Teilmarkt eingeführt. Fast 200 Jahre wurde Lohnarbeit durch gesetzlich fixierte Zwangsarbeit gefördert.

Nicht von ungefähr haben im Rahmen der „Der Großen Transformation“ (Polanyi) der Güterverteilung während des  17. Jahrhunderts aufgrund der Durchsetzung der Marktwirtschaft und des bürgerlichen National-Staates in England zwei Begründer der politischen Ökonomie und – im Vergleich zum „ancien regime“ – des freiheitlichen Bürgerstaates die ideologischen Leitplanken einer neuen bürgerlichen Gesellschaftsordnung gelegt. William Petty hat auf der Grundlage eines Modells der Zirkulation, das Warenproduktion und Marktwirtschaft miteinander verbindet, die geldpolitische Grundlage des National-Staates nachzuweisen versucht und damit den Zusammenhang von Staatsmacht und ökonomischer Macht deutlich gemacht. Der andere, John Locke, begründet politisch auf der Grundlage eines idealiter und vernünftigen, naturrechtlich gebundenen Gesellschaftsvertrages die freie wirtschaftliche Betätigung des Bürgers und das Naturrecht des Privateigentums.      

Der gemachte Mann

Vor dem oben skizzierten Hintergrund der neuen Agrarverfassung (New Husbandry), der kommerziellen Landwirtschaft, der englischen Kolonialpolitik in Irland und Übersee sowie der immensen Staatsverschuldung durch Kriege der puritanischen Politik wurde der Parteigänger Cromwells William Petty – Professor für Anatomie und Musik in Oxford sowie Generalarzt der Cromwellarmee in Irland – von Cromwell beauftragt, Irland in ein Kataster einzutragen und zu vermessen. Zweck dieses Auftrages war, Cromwell Gläubiger, die seine 40 000 Mann starke „Privatarmee“ finanzieren halfen, mit Grundbesitz zu entlohnen. Petty selbst bekam für diesen Auftrag 9 000 livres und zusätzlich 30 000 acres Land als Grundbesitz in Irland dazu.

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Petty war ein gemachter Mann. So wurde er 1659 Parlamentsmitglied, verlor den Parlamentssitz dann aber wieder während der Stuart – Restauration. Karl II. verlieh ihm den „Knight Bachelor“, den Titel SIR. 1666 kehrte er nach Irland zurück, wo er 1687 starb.

Vater der englischen Verwaltungsstatistik

In seinem Anfang der sechziger Jahre verfassten „Treatise of Taxes and Contribution“ befasste Petty sich mit den Staatsfinanzen und Reformen der Staatseinnahmen, um diese zu erhöhen. Er entwickelte ein Surpluskonzept, wie  Überschüsse abgeschöpft werden können. 6

Zuerst sucht er nach Staatsausgaben (Verteidigung, Beamtenbesoldung, incl. die des Königs, Bildung, Armenpflege und Infrastruktur), die gekürzt werden können. Ausnahmen bilden die Armenpflege und die Investitionen in die Infrastruktur. Arbeitsfähige ohne feste  Anstellung (Tagelöhner, Bettler etc.) sollten innerhalb von Infrastrukturprojekten arbeiten. (Aus einem Verzeichnis aus dem Jahre 1688 geht hervor, dass von den 5 500 520 Einwohnern Englands 2 285 500 den Reichtum der Nation geschmälert, weil sie nicht gearbeitet, und 2 675 520 hingegen den Reichtum vermehrt hätten. Die Hälfte der englischen Bewohner seien Landstreicher, Diebe, Bettler usw.) Ihre Entlohnung sollte per Gesetz in einer solchen Höhe festgelegt werden, dass die Arbeiter überleben können („which should allow labourer but just wherewithall to live“). Wenn man dem Arbeiter mehr als das Notwendigste geben würde,“then he works but half so much as he could have done, and otherwise would.“ (Petty, in: Klingen, 26) An dieser Devise hielt sich die liberale Ökonomie der Klassik jahrzehntelang.

Dieses Verständnis für die „ursprüngliche Akkumulation“ von Kapital (Marx) schließt folgende Thesen mit ein:

  1. Lohnarbeit trägt zur Vermehrung des „Reichtums der Nation“ bei, denn blieben Arbeiter ohne Lohn, dann könne auch kein Reichtum aktualisiert werden. Arbeit schafft Wert. 
  2. Ohne Lohnarbeit könne auch kein Surplus erwirtschaftet werden. „Arbeit sei der Vater des Reichtums.“ Petty wird als Begründer der Arbeitswerttheorie bezeichnet.
  3. Eine sich selbst überlassene Marktwirtschaft könne keinen zufrieden stellenden Beschäftigungsgrad erreichen. Der Staat müsse dafür sorgen.                        

In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Petty, wie Ibrahim X Kendi 7 schreibt, 1677 eine „hierarchische Skala der Menschheit“ aufstellte, in der die „Neger“ die unterste Stufe einnahmen. „Mitteleuropäer unterschieden sich von Afrikanern >durch ihre natürlichen Sitten und Eigenschaften ihres Geistes< (Petty).“ (Kendi,66) 1679 genehmigte die englische Handelskammer die brutalen rassistischen Sklavengesetze, die die „Investitionen von Kaufleuten und Pflanzern sicherten, und rechtfertigte ihr Handeln dann mit einer rassistischen Idee.“ (66)

Die „spare hands“ afrikanischer Sklaven waren für Petty nicht nur ethisch menschlicher „Bodensatz“, sondern auch ökonomisch bestens geeignet, den Reichtum der „politischen Nation“, d.h. der aristobourgeoisen Oberschicht, zu mehren.

Erst 1834 wurde die Sklaverei in Großbritannien gesetzlich verboten, obwohl sie praktisch weiterbestand und das Gesetz den Rassismus der europäischen Moderne nicht unterbinden konnte.

Petty´s  Methode 

Um das Surplus-Konzept zu entwicklen, geht Petty von zwei empirisch fundierten Möglichkeiten aus. 

Eine eher unwahrscheinliche Variante liege in der Enteignung von bestehendem Pachtland. Um das Haushaltsdefizit des Staates zu beheben, könnte der Staat einen Teil der privaten Ländereien per Vertrag zu Staatsländereien machen. Mit dem auf diesen Ländereien erzielten Erlös könnten die Schulden beglichen werden.

Das heißt, die Renteneinnahmen (rent of land) müssten anschließend in Geld transformiert werden. Nach Marx unterteilt Petty den Surplus value in rent of land und rent of money, wobei die Geldrente (mit anderen Worten der Geldzins) von der Agrarrente abhängig ist.

Dabei wäre aber zu überdenken, wie Petty später ausführt, die Bodenfläche nach bestimmten Kriterien hin zu analysieren. Diese Ergebnisse wiederum seien aber abhängig von zukünftigen ökonomischen und politischen Gegebenheiten. Außerdem wäre eine solches Modell nur in neuen Staaten (etwa in Republiken, wie nach Pettys Erfahrungen zu vermuten ist) praktikabel. Hinzu käme noch der Umstand, dass in schon existierenden Staaten feste Eigentumstitel festlägen. Und Eigentum ist sakrosankt.

In existierenden Staaten hingegen müsste ein anderes Modell gefunden werden, woraus der Staat Steuereinnahmen generieren könne. Petty entwickelt eine Besteuerung der Grundrente, die aus dem Surplus des Sozialprodukts entnommen werden müsste. Im Unterschied zu landläufigen Verträgen, die oft aus Willkür entstanden seien, müsse eine „richtige“ Methode, das heißt eine messbare und überprüfbare angewendet werden. Diese müsse induktiv vorgehen. Das Land müsse vermessen werden, man müsse einen Überblick über Gestalt, Fläche und Lage der Ländereien gewinnen. Außerdem müssten Qualität und Menge der Produkte festgestellte werden und das technische Know-how bekannt sein.

Petty definiert den gesellschaftlichen Surplus als Differenz zwischen den potentiell Erwerbstätigen, d.h. der Bevölkerungszahl minus Kinder, Greise und Kranke, und der zur Reproduktion der Arbeitskraft gegebenen Outputs notwendigen Arbeit. Für die Maximierung des Surplus komme es darauf an, die Differenz zu maximieren. Je weniger arbeiten müssten, den Output zu reproduzieren, um so größer sei die Differenz zwischen der Bevölkerung und der berechneten notwendigen Arbeitsmenge. 

Als „Vater der englischen Verwaltungsstatistik“ bezeichnet, versucht Petty mit Hilfe von Daten ökonomische Sachlagen mathematisch darzustellen. Wie sein Bruder im Geiste Sir Dudley North (1641-1691), Parlamentsmitglied, Ökonom und Fernhändler, war auch Petty überzeugt, dass „Wissen in hohem Maße mathematisch geworden sei.“ 8 Pribram weist darauf hin, dass „diese Tendenz den Glauben an die Wirksamkeit der regulativen Wirtschaftspolitik der Regierungen“ (139) untergraben wird. So wendet sich Petty konsequenter Weise gegen staatliche Eingriffe in die „Gesetze der Natur“, die jene des Marktes seien als ein System der mechanischen Selbstregulation. Man kann Petty als den Ahn des ökonomischen Liberalismus bezeichnet, wie ihn später die hohen Priester des ökonomischen Liberalismus, Adam Smith, David Ricardo, J.St. Mills u.a. bis in unsere Zeit hinein vertreten. John Locke (1632-1704) komplementiert ideologisch den politischen Liberalismus.

Arbeit ist „der Vater“ – Natur „die Mutter des Reichtums“

„Alle Dinge sind Geschöpfe der Natur und der menschlichen Arbeit.“ (Petty) Arbeit sei produktiv und darin liege ihr Wert. Diese Bestimmung beziehe sich nicht allein auf die Herstellung materieller, sondern ebenfalls auf geistige Dinge, sofern sie einen Gebrauchswert besäßen. So zählt er ausdrücklich Soldaten zur Kategorie der produktiven Arbeit. Diese Kategorie spielt in der klassischen Theorie bis hin zu Marx eine bedeutende Rolle. 

Was aber bestimmt den Wert eines Gegenstandes, eines Gebrauchswertes, wenn er auf dem Markt zur Ware wird?

„Wenn jemand eine Unze Silber aus dem Inneren der Erde in der selben Zeit nach London bringen kann, die er zur Produktion eines Bushels Korn brauchen würde, dann ist das eine der natürliche Preis des anderen; wenn er nun durch Abbau neuer und ergiebiger Bergwerke statt der einen zwei Unzen Silber mit dem gleichen Aufwand gewinnen kann, wird das Korn bei einem Preis von 10 Shilling pro Bushel ebenso billig sein wie vorher bei einem Preis von 5 Shilling, ceateris paribus. Nehmen wir an, die Produktion eines Bushel Korn erfordere ebensoviele Arbeit wie die einer Unze Silber.“ Dies sei zunächst der „reale und nicht der eingebildete Weg, die Preise der Waren zu berechnen.“ 9 Der Wert der Ware, der natürliche Preis (true Price Currant), wird durch die in ihr enthaltene Arbeitsmenge und Arbeitszeit bestimmt. Zwei qualitativ unterschiedliche Waren (Korn und Silber) werden quantitativ äquivalent ausgetauscht.

Nun stellt sich die Frage nach dem Wert der Arbeit.

Der Wert der Arbeit werde, so Petty, durch die Lebensmittel bestimmt, die notwendig seien, um das Leben der Arbeiter zu reproduzieren, das heißt, durch die Kaufkraft des Reallohns. Arbeit sei also, wie Adam Smith schreibt, „ursprünglich das Kaufgeld, womit alles andere bezahlt wird. Nicht mit Gold oder Silber sondern mit Arbeit wurde der Reichtum dieser Welt letztlich erworben.“ 10 Die Arbeitszeit bestimmt die Wertgröße.

„Das Gesetz sollte dem Arbeiter gerade das noch zum Leben Notwendige zugestehen; denn wenn man ihm das Doppelte zugesteht, dann arbeitet er nur halb soviel, wie er hätte tun können und andernfalls getan hätte; das bedeutet für die Gesellschaft einen Verlust der Ersparnisse von soviel Arbeit.“ (zitiert nach Marx, ebd.332) 

Wie schon erwähnt, lebte um 1688 die Hälfte der englischen Bevölkerung in Armut. Zur Zeit der „Glorreichen Revolution“ nimmt der Handel mit „Negern“ einen mächtigen Aufschwung. Einen der ersten Staatsakte der neuen Monarchie unter Wilhelm von Oranien und der Mehrheit der liberalen Whigs im Unterhaus bestand darin, Spanien das Monopol im Sklavenhandel zu entreißen. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erlangte  England, das „Vaterland der europäischen Aufklärung“, die Vorherrschaft im Sklavenhandel. Der Liberalismus, der in den Postulaten individueller Freiheitsrechte seinen weihevollen Ausdruck findet, ging einher mit dem Rassismus.

Silber ist eine Ware wie jede andere Ware. Aber es fungiert auch als Geld. Damit ergeben sich zwei Probleme. 

Was unterscheidet Geld von Ware? Silber als Geld erfüllt nur die Funktion eines Äquivalents. Es ist Tauschmittel und Zahlungsmittel. Eine Geldtheorie hat Petty nicht.

Ein zweites Problem hinsichtlich der Steuererhebung und Einziehung taucht auf. Falls der Geldwert des Silbers sich veränderte, also 90 Mann in 10 Jahren die gleiche Menge Silber wie 100 Mann im gleichen Zeitraum Korn produzierten, veränderten sich die faktischen Konditionen des Steuervertrages mit den Grundbesitzern. Fällt während der Laufzeit des Vertrages der Wert des Silbers, dann sind davon diejenigen betroffen, deren Revenue vertraglich fixiert ist. Sie können sich  nicht über steigende Einnahmen für die steigenden Warenpreise schadlos halten. Solange die Rente im alten Geldwert festgelegt ist, sinken die Staatseinnahmen durch den Wertverlust des Silbers. Edelmetalle oder andere Gebrauchswerte sind keine geeigneten Maßstäbe auf der Suche nach einem stabilen Wertstandard, da sie selbst Wertveränderungen unterworfen sind. Hinzu kommt ein weiteres Problem. Wenn die Produktionsbedingungen für die Edelmetalle durch neue Techniken verbessert werden, dann steigt einerseits der „Reichtum“ der Nation oder des Staates, weil mehr Silber produziert wird, aber ihr Arbeitswert je Einheit ist gesunken. Andererseits steigt bei gegebenem Reallohn der Arbeiter ihr Geldlohn proportional zum Wertverlust des Silbers. Wenn die Arbeiterschaft in ihrer quantitativen Größe unverändert bleibt, also die Arbeitsmenge gleich bleibt, dann werden auch keine neuen Werte in der gleichen Zeit geschaffen, trotz des gestiegenen Reichtums. Reichtum und Wert sind zwei unterschiedliche Kategorien.

Petty bestimmt den Tauschwert oder den „natürlichen Preis“ durch die inkorporierten Arbeitsmengen, die ihrerseits von den natürlichen oder technischen Bedingungen abhängen. Je schlechter (besser) letztere sind, um so mehr (weniger) Arbeit braucht man, um eine bestimmte Ware zu produzieren und um so teuerer (billiger) wird die Ware sein. Der Tauschwert wird durch die Arbeitsmenge pro Zeiteinheit bestimmt. Marx wendet dagegen ein, „was den Wert bestimmt, ist nicht die Zeit, in welcher eine Sache produziert wurde, sondern das Minimum von Zeit, in welchem sie produziert werden kann, und diese Minimum wird durch die Konkurrenz festgestellt.“ 11 

Entmaterialisierung der Welt

Die Philosophiegeschichte ordnet die Philosophie des 16. und 17. Jahrhunderts antithetisch unter die Kapitel Rationalismus und Empirismus ein. Beide Denkschulen fußen auf dem Dualismus von Materie und Geist, Körper und Seele, der seit der griechischen Antike nicht nur die Philosophie beherrscht. 12 Ich möchte an der Philosophie John Locke (1632 – 1704) nachweisen, dass der Empirismus ebenso wie der Rationalismus dem Zeitgeist der Entmaterialisierung und Mathematisierung in der Epoche des Handelskapitalismus entspricht.

Drei Strömungen europäischer Abstraktionskunst fügen sich in dieser Zeit zu einem großen, Mythen und Fantasie klärenden Strom zusammen, der sich von den britischen Inseln nach Nordamerika und dem europäischen Festland ergießt. Er nährt die neuen christlich – liberalen Werte des später so genannten „Westens.“ 

Die Quelle dieser Abstraktionskunst wird in den Geist des menschlichen Subjekts verlegt – genauer gesagt vorerst in das männliche und europäische Bewusstsein des denkenden Subjekts. Zuvörderst wird die traditionelle katholische Gotteserkenntnis (Theognosie), in der das Absolut-Eine, „Gottvater“, in der Gestalt Mensch als Jesus materialisiert in Erscheinung tritt – was schon die Nominalsten des Mittelalters in Frage stellten – sozusagen „entmenschlicht“ und als das Absolute schlechthin begriffen, und der „Sohn Gottes“, Jesus, wird ganz und gar Mensch. 

So unterscheidet John Locke – im Geiste des Puritanismus erzogen, später Professor der Philosophie, der Medizin und der Naturwissenschaft – zwischen „Deisten“ und „Christen“. Menschen haben Gott zum König und unterstehen dem Gesetz der Vernunft; als Christen sehen sie ihren König in Jesus und sind dem von ihm geschaffenen Gesetz des Evangeliums unterworfen. Jeder Christ sei zugleich Deist, aber nicht jeder Deist Christ. Mit dieser Unterscheidung gibt er dem ethischen Prinzip der Toleranz Raum und attackiert zugleich den Dogmatismus der katholischen Kirche, die dem abstammungsgebundenen feudalen und absoluten Königtum seine ideologische Rechtfertigung gab. Durch diese Volte der Entzweiung des „Einen und Absoluten von Raum und Zeit“ wird Jesus die Rolle eines Messias zugewiesen. Gott wird zu einer vernünftigen Kopfgeburt, die zeit- und raumlos Vernunft zum Gesetzgeber erhebt. Die Figur Gottes wird zu einer vernünftigen Idee. Aus der auch ein „Recht der Natur“ spricht, das ebenso eine Idee der geistigen Natur des Menschen ist und ewig und überall herrscht und unveräußerlich ist, ergo eine Vorstellung oder Begriff ist. Im Gegensatz zum traditionellen Naturrecht, das durch eine äußere metaphysische Macht gesetzt wird, ist das neue europäische und bürgerliche Naturrecht ein Vernunftrecht und Gottesrecht zugleich. Die Menschenrechte des Individuums sein Inhalt. Für John Toland (1670 -1722), einer der vielen englischen Deisten, liegt die Göttlichkeit des Evangeliums in dessen Vernünftigkeit. Im Vorwort zu „Christianity not Mysterious“ beklagt Toland, „dass ein Mann nicht offen sagen und klar bekennen kann, was er in Sachen Religion denkt, während in der Wissenschaft die rationale Diskussion durchaus erwünscht ist.“ 13 Das Christentum sollte durch Entlastung von allen irrationalen Inhalten dem Zeitgeist angepasst werden; es sollte rationalen Kriterien unterworfen werden.

Der englische „Deismus“ in seinen verschiedenen Schattierungen übte großen Einfluss auf die kritischen Geister auf dem Kontinent aus, die auch den Gottesglauben in seiner christlichen Variante ablehnten und zu naturalistischen und materialistischen Auffassungen neigten.

Die Semiotik

Grundlage solcher komplexer Ideen wie der Göttlichkeit oder der des Naturrechts und Menschenrechts, die nach Locke allgemeine und abstrakte Ideen sind und vom Subjekt erzeugt werden, ist die Wissenschaft der Semiotik. Locke bezeichnet den menschlichen Geist als Vermögen beziehungsweise als Kraft der Ideenbildung. Der Geist vergleicht Ideen, trennt sie (analysiert), fügt sie zusammen (synthetisiert) und abstrahiert. Der Geist des Menschen ist gleichsam seine zweite „Natur“, die Recht und Werte setzt. Die Vernunft ist demzufolge das Vermögen der Ableitung von Folgen aus Grundsätzen.           

Nach Locke haben sprachliche Ausdrücke dadurch Bedeutung, dass sie Zeichen von Ideen, von Bewusstseinsinhalten sind. Unabhängig davon sind artikulierte Laute nur Geräusche. Da Ideen nur unmittelbare Objekte des Bewusstseins sein können, so können Worte direkt nur Ideen bezeichnen, aber nicht etwas hinter diesen Seiendes (siehe Platonismus). Allgemeine Namen seien somit Zeichen allgemeiner Ideen, die Locke auch zusammengesetzte oder komplexe Ideen nennt. Diese nominalistische Position, die Locke von den mittelalterlichen Nominalisten um Wilhelm von Ockham übernimmt, schließt die traditionelle platonische und aristotelische Position aus, dass es in oder vor den Dingen Universalien gebe. Alles Reale ist nach Locke nur individuell begreifbar. Art- und Gattungsbegriffe sind nominelle Wesenheiten, das heißt keine Abbilder einer angeblich realen Allgemeinheit, sondern Ergebnisse der Abstraktion. Den Wortzeichen liegen also Ideen zugrunde. In seinem Essay Concerning Human Understanding (1690) untersucht Locke die Entstehung von Begriffen, wobei er die rationalistische Annahme, die Ideen seien angeboren (Innatismus) ablehnt, denn bei Geburt sei das Bewusstsein ein weißes Blatt (tabula rasa).Die Idee sei das Medium der Erkenntnis von Dingen der denkunabhängigen Außenwelt. In diesem Medium bilden sich die Dinge der Außenwelt in gewisser Weise ab. Diese Abbilder sind indes Konstruktionen des menschlichen Geistes. Locke konstruiert ein kausales und mechanistisches Wahrnehmungsmodell. Das menschliche Sensorium empfängt von den Außendingen „korpuskulare“ Beobachtungsdaten (äußere Erfahrung), die das Gehirn ursächlich reizen. Das Gehirn empfindet durch diese Sinneswahrnehmung (sensation) entweder durch einen oder durch mehrere Sinne einfache Ideen. Sie sind passiv registrierte Beobachtungsdaten. Sie sind konkret, zahllos und unbestimmt. Einfache Ideen gehen aber nicht nur auf die äußere Sinneswahrnehmung zurück, sondern auch auf den inneren Sinn (reflexion) sowie auf sensation und reflexion. Einfache Ideen bilden die Basis einer Rekonstruktion der Erkenntnis im Allgemeinen. Ideen der Reflexion betreffen Bewusstseinsvorgänge wie zum Beispiel das Wollen. Alle Bewusstseinsvorgänge beruhen auf Erfahrung von Beobachtungsdaten der Außenwelt, von den durch Abstraktion auch einfache Ideen durch Sensation und Reflexion gebildet werden können, wie z.B. Lust. Sowie es keine objektiven Begriffe der Zeit und Kraft geben kann, kann es nach Locke auch keinen freien Willen geben. Freiheit wird „als Vermögen, Handlungen vorzunehmen oder zu unterlassen“ definiert und von Willensfreiheit unterschieden. 

„Die Frage, ob der Wille des Menschen frei sei, ist ebenso sinnlos, wie die, ob ein Schlaf geschwind oder eine Tugend viereckig sei. Denn Freiheit lässt sich ebenso wenig auf den Willen anwenden, wie die Geschwindigkeit einer Bewegung auf den Schlaf oder die Figur der Vierecks auf die Tugend.“ 14 Da der Wille ein Vermögen ebenso wie die Freiheit sei, könne einem Vermögen nicht ein Vermögen zugeschrieben werden. W.Röd hebt zutreffen hervor, dass es „sich hier um syntaktischen Nonsens bzw. um einen Kategorienfehler“ handele. 15

Locke definiert Wissen (knowledge)als „Perzeption des Zusammenhangs der Übereinstimmung und des Gegensatzes irgendwelcher Ideen (…) Wie die Dinge sind, spielt keine Rolle; Wenn ein Mensch nur die Übereinstimmung seiner eigenen Einbildungen beachtet und ihr gemäß spricht, ist alles Wahrheit, alles Gewissheit.“ 16 Daher unterscheidet Locke zwischen Tatsachenwissen, mathematischem und ethischem Wissen. Beim Tatsachenwissen geht es um die Beziehung zwischen Ideen und Dingen. Es muss gezeigt werden, dass und in welcher Weise Urteile objektiv gültig sind. Das ist dann der Fall, wenn Urteile ausschließlich reale Ideen enthalten. Der Bereich des Wissens kann nicht umfassender sein als der Bereich der Erfahrungen durch Sensation und Reflexion. Tatsachenwissen ist möglich, wenn alle Beziehungen der Wirklichkeit durchschaut werden können. Ein Faktum stellt noch kein Wissen dar. Naturwissenschaftliche Erkenntnis deutet Locke als hypothetische Erklärung von Tatsachen, die auf Beobachtung und Experiment gestützt ist und nicht mit dem Anspruch auftritt, endgültiges Wissen zu sein. In diesem Sinne leugnet Locke die Möglichkeit ewiger Wahrheiten, was aber nicht gilt im Zusammenhang der Beziehungen zwischen Ideen. Mathematisches Wissen, das von unbezweifelbaren Axiomen ausgeht, ist notwendig wahr, aber inhaltsleer. Axiome sind analytische Sätze, deren Wahrheit aufgrund der Beziehungen der in ihnen vorkommenden Begriffe behauptet werden kann. Sowohl auf  Mathematik als auch auf die Ethik treffe dies zu, weil es sich um Wissen auf Grund archetypischer Begriffe (Urbilder) handelt, bei dem die Frage der objektiven Gültigkeit überhaupt nicht zu stellen sei. 

„Das 17.Jahrhundert hat ein Schema des wissenschaftlichen Denkens hervorgebracht, das von Mathematikern für Mathematiker geschaffen war. Die wichtigste Eigenschaft des mathematischen Geistes ist seine Fähigkeit, mit Abstraktionen zu arbeiten und aus ihnen klar umrissene beweiskräftige Gedankenketten zu ziehen, die so lange völlig hinreichend  sind, wie man eben über genau diese Abstraktionen nachdenken will. Der gewaltige Erfolg der wissenschaftlichen Abstraktionen, die einerseits der Materie mit ihren einfachen Lokalisierungen in Raum und Zeit, andererseits dem wahrnehmenden, leidenden, denkenden, aber nicht eingreifenden Geist Rechnung tragen, hat der Philosophie  die Aufgabe zugeschoben, sie als die konkrete Darstellung des Tatsächlichen anzuerkennen. Das war der Ruin der modernen Philosophie.

Da sind die Dualisten, die Materie und Geist als gleichbegründet anerkennen, und die beiden Spielarten von Monisten: Jene, die den Geist in die Materie stecken, und jene, die die Materie in den Geist verlegen. Aber dieses Jonglieren mit Abstraktionen kann niemals die innere Verwirrung überwinden, die dadurch aufkam, daß man dem wissenschaftlichen Schema des siebzehnten Jahrhunderts die unzutreffende Konkretheit zugeschrieben hat.“ (Alfred North Whitehead) 17

Das Recht der „Zweiten Natur“ des Menschen oder das bürgerlich-liberale Naturrecht

Die Abhandlung >Two Treatises on Government< schrieb Locke vor der Revolution von 1688, obwohl sie erst 1690 erschien, sodass der Eindruck entstehen konnte, seine Staatstheorie sei eine Rechtfertigung der Revolution, die eine Stärkung des von den Puritanern und den Whig-Liberalen dominierten Parlaments mit sich brachte. Locke schreibt im Interesse dieser „Parteiungen“ – des englischen Bürgertums.

Locke übernimmt die kontraktualistische Position von Thomas Hobbes, modifiziert sie aber entscheidend. Beide definieren politische Gewalt als das Recht der Rechtsetzung und Durchsetzung zum Zwecke des Allgemeinwohls. Die staatliche Gewalt nennen beide Staatshoheit resp. Staatsmacht (Staatssouveränität). Nach Hobbes kommt diese Souveränität entweder einem Einzelnen oder einer Gruppe zu. Diese höchste Gewalt wird erlangt, „wenn Menschen miteinander übereinkommen, sich willentlich einem Menschen oder einer Versammlung von Menschen zu unterwerfen, im Vertrauen darauf, von ihnen gegen alle anderen geschützt zu werden. Dieser Fall kann <politischer Staat< oder >Staat durch Ersetzung< genannt werden.“ (Hobbes, Leviathan) Locke hingegen lehnt diese Art des Gesellschaftsvertrages ab. Die staatliche Gewalt müsse bei den Vertragschließenden, den Staatsbürgern, bleiben. Mit dieser Konstruktion begründet Locke den Begriff der Volkssouveränität. Da zu seiner Zeit nur jene in der Lage waren, einen Vertrag zu schließen, die Eigentum besaßen und mit dem entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, einen Parlamentssitz zu erwerben, kann man konkret davon ausgehen, dass Locke das Bürgertum – Gentry, Citizen, Peerage und Yeoman – zum staatstragenden und vertragschließenden Bürgertum rechnete.

Wenn Staatssouveränität von den Staatsbürgern ausgeht, dann dürfen die Staatsgewalten -Legislative, Exekutive und Judikative – nicht in einer Hand liegen, sondern müssen getrennt sein. Außerdem sei eine Identität von Staatsmacht und Staatsgewalt abzulehnen. Locke führt in seine Staatstheorie die Gewaltenteilung, das Kontrollrecht und das Mehrheitsrecht ein. Allesamt sind Faktoren, die im Interesse der bürgerlichen Gesellschaft lagen.

In einem vorgestellten Naturzustand, einem staatenlosen Zustand, habe der Mensch zweierlei Gewalten: „… alles zu tun, was innerhalb der Grenzen des Gesetzes der Natur für die Erhaltung seiner selbst und anderen Menschen als richtig ansieht. (…) die andere (..) Gewalt, Verbrechen zu bestrafen.“ 18 Durch dieses „Gesetz der Natur“ bilden die Individuen schon im Naturzustand eine „einzige Gemeinschaft und formen eine Gesellschaft“ (Locke,145) Diese Gemeinschaft ist von „Natur“ aus eine Wertgemeinschaft, deren moralische Werte in der Erhaltung „natürlicher Gesetze“ liegt: a.) Erhalte dich, andere und die Natur Gottes, b.) erhalte deine Gesundheit und die der anderen, c.) erhalte dein Leben und das der anderen und e.) erhalte dein Eigentum und das der anderen. 

Diese „Naturgesetze“ sind Ausdruck eines auf Gott zurückgehenden Naturrechts, das Menschenrechte konstituiert, die ihrerseits ewig, unabänderlich und unveräußerlich seien. Locke verbindet sozusagen individuelle bürgerliche Freiheitsrechte mit Gott, dem Glück des Einzelnen und dem Allgemeinwohl der „Nation“, den Wohlhabenden, und diesen Wohlstand mit Geld. 

Individuelle Freiheiten – im Besonderen das Eigentum – Gott, Glück und Geld – das sind die ideologischen Grundfesten des Bürgertums. 

Da im Naturzustand ein jeder Richter in eigener Sache ist, also eine moralische Gesellschaft der Einzelnen ist, und jeder seinen eigenen Urteilsspruch gemäß dem „Naturgesetz“ ausführt und auch ein an das Naturgesetz angepasster Maßstab für Recht und Ordnung fehlt, schließt die „natürliche Gesellschaft und Gemeinschaft“ einen Vertrag. Damit geben die Menschen ihre ursprüngliche Gewalt auf und übergeben sie repräsentativen Institutionen (Repräsentationsprinzip). Die oberste und erste Staatsgewalt ist das Parlament.    

Die Staatsform einer absoluten Monarchie lehnt Locke kategorisch ab, da ihr die Autorität einer Volkssouveränität fehle, „da die Menschen (…) von Natur aus alle frei und unabhängig sind, kann niemand ohne seine Einwilligung aus diesem Zustand verstoßen und der politischen Gewalt eines anderen unterworfen werden. Die einzige Möglichkeit, mit der jemand diese natürliche Freiheit aufgibt und die Fesseln der bürgerlichen umlegt, liegt in der Übereinstimmung mit anderen, sich zusammenzuschließen und in eine Gemeinschaft zu vereinigen, mit dem Ziel ein behagliches, sicheres und friedliches Miteinanderlebens, in dem sicheren Genuss ihres Eigentums und in größerer Sicherheit gegenüber allen, die nicht zu dieser Gemeinschaft gehören.“ (ebda.140) Diese Gemeinschaft bildet einen „politischen Körper“, in dem die Mehrheit das Recht hat zu handeln und die anderen mit zu verpflichten. Die Mehrheit der im Gesellschaftsvertrag vereinigten Gesellschaft kann die gesamte Gewalt der Gemeinschaft anwenden, „um der Gemeinschaft von Zeit zu Zeit Gesetze zu geben und diese durch Beamte vollstrecken zu lassen. In diesem Fall ist Form der Regierung eine vollkommene Demokratie. Oder sie kann die Gewalt der Gesetzgebung in die Hände einiger ausgewählter Männer und ihren Erben oder Nachfolgern legen, dann ist sie eine Oligarchie, oder aber in die Hände eines einzelnen Mannes, dann ist sie eine Monarchie.“ (146)

Das „heilige Eigentum“

Das „große und hauptsächliche Ziel“ – so Locke – sei „die Erhaltung des Eigentums“(143), das zu einem natürlichen Recht des Menschen erklärt wird und deshalb einen moralischen Wert der >vorstaatlichen< Gemeinschaft darstellt. Dort aber in ständiger Gefahr verbleibt, verletzt und nicht bestraft zu werden. Das Eigentumsrecht sei universell. Es könne nicht genommen oder veräußert werden. Ein Grund liege darin, dass das Eigentum an die eigene Person geknüpft sei, also Privateigentum ist. Da ein jeder sich selbst erhalten müsse, um zu leben, müsse er arbeiten. Das was die Person erarbeitet, gehört ihr, da er selbst Eigentümer seiner Person ist. Das über Arbeit Angeeignete nennt Locke Gütereigentum, das dem Eigenbedarf dient, dem durch das Naturgesetz Aneignungsschranken gesetzt werden, da im Naturzustand nur Güter durch Arbeit angeeignet werden dürfen, die unmittelbar dem Verbrauch dienen. Horten von Gütereigentum würde ein Diebstahl an den natürlichen Ressourcen bedeuten, die allen gehören. 

Der Idee eines „vorstaatlichen“ Zustands, des Naturzustands, liegt methodologisch die Perspektive des einzelnen Subjekts (methodologischer Individualismus) zugrunde, das sich naturgedrungen mit anderen zusammenschließen muss. Ein Robinson- Leben widerspricht dem vernünftigen Postulat der Selbsterhaltung menschlicher Natur und ihrer vernünftigen Gesetzlichkeit. Diese ursprüngliche Gemeinschaft beruht auf der moralischen Erkenntnis, das man sich und anderen nicht schaden sollte. Aber der Mensch hat nicht nur seine „geistige und zweite“ Natur. Er ist nicht nur vernünftig. Er lebt in seiner leiblichen, die er ernähren muss. Die Begriffe  Eigentum und Person werden als juristische Titel dadurch „geheiligt“, weil sie zu einer anthropologischen und naturgesetzlichen Konstante philosophisch überhöht werden, um sie ideologisch und politisch unangreifbar zu machen. Das Eigentumsrecht wird aus der Arbeit als Substanz der Person hergeleitet. Locke verbindet die Rechtfertigung des Privateigentums mit der vorkapitalistischen Haushaltsökonomie der Bedarfsdeckung. Diese Bedarfsökonomie gilt indes nur solange, solange es keine Geldwirtschaft gibt, die ihrerseits nur innerhalb einer Marktwirtschaft existieren kann. Geld verändert die Gesellschaft des Naturzustandes, denn es ist in der Marktwirtschaft nicht nur ein Tausch-und Zahlungsmittel, sondern Kapital. Geld begreift Locke als Konvention. 

Mit der Geldwirtschaft treten Einkommensunterschiede in der natürlichen Gesellschaft auf und der Kampf um Anteile an Land und Kapital beginnt, so Locke. Der Kapitalbesitzer könne nun auch das Recht auf Erwerb von Arbeitskräften erhalten, da er nun auch Kapitaleigentümer sei. Er sei deshalb in der Lage, Arbeitskräfte zu beschäftigen, weil er mehr Arbeitsprodukte angesammelt habe als andere. Er ist klüger, sparsamer und fleißiger gewesen. Er hat eine genügsamen Leben geführt. 19 Er ist seines „eigenen Glückes Schmied“ – deshalb weil er sowohl nach dem Gottesrecht als auch nach dem Naturrecht gehandelt und gelebt hat. In der puritanischen Prädestinationslehre fügen sich diese ideologischen Elemente zu einem harmonischen Ganzen. 

In dem Übergangsstadium von der Bedarfsgemeinschaft zu einer Gesellschaft von Kapitalbesitzern wird die Einrichtung einer politischen Gemeinschaft per Gesellschaftsvertrag zur Notwendigkeit, um den Schutz des Privateigentums zu gewährleisten.

Locke erweist sich nicht nur als Begründer des politischen Liberalismus, des bürgerlichen Staates, sondern als Rechtfertiger des Privateigentums. „Im 17. Jahrhundert musste eine Sozialtheorie, die den neuen wirtschaftlich-sozialen Bedingungen gerecht werden wollte, insbesondere die uneingeschränkte Freiheit der Kapitalakkumulation und der Verfügung über Kapital zu begründen suchen und gleichzeitig Lohnarbeit als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Sie musste darüber hinaus den ungleichen Eigentumsverhältnissen Rechnung tragen, die mit den neuen Produktionsbedingungen in der Manufaktur und in der Landwirtschaft eingetreten war, ohne aber damit die Annahme der natürlichen Chancengleichheit aller einzelnen aufzuheben.“ 20 Locke Sozialtheorie hat diesem Bedürfnis Genüge geleistet.      

Das mathematische Schema des 17. Jahrhunderts gründete noch auf der Quantifizierung und Metrisierung so wie der Warenverkehr auf Zahlung und Messung. „Erfolg und Grenzen der Mathematik sind abhängig von den historischen Entwicklungsstandards mathematischer Methoden und Theorien.“ 21 Zähl-und Messverfahren für Raum und Zeitdistanzen, Flächen, Volumina und Gewichte waren erste Ansätze der Mathematik, bei denen die natürlichen Zahlen und elementare geometrische Kenntnisse vorausgesetzt wurden. Für die Ökonomie der Markt- und Geldwirtschaft spielten die Messverfahren für Zeitdistanzen und Gewichte eine zentrale Rolle. Da die Herstellung der Produkte vor dem Verkauf stattfand, rückte die Arbeit in den Fokus der Theorie als Wert setzend. Zeit wurde zum Maßstab der Wertgröße.

Diese Stufe der Abstraktionskunst hatte noch einen konkreten Bezug zu den Dingen. In der pythagoreischen Tradition wurden Größenverhältnisse der Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie in Proportionsgleichungen dargestellt. Wobei der Faktor Größe anfangs noch als stoffliche Ausdehnung begriffen wurde. „Noch I. Newton mathematisierte seine Mechanik >more geometrico< im Sinne der axiomatisch-synthetischen Geometrie Euklids.“ (809) Erst ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde in die Physik die analytische Methode der Infinitesimalrechnung verwendet, in der „unendliche“ Prozesse und der rechnerische Umgang mit Ausdrücken zu ihrer Erfassung untersucht werden.

In dieser Stufe der Abstraktionskunst werden unendliche Reihen und Grenzwerte untersucht. Leibniz hat diese Methoden der Differenzial- und Integralrechnung als gleichbedeutend mit „unendlich klein“ von geometrischen Größen gebraucht.

Diese  Kunst der Abstraktion wurde im 16. und 17. Jahrhundert philosophisch als ein pures geistiges Vermögen dem Menschen zugeschrieben, das göttlicher Natur sei. Der Vernunft schrieb man die Rolle eines geistige Werkzeugs zu. Da der Mensch aber auch ein stoffliches Wesen und daher im Gegensatz zu seinem Geist und seiner Seele vergänglich sei und irren könne, müsse diese Geistesgabe von einer göttlichen metaphysischen Existenz her stammen (Cartesianischer Dualismus). Mathematik als die reine Wissenschaft des Geistes sei „heilig“, denn durch sie erlange der Mensch allein Gewissheit.

Vom Symbol zum Zeichen

Hegel unterschied zwischen Symbol und Zeichen. Im Symbol fallen Bild und Bedeutung zusammen. So vereinen sich zum Beispiel im Gold und Silber der Münze ein Bild vom Reichtum und die Zahl als Zeichen. „Wo bezeichnet wird, ist die Intelligenz mit dem Inhalte der Anschauung fertig geworden und hat den sinnlichen Stoff eine ihm fremde Bedeutung zur Seele gegeben.“ 23 Das Zeichen ist eine aus dem Symbol abgeleitete Abstraktion. Marx unterscheidet dem Begriffe nach trennscharf zwischen Funktion des Geldes als allgemeines Äquivalent und der Anschauung des Geldes im Symbol des Edelmetalls. Symbol und Zeichen stehen in keinem notwendigen Zusammenhang. Die Funktion des Geldes bestimmt den Begriff des Geldes.

In seiner „Archäologie der Begriffe“ verfolgt Erich Hörl die Spur der Entsinnlichung der Denkbilder vom Symbol zum Zeichen, von der Anschauung zur Formalisierung. „Die Existenz der Dinge ging nicht mehr irgendwelchen sie bloß darstellenden Symbolen vorher, die Dinge waren nicht mehr der Existenzgrund der Symbole, sondern das Sein war umgekehrt und in aller axiomatischen Härte gedacht zuallererst eine Funktion widerspruchsfreier Symbolsysteme. Das war die Quintessenz der großen epistemologischen Transformation.“ 22

Einen weiteren Schritt unternimmt George Boole (1815-1864). Er begründet die mathematische Logik in seinem Hauptwerk >An Investigation of the Laws of Thought< (1854) Er will ein vollständiges System des Denkens „auf Basis seiner durchgängigen logisch-mathematischen Formalisierung“ entwickeln (Hörl, 72). Die Logik sollte mit einer auch immer gearteten Metaphysik nichts mehr zu tun haben. Booles Hauptwerk gilt als Gründungsurkunde des strukturellen Denkens. Die Deutung von Zeichen unterliegt der Konventionen, d.h. sie können in jedem beliebigen Sinne gebraucht werden.

Gottlieb Frege (1848-1925) vollendete schließlich die „Subversion des Symbolischen“ (Hörl). Er interessierte sich nur noch für die Notationen von reinen Denkformen, in denen jede repräsentative Funktion getilgt ist. In dieser radikalen Formalisierung unterscheidet sich sein Programm vom klassischen universalsprachlichen Ordnungsprogramm des 17. und 18. Jahrhunderts. „Symbolische Denken wurde so jeder substanzlogische Rest und jeder Hang zum Bilderdienst genommen.“ (Hörl, 92)

Friederich Nietzsche (1844-1900) entgegnet diesem Denken, dass nur naive Menschen glauben können, dass „die Natur des Menschen in eine rein logische verwandelt werden könne…“ 24

Als Strukturwissenschaft wird die Mathematik auf alle Bereiche der gesellschaftlichen Realität angewendet. So verknüpft die neoliberale Markttheorie mathematische Formalisierung und Informationstechnologie. In ihren perfekten Marktmodellen, die keine Beschreibung realer Marktverhältnisse darstellen, sondern Idealabstraktionen sind, operieren diese mit einem Konzept von Information, „das selbst wiederum von physischen Gegebenheiten – wie den Unbequemlichkeiten von Produktion, Verschleiß oder Transport – absieht und eher den Posten eines platonischen Eidos oder einer aristotelische Form besetzt.“ 25

Fußnoten

  1. Karl Polanyi, The Great Transformation, Politische und ökonomische Ursprünge von gesellschafts- und Wirtschaftssystemen, suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1978, S.71
  2. Thomas Morus, Utopia, in: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 1986, S. 35f.
  3.  J.Arbuthnot, An Inquuiry into the Connection between the present Prices of Provisions, zitiert nach: Karl Marx Das Kapital, MEW Band 23, S. 755
  4.  R.B.Seeley, The Perils of the Nation, London 1843, in K.Marx, MEW 23, S. 755
  5.  Karl Marx, MEW 23, S. 751
  6.  Heino Klingen, Politische Ökonomie der Präklassik, Metropolis 1992
  7.  Kendi, Gebrand-Markt, Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika, C.H.Beck, 2018, S. 66 
  8.  K. Pribram, Geschichte des ökonomischen Denkens, Band 1, suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1998, S. 139
  9.  Petty, zitiert nach Marx, in: Theorien über den Mehrwert, MEW 26.1, Dietz 1971, S. 332
  10.  Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, dtv. 11.Auflage 2005, S. 28
  11.  Marx, MEW Bd. 4 Dietz 1972, S. 95
  12.  siehe auch Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit, Rowohlt, 2018
  13.  Geschichte der Philosophie,Hrsg. Wolfgang Rad Bd.VIII, Verlag C.H.Beck, S. 152
  14.  John Locke, Über den menschlichen Verstand, Meiner Verlag 1976, S. 285
  15.  W.Röd, a.a.O. S. 55
  16.  W.Röd, S. 48
  17.  in: Siri Hustvedt, Die Illusion der Gewissheit, Rowohlt, 2018, S. 39
  18.  John Locke, Zwei Abhandlungen über die Regierungen: Klassische Texte der Staatstheorie.Hrsg. N.Hoerster, dtv. Wissenschaft 1987, S. 144
  19.  Siehe: Max Weber, Die Protestantische Ethik
  20.  Wolfgang Röd, Geschichte der Philosophie, Verlag C.H.Beck,1984,S. 60
  21.  Enzyklopädie-Philosophie und Wissenschaftstheorie, Verlag J.B. Metzler Bd.2, 2004, S .809 
  22.  Erich Hörl, Die heiligen Kanäle, Diaphanes Verlag, Berlin 2004, S. 56
  23.  Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaft im Grundrisse, 1830, 3.Teil Die Philosophie des Geistes, Werke 10, Frankfurt/M. 1986, S. 268
  24.  Fr. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Von den ersten und letzten Dingen, Parkland Verlag 1999, S. 23
  25.  Joseph Vogel, Kapital und Ressentiment, Eine kurze Theorie der Gegenwart, C.H.Beck 2021, S. 46

Transozeanischer Handel und staatliches Gewaltmonopol

Territoriale Herzog- oder Fürstentümer, aber auch Handel treibende Stadtrepubliken genügten nicht mehr den politischen Anforderungen, die eine sich ständig ausbreitende Marktwirtschaft forderte.

Der transozeanische Handel und die Kolonien erweiterten die Märkte, dehnten die Geldwirtschaft aus, trieben die Arbeitsteilung voran und machten dadurch eine Konzentration des Staatswesens und ein Gewaltmonopol notwendig, um Stabilität nach innen und Machterhalt und Erweiterung nach außen zu ermöglichen.

Das Militärwesen musste technologisch und organisatorisch erneuert und zentralisiert, ein Finanzwesen etabliert und entwickelt werden und ein professioneller Verwaltungsapparat aufgebaut werden.

Nach den Kämpfen Burg gegen Burg, nach den Kriegszügen der Adelshäuser gegeneinander, nach denen um des „lieben Heiland“ und der im heiligen Land befindlichen Schätze willen – nach all den Kriegen entwickelte sich am Ende des sogenannten Mittelalters eine zentrale Herrschaft über Land und Leute, ein Gewaltmonopol unter aristokratischer Herrschaft. Eine Besonderheit stellt die englische Entwicklung dar. Dort war schon während des Mittelalters ein zentralisiertes Staatswesen entstanden.

Gewaltmonopol und Steuermonopol bedingen sich gegenseitig im Zusammenhang staatlicher Souveränität. Die Zentralisierung des Steuerrechts war die Herzkammer monarchischer Souveränität und die entscheidende Bedingung, mit militärischen Mitteln sich entweder der Macht fremder Mächte zu erwehren oder die Akkumulation von Boden bzw. neuer Territorien sowie das Hoheitsrecht zu erweitern. Vielerorts, wie zum Beispiel in den deutschen Landen, gab es lange Zeit zwei Arten von Steuern: die des adligen Großgrundbesitzes und die des Territorialstaates.

Zwei Faktoren waren für die Macht von Territorialstaaten ausschlaggebend: Krieg und Heirat.

Handel oder Geldgeschäfte waren auf dem Kontinent für die Aristokratie – mit Ausnahme Englands, worauf weiter unten eingegangen wird – nicht von Belang. Reichtum und Macht erwirtschafteten ihre bäuerlichen Untertanen und wurden über eine Güter-Abgaben-Ökonomie und einer militärischen Wehrbereitschaft erzielt. 

Durch diese feudale Abgabepraxis konnten die vielen militärischen Auseinandersetzungen nicht mehr finanziert werden. Die Monarchen waren auf Geldkredite angewiesen. Anleihe und Geldsteuer wurden die Geburtshelfer und zugleich Paten eines neuen frühzeitlichen modernen Staates, in dem das Großbürgertum zwar weiterhin politisch Untertan war, aber ökonomisch zur unabdingbaren Stütze des Staatswesens wurde. Aus der Liaison zwischen Krone und Bourgeoisie entstand eine „Amour fou clandestin“, die letztlich an der Finanz- und Wirtschaftspolitik scheitern sollte.

Die absolutistische Monarchie kann als solche nur deshalb so definiert werden , weil der Monarch seine Machtposition gegenüber seinen Standesgenossen nur mit Hilfe des Großbürgertums, der reichen Großhandelskaufleute und Bankiers, finanzieren konnte. Die „absolute Monarchie“ war sozusagen eine Vorstufe des bürgerlichen Nationalstaates. Im Jahre 1789 stellt Emmanuell Sieyès die Frage: Wer bildet eine Nation? Er beantwortet sie zugleich mit dem Hinweis, dass der Adelstand sich nicht in den gesellschaftlichen Organismus eingefügt habe, dass er zwar eine Last für die Nation, aber kein Teil von ihr sein könne. Eine Nation könne nur aus jenen arbeitenden Ständen bestehen, die nützlich für das Allgemeinwohl seien und dem Staate dienen würden. Der Adel hingegen bliebe untätig, verbrauche den größten Teil der Erzeugnisse, „ohne das Geringste zu ihrer Erzeugung beigetragen zu haben.“ Eine Nation sei „ein Körper, dessen Mitglieder unter einem gemeinsamen Gesetz leben und durch eine und dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten sind.“  (E.Sieyès, Was ist der dritte Stand? in: Die Französische Revolution, Eine Dokumentation, Hrsg.: W.Grab, Verlag Nymphenburger Texte zu Wissenschaft 1973, S.27)

Französische Verhältnisse

Schon unter Franz I. (1515-1547) entstand ein absolutistisches Regime. Die Zeit des Lehnswesens ging endgültig zu Ende. An der Stelle von Privatkriegen zwischen adligen Lehnsherren mit ihren Ritterheeren traten nun Söldnerheere, deren adlige Führungskräfte gut verdienende Unternehmer waren, die auch ihre Söldner auf eigene Rechnung anwarben. So kämpften in französischen Heeren Schweizer, deutsche und italienische Söldner. Mit der Verbreitung von Feuerwaffen vollzog sich wehrtechnisch ein Wandel vom Burgsystem zum Festungssystem. Neben der Konzentration des Militärwesens verlief die militärische Entmachtung des Hochadels und die Etablierung eines königlichen Hofes, in dessen Mittelpunkt der königliche Haushalt (Maison de Roi) stand. Unter Franz I. hatte sich noch keine feste Residenz in einer Hauptstadt herausgebildet. Franz I. residierte in den Loire Schlössern und im Schloss Fontainebleau nahe Paris.

Erst Heinrich IV. (1589-1610) aus dem Hause Bourbon wurde unbestrittener Herrscher Frankreichs, nachdem die Religionskriege durch das Edikt von Nantes (1598) ihr Ende fanden. „Zusammen mit der Wiederherstellung der nationalen Einheit und des inneren Friedens ist es Heinrich IV. bis 1598 schließlich gelungen, die königliche Autorität wieder voll zur Geltung zu bringen.“ (Voss, Von der frühneuzeitlichen Monarchie zur Ersten Republik 1500-1800, Beck Verlag 1980, S.45) Noch um 1500 gab es neben der Krondomäne noch Lehen des Hauses Valois, Bourbon, habsburgische Lehen und anderer Adelshäuser und durch Personalunion angegliederte Territorien.

Durch den Bürgerkrieg wurden Wirtschaft und die Staatsfinanzen arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Staatsschuld betrug 1598 etwa 300 Millionen Pfund (Voss,46); die Bevölkerung litt unter Nahrungsmittelmangel und hungerte. Um den Problemen Herr zu werden, entwickelte Sully, Heinrichs Finanzminister, eine Politik der Sanierung der Staatsfinanzen. Die Kopfsteuer (taille) wurde für die Bauern reduziert. Parallel dazu wurden Schutzmaßnahmen für die Bauern verfügt. So verbot er den Grundherren vor der Ernte in Feldern oder Weinbergen zu jagen. Der Weinbau wurde für den Export gefördert. Weine wurden nach Holland, England und Deutschland exportiert. Sully stellte einen Staatshaushalt auf, verringerte Zahlungen an Staatsrentner, reduzierte Rückerstattungen an Gläubiger und beschnitt Steuerbefreiungen. Bis 1610 konnte ein einigermaßen ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden.

Im Gewerbe wurden unter königlichem Schutz Manufakturen für Tücher, Seidenwaren und Lederwaren gefördert. Ausfuhren von Rohstoffen und Industriegütern brachten Geld in die Staatskasse. Einfuhren ausländischer gewerblicher Produkte sollten vermieden werden – diese merkantilistische Handelspolitik lag im Interesse der Monarchie als auch im Interesse des aufstrebenden Gewerbes, das diesen Protektionismus begrüßte. 

Unter Heinrich wurden Handelsverträge mit Holland, dem osmanischen Reich und mit italienischen Partnern geschlossen. Im Handel und Bankgewerbe herrschten in Frankreich noch Ausländer – Florentiner, Mailänder und Augsburger Handelsherren. Zwar konnte das Bürgertum im 16. Jahrhundert seine ökonomische Position verbessern und auch adlige Landsitze erwerben und im Staatsdienst aufsteigen, aber insgesamt war es dem Adel untergeordnet. Die Politik der Ämterkäuflichkeit, durch die zusätzliche Finanzmittel in die königliche Kasse floss, entwickelte sich ein Amtsadel, der sich zumeist aus bourgeoisen Familien mit entsprechendem Eigenkapital zusammensetzte. Auch auf diesem Weg nahm die politische Macht des sogenannten Schwertadels und großer Grundherren ab und das politische Bündnis zwischen Krone und Großbürgertum wuchs.

Nach der Ermordung Heinrich IV. 1610 gerät die fürneuzeitliche Monarchie durch innen- und außenpolitische Ereignisse wieder ins Wanken. Protestantische Aufstände im Südwesten und in den Cevennen, Versuche der Wiederherstellung von Adelsburgen, durch Englands Unterstützung der Protestanten, durch Krieg mit Spanien 1635 und 1636, durch Volksaufstände in Südfrankreich und Umsturzversuche am Hofe. Wie überall auf dem Kontinent und in England ist das 17. Jahrhundert ein Jahrhundert der Krisen und gesellschaftlichen Umbrüche.

Als Ludwig XIV. (1643-1715) 1661 die Regentschaft von seiner Mutter Anne d`Austriche übernahm, hatten sich in ihrer Regentschaft Unruhen in Westfrankreich und eine tiefgreifende Wirtschaftskrise durch den großen europäischen Krieg mit Aufständen in der Condé und eine große Hungersnot ergeben. Die Staatskasse war leer. Eine merkantilistische Handelspolitik und ein Sparregime sollten Abhilfe bringen. Da private Steuereintreiber die Einnahmen großteils in die eigene Tasche fließen ließen, schränkte Colbert, der 1661 Fouquet als bisherigen Kontrolleur der Finanzen ablöste, die Gewinne der Steuereintreiber ein und reduzierte die Zahl der verkäuflichen Ämter. Er verschlankte den Staatsapparat. „Bis 1667 gelang es ihm bei einem Bruttoeinkommen von 96 Millionen Livree das Nettoeinkommen des Staates auf 63 Millionen Livree zu erhöhen, eine Steigerung von 100%. Gleichzeitig ließ er die Schuldverschreibungen des Staates, die hohen Zinsen kosteten, zurückkaufen, er ließ vorgeblich Adlige aufspüren, die vor der Taille drückten.“ (Voss, 70) Die Taille war eine Veranlagungssteuer und keine Anteilsteuer. „Der König legte nicht fest, was jeder Steuerpflichtige nach Maßgabe eines bestimmten Prozentsatzes seines Einkommens bezahlen musste, sondern er machte diese oder jene Gemeinschaft oder Gemeinde solidarisch für die Gesamtsumme verantwortlich und überließ ihr die Verteilung auf die Einwohner im einzelnen. Jedes Jahr erließ die Regierung den Steuererlass, in dem die Gesamtsumme der im ganzen Land zu erhebenden Steuern festgelegt wurde.“ (Albert Seboul, Die Große Französische Revolution, EVA 1973, S.68f.) 1701 wurde die Kopfsteuer (capitulation) eingeführt. Die Steuerpflichtigen wurden in 22 Klassen eingeteilt, die jeweils dieselbe Gesamtsumme bezahlen mussten, vom Dauphin wurden 2000 Livre verlangt bis hin zu den einfachen Soldaten und Tagelöhnern mit nur einem livre. Der Klerus kaufte sich frei und die Adliger entgingen der Kopfsteuer. Sie war ein Zusatz zur Taille. 1749 kam als weiterer Zusatzsteuer der „Zwanzigste“ auf Einkünfte aus Grundstücken, Handel, Renten und Feudalrechten hinzu. Hinzu kam noch die „Frondienststeuer“, die in Geld zu zahlen war, für Straßenbau und Kanalbau. Das war noch nicht das Ende der Steuerdiktatur. Indirekte Steuern auf Salz, Wein, Alkohol, die der Klerus und der Adel nicht zu zahlen hatten, sowie Zölle, die auch im Inland erhoben wurden, vervollkommneten den Steuerumfang.

Unter Ludwig XVI. waren die Staatsschulden in einem katastrophalen Ausmaß angestiegen. „Allein die Zinsen verschlangen über 300 Millionen Livre, d.h. mehr als die Hälfte der königlichen Einnahmen.“ (Seboul, 72)Der Staat stand vor dem Konkurs. Ludwig berief daraufhin am 8.8.1788 die Generalstände ein, um die Finanzkrise zu überwinden. „Zwischen der theoretischen Allmacht der Monarchie und ihrer tatsächlichen Ohnmacht bestand ein evidenter Widerspruch.“ (72) Die Finanzkrise war die wichtigste der Ursachen für die Revolution. Trotz politischer Zentralisation im Absolutismus war der Nationalstaat noch nicht verwirklicht. In Frankreich wurde er nach der Revolution durch die Staatsbürgerschaft dokumentiert. Eine Mitwirkung politischer Eliten wie im englischen Parlamentarismus unter der Monarchie gab es in Frankreich nicht.

Der Herzkammer monarchischer Souveränität wurde noch ein erheblicher Anteil vom „Blutgeld“ aus den französischen Kolonien zugeführt, das die Großgrundbesitzer in Übersee über den „Zwanzigsten“ an den Staat abführen mussten. Krone und Plantagenbesitzer auf den Antillen oder Santo Domingo etwa hatten ein gleiches Interesse an der Ausbeutung von Afrikanern und Natur. 1635 wird die Compagnie Francaise des iles d` Amerique gegründet, 1664 eine Handelskompanie für West- und Ostindien. Selbst als 1789 im Namen der Menschenrechte, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Revolution begann, änderte sich rein gar nichts an dieser Sachlage. 

„1768 soll der Handel von Bourdeaux in der Lage gewesen sein, die Inseln Amerikas mit etwa 1/4 der Jahreseinfuhr an Schwarzen aus dem französischen Sklavenhandel zu versorgen.“ (Seboul, 25) Neben einträglichem Sklavenhandel waren Zucker, Gewürze, Kaffe, Indigo und Baumwolle die profitabelsten Handelswaren. 1685 wurde der Code noir erlassen, der die Behandlung von Sklaven regelte, nachdem zuvor 1665 französische Niederlassungen auf Santo Domingo (Haiti) gegründet wurden. Anfang des 18. Jahrhundert umfasste 1713 das stehende Heer 480 000 Mann. 25% davon waren Söldner. Frankreich wurde zu einem modernen Staat, der von einem absoluten Monarchen regiert wurde. Er umfasste bis 1763 ein Kolonialreich von Teilen Indiens, Nordamerikas und zahlreiche Inseln in der Karibik sowie Stützpunkte in Afrika.       

Die „politische Nation“ Englands

Im Unterschied zum europäischen Festland hatte sich schon während des Mittelalters in England ein zentralisiertes Staatswesen herausgebildet und in der früher Neuzeit unter dem Tudor-Regime im 16. Jahrhundert ein Parlament der englischen Elite etabliert, die anfänglich aus Adligen, später auch aus großbürgerlichen Familien herkommende Adligen bestand. 

Der Monarch war der Herrscher über das gesamte Reich. Eine adlige Territorialherrschaft gab es nicht. Der königliche Hof war die Zentrale der englischen Politik. Durch ein „System der Patronage“ (Heiner Haan und Gottfried Niedhart, Geschichte Englands vom 16-18. Jahrhunderts, Beck Verlag 1993, S.62) band die Krone den Hochadel an den Hof. Dort war der Ort, an dem die Großen des Landes dem Monarchen ihre Loyalität bekundeten und um die königliche Patronage konkurrierten. Als Beratungsorgan und Exekutionsorgan fungierte der geheime Kronrat (Privy Council). Er tagte regelmäßig und war für die innere Sicherheit, für die nationale Verteidigung und für die Außenpolitik zuständig. Die Mitglieder dieses relativ kleinen Gremiums waren professionelle Staatsdiener.

Das Parlament, das erste europäische Repräsentationsorgan, setzte sich aus drei Institutionen zusammen: dem König, dem Oberhaus des Hochadels und aus dem Unterhaus (Commons), in dem der niedere Adel saß.

Im Rahmen der Tudor-Ordnung im 16. Jahrhundert lag die oberste Gewalt beim „King in Parliament“ (Haan u.a.) Diese Formulierung zeigt, dass der König nicht wie in den rein absolutistischen Staaten auf dem Festland unangefochten die staatliche Souveränität beanspruchen konnte. Schon unter den Stuart Königen drifteten die beiden Institutionen auseinander. Das englische Staatswesen war in dem Sinne eine Vorstufe zu einem „Nationalstaat“ als die Monarchie auf die adligen und großbürgerlichen Eliten angewiesen war. „ Die englische Krone hatte kaum eine Chance, über einen längeren Zeitraum eine Politik durchzusetzen, die das Klasseninteresse des Adels nicht angemessen berücksichtigte. (…) Die tatsächliche Stärke des englischen Staatswesens hing somit wesentlich davon ab, daß die Krone und der Adel bei der Ausübung der öffentlichen Gewalt miteinander kooperierten.“ (Haan, 62) 

So galt schon seit dem 15. Jahrhundert, dass der König auf eigene Kosten („of his own“) seine Ausgaben finanzieren musste, die er aus seinen Krongütern bestreiten sollte. Das Parlament gewährte ihm zudem während seiner Regierungszeit den Einzug von Zöllen.

Im Oberhaus (house of lords) saß der Hochadel (peerage)-Herzöge (Dukes), Grafen , Barone.

„Die 50 – 160 Familien umfassende peerage war .. nicht nur die herausragende Statusgruppe innerhalb der englischen Gesellschaftspyramide und die mit Abstand reichste Einkommensschicht. Sie bildete zugleich auch die maßgebliche Komponente der politischen Machtelite und stellte – gemeinsam mit vielleicht 30 bis 40 weiteren Familien aus der Upper Gentry – den eigentlichen Kern der englischen Herrschaftsklasse dar.“ (Haan, 29) Als Herren mit riesigem Grundbesitz beherrschten sie die Politik in der Lokalverwaltung und in den einzelnen Regionen.

In der dritten Kammer des Parlaments, dem Unterhaus (House of Commons), saßen Vertreter des niederen Adels (gentry) und die Eliten der Stadtgesellschaft (citizens) sowie reiche Pächter und Großbauern (yeomen). Um an den Wahlen zum Unterhaus teilnehmen zu können, mussten sie nicht nur über Produktions- und Geldkapital verfügen, sondern auch Geld akkumulieren können. Im Lauf des 18. Jahrhunderts kostete z.B. ein Parlamentssitz bis zu 100 Tausend Pfund, einschließlich der finanziellen Zuwendungen an die Wähler. Im Parlament versammelte sich die „politische Nation“. Anfang des 18. Jahrhunderts fasste es 558 Mitglieder. 300 000 männliche Erwachsene bei einer Bevölkerung von ca. 5 Millionen in England und Wales verfügten über das aktive Wahlrecht. Das Parlament war also alles andere als als eine Volksvertretung, sondern ein Abbild der sozialen Eliten des Landes und war „ganz und gar mit Adelsherrschaft verbunden.“ (2o9) Der 

Hochadel und die Gentry kontrollierten um 1690 etwa 3/4 des Grund- und Bodens und waren im Rahmen der kommerzialisierten Landwirtschaft, die für den Markt produzierte, Eigentümer von Großfarmen und Unternehmer.

Der Tory Samuel Johnson fasste das politökonomische System des englischen Parlamentarismus mit den Worten treffend zusammen: Der Vorteil des Parlamentarismus bestehe darin, „dass eine große Zahl von begüterten Männern an der Gesetzgebung beteiligt ist, die im eigenen Interesse schlechten Gesetzen nicht zustimmen werden.“ (in:Haan, 206)

Die wichtigsten Rechte des englischen Parlaments waren das Steuerbewilligungsrecht und das Recht auf Mitwirkung an der Gesetzgebung. Die vom König, den Lords und den Commons gemeinsam beschlossenen Gesetze verkörperten die höchste Form des Rechts.

Die „politische Nation“ und des „Königs neue Kleider“ – ein englisches Kammerspiel in drei Akten

Das Schauspiel enthält die klassischen Elemente: Prolog, Episode, Exodus, Peripetie und Entdeckung, aber auch das Pathos.

In der Exposition, dem einführenden Teil des Dramas, ist  Karl I., ein zum anglikanischen Staatsglauben konvertierter Katholik und Stuart, der König Englands und der Gegenspieler der „politischen Nation“, dem Teil der Oberschicht, der im Unterhaus des Parlamentes sitzt.

Der episodische äußere Anlass des über 50 Jahre währenden Verfassungskonfliktes war die Einführung eines anglikanischen Gebetbuches im Jahre 1637, wodurch bei den Schotten der Verdacht aufkam, dass die presbyterianische Kirchenverfassung in Schottland, in der die Einzelgemeinden durch einen Pfarrer oder den lokalen Kirchenvorstand vertreten werden, zugunsten der Anglikanischen Bischofskirche aufgelöst werden sollten. Diese Politik rief den Widerstand aller sozialen Schichten in Schottland auf den Plan. Die ablehnenden Beschlüsse der General Assembly (1638) der schottischen Kirche kamen in den Augen Karls I. einer Rebellion gleich, weil sie eine der Hauptsäulen der englischen Monarchie in Frage stellten. Das Heer, das Karl aus „eigener Tasche“ (of his own) bezahlte, verlor auf dem Schlachtfeld dem schottischen, das zudem noch nordenglische Gebiete besetzt hielt und vom König Zahlungen für den Rückzug verlangte. Als der König daraufhin das so genannte „kurze Parlament“ einberief, um die Finanzierung eines neuen Heeres bewilligt zu bekommen und höhere Steuern forderte, lehnt das Parlament dies ab und wurde sofort vom König wieder nach 22 Tagen aufgelöst.

Nun beginnt die 2. Episode.

Im November 1640 berief das Parlament seine Abgeordneten selbst ein und setzte sich damit über das Prärogativ des Königs hinweg und bestimmte selbst seine Sitzungsdauer („lange Parlament“).

Nun ist der erste Schritt im Machtkampf zwischen Krone und Unterhaus gemacht. In den Wahlen zum Unterhaus gewinnt die Propaganda an Fahrt, Karl führe eigentlich im Schilde, eine katholische Offensive gegen England zu starten; er sei eigentlich ein Kryptokatholik. 

Zum ersten Mal treten nun in diesem Schauspiel kleinbürgerliche Massen in den Londoner Strassen auf und demonstrieren ihre Unterstützung des Commons – Puritaner und Anglikaner gleichermaßen. Hier kann man von einem demokratischen Protest sprechen, weil das Handwerk oder den Kleinhandel betreibende Bürgertum das „Volk“ Londons darstellte und den Willen zur politische Herrschaft zum Ausdruck brachte.    

So wurde der Statthalter Irlands und Mitglied der königlichen Regierung, der Earl of Strafford, verhaftet und vor dem Oberhaus des Hochverrats angeklagt, aber nicht verurteilt. Als 1641 in Irland ein Aufstand gegen die englische Besatzung und Unterdrückung ausbrach, klagte das Unterhaus auf Grundlage eines alten Gesetzes der Bill of Attainder den Earl noch einmal an und verurteilte ihn sogleich zum Tode. Ein Prozess fand nicht statt. Unter großem Jubel der Leute verlor Strafford seinen Kopf im Korb.

Die Dynamik des Verfassungskonfliktes-  oder Revolution gewinnt nun an Fahrt und spitzt sich zur Frage zu:

Wer regiert eigentliche das Land? Karl oder die Commons?

Schon in der berühmten Petition of Right (1628 ), die sich auf den Mythos der Magna Charta  bezog, schufen die oppositionellen Commons eine ideologische Plattform für die nun kommenden Auseinandersetzungen. Die Magna Charta von 1215 wurde als verbrieftes Recht interpretiert, das auch die Macht des Königs einbinde und es somit erlaube, die gesamte Politik der Krone nach dem normalen Rechtsverfahren zu überprüfen.

Der nächste Aufzug geschieht sodann. 1647 marschieren Soldaten in London ein und bilden so etwas wie „Soldatenräte“ und werden zu einer Parlamentsarmee des Unterhauses, die New Model Army, unter Führung eines gewissen Oliver Cromwell, Abgeordneter und Gutsbesitzer des niederen Adels und späterer Lord Protektor. Noch im gleichen Jahr werden presbyterianische Abgeordnete aus dem Parlament ausgeschlossen. Londoner Kleinbürger gehen auf die Straße und demonstrieren gegen die handelskapitalistische Oligarchie und gegen das Prinzip der Parlamentssouveränität. „Dem Prinzip der Parlamentssouveränität wurde das Prinzip der Volkssouveränität gegenübergestellt. Man war nicht mit einer bloßen Parlamentsregierung der Oberschichten umfassenden „politischen Nation“ zufrieden.“ (Haan u.a. 177) Die Levellers („Gleichmacher“) vertraten egalitäre sozioökonomischen Ideen unter Beibehaltung des Privateigentums.

Konflikte auf allen gesellschaftlichen Ebenen nahmen zu: zwischen Puritanern und Anglikanern, zwischen Royalisten und Interdependenten , die für einen Siegfrieden mit den Royalisten eintraten, zwischen der Gentry und den Levellers. Der Höhepunkt dieser zweiten Episode der Glorreichen Revolution ist die Hinrichtung Karl des Ersten 1649. Dieser König verliert nicht nur die Kleider seiner Macht, auch seinen Kopf. 

Nun beginnt der zweite Akt.

Elf Jahre dauerte er, von 1649 bis 1660. Er beschreibt den Umschlag der Handlung ins Gegenteil. Aristoteles nennt dieses Element in seiner Poetik Peripetie und Thomas Hobbes sieht in den folgenden Kämpfen und Kriegen um Macht in Staat und Gesellschaft den Höhepunkt der Handlung.

Im ersten Aufzug des zweiten Aktes des Schauspiels wird die Monarchie und das Oberhaus der Lords im Parlament unter Berufung, wie könnte es auch anders sein, auf „Freiheit und Gott“ abgeschafft. Es ist der Gott der Puritaner, weswegen diese Episode auch Puritanische Revolution genannt worden ist. Was die „Freiheit“ betrifft, so war es der Kopf der Monarchie und die verfassungsmäßige Freiheit der Gentry. Ein vierzigköpfiger Staatsrat übernimmt die Regierung der Republik. Er besteht zu einem großen Teil aus Heerführern, die aus der Schicht der Gentry kommen. Ziel des Staatsrates war es natürlich, eine Konsolidierung seiner Herrschaft zu erreichen und die eigene Macht zu stärken und zu erweitern. Vierzigtausend Mann standen unter seinem Kommando. Was für immense Kosten das zur Folge hatte! Diese nahmen noch zu, als die englische Invasion Irland verwüstete, eroberte und die Leute massakrierte. Im folgenden Jahr 1650 führte man Krieg gegen Schottland, das seine Unabhängigkeit verlor. Wegen der hohen Kosten sahen viele Vertreter im House of Commons in diesen militärischen Einsätzen keinen geldwerten Vorteil mehr. Das Unterhaus musste diesen Kosten zustimmen, nach altem Verfassungsrecht. Auch die Leveller-Bewegung auf der Straße war von dieser Politik alles andere als begeistert.

„Was tun?“

Nun beginnt der zweite Aufzug des zweiten Aktes. Die oppositionellen Vertreter des 1640 gewählten Parlaments mussten von der Bildfläche verschwinden, da sie die Kostenexplosion und die Schulden ablehnten. Die Leveller -Gruppierungen wurden liquidiert. Das Rumpfparlament wurde sodann aufgelöst und Cromwell als Oberbefehlshaber an die Spitze des Offiziersrates gesetzt. „Er regierte in der Folgezeit als Lord Protektor mit einem Staatsrat auf der Grundlage einer geschriebenen Verfassung, des sogenannten Instrument of Government … Neben dem Staatsrat gab es in der Zeit des Protektorates auch ein Parlament, das jedoch keine wirkliche Kontrolle ausüben konnte.“ (Haan u.a.,185) Gesicherte Einnahmen der Regierung und das Recht, Steuern und Zölle zum Unterhalt des Militärs zu erheben, wurden garantiert.

Nun konnte es gegen die Republik der Niederlande gehen, die hauptsächlich als Zwischenhändler des europäischen Außenhandels fungierte. Sie waren die Hauptkonkurrenten im Fernhandel. Im Jahre 1651 wurde ein Gesetz zur Regelung des Außenhandels beschlossen, das nicht nur die Dominanz der Niederlande in der europäischen Küstenschifffahrt beenden, sondern auch die Kolonien an das Mutterland binden sollte. Der Fernhandel stand nun unter staatlicher Lenkung, was wiederum der Londoner City, den Großhandelskaufleuten, auf lange Sicht nicht gefallen haben dürfte.

Nach der revolutionären Strukturveränderung in der Landwirtschaft, nach der kommerziellen Landwirtschaft, trat in England seit Mitte des 17. Jahrhunderts eine weitere Folge revolutionärer Veränderung ein. Eine entscheidende war die sogenannte Commercial Revolution im Außenhandel, die vor allem auch durch die Kriege gegen die Niederlande und gegen Spanien befeuert wurde. So wurde zum Beispiel 1655 die Zuckerinsel Jamaika besetzt. Der Handelsvertrag mit Portugal 1654 eröffnete dem englischen Handel das portugiesische Kolonialreich.

Als Cromwell 1658 stirbt, beginnt der dritte Akt. Er ist ein Akt der Entdeckung, ein Umschlag aus Unwissenheit der Gentry in Erkenntnis, wie Aristoteles sagen würde. Da auch die gesellschaftliche Hierarchie in der Revolutionszeit immer bestehen blieb, „entdeckte“ die landbesitzende Aristokratie und Gentry, dass die Freiheit des Eigentums und die von der „Natur des Menschen“ aus gesehenen vernünftigen individuellen Menschenrechte, die gegen die Macht des Staates gerichtet sind, wie John Locke es sagt, von großem ökonomischen und politischem Wert sein können. Denn die Erhaltung des Eigentums sei grundlegend, weshalb sich Menschen zu einem Staatswesen zusammenschließen und sich unter eine Regierung stellen.                               

Die politische Nation, die englische Elite, entdeckte im aristotelische Sinne, dass sowohl ein staatenloser und damit gesetzloser Zustand, den Thomas Hobbes (1588-1678) als einen Naturzustand modellhaft beschrieb , in dem individuelle Freiheit auf alles und jeden letztlich Unfreiheit bedeute, weil jeder gegenüber jedem anderen ein „Wolf“ sei, in dem kein Eigentum garantiert werden könne und in dem keine Rechtsgleichheit und kein Naturrecht individueller Freiheiten bestehen könne, aber eben auch ein absolutistisch regierender König oder eine  Militärdiktatur Cromwellscher Art partikuläre Geschäftsinteressen nicht hinreichend berücksichtigen und sichern können.

Welche Art von Staat müsste konstituiert werden, der das Naturrecht des Menschen auf Besitztum, auf Rechtsgleichheit und Sicherheit, das auf Selbsterhaltung und individueller Freiheiten garantieren kann und den Kriegszustand eines Naturzustandes beenden kann?

Thomas Hobbes kommt in seiner politischen Philosophie und in seinem Werk Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates, das 1651 in London erschien, auf die Idee eines Gesellschaftsvertrages, den die Gesellschaft der politischen Nation, also die „aristobourgeoise“ Elite Englands, untereinander schließen sollte und somit einen derart bürgerlichen Staat begründen sollte. Dieser Gesellschaftsvertrag sei seinem „Wesen“ nach ein Übereinkunftsvertrag, der die durch das Naturrecht des Stärkeren begründete individuelle Gewalt im Staate monopolisieren soll. Diesem Gewaltmonopol des Staates sollten sich die Staatsbürger, also die Vertragschließenden, unterwerfen, um gesellschaftlichen Frieden und damit finanziellen Wohlstand zu ermöglichen. In diesem Gesellschaftsvertrag sollte das Recht auf Eigentum, das Recht auf juristische Gleichstellung und die individuellen Freiheitsrechte der menschlichen Natur auf Selbsterhaltung, Leben und leibliche Unversehrtheit verankert werden.

Wer sollte der „Form“ nach, wie es im Untertitel des „Leviathan“ steht, oder von Amts wegen diesen im eigentlich sozialen Sinne bürgerlichen und kirchlichen Staat repräsentieren? Für Hobbes ist es klar, dass dieser Repräsentant des Staates kein Mitglied der Vertragschließenden sein könne, da er in einem ständigen Konflikt mit seinen Partikularinteressen stehen müsse. Der Logik dieser Argumentation entsprechend, kann dieses Amt nur jemand außerhalb der „politischen Nation“ ausüben, jemand aus königlichem Geblüt. Hinter dieser Argumentation steckt, wie später Sieyes sagen wird, die grundsätzliche Unterscheidung von „Abstammungsgesellschaft“ (der alten Aristokratie) und „Arbeitsgesellschaft“. 

Verfassungstheorie und Wirklichkeit klaffen wie stets weit auseinander, wie das Schauspiel der „Glorreichen Revolution“ zeigen wird. Doch: Das politische Konzept eines „symbolischen Staates“, eines allmächtigen oder „bürgerlichen“ Staates, eines Leviathan, der neben und außerhalb der Gesellschaft hockt und für Recht und Ordnung und Wohlstand und innengesellschaftlichen Frieden sorgt, hat bis heute seine Wirkungs- und Bedeutungsmacht nicht verloren. Die Idee eines Gesellschaftsvertrages, den es nach David Hume bei der Gründung eines Staates in der Regel nie gegeben habe, geistert noch heute in der ethischen und politischen Theorie des Liberalismus. Diese Idee hat die politische Philosophie revolutioniert und den Abstammungsmythos der Agrarstaaten in den philosophischen Bücherschrank verdammt.

Nun zur historischen Realität:

Nachdem 1659 das republikanische Rumpfparlament sich aufgrund von Streitigkeiten über die Cromwell Nachfolge und auf Druck des Offiziersrates selbst auflöste, wurde ein Convention Parlament konstituiert, das am 25.4.1660 zu der Übereinkunft kam, Karl II. die Thronwürde anzutragen. Dieser stimmte zuvor dem Parlamentsbeschluss zu, religiöse Gewissensfreiheit, die Freiheit des Eigentums und eine Amnestie für republikanische Wortführer und Königsmörder garantiert zu wollen. So wurde Karl II. am 5.5.1660 per Parlamentsbeschluss zum Monarchen. Selbstverständlich musste Karl auf seine Feudalrechte verzichten, seine Steuer- und Zollprivilegien abgeben und war zudem verpflichtet worden, spätestens nach drei Jahren Neuwahlen auszurufen, nachdem sich das Parlament selbst auflösen sollte.

Karl II. war nun ein King of Parliament. Die Gentry und das Unterhaus übernahmen von nun an die ökonomisch wertvolle und unangefochtene Führungsrolle in der Grafschaft- und Lokalverwaltung im Sinne einer „besitzindividualisierten Gesellschaftsordnung.“ (Haan u.a. 190). Zunächst wurde eine feste Verknüpfung zwischen Adelsherrschaft und anglikanischer Bischofskirche gesetzlich verankert, was schon Hobbes um des religiösen Friedens Willen gefordert hatte.

„Nach Abschluss des Gesetzgebungswerkes, das zur Wiederherstellung der Monarchie und inneren Ordnung erforderlich war, wurde das Convention Parlament aufgelöst:“ (191) Im neu gewählten Parlament im Jahre 1661 dominierten die Royalisten, die eine Art Zensur (Licensing-Act 1662) für die politische Publizistik einführten. Rigoros wurden auch konfessionelle Freiheiten beschnitten (Clarendon-Code). Weiterhin wurden alle zivilen- und militärischen Ämter und Parlamentssitze für Nicht-Anglikaner gesperrt. Soweit war für die „politische Nation“ alles in Ordnung. Aber die Herrschaft der Gentry, der Landlord of Manor und der Großkaufleute im Fernhandel hatte einen Haken. Die Außenpolitik verblieb ausschließlich eine Frage der Exekutive und lag damit im Bereich der Prärogative der Krone – soweit nur die Kostenfrage geklärt war. Und Karl verhielt sich wie ein absoluter Fürst. Hofhaltung und die teueren Kriege gegen die Republik der Niederlande (1664-67 / 1672-74) in Afrika und Nordamerika , deren Kosten die vom Parlament zur Verfügung gestellten 2,5 Millionen Pfund weit überstiegen, denn die königlichen Einnahmen aus Verbrauchssteuern, die ihm das Parlament ermöglichte, reichten nicht aus. Was Karl auf seiner Habenseite verbuchen konnte, war die Eroberung New Amsterdams, das nun New York heißt, und New Jersey. Als aber der geheime Vertrag von Dover mit Ludwig dem XIV. ans Tageslicht der Öffentlichkeit kam und dessen Zahlungen an Karl und zudem die beträchtlichen Kriegsschulden im Raume standen, wollte das Unterhaus untersuchen lassen, „ob die für den Krieg bewilligten Gelder ordnungsgemäß verwendet worden waren.“ (Haan,194) Und schon bekam die Ordnung erhebliche Risse. 

Von dem geheimen Dover-Vertrag und der damit verbundenen Annäherung an Frankreich versprach sich Karl eine außenpolitische Überwindung der englischen Isolation, „vor allem aber eine Lösung seiner Finanzprobleme und damit größere Unabhängigkeit vom Parlament.“ (195) Zusammen wollten sie einen Angriffskrieg gegen die Niederlande führen und Karl versprach die „Konversion zum Katholizismus.“ Der Kriegszug löste heftigen Widerstand in den Niederlanden aus, den Wilhelm III. von Oranien organisierte. Als das Unterhaus keine weitere Finanzierung bewilligte, war Karl außenpolitisch gescheitert. Im Jahre 1674 schied England aus dem Krieg aus. Als noch dazu Wilhelm III. von Oranien, nach alter aristokratischer Sitte, Maria, die Nichte Karls II., heiratete, hatte der zukünftige englische König einen Fuß in der englischen Tür.

Als Karl II. 1685 starb, beginnt der letzte Akt der „Glorreichen Revolution“. Im Laufe der Handlung geschieht eine neuerliche „Entdeckung“, die mit einer Katharsis verbunden ist. Nicht dass die Gentry eine „moralische Läuterung“ oder eine „ethische Besserung“ geloben sollte, sondern die Katharsis bestand in einer „Reinigung“ des politischen Verstandes, die mit dem Gefühl einer befreienden Erleichterung verbunden war. Die politische Nation entdeckte mit „Schauder“ (Phobos) und „Jammer“ (Eleos), dass der König so schwer zu kontrollieren war und dabei war, die durch den Übereinkunftsvertrag verfasste religiöse und politische Ordnung zu unterminieren. Dem letztlich gescheiterten Gesetzesentwurf des Unterhauses, die Erbfolge des Königtums zu unterbinden und statt den Bruder Karls einen anderen Jakob (Herzog von Monmouth), ein illegitimer Sohn Karl II., zum König zu bestimmen, liegt doch die Forderung nach einer Wahl des Staatsoberhauptes zugrunde. An dieser Frage spaltete sich die politische Nation in die Parteiungen der Whigs und Tories. Die Whigs traten für eine Suprematie des Parlaments und für ein Widerstandsrecht, wie es John Locke forderte, gegenüber einem absolutistischen König ein. Die Tories für die Beibehaltung der Monarchie, wenn auch für eine „limited monarchy“  – aber gegen eine katholische Thronfolge.

Im Weiteren zeigt sich, dass die politische Macht nicht wie einst aus den Gewehrläufen, sondern aus den Tresoren und dem Steuersäckel kommt.

Als nach dem Tod Karl II. Jacob II. den Thron bestieg, hatten sich die Militärausgaben von 283 000 Pfund 1684 unter Karl auf satte 620 000 Pfund erhöht. Jacob stellte ein 20 000 Tausend Mann starkes „privat“ Heer auf, gleichsam ein Staat im Staate, und besetzte Offiziersstellen mit Katholiken. Als sich das Unterhaus dagegen sperrte, wurde es durch Jacob verfassungswidrig aufgelöst. Zudem versuchte der König Verwaltungs- und Justizpersonal einzustellen, das nach absolutistischer Manier allein dem König untertan und mit der staatlichen Zentralgewalt verbunden werden sollte. Die Katholisierung und absolutistische Politik Jacobs II. musste dem Unterhaus als eine „Konterrevolution“ vorgekommen sein. Jacob „handelte damit gegen den Geist der Restauration, mit dem sich weder ein stehendes Heer noch eine zentralistische Bürokratie vertrugen.“ (197f.) 

Whigs und Tories waren sich einig: „Die Stellung der Aristokratie und Gentry als der politisch sozialen Elite durfte nicht angetastet werden. Das Politikmonopol musste bei der Oberschicht bleiben.“ (Haan, 198)

Als Wilhelm III. von Oranien 1688 in Cornwall landete, floh Jacob nach Frankreich, nachdem er das Große Staatssiegel in die Themse geworfen hatte. Es floß kein Blut und man nannte deswegen die Revolution der Oberschicht eine „Glorreiche“. Das neu gewählte Convention Parliament schob dann mit der Deklaration of Rights dem Absolutismus einen Riegel vor. Der König Wilhelm III. (1989-1702) musste von Neuem die dort niedergelegten Punkte akzeptieren: Steuerbewilligungsrecht des Parlaments,Verbot eines stehenden Heeres, Abschaffung des königlichen Dispensrechtes, freie Parlamentswahlen und Redefreiheit im Parlament. Am 13.2.1689 wurde er zum König gewählt. 

Handels- und Kriegskapitalismus

Die Jahrhunderte der europäischen Aufklärung, das 16. und 17. Jahrhundert, sind Jahrhunderte einer neuen Art von Kriegen. Eroberung und Ausbeutung neuer und unbekannter Territorien und Menschen in Übersee erforderten Seekriege. Die europäische Expansion in Asien, besonders in Indien, in den beiden Amerikas und in Afrika geschah durch eine Union von Staatsmacht und privatem Kapital, von Krone und Großbürgertum.

Das Interesse von Krone und Kapital lag in der räuberischen Aneignung von Naturschätzen und in der Ausbeutung von Mensch und Natur. Während die europäischen Monarchien an der Teilhabe des Raubzuges und der Erweiterung ihres Hoheitsgebietes in fremden Ländern interessiert waren, um ihre Hegemonialansprüche in Europa untermauern zu können, waren die Kaufleute, Kapitäne,Eroberer und Bankiers an der Maximierung ihres Profits, an der Eroberung neuer Märkte, am Aufbau der Textilindustrie, an der Sicherung des Rohstoffs Baumwolle, schließlich an der Organisierung eines neuen Handels- und Produktionssystem eines weltumspannenden Kapitalismus interessiert. Zwar beteiligte sich z.B. die spanische Krone am Anfang an der Finanzierung der Expansion der Konquistadoren, das Risiko aber trugen die Eroberer. Auch die Folgekosten für die militärische Ausrüstung, für Verpflegung und Entlohnung der angeheuerten Seeleute mussten sie tragen. Aber sie waren meist die neuen Eigentümer eroberter Ländereien, auf denen sie Plantagen errichteten, Sklaven arbeiten ließen und Eigentümer des Raubgutes waren, das zum Fünftel von der Krone besteuert wurde. Zwar übten die Monarchien Spanien, Portugal, England und Frankreich und nicht zu vergessen die Republik der Niederlande die Hoheitsgewalt über die neuen Territorien, den Kolonien, aus, doch die Kapitalbesitzer besaßen die ökonomische Macht. „Privatisierte Gewalt gehörte zu den Kernkompetenzen“ (Sven Beckert) der Eroberer. Die Expansion europäischer Handelsnetze beruhte auf der Bereitschaft, Konkurrenten militärisch zu unterdrücken, durch Piraterie, durch Monopolbildung, und Menschen in vielen Regionen die merkantile Präsenz Europas aufzuzwingen.

Nach Zucker, Gewürzen, feinem Tuch aus dem Nahen und Fernen Osten bestand das Ziel des „transozeanischen Handels“ (Sven Beckert) darin, große Mengen Stoff auf den europäischen Markt zu bringen. Kattunen, Musselin und Chintzen wurden in indischen Werkstätten auf dem Lande hergestellt. Die Lieferkette indischer Baumwolle war anfangs kurz. Die Baumwolle fand direkten Zugang zu den indischen Werkstätten auf dem Lande. Lokale Händler, die Banias, kauften die Stoffe und verkauften sie an europäische Kaufleute, die in den Küstenstädten Faktoreien besaßen. Auf die Produktionsstätten hatten die europäischen Handelsgesellschaften ursprünglich keinen unmittelbaren Zugriff. Die indischen Baumwollproduzenten kontrollierten ihren Arbeitsrhythmus, waren Eigentümer der Arbeitsmittel und behielten das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen immer sie wollten. Auf die Preisgestaltung hatten die Europäer zu Anfang deshalb auch keinen unmittelbaren Zugriff.Die indische Stoffproduktion erlebte einen Aufschwung.

Die Stoffe dienten den Europäern als Tauschmittel, um in Südostasien damit Gewürze zu erwerben. Sie wurden auch an afrikanische Händler verkauft, um Sklaven zu kaufen, die gerade in der Neuen Welt auf den Plantagen gebraucht wurden.

Im nächsten Schritt ging es den Handelsgesellschaften darum, die Lieferkette zu kanalisieren und damit den Preis zu drücken. Englische Kaufleute bauten ein Nachfragemonopol auf. Sie vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die Banias über Mengen, Muster, Qualität und Lieferdaten. Den Vorschuss verteilten die Banias an Zwischenhändler, die einzelnen Webern die Mittel vorstreckten, um die Aufträge bewerkstelligen zu können. Die Zwischenhändler schlossen mit Webern die Verträge ab. Der produzierte Stoff ging denselben Weg wieder zurück. „Durch die Einmischung der Europäer in den asiatischen Handel gerieten ältere Netzwerke zunehmend ins Abseits, da bewaffnete europäische Händler die einst dominanten Inder und Araber aus vielen interkontinentalen Märkte heraus drängten.“ (Sven Beckert, King Cotton, C. H. Beck, S. 48)

Die „englische Methode“ beschreibt einen weiteren Schritt, um den Textilhandel ganz unter die Kontrolle zu bekommen. Zuerst versuchten man die indischen Banias aus dem Geschäft zu drängen, um unmittelbar Kontakt zu den dörflichen Produzenten zu erlangen. Man gründete ein „Board of Trade“ mit Hilfe indischer Agenten, den Gumashtas, die auf der englischen Lohnliste standen. Außerdem gab diese Einrichtung dem Generalgouverneur Instruktionen, wie das Ankaufsystem für Baumwollstoffe umgestaltet werden sollte. Ziel war es, mehr Stoffe zu günstigen Preisen zu produzieren. Um dieses Ziel einer Massenproduktion zu erreichen, führte man die Produzenten in eine Kreditabhängigkeit, damit sie der Nachfragemenge nachkommen konnten. Die Gumashtas bestimmten fortan die Produktionskapazitäten und senkten die Erzeugerpreise.

Dieser Prozess, der dem europäischen Verlagssystem ähnelt, führte in weiten Teilen zur Lohnarbeit, die mit einer Zunahme personaler Gewalt einherging.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhielten die indischen Weber bis zu 33% des Stoffpreises, im 18. Jahrhundert nur noch 6%. Sven Beckert berichtet, dass 1795 die Sterberate der Weber sehr hoch gewesen war.(57) Europäische Handelsgesellschaften zerstörten die indische Baumwollindustrie grundlegend.

Nicht nur die globale Vernetzung der Handelsströme, auch eine neue effiziente Produktionsweise organisierten europäische Unternehmer. Das „Herzstück“ dieses Systems war die Sklaverei. Sie ist eine „ökonomische Kategorie“ (Marx). Betriebswirtschaftlich war die „Sklavennahme“ in Afrika und Mesoamerika eine effiziente, profitable Methode, um kostengünstig größere Mengen  Baumwolle in der Betriebsform der Plantagenwirtschaft produzieren zu können und ihn dann nach Europa zu verschiffen, um dort die Textilindustrie aufbauen zu können. Zwar kostet der Sklavenkauf, aber die Exploitation der Arbeitskraft des Sklaven ist recht kostengünstig.

Der Kolonist bekommt zwar mehr Land, als er selbst bearbeiten kann, wie Adam Smith schreibt, braucht zudem keine Steuern zu bezahlen, er braucht seinen Ertrag auch nicht mit einem Grundbesitzer teilen. „Er hat daher jeden Anlass, einen möglichst hohen Ertrag zu erwirtschaften… Doch besitzt er gewöhnlich soviel Land, dass er … nur selten imstande ist, mehr als den 10. Teil von dem zu produzieren, was sein Besitz erbringen könnte. Er ist ständig bemüht, von überall her Arbeitskräfte zu beschaffen.“ Kostengünstig ist nach A.Smith auch die Landnahme der Kolonisten: „ Die Kolonie eines zivilisierten Volkes, das ein unerschlossenes Land in Besitz nimmt oder ein Land, das so dünn bevölkert ist, daß die Eingeborenen den neuen Siedlern leicht Platz machen können, entwickelt sich rascher Reichtum und Größe als irgendeine andere menschliche Gemeinschaft.“ (Adam Smith, Wohlstand der Nationen, S. 473) 

Sven Beckert hat die propagandistische Schönfärberei europäischer und amerikanischer Herrschaften in einer These von der „Zweiteilung der Welt“ in eine „innere Welt“ und in eine „äußere Welt“ zum Ausdruck gebracht. Die „innere Welt“ beruhe auf den Gesetzen, Institutionen und Regeln des Heimatlandes; auf den bürgerliche Rechtsstaat, auf demokratische Institutionen, auf Gesetzen, die auf den postulierten Menschenrechten beruhen. Die „äußere Welt“ dagegen war gekennzeichnet von der imperialen Herrschaft, von Enteignungen riesiger Gebiete und Unterjochung unzähliger Menschen, von der Dezimierung großer Teile der beherrschten Völker oder des Genozids. 

Entscheidend in dieser frühen Phase des Kapitalismus war nicht die Organisierung eines Welthandels, der unter protektionistischen Maßnahmen europäischer Großmächte und der Monopolbildung großer Handelsgesellschaften stand, sondern die Umgestaltung der Produktion in eine Produktion der Lohnarbeit.            

Sven Beckert erzählt die Geschichte von Samuel Greg, die paradigmatisch die Produktionsnetzwerke, die Lieferketten und die Kapitalzirkulation im 18. Jahrhundert demonstriert.

1780 investierte Samuel Greg 3000 Pfund, was in etwa dem heutigen Wert von 500 000 Dollar entsprechen würde, in den Aufbau einer Garnfabrik Quart Bank Mill nahe Manchester. Dieses Vermögen entsprang der Sklavenarbeit auf seiner Zuckerplantage einer karibischen Insel mit Namen Dominica, auf der er bis zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei auf britischem Gebiet 1834 Hunderte von afrikanischen Sklaven ausbeutete. Mit dem Kapital aus diesem Vermögen stellte er zuerst 90 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren für 7 Jahre aus den dörflichen Armenhäusern ein: 

Eine Geschäftsidee, die durchaus gängig in Unternehmerkreisen war. J. Bentham, ein utilitaristischer Menschenfreund  und Glücksmathematiker, wollte zusammen mit seinem Bruder Samuel Arme und Sträflinge in großer Zahl zum Antrieb von Maschinen in seiner Fabrik einsetzen und in Industriehäusern beherbergen. Sein Vorschlag sah vor, von einem in London residierenden Aufsichtsrat der Bank von England, einer Privatbank, sollten in ganz Südengland solche Industriehäuser geleitet werden. Die Kosten sollten einem Fond entnommen werden. Die Körperschaft sollte eine Aktiengesellschaft sein. 250 solcher Industriehäuser mit einer halben Millionen Insassen sollten errichtet werden. „Benthams Plan bedeutete nicht weniger, als den Ausgleich des Konjunkturzyklus durch die Kommerzialisierung der Arbeitslosigkeit im gigantischen Maßstab.“ (Polanyi) 

Die Baumwolle für seine neue Fabrik kaufte Greg aus dem gleichen Vermögen, das aus seiner Zuckerplantage auf Dominica stammte, von verwandten Kaufleuten in Liverpool, die ihre Baumwolle aus Jamaika und aus dem brasilianischen Recife bezogen.

Im Unterschied zur Manufaktur setzte Greg eine Spinnmaschine ein, die allein durch Wasserkraft betrieben wurde. Sie erlaubte kontinuierliches Spinnen ohne etwaige Unterbrechung. Die „Waterframe“ benötigte einen mechanischen Antrieb, weshalb sich die Produktion in Fabriken konzentrierte im Unterschied zur „Jenny“, die meist in Privathaushalten angewandt wurde.

Dem Fabriksystem gehörte die Zukunft, da durch den Einsatz von Maschinen und durch die Erweiterung und Spezialisierung der Arbeitsteilung die Produktivität entscheidend erhöht werden konnten. 

Zwanzig Jahre später stellte Greg weitere 110 erwachsene Arbeiter ein, nun allerdings zu „regulären Löhnen“, wie Beckert bemerkt. 

Um zu verstehen, was die Formulierung „regulär“ bedeutet, lohnt sich einen Blick auf die großen Armutsgesetze der Jahre 1598 und 1601 zu werfen, die Grundlagen des englischen Armutsrechts bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts blieben. „Das Armutsgesetz von 1598 enthielt darüber hinaus auch die Bestimmung, die die zwangsweise Lehrlingsausbildung von armen Kindern anordnete.“ An die Stelle individueller Mildtätigkeit in den Jahrzehnten zuvor, die im Zusammenhang mit der Expansion der Markt-und Geldwirtschaft im Verlauf des 16.Jahrhunderts tendenziell zurückging, wurde durch die >Act for the Relief of poor< (1598) die Armenunterstützung in der Hauptsache den Kirchenvorständen und Armenaufsehern einzelner „Kirchspiele“ übertragen. Die Einführung der kommunalen Armensteuer (compulsory poor rate) wurde von jedem Einwohner und jedem Landbesitzer eingezogen – im Falle von Notzeiten. Als Arme galten Kranke, Arbeitsunfähige und alleinstehende Kinder und Alte, die ihre Lebensmittel nicht aus eigener Kraft besorgen konnten: die „impotent poor.“ 

Es ist zu vermuten, dass Samuel Greg jene 90 Kinder aus den Armenhäusern mit „Naturallöhnen“ entschädigt hat, die dem Kirchsprengel die Kosten für die Unterbringung der Kinder minimierte, was nicht nur für die Kirchenvorsteher, ihren Aufsehern, sondern auch  für den Fabrikanten Greg sowie den Steuerzahlern zum geldlichen Vorteil gereicht haben durfte. Dieses Entlohnungssystem war nicht nur kostengünstig und profitabel, sondern stellte auch ein Übergangssystem zur vertraglich aushandelbaren Lohnarbeit durch den Arbeitsmarkt dar, den es in Großbritannien erst ab 1834 gab.

Als 1795 das aus dem Jahre 1662 stammende Niederlassungsgesetz gelockert wurde, das die Vorschriften der sogenannten Gemeindeleibeigenschaft niederlegte, wurde aber zur gleichen Zeit das „Speenham Gesetz“ als ein Zuschussgesetz für niedrige Löhne eingeführt. Die Lohnzuschüsse waren an den Brotpreis gekoppelt und sollten Armen, unabhängig von ihren Einkünften, ein Minimaleinkommen garantieren. Da 1790 und 1800 verschiedene Antikoalitionsgesetze erlassen wurden, trug das Speenham Gesetz mit dazu bei, die Löhne „regulär“ zu senken und die Arbeitgeber gleichzeitig zu subventionieren.  Erst mit der Abschaffung der Sklaverei 1834 entstand ein Arbeitsmarkt. „Der Arbeitsmarkt war praktisch der letzte der Märkte, die im Rahmen des neuen Industriesystems organisiert wurden, und dieser letzte Schritt wurde erst dann eingenommen, als die Marktwirtschaft startbereit war und sich das Fehlen eines Arbeitsmarktes sogar für das einfache Volk selber als größeres Übel erwies denn die unheilvollen Auswirkungen, die mit seiner Einführung eingehen sollten.“(Karl Polanyi, The Great Transformation, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1978, S.113) 

Mit dieser kapitalistischen Produktionsweise erwirtschaftete Samuel Greg eine Kapitalrendite von 18%, die vier mal so viel höher war als britische Staatsanleihen. Dieses Anleihesystem wurde gegen Ende des 17.Jahrhunderts eingeführt, weil die Staatsverschuldung durch die Kriegsführung Wilhelms III. zwischen 1691 und 1697 auf jährlich 2,5 Millionen Pfund angewachsen war. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 war sie auf 54 Millionen Pfund angewachsen, mit einem jährlichen Zinsendienst von 3,5 Millionen Pfund. Auch in diesem Zusammenhang wird die Machtteilung zwischen Krone und Bourgeoisie deutlich: Die politische Macht lag in den Händen der Krone, die ökonomische in den Händen der Großbourgeoisie. Eine solche Machtteilung war für eine kapitalistische Marktwirtschaft auf längere Sicht nicht verträglich.

Die Fabrik des Samuel Greg exportierte das Garn in die europäischen Staaten und  in die Karibik. „Schließlich sollte ein Großteil der von Greg produzierten Waren Großbritannien verlassen – um den Bedarf des Sklavenhandels an der Westküste Afrikas zu decken, um Greg eigene Sklaven auf der Insel Dominica zu bekleiden und um die Verbraucher auf dem europäischen Kontinent zu bedienen.“ (S.Beckert) 1833 beschäftigte Greg 2084 Arbeiter an 5 Standorten.

Die „direkte“ und „indirekte Sklaverei“ ist der „Ausgangspunkt unser heutigen Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie… So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Karl Marx, Brief an Annakow, MEW 4)    

Freiheit und Knechtschaft

Prolegomenon:

„Herr Proudon verfällt in den Irrtum der bürgerlichen Ökonomen, die in den ökonomischen Kategorien ewige Gesetze sehen und nicht historische Gesetze, die nur für eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte gelten. Statt daher die polit-ökonomischen Kategorien als Abstraktionen von den wirklichen, vorübergehenden, historischen gesellschaftlichen Beziehungen anzusehen, sieht Herr Proudon, infolge einer mystischen Umkehrung, in den wirklichen Verhältnissen nur Verkörperungen dieser Abstraktionen.“ (K.Marx) Die Kategorie  oder die Idee „Freiheit“ und die Kategorie „Sklaverei“ bilden einen Antagonismus, sie sind Gegensätze. Die „direkte Sklaverei“ (Marx) im Vergleich zur „indirekten Sklaverei“ , der Lohnarbeit, ist „Ausgangspunkt unserer heutigen Industrie, ebenso wie die Maschinen, der Kredit etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie…Die Sklaverei verschwinden zu lassen, hieße Amerika von der Weltkarte streichen. So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewusst.“ (Marx an Annenkom, am28.12.1846;In: MEW 4, S.547-57).  Die Maskerade der Sklaverei hat im Falle des Negerhandels anders ausgesehen als im Falle der „indirekten Sklaverei“, der Lohnarbeit. Im ersteren Falle sollte die Maskerade vortäuschen, Neger seien eine andere Rasse Mensch und hätten eine andere Polygenese, etwa wie die der Neandertaler. Neger seien dumm, unvernünftig, unzivilisiert, Affen ähnlich, seien einfaches Handelsgut. Sie wurden wie Vieh „Gebrandmarkt“, gestempelt. (siehe Ibrahim X.Kendi, Stamped from the Beginning, The Definitiv History of the Racist Ideas in Amerika. Erschienen bei C.H.Beck 2016) Vielfältige Blüten des Rassismus stellt Kendi in seinem Buch dar, um den Widerspruch zwischen dem Postulat der bürgerlichen Verfassung „Alle Menschen sind gleich“ und der Sklaverei aufzuheben. Um zum Beispiel diesen Widerspruch aufzuheben, fügten die Südstaaten, die Sklaverei betrieben, den Satz in ihre Verfassung ein: „Alle freien Menschen sind gleich erschaffenworden.“ Auch der liberale Adam Smith, Großmeister der kapitalistischen Ökonomie, schreibt in seinem Meisterwerk der Maskerade: „Das ganze Innere Afrikas und alle Länder, die weiter nördlich vom Schwarzen Meer und Kaspischen Meer liegen… waren wohl von jeher in dem unzivilisierten und unterentwickelten Zustand, in dem wir sie heute noch vorfinden.“ Zugleich lobt er die Amerikanische Verfassung. Dass auch für A.Smith Sklaverei eine ökonomische Kategorie ist, zeigt der Unterschied, den er zwischen Lohnarbeit und Sklaverei macht. Die Sklaverei sei nachteilig für eine Marktwirtschaft, da Sklaven keine Käufer und kein eigenes Einkommen besitzen, wie die Lohnarbeiter. Für Jefferson, den alten Rassisten, war der >Wohlstand der Nationen< das beste Buch über die politische Ökonomie, das es gibt.“ Als in Frankreich 1789 die Revolution im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begann, gab es in der französischen Kolonie Saint-Dominique nach Angaben der damaligen Kolonialverwaltung 40 000 Weiße und 28 000 freie Farbige. Dazu kamen 452 000 Schwarze Sklaven. Die französische Regierung verweigerte trotz ihrer revolutionären Verlautbarungen jegliches Zugeständnis gegenüber den freien Farbigen, da Frankreich wirtschaftlich am Boden und in Kriege mit allen Nachbarn verwickelt war. Die Kolonie war die einzige verlässliche Einnahmequelle. Die Revolutionäre sahen deshalb in der Diskriminierung von Schwarzen und Farbigen eine notwendige Ausnahme von ihrer egalitären Ideologie.     

Im Unterschied zur direkten Sklaverei bewegt sich die „indirekte Sklaverei“ der Lohnarbeit im Rahmen der Zirkulation der Marktwirtschaft. Lohnarbeiter sind aktive Teilnehmer der Zirkulation; sie sind Anbieter ihrer Ware Arbeitskraft und Konsumenten, Nachfrager nach den Waren. Was in diesem Zirkulationsprozess herrscht ist : Freiheit, Gleichheit und Eigentum. Die Grundprinzipien ewiger Menschenrechte.

„Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine.Bentham! denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die des Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil jeder nur für sich und keiner für den anderen kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie (Unsichtbare Hand! Wol.Ro.) der Dinge, oder den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzes, des Gesamtinteresses. Schon beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation…verwandelt sich, so scheint es, die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstrebend, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markte getragen und nun nichts anderes zu erwarten hat als die – Gerberei.“ (Marx, Kapital I. Werke MEW 23, S.189-91)

Das Reich der Freiheit

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Im „Reich der Notwendigkeit“ , in dem der vergesellschaftete Mensch den Stoffwechsel mit der Natur rationell regelnd und unter gemeinschaftliche Kontrolle bringend, mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollzieht, hört dort auf, „wo die menschliche Kraftentwicklung.. sich als Selbstzweck gilt… Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“ (Marx, Kapital III. MEW 25, S.828)

 Als Naturwesen können Menschen niemals ganz frei im Sinne der Abwesenheit eines Zwangs sein. Sie  müssen in einen „Stoffwechsel“ (Marx) mit der Natur unter bestimmten Bedingungen des Arbeitsprozesses als soziale Wesen eintreten.

Wenn Freiheit ,nach Kant, „das Vermögen der reinen Vernunft für sich selbst praktisch zu sein“ ist, dann ist dem Menschen das Vermögen nur dann möglich, wenn er selbst von diesem „Stoffwechsel“ absehen kann. Freiheit ist dann eine Zustandsbezeichnung. Die Freiheitsrechte, wie sie in den Menschenrechten formuliert sind, sind eine Zustandsbeschreibung unter bestimmten ökonomischen und politischen Bedingungen. Wenn sie als Vernunftrecht tituliert und somit von der Natur des Menschen aus gesehen als ewig und als unveräußerlich postuliert werden, dann sind sie reine Ideologie und Propaganda sowie ein Kampfmittel in der Außenpolitik. 

Im Reich des bürgerlichen Rechts ist die Person im Gegensatz zu seiner Stellung im „Stoffwechselprozess“ als Rechtsperson frei. Als Rechtsfigur tritt Freiheit in der Maske (lat. persona, die Schauspielermaske) des Individuums anderen gegenüber auf und wird auch von anderen als solches „angesehen“. Sie sehen sich als gleichwertige Personen an. Ihr Verhältnis ist ein Vertragsverhältnis, ein gewaltloses, ein von personaler Unterdrückung und Knechtschaft freies Verhältnis. Die Produktionsverhältnisse bleiben aber davon unberücksichtigt. 

Der Geist des Geldes

Zu Beginn der „Politischen Ökonomie“ der Marktwirtschaft wurden die zentralen Kategorien – Ware und Geld – getrennt von einander untersucht.

Während Ware in einem intersubjektiven Tauschverhältnis untersucht und nach einem Faktor gesucht wird, der ungleiche Produkte zu einem gleichen Wert austauschfähig werden lässt (Tauschwert) und in einer Gleichung ausgedrückt werden kann (Äquivalenzpostulat), wird Geld als eine vernünftige Konvention angesehen, die imstande ist, den Handel zu beschleunigen, und als Tausch-bzw.Zahlungsmittel fungiert. Geld drückt so zusagen den Tauschwert der Waren im Marktpreis aus, es ist der Geldname des Tauschwertes, obwohl der tatsächlich gezahlte Marktpreis nicht dem Tauschwert zu entsprechen braucht. Waren sind nur insofern vergleichbar, als ihnen ein gemeinsamer Wertmaßstab zugesprochen wird: die Arbeitszeit. Die „Englische Schule“ vertrat demnach einen preistheoretischen Dualismus. Einerseits drückt der Tauschwert den „natürlichen Preis“ (Adam Smith) oder den „relativen Preis“ (David Ricardo) der Ware aus, gemessen in der durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig ist, und andererseits den dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage folgenden Marktpreis in Form des Geldes aus. Der Marktpreis oszilliert um den Tauschwert. Das Geld überlagert gleichsam das Tauschsystem der „realen Werte“. Die Geldtheorie hatte den Tauschwert des Geldes – seine Kaufkraft – zu definieren. Auf dem Grundsatz der Gleichwertigkeit beruhend, formuliert die hypothetisch gewonnene „stationäre Gleichgewichtstheorie“ folgende Gleichung: Geldmenge (H) x Durchschnitte der Warenpreise (P) = Zahlungsmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V). Diese Gleichung stellt ein unelastisches Gleichgewichtsmodell dar, in dem H und V unverändert bleiben müssen, damit die Veränderung von M auf P wirken kann, wonach mit der Zunahme von P M entsprechend steigt. Diese Gleichung stellt ein Grenzfall des Gleichgewichts dar. In ihr werden weder der Faktor Einkommensentwicklung (Faktorkosten) noch der Zeitfaktor im Handelsverkehr berücksichtigt. Der Wert des Geldes wird durch das Verhältnis zwischen H und M bestimmt, sodass die Geldtheorie allein den Tauschwert des Geldes oder seine Kaufkraft zu behandeln hatte.

Dieses Mengenmodell ist ein Modell gleichartiger, quantitativer Einheiten und gleichzeitig der Einstieg in die „Physikalisierung“ der Ökonomie durch ihre Mathematisierung, die den Eindruck vermittelt, als seien Ware und Geld Resultate mechanischer und unpersönlicher wie unhistorischer Prozesse. Die These von der „Neutralität des Geldes“ , wie sie sich im Rechengeld äußert, ist der manifeste Versuch gesellschaftliche Produktions- und Verkehrsverhältnisse zu enthistorisieren und zu verschleiern. So schreitet in der neoklassischen „monetären Quantentheorie“ dieses Wegrücken von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen in der Wirtschaft weiter fort: Geldmenge (M) x Umlaufgeschwindigkeit (V) = Preisniveau (P) x Transaktionsvolumen (T) (I.Fischer-Gleichung). M.Friedmann modifiziert diese Quantentheorie durch die These, dass Veränderungen von V Konjunktur und Preise verändern, was zur Konsequenz führe, dass der Staat so wenig wie möglich in den Marktmechanismus eingreifen sollte. Aus dieser theoretischen Perspektive verschiebt sich das Verhältnis zwischen Ware, als ein Arbeitsprodukt unter einer spezifischen Produktionsweise und natürlichen Bedingungen, und Geld hin zum Geld. Geld regiert. Geld ist die Architektur der Weltordnung.

John Stuart Mill versucht in seinem Werk A System of Logik, Ratiocination and Induktive (1843) mit seiner Methode der induktiven Logik eine endlose Vielzahl von scheinbar unverbundener Phänomene und Vorgänge, wie sie Beobachtung und Erfahrung liefern, in ein System streng determinierter ökonomischer Beziehungen zu verwandeln, worauf sich Prinzipien des deduktiven Schließens anwenden lassen. Erst durch die Mathematisierung könne man, so Mill, überhaupt der Ökonomie der Marktwirtschaft das Prädikat Wissenschaft zuschreiben. Voraussetzung sei, dass alle Preise streng von ihren Kosten bestimmt werden. Da die Produktionselemente Maschine,Energie,Rohstoff und Arbeitskraft wie physikalische Körper zu verstehen und zu behandeln seien, müssten sich Ökonomen mit der Produktion selbst und ihren Bedingungen nicht weiter auseinandersetzen.

„Geld- Gott der Waren“ (Karl Marx)

In der Kritik der Politischen Ökonomie seiner Vorgänger weist Marx die These von der „Neutralität des Geldes“ zurück. Er entwickelt das Geld aus dem Warenaustausch, in dem es historisch zuerst als Tauschmittel und als Geldware (z.B. Edelmetalle als Geld) die Funktion eines allgemeinen Äquivalents eingenommen habe, bevor es als Zahlungsmittel und später als Zirkulationsmittel fungiert.

In den“ Grundrissen“ weist Marx darauf hin, dass Geld zuerst an den Grenzen früherer Gemeinwesen und nicht innerhalb ihrer aufgetreten sei. Es sei falsch, „den Austausch mitten in das Gemeinwesen zu setzen, als das ursprünglich konstituierende Element.“ (Marx,Grundrisse,23) Bei den Griechen und Römern habe Geld nicht alle ökonomische Verhältnisse durchflutet, wie in einer, alle gesellschaftlichen Bereiche durchflutenden Marktwirtschaft. Im Römischen Reich zum Beispiel blieb Naturalsteuer und Naturallieferung Grundlage. „Das Geldwesen eigentlich nur vollständig dort entwickelt in der Armee.“ Andererseits könne auch gesagt werden, dass es entwickelte Gesellschaftsformen gegeben habe, in denen es Kooperation und eine entwickelte Arbeitsteilung gab, ohne dass es dort, wie z.B. in Peru, „irgend ein Geld existiert.“(Marx, ebda. 24).

Das Geld entwickelt sich aus den Anfängen des Gütertauschs. Darin folgt Marx Aristoteles. Nach Aristoteles gehört der naturgemäße Austausch (metabletike) zur natürlichen Erwerbskunst (ktetke), so wie die Hauswirtschaft (ökonomia) auch. Aus dem Tauschhandel mit den erweiterten Gemeinschaften (koinonia) entwickelt sich zwangsläufig die „künstliche Erwerbskunst“ (chrematistike), die deshalb als künstliche angesehen wird, weil sie auf den Austausch mit Geld beruht. Der zufällige und unregelmäßige Güteraustausch benötigt auf kurze Sicht kein vergleichendes Maß, sondern wird bestimmt durch das Bedürfnis oder die Notlage, ein Arbeitsprodukt gegen ein anderes zu tauschen. In Stammesgesellschaften ist Geld nicht notwendig, da andere Verteilungsmechanismen (siehe Polanyi, Die Große Transformation) stattfinden. Auch im Tauschhandel, so Marx, „wo überhaupt noch wenig ausgetauscht wird und noch wenige Waren in den Verkehr kommen“, ist kein Geld nötig. Dort lasse sich das Wertverhältnis zwischen Gütern durch ein einfaches quantitatives Verhältnis ausdrücken. „In dieser Form können wir überhaupt verfahren, wenn wir nur wenige Waren miteinander vergleichen, die gleiches Maß haben; z.B. soviel Quarter Roggen, Gerste, Hafer für soviel Quarter Weizen.“ (Grundrisse,97) Die Waren stehen in einem vergleichbaren Verhältnis zueinander, dessen Wert Marx wie seine Vorgänger Tauschwert nennt. Dieser Vergleich ist ein quantitativer, der auf ein gleichförmiges Maß bezogen wird. Dieses Maß muss die Eigenschaft haben, in aliquote (untergeordnete) Teile einer Einheit, z.B. einer Gewichtseinheit, untergliedert werden zu können. Diese quantitative Vergleichbarkeit bestimmt den Begriff der Äquivalenz.

Die Form des Geldes als Äquivalent geht im Lauf der Geschichte auf verschiedene Waren über. „Mit der Entwicklung des Warenaustauschs heftet sie sich aber ausschließlich fest an besondere Warenarten oder kristallisiert zur Geldform. An welcher Warenart sie kleben bleibt, ist zunächst zufällig.Jedoch entscheiden im großen und ganzen zwei Umstände. Geldform heftet sich entweder an die wichtigsten Eintauschartikel aus der Fremde, welche in der Tat naturwüchsige Erscheinungsform des Tauschwertes der heimischen Produkte sind, oder an den Gebrauchsgegenstand, welches das Hauptelement des einheimischen veräußerlichen Besitztums bildet, wie z.B. Vieh. (…) Menschen haben oft den Menschen selbst in der Gestalt des Sklaven zum ursprünglichen Geldmaterial gemacht, aber niemals den Grund und Boden. Solche Idee konnte nur in bereits ausgebildeter bürgerlicher Gesellschaft aufkommen.“ (Marx,103f.) Erst wenn der Warenaustausch seine lokalen Grenzen sprengt und der Warenwert „sich zu Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet, geht die Geldform auf Waren über, die von Natur zu gesellschaftlichen Funktion eines allgemeinen Äquivalents taugen, auf die edlen Metalle.“(104)

Da Geld in bestimmten Funktionen als Zahlungsmittel und Zirkulationsmittel durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entspringt die Illusion, es sei Institution, eine geistreiche und vernünftige Konvention und könne daher aus dem Nichts geschöpft werden, wie es Goethe im Faust ausdrückt.

„Die Geldform ist dem Ding selbst äußerlich und bloße Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse.“ (Marx,105)

Grundrisse der Politischen Ökonomie –

Wenn die Geldform „dem Ding äußerlich“ und somit unabhängig von dessen Naturalform ist, da Gold als bloße Ware nicht Geld ist, kann Geld als allgemeines Äquivalent auch Funktionen als Zahlungsmittel oder Kredit übernehmen.

Mit der Entwicklung der Warenproduktion entwickeln sich jedoch Verhältnisse, wodurch die Veräußerung der Ware von der Realisation ihres Preises zeitlich getrennt wird…Da die Metamorphose der Ware oder die Entwicklung ihrer Wertform sich hier verändert, erhält auch das Geld eine andere Funktion. Es wird zum Zahlungsmittel.“

Marx,MEW 23,S.149-

Geld als Zahlungsmittel entspringt der einfachen Warenproduktion (W-G-W) dann, wenn Kauf und Verkauf zeitlich auseinander fallen. Geld in der Funktion als Zahlungsmittel benötigt staatliche Garantie. Geld funktioniert erstens als Wertmaß in der Preisbestimmung der verkauften Waren, zweitens als ideelles Kaufmittel, obwohl es nur im Versprechen des Käufers existiert. Erst am Zahltag tritt das Geld in die Zirkulation. das Geld vermittelt nicht mehr den Austauschprozess, sondern schließt ihn ab. Wenn Geld als Zahlungsmittel fungiert, funktioniert es als Rechengeld oder als Wertmaß.

Das Kreditgeld entspringt unmittelbar aus der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel, indem Schuldzertifikate für die verkauften Waren selbst wieder zur Übertragung der Schuldforderungen zirkulieren.“

Marx,MEW 23,154-

Mit der Ausdehnung des Kreditwesens dehnt sich auch die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel aus. „Als solches erhält sie eigene Existenzformen, worin es die Sphäre der großen Handelstransaktionen behaust, während die Gold- und Silbermünze hauptsächlich in der Sphäre des Kleinhandels zurückgedrängt wird.“(Marx,MEW 23,154) Das Geld wird „zum Henker aller Dinge“. (Marx) „Die Finanzkunst die Retorte, in der eine Schrecken erregende Menge von Gütern und Waren verdampft worden ist um diesen unheilvollen Extrakt zu gewinnen…Das Geld erklärt dem ganzen Menschengeschlecht den Krieg.“ (Boisguillertot, in: Marx MEW 23, ebd.154) Je umfangreicher sich das Geld als Zahlungsmittel entwickelt, und das tut es als Geldkapital zwangsläufig, um so notwendiger wird die Geldakkumulation für die Verfallstermine der geschuldeten Summen.

Das Himmelreich des Geldes

Als allgemeines Äquivalent erfüllt Geld nicht nur die Funktion eines Tauschmittels, nicht nur die eines Zahlungsmittels, sondern es ermöglicht auch den Austauschprozess zu einem permanenten Zirkulationsprozess zu gestalten. Als Zirkulationsmittel ist Geld nicht nur Repräsentant der Warenpreise, sondern Zeichen seiner selbst, d.h. in dem Akt der Zirkulation ist sein Material gleichgültig. Es ist symbolisches Geld und ersetzt das reale (materiale) Geld. Als ein solches Zeichen kann es auch gegen andere Zeichen, z.b. Wertpapiere, und gegen Währungen ausgetauscht werden.

Der Zirkulationsprozess der Ware hat folgende Kreislaufbewegung: W-G-W. Die Ware fällt nach dem Kauf aus der Zirkulation heraus und wird konsumiert. Der Kreislauf des Geldes erscheint in diesem einfachen Zirkulationsprozess nicht. Als Zirkulationsmittel haust aber das Geld ständig in der Zirkulationssphäre: G-W-G-W-G…

Wenn es mit anderen Zeichen oder Wertpapieren in einen Austauschprozess tritt, dann zirkulieren keine realen oder materiellen Waren, sondern nur Eigentumstitel auf ein zukünftiges Geld. Die Eigentumstitel können dann entweder selbst die Funktion des Geldes oder eben Ware sein. Märkte, auf denen dies passiert, scheinen entkoppelt von allen anderen Märkten. Es ist das „Himmelreich des Geldes.“

Der Dreizack des Handelskapitalismus

Fernhandel-Monopol-Krieg

Bleiben mir Neger dreihundert nur/Im Hafen von Rio-Janeiro,/Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück/Das Haus Gonzales Perreiro

Das Sklavenschiff, Heinrich Heine

Sowohl Karl I. von Spanien, später kurfürstlich gewählter Karl V. des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, als auch sein Sohn Philipp II. von Spanien benötigten dringend mesoamerikanisches Gold- und Silber, um ihre Kriege gegen Frankreich, England, den Niederlanden, die Hoheitsgebiet Spaniens waren, und gegen die Türken zu finanzieren. 

Allein für den Schutz der niederländischen Grenzgebiete zwischen 1521-26 musste Spanien 300 000 Goldmünzen(Gulden) monatlich aufbringen. Schon eine relativ kleine Truppe von 3 000 Fußknechten für 3 Monate kostete 40 000 Gulden, für eine Artillerie musste man zudem 50 000 Gulden berappen. Die Kluft zwischen Einnahmen aus königlichen Domänen, aus Abgaben, dem Quinto Real einerseits und den Ausgaben andererseits stieg stetig an, sodass auch der geraubte amerikanische Goldschatz wenig an der Misere änderte. Steuererhebungen in den niederländischen Städten und Provinzen sollten diesen Kostenabgrund überbrücken und den drohenden Staatsbankerott verhindern helfen. Als im Zuge des Krieges gegen Frankreich 1536 wieder eine Steueranhebung erfolgte, weigerte sich die Genter Stadtregierung, mit diesem Geld Truppen aufzubieten. Bürger, Zünfte und auch die Wollweber unterstützten die >Collace<, ihre Bürgerversammlung. Daraufhin verfügte Karl V., Gent aller Rechte und Privilegien zu entheben, öffentliches Eigentum zu konfiszieren, bis die Bürger Abbitte leisteten.

Nicht nur wie in diesem Falle verpulverte die Monarchie den amerikanischen Goldschatz, sondern erpresste Handelsgold, das sich in den niederländischen Handelsstädten gleichsam stapelte. Städte wie Antwerpen, Gent waren Warenumschlagplätze. Amsterdam war ein sehr erfolgreicher Stapelplatz für Waren und Schnittpunkt der Handelsströme zwischen Nord- und Südeuropa: „ein Magazin von ganz Europa.“(Driesen,Kleine Geschichte Amsterdams,Verlag F.Pustet, 210) „Nordeuropa glich einem Bienenstock aus produktiven städtischen Zentren (…), die im 14 und 15. Jahrhundert zu wichtigen Umschlagplätzen für Waren aus dem Mittelmeer, Skandinavien, dem Baltikum und Russland sowie den britischen Inseln aufgestiegen waren.“ (Frankopan, Licht aus dem Osten, rororo 2020, S.359) Spanische Erpressung, Korruption, Zölle und Kriege behinderten den Handel, sodass die freiheitlichen reformierten Ideen Calvins und Luthers  in den stark urbanisierten Gegenden der Niederlande auf fruchtbaren Boden fielen, aus der spanisch-katholischen Umklammerung und Fremdherrschaft zu entfliehen. Der Protestantismus schlug feste Wurzeln und förderte Republik und Kapital.

Als 1581 7 Provinzen in Utrecht die Unabhängigkeit von Spanien erklärten und die „Niederländische Republik“ gründeten, begann ein spanisches Handelsembargo gegen die Republik. Ihre Bevölkerung sollte ausgehungert werden.  Zwar traf die erpresserische Maßnahme hauptsächlich die  ländliche Bevölkerung, die daraufhin in die Städte strömte. Dort befanden sich genügend Warenlager, in denen unter anderem große Vorräte an Getreide und Fisch für die Grundernährung der armen Bevölkerung gelagert waren. Die Lebensmittel waren vergleichsweise billig. Allein die Mieten stiegen kräftig an, was einen Boom im Hausbau auslöste. Während zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Amsterdam noch eine mittelgroße Stadt von 29 bis 30 Tausend Einwohnern war, überschritt die Einwohnerzahl 1602 schon die Grenze von 100 000, 80 Jahre später um 1680 zählte Amsterdam vermutlich schon über 200 000 Einwohner und gehörte zu den größten Städten Europas.Das Embargo brach wegen Erfolglosigkeit zusammen, auch weil Spanien in andere kriegerische Auseinandersetzungen gegen Frankreich, gegen die Türken und gegen England verstrickt war.

Entscheidend aber war die Tatsache, dass Amsterdam und die vereinigten niederländischen Provinzen aus der Not eine Tugend gemacht haben. Sie bauten eigene Handelsrouten auf.Als 1590 die spanischen Truppen aus den Niederlanden verschwanden, gründeten Kaufleute 1594 die erste „Compagnie der Ferne“. Ein Jahr später stach die erste Flotte nach Ostindien in See. Bei ihrer Rückkehr zwei Jahre später waren von den ursprünglich 249 Besatzungsmitgliedern nur noch 90 an Bord. Die Expedition war ein totaler Misserfolg.1597 brach eine weitere Flotte nach Ostindien auf. Sie erbrachte einen spektakulären Gewinn von 400%. Daraufhin gründeten sich viele Compagnien. Allein 1601 stachen vier Flotten in See.Da die Konkurrenz die Preise und Profite verdarb und die portugiesische und spanische Konkurrenz in Ostindien erst aus dem Felde geschlagen werden musste, wurde unter dem Vorsitz von Johan van Oldenbarnevelt eine niederländische Monopolgesellschaft gegründet, die berühmt berüchtigte Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC). „Die VOC riss den gesamten Gewürzhandel an sich, schlug Portugiesen und Engländer aus dem Feld und ließ ganze Inselgruppen entvölkern.“(Driesen,38) Der VOC-Generalgouverneur schrieb an die Amsterdamer Direktoren:

„Wir können den Handel nicht treiben, ohne Krieg zu führen, und wir können den Krieg nicht führen, ohne Handel zu treiben.“

Die VOC war nicht nur eine weltweit operierende kapitalistische Monopolhandelsgesellschaft, sondern zugleich eine kriegerische Räuberorganisation zur Sicherung ihrer Handelsrouten und Produktionsstätten. In diesem Rahmen bürgerlichen Wohlstands erblühte die niederländische Malerei, hielt der Protestantismus Einkehr und wurde die Philosophie des Rationalismus eines Descartes und Spinoza erdacht. Auf dieser ökonomischen Grundlage konnte sich die Hochkultur der niederländischen Malerei des 17.Jahrhunderts auch deshalb entwickeln, weil nunmehr nicht nur adeliges Mäzenatentum, sondern Großbürger genügend Geld besaßen, Portraits, bürgerliches und ländliches Leben malerisch darstellen zu lassen.   

Bis zu 60% betrugen zuweilen die Dividenden. Die VOC war die erste Aktiengesellschaft. Die erste Aktie stammt aus dem Jahre 1606. Luxuswaren wurden nach Amsterdam verschifft: Pfeffer, Seidenstoffe, Kupfergeschirr und vieles mehr. Dreimal im Jahr fuhr eine Flotte nach Asien. Im Jahre 1665 baute die VOC ein 177 Meter langes, vier Stockwerke hohes Speicherhaus, das größte Firmengebäude der damaligen Welt. 

Kriege wurden, sprichwörtlich, zu Handelskriegen und hatten einen anderen Grund und Zweck als die Kriege der aristokratischen Herrschaftshäuser. Letzteren ging es um Erweiterung von Territorien und um politische Macht, da Grund und Boden die Quelle ihres Reichtums waren. Der Zweck für die VOC indes bestand darin, nicht nur Handelsstützpunkte für ihren Fernhandel zu errichten, was auch die Königreiche dieser Zeit für ihre Kaufleute taten, nicht nur militärisch die Handelsrouten zu sichern, auch nicht nur die Produktionsstätten in Asien zu beherrschen und dort Mensch und Natur auszubeuten, sondern es galt ein Handelsmonopol zu errichten, um einen höchst möglichen Profit zu erzielen und die Konkurrenz auszuschalten. „Es ging nicht darum, mit anderen europäischen Kaufleuten zu wetteifern wie beispielsweise in Goa, wo portugiesische, venezianische und deutsche Händler Seite an Seite operierten; vielmehr sollte diese verdrängt werden.“ Es ging der VOC um Markteroberung, um extra hohe Profitmaximierung. Nicht mehr Wettbewerb, sondern um Ausschaltung der kapitalistischen Konkurrenz.

Der Superkargo Mynher van Koek/ sitzt rechnend in seiner Kajüte; / Er kalkuliert der Ladung Betrag/ und die probaten Profite

Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut,/dreihundert Säcke und Fässer;/ Ich habe Goldstaub und Elfenbein -/ Die schwarze Ware ist besser

Heinrich Heine

Während das Azteken Gold in (neu)spanischen Münzstätten eingeschmolzen wurde und entweder in den königlichen Schatztruhen verschwand oder für Kriege verwendet und dort kapitalistisch unproduktiv gleichsam verpulvert wurde, investierte das Monopol die gemachten Profite nicht nur in ihre Verteidigung, sondern in die Schifftechnologie,in die Erweiterung der Handelsflotte und den Ausbau ihrer Handelsplätze. Man baute einen neuen Schiffstyp, die „Fleute“, die mit weniger Besatzung auskam und deshalb auch mehr Güter transportieren konnte. Der englische Marinesekretär Samuel Pepys war beim Anblick eines gekaperten VOC-Schiffes geblendet: „Der prächtigste Anblick, den ich jemals in meinem Leben hatte. Pfefferkörner quollen aus allen Ritzen. Man trat auf sie bei jedem Schritt, und Nelken und Muskat gingen mir bis zu den Knien, ganze Laderäume voll. Daneben Seidenstoffe in Ballen und Kisten mit Kupfergeschirr.“(Driessen,38)

Sechshundert Neger tauschte ich ein/Spottwohlfeil am Senegalflusse./Das Fleisch ist hart, die Sehn ist stramm/ Wie Eisen vom besten Gusse.

Ich hab zum Tausche Branntwein,Glasperlen und Stahlzeug gegeben;/Gewinne daran achthundert Prozent,/Bleibt mir die Hälfte am Leben

Heinrich Heine „Das Sklavenschiff“

Neben der Akkumulation von Warenkapital und Geldkapital zapfte die Handelsbourgeoisie in Europa zudem die königlichen Kassen in ganz Europa an. Als Karl V. 1519 zum Kaiser gewählt wurde, musste er sich zuvor gegen seinen Konkurrenten Franz I. von Frankreich bei der Kaiserwahl durchsetzen. Erhebliche Bestechungsgelder von 850 000 Gulden flossen in die Taschen der Kurfürsten. Allein 540 000 Gulden finanzierte die Firma Fugger. Auch die 1523 in See stechende Flotte nach Übersee finanzierte sie. Der kaiserliche Finanzbedarf überstieg bei weitem die Ausgaben für den Flottenbau, Kriegsausrüstung, Soldzahlungen und Hofhaltung, sodass die Schuldenaufnahme rasant anwuchs. Die Schuldenspirale bei einer Finanzierungsrate von ca. 12,5% für kurzfristige Kredite stieg ins Unermessliche. Im Jahre 1530 nahm Karl V. bei den Fuggern und Welsern 1,5 Millionen Golddukaten auf; 16 Jahre später nahm er nochmals 1.5 Millionen Dukaten als Anleihe auf. In den vierunddreißig Jahren seiner Regierung musste er 40 Millionen Dukaten für seine Kriegskosten aufnehmen. 1557 ließ sich der Staatsbankerott nicht mehr abwenden. Schon 1556 trat Karl V. resigniert ab und widmete sich religiösen Studien in klösterlicher Abgeschiedenheit in seinem Landhaus nahe des abgelegenen Klosters von San Jeronimo de Yeste. 

Die großbürgerliche Handelsbourgeoisie untergrub ökonomisch die politische Macht der absoluten Monarchie. Eine neue Verkehrsform der Geld-und Marktwirtschaft löste nach und nach die der traditionellen Agrargesellschaft ab. Nicht nur über den Fernhandel, sondern auch über den Geldkredit generierte die Handelsbourgeoisie einen neuen Dukaten Reichtum. Sie waren nicht nur „Pfeffersäcke“, sondern auch „Dukatenesel“.

Das Labor Amsterdam

Im 17.Jahrhundert wurde Amsterdam zum „Entwicklungslabor des Kapitalismus“.(Driessen) 1609 eröffnete die Stadtregierung im Rathaus die Wisselbank. Zuerst erfüllte sie die Funktion des Geldwechsels, da verschiedene Edelmetallmünzen unterschiedlicher Gewichtung und Legierung in den Kontoren landeten und die umgetauscht werden und auf ihre Echtheit überprüft werden mussten. Anschließend taxierte sie deren Wert und verteilte auf dieser Grundlage das so genannte „Bankgeld“ mit festem Silbergehalt. In gewissem Sinne kann man die Amsterdamer Wechselbank auch als erste Zentralbank bezeichnen. Nach und nach konnten dann die Kaufleute dort Konten eröffnen und Geld einlegen, worauf ihnen die Bank Wechsel ausstellte. Wechsel wurden unter den Kaufleuten als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Wechsel konnte jederzeit wieder in Bargeld umgetauscht werden. Bis zu 200 Tonnen Gold soll in der Wisselbank gelagert worden sein. Der Kauf von Wechselbriefen hatte zwei Vorteile. Das Umwechseln eines Geldbetrages von einer Währung in eine andere entfiel und mit ihm wurde zugleich ein Kredit eingeräumt. Der Wechsel, um es mit Marx zu sagen, ist „die Mutter aller Kredite“. Andererseits war das Wechselgeschäft sehr risikoreich und erforderte einen erhöhten Zins, mit dem sich Kapital akkumulieren ließ. Da die Transport- und Kommunikationswege weit, beschwerlich auf See und zeitaufwendig waren, betrug die Frist bis zur Einlösung eines Wechsels gewöhnlich 20 Tage. Der Wechsel ist Schuldschein, Zahlungsmittel und Kapital zugleich.

Die Bank diente dem Handelskapital als Kapitalsammelstelle. Sie konzentrierte Kapital, vereinheitlichte Geldmünzen und organisierte Finanztransaktionen an der Börse.

Neben der Wechselbank gab es noch einzelne Geldwechsler und Geldverleiher, die oft aus der so genannten „portugiesischen Nation“, aus der Schicht der immigrierten portugiesischen Juden, kamen.

Als sich 1602 sechs Handelskammern zur VOC, einer Aktiengesellschaft, zusammengeschlossen hatten, zeichneten sie mehr als die Hälfte des gesamten Kapitals. Jeder Aktieninhaber konnte sämtliche Teile seiner Anteile gegen Zahlung einer Gebühr auf eine andere Person übertragen, also Aktien verkaufen. Die Bezugsrechte am Gesamtkapital nannte man anfangs „partijen“ oder „paerten“. „Die Verwendung des Wortes actie ist erstmals im Jahre 1606 nachgewiesen.“(H.Kellenbenz, Joseph de la Varga und die Amsterdamer Börse im 17 Jahrhundert, in:Gier und Wahnsinn,Finanzbuch Verlag 2010,S.121)

Wer nahm an der Börse teil?

Es waren wohlhabende Anleger der Patrizier; Gelegenheitsspekulanten, Amsterdamer Kaufleute, die aus Mangel an Geldkapital den Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu vier Fünftel des Wertes von Einzelpersonen liehen; Berufsspekulanten, die entweder mit tatsächlichen Aktien oder einem Ersatzpapier in geringer Stückelung handelten; Personen, die für Darlehen Aktien als Sicherheit hinterlegten; die Bank von Amsterdam, bei der Aktien zahlbar waren, die Aufgelder für Optionskontrakte wurden augenblicklich bei ihr übertragen.Bevor Amsterdamer Kaufleute 1611 ein eigenes Börsengebäude erbauen ließen, fand die Börse unter freiem Himmel statt.

Joseph de la Vega hat im Jahre 1688 in der damals üblichen literarischen Form eines Dialogs zwischen einem Aktionär, einem Philosophen und einem Kaufmann ein Buch über die Vorgänge an der Amsterdamer Börse unter dem Titel „Confusio de Confusiones“ geschrieben, in dem folgende Operationen beschrieben wurden:

  1. Tatsächlicher Aktienkauf gegen Barzahlung
  2. Aktienkäufe, bei denen der Betrag für die Bezahlung der Aktie bis zu 4/5 des Werts von Einzelpersonen geliehen wurde.
  3. Terminkontrakte, d.h. es wurden zukünftige Abrechnungstermine jenseits der Abrechnungstage vereinbart. Sie dienten spekulativen Zwecken und der Absicherung gegen Kursrisiken. Sie waren Derivate. In diese Rubrik fallen auch die ersten Leerverkäufe des Händler Isaac Le Maire, ein bedeutender Teilhaber der VOC. Er investierte etwa 85 000 Gulden. Im Jahre 1609 beschloss er, nachdem seine Schiffe in der Ostsee durch englische Schiffe bedroht wurden und die VOC in diesem Jahre keine Dividende bezahlte, seine Anteile zu verkaufen, und zwar mehr als er besaß. Solche Praktiken nannte man „Windhandel“ – einen Handel mit Aktien, die sich nicht wirklich im Besitz des Verkäufers befanden. Mit dem Edikt vom 27.2.1610 wurden solche Aktivitäten verboten. Trotzdem fanden weitere Leerverkäufe statt. Noch im Jahre 1687 schlug der Amsterdamer Rechtsanwalt Nicollas Muys van Holy vor, durch Besteuerung aller Aktientransaktionen die Spekulation zurückzudrängen. Er war auch der Meinung, dass Juden der „portugiesischen Nation“ häufig an dieser Spekulation beteiligt waren, „vor allem am Handel mit imaginären Einheiten.“(Kellenbenz,122) An der Börse wurden so genannte „Dukaton“ – Aktien gehandelt. Das waren fiktive Aktien. Ihr Zweck bestand darin, den Gewinn und Verlust an einem monatlichen Abrechnungstermin zu berechnen.
  4. Optionshandel. Anschaulich beschreibt la Vega die Praxis der Optionskontrakte: „Der Kurs der Aktie steht jetzt bei 580, und es scheint mir, dass er sehr viel höher steigen wird. Daher wende ich mich an die Personen, die bereit sind, Optionskontrakte einzugehen, und frage sie, wie viel Aufgeld sie für die Verpflichtung verlangen, zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt Aktien zum Preis von 600 bereitzustellen. Ich einige mich mit ihnen auf die Prämie, lasse sofort bei der Bank anweisen und habe die Gewissheit, dass ich unmöglich mehr als die Prämie verlieren kann. Und der gesamte Betrag, um den der Aktienkurs den Wert von 600 übersteigt, wird mein Gewinn sein.“ (143)

Wer waren die Gewinner des Aktienhandels?

  1. Die Aktionäre des Gründungskapitals der VOC. 1602 betrug das Gründungskapital 64 und eine Drittel Tonne Gold.Das Kapital wurde zum Schiffsbau verwendet und sollte den Gewürzhandel aus Ostindien finanzieren. Schon 1614 war das investierte Kapital zurückgezahlt worden. Von nun an warfen die Aktien der Companie nur noch Gewinne ab. Von 1602 bis 1688 beliefen sich die Dividenden auf 1482% des Wertes des Gesellschaftskapitals, das sich verfünffacht hatte. Die Aktionäre des Gründungskapitals waren nicht am Verkauf ihrer Aktien interessiert, sondern an den Erträgen der Kompanie.
  2. Aktienkäufer, die Aktien auf ihren Namen übertragen lassen, sind die weiteren Gewinner. Sie verkaufen dann ihre Aktien, wenn ihre Erwartungen erfüllt worden sind und der Aktienkurs gestiegen ist, oder sie kaufen Aktien gegen Kasse, verkaufen sie aber wieder für eine Warenlieferung zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Preis höher sein wird. Sie geben sich mit den auf die Auszahlung anlaufenden Zinsen zufrieden.
  3. Spekulanten, die ein „Regiment“ Aktien (= etwa 20 Aktien zu 100 000 Dukaten) kaufen. Wenn der Liefertermin naht, dann verkaufen sie entweder die Aktie, wodurch, abhängig vom Kaufpreis, entweder Gewinn oder Verlust entsteht, oder sie verpfänden die Aktie zu 4/5 des Werts oder sie übertragen die Aktie auf ihren Namen und weisen die Bank zur Auszahlung des Kaufpreises an. Wenn der Abrachnungstag näher rückt und die Aktie weder wie im ersten Fall verkauft oder wie im zweiten Fall verpfändet worden ist, muss sie verkauft werden.

An der Amsterdamer Börse wurden nicht nur Aktien, sondern auch Staatsoblikationen und Anleihen gehandelt. Mit der Entwicklung des Kreditwesens durch Wechsel und Aktie wurden „konzentrierte Geldmärkte“ (Marx) geschaffen. Die Akkumulation von Eigentumstiteln nahm entscheidend zu, d.h. „Titel auf Wert, ganz wie die Wertzeichen.“ Marx beschreibt den Zirkulationsprozess des Geldkapitals wie folgt: Das Geldkapital existiert „in einem Punkt als metallisches Geld, an allen andern Punkten existiert es nur in der Form von Anspruch auf Kapital. Die Akkumulation des Anspruchs,.., entspringt aus der wirklichen Akkumulation, d.h. aus der Verwandlung des Werts des Warenkapitals in Geld. Aber dennoch ist Akkumulation dieser Ansprüche oder Titel als solche verschieden, sowohl von der wirklichen Akkumulation, der sie entspringt, als auch von der zukünftigen, welche durch das Ausleihen des Geldes vermittelt wird.“ 

Krieg, Handel, Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen (Mephisto)




In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gründeten europäische Kaufleute in England die >East India Kompanie< (1600), in den Niederlanden die VOC (1602) und später in Frankreich die  >Compagnie des Indes< (1664) als Aktiengesellschaften für den „transozeanischen Handel“ (Sven Beckert), der drei Kontinente – Indien, Afrika und Europa – miteinander verband.


Indische Baumwollstoffe und Gewürze aus Südostasien waren bevorzugte Handelsware, später kam die Ware Mensch hinzu.


Indische Baumwolle und Stoffe wurden in dörflichen Werkstätten von Bauern und Webern hergestellt und von indischen Kaufleuten, den Banias, aufgekauft und an europäische Kaufleute verkauft. Die feinsten Baumwollstoffe wurden entweder in Südostasien gegen Gewürze umgetauscht oder sowohl Gewürze und Stoffe nach Europa geliefert oder weiterverschifft nach Afrika, um damit Sklaven für die Plantagen zu erwerben, die wiederum an Plantagenbesitzer in beiden Teilen Amerikas verkauft wurden. „Baumwolltextilien wurden erstmals Teil eines drei Kontinente umspannenden Handelssystems: Europäische Verbraucher und afrikanische Händler waren gierig nach den hübschen Chintzen, Musselinen und Kattunen oder den einfacheren, aber nützlichen ungefärbten und bedruckten Stoffen, die in indischen Familien und Werkstätten gewonnen und erworben wurden.“ 
Im Detail beschreibt Beckert Herstellung und Handel wie folgt:
Englische Kaufleute vergaben 8 bis 10 Monate vor Ankunft der Handelsschiffe Aufträge an die indischen Händler. Sie beinhalteten Angaben über Mengen, Qualität, Muster, Lieferdaten und Preise. Die indischen Händler verteilten dann Geld an Zwischenhändler, die einzelnen Webern in verschiedenen Dörfern Geld vorstreckten und mit ihnen wiederum Verträge abschlossen. Anfangs schuf dieses System einen Auftrieb der indischen Textilproduktion. Die Weber besaßen ihre eigenen Werkzeuge und behielten auch das Recht, ihre Produkte zu verkaufen, an wen sie wollten. Dieses an den europäische Verlag erinnernde System geriet aber durch die Einmischung der Europäer zunehmend in Bedrängnis. Zuvor bediente das System den indisch-levantinischen Handel. Nun aber konnten europäische Handelsgesellschaften, selbst nach einem Handelsmonopol trachtend, durch die Verfügbarkeit schnellerer und größerer Schiffe und ihrer besseren Waffentechnik die indischen und arabischen Händler aus den interkontinentalen Märkten heraus drängen. Auch die Seerepublik Venedig kam durch ihre geographische Lage bedingt in ihrem levantinischen Handel ins Hintertreffen.


Entlang der indischen Westküste errichteten die europäischen Kaufleute Warenhäuser (Faktoreien) in Städten wie Surat und Dhaka. Sie blieben aber weiterhin von den lokalen Händlern, den Banias, abhängig. Die Expansion in Asien ging Hand in Hand mit der Vorherrschaft der iberischen Königreiche und der Engländern in den beiden Teilen Amerikas. Dort geraubtes Gold und Silber finanzierte den Erwerb von Baumwollstoffen in Indien. Die Baumwollstoffe wiederum wurden in Afrika sehr nachgefragt. Sie waren auch das vorherrschende Tauschmittel, um dort Sklaven zu erwerben, die dann nach Amerika verschifft wurden, um dort auf Plantagen für Tabak, Zuckerrohr oder Reis als Arbeitsmittel „verwendet“ zu werden.
„Zwischen 1772 und 1780 kaufte etwa der britische Kaufmann Richard Miles 2218 Sklaven an der Goldküste, und über 50% des Wertes aller Tauschwaren waren Textilien.“ (Beckert, 49)


„In den drei Jahrhunderten nach 1500 wurden mehr als 8 Millionen Sklaven aus Afrika in die Amerikas transportiert, zunächst hauptsächlich durch spanische, portugiesische Händler, gefolgt von Briten, Franzosen und Niederländern.“ (Bechert, 49)


Diese Organisation globaler Wirtschaftsabläufe durch die Europäer schuf die „Wurzeln des Kapitalismus“ (Beckert) als ein politökonomisches System der Geldanhäufung, der Profitmaximierung.     


Wenn man die politische Struktur betrachtet, so ist es nicht verwunderlich, dass die Stadtrepublik sich zu einer großbürgerlichen Oligarchie entwickelte, in der bestimmte Patrizierfamilien die Geschicke der Stadt lenkten. Wie schon in der Antike saßen in der Regierung nur männliche Bürger, die die Stadtrechte besaßen. Im Laufe des Spätmittelalters schlossen Patrizierfamilien, aus Großkaufleuten bestehend, die Handwerker aus der Mitgliedschaft der Stadtregierung aus. Die Stadtregierung, nicht nur in Amsterdam, auch in anderen niederländischen Städten, bestand aus dem Magistrat und aus einer aus 36 Personen bestehenden Bürgerversammlung, die den Magistrat ernannte, der aus 4 Bürgermeistern bestand. Mehr als zwei Jahre Regierungszeit war untersagt, um die Entstehung einer geschlossenen Oligarchie zu verhindern. Die Bourgeosie besaß einen direkten Zugang zu Regierungsämtern und konnte unmittelbar die Notwendigkeiten des Handelskapitalismus bestimmen.

Der Geist Gottes und des Geldes

Der Handelskrieg um des Profits willen birgt nicht nur eine mephistologische Zerstörungskraft, das was man „Sünde, kurz das Böse nennt“, sondern ist auch „ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar….Ein Teil von jener Kraft, das stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Ein Licht der Aufklärung des menschlichen Geistes; ein Licht der Erkenntnis und einer neuen Moral.Im Zentrum der neuen aufgeklärten Philosophie stehen die Erkenntnistheorie und die praktische Philosophie der Ethik, eines neuen Verhaltens auf Grundlage gesellschaftlicher Vertragsverhältnisse gleichberechtigter Personen, wie sie der Handel zur Voraussetzung hat, in denen das Individuum Priorität hat.  Wer zu diesem Personenkreis gehört, das zeigen die Fakten der Realität. Aber philosophisch allgemein gesprochen: Von Natur aus sind alle Menschen gleich, sie besitzen einen freien Willen, sind selbst Schmied ihres eigenen Glückes, das Menschenrecht gilt allgemein für jedermann, im Besonderen aber eben nicht.  Afrikaner, Indios und andere „Rassen“ treiben keinen Handel um des Geldes willen, besitzen eine andere minderwertige Art der Lebens-und Verkehrsformen, haben eben keine Zivilisation. Die europäische Aufklärung der theoretischen wie praktischen Philosophie hat sich einerseits von der theologischen Philosophie des finsteren Christentums abgewendet und andererseits das Individuum und seine Vernunft ins Zentrum gestellt.

Baruch Spinoza, 1632 in Amsterdam geboren, entstammt einer jüdischen Familie aus der „portugiesischen Nation“.

Erkenntnistheoretisch setzt er sich vor allem mit der Bestimmung des Wahrheitskriteriums auseinander. An dem cartesianischen kritisiert er den Umweg, dass das Wahrheitskriterium >clare et distincte< erst über die Idee eines Gottes eingeführt und vorausgesetzt werde. Dieser Umweg sei aber nicht notwendig, denn es genüge allein die Evidenz, dass das ICH von GOTT Kenntnis habe. Spinoza führt von daher den Grundsatz der objektiven Gültigkeit aller auf Grund distinktiver Begriffe gefällten Urteile als Axiom ein. Mit Hilfe der >geometrischen Methode< definiert er zuerst die Begriffe Denken, Idee, objektive Realität und Substanz.

Denken umfasst das, was „alle Tätigkeiten des Willens, des Verstandes, der Einbildungskraft und der Sinne“ in uns unmittelbar bewusst werden lässt. Unter dem Begriff Idee versteht er die Form irgendeines Gedankens.“Unter objektiver Realität einer Idee verstehe ich das Wesen der durch die Idee vorgestellten Sache, soweit dies Wesen in der Idee ist.“ (Spinoza,Descartes Prinzipien der Philosophie auf geometrische Weise begründet, meiner Verlag, S20f.)

Der aristotelische Begriff Substanz, den Spinoza Geist nennt und dem Denken innewohnt, begreift Spinoza als Ausdehnung und Attribute. Soweit die Substanz Gestalt, Lage und Ortsbewegung enthält, nennt Spinoza sie Körper; soweit die Substanz vollkommen ist und keinen Mangel vorstellbar ist, nennt Spinoza sie Gott. Gott ist also keine „objektive Realität“, die das ICH als Idee vorstellen kann, wie es Descartes meint, sondern Gott ist Substanz allen Daseins: Gott ist das „einfachste Wesen“, ist „unveränderlich“ und „ewig“; die Substanz emaniert und ordnet zugleich die körperliche Welt und ist selbst unkörperlich.

Gott als Herr, diese Vorstellung gehört der theologischen Geschichte agrarischer und feudaler Vorstellung und der Kultur des „wahrhaften Glaubens“ an. Gott als Prinzip oder Idee entpersönlicht zwar, verlangt aber nach einem Gottesbeweis. Gott als Substanz postuliert ein Wesen, das als geistiges allen körperlichen Dingen inhärent ist, deren allgemeine und gemeinsame Bestimmung die der Ausdehnung ist. Unter Substanz versteht Spinoza: „Unter Substanz verstehe ich dasjenige, das in sich ist und durch sich begriffen wird.“ Der Substanzbegriff wird nicht mit Hilfe anderer Begriffe definiert, d.h. er bedeutet etwas, das nicht nur seinem Sinn nach nicht von Anderem abhängt, sondern das auch unabhängig von der Erkenntnis anderer Dinge erkannt werden kann. Korrelativ dazu verwendet er den Begriff Modus als „Affektion der Substanz“, der nur aus einem Anderen, nämlich dem Wesen der Substanz, deren Modus er ist, begriffen werden kann. In diesem Sinne spricht Spinoza von „Attributen“ ; dieser Begriff bezeichnet dasjenige, das der Verstand von der Substanz als deren Wesen konstituierend erkennt.

„Wenn Spinoza Gott als Substanz definiert, die unendlich viele Attribute hat, so liegt offenbar folgende Überlegung zugrunde: Attribute konstituieren das Wesen einer Substanz; ist dieses Wesen, wie bei Gott, unendlich, so muss es durch unendlich viele Attribute konstituiert sein, auch wenn wir nur zwei derselben, nämlich Ausdehnung und Denken, kennen.“(Wolfgang Röd, Geschichte der Philosophie, Beck Verlag,S.193) 

Gott schwebt nicht über der Welt unseres Bewusstseins, sondern ist ihre Substanz, die nicht aus einer Wahrheitsaussage abgeleitet noch eines Beweises bedarf und von der aus andere Aussagen deduziert werden können. „Die Spinozianische Methode ist im Sinne des konsequenten Rationalismus immer Methode der apriorischen Erkenntnis unter der Vernachlässigung der Methode hypothetischer Erklärungen im erfahrungswissenschaftlichen Bereich.“ (Röd,189)

Die Göttlichkeit der Substanz offenbart sich als Geist in den relativen Größenverhältnissen ausgedehnter Objekte, die mathematisch dargestellt werden können. Ausgedehnte Dinge sind endlich, da sie selbst durch andere ausgegrenzte Dinge begrenzt werden. Die Ausdehnung selbst kann nicht durch Anderes ihr Gleichartiges beschränkt werden und ist daher in ihrer Art unendlich.

Eine Metaphysik des vernünftigen Denkens ist „reine Abstraktion“ , wohl auch deshalb, weil das rein absolut Gedachte, wie bei Spinoza, Substanz allen Seins ist, nämlich Gott. Es ist keine verallgemeinernde Abstraktion von endlichen Dingen. Solche Abstraktionen, in Form einer Hypothese etwa, beruhen auf Beobachtung und Messung, die nicht allein durch Vernunft entdeckt werden.

Auch das Geld ist Resultat vernünftigen Denkens, wenn man es nicht nur als Tausch-und Zahlungsmittel, nicht nur als materiellen Träger (ob Münze, Vieh, Muschel oder Papier) betrachtet oder als Geldname im Warenpreis als Zahl begreift, sondern als ein gesetzter, alle Tauschobjekte vergleichender und einschließender quantitativer Wertmesser, an den nicht nur Zeitabstände, sondern auch andere Maßstäbe angelegt werden können. Die Zahlen bezeichnen dann die Wertgröße. Der Wertmesser folgt keinem physischen oder logischen Grenzen wie endliche Dinge. Oder anders gesagt: endliche Dinge werden definiert durch das, was sie nicht sind. Geld und Gott sind nicht „böse“ , weil sie Teil eines Ganzen sind. Negatives existiert nur vom wertenden Standpunkt endlicher Menschen.

In diesem Sinne sind metaphysisch „reine Abstraktionen“ „bloße Einbildung“ (Karl Marx) und Universalien. Solche Universalien kennt nicht nur die Philosophie, die Theologie, sondern auch postulierte Naturrechte, etwa von unveräußerlichen Menschenrechten. Marx hat den Fetischcharakter der Waren und des Geldes darin gesehen, das „die Gleichheit …verschiedener Arbeiten nur in der Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehen (kann), in der Reduktion auf den gemeinsamen Charakter, den sie als abstrakt menschliche Arbeit besitzen.“ (MEW 23,S.88)

Spinozas Wertlehre offenbart eine utilitaristische Konzeption, die aber in ihrer Methodik nicht dem späteren im empirischen Sinne bekannten Utilitarismus entspricht. Röd bezeichnet diesen Utilitarismus als „spekulativ-_ metaphysischen“ im Hinblick darauf, dass „gut“ und „schlecht“ nicht als Bestimmungen realer Dinge aufgefasst werden können, denn diese Ausdrücke bezeichnen vielmehr Modi des Bewusstseins. Werturteile betreffen das Verhältnis zwischen Affektionen bzw. deren Ideen einerseits und dem menschlichen Wirkungsvermögen andererseits. Das Streben nach eigenem Nutzen ist nicht im Sinne eines auf Emotionen gestützten Egoismus zu interpretieren, sondern im Sinne der Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung, deren zentrale Idee die Liebe zu Gott ist, d.h. das menschliche Individuum handelt dann nützlich, wenn es sich als vernünftiges Wesen versteht, das den Einfluss seiner Leidenschaften überwindet. Gut kann dann so definiert werden als „der Vervollkommnung des Verstandes bzw. der Vernunft dienend“ oder als „den Genuss des geistigen Lebens befördernd“ – mit anderen Worten als Glückseligkeit. Da der Mensch nicht selbständig existieren kann, also keine Substanz hat, ist er von der übrigen Natur nicht getrennt, sondern mit ihr in der Einheit der Substanz verbunden. Er hat ein Bewusstsein der Freiheit, indem er annimmt, dass er im Grunde von Gott nicht getrennt ist und daher an der Freiheit Gottes teilhat.    

Gold und Sklave – Grundbausteine auf dem Weg zu einer nationalen Marktwirtschaft

Lesezeit: 15 min

Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“, in der jeder als Parson mit gleichen Rechten ausgestattet und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg.

Italienische Stadtstaaten beherrschten die Handelsrouten  während des 12 bis 15. Jahrhunderts im Mittelmeer. Ihre  Flotten wurden z.T. finanziert durch Feudalstaaten, die  ihrerseits Interesse hegten, ihren politökonomischen  Einflussbereich unter der Flagge Christus über  Konstantinopel bis nach Jerusalem und Ägypten  auszudehnen. Die „Kreuzzüge“ waren ein propagandistischer  Raubzug des europäischen Adels, der letztlich fehlschlug.  

Eine entscheidende politökonomische Wende, die den Anfang  vom Ende der Vorherrschaft italienischer Stadtstaaten im  Mittelmeerraum einläutete, ereignete sich, als es 1415  portugiesischen Kapitänen nicht gelang, den Goldhandel an  der marokkanischen Küste unter ihre Kontrolle zu bringen.  Schon im 14. Jahrhundert ließen sich die Portugiesen  Entdeckungen und Eroberungen im Atlantik und entlang der  Westküste Afrikas durch den Papst legitimieren und „ein  regionales Monopol auf Eroberung, Handel und  Sklavennahme“ zuschreiben.1 Damit umging die  portugiesische Krone die Einflusssphäre der italienischen  Seerepubliken im Mittelmeer. Sixtus IV. bestätigte 1481  den mit Kastilien 1479 im portugiesischen Alcacovas  geschlossenen Vertrag, „der Portugal den maritimen Raum  südlich einer am afrikanischen Kap Bojador zwischen Osten  und Westen verlaufenden Linie vorbehielt.“ (80) Auf  dieser vertraglichen Grundlage gewährte der Papst den  „katholischen Königen“ Spaniens die Expedition Kolumbus,  eine westliche Seeroute nach Ostindien zu finden. Im  Vertrag von Tordesillas von 1494 wurden die  Hoheitsgebiete zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt.  Solange Jäger nicht in gleichen Revieren jagen, entstehen  auch keine Konflikte, die zum Nachteil des Papstums  geraten könnten. 

Allein in der Molukken-Frage kamen sich Spanien und  Portugal kurzfristig ins Gehege. Portugiesen eroberten  1511 die Hafenstadt Malakka, nachdem Vasco da Gama 1498  Indien auf dem Seeweg um das Cap der Guten Hoffnung  erreicht hatte. Zwei Jahre später drang Vasco Numez del  Balboa über den Isthmus von Panama zum Pazifik vor,  sodass die spanische Krone sich nun ebenfalls für die  Gewürzinseln interessierte. Der Konflikt bestand nun  darin, zu welchem Hoheitsgebiet die Inselgruppe der  Molukken gehören sollte. Im Vertrag von Saragossa 1529  verzichtete Karl V. auf den Rechtsanspruch gegen eine  einmalige Zahlung von 350 000 Golddukaten. Daraufhin  blieb das Verhältnis beider Staaten friedlich und die  beiden Menschenjäger und Goldsucher jagten nicht im  gleichen Revier.  

Portugiesen suchten also ihr Glück an der westafrikanischen Küste, um zu den sagenumwobenen  Goldquellen zu gelangen. Im Jahre 1445 erbauten  portugiesische Seeleute unter der Schirmherrschaft ihres  Königs auf der Insel Arguin vor der mauretanischen Küste  einen Handelsplatz für Sklaven und Gold. Als da Game 1499  den Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung  entdeckte, bedeutete das letzlich nicht weniger als das  Ende der Vorherrschaft der italienischen Stadtstaaten,  insbesondere Venedigs. Obwohl das Ende nicht unmittelbar  eintrat, so war der territoriale Staat Portugal aus dem  Schatten der weltpolitischen Bühne an die Bühnenrampe  getreten. In der Tragödie „Suche nach dem Goldschatz“  wird Spanien auf eine ähnliche Art und Weise den brutalen  und gewaltigen Räuber spielen, als der Genuese Kolumbus  einen anderen Weg nach Indien suchte und den Kontinent  Amerika fand. 

Portugal fand indes noch eine andere Ware, die, wie sich  herausstellte, goldwert war: Sklaven. 

„Es besteht kein Zweifel daran, dass Ungarn, die  Deutschen, die Flamen und die Franzosen und alle Völker  jenseits der Berge, die bisher nach Venedig kamen, um mit  ihrem Geld Gewürze zu kaufen, sich jetzt nach Lissabon  wenden werden.“2

Die Gründe liegen auf der Hand: Waren, die auf dem Landweg Venedig erreichen, kosten  Zölle und Abgaben; kriegerische Auseinandersetzungen  erhöhen das Verlustrisiko und der Weg dorthin ist weit. Der Seeweg von der westafrikanischen Küste nach Lissabon  hingegen ist nicht so kostspielig und die Waren Mensch  und Gold gelangten schneller nach Frankreich, Holland und  in die deutschen Lande.„Es waren jedoch weder die hohe  Politik noch päpstliche Gunsterweise oder der königliche  Wettstreit um Territorien, die das Tor zu Westafrika  aufstießen… Der eigentliche Durchbruch stellte sich  ein, als die Kapitäne erkannten, dass es neben dem Handel  mit Öl und Tierhäuten und der Suche nach Gelegenheit zum  Gelderwerb einfache und bessere Optionen gab.“3 Der  Sklavenhandel machte sie reich. 

Der afrikanische Sklavenhandel explodierte im 15.  Jahrhundert, da die Nachfrage nach Arbeitskräften auf  Farmen und Plantagen in Portugal und Spanien sehr hoch  war, ebenso waren die Häuser der Reichen „voll von  Dienern und Dienerinnen.“ (301) Nach der Pest mangelte es  an Arbeitskräften. Die Tradition der Sklavenwirtschaft  für die intensive Feldwirtschaft, insbesondere für den  Zuckeranbau, die die Europäer in den Zeiten der Kreuzüge  von den Muslimen gelernt hatten, war der Aristokratie aus  der Antike bekannt. Wie in allen Agrargesellschaften und  Staaten, so war auch die Sklavenwirtschaft an der  Westküste Afrikas üblich. Gefangene, Verurteilte oder  Schuldner gerieten in die Sklaverei. So berichtet ein  afrikanischer Chronist: „Der König versorgt sich durch  Raubzüge, mit der Folge, dass es in seinem Land wie auch  in den benachbarten Ländern viele Sklaven gibt. Er  beschäftig sie…in der Landwirtschaft… verkauft aber  auch viele an die Mauren … im Tausch gegen Pferde und  andere Waren.“4 Dieser Handel war ein Handel der Form W-W.  Iliffe schreibt, dass staatlich nicht organisierte Völker  der Sklaverei lange widerstanden haben. Eine Neuheit im  Sklavenhandel führten die Portugiesen ein. Sie traten nun  als Zwischenhändler auf. Zwischen 1500 und 1535 kauften  die Akan 10 000 bis 12 000 Sklaven aus dem Norden von den  Portugiesen, „die hauptsächlich als Lastenträger für  andere importierte Waren ins Landesinnere und zum Roden  der Wäder für den Ackerbau“ (175) eingesetzt wurden. Die  Portugiesen waren die ersten „seefahrende Zwischenhändler“,  die sich mit Gold ihren Sklavenhandel bezahlen ließen.  Dieser Tausch hatte die Form W-G-W. Der kongolesische  König Afonso, der sich auch aus ökonomischen Gründen  taufen ließ, beklagte sich beim portugiesischen Kollegen:  „Viele unsere Untertanen sind begierig nach portugiesischen Waren, die dein Volk in unsere Reiche  bringt. Um diesen zügellosen Appetit zu befriedigen,  rauben sie scharenweise unsere freien oder freigelassenen  Untertanen, ja sogar Adlige, Söhne von Adligen und selbst  die Mitglieder unserer eigenen Familie. Sie verkaufen sie  an Weiße.“ (176) Der Kollege aus Portugal erwiderte,  Kongo habe ja nichts anderes zu verkaufen. Der König  Kongos stellte daraufhin den Sklavenhandel ein. Die  Portugiesen gründeten daraufhin einen Handelstützpunkt in  Luande, von dem aus gezielte Eroberungen und  Sklavenraubzüge ausgingen.  

Die Beschaffungskosten für diese neue Art von Ware aus  einem „besondern Saft“, die sich nicht nur gebrauchen  lässt, sondern mit der sich neben einem Mehrprodukt auch  noch einen Mehrwert erzielen ließ, lagen im Ausbau des  Schiffbaus, der Waffen und der Crew, mit der man die  Menschenware an der Atlantikküste erbeuten konnte. Diesen  Beutezug finanzierte die Krone. Sie zog auch aus dem  Sklavenhandel eine Einnahmequelle, denn 20% des aus dem  Sklavenhandel kommenden Gewinns musste an die Krone  abgegeben werden.“Männer, Frauen und Kinder wurden  routinemäßig bei Überfällen zusammengetrieben, die einer  Jagd auf Tieren glich.“ (302) Der Menschenhandel, so  Frankopan, stand im Bunde mit der Krone und Gott. Billige  Beschaffungskosten, hoher Handelsprofit und Mehrwert  garantierte der Sklavenhandel.  

Je weiter Sklavenschiffe unter König Johann III. (1455- 1495) nach Süden vordrangen, desto schwächer verteidigten  sich die Afrikaner. Wie später auch in Südamerika die  Indios empfingen sie ihre Jäger freundlich, neugierig und  zugewandt. Die Sklavenerbeutung wurde einfacher, weil  staatliche Strukturen afrikanischer Völker fehlten.  Zwischen 1450 und 1600, so eine Quelle5, wurden 367 000  Sklaven exportiert. Zwischen 1601-1700 waren es 1868 000,  von 1701-1800 6 133 000 und von 1801-1900 3 330 000. Je  mehr sich ein neuer Warenverteilungsmechanismus, eine  nationale Marktwirtschaft, entwickelte, umso größer wurde  der Import von Sklaven in den europäischen und  amerikanischen Staaten, die vornehmlich als Landarbeiter  und Hauspersonal verwendet wurden.  

Der entscheidende ökonomische Grundbaustein der neuen  Sklaverei lag in der Transformation des Sklaven als  kapitalisierte Ware. Sie waren mehr als nur billige  Arbeitskräfte mit geringen Unterhaltskosten, die ,wie in  der Antike, gekauft und nicht wieder verkauft wurden,  sondern sie wurden auch als Tauschobjekt wieder  weiterverwendet: z.B.europäische Feuerwaffen ( W ) gegen  Sklaven ( W ), um dann profitabel gegen Geld ( G ) wiederum  verkauft zu werden. Sie wurden kapitalisiert. Diese  Kapitalisierung der Ware Mensch unterscheidet sich vom  antiken Sklavenhandel dadurch, dass der Mensch nicht nur  entpersönlicht, sondern auch entmenschlicht, als Vieh  oder Affe angesehen und behandelt wird. In der Antike  konnten Sklaven freigelassen werden, waren zum Teil  hochgeachtet und manchmal sogar Freunde ihrer Herren,  obwohl sie rechtlos waren. Diese neue kapitalisierte  Marktsklaverei war ein Grundbaustein der europäischen  Zivilisation und Industrialisierung. Der Nachteil der  Sklaverei bestand allein darin, wie Adam Smith hervorhob,  dass Sklaven zwar billige Arbeitskräfte, andererseits  aber keine Lohnarbeiter waren und somit aus dem  Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage und der  Marktzirkulation herausfielen. Sklaven sind Eigentum und  haben kein Eigentum. Sklaven sind und waren stets und  überall Grundpfeiler agrarischer Produktionsweise zum  Zwecke der Mehrproduktion einer Fremdherrschaft und nicht  zum Zwecke von Geldwachstum.  

Darin liegt der spezifische Unterschied zur modernen  Sklaverei, die den Menschen nicht nur zur Sache macht,  sondern ihn zu einer neuen Rasse mit besonderen,  niedrigen moralischen, geistigen und physischen  Eigenschaften erklärt.  

Der Rassismus in all seinen Abarten6 ist eine Ideologie,  die der Handelskapitalismus im Verbund mit dem  Christentum aus zweckrationalen Gründen gebar. Im Kern  besteht er darin, Menschen nicht als Menschen zu  bewerten, sondern als eine gesonderte Rasse. Nach dem  Pionier Portugal, nach Frankreich und Holland wird  England im 18.Jahrhundert zu größten Sklavenhalternation  – eine Nation, in der die repräsentative Demokratie ihren  institutionellen Anfang nahm und die rechtsphilosophische  Idee der Menschenrechte geboren wurde. Der philosophische  Universalismus der unbedingten individuellen  Menschenrechte ist nicht nur seit Platon ein von allen  Bedingungen absehender Kniff, sondern auch die Blaupause  für die Einführung des Rassenbegriffs für den Menschen.  

Menschen, die nicht nur nicht so aussehen, wie Weiße,  nicht nur eine andere Kultur haben wie Barbaren, sondern  zudem weder Vernunft besitzen noch Tatkraft besitzen,  müssen einer anderen menschlichen Rasse angehören, die  der Weißen grundsätzlich unterlegen ist. 

1713 erhielt Großbritannien das Privileg, allen  spanischen und amerikanischen Kolonien Sklaven liefern zu  dürfen. „Neuengland war für den Handel mit europäischen  und karibischen Waren der wichtigste Zugang zu den  Kolonien geworden. Die Schiffe, die von den Kolonien aus  starteten – meist von Boston oder Newport, Rhode Island – hatten die Lebensmittel an Bord, die Plantagenbesitzer,  Aufseher und Arbeiter in der britisch beherrschten  Karibik ernährten. Auf dem Rückweg nahmen sie Zucker,  Rum, Sklaven oder Molasse mit…“7 Afrikaner wurden als  Affen angesehen, die man dressieren, kultivieren,  missionieren und schlichtweg billig verwenden könne.Der  Sklavenhandel unterschied sich von dem der Antike nicht  im rechtlichen Sinne, sondern im Bewusstsein, im Sklaven  eine mindere Abart des Menschen zu sehen.  

Der Weg zu einer „nationalen Marktwirtschaft“ mit einer  auf Vertragsbasis beruhenden „bürgerlichen Gesellschaft“,  in der jeder als Person mit gleichen Rechten ausgestattet  und anerkannt wird, also Käufer und Verkäufer ist, war  ein gewaltsamer Weg und keineswegs ein mit den Werten  unveräußerlichen Naturrechten gepflasteter Weg. „Die  Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft, der  Fortschritt hin zu Demokratie, bürgerlichen Freiheiten  und Menschenrechten, lagen keineswegs auf einer  unsichtbaren Kette, die bis zur polis des antiken Athens  zu einem Naturzustand in Europa zurückreichte; sie waren  die Früchte des politischen und wirtschaftlichen Erfolgs  auf fernen Kontinenten.“ (Frankopan, 295) Die Aneignung fremder  Arbeitskraft erfolgt in einer kapitalisierten  Marktwirtschaft über einen rechtspolitisch freiwilligen  Vertrag von Personen, jenen, die über Produktionsmittel  verfügen und selbige ihr Eigentum nennen, und jenen, die  ihre Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit verkaufen oder  vermieten müssen oder wollen und ihre Arbeit als Eigentum  ihrer Person begreifen. Für den zeitbedingten Verkauf  ihrer Arbeitskraft werden sie als Arbeitnehmer entlohnt.  Sie sind im Gegensatz zu Sklaven integraler Teil des  Marktes als geldfähige Konsumenten. Der Käufer von Arbeit  benötigt sie, um aus seinem investierten Kapital Profit  ziehen zu können. Eine Marktwirtschaft wird erst zu einer  nationalen Marktwirtschaft, wenn die Produktion jeglicher  Warengüter allein für den Markt als Verteilungssystem für  Güter hergestellt wird und alle historisch bedingten  gesellschaftlichen Bedürfnisse und nicht nur Luxuswaren  vermarktet werden. 

Nachdem die Neue Welt jenseits der Ozeane mit päpstlicher  Legitimation rechtlich aufgeteilt wurde, standen alle  Entdeckungen, Eroberungen und Beutezüge unter  christlicher Rechtfertigung. „Mit den gesamten Verträgen  und den diese teils sanktionierenden päpstlichen Bullen  verfügte die spanische Krone im christlichen Kontext über  das politische Recht, in ihrem Hoheitsgebiet Entdeckungen  und Eroberungen durchzuführen.“8 

Rechtssouverän äußerer Angelegenheiten dieser Staaten war  der Papst als die Institution Gottes auf Erden. Kriege  benötigen allgemeine Rechtfertigung für ihre Ausführung,  um nicht als Raub, Beutezug oder als Barbarei zu gelten,  die im Interesse einer Minderheit oder Elite liegen. Ein  Kriegsrecht sowie die dazu gehörige Kriegspropaganda sind  notwendig. Ein Krieg muss als gerecht empfunden und  angesehen werden. Man muss unterscheiden zwischen der  guten und schlechten Partei und Kriegsführung. Das  ‚bellum iustum‘ schreibt schon seit der Antike vor, dass  der Krieg von einer bevollmächtigten Person, zu Zeiten  monarchischer Staaten, vom König angeordnet werden muss.  Andere kriegerische Auseinandersetzungen, Bürgerkriege,  Aufstände oder gar Revolutionen, sind nicht nur illegitim  sondern auch ungerecht. Zweitens muss ein gerechter Grund  mit einer gerechten Absicht (intensio recto) vorhanden  sein, die die göttliche oder naturrechtliche Ordnung  herzustellen trachtet. Erbeutung von Gold und Mensch sind  daher frevelhaft und müssen geahndet werden. Das  christliche Recht verbietet demnach Sklavennahme- und  Handel, da alle Menschen Gottes Geschöpfe und vor seinem  Gericht gleich sind. Dominikaner haben deshalb die  Legitimation spanischer Herrschaft in Neuspanien  bezweifelt, weil die Eroberer Indios versklavten. Die  Gesetze von Borgos 1513 sollten verhindern, dass Indios  nicht wie Beutegut verteilt und versklavt werden, sondern  den Spaniern zur „Indoktrinaton“ – zu Missionierung – „anvertraut“ (encomendar) werden. Für diese Güte sollten  sie mit Fronarbeit und Tribut bezahlen. Das  Encomiendarsystem war die ökonomische Basis der  Konquistatoren in Neuspanien. Das Dokument, worauf dieses  System beruhte, das Requerimiento, sollte „die  Konquistatadoren fortan den zu erobernden Indios  vorgetragen werden, bevor sie diese, notfalls gewaltsam  unterjochten. (…) Es sollte die Indios über die  Existenz des christlichen Gottes als einzig wahren Gott  in Kenntnis setzen sowie vor die Option stellen, sich der  christlichen Religion und der spanischen Krone friedlich  zu unterwerfen oder bekriegt oder gewaltsam unterjocht zu  werden. Unterwerfen sich die Indios friedlich, sicherte  ihnen die Krone >Ausnahmen und Privilegien< zu, wie das  Recht auf Eigentum, Landbesitz, eigene politische Führung  und Juriprudenz, wenn sich die Indios hingegen  widersetzten, waren die Spanier berechtigt, sie zu  bekriegen, zu versklaven und zur Tributzahlung zu  zwingen.“ (Huber 47f.) 

Nach dieser Rechtsgrundlage galt Raub als Raub erst  dann, wenn allein um der Beute willen statt um der  Gerechtigkeit willen Gold, Mensch und andere Sachgüter  angeignet werden. Das Ultimantum des Requerimiento  stützte sich auf das von Papst Inozenz IV (1243-54)  postulierte Recht der Mission und auf das Deutoronomium  des Alten Testaments. (Huber, 49) Den Dominikanern war nun  auch genüge getan. Das Requerimiento war ein  althergebrachtes Instrumentarium, das inhaltlich und formal den Ultimaten glich, die islamische Eroberer  erhoben, bevor sie eine Stadt oder ein Gebiet einnahmen. 

Der Beutezug nach Mittelamerika

Nachdem Kolumbus mit seinem Projekt, den Seeweg nach  Indien zu finden, bei der portugiesischen und auch der  englischen Krone kein Gehör fand, suchte er die spanische  Krone mit dem Versprechen dazu zu bewegen, so viel Gold,  Gewürze und zu versklavende oder zu christanisierende  Heiden zu liefern. Papst Alexander VI., aus dem  spanischen Borgia-Geschlecht stammend, sprach Kastilien  das Herrschaftsrecht über die zu entdeckenden Gebiete zu  und beauftragte sie mit der Christianisierung der  Bevölkerung. 

Wie alle auf Kolumbus folgenden Konquistadoren mussten  diese eine Kapitulation unterschreiben. Die „Capitulante“  waren so zu sagen Lizensnehmer. Sie mussten eine  Expedition ausrüsten und ihre Leute anheuern. Die Krone  legitimierte den Raubzug lediglich und stellte Löhne und  Gewinnbeteiligung in Aussicht. Die Expeditionsteilnehmer  mussten zuerst liefern und das Risiko tragen, dann  erhielten sie dafür Leistungen, die aus den gewünschten  Privilegien bestanden: Steuerentlastungen, Ämter-,  Herrschafts- oder Ehrentitel und Gewinnbeteiligung an der  Beute. Kolumbus z.Bsp. steuerte für seine erste  Expedition 250 000 der rund 2 Millionen >maravedis< bei,  die er als Kredit über den Kaufmann Francisco Pinello von  diversen italienischen Finanziers erhielt.9 Mehr als die  Hälfte der Kosten trug die Krone, aber das nur dieses  eine Mal, so zu sagen als Anschubinvestition für alle  weiteren Räubereien, aus denen die Krone jeweils das  „königliche Fünftel“ (Quinto Real) aus Beute,  Bodenschätzen, Prisen und Sklaven zog. Das Quinto Real  diente dazu, „dass die Krone einen Eroberungs- oder  Beutezug sanktionierte und ihn dadurch von einem  illegalen Raubzug unterschied.“10  

Ein weiteres Merkmal der Conquista, so Huber, bestand  darin, Siedlungen zu errichten (auf Hispaniola 1493,  Puerto Rico 15o 8, Jamaika 1509, Kuba 1511). Von diesen  Standorten gingen die Eroberer auf Menschenjagd, um  Sklaven für ihre Plantagenwirtschaft und zur  Goldgewinnung zu bekommen. Erst dann, in einer zweiten  Phase, begannen die Eroberungen. Die Cortez, Pizarros  Balboas u.a. Konquistadoren mussten ihre Leute anwerben,  indem sie Versprechungen machten. Cortes z.B. versprach  jenen, die mit ihm auf Eroberungsjagd von Kuba aus gehen  und die neu entdeckten Gebiete besiedeln wollten, „ihren  Anteil (su parte) Gold, Silber und Reichtümer sowie  Encomiendas von Indios.“11 Die Eroberer hatten kein  Veräußerungsrecht über die Indios, konnten sie also nicht  weiter verkaufen. Die Indios mussten für sie  Arbeitsdienste erledigen und/ oder Tribut zahlen. Darin  bestand der ihnen zustehende Teil der Beute. Anders sah  es für die Anführer der Eroberer aus. Ab 1534 gab es  konkrete Angaben, wie die mobile Beute aus Krieg und  Gefangennahme zwischen den Konquistadoren und der Krone  verteilt werden sollte. Die Beute musste zu Beginn zu  einem Haufen zusammengetragen werden. Besonders  zuverlässige und gottesfürchtige und somit normstrenge  Menschen innerhalb kleinerer Raubeinheiten hatten die  Aufgabe zu überprüfen, wer was und wieviel erbeutet hatte  und danach die Anteile zu verteilen. Ein  Distributionsverfahren, das die Häuptlinge von  Stammesgesellschaften verwendeten und Polanyi dem Typus  der Redistribution zugeordnet hat. Der Verteilungsablauf  funktionierte in der Regel wie folgt: 

  1. Feststellung des Quinto Real;
  2. Begleichung der  Kriegskosten, wobei der Großteil an den Anführer ging, da er die meisten Auslagen finanzierte, Schiffe,Verpflegung,  Waffen und Pferde, wobei es oft vorkam, dass die Eroberer  bei kleineren Beutezügen ihr Raubhandwerkszeug, Waffen  z.B., selbst besorgten. Hinzu kam wahrscheilich auch der  Zins, der für Verschuldung verausgabt werden musste.  Kaufleute hattem „ihrerseits durch Handel, Bergbau und  Plantagenwirtschaft die nötigen Mittel zur Ausstattung  größerer Expeditionen akkumuliert.“ (Huber 126)
  3. Anschließend  wurde der Kronbeamte, der bei an der Expedition teilnahm,  Wächter und andere Leute, die Sonderfunktionen erfüllten,  entlohnt.
  4. Der Rest der Beute, sofern noch vorhanden,  wurde entweder direkt verteilt oder versteigert. In der  Regel wurde „jedem seinem Anteil entsprechend die zum  Beutezug mitgebrachten Waffen, Männern und Tieren  gegeben.“ (Huber 63) 

Die Conquista war eine freiwillige Veranstaltung. Es  waren Räuberhaufen, deren Männer sich für eine bestimmte  Zeit von ihren Landbesitzen in der Karibik entfernten, in  der Hoffnung auf Gold und Sklaven, oder arme Schlucker  aus der Heimat Spanien, die ihr Glück in Übersee zu  machen hofften. Die ‚Compagnia‘, man beachte, dass der  gleiche Begriff wie für die Handelsgesellschaft der  Stadtrepubliken verwendet wurde, wurde durch die (zu  erwartende) Beute zusammengehalten, was auch die Kooperationsbereitschaft der Konquistadoren beförderte.  Die Beuteverteilung schuf die Umstände, unter denen die  Beteiligten entschieden, ob sie weiterzogen, siedelten,  zurück auf ihre Ländereien oder wieder nach Spanien  gingen. Oft bestanden die Beutezüge aus 20 bis 30 Mann,  weil die Indios keine Tribute bezahlen wollten oder  konnten. 

Die Conquista war ein Kreuzzug zu einem neuen „gelobten  Land“ – dem Eldorado der Neuzeit, zu Gold und Geld. 

An ihm nahmen direkt oder indirekt nicht nur Papst,  König, Adel, zumeist ein niedriger, sondern auch  Kaufleute und Finanziers und, wie bei allen Kriegen, das  „Fußvolk“ teil. Ihre Anwerbung geschah nicht über einen  Arbeitsmarkt, sondern über traditionelles Ausrufen der  bevorstehenden Expedition sowie deren mögliche  Bedingungen und Erwartungen. Die Beuteverteilung geschah  nach althergebrachter Sitte, wie es zuvor Häuptlinge von  Stammengesellschaften taten. Ausgelobt wurde z.B. die  Encomienda als ein System der Ökonomie und  

Kostenentschädigung für die Konquistadoren, das in  vielerlei Hinsicht gegen die Politik der Krone verstieß. Auf der einen Seite der Quinto Real, dort Landbesitz,  Sklavenwirtschaft und Tribut Die Verteilung der Raubgüter  war oft nicht von den Kronbeamten zu überprüfen und die  Anführer der Konquistadoren eigneten sich größere Anteile  an. Andererseits gab es auch staatsbildende  Konquistadoren, die die Krone an der Beute adäquat  partizipieren ließen, und solche, die das zu verhindern  suchten. Auf dem Beutezug hatte mindestens ein  Kronbeamter der Kapitulation zufolge mitzumarschieren und  die finanzielle Ansprüche der Krone zu vertreten, ebenso  Buchhalter, Aufseher und jemand, der die Schmelzprozesse  überwachte. V. Huber berichtet von einem Rechenschaftsbericht, der im Auftrag von Cortes erstellt  wurde (280): 32 000 Pesos geschmolzenes Gold und Schmuck  im Wert von ca. 100 100 Dukaten als königlichen Fünften  hätte man dem Schatzmeister Alfonso de Escobar überreicht  und dies in den königlichen Büchern notiert. Der Schatz  sei aber „unglücklicher Weise in den Wirren verloren  gegangen. Schuld trugen selbstredend die feindlich  gesinnten Azteken. 

Zum Zeitpunkt der zweiten Übersendung des Quinto Real  1522 transportierten 3 Karavellen rund 32 000 Pesos und  107 Mark Silber in Form von Barren und Schmuckstücke nach  Spanien. Nur die Santa Maria de la Rabida erreichte den  Hafen von Sevilla. Die beiden anderen Karavellen wurden  vom französischen Piraten Jean Fleury geraubt. Cortes  zollte einerseits Rechenschaft der Krone, andererseits  war diese auf die Kooperationsbereitschaft von Cortes  angewiesen. 

Literaturverweise

1 Vitus Huber, Beute und Conquista, Die politische  Ökonomie der Eroberung Neuspaniens, Historische Studien,  Campus Verlag 2018,S.80

2 Girolamo Priuli,in: Frankopan, S.794/326

3 Frankopan, 300f. 

4 John Iliffe, Gerschichte Afrikas, C.H.Beck 2000, S.173

5 P. E. Loveboy, Transformation in slavery, Cambridge  1983,in: Iliffe,a.a.O. S.177

6 Ibram X. Kendi, Gebrandtmarkt, Die wahre Geschichte ds  Rassismus in Amerika C.H.Beck 2017 

7 Ibram X. Kendi, Gebrandmarkt, Die wahre Geschichte des  Rassismus in Amerika. C.H.Beck 2017, S,82

8 Vitus Huber, a.a.O. 82f.

9 Vitus Huber, Die Konquistadoren, C.H.Beck 2019, S.13 10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

10 Huber, Beute und Conquista,a.a.O. S.68

11 Huber,Beute und Conquista,a.a.O.108