Auf dem Buchumschlag der deutschen Ausgabe von Norbert Wieners Cybernetics ist zu lesen: „Von lebenswichtiger Bedeutung“ sei die Kybernetik für Psychologen, Physiologen, Ingenieure, Soziologen, Philosophen, Mathematiker, Anthropologen, Psychiater und Physiker.
Kybernetik ist eine Metawissenschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der systematischen Einbettung von Physik, Chemie, Biologie und Mathematik in die us-amerikanische Kriegswirtschaft, ihrer wissenschaftlichen Beteiligung an der Waffenentwicklung und deren zivilen Konsequenzen ausging. Aus der Idee einer Einheitswissenschaft, die den Menschen als einen komplexen Funktionsmechanismus auffasst, der sich nicht prinzipiell von Maschinen unterscheide, bildete sich eine technizistische Sichtweise seit den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts als Kombination aus Neurophysiologie, Regelungstechnik, symbolischer Logik, Rechenmaschinen und Kriegswissenschaft heraus.
Wissenschaftshistoriker führen die Gründung der Kybernetik auf die so genannten Macy-Konferenzen zwischen 1946 und 1953 in New York zurück. Als „Steuermannskunst“ (gr. Kybernetik) untersucht diese Forschungsrichtung natürliche und künstliche Systeme in der Soziologie, Ökonomie, Technologie und Politik auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen . Dabei geht man von einer analogen Modellbildung aus, die Rechenmaschine und Gehirn gleichsetzen.
John von Neumann (1903-1957), ein ungarisch-us-amerikanischer Mathematiker der mathematischen Logik, der Quantenmechanik und der Spieltheorie sowie der Hauptprotagonist der Macy-Konferenzen, gilt als der Vater der Kybernetik. Während eines Gesprächs im Jahre 1943 soll gesagt haben: „Nein, nein, du siehst das nicht richtig. Dein visualisierender Verstand kann das nicht richtig sehen. Du musst abstrakt denken. Was passiert, ist, dass der erste Differentialquotient identisch verschwindet und daher das, was sichtbar wird, die Spuren der zweiten Differentialquotienten ist.“ (in: McRae: Von Neumann, S.186) Eine gleiche Ableitung führt v. Neumann mit der Sprache der Mathematik durch. Die traditionelle Mathematik sei auf eine „im Zentralnervensystem verwendete Primärsprache aufbauende Sprache. So sind die äußeren Formen unserer Mathematik vom Standpunkt der Ermittlung der im Zentralnervensystem tatsächlichen oder logischen Sprache nicht absolut relevant.“ (Von Neumann, Rechenmaschine im Gehirn, 1960, S.77) Auf ähnliche Weise leitet Noam Chomsky die äußeren Formen menschlicher Sprachen aus eine „Ursprungsgrammatik“ im menschlichen Gehirn ab.
Erich Hörl und Michael Hagner schreiben in ihren „Überlegungen zur kybernetischen Transformation des Humanen“ (Die Transformation des Humanen, Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2008) , dass das Steuerungs- und Programmierungsversprechen des sozialen Verhaltens, politisch zugespitzt, die 1945 endgültig erloschene „liberale Hypothese“ von den Unterscheidungen wie Geist und Materie, Seele und Körper, Natur und Kultur und Mensch und Maschine abgelöst habe. „Übrig geblieben sei die Idee eines umfassenden Steuerungsgedankens, der sich in unserer Zeit vor allem im neoliberalen Geist fortschreibt.“ (S. 19)
Magaret Mead (1901-1978) , us-amerikanische Anthropologin und eine der Hauptprotagonisten der Macy-Konferenzen, sieht in der Anwendung der Kybernetik die Möglichkeit einer durchgreifenden Umformung der Gesellschaft, die auch eine Höherzüchtung menschlichen Lebens umfassen könne. Die Idee eines umfassend wissenden einzelnen Individuums wird geboren. Die Idee von Libertären, d.h. von extrem freiheitlichen Anarchisten, die „eigentlich“ in keiner Gesellschaft leben wollen und können, erobert die Gehirne der ehemals traditionellen Liberalen. Politisch treten sie als ultra wirtschaftspolitische Kapitalisten und Verehrer von Ayran Rand (1905-1982) auf, einer russisch stämmigen us-amerikanischen Schriftstellerin und Philosophin, die eine Variante des Libertarismus und eines uneingeschränkten Kapitalismus propagierte. Nicht nur manche Häuptlinge der Silicon-Valley-Giganten sondern auch ihre eifrigen Jünger in der Big-Data -Industrie sind heiße Verehrer ihrer Verheißungen. „Ich schwöre bei meinem Leben und bei meiner Liebe zum Leben, dass ich niemals um eines anderen Menschen willen leben, noch von einem anderen verlangen werde, um meinetwillen zu leben.“ (A,Rand,Wer ist Galt? , Gewiss Verlag, HH 1997, Kap.A., S.119) Ihr Buch „Atlas Shrugged“ wird pro Jahr seit der Finanzkrise 2008 in 500 000 Exemplaren verkauft.
Eine von Betreibern „Künstlicher Intelligenz“ oder, besser gesagt, kybernetischer Maschinen in den USA beabsichtigte und angebotene technokratische Anwendung der KI (z.B. Palantir) wird zudem noch mit dem Mythos eines Technologismus verbunden. Die „Transformation des Humanen“ sei angesichts der globalen Krisen, Kriege, des Niedergangs des Liberalismus und seiner globalen Ordnung sowie der Komplexität menschlicher Gesellschaften und ihrer Politiken notwendig geworden. Diese Notwendigkeit entspringe der Evolution und der ihr zugrundeliegenden Überlebenskampfes, sowie der Ideen des Glücks, des Friedens und des Wohlstandes. Der Libertarismus sei angesichts dieser Zustände eine Überlebensfrage. Die Ideologien des Liberalismus und des Neoliberalismus, dass offene Märkte und liberale Demokratien die Freiheit des Individuums garantieren, wird durch einen radikalen Libertarismus und durch die Ordnungsmacht abstrakter apolitischer, asozialer und antidemokratischer Kybernetischer Maschinen ersetzt. Eben durch Robotersysteme. Sowohl der wirtschaftliche als auch der politische Liberalismus scheinen nicht mehr die Krise des globalen Privatkapitalismus bewältigen zu können und auch die extreme Ordnungsmacht des Faschismus hat seine politische Autorität angesichts seiner Vergangenheit verloren. Es muss ein neutraler Avatar diese wissenschaftliche gesteuerte Ordnungs- und Kontrollmacht zum Schutze der einzelnen Individuen übernehmen. Das menschliche Wesen,“ human- being“, müsse seine Identitäten nicht mehr in natürlichen und sozialen Gegebenheiten suchen, sondern im schöpferischen Selbst, und eine andere „Zivilisation“ in einer entmaterialisierten Welt gründen: „No Family, No Nation, No Work“ – das sind die Parolen der Libertären. Als Peter Thiel von einem Journalisten der New Yorker Times gefragt wurde, ob er die Menschheit „abschaffen“ wolle, fing er an zu stottern. Er wolle nur den Antichristen abschaffen. Wusste der Journalist nicht, dass der Mensch immer auch Antichrist ist?
Die Vertreter dieser Idee vom“neuen Menschen“ oder Hybriden neigen der philosophischen Lehre der Noologie zu, die eine selbständige, von materiellen und psychologischen Momenten unabhängige Existenz des Geistes annimmt. Vorläufer dieser Denkweise finden sich in der europäischen Kultur reihenweise.
Im Oktober 1940, als der Endsieg noch so nahe schien, hielt der andere „Vater der Kybernetik“, Hermann Schmidt, vor dem wissenschaftlichen Beirat des Vereins Deutscher Ingenieure in Berlin einen Vortrag zum Thema „Regelungstechnik. Die technische Aufgabe und ihre wirtschaftlichen, sozialpolitischen und kulturpolitischen Auswirkungen.“ Dort sagte er: „Mitten im zukunftsgewissen Erleben des Entstehens des großen Sozialstaates erhält der Techniker in der Forderung der Regelungstechnik also einen sozialpolitischen Auftrag höchster Verantwortung.“ (Hagner/Hörl, S.49) „Mit dem Ingenium der Technik sollten deutscher Geist, Kultur und Bildungsanstalten betriebsbereit gemacht werden für den deutschen Endsieg und die vollständige Herrschaft über Europa.“ (Hagner/Hörl, s.50)
Heute wird von den Big-Data-Eigentümer und Technofeudalisten nicht mehr ein nationaler Geist bemüht und in Anschlag gebracht, sondern ein Geist der „Singularität“. Die Auswirkung der Regelungstechnik, die ein autonomes Funktionieren der Maschine garantiert, beende die Unterwerfung des Menschen unter die Maschine und setze das Subjekt in Freiheit.
Wenn sich dieser Hybride mit seinem Avatar in ständiger Beziehung setzt, so ist dieser Solipsismus (= erkenntnistheoretischer Standpunkt, der nur das eigene Ich mit seinen Bewusstseinsinhalten als das einzig wirkliche zulässt und alle anderen Ichs mit der ganzen Außenwelt nur als dessen Vorstellung annimmt) ein Ausdruck des Wahnsinns. In diesem Zusammenhang ist „Der Doppelgänger“ von Fjodor Dostojewski höchst aktuell.
Die bürgerliche, auf der Freiheit der Rechtsperson beruhende Zivilisation käme zu ihrem Ende. Und übrigens: Was geschieht mit der Rasse Mensch ? Ein Menetekel puren faschistischen Horrors erscheint in meinem Bewusstsein.