André Gorz im Zeitalter der künstlichen Intelligenz
Als André Gorz in „Wissen, Wert und Kapital“ die Transformation des Kapitalismus zur Wissensökonomie analysierte, beschrieb er einen historischen Wandel von weitreichender Bedeutung. Wissen wird zur zentralen Produktivkraft moderner Gesellschaften. Es entsteht gesellschaftlich, kollektiv und kooperativ, wird jedoch durch Patente, Urheberrechte und Monopole in privates Kapital verwandelt. Der Wissenskapitalismus lebt von der Aneignung eines Gemeingutes, das seinem Wesen nach keine Ware ist.
Die Aktualität dieser Analyse wird im Zeitalter der „künstlichen Intelligenz“ offensichtlich. Die großen K-Systeme beruhen auf dem gesamten Wissen der Menschheit: wissenschaftliche Erkenntnisse, kulturelle Traditionen, Bücher, Bilder, Software und die alltägliche Kommunikation von Milliarden Menschen. Dieses Wissen wird gesellschaftliche hervorgebracht, die daraus entstehenden Modelle jedoch befinden sich im Eigentum weniger privater Akteure. Was gemeinschaftlich produziert wird, erscheint als privates Vermögen.
Darin liegt die eigentliche Bedeutung der Kritik von Gorz. Sie betrifft nicht lediglich Fragen des geistigen Eigentums. Sie betrifft die grundlegende Dynamik des modernen Kapitalismus. Denn Kapital war niemals nur ein ökonomisches Verhältnis. Die gesamte Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft kann als Geschichte der Ausdehnung kapitalistischer Verfügungsmacht verstanden werden. Der Staat war dabei nicht der Gegenpol des Kapitals, sondern seine politische Organisationsform.
Der industrielle Kapitalismus braucht den Nationalstaat. Er benötigte staatliche Institutionen, um Arbeitskräfte auszubilden, Eigentumsrechte durchzusetzen, Infrastruktur bereitzustellen, soziale Konflikte zu befrieden und nationale Märkte zu organisieren. Auch der Sozialstaat war nicht bloß Ausdruck humanitärer Vernunft, sondern Teil eines gesellschaftlichen Arrangements, das die Reproduktion der Arbeitskraft und damit die Stabilität des Akkumulationsprozesses gewährleistete.
Gerade hier deutet sich jedoch eine historische Verschiebung an.
Die neuen Eigentümer der Wissensinfrastrukturen unterscheiden sich grundlegend von den klassischen industriellen Eliten. Ihr Reichtum beruht nicht primär auf Fabriken, Industriearbeitern, sondern in der Kontrolle von Wissen- und Informationsströmen.
Damit verändert sich auch das Verhältnis zum Nationalstaat.
Die industrielle Bourgeoisie war auf große Mengen menschlicher Arbeit angewiesen. Die gegenwärtige technologische Entwicklung weist jedoch in eine andere Richtung. Automatisierung, Robotisierung und künstliche Intelligenz reduzieren die Bedeutung menschlicher Arbeit in immer mehr Bereichen. Für große Teile der Bevölkerung schwindet damit nicht nur ihre ökonomische Sicherheit, sondern auch ihre Funktion innerhalb des Produktionsprozesses selbst.
Die gesellschaftlichen Klassen, auf denen der industrielle Kapitalismus beruhte, verlieren ihre ökonomische Notwendigkeit.
Aus dieser Perspektive erscheint die gegenwärtige Entwicklung nicht als bloße Fortsetzung des Kapitalismus, sondern als Übergang zu einer neuen Form von Herrschaft. Die Eigentümer von Wissensmonopolen, Plattformen, KI-Systemen, Satellitennetzen, Rechenzentren und digitalen Komminikationstrukturen benötigen die national organisierte Arbeitsgesellschaft immer weniger. Sie benötigen Ressourcen, Energie, seltene Erden, technologische Infrastruktur und globale Netze. Sie benötigen jedoch nicht mehr im gleichen Maße die Integration der Bevölkerungsmassen in produktive Arbeitsverhältnisse.
Dies verändert den Charakter der politischen Macht.
Der Nationalstaat erscheint nicht mehr als unverzichtbarer Agent kapitalistischer Interessen, sondern zunehmend als Begrenzung. Steuerpflichten, Sozialausgaben, demokratische Kontrolle, Arbeitsrecht und nationale Regulierung treten aus der Perspektive globaler Technologieeliten als Hindernisse in Erscheinung. Die traditionellen Kompromisse des 20. Jahrhunderts verlieren ihren ökonomischen Nutzen.
Daher überrascht es nicht, dass innerhalb bestimmet Kreise des Silicon Valley Vorstellungen entstehen, die von autonomen Sonderzonen über private Städte bis hin zu Formen digital digital organisierter Parallelstaatlichkeit reichen. Hinter solchen Projekten steht eine historische Tendenz: die Ablösung politischer Souveränität vom bürgerlichen Nationalstaat und ihre Überführung in private Machtzentren.
In diesem Zusammenhang erhält die Kontrolle über Wissen eine neue Bedeutung. Sie dient nicht nur der Erzielung von Profiten und Renten. Wer die Wissensinfrastruktur kontrolliert, kontrolliert zugleich die Kommunikationsinfrastruktur, die Aufmerksamskeitökonomie und zunehmend die Infrastruktur der Erkennnisproduktion selbst. Künstliche Intelligenz filtert Informationen, erzeugt Deutung, strukturiert Entscheidungen und beeinflusst gesellschaftliche Wahrnehmung. Die Kontrolle über Wissen wird zur Kontrolle über die Bedingungen gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Die Grenzen zwischen wirtschaftlicher, technologischer und militärischer Macht verschwimmen zunehmend. Datenanalyse, Satellitenkommunikation, autonome Systeme, digitale Überwachen und KI-gestützte Kriegsführung werden immer stärker von privatwirtschaftlichen Akteuren entwickelt und kontrolliert. Die Frage, wem Wissen gehört, wird damit unmittelbar zur Frage, wer über die technischen Voraussetzungen politischer und militärischer Macht verfügt.
Die eigentliche Pointe von Gorz liegt daher vielleicht tiefer, als es auf den ersten Blick erscheint. Seine Analyse zeigt nicht nur die Privatisierung des Wissens. Sie verweist auf einen historischen Prozess, in dem die wichtigeste gesellschaftliche Ressource aller Menschen zum Eigentum weniger wird. Wenn Wissen die entscheidende Produktivkraft der Gegenwart ist, dann bedeutet seine Privatisierung zwangsläufig die Konzentration aller daraus resultierenden Machtformen. In dieser Perspektive erscheint die Gegenwart nicht nur als Krise des Sozialstaates oder als Krise der bürgerlichen Demokratie. Sie erscheint als Krise der historischen Rolle des Nationalstaates selbst. Was sich abzeichnet, ist die Möglichkeit einer Ordnung, in der die Eigentümer der Wissensinrafstrukturen nicht länger auf den Staat als Vermittler ihrer Interessen angewiesen sind, sondern selbst zu Trägern ökonomischer, politischer und technologischer Souveränität werden.
Die Analyse von Gorz erweist sich damit als Ausgangspunkt einer weitreichenden Frage: Was geschieht, wenn gesellschaftlich erzeugtes Wissen der Menschheit in den Besitz einer Klasse übergeht, die weder auf die Arbeitskraft der Mehrheit noch auf die politischen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft angewiesen ist?
Genau darin könnte die eigentliche Konfliktlinie des 21. Jahrhunderts liegen.