Apokalyptische Vorahnungen wabern durchs Land. Eine Endzeitstimmung herrsche. „Künstliche Intelligenz“ (KI) sei entstanden, habe sich verselbständigt, habe sich zu einem Selbstbewusstsein entwickelt; menschliche Arbeit werde durch die KI ersetzt. Die KI sei effizienter, wissender, klüger, sicherer und produktiver. Übertreffe die Leistungen des menschlichen Gehirns. Der endliche Mensch stehe einer neuen „Wesensentität“ gegenüber.
Dieses Monster des Wissens schreibe auch eine andere Geschichte der Freiheit und sei eine „Singularität“. Diese Geschichte lautet: Die KI habe die alte Ökonomie der Marktwirtschaft überflüssig gemacht und ebenso eine Politik des liberalen Staates. Die Ideologie des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus stehe vor ihrem Ende.
Peter Thiel hat in dieser Stimmung des Zeitgeistes einen Dialog ins Leben gerufen und zu dieser Runde prominente Politiker, Wissenschaftler aus den Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften, Medienvertreter aus aller Welt eingeladen. Auf der Tagesordnung sollen etwa Themen nationaler Sicherheit, Ethik, Bewusstseinsforschung, Genetik, Sexualität etc. und selbstredend Themen zur KI stehen. Das Thema der „Transhumanität“ spielt ebenso für Thiel eine entscheidende Rolle. Im Besonderen der natürliche Tod. Der Mensch müsse von den Widernissen des Körpers entkoppelt werden. Eine „Entmaterialisierung“ menschlicher Kommunikation und digitale Automation habe schon eine „mathematisierte virtuelle Realität“ geschaffen, die der irrenden Realitätswahrnehmung der Menschen weit überlegen sei. Die „Geschichte“ richte sich sowohl gegen materialistische als auch gegen liberale Vorstellungen, gegen jedweden Vergesellschaftungsgedanken, gegen jeden Kollektivismus oder Sozialismus. Die Geschichte der „neuen Freiheit“ richte sich deswegen auch gegen den Liberalismus, der von unveräußerlichen Menschenrechten des Individuums, von ausgleichender Gerechtigkeit, gar von Mitgefühl (sympathy, Adam Smith), Chancengleichheit und von Demokratie einer „Wertgemeinschaft“ spricht und diese Versprechen nicht einhalten könne.
Für den Libertären und Transhumanisten Thiel erfüllt die erzählerische Verpackung des Mythos vom Antichristen sowohl einen propagandistischen als auch einen ideologischen Zweck. Im Gegensatz zur philosophisch-wissenschaftlicher Argumentation setzt der Mythos einen emotionalen und religiösen Rahmen von Gut und Böse, der von übernatürlichen Kräften und Wesen handelt. Der Antichrist ist das Böse, das Teuflische der Täuschung, das sich in verschiedenen Kostümen und personifizierten Erscheinungen verbirgt und das Gute, das scheinbar Gute, dekadent unterwandert. Der Mythos kann aus verschiedenen Perspektiven und Inhalten, was das Böse ist, erzählt werden aufgrund seiner dualen und konträren Struktur. Goethes Mephisto hat es auf den Punkt gebracht:
„Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft.“
Die Dialektik des Handelns wird im Mythos des Antichristen je nach politischer und ideologischer Position dessen, von wem die Geschichte erzählt wird, anders gedeutet. Der Co-Autor des Buches (Peter Thiel, Grenzgänger Verlag, 2026) T.Hübsch sieht Thiel aus der Sicht des Gläubigen selbst als „Antichristen“, der vorgibt Gutes zu tun, aber das Böse erschaffen will. Wie in der Dramen Figur Doktor Faust schlagen in Thiel zwei Seelen in der Brust:
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust/ Die eine will sich von der anderen trennen; Die eine hält in der Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen/ Die anderen hebt gewaltsam sich vom Dust, zu den Gefilden hoher Ahnen.“ (Goethe, Faust I)
Aus dem Blick der Katholischen Kirche , die Peter Thiel zu einem Vortrag in Rom eingeladen hat, ist Thiel der Antichrist. „Die Zeitung der italienischen Bischofskonferenz nannte Thiel das Herz der Finsternis der digitalen Welt und warf ihm vor, eine KI gestützte Autokratie anzustreben.“ (Hübsch, S.277) Die Kirche warf ihm auch vor, den Niedergang der liberalen Demokratie zu beschleunigen, um die Macht einer technokratischen Elite zu sichern.
Diesem Urteil ist meinerseits nichts hinzuzufügen.
In der Adaption der „Nietzsche Version“ vom Antichristen erscheint der Antichrist als ein Gott der „décadence“. Als „Herr-Gott“, der die „Erhaltungskräfte des starken Lebens“ (Nietzsche) zerstöre. Sowohl Nietzsche als auch Thiel wollen einen neuen Typus züchten.
Nicht was den Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle (-der Mensch ist ein Ende-) , sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen sie, als den höhenwertigen, lebenswürdigeren und zukunftsgewissen. Dieser hochwertige Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt…Aus Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Herdentier, das Haustier, das kranke Tier Mensch.“ (Nietzsche, Der Antichrist,Kröner Verlag Leipzig, S.116)
Peter Thiel möchte eine neue Reihenfolge der Wesen. Als Transhumanist spricht er von einem „Maschinen-Mensch der Künstlichen Intelligenz“, der kein Ende habe, Gott gleich sei.
Das ideologische Programm des „Libertarismus“ als extremes Freiheitsversprechen verkündet auch Zarathustra, der Einzigartige. Ein Freiheitsdiktum der Singularität, die jeglichen Dualismus aufhebt, ein Diktum, das der Liberalismus nicht erfüllen kann. Der so genannte Wirtschaftsliberalismus ist an der „Herr-Knecht“ Dualität von Kapital und Lohnarbeit gebunden, der politische Liberalismus an dem Gedanken universaler Freiheitsrechte des Individuums und seiner Menschenrechte. Der Liberalismus ist ein universalistisches Gedankengehäuse europäischer Aufklärung, das die individuelle Freiheit postuliert, die seine menschliche Würde ausmache (Kant).
Das „Herdentier“, der „kranke Mensch“, der seinen materiellen Bedürfnissen unterworfen ist, kann das Freiheitspostulat niemals einlösen. Es brauche , so Thiel, eine „Transformation“, um den technologischen und evolutionären Fortschritt nicht zu stören, will die Menschheit selbst nicht zugrunde gehen. Die in Maschinen verkörperte Mathematik habe eine virtuelle Realität mit Gewissheit errichtet, die der gesellschaftlichen Lebensform der Menschen und ihrer biologischen Zweckmäßigkeit ein Ende setzte. Eine „Endzeit“ sei angebrochen. Böse Kräfte menschlicher Natur treten zu einer Entscheidungsschlacht Armageddon gegen die Freiheit des Geistes an. Die KI habe schon neue Formen der Ökonomie erschaffen, die weder Lohnarbeit oder Marktwettbewerb erfordern; die Automation habe das gesamte Leben des Menschen schon umgestaltet. Ideologisch behindere der traditionelle Liberalismus diese technische Entwicklung von „O-1“.
Meiner Auffassung nach, ist der so genannte Transhumanismus eine extreme Form des Rassismus, der Machtkonzentration in wenigen Händen von Kapitalmagnaten und High-Tec-Unternehmern. Er dient der Propaganda einer zwangsläufigen Entwicklung.
Der Begriff KI symbolisiert die Vorstellung einer neuen Wesens Entität einer evolutionären Zwangsläufigkeit. Er verschleiert, dass KI ein Produkt der Kooperation menschlicher Arbeit ist, dass sie zu ihrer Existenz Materie benötigt und selbst einen Körper hat und Energie braucht. Der Begriff verschleiert auch, dass sie in privaten Händen eine ungeheure Aneignung gesellschaftlicher und fremder Arbeitskraft ist, die in manipulierter Form ein Herrschaftssystem und Monopol errichtet, zum Zwecke eigener Verwertung von Kapitalinteressen. Nun sind es nicht mehr „Der christliche Gott“(der ist tot) oder „Die Märkte“ (der Wettbewerb ist tot), sondern „Die Künstliche Intelligenz“, die das Gute auf die Erde bringt. (Eine US-KI spricht mit dem menschlichen Gegenüber in der ersten Person Singular: „ICH“ und bewertet und beurteilt aus „neutraler Faktenposition“)
Peter Thiel bezeichnet sich selbst als Antidemokrat, Libertärer, als Endzeitaktivist und Transhumanist. Seine Kumpane befinden sich in der US-Regierung und im Silicon Valley.
Sprach der Faschismus noch von einer „hochwertigen nordischen Rasse“ (Nietzsche, Spengler u.a.), so Thiel von der „Transhumanität“.
Welche Funktion kommt dem Narrativ des Herrn Thiel zu, wenn alle
Knappheit überwunden ist, Wettbewerb und Märkte verschwinden und KI jede
technische Verbesserung schneller erzeugt als Menschen â welchen Zweck
hat dann noch Innovation?
Dann verändert sich die Funktion von Innovation tatsächlich. Sie dient
nicht mehr dem Wettbewerbsvorteil. Wenn er nicht Mehrheiten hinter sich
versammeln will, und insoweit keine klassische Ideologie zu vertreten
scheint, die immer auf Zustimmung der Mehrheit von Gesellschaften
angewiesen ist.
âKI erscheint als selbständige historische Notwendigkeit, obwohl sie das
Produkt menschlicher Arbeit, von Kapitalinvestitionen und politischen
Entscheidungen ist.â hast du richtigerweise geschrieben. In diesem Sinne
übernimmt âKIâ tatsächlich eine ähnliche Funktion wie früher:
âGott will es.â
âDie Geschichte verlangt es.â
âDer Markt verlangt es.â
âDie KI macht es notwendig.â
Alle vier Formeln können benutzt werden, um politische Entscheidungen
als alternativlos erscheinen zu lassen.
Wenn Wettbewerb, Markt und Demokratie ihre Legitimation verlieren,
braucht die neue Elite eine andere Rechtfertigung ihrer Macht.
Die Erzählung lautet dann:
Nicht wir herrschen.
Nicht unsere Unternehmen entscheiden.
Sondern die Evolution selbst, die technische Entwicklung selbst, die
KI selbst.Vielleicht dinet diese Form der Verschleierung der
Vorsorge gegen Maschinenstürmern
LikeLike
Vielen Dank für den erhellenden Kommentar! Ich werde darauf hin, von einem ökonomischen Aspekt ausgehend, in meinem nächsten Blog Artikel näher eingehen..
LikeLike